Texterl zum Tage

 

Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.
 Franz Kafka

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

Wem’s hier gefällt…




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Sommerrätsel 2017: Die Farbe von Freges Feder

Diesmal gibts 3 Exemplare von „Kleine Philosophie der Mathematik“ zu gewinnen

Seit Anbeginn der abendländischen Philosophiegeschichte waren und sind viele große Denker von dem Dreiklang aus Logik – Mathematik – Philosophie fasziniert, von Platon und Aristoteles über Descartes, Leibniz und Spinoza bis zu dem kürzlich verstorbenen Bernulf Kanitscheider (Autor des hier zu gewinnenden Buchs).  Einen Höhepunkt erreichte die Diskussion über das Verhältnis der drei Disziplinen zueinander, nachdem Gottlob Frege gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine auf Logik gegründete formale Sprache und darauf aufbauend das neue mathematikphilosophische Programm des Logizismus entwickelt hatte. Doch schon bald wies der englische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell auf einen Widerspruch innerhalb des neuen Systems hin (die sogenannte Russellsche Antinomie) und Frege sah sein Lebenswerk gescheitert, zog sich resigniert von der Logik zurück und verfiel nach dem Tod seiner Frau Margarete im Jahr 1904 schließlich in eine tiefe Depression.

Gottlob Frege

Gottlob Frege

Eines Tages, es war vermutlich im Jahr vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, beschloss Russell, den von ihm sehr geschätzten Frege (mit dem er bisher nur in Briefverkehr gestanden hatte) in seinem deutschen Alterswohnsitz bei Bad Kleinen zu besuchen, um ihn aufzumuntern und ihm für seine großartige Lebensleistung (die ja eine Grundlage für seine eigenen Werke war) zu danken. Mit auf die Reise nahm Russel seinen Freund und Lehrer Alfred North Whitehead, mit dem zusammen er das Großwerk Principia Mathematica verfasst hatte, und den jungen Ludwig Wittgenstein, der seit zwei Jahren bei Russell in Cambridge studierte und ebenfalls ein großer Frege-Fan war.
Da dieser Besuch rein privater Natur war, ist er in den offiziellen Biographien der berühmten Denker nirgends erwähnt, so dass die folgende Geschichte auf den Tagebuchnotizen eines Dienstmädchens beruht, das an jenem Abend in Freges Haus für die Bewirtung mit Speis und Trank zuständig war.

Nun sind uns nicht alle Details vom Verlauf dieses Abends bekannt, weil das Dienstmädchen ja zwischen Küche, Keller und Salon unterwegs war, aber nach ihren Aufzeichnungen sollen es diskussionsfreudige und vergnügte Stunden gewesen sein. Die drei Besucher versicherten Frege ihren Dank für die Inspiration, die seine Arbeiten auf ihre eigenen hatte, und wahrscheinlich war es Russell, der bei dieser Gelegenheit Frege erstmals als Vordenker der Analytischen Philosophie rühmte. Das tat dem alten Herrn anscheinend richtig gut, denn wie wir wissen, konnte Frege seine Lebenskrise in seinen letzten Jahren zumindest teilweise überwinden und er begann wieder zu publizieren.

Wahrscheinlich hatte dazu auch ein kleines Gesellschaftspiel beigetragen, das sich Russell vorher ausgedacht hatte, um Freges Selbstvertrauen in seine logischen Fähigkeiten wieder zu stärken. Und das ging so:

Russell holte aus seiner Tasche drei weiße und zwei schwarze Adlerfedern, die er den anderen zeigte, bevor er sie bat, kurz die Augen zu schließen. Dann steckte er jedem der drei eine weiße Feder hinters rechte Ohr, um die Angelegenheit recht schwierig zu machen. Als die drei ihre Augen wieder öffneten, konnten sie ihre eigene Feder nicht sehen, wohl aber die der beiden anderen. Nun fragte Russell zunächst Wittgenstein, ob er die Farbe seiner eigenen Feder bestimmen könne. Nachdem der verneint hatte, wandte sich Russell an Whitehead mit derselben Frage. Auch der entgegnete, dass er nicht wisse, welche Farbe die Feder hinter seinem eigenen Ohr habe.  Als Frege nach seiner Farbe gefragt wurde, überlegte der einen Moment, und antwortete dann: „Weiß!“

Die Frage an euch: Mit welchen logischen Überlegungen konnte Frege auf die richtige Antwort kommen?

Bernulf KanitscheiderZugegeben, nicht ganz einfach diesmal (eine erschwerte Variante der „Logik des Schweigens„), aber das Gewinnbuch, in dem natürlich auch alle vier hier mitwirkenden Protagonisten vorkommen (ohne das Dienstmädchen), sollte euch etwas Hirnschmalz wert sein.
Wer also glaubt, die logische Vorgehensweise von Frege kurz zusammenfassen zu können, kann uns die Lösung wieder zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir drei Exemplare von Bernulf Kanitscheiders „Kleine Philosophie der Mathematik“, die uns freundlicherweise der Hirzel Verlag Stuttgart zur Verfügung gestellt hat. Das Buch wurde ja kürzlich hier schon besprochen.

Einsendeschluss ist Montag, der 18. September 2017.

wf

Kleine Philosophie der Mathematik

Der Naturphilosoph Bernulf Kanitscheider lotet die Kontaktzone von Philosophie und Mathematik aus

Seit die Menschen Mathematik betreiben, wird auch die Frage diskutiert, ob es sich bei ihr nur um einen Werkzeugkasten mit Instrumenten für technologische, statistische und konstruktivistische Anwendungen handle, also um einen Artefakt des menschlichen Verstandes, oder ob mathematischen Objekten und Verfahrensweisen eine eigenständige ontologische Realität zukomme. Unter den Mathe-Realisten wiederum finden sich einerseits die „Platoniker“, für die alle mathematischen Gegenstände und Sätze losgelöst von der materiellen Welt (ante rem) und unabhängig von Raum und Zeit existieren (zusammen mit anderen Ideen wie dem „Guten“, dem „Schönen“ oder dem „Göttlichen“), andererseits die „Aristoteliker“, die mathematische Realien als der empirischen Welt zugehörige, den Dingen immanente Eigenschaften ansehen (in rebus). Bei beiden Formen des Mathe-Realismus wird die Mathematik also nicht erfunden, sondern entdeckt.

Das ist, vereinfacht ausgedrückt, das Spannungsfeld, in dem Bernulf Kanitscheider sein komplexes Panoptikum mathematischer Theoreme, Ideen und Irrungen in seinem neuen Buch „Kleine Philosophie der Mathematik“ entfaltet. Sein Ziel sei dabei, so der Autor im Vorwort, die „unvermeidliche Verschränkung“ der beiden großen Gedankenkomplexe der Mathematik und der Philosophie deutlich zu machen.

Bernulf Kanitscheider

Bernulf Kanitscheider

Im ersten Buchkapitel „Mathematik, Bildung und die zwei Kulturen“ kritisiert er die traditionellen Barrieren zwischen mathematisch-naturwissenschaftlicher und literarischer Kultur und zeigt etliche transdisziplinäre Verbindungen auf. Durch die zunehmende Digitalisierung und Algorithmisierung besitze „die mathematische Beschreibung der Welt keine obere Schranke mehr“ und somit sei die „Mathematik ein konstituiver Bestandteil aller Beschreibungsebenen der Realität“.
Wer als Leser*in jetzt geneigt ist, ob dieser Conclusio mit leichter Skepsis zu reagieren, darf sich auf deren Herleitung bei der Originallektüre freuen. Dort hört er vielleicht zum ersten Mal von Wojciech Zureks „Quantendarwinismus“ und der „universellen Reichweite des Informationsbegriffs“. Vertauter dürften da schon die genealogischen Anmerkungen zur Entwicklung der modernen formalen Logik durch Frege und Russell sein, oder etwa zur Widerspruchsfreiheit als regulativer Idee in der wissenschaftlichen Kultur (inclusive Kurt Gödels Einwänden im intuitionistischen Aussagekalkül).

Das zweite Teil des Buches untersucht „Die Eigenheit mathematischer Rationalität“, und das gründlich. Vom mythischen Anfang bei den Pythagoreern und der vorsokratischen Kosmologie zu den eingangs schon skizzierten Realismus-Positionen von Platon und Aristoteles. Von schwierigen Dichotomien, Klasseneinteilungen, intuitiven Voraussetzungen, Berechenbarkeit und Hyperberechenbarkeit, von reellen Zahlen, dynamischen Systemen und absoluter Unentscheidbarkeit. Kanitscheider zeigt dabei mehrmals, dass es weder in der Mathematik noch in einer anderen Wissenschaft absolute Sicherheit geben kann, sehr wohl allerdings systemimmanente Notwendigkeiten. Und belegt dies auch mit etlichen ‚Zeugenaussagen‘ aus der Mathe-Geschichte, etwa wenn er Albert Einstein zur Unterscheidung der reinen und der angewandten Geometrie zu Wort kommen lässt: „Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit.“

Für Leser*innen ohne abgeschlosssenes Mathe-Studium dürfte es kein Leichtes sein, dem Autor in allen Detailfragen zu folgen, speziell bei der Untersuchung der methodologischen Probleme der Mathematik und deren Lösungsversuchen. Sicher schon von vielen mal gehört, aber nur von wenigen verstanden sein dürften da auch Spezialitäten wie die Church-Turing-These, Gödels Unvollständigkeitstheoreme, Cantors Kontinuum-Hypothese oder die Riemannsche Geometrie mit ihrer bedeutsamen Anwendung in Einsteins Gravitationstheorie. Kanitscheider ist sich der hohen Lektüre-Anforderungen bewusst und versucht Hilfestellung zu geben durch zahlreiche erklärende Fußnoten, und immer wieder auch mit anschaulichen Beispielen und Anekdoten für Auflockerung zu sorgen.

Nach diesen ‚Vorbereitungen‘ durch die ersten beiden Buchkapitel beschäftigt sich der dritte Teil „Objekte oder Phantome?“ mit erkenntnistheoretischen Fragen zur mathematischen Existenz. Die Rolle der Logik in der Mathematik wird ebenso diskutiert wie die des Intuitionismus und der induktiven Beweisführung. Bei der „Zähmung des Unendlichen“ wagt J.L. Brouwers Skeptizismus ein Tänzchen mit Kants transzendentaler Dialektik.
In den „Parallelen von Mathematik und Physik“ lernen wir unter anderem das Unvermeidlichkeitsarument von Quine und Putnam kennen („Mathematische Entitäten sind ein unverzichtbarer Teil unserer besten Theorien. Deshalb sollten wir diesen abstrakten Größen einen Realitätsstatus zuordnen.„), und bei der Untersuchung zur „Funktion der Mathematik in der analytischen Philosophie“ werden wir nochmal daran erinnert, dass „die Verbindung von Philosophie und moderner Logik um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert den wohl größten Umbruch in der Geschichte dieser Wissenschaft mit sich gebracht hat.“ – auch Wittgenstein und Carnap schaun hier also mal vorbei.

In den letzten Abschnitten des Buchs zeigt Kanitscheider, dass etliche Disziplinen sich nicht in die Dichotomie von Geistes- und Naturwissenschaften einordnen lassen. Logik, Semantik und Methodologie, ebenso die Formal- und Strukturwissenschaften, lägen „windschief“ zu dieser Einteilung. Er sieht viele Indizien für den „alles umfassenden Charakter der Mathematik“ in den Theorien der Selbstorganisation, der Thermodynamik, der Volkswirtschaften und der Gesellschaftsorganisation, der Wettersysteme und der Synergetik mit ihren Anwendungen von der Quantenoptik bis zur Dynamik des Gehirns.
Der Informatik gesteht er eine „gebietsübergreifende Bedeutung“ zu, stellt aber auch die Frage in den Raum, ob die zunehmende Mathematisierung zur Bedrohung, ja zum Albtraum werden kann und rät zur Wachsamkeit gegenüber hochpotenten Rechnern, „vor allem weil man nicht vorhersehen kann, wie verdeckt diese kommende Generation von künstlichen Gehirnen operieren wird“. Eine Vorstufe dieser Entwicklung zeige sich bereits heute im Überwachungspotential der Digitalisierung, die dadurch sogar eine politisch-normative Dimension erreiche.

Wenn Kanitscheider am Ende eine Forderung nach der „Mathematik als Leitkultur der Wissenschaft“ erhebt, muss man diese Ambition vielleicht nicht ganz für bare Münze nehmen – dahinter scheint mir hauptsächlich sein bildungs- und gesellschaftspolitischer Anspruch auf die Durchsetzung eines rational-realistischen Weltbildes zu stehen, quasi das Mathematikverständnis als Bildungsprogramm für den logisch-naturalistisch orientierten Selbstdenker, denn er glaubt: „Wir leben in einer Welt, in der Freidenker mehr und mehr von Verkündern dogmatischer Heilsbotschaften bedrängt werden; solange wir noch den Handlungsspielraum des Argumentierens besitzen, sollten wir davon Gebrauch machen und unsere säkulären Freiheitsgrade verteidigen.“

Schließlich schränkt Kanitscheider zum Schluss seinen Befund vom „alles umfassenden Charakter der Mathematik“ in einem Pythogaräischem Sinn selbst wieder ein, denn nur ein kleiner Teil der Realität sei formal faßbar, auch wenn die heutige mathematisch gefasste Naturwissenschaft mit einem immanenten Zahlenrealismus gut vereinbar sei. Jedoch existierten „weite Bereiche der Wissenschaft noch in einem qualitativen, deskriptiven Zustand, aber niemand vermag zu sagen, wohin uns die spekulative Vernunft der mathematischen Theoretiker tragen wird.“

So, nun könnt ihr, liebe Leser*innen, euch auch denken, welcher der drei eingangs unterschiedenen Fraktionen von Mathe-Philosophen sich Kanitscheider selbst zurechnet. Und es kann euch, wie schon erwähnt, bei der Lektüre passieren, dass ihr nicht alle fachlichen Ausführungen versteht – dazu reicht ein Mathe-Abitur nicht, nicht einmal mein bairisches ;-)

Aber es lohnt sich, denn in toto gibts Gedankenfutter satt, auch für Geisteswissenschaftler. Eine kleine Entschuldigung für alle Nicht-Versteher liefert der immer mal zu feiner Ironie aufgelegte Kanitscheider gleich mit: „Wenn man die in der Gesellschaft weitverbreitete Abneigung gegen formales Denken einrechnet, wird man nicht umhinkommen, eine genetische Disposition in der Abstraktionsfähigkeit anzunehmen. Jedenfalls bietet eine Begabungskomponente die Erklärung dafür, dass die Faszination des klaren und folgerichtigen Denkens so schwer vermittelbar ist.“

wf


 Bernulf Kanitscheider

Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur

In seinen >Cahiers< nimmt uns der intellektuelle Abenteurer Paul Valéry mit in sein Denklaboratorium einer lebensphilosophischen Selbsttherapie

Nicht selten kommt es vor, dass eine zufällig aufgeschnappte Bemerkung, ein irgendwo gelesener Satz mir spontan Lust darauf macht, aus dem eigenen Bücherregal wieder mal etwas herauszuziehen, das als Verwandtes oder als exemplarisch dafür erinnert wird. Nun stöberte ich an diesem Schlechtwetter-Ostern in der aktuellen Ausgabe des Literaturmagazins poet nr. 22, in dem auch einige Gespräche mit darin vertretenen Autor*innen über ihre Beschäftigung mit philosophischen Themen und deren Einfluss auf ihr Schreiben festgehalten sind. Darunter auch Rüdiger Safranski, der sein Interview mit der pointierten Bemerkung schloss: „Wo es richtig spannend wird, gehen Philosophie und Literatur ineinander über.“ (Das IV könnt ihr komplett hier im Poetenladen lesen.)

Dass die Vegetationszonen der Philosophie und der Literatur oftmals ineinander übergehen und Zwitterpflänzchen gedeihen lassen, die Merkmale beider Welt-Zugangsweisen in sich vereinen, ist allerdings keine ganz neue Beobachtung und hat sich nicht erst im anything goes der ‚Postmoderne‘ entwickelt. Wir sehen das schon bei Platon, Montaigne (der ja das Genre des literarisch-philosophischen Essays begründet hat), bei Lichtenberg, Nietzsche, Robert Musil, Thomas Mann, Camus, Sartre, Umberto Eco, Adorno und vielen anderen Autoren, – und eben bei Paul Valéry (1871-1945), auf den Safranskis Bonmot zutrifft wie sonst vielleicht nur auf Ludwig Hohl, der sich in seinen „Notizen“ übrigens vielfach auf Valéry bezieht.
(Wer sich für die akademische Diskussion zum Verhältnis Literatur – Philosophie interessiert, dem sei zum Einstieg die Kontroverse zwischen Christoph Demmerling und Richard Rorty in dem Sammelband „Hinter den Spiegeln“ empfohlen.)

Paul Valéry CahiersAn jenem Ostermontag also griff ich mir, während draußen wieder windwirbeliges Schneetreiben einsetzte, nach der poet-Lektüre den Valéry aus meinem direkt neben dem Schreibtisch stehenden Drogenregal, wo jener Vorrat steht, der gut für den spontanen Kick taugt, als schnell wirksame Spritze Fremd-Esprit zur Düngung des eigenen. Es war das Büchlein „Ich grase meine Gehirnwiese ab“, eine neu aufgelegte Auswahl aus Valérys insgesamt 263 Cahiers (»Denkhefte«), die Thomas Stölzel vergangenes Jahr, auf rund 300 Seiten komprimiert, also auf einen Bruchteil des Ausgangsmaterials, bei Fischer Klassik herausgegeben hat.

In seinen Cahiers notierte Valéry allmorgendlich ab fünf Uhr bei starkem Kaffee und Zigaretten gut fünfzig Jahre lang alles, was ihm denk-würdig erschien: Reflexionen über eigene Bewusstseinprozesse, die Liebe und das ‚Ich‘, Überlegungen zu Kybernetik, Semiotik, Psycholinguistik, zum „Radikalen Kostruktivismus“ und den damals gerade entstehenden Kognitions- und Neurowissenschaften. Es wuchs nach und nach ein ungeheures Konvolut an Aphorismen, Prosaminiaturen, Traumsequenzen und auch Zeichnungen heran, ständigen Veränderungen und Verbesserungen zur sprachlichen Präzision unterworfen.

Aus heutiger Sicht mag er sich dabei in wissenschaftlichen Fragen so manches Mal als „Dilettant“ (eben als „Liebhaber“) geoutet haben, doch ging es ihm in erster Linie um ein Ausloten der Möglichkeiten eines subjektiven Welt-Zugangs, um die Untersuchung seiner eigenen Grundfragen zur condition humaine. Dazu unterteilte er sein Denklaboratorium in ursprünglich 30 Rubriken, die Thomas Stölzel in seinem „best of“ auf 10 zusammengefasst hat und deren Betitelung das Spektrum und die Auswahl von Valérys Reflexionsfeldern gut verdeutlichen: Die Wissenschaft vom Menschen – Blicke auf die eigene Person – Ich, Selbst und Individualität – Sprachliches, Allzusprachliches – Nachdenken über das Denken – Leibliches Denken – Wahrnehmen und Aufmerksamkeit – Selbstsorge – Skepsis – Was kann ein Mensch?

Valérys morgendliche Exerzitien sind Versuche, dem erkenntnistheoretischen Imperativ von Delphi zu folgen Erkenne dich selbst“,  doch der Haken daran ist „Ich bin nicht immer meiner Meinung.“ Und er bleibt bei all seinen Denkbewegungen verlässlich selbst-skeptisch, weil er das Paradoxon sieht: „Ein Geist, der fähig wäre, die Kompliziertheit seines Gehirns zu begreifen, wäre also komplexer als das, was ihn zu dem macht, was er ist.“ Aber lohnend sind ihm diese Reisen doch: „Denken zu können heißt, dem Zufall die Schätze entreißen zu können, die er in uns eingekapselt hat.“

Der rationale Weltzugang allein durch die Philosophie aber ist für ihn ohnehin unbefriedigend, denn „Jedes philosophische System, in dem der Körper des Menschen nicht eine grundlegende Rolle spielt, ist dumm und unbrauchbar. Die Erkenntnis hat den Körper des Menschen zur Grenze.“ und weiter „Der Mensch ist ein System von Begierden, das durch ein System von Ängsten temperiert wird.“ Das dürfte Valéry selbst mehr als einmal empfunden haben, da er sich neben seiner Ehe auf eine ganze Reihe von erotischen Liebesbeziehungen einließ.

Während Paul Valéry zu Lebzeiten in unserem Nachbarland Frankreich als Dichterfürst (von Rilke auch ins Deutsche übertragen) und als scharfsiniger Essayist gefeiert wurde sowie als Präsident der Académie française erheblichen Einfluss auf die Literaturszene hatte (nicht zuletzt durch einen eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Poetik am Collège de France), blieben die Cahiers bis nach seinem Tod unter Verschluss – erst zwischen 1957 und 1961 erschien in Paris eine komplette Faksimile-Ausgabe, die rund 27.000 Seiten umfasst. Die ist auf Deutsch momentan nur als teure E-Book-Edition verfügbar (99,99 €), die sich kaum jemand leisten wird. Umso verdienstvoller diese vorliegende „Einsteiger“-Taschenbuchausgabe von Thomas Stölzel, der mit seiner Textauswahl die vielseitige intellektuelle Topologie und die oft überraschenden Einsichten dieses literarisch-philosophischen Hommes de Cahiers als Denkfutter par excellance serviert.

Nun mag es bei einem Selbstdenker wie Valéry nicht wirklich angemessen scheinen, ihn in allzu großer Nähe zu etwaigen Geistesverwandten zu platzieren, aber ein paar Assoziationen seien gestattet:  Valérys Denken über das Denken & Fühlen hat manchmal was von der Lebensphilosophie Henri Bergsons, schleudert Blitze aus einer Alltags-Heuristik wie Lichtenberg in seinen Sudelbüchern, umspielt Begriffsdeutungen in einer pragmatisch orientierten Sprachphilosophie à la Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen und trifft sich in seiner radikalen Schreibgenauigkeit mit dem Geist seines nachgeborenen ‚Bruders‘ Ludwig Hohl.
Und Thomas Stölzel resumiert in seinem ausführlichen, sehr informativem und gut lesbar geschriebenem Nachwort: „In seinen Cahiers vollzieht Valéry auf seine Weise ein altes epochenübergreigendes Anliegen der Philosophie nach, genauer des Philosophierens: die Selbstsorge in ihrer intellektuellen Form.“

 

Paul Valéry. Ich grase meine Gehirnwiese ab
FISCHER Taschenbuch; 368 Seiten; 12,99 €
ISBN-13: 978-3596906024

wf

Und Gott würfelt (vielleicht) doch

Florian Aigner untersucht in „Der Zufall, das Universum und du“ das Glücksspiel des Lebens

Glaubt von euch noch jemand an den Laplaceschen Dämon? Dass alles Geschehen in diesem Universum logisch erklärbar, deterministisch und kausal miteinander vernetzt ist? Quasi eine letztgültige mathematische Formel, mit der wir durch das nach-und-nach-Erkennen aller Unbekannten ein eindeutiges Ergebnis heraus bekämen? Etwa Gott = 42?

Florian Aigner - Der Zufall, das Universum und duDer Physiker und Wissenschaftsjournalist Florian Aigner kennt sich schon von Berufs wegen ganz gut aus mit so Sachen wie Chaostheorie, Entropie und der ’spooky‘ Quantenwelt, mit dem „Schmetterlingseffekt“, Paralleluniversen und „Schrödingers Katze“; und weil er sich gern über sein eigenes fachliches Gebiet hinauswagt und sich neugierig in den Gärten der Evolutionsbiologen, Mediziner, Philosophen  und Psychologen herumtreibt, kann er über Gerechtigkeitstheorie und abergläubische Tauben, über Regentänze, Lottospieler und die Roulette-Prognosemaschine, über die Lotterie der Gene, den Placeboeffekt, Telekinese, Orakelkraken, Magie und unsere allzumenschlichen Ängste kenntnisreich erzählen und damit seine „Wissenschaft vom Glück“ (so der Untertitel des Buchs) unterfüttern.
Halt! Wer jetzt vermutet, hier nochmal einen der abertausend unterkomplexen Glücksratgeber kredenzt zu bekommen, liegt falsch. Zwar bedient Aigner die buchhändlerisch ziemlich erfolgreiche Sparte der ‚Populärwissenschaft‘, doch bei aller humorvollen Leichtschreibe und Verständlichkeit bewegt er sich in den verschiedenen Disziplinen auf wissenschaftlich abgestecktem Terrain. Dort findet er zahlreiche Beispiele dafür, dass Zufälle die Welt und das Leben jedes Einzelnen zumindest mitregieren und keineswegs nur vorläufige Ausreden für das kontingente Geschehen hinter dem Schleier unserer Unwissenheit sind.
Denn, wie Aigner in seinem Blog zum Buch schreibt: „Chaostheorie und Quantenphysik haben den damaligen Optimismus über die Vorherberechenbarkeit der Welt deutlich gebremst. Heute verstehen wir viel besser, was sich berechnen lässt, und was für uns Menschen selbst bei allergrößter Sorgfalt und Messgenauigkeit bloß Zufall bleiben muss. Doch noch interessanter als die Frage, ob der Zufall in den Grundgesetzen der Natur fest verankert sein kann, ist die Frage, was der Zufall für uns bedeutet. Ist die Evolution zufällig? Ist es Zufall, dass unser Planet intelligente Wesen hervorgebracht hat? Wie kommt es, dass wir Menschen so oft Zusammenhänge vermuten, wo in Wirklichkeit bloß der Zufall regiert? In welchen Situationen gehen wir mit dem Zufall falsch um und worauf sollten wir achten, um solche Fehler zu vermeiden?“

Und so führt er die Leser durch sein Panoptikum der Zufallsereignisse in dreizehn thematisch geordneten Kapiteln, deren Betitelung schon ganz gut eine Zusammenfassung des Buchinhalts ergibt: Da zeigt er zunächst in „Der Zufall ist nicht unserer Stärke“ das evolutionär angepasste menschliche Gehirn als Sinn- und Muster-Suchmaschine, rekurriert in „Die Welt als Uhrwerk“ auf die Gültigkeit der Naturgesetze, zeigt die Grenzen der Berechenbarkeit der Welt in „Der Schmetterling kann nichts dafür“, betrachtet Zeit und Entropie in „Am Ende gewinnt die Unordnung“, bestaunt die Welt der kleinsten Teilchen in „Quanten, die wie Hühnchen schmecken“ und landet nach einigen weiteren Kapiteln schließlich bei „Erfolg ist Glückssache“ und „Der Zufall ist unser Freund“, wo er über das unerhörte Glück unserer Existenz, die ausbalancierten Naturgesetze und das anthropische Prinzip philosophiert: „Ohne Zufall gäbe es uns nicht, und ohne uns gäbe es keinen Zufall.“

Quasi nebenbei erledigt Aigner mit wissenschaftlichen Argumenten allerlei esoterischen Unsinn, die „Psi“-Gläubigkeit, die Homöopathie, den Kreationismus und so Sachen. Sehr löblich ist auch, dass er am Ende ein umfangreiches Literaturverzeichnis zu den einzelnen Kapiteln/ Fachgebieten angibt. Nicht nur als Quellennachweis, sondern auch zur weiteren Vertiefung der jeweiligen Thematik bei fachlich interessierten Leser*innen.

Ob es nun aber einen Gott gibt und ob der – im Gegensatz zu Einsteins Meinung – sich vielleicht beim Würfelspiel mit dem Spaghettimonster in der letzten Spelunke des Universums vergnügt, kann der Wissenschaftler Florian Aigner natürlich nicht beantworten. Aber weil sein Buch für alle Welt-Neugierigen (ab ca. 14 Jahren geeignet) ein anregendes intellektuelles Abenteuer und gleichzeitig niveauvolle Unterhaltung bietet, habe ich es gern in meine kleine Leihbibliothek für meine (meist jugendlichen) Coachees aufgenommen und werd es kreisen lassen…

Florian Aigner. Der Zufall, das Universum und du
Brandstätter Verlag ( 2017), 192 Seiten
ISBN-13: 978-3710600746

(wf)

 

Die Lösung des Revolver-Rätsels

hohe luft

…und die Gewinner*innen der 3 Jahresabos des PhiloMags HOHE LUFT

Mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung tun sich nicht nur manche Schüler im Mathe-Unterricht schwer, auch im real life verlassen sich viele Menschen lieber auf ihr Bauchgefühl, wenn sie Prognosen über möglicherweise eintretende Ereignisse abgeben sollen (was manche auch gern und häufig tun). Oft kann man […]

Winterabend

 

schneeflocken tänzeln

herab vom mond und hinauf

die wege sind still

 

: von fern bellt ein hund –

die eule im ast plustert

wohlig die federn

 

wf

Neujahrs-Logikrätsel 2017: Russisch Roulette beim Philo-Talk

hohe luft

Diesmal könnt ihr 3 Jahresabos des Philosophiemagazins HOHE LUFT gewinnen

Viele von euch haben wohl schon einmal die Duo-Talkrunde „Precht“ von und mit dem namensgebenden Publizisten Richard David Precht gesehen, welche als Ablösung für „Das Philosophische Quartett“ gedacht war. Dabei sollten sich deren Themen an aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft orientieren oder nach […]

Buchtipps unserer LeserInnen: Existenzialismus und isländischer Humor

Schön, dass schon ein paar LeserInnen auf unsere kleine Anfrage nach „Buchempfehlungen für unter’n Baum“ reagiert und uns ein paar Zeilen zu ihren Favoriten zugeschickt haben. Die ersten beiden Tipps kommen von SzuSza Nagy und Björn Eriksson (den ihr ja schon als Gastautor kennt). Gern könnt ihr uns in den nächsten beiden Wochen […]

Eure Buchempfehlungen für unter’n Baum

Habt ihr dieses Jahr das eine oder andere gute Buch gelesen, das ihr gern weiterempfehlen möchtet? Auch oder gerade wer’s mit dem Weihnachts-Konsumismus nicht so hat, sucht ja vielleicht was Geistreiches für unter’n Baum seiner Freunde und Lieben und lässt sich bei der Auswahl eventuell von interessanten Buchtipps inspirieren. Also ran an die […]

Mit Nietzsche gegen die Bücherflut

Friedrich Nietzsche

„Man sollte einen Schriftsteller als einen Missetäter ansehen, der nur in den seltensten Fällen Freisprechung oder Begnadigung verdient: das wäre ein Mittel gegen das Überhandnehmen der Bücher.“ So ein Drakonisches Gesetz gegen Schriftsteller schwebte Friedrich Nietzsche vor angesichts der seinerzeit stark ansteigenden Bücherflut, obwohl die damalige Buchproduktion nur bei ungefähr 15% der heutigen (Un)Menge lag. […]

Wem tut der Literaturnobelpreis für Bob Dylan gut?

Bob Dylan 1984

Der Mann reagiert scheinbar gar nicht auf die wohl höchste Auszeichnung (zumindest in Sachen Preisgeld), die einem Lyriker zuteil werden kann. Keine Antwort auf Emails und Telefonate von der Jury, und deshalb titelte die SZ heut morgen besorgt: „Bob Dylan, bitte melde dich!“ Mitgekriegt wird der Songwriter seine Belobigung wohl haben, denn ich […]

Wie Popper den richtigen Lichtschalter fand

Auflösung und Gewinner_innen unseres Sommerferien-Preisrätsels 2016

Anfangs war’s etwas zäh, aber gegen Ende trudelte dann doch noch ein Schwung richtiger Lösungen zum diesjährigen Sommerferienrätsel ein; vielleicht haben ja manche ihre Synapsenfunktionen erst da wieder auf die Anforderungen des neuen Schuljahres justiert. Jedenfalls konnte unsere Losfee aus dem 26er-Packerl wieder drei Gewinner_innen ziehen, zunächst aber mal […]