Philosophische Schnipsel

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Kritische Reflexionen & Essays zu Kultur, Medien und Gegenwartsphilosophie

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Ernst Tugendhat, der Streiter wider philosophischen Pseudotiefsinn, ist 80 geworden

Die Zeiten, in denen idealistische Denker noch mit raunendem Tiefsinn endgültige Antworten auf die Fragen nach übergeordnetem Sinn und verbindlicher Wahrheit zu geben versuchten, sind in der Gegenwartsphilosophie längst passé, auch wenn man das an manchen kontinentaleuropäischen Fakultäten offenbar nicht gern zur Kenntnis nehmen will.  Mit dem “Linguistic Turn” setzte sich in den meisten Geisteswissenschaften die logische Analyse von Sätzen, Begriffen und Worten in ihren jeweiligen Bedeutungs- und Verständniszusammenhängen durch und veränderte dadurch auch die Sichtweisen auf die Denk- und Handlungsursachen, auf die Natur des vernunftfähigen Tieres “Mensch”, dessen Rationalität mit allen Absichten, Reflexionen, Zweifeln und Überzeugungen nicht nur in der Sprachfähigkeit entsteht, sondern auch durch diese vermittelt wird. Nach den sprachphilosophischen Anfängen mit Frege, Russell, Wittgenstein & Co. entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich in der anglo-amerikanischen Philo-Szene eine Hinwendung zum sprachlichen Pragmatismus, dem es um die Analyse von Verstehbarkeit des ‘natürlichen Sprechens’ als situationsbedingte Aussagen in kontextabhängigen Regeln und Strukturen geht, um die jeweilige Sinnhaftigkeit innerhalb unterschiedlicher Codes (und damit auch um deren aufklärerischen und politischen Gehalt).

ernst tugendhatEiner der ersten deutschen Philosophen, der diese postmetaphysische „Denkungsart“ seinem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Engagement zu Grunde legte, war Ernst Tugendhat, der diese Woche seinen 80. Geburtstag feierte. Nach seinem Studium in den USA propagierte er mit seinen “Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie” ab 1976 die angelsächsisch-analytische Schule in Deutschland und wurde schließlich als Professor an der Freien Universität Berlin und später an der Uni Tübingen ihr streitbarster Hauptvertreter.

Als ‘Bruder im Geiste’ des von mir sehr geschätzten Richard Rorty war Tugendhat überzeugt, dass “das menschliche Verstehen sich nur in Reflexion auf fundamentale sprachliche Strukturen erhellen lässt” und dass sich Fragen nach Moral und Ethik an einer praktischen Philosophie ausrichten müssten: “Moral betrifft vielmehr menschliches Wollen.” Der damit verbundene moralische Anspruch, dass “jeder Mensch jeden anderen Menschen gleichermaßen achten müsse”,  machte aus ihm einen Vordenker und engagierten Mitstreiter der Friedensbewegung, in der er sich unter anderem gegen den NATO-Nachrüstungsbeschluss und gegen den Golfkrieg einsetzte. Zudem war er viele Jahre Schirmherr der “Gesellschaft für bedrohte Völker“.

Bis ins hohe Alter hat sich Tugendhat seine Spottlust und Scharfzüngigkeit gegenüber manchen traditionshubernden Kollegen, aber auch gegenüber naturwissenschaftlich-modernistischen Wahrheitsansprüchen erhalten. So antwortet er auf die Schlussfrage in einem lesenswerten taz-Interview über Todesangst, Heidegger, Antisemitismus und haltlose Spekulationen in der Hirnforschung auf die Frage, ob es denn überhaupt gesichertes philosophisches Wissen gäbe:
“Nein. Man braucht es aber auch nicht. Der Wunsch, auf gesichertem Boden zu stehen, ist das Überbleibsel eines autoritären Bewusstseins. Es ist ein Relikt jener Zeiten, als man glaubte, von den Göttern alles Wesentliche durch Offenbarung zu erhalten.”


Weitere empfehlenswerte Beiträge zu Ernst Tugendhats 80. Geburtstag:

Bücher von Ernst Tugendhat

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“Agora” - Die Ermordung der Philosophin Hypatia als grosses Kino

Der Regisseur Alejandro Amenábar setzt in seinem preisgekrönten Film „Agora - Die Säulen des Himmels“ nicht nur der von fanatisierten Christen ermordeten antiken Philosophin Hypatia ein Denkmal, sondern schafft damit auch eine Studie über religiösen Fundamentalismus und frühe Emanzipation.

Die historisch belegte Geschichte, die der Film in opulenten Bildern nachzeichnet, spielt im spätantiken ägyptischen Alexandria, das seinerzeit mit dem Museion von Alexandria und der berühmten Bibliothek  die ‘Welthauptstadt’ der Künste und Wissenschaften war; eine weltoffene Stadt und Schmelztiegel mit Platz und Toleranz für viele Völker und noch mehr Götter - ein freidenkerisches Zentrum der aufgeklärt-hellenistischen Geisteswelt. An der Großen Bibliothek wurde über das gesamte Wissen der Zeit gelehrt, auch anhand philosophischer Schriften aus China und Indien.

Diese Wissenschafts- und Religionsfreiheit wurde mit dem Verbot aller nichtchristlichen Kulte unter Theodosius I. jäh beendet; in dem sogenannten Dreikaiseredikt  aus dem Jahre 380 wurde sogar angeordnet, alle ‘heidnischen’ Tempel im Römischen Reich zu zerstören. Auch in Alexandria wurde aus vielen Christen, die jahrhundertelang von der religiösen Toleranz der Stadt profitiert hatten, innerhalb weniger Jahre radikale Glaubenskrieger, die das aufklärerisch wirkende hellenistische Bildungsgut als heidnisch, ketzerisch und als ein Werk des Teufels ablehnten. 

Diesem christlichen Fundamentalismus fiel auch die Mathematikerin und Philosophin  Hypatia von Alexandria (370-415) zum Opfer, die als vielleicht klügste Frau der Antike zu jener Zeit an der Bibliothek lehrte und über die der spätantike Kirchenhistoriker Sokrates Scholastikos (380-450) in seiner Kirchengeschichte schreibt:

rachel weisz als hypatia„Es gab in Alexandria eine Frau mit Namen Hypatia, Tochter des Philosophen Theon, die in Literatur und Wissenschaft so erfolgreich war, dass sie alle Philosophen ihrer Zeit übertraf. Zugelassen zur Schule Platons und Plotins hielt sie Vorlesungen über die Grundlagen der Philosophie. Viele Hörer kamen von weither, um von ihr unterrichtet zu werden. Dank ihres souveränen Auftretens und ihrer eleganten Erscheinung, die sie sich als Folge ihrer Geisteskultur angeeignet hatte, erschien sie häufig in der Öffentlichkeit in Gegenwart hoher Staatsbeamter. Sie scheute sich auch nicht, in öffentliche Versammlungen von Männern zu gehen. Alle Männer bewunderten sie dafür auf Grund ihrer außerordentlichen Würde und Tugend um so mehr“.

Der Neuzeit ist Hypatia vor allem auf Grund ihrer grausamen Ermordung im Jahr 415 durch fanatisierte Christen in Erinnerung geblieben. Die Einzelheiten und Hintergründe der Tat wurden zwar nie ganz geklärt, aber als Zeitzeuge vermutet Sokrates Scholastikos im Anschluss an den oben zitierten Absatz:

„Aber sogar sie fiel dem politischen Neid zum Opfer, der zu jener Zeit herrschte. Denn da sie häufig mit Orestes [röm. Präfekt Alexandrias - Anm. d. Red.] Gespräche führte, wurde unter der christlichen Bevölkerung verleumderisch verbreitet, dass sie es sei, die Orestes daran hindere, sich wieder mit dem Bischof (d. h. mit Kyrill von Alexandria) zu versöhnen. Daher lauerten ihr einige, die von einem wilden und scheinheiligen Ehrgeiz getrieben wurden, deren Anführer ein Vorleser namens Petros war, auf ihrem Heimweg auf, zogen sie aus ihrer Kutsche, brachten sie in die Kirche namens Kaisarion, wo sie sie nackt auszogen und sie dann mit Ziegelsteinen erschlugen. Nachdem sie ihren Körper in Stücke gerissen hatten, brachten sie ihre verstümmelten Glieder zu einem Ort namens Kinaron und verbrannten sie dort. Diese Sache brachte eine nicht geringe Schmach, nicht nur über Kyrill, sondern über die ganze Alexandrinische Kirche. Und mit Sicherheit kann nichts weiter vom Geiste des Christentums entfernt sein, als derartige Massaker, Gewalttaten und Misshandlungen zuzulassen!”

Nun hat der junge chilenisch-spanische Regie-Star und Oscar-Preisträger Alejandro Amenábar diesen Zeitenwandel und das tragische Schicksal der Hypatia in gewaltigen Bildern als Kinoepos inszeniert.

Für die Hauptdarstellerin Rachel Weisz ist der Film eine Studie über religiösen Fundamentalismus, gleich welcher Art: “Der Film zeigt, wie Fundamentalismus sich gegen die Wissenschaft richtet, und dass sich Fanatiker durch Fortschritt bedroht fühlen – bis heute. Insofern kommentiert der Film auch die heutige Welt.“

Alejandro Amenábar sagt im Interview: „Hypatia ist eine Kämpferin, vielleicht die letzte Repräsentantin des philosophischen Denkens. Ihr Ende markiert auch das Ende einer Ära, das Ende der griechisch-römischen Welt und den Beginn des finsteren Mittelalters! Ursprünglich wollte ich einen historischen Film machen, der Parallelen zu unserer Zivilisation aufzeigt. Dank der Hauptfigur ist es ein feministischer Film geworden.”

(Übrigens zeigt das historische Leiden der Hypatia auffallende Übereinstimmungen mit der späteren Legende der Heiligen Katharina von Alexandrien, wobei die Rollen von Christen und Heiden genau vertauscht sind. Möglicherweise ist die Legende dieser Heiligen eine spätere Umdeutung des wirklichen Geschehens im Umfeld der Ermordung Hypatias und zeigt damit, wie die Kirche immer wieder versucht hat, die Mythen von den verfolgten christlichen Martyrern auch mit Geschichtsfälschungen zu nähren.)

Einen ersten Eindruck von der Opulenz und dem cineastischen Pathos des Films vermittelt schon der Trailer. Auch wenn manche Historiker über die ‘Verwurstung’ von Geschichte in Form von “Sandalenfilmen” die Nase rümpfen mögen, halte ich es für legitim und sinnvoll,  komplexe und schwierige Themen für ein breiteres Publikum in dieser Art zu verpacken:

 

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

Filminfos

“Agora” - USA/Spanien 2009 - 126 Min.
Kinostart in Deutschland: 11.03.2010

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Musik ohne Grenzen bei “One Shot Not”

Außer den nur noch sporadischen Aufzeichnungen des “Rockpalast” gabs im deutschen TV die letzten zwei Jahrzehnte lang kaum noch eine Livemusiksendung, die diese Bezeichnung verdient hätte.  MTV- und Viva-Retortenschrott in pseudojuveniler Aufhübschung aus der kulturindustriellen Pop-Sequenzierung überbrüllten die aus dem Kontrollbedürfnis der Quotenpfurzer abgestellten Alibibeschallungsmaßnahmen, so dass nur die gelegentlichen kleinen Nachtfluchten in die  Jazz Baltica oder ähnliche Festival-Dokus ein wenig musikalisch genießbares Glotzenfutter anboten. Und das auch nur in den stilistischen Grenzen der elitären Avantgarde-Nischen, in die man die paar Jazz-Käuze nach der Geisterstunde schön unauffällig abschieben kann.

Nun könnte man solchen Vögeln natürlich auch zuzwitschern, dass ja schließlich im Internet jeder seine Krümelchen rauspicken kann, aber wie sollte man als einigermaßen ambitionierter und neugieriger Musikliebhaber aus den Abermillionen Musikproduktionen in den digitalen Datenbanken überhaupt was brauchbares Neues finden, wenn man nicht im immergleichen name-dropping zirkulieren will und nicht selber 48 Stunden am Tag im Web rumsuchen kann? Und die allerbesten Stückerl dort oft gar nicht zu hören sind?
Nee, über die veränderten Produktions- und Rezeptionsverhältnisse von Musik und Literatur dank Internet, über Fluch & Segen der allgegenwärtigen und beinah kostenfreien Jedermannkultur soll hier nicht schon wieder räsoniert werden. Stattdessen heute mal ein Lob dem deutsch-französischen Kultursender ARTE, der es mit ‘traditionellen Mitteln’ (nämlich einer kompetenten Redaktion, öffentlichen Geldern und gehörigem Idealismus) geschafft hat, im musiklischen  Beliebigkeitsdschungel mit “One Shot Not” eine wöchentlich ausgestrahlte Livemusik-Sendung zu etablieren, über die der Initiator und Musikchef Manu Katché im Interview sagt: “Ich möchte gern – wirklich interaktiv - Jazz, Pop und Rock der Urgesteine und die von umwerfenden Künstlern nur so wimmelnde Underground-Szene mischen.”
Klingt gut: ARTE als alternative Livemusik-Plattform ohne stilistische Grenzen mit europäischer Reichweite (fast) ohne Grenzen, zu deren Konzept es auch gehört, die Qualitätslatten der hochkonditionierten Übungssysteme, den ‘guten Geschmack’ der traditionsbewussten Genrepfleger und die ästhetischen Codizes der ‘Jazzpolizei’ zugunsten des musikalischen Wagnis auch mal zu unterlaufen.
Klar gibts auf einem derart weiten Experimentierfeld auch Bands in der Show, die vielleicht besser noch eine Zeitlang ihre Garagenwände beschallt hätten, zumal eine Session halt eine Session ist, aber das macht ja auch etwas von dem Reiz aus, dass man nicht mit der immergleichen Erwartungshaltung auf den Einschaltknopf drückt.

Diese Woche war unter Anderen auch der Kameruner Bassist und Sänger Richard Bona zu Gast. Der begann schon als Vierjähriger auf dem afrikanischen Balaon zu spielen, gab mit fünf erste Konzerte, lernte mit elf Gitarre, gründete mit 13 seine eigene Jazzband und spielte seither als echter Crossover-Worldmusician mit innovativen Grenzgängern wie Jacques Higelin, Didier Lockwood, Manu Dibango und Salif Keïta, auch mit Jazzern wie Randy Brecker, Pat Metheny, Steve Gadd und - allererste Sahne! -  im Duett mit Bobby McFerrin.
An jenes reicht der Bona-Livemitschnitt von der letzten Jamsession zwar nicht ganz ran, ist eher was Gefälliges und in dieser Perfektion und Glätte nicht unbedingt typisch für “One Shot Not”, aber das Stückerl taugt vielleicht ganz gut als lockere Einstimmung in das Feeling der Sendung:

 

Sollte der Eindruck entstehen, ich würde hier statt dauernd bloggerpflichtgemäß rumzukritteln auch gelegentlich Werbung für das SchöneWahre&Gute machen, so ist das völlig richtig und liegt an meiner Schwammerlsucher-Mentalität, mit der man ja auch gern seine schönsten gefundenen Exemplare dem Nachbarn zeigt - und dazu verrat ich auch noch ganz gern die Plätze, wo man die finden kann ;-)

“One Shot Not” - internationale Jamsession mit Manu Katché
- jeden Donnerstag gegen 23 Uhr auf ARTE

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Cut up - amüsante Filmhäppchen mit Hintersinn

Der Kultur- und Info-Kanal ARTE ist wohl nicht ganz so quotengierig wie andere TV-Sender und man traut sich dort auch immer wieder mal, mit frechen Versuchsanordnungen zu experimentieren. Wie mit dem neuen Magazin “Cut Up” - ein amüsant-geistreicher Stilmix aus filmischen Kurzformaten, die als spielerisch-ironische Streifzüge durch unseren Alltag schlendern und dabei gesellschaftlich relevante Themen wie Geld, Familie, Liebe oder Erfolg aufspießen.
In diesen dreiviertelstündigen Doku-Revues werden Arbeiten von Nachwuchstalenten mit denen etablierter Filmemacher zu einer thematischen Collage kombiniert, so dass die Beiträge nicht nur für sich genommen, sondern auch durch ihre wechselseitigen Bezüge zusammenhängende Bedeutung und Sinn ergeben.  Der Magazintitel “Cut up” stammt ja aus der Szene der intertextuellen Patchwork-Literatur, ursprünglich geprägt von William Burroughs.

Die Filmhäppchen variieren dabei allmonatlich ein anderes Thema. Diesmal gehts um “Trennung”, und dazu als ‘Appetizer’ der kurze Zeichentrickfilm “How to break up with your girlfriend in 64 easy steps”:

 

 

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    Flaschenpost von Adorno

    Was Adorno bereits vor über einem halben Jahrhundert über die schmierigen Mechanismen im System der Kulturindustrie und den schnell hochgepäppelten Autorenruhm in seinen “Minima Moralia” geschrieben hat, bezeichnete er selber als „Flaschenpost für unbekannte Finder in einer unbestimmten Zukunft”.  Er befürchtete einen “Verfall, auch im Sinne intellektueller Abklärung” bei den von der Kulturindustrie Gehätschelten ebenso wie bei den kritiklos Konsumierenden, für die es “kein richtiges Leben im falschen geben kann”.

    Und der Mitbegründer der Kritischen Theorie hätte sich wohl kaum gewundert,  dass heutzutage das von Medienkonzernen gesteuerte Groß-Feuilleton die Aufgabe einer unabhängigen kritischen Gewichtung neuer Literatur, Musik und anderer Künste kaum noch glaubwürdig wahrnehmen kann, selbst wenn ein paar Restidealisten sich bemühen - unabhängig Gedachtes Entstandenes hat in einem System von Abhängigkeiten halt keinen Platz, weil es nicht in die kulturindustrielle Verwertungskette vom lancierten Insider-Hype bis zum Star-Kult eingebunden ist und folglich keiner organisierten materiellen Nutzung zugeführt werden kann.

    Aus Adornos ‘Blogeinträgen’ in die “Minima Moralia”, diesem „Kaleidoskop der global organisierten Unmündigkeit“,  hier nun passend zu Hegemann & Co. ein Ausschnitt aus Nr. 63, quasi als bottle-crossposting:

    adorno minima moralia“Ruhm als Resultat objektiver Prozesse in der Marktgesellschaft, der etwas Zufälliges und oftmals Angedrehtes hat, … ist ganz zur Funktion bezahlter Propagandastellen geworden und misst sich an der Investition, die vom Träger des Namens oder der Interessensgruppe, die hinter ihm steht, riskiert wird. Der Claqueur hat mittlerweile als offizieller Beauftragter des Kultursystems seine Irrespektabilität abgelegt. […] Man nimmt das Bekanntwerden und damit gewisssermaßen auch das Nachleben … in eigene Regie und kauft sich wie ehedem bei der Kirche so nun bei den Lakaien des Trusts die Anwartschaft auf Unsterblichkeit.  […]

    So führt die geplante Verfügung über Ruhm und Andenken unweigerlich ins Nichts, dessen Vorgeschmack schon am hektischen Wesen aller Zelebrität sich wahrnehmen läßt. Den Berühmten ist nicht wohl zumute. Sie machen sich zu Markenartikeln, sich selber fremd und unverständlich, als lebende Bilder ihrer selbst wie Tote. […] Die unmenschliche Gleichgültigkeit und Verachtung, die gefallenen Größen der Kulturindustrie sogleich zuteil wird, enthüllt die Wahrheit über ihren Ruhm.”

    aus: Theodor W. Adorno
    Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben
    Suhrkamp, TB 304 Seiten / ISBN 978-3518293041

     

    Aber weil die Hype-Maschine ja weiterlaufen muss, hat Wolfgang Michal hier schon mal einen Blick auf die zukunftsweisende “Axolotl Roadmap” in den Bestseller-Laboren und kulturindustriell gestopften Feuilletons gewagt ;-)

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    Kein geklauter Lovesong für die Army

    Die richtig harten und smarten US-Jungs tummeln sich bekanntlich beim American Football. Bester Ort also für die Army zur Rekrutierung ihres Nachwuchses, und als ideale Gelegenheit angesichts des steigenden Bedarfs für den afghanischen Himmel erschien den US-Luftwaffenaquisiteuren die Übertragung des diesjährigen Finalspiels des NFL Super Bowl, bei dem die Air Force einen “mitreißenden Punksong, der das Verliebtsein feiert” als  Werbespot zeigte.
    Weil der aber auf einem Gitarrenriff von den White Stripes basierte und man die vorher nicht gefragt hatte, fühlte sich das Duo Meg & Jack White hintergangen und protestierte wegen des Missbrauchs ihrer Musik “für die Rekrutierung zu Zeiten eines Kriegs, den wir nicht unterstützen”.
    Mit Erfolg, der Spot wurde abgesetzt, und wie die taz berichtet, entschuldigte sich der Luftwaffensprecher für den axolotlmäßigen geistigen Diebstahl, da es den Streitkräften vor der Ausstrahlung des Songs nicht klar gewesen sei, dass die Produktionsfirma dafür Ideen von den White Stripes verwendet habe.

    Hier die Spot-Vorlage “Fell In Love With A Girl”, die aber selber schon epigonales Geschrammel ist (mir fielen dazu spontan die frühen protopunkigen “Kinks” ein…)

     

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    Zur Diskussion ums Urheberrecht und die Kulturflatrate

    Die Diskussion um die Zukunft von Kultur und Kreativität im Internetzeitalter, um eine Reformierung des Urheberrechts und die umstrittene ‘Kulturflatrate’ geht nicht nur die Schöpfer und Verwerter von Werken was an, sondern stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar.
    Mittlerweile ist es nicht mehr so einfach, den im Netz und den anderen Medien verstreuten Pros und Contras für diesen oder jenen Vorschlag der divergierenden Interessensgruppen zu folgen, aber zu etwas Übersicht kann vielleicht ein aktueller Gastbeitrag zur Kulturflatrate in netzpolitik.org verhelfen. Dort stellt der Kultursoziologe und Flatrate-Befürworter Volker Grassmuck den kürzlich veröffentlichten “10 Thesen der Musikindustrie gegen die Kulturflatrate” in dialektischer Weise Punkt für Punkt seine Widerlegungen und eigenen Vorschläge entgegen, wodurch man den Themenbereich nebst vielen Kommentaren sozusagen en bloque serviert bekommt:

    Erwiderung auf das Musikindustrie-Positionspapier zur Kulturflatrate

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    Im Klaustall der Literatur: Auch ein Axolotl nährt sich von Plagiaten

    Gern hört und erzählt man die Geschichten von den kreativen Wunderkindern, die uns als Genies mit ihren scheinbar originären Schöpfungen beglücken, die der Menschheit das Schöne, Wahre & Gute, den Fortschritt in Wissenschaft und Künsten bescheren, als kämen sie als auserwählte Königskinder auf einem Strahl des Hegelschen Weltgeists dahergeritten.

    Soeben wieder mal geschehen mit der Jungautorin Helene Hegemann, deren 200-seitiger Roman “Axolotl Roadkill” in den letzten Wochen von vielen Feuilletons sensationsgeil vorschnell zur literarischen Sensation, zum Szene-Kultbuch hochgejazzt wurde, die nun aber nach ‘investigativen Enthüllungen’ dummerweise als  ‘Fall Hegemann’ die literarische Republik erschüttert: Der erst 17-jährigen Berlinerin wird  vorgeworfen, sie habe etliche Teile ihres Buches aus verschiedenen Werken anderer zusammenmontiert, teilweise mit fast wörtlich übernommenen Textpassagen, ohne diese entsprechend zu kennzeichnen oder dafür die Erlaubnis der Originalautoren oder deren Verlage eingeholt zu haben.
    In einem SZ-Interview behauptet der Blogger Deef Pirmasens, dass viele Axolotl-Szenen und scheinbar originär-erfrischende Wortschöpfungen wie “Vaselintitten” oder “Technoplastizität” aus dem Buch Strobo des Berliner Bloggers Airen übernommen wurden. Auch aus einem Songtext der Band Archive habe Hegemann ohne Quellangabe zitiert. Und Deef Pirmasens dürfte wohl Recht haben mit seiner Vermutung: “Ein Buch von einem 28-jährigen Blogger aus einem Untergrundverlag ist offensichtlich nicht so interessant wie eine Veröffentlichung in einem Großverlag von einer Jugendlichen, deren Vater in der Kulturszene bekannt ist. Hegemann wird ja gelobt als das Wunderkind der Literaturszene, das den großen Generationenroman geschrieben hat.”

    Ursprünglich geht der Begriff Plagiat  auf eine der ältesten bekannten Urheberrechtsverletzungen aus dem Rom des ersten Jahrhunderts nach Christus zurück. Damals prägte der römische Dichter Marcus Valerius Martialis  den Begriff „Plagiat“, als ein gewisser Fidentinus seine Gedichte fälschlich als eigene ausgegeben hatte, und da Martialis seine Epigramme gern mit freigelassenen Sklaven verglich, bezeichnete er jenen als “Menschenräuber”.
    Angefangen hatte die Rechtssicherung literarischer Urheberrrechtsansprüche mit der höheren Wertschätzung des Individuums ab der Renaissance, als man  Autorenprivilegien gewährte, mit denen der Schöpfer für sein Werk belohnt werden sollte. In Deutschland wurde ein solches Privileg erstmals 1511 Albrecht Dürer eingeräumt.
    Gerichtsmassige Streitereien aber, wer von wem und wer zuerst, entwickelten sich so richtig erst in den modernen Zeiten der geldwerten kulturindustriellen Ausschöpfung von Urheberrechten seit etwa zwei Jahrhunderten - proportional steigend zur Veröffentlichung neuer Werke, der Gründung weiterer Verlage und bei der Etablierung neuer Medien.
    Wer sich die Mühe machen könnte, in der Masse der bis heute geschaffenen und ständig neu hinzukommenden Werke nach mehr oder weniger versteckten Plagiaten zu suchen, würde vielfach fündig, denn kaum eine Idee oder Szenerie, die nicht irgendwann so oder ähnlich schon einmal literarisch verbraten wurde (man denke nur an Thomas Manns “Dokor Faustus“) - die großen Erzählungen und Bilder bleiben halt immer die gleichen, auch wenn manches Wort, manch Pinselstrich für frischen Anstrich sorgt.
    Folgerichtig verteidigt sich Jungautorin Hegemann im Magazin “Buchmarkt”: “Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. Es gibt da ziemlich viel, was mit meinen Gedanken korrespondiert und sich in mein Gehirn einschreibt, dadurch aber gleichzeitig auch etwas komplett anderes wird. Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf.”
    Und stellt konkret zu ihrem umstrittenen Buch klar: “Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen. Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) – ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit. Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.”

    Mit dem letzten Statement trifft sie die aktuelle Diskussion über eine Anpassung des Urheberrechts im Internetzeitalter auf den Punkt. Da stehen die copy&paste-generation gegen das althergebrachte Pfründedenken, die intertextuellen Spiele  gegen Elfenbeinturmmentalität, ein geändertes Produktions- und Konsumverhalten mit vermeintlich mangelndem Unrechtsbewusstsein gegen Alleinverwertungsansprüche. Allerdings steht Hegemann ja nicht allein mit ihrer Meinung, dass alles neu Geschaffenene auf bereits Bestehendem gründet und dieses Neue wiederum das Folgende ermöglicht - ist übrigens auch ein Prinzip in der Buddhistischen Philosophie, in der aus dem ‘Anatman’ (bedingte Existenz) via Karma das Nirvana erreicht werden kann (Zustand höchsten Bewusstseins und Einsicht bei gleichzeitiger Leidfreiheit - aber hallo, da grüßt der ‘Weltgeist’ doch nochmal mit ;-)

    Bis zum Nirvana hat die Menschheit wohl noch ein Stückerl hin (auch wenn manche die Cloud schon dafür halten ;-), aber unabhängig von seiner Qualität zeigt das Buch (ich habs nicht gelesen und habs auch nicht vor), dass in der Diskussion um eine Novellierung des Urheberrechts der Begriff des ‘Geistigen Eigentums’ und seiner Grenzen erst neu durchdacht und verhandelt werden sollte bevor man sich an die verwertungsrechtliche Ausschlachtung desselben macht. Und es führt auch dem ‘einfachen’ Kulturkonsumenten wieder mal vor Augen, wie gern uns das sensationsheischende Groß-Feuilleton mit auffrisiertem Party-Smalltalk füttert, wie es uns mit dem schönen Märchen vom Genie zu unkritischen Bewunderern und ‘modebewussten’ Käufern machen will.
    Und die Autorin und ihr Verlag? Wie Kulturzeit heute berichtete, wird der Vorlagenschreiber Airen ab der zweiten Roman-Auflage mit Dank erwähnt, nachdem nun von dessem Originalverlag SuKulTur nachträgliche Abdruckgenehmigungen eingeholt wurden und die talentierte Schriftstellerin Hegemann will ihre Inspiration, den Blogger Airen, jetzt auch mal persönlich kennenlernen.
    Schön, wenn aus intertextueller Netz-Kommunikation auch mal was Leibhaftiges wird.


    Nachtrag: Weitere Meinungen zum Thema:

  • Die Verteidigung des Remix gegen den Betrug - in “SZ jetzt”
  • Doppelmoral in großem Stil - in “netzwertig.com”
  • Plagiatsfall Hegemann: Das Feuilleton findet Abschreiben ohne Quellenangabe voll OK - im “Literaturcafé”
  • Vadderns Tochter, Helene Hegemann, sowie die postmoderne Moderne und das Plagiat - bei “AISTHESIS”
  • … und nach-nachgetragen:

  • Literatur, da wird mir übel - von “Feynsinn”
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    Der Systemgedanke ist keine billige Ausflucht

    Bürokratische Maschinen entmündigen uns

    Von Dirk Kaesler

    Es war die markante Überschrift, die sowohl meine Aufmerksamkeit als auch meinen spontanen Widerspruch weckte: „Der Systemgedanke als billige Ausflucht“. In einer Rezension des neuen Buches von Peter Koslowski, „Ethik der Banken. Folgerungen aus der Finanzkrise“, wurde referiert, dass es darin um die grundsätzliche Frage gehe, ob die Finanzkrise eine „Systemkrise“ oder eine „Handlungskrise“ sei. In seinem Buch vertritt der Philosoph Koslowski von der Fakultät für Philosophie der Freien Universität Amsterdam die Meinung, dass sich „die Beteiligten“ – wer auch immer das ist – allzu oft in „angebliche Systemzwänge“ flüchten. Das einschlägige Zitat aus der Besprechung lautet: „Der Systemgedanke muss scharf kritisiert werden, wenn er für die Zuweisungen von Nicht-Verantwortlichkeiten verwendet wird.“ Die Folgerung des international erfolgreichen Wirtschaftsethikers lautet: „In jedem System tragen die in ihm Handelnden, vor allem die mit Macht ausgestatteten, Verantwortung für das System als ganzes, die Handlungen in ihm und die Entwicklung des Systems in der Zeit.“

    Normativ ist es selbstverständlich überaus wünschbar, solche Forderungen zu erheben, sie gehen nur – bedauerlicherweise – an den aktuellen Gegebenheiten unseres Gesellschaftszustands vorbei. So gut das auch klingen mag, der Soziologe muss entschieden widersprechen. Und kann sich dabei nicht nur auf den theoretisch erarbeiteten Fundus seiner Disziplin, sondern zugleich auf deren empirisch belegten und immer eindeutigeren Befund berufen. Wer immer noch meint, dass es allein handelnde Individuen sind, selbst jene, „die mit Macht ausgestattet“ sind, die also zuständig und verantwortlich für das seien, was um sie herum und mit ihnen geschieht, hat nicht viel verstanden von den entscheidenden Veränderungen in der und durch die Moderne.

    Es mag ja sein, dass die Systemtheorie immer noch kein sonderlich leicht zu verstehendes interdisziplinäres Erkenntnismodell bietet, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Aber so viel sollte sich dann doch auch unter Philosophen herumgesprochen haben, dass die naive Gleichsetzung von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Recht oder Kultur mit dem wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, rechtlichen oder kulturellen Handeln einzelner Menschen nicht zur Erklärung gegenwärtiger Zustände taugt.

    Auch wenn uns gerade die Philosophie seit der europäischen Antike immer noch die Vorstellung liefert, dass es Einzelteile sind, die zu einem Ganzen verbunden werden oder sich selbst zu einem Ganzen verbinden, und dass diese Vorstellung auf alle Fragestellungen des Zusammenlebens von Menschen angewendet werden könne, so stimmt sie eben schon lange nicht mehr – wenn sie je gestimmt hat. Es wird auch in der modernen Systemtheorie nicht bestritten, dass die Gesellschaft aus einzelnen Menschen „besteht“, aber was mit diesen geschieht, kann nicht so ohne weiteres aus den Handlungen Einzelner hergeleitet werden.

    Die soziologische Systemtheorie etwa eines Niklas Luhmann beschreibt keine Gesellschaften, die aus einzelnen Menschen bestehen. Auf hoher Abstraktionsstufe geht Luhmann von einem Geschehen aus, das sich auf sich selbst bezieht – in Luhmanns Worten: „Operationen, die aneinander anschließen“. Durch diesen Selbstbezug entsteht eine Grenze. Mit der Bildung dieser Grenze durch Operationen entstehen System und (systemspezifische) Umwelt gleichermaßen. Diese Differenz System/Umwelt liegt der gesamten Systemtheorie zugrunde.

    Obgleich die soziologische Systemtheorie Luhmanns die menschliche Gesellschaft zum Thema hat, ist Handeln im allgemein verstandenen Sinn kein Begriff der Systemtheorie. In der Systemtheorie nach Luhmann kommen Menschen begrifflich nicht vor, sondern psychische und soziale Systeme, die aus bestimmten Operationen entstehen und sich aufrecht erhalten. Die zentrale Operation sozialer Systeme ist Kommunikation – diese Kommunikation wird jedoch nicht durch Menschen vollzogen, auch wenn ein Beobachter dies so ansehen könnte. Das, was als „Mensch“ beobachtet wird, entsteht vielmehr durch Kommunikation.

    Wem solche Gedanken zu kompliziert erscheinen, möge sich wenigstens an den mittlerweile wirkungsmächtigsten deutschen Soziologen, Max Weber, halten. Dass dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor den menschenfeindlichen Auswirkungen des modernen, „rationalen“ Betriebskapitalismus eindringlich gewarnt hat, ist bekannt. Dass er noch eine zweite Bedrohung der Freiheit der Menschheit analysierte, ist manchen schon weniger geläufig.

    Das ist umso bedauerlicher, als diese andere Gefährdung menschlicher Freiheit eine ist, die wir alle täglich sehr viel deutlicher spüren. Und sie ist es, die die Annahme vom vermeintlichen Gegensatz von Handlung und System in modernen Gesellschaften entschieden widerlegt, indem sie auf den Systemcharakter eben jener Zusammenhänge verweist, die individuelle Verantwortlichkeit als obsolet erscheinen lässt. Die Gefährdung der menschlichen Freiheit und Würde durch die andere Macht erfährt man bei jedem Versuch der Kommunikation mit der Deutschen Bahn, der Deutschen Post, der Deutschen Bank. Diese Macht heißt Bürokratie.

    Wer dabei an Beamte in kümmerlichen Amtsstuben denkt, die, nachdem sie ihre mitgebrachten Frühstücksbrote am Schreibtisch verzehrt haben, zuerst ihre Zimmerpflanzen gießen und dann ihre Ärmelschoner anlegen, hat nichts verstanden. Die heutige Bürokratie heißt „Das System“.

    Ihm begegnet jeder, der der Deutschen Telekom seine geänderte Kontonummer mitteilen möchte, der bei der Deutschen Bahn eine Fahrplanauskunft erbittet, der sich bei seiner Haftpflichtversicherung nach einem verbesserten Angebot erkundigt. Zuerst sind es Stimmen auf einem Sprachcomputer, die einen dazu zwingen, in grotesker Weise überdeutlich zu sprechen, um an einen der Mitarbeiter zu gelangen. Diese sind alle im Kundengespräch, so dass uns das System dazu zwingt, nervtötende Melodien zu erdulden. Gelingt es einem, eine menschliche Stimme zu ergattern, passiert es einem, dass diese laut stöhnt, weil sie gerade nicht „ins System“ kommt. Auch sie also ein Opfer des Systems!

    Es kann noch toller kommen: Vor wenigen Tagen stand ich am Schalter einer Einrichtung, von der ich meinte, dass es sich um ein „Postamt“ handele, also eine Stelle, bei der ich mich beispielsweise darüber beschweren könne, dass ich nochmals Porto bezahlen muss, wenn mein Brief durch das automatische Sortiersystem derart beschädigt wurde, dass er – drei Wochen später – wieder bei mir landete, wenn auch mit einem (automatisierten) Entschuldigungsschreiben. Nun also neues Porto? Wie sagte die schick uniformierte Dame hinter dem Schalter: „Da müssen Sie sich mit der Post in Verbindung setzen, ich kann Ihnen gerne eine kostenpflichtige Telefonnummer geben. Wir sind hier die Postbank, wir erbringen nur Serviceleistungen für die Post. Wir sind nicht für die Post zuständig.“ Ungläubig starrte ich auf die Schrift hinter der Schulter der Frau: Dort steht in großen Buchstaben „Deutsche Post“, mit einem Posthorn dahinter und darunter in etwas kleineren Buchstaben „Postbank“.

    Zu Beginn des 21. Jahrhunderts heißt „Bürokratie“ einfach „System“. Wir alle, sowohl die Menschen in den Tausenden von Callcentern, die das System akustisch darstellen, sind in ihm gefangen als auch die Menschen, die hinter Schaltern stehen, von denen nicht mehr erkennbar ist, wer diesen Service eigentlich (noch) betreibt. Wir alle sind Geiseln von Systemen geworden, die uns dazu zwingen, unsere eigenen Bankangestellten, Schaffner, Kassierer, Techniker, Paketboten, Reiseplaner und vieles mehr zu werden, und unsere PINs und Passwörter ständig parat zu haben.

    Die Warnungen Max Webers vor der Entwürdigung und „Entseelung“ des Menschen durch die alles erfassende Macht des modernen, „rationalen“ Betriebskapitalismus im Zusammenspiel mit bürokratischer Herrschaft beschworen keine Hirngespinste. Seine prophetischen Warnungen sind Wahrheit geworden, Systeme organisierter Nichtzuständigkeit und organisierter Verantwortungslosigkeit beherrschen uns alle, auch diejenigen, die „mit Macht ausgestattet“ sind und uns vorgaukeln müssen, „zuständig“ und „verantwortlich“ zu sein. Die untrennbare Verbindung des Systems der kapitalistischen Ordnung des Wirtschaftslebens mit den überall entstehenden Maschinen der bürokratischen Ordnung in allen Lebensbereichen bewirkt gemeinsam die Bedrohung der individuellen Freiheit aller Menschen, wenn nicht deren ultimative Zerstörung.

    Zu Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts hat diese düstere Erzählung Webers, der sie beim Übergang des 19. in das 20. Jahrhundert nur sehr allmählich und seiner eigenen Vision bis ans Ende misstrauend komponierte, eine suggestive Erklärungskraft zugeschrieben bekommen, die sie als allen anderen, mit ihr konkurrierenden Erzählungen überlegen erscheinen lässt. Weder die Erzählung von der zunehmenden gesellschaftlichen „Differenzierung“ des Emile Durkheim noch die der zunehmenden „Individualisierung“ des Georg Simmel, einem der ganz wenigen persönlichen Freunde Webers, werden sich in ihrer aktuellen Suggestion messen lassen können mit der internationalen Bedeutung der pessimistischen Rationalisierungs-Erzählung Webers. Er selbst jedenfalls starb 1920 im Bewusstsein, dass nicht „das Blühen des Sommers“ vor den ihm nachfolgenden Generationen liege, sondern „eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“.

    Allein die von Menschen selbst gemachte Geschichte wird zeigen, ob sich seine düsteren Schreckensbilder am Ende des 21. Jahrhunderts bewahrheitet haben oder nicht. Nüchterne Einsicht in die Grundlagen unserer gegenwärtigen Lage sind jedenfalls besser dazu geeignet, über Systemalternativen nachzudenken als normative Forderungen zu erheben, die an den systemischen Realitäten vorbeigehen.

    © Dirk Kaesler & literaturkritik.de

    Lösung des hegeligen Neujahrs-Rätsels und was Meditatives

    Da sind wohl die “Quizhunter” der Rätsel- und Gewinnspiel-Communities über unser Neujahrsrätsel gestolpert, anders ist die an manchen Tagen gehäufte Zusendung von genau gleichlautenden falschen (!) Lösungsversuchen nicht erklärlich, zumal das Rätsel diesmal sicher nicht schwierig war. Fand auch unsere kleine Glücksfee aus der Nachbarschaft, die sich wieder mal gefreut hat, aus dem Packerl mit den richtigen Lösungen zwei GewinnenInnen rauszufischen zu dürfen. Geangelt hat sie Andrea Osswald (Castrop-Rauxel) und Marcus Kober (Köln), zu denen die beiden CDs von “The Bridge” auch schon unterwegs sind.

    Die richtige Lösung war: Schopenhauer hat 40 und Hegel 56 Studenten, und am saubersten formuliert hat den Lösungsweg Miträtslerin Caroline Walter (Peiting), alsda:

    Lösungsmöglichkeit für das Rätsel:

    s: Anzahl Hörer bei Schopenhauer

    h: Anzahl Hörer bei Hegel

    Info aus Schopenhauers Aussage: s+8 = h-8

    Info aus Hegels Aussage: h+8 = 2(s-8)

    aus ersterem ergibt sich: s = h-16

    das in die zweite Gleichung eingesetzt (den Rechenweg brauch ich jetzt aber nicht ausführen, oder?): h=56

    das wiederum in die erste Gleichung gesetzt ergibt s = 40

    Somit haben Hegel 56 Hörer und Schopenhauer 40.

    Dann noch einen guten Start ins Neue Jahr!

    Und um die Wartezeit bis zu unserem nächsten Philo-Rätsel zu überbrücken, gibts auch diesmal wieder was gewinnfreies aus unserer Coaching-Kiste:

    Die Türme von Hanoi

    In einigen Klöstern des Theravada-Buddhismus  ist das meditative Denkspiel “Die Türme von Hanoi” recht beliebt - man kann es leicht selber basteln und auch gut an Touristen verkaufen.
    Das Spiel besteht aus drei Stäben A, B und C, auf die mehrere gelochte Scheiben gelegt werden, alle verschieden groß. Zu Beginn liegen alle Scheiben auf Stab A, der Größe nach geordnet, mit der größten Scheibe unten und der kleinsten oben.

    tuerme von hanoi spielZiel des Spiels ist es, den kompletten Scheiben-Stapel von A nach C zu versetzen. Bei jedem Zug darf die oberste Scheibe eines beliebigen Stabes auf einen der beiden anderen Stäbe gelegt werden, vorausgesetzt, dort liegt nicht schon eine kleinere Scheibe. Folglich sind zu jedem Zeitpunkt des Spieles die Scheiben auf jedem Feld der Größe nach geordnet.
    Versucht, das Problem mit sechs, acht oder mehr Scheiben zu lösen (im Original sind’s 64!)

     


    Lösungen mit 3 bzw. 4 Steinen:

    Viel Spaß & etwas Geduld dabei
    wf

    Homo ludens und die ultimative Maschine in der Ausstellung “Codes & Clowns”

    Bekanntlich ist der Mensch nur da ganz Mensch, wo er spielt und am spielerischten ist er, wenn er dabei auch noch was erfindet. Waren die Dunkelbirne und das “tragbare Loch” Daniel Düsentriebs eher noch erfinderische Spielereien, so gipfeln die genialischen Geistesblitze des Ingenieurs und Mathematikers Claude Shannon (1916 - 2001) in spielerischen Erfindungen, die zwar auf den ersten Blick wie Spielzeuge aussehen, aber immer mit einem wissenschaftlichen Hintergrund entstanden sind - oft mit einem Augenzwinkern Richtung experimentelle Philosophie.

    shannons jongleurDer US-Amerikaner, oftmals als “Einstein des Informationszeitalters” bezeichnet, hat mit seiner Informationstheorie von 1948 wichtige Fundamente für die spätere Digitaltechnologie vom Internet bis zum MP3-Player gelegt und u.a. den Begriff des “Bit” eingeführt.
    Doch die akademische Arbeit am weltberühmten “Massachussets Institute of Technology” (MIT) in Cambridge/ USA reichte Shannon nicht und so erfand er in seiner Freizeit technische Spielereien wie das erste ferngesteuerte Auto, digitale Schachcomputer oder eine Roboter-Maus, die selbstständig den Weg aus einem Labyrinth findet. Oder er berechnete eben mal die Rhythmen für diverse Jongliermaschinen, um mit mehreren Bällen gleichzeitig zu jonglieren.

    Shannons eigenwilliger Humor, Erfindergeist und wissenschaftliche Forschung stehen nun im Fokus der Ausstellung “Codes und Clowns” des Paderborner Heinrich-Nixdorf-Museumsforums, die dort noch bis zum 28. Februar 2010 zu sehen ist.

     

    Neben vielen anderen Exponaten finden Freunde der Fundamentalphilosophie dort auch die “ultimative Maschine” ;-)

     

    (Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

    Zur Ausstellung

    wf

    Ausweidung der Übungszone

    Benito Salvarsani zu Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern

    In seinem Buch Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie unterscheidet Wolfgang Stegmüller vier Stufen des diskursiven Nichtverstehens philosophischer Systeme. Diese Unterscheidung darf man auch als Lebenshilfe für schwankende Geister verstehen, die im Leben nicht weiterwissen, und nach Orientierungen im Dickicht des Denkens suchen, in dem so oft nicht der Geist herrscht sondern vielfache Varianten der Dummheit und der Eitelkeit.
    In den Stegmüllerschen Seminaren wurde strenges logisches Denken geübt, der Gebrauch von Wahrheitstafeln und das Erreichen der sogenannten L-Wahrheit, eine Art philosophischer Orgasmus, und dabei erfuhr man, daß logische Wahrheit ein geschlossenes System ist, das auf sehr abgehobene Weise ästhetisch sein konnte, aber sonst mit dem empirischen Leben nichts zu tun hatte, sie war ein akademisches Ereignis.
    Später habe ich gelernt, daß Leben kein geschlossenes System ist, sondern ein offenes und zwar nach vielen, wenn auch nicht allen Seiten. Ich verabschiedete mich von der analytischen Wissenschaftsphilosophie, die mir nichts als Depressionen eingetragen hatte, und ließ nur noch solche Denker in mein Leben, die etwas zum Dasein als offenem System beitragen konnten. Sie standen dem Akademismus fern und kamen in Stegmüllers Buch über die Hauptströmungen nicht vor, weil sie Nebenströmungen im universitären Gewese sind.

    du musst dein leben ändernEinmal in den 80-ern habe ich beim Lesen Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft eine halbe Stunde lang geglaubt, diesen damals noch frischen Namen in den privaten Kanon meiner Weisheitslehrer aufnehmen zu können, aber spätestens ab Seite 50 begann der Autor um sich selbst zu kreisen, indem er einen vielleicht nicht unbrauchbaren Gedanken, den man in einem knappen Essay mit Gewinn hätte verhandeln können, auf Hauptwerklänge verdünnte, um sich schon durch die damit erreichte Dicke des Buchs und den schlau kalkulierten Titel auf die Ranghöhe eines Immanuel Kant zu hieven.
    Jenen vielleicht nicht unbrauchbaren Gedanken habe ich dann schon während des Lesens vergessen, er hinterließ in meinem Leben keine Spur und keine Lücke, mir fehlte ohne diesen Gedanken nichts, ich war auch ohne ihn so glücklich oder unglücklich, wie man nur sein kann, und in den folgenden Jahren habe ich mich um die zerebralen Spreizungen des Karlsruher Fühldenkers nicht mehr gekümmert, nahm nur manchmal ein Mediengeschrei von ferne wahr, während die Qualitätsschreiber der deutschen Meinungspostillen für Bessergebildete ihm aufs devoteste die Füße leckten und jeden seiner sphärisch-blasigen Gedanken als etwas ex-cathedra-Gesprochenes nachsprachen, ja nachbeteten, als wäre soeben Moses vom Berg Sinai herabgestiegen. Ein solches Übermaß kritikloser Beflissenheit stieß mich ab.

    Auch um das neueste Sloterdijksche Exprimat hatte ich mich nicht kümmern wollen, es ergab sich aber, daß ich aus Geselligkeitsgründen, die hier keine Rolle spielen, angehalten war, das Buch zu lesen, und nun sehe ich keine andere Möglichkeit, meine Seele zu reinigen (oder sollte ich sagen: mein Gewissen zu erleichtern?), als die Ergebnisse der Lektüre vor allem denen mitzuteilen, die vielleicht immer noch glauben, dieser Autor hätte ihnen etwas für ihr Leben Unverzichtbares zu sagen, hätte gar etwas vorgedacht, das nachzudenken sich lohnen könnte.

    Der Anspruch des Autors ist, wie könnte es anders sein, der allerhöchste: eine neue Anthropologie muß her. Darunter geht gar nichts: Ich werde im folgenden die autoplastische Verfaßtheit der wesentlichen Humantatsachen zeigen. Mensch sein heißt in einem operativ gekrümmten Raum existieren, in dem die Aktionen auf den Akteur, . . . die Gedanken auf den Denkenden, die Gefühle auf den Fühlenden zurückwirken. (S. 174 f)

    Das Ergebnis ist überraschend banal: der Mensch sei ein Übender, als Übender schaffe er sich selbst und wachse als solcher über sich hinaus. Diesen dösigen Turnvater-Jahn-Gedanken möbelt der Karlsruher Geistesathlet durch ein philosophisch instrumentiertes Potpourri auf, satt gespickt mit Fundstücken aus der indoeuropäischen Geistesgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sie alle werden in den Sack einer sogenannten Anthropotechnik gequetscht (ein Wort, mit dem Sloterdijk schon einmal baden ging), unter Anrufung von Nietzsche als Schliemann der Askesen. (Wer aber mit Nietzsche begonnen hat, . . . kommt nicht umhin, das gesamte menschliche Feld im Licht der Allgemeinen Asketologie zu re-examinieren, deren Gegenstand, das implizite und explizite Übungsverhalten der Menschen, bildet den Kern sämtlicher historisch manifester Anthropotechniken . . . S. 174). Dieser kubistisch anmutende Arbeitswelt-Begriff aus den zwanziger Jahren, der Frühzeit einer blutrünstig-euphorischen Utopie des russischen Sozialismus ist am Ende schlicht mechanistisch zu verstehen (S. 59), eben als Üben oder Training oder entspiritualisierte Askese.

    Einerseits warnt der Karlsruher Denkasket, der sich hier als philosophischer Bundestrainer anbietet, vor dem Gespenst einer Wiederkehr des Religiösen, andererseits gibt es seiner Meinung nach gar keine Religionen, einerseits ist Sport wie vieles andere zur Ersatzreligion geworden, andererseits ist gerade das als eine der Zumutungen und Verirrungen der Modernen zu bewerten.
    Also, was denn nun? fragt man da, vor allem wenn Üben, Training, Askese die wesentlichen Mittel zur Verbesserung des Menschen sind, der, in Vertikalspannungen ausgerichtet, irgendwie eschatologisch nach dem Übermenschen schielt?
    Bald schwant uns, was gemeint sein könnte: wie der Heideggersche Mensch in der Sorge um das Sein zentriert ist, erarbeitet sich der Sloterdijksche die Energie zur Selbstheilung (salutogene Energie) durch die wiedergewonnene Erfahrung des Erhabenen als Übender. Seiltänzer, Hungerkünstler, Fußgeiger und Mundmaler sind die asketologischen Vorturner dieses akrobatischen Existenzialismus. Was nun dieses Erhabene aber im eigentlichen Sinne sein könnte oder sollte, bleibt selber numinos und vor allem transzendental verdunkelt: also de facto doch wieder religiös, und es erscheint im Ethischen, nicht im Ästhetischen. Darum auch der geborgte, neue kategorische Imperativ: Du mußt dein Leben ändern, oder: Metaphysik betritt das Haus des Seins durch den Dienstboteneingang.

    Meine Freunde, um deretwillen ich das Buch zu lesen hatte, rühmten den ungemein anregenden Überblick des Autors über weiteste Felder des Geistes und Denkens, und das ist wirklich offensichtlich: Sloterdijk hat sich bei vielen Autoren hemmungslos bedient, allen voran bei Nietzsche und Heidegger, wogegen nichts zu sagen wäre, im Gegenteil, er hat eben zuviel herumgelesen und exzerpiert und im Internet gewildert, und vor allem hat er es nach Art einer Ausweidung getan, will heißen: da plündert einer die Kleiderkammern des Geistes, um dann abzugreifen, was am besten auf den eigenen Leib paßt. Das Ergebnis gleicht monothematischen Sachbüchern nach Art von Horst-Eberhard Richter: Der Gotteskomplex oder Erich Fromm: Haben oder Sein, die in der Vorweihnachtszeit gern auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten stehen. Das Verfahren ist einfach: man schleudert eine beliebige These durch die philosophischen Waschtrommeln der Jahrtausende und verleiht ihr damit einen Glanz, den sie nie hatte, ja eine Art Weihe, man adelt sie, lenkt zugleich von der ursprünglichen Schlichtheit des Gedankens ab und verschleiert den Mangel eigener Ideen, bis die These reingespült im Licht fremder Gedanken als etwas Einzigartiges, scheinbar vollkommen Neues zu strahlen beginnt, bis sie den Schimmer eines Ureigenen, Unanfechtbaren annimmt, und was nicht paßt, wird passend gemacht. Der Karlsruher Gedankenwäscher beherrscht dieses Verfahren in hoher Perfektion, ja virtuos. Mit skrupellosem Griff in die Kassen dreier Jahrtausende Denkgeschichte deckt er die Bereiche Lebenshilfe und Sozialarbeit gleich noch mit ab. Wir ahnen: dies dürfte kein unwesentlicher Anlaß der gesamten Schreibunternehmung gewesen sein, denn der potentielle Leserkreis vermehrt sich damit sprunghaft, und darum ist auch der Titel wieder mal genial verkaufsfördernd gewählt.

    Ferner lobten meine Freunde das, was bei mir als enervierende Logorrhoe ankam, als meisterliche Sprachgewalt und hohe rhetorische Erfindungsgabe als kreatives Talent in der Erfindung origineller Begriffe und Neologismen, und auch in diesem Punkt muß ich wahrscheinlich zustimmen. Da lese ich z.B. prophetischer Elitismus, perspektivischer Naturalismus, prozeßtheoretischer Renaissancebegriff, epochale Drehung zur Explizitmachung des Latenten usw., die Aufzählung könnte beliebig verlängert werden.
    Ich finde sogar, daß der Karlsruher Geistesakrobat, hätte er nur die Absicht gehabt, als philosophischer Harlekin und geistiger Bodenturner aufzutreten, mir und vielen anderen durchaus Freude hätte machen können, auch wenn ich mir manchmal gewünscht hätte, er wäre vielleicht etwas weniger kreativ gewesen, weil wir bei ihm nicht sicher sind, ob so ein Wortspaß nur ein Spaß war, und nicht etwa eine hochwichtige Erkenntnis, deren tiefen Sinn wir nicht erfaßten, oder vielleicht doch nur eine ungewollte Stilblüte, oder Parodie, oder doch nur blanker Unfug, oder ob die vermeintliche Sprachgewalt (der Karlsruher Denkathlet nennt sie alternative Sprache) nicht Ausdruck einer unbeherrschten Eitelkeit ist, die uns in jeder Zeile sagt: dieser Autor will sich ganz nach oben gockeln, will uns eintrimmen, was für ein Pfundskerl er ist, einer, der sie alle toppt, koste es, was es wolle.
    Den Ausdruck alternative Sprache würden wir darum gerne durch neuen Jargon der Eigentlichkeit ersetzen, der eher ein Jargon der Uneigentlichkeit ist, und vielleicht nicht einmal ein Jargon, sondern ein ausuferndes, redundant assoziatives Plaudern von einer Analogie zur anderen mit magerem Unterhaltungswert ohne Erkenntnisgewinn.

    Wir sind im Umfeld des deutschen Hardcorephilosophie ja immer bereit, die Äußerungen eines öffentlich bestallten Schwerdenkers vom Typ Sloterdijk grundsätzlich und voller Bewunderung tiefernst zu nehmen, je dröhnender und wirrer uns dessen Glossolalie entgegenschlägt. Nehmen wir darum das verbale Tosen kurz noch einmal ernst. In der Einleitung ab Seite 21 skizziert der Karlsruher Übungsprophet einige für ihn bedeutsame Annahmen über das Immunsystem und behauptet, die biologische Evolution habe sich soziologisch und kulturell fortgesetzt und zu einer Aufstufung des Immunsystems geführt, nämlich zu sozio- und psycho-immunologischen Praktiken sowie einer dritten Immunitätsebene (kosmischer Immunstatus), dies sei vor allem der Stoff, aus dem die Anthropotechniken sind, also Werkzeuge und Mittel jenes über sich selbst hinausführenden Übens. Viele hundert Seiten später propagiert der Autor gar einen von ihm sogenannten Ko-Immunismus, ein besonders schräger Kalauer, ist er doch alternativ zum Kommunismus gemeint.
    Nichts anderes wird uns hier hingerieben als eine aufgebrezelte Variante jenes im Volksmund immer noch populären Sozialdarwinismus, der jederzeit erlaubt, ein Volk als Körper zu beschreiben samt zugehörigen Parasiten, die beseitigt werden müssen.
    Um ein tieferes Verständnis der Geistesbeute schert sich Sloterdijk kein Gramm. Brutal schlachtet er jeden Text für seine Zwecke nach Belieben aus, egal welcher Blödsinn hinten dabei rauskommt. Besonders bodenlos treibt er es mit Wittgenstein und der Sprachphilosophie, die er dem geistigen Stehenbleiben der Anglowelt nach 1945 zuschreibt. Wir schreiben diesen Ausspruch vor allem der völligen Schimmerlosigkeit der Karlsruher Nimrods und seiner mangelnden Kenntnis der englischen Sprache zu.

    Analogisierendem Metaphernhopping steht eben Tür und Tor offen, denn philosophischer Gehalt ist das eine, und Sprache das andere, und gerade in Deutschland gilt derjenige, der sich klar ausdrückt, vielleicht geschult an angelsächsischen Traditionen, oft als simpel oder banal, auf keinen Fall als philosophischer Lebenslehrer, während derjenige, der dunkel raunend im Ungefähren wabbelt, freudig in den Rang eines Magiers und Sehers befördert wird, als würde das gebildete Lesepublikum hierzulande nach diesem raunenden Ton sich geradezu sehnen, als wäre es von Unklarheit viel stärker beeindruckt als von Klarheit und gedanklicher Schärfe, und man hört dann oft das Argument, in der Unklarheit und im Nebel bleibe doch so viel Raum für eigene Gedanken. Möglicherweise geht es im Zusammenhang mit solchen Schriften ja gar nicht um Vorgänge des Denkens oder Verstehens, Erklärens oder Erkennens, sondern um Mitfühlen, Glaube, Anbetung, Gefolgschaft.
    Klarheit, Plausibilität oder einfache Nachvollziehbarkeit wären dann eher schädliche Eigenschaften eines solchen Textes, und das absichtsvoll Dunkle, Hermetische hätte auch noch den Vorteil, daß sein Autor sich damit unangreifbar machte, und sich jederzeit darauf berufen könnte, man habe ihn falsch oder überhaupt nicht verstanden.

    Nicht auszuschließen, daß wir falsche Erwartungen hatten. Dieses Buch in seiner Weitschweifigkeit und Lauthalsigkeit soll offenbar nicht das Musterbeispiel rationaler Erwägungskunst sein, das wir erhofft hatten. Viel besser paßt es in eine Konsenz- und Wohlfühlgesellschaft, die Rationalität haßt, und sich viel lieber mit Wundenlecken, Ayurveda und good vibrations verständigt, und dazu fügt sich bestens der Habitus des Autors als Guru.

    Die Reaktionen des Qualitätsjournalismus sprechen Bände. Unkritisches Lob und enthemmte Bewunderung dominieren. Nicht einer dieser Schreiber brachte den Mut auf, Sloterdijks neue Kleider als das zu beschreiben, was sie sind. Auffallend war jedoch, daß die meisten Blätter ihre B-Mannschaft auf den Rezensionsplan schickten, die Süddeutsche z.B. Jens Bisky, den wir sonst vornehmlich als Obmann für DDR-Fragen kennen. Entsprechend Unbedarftes hat er von sich gegeben.

    Sofern Fritz Gimpls bekannte Definition des Kitsches: das Nichts im Gewande des Scheins noch gültig ist, woran wir nicht zweifeln, stellen wir abschließend fest: Peter Sloterdijk hat eine neue Gattung des Kitsches kreiert: den Philosophiekitsch.
    Im Sinne Wolfgang Stegmüllers hat der Karlsruher Geistesmatador eine 5. Kategorie des diskursiven Nichtverstehens geschaffen, jene eines philosophischen Autismus, der nur noch sich selbst etwas mitteilen will, ohne zu wissen, um was es geht. Das ist am Ende auch eine Leistung. Für 24,80 € ist sie zu haben.

    © Benito Salvarsani & Lit-eX

    "Passionate Peace"

      euch allen zum neuen Jahr

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