Texterl zum Tage


Gute Musik muss sich immer dort befinden: auf der Kante, zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten. Und man muss sie ständig ins Unbekannte vorantreiben, sonst verkümmert sie und man selbst auch.

Wem’s hier gefällt…


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Plugin von Oliver Schlöbe

Beim Echo Jazz darf ein Akkordeonvirtuose aufs Stockerl

Zu den mächtigsten Medien-Lobbyisten der deutschen Kulturindustrie gehört die Deutsche Phono-Akademie, die sich selbst gern öffentlich als ‘Kulturinstitut’ stilisiert, aber nur aus einem Häuflein bezahlter Marketingvertreter der kommerziellen Musikwirtschaft besteht. Ihr werbewirksamstes Instrument ist die jährliche Ausrichtung und Verleihung des Musikpreises Echo, der in der Sparte Pop seit 1992, für Klassik seit 1994 und für Jazz seit 2010 vergeben wird. Da der Echo Pop sich nur an Verkaufszahlen und Chartplatzierungen in Deutschland orientiert, wurde dafür auch zweimal, quasi automatisch, die umstrittene rechtslastige Südtiroler Band “Frei.Wild” für die Rubrik “Rock/ Alternative” nominiert und erst nach Shitstorms wieder ausgeladen bzw. zum Rücktritt veranlasst. In den Sparten Klassik und Jazz wäre so etwas ziemlich unwahrscheinlich, denn die haben immerhin Aufpasser in Form einer Alibi-Jury, die “nicht nur Weltstars für ihre musikalischen Leistungen auszeichnen, sondern auch herausragende junge Talente mit der Auszeichnung fördern” will. Wobei diese “jungen Talente” allesamt schon vorher mit Bepreisungen und Medienreputation gesegnet sein müssen, um vor diesem Götzenaltar in Dankbarkeit niederknien zu dürfen. Dieses, von musikästhetischen Kriterien ziemlich unbeleckte Selbstbeweihräucherungssystem taugt nicht allen Jazzern (die’s mit gesellschaftlichen Reputationsmechanismen meist eh nicht so haben) und so gabs auch schon Verweigerer wie etwa 2011 den Komponisten und Jazzproduzenten Manfred Eicher, der mit der Begründung ablehnte, diese Preisverleihung konterkariere die Wahrnehmung seiner Tätigkeit als Musikproduzent “nicht nur an Witz, sondern allen Ernstes.” Oder, mit Kurt Tucholsky gesagt: “Je preiser gekrönt, desto durcher er fällt…”

Etablierte Künstler wie Eicher können sich das freilich leisten (auch im materiellen Sinn), doch für das Gros der Jazzer ist ihr Berufsalltag eine recht prekäre Angelegenheit. So ist es verständlich, dass jeder Honigtopf umschwirrt wird, und auch wer nicht selber direkt daran naschen kann, erhofft sich doch etwas mehr öffentliche Aufmerksamkeit für seine Herzensangelegenheit Jazz – auf dass irgendwann bei Club-Gigs dann vielleicht vor 80 statt vor 40 zahlenden Gästen gespielt werden kann.

Vincent Peirani & Emile Parisien

Vincent Peirani & Emile Parisien

Nun wird dieser Echo Jazz 2015 am 28. Mai wieder verliehen (in Hamburg), und im Gegensatz zum ESC (der heute Abend in Wien ausgetragen wird) stehen die Preisträger schon fest. Keine Überraschung, dass der Liebling der Musik-Feuilletons und Verkaufsgarant Michael Wollny (Klavier) erneut ausgezeichnet wird, wenig Überraschungen auch bei den anderen Ausgezeichneten – kleine Überraschung aber dann doch, dass mit dem Franzosen Vincent Peirani erstmals ein Akkordeonist aufs “Stockerl” darf, zusammen mit seinem langjährigen Saxophon-Partner Emile Parisien.

Das Akkordeon hat sich ja schon lange aus der folkloristischen Ecke emanzipiert, in der Spielart des Bandoneons etwa auch im Jazz-Tango (Astor Piazolla, Dino Saluzzi et al.) und kann sehr percussiv eingesetzt werden (auch der Instrumentalkörper selbst!), was sowohl solistisch als auch im Ensemblespiel die mikro-rhythmischen Ausdrucksmöglichkeiten enorm erweitert. Gleichzeitig ist das Akkordeon schon ein Orchester für sich mit Melodie-, Harmonie- und Bass-Section, und wie der Peirani das um- und einsetzt, hört ihr in den folgenden drei – stilistisch sehr unterschiedlichen – Livestückerln.

 

Hier bei einem rumänischen Folk-Medley mit dem Cellisten François Salque:

Da interpretiert er zusammen mit Saxer Parisien eine Komposition des Jazzmusikers Sidney Bechet:

Und bei jenem improvisert er “hypnotic” mit dem jungen ‘Shooting Star’ Michael Wollny:

Sehr empfehlenswert auch dieses Kulturzeit-Portrait von Vincent Peirani

wf

Vom Wertewandel der Arbeit

Das Arte-Kulturmagazin “Tracks” widmet dem Thema ein Special

Was können wir uns unter dem Begriff der “Arbeit” in Zeiten ihres radikalen Wandels eigentlich noch vorstellen? Wohl kaum noch das Auslaufmodell der produktionsorientierten und zeitlich starr geregelten Erwerbstätigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltssicherung, welches durch das Scientific Management des Taylorismus  und die Effizienzlogistik des Fordismus geprägt war. Wenn stattdessen die Industrieverbundanlage 5.0 sich demnächst ihrer störanfälligsten Teile entledigt und ebendiese Menschlein nach Hause schickt, auf dass sie sich dem Marx’schen Freizeitideal hingäben um “morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe“. Wobei natürlich Jagen, Fischen, Viehzucht durch Facebooken, online-Shoppen und 3-D-Druckerbasteleien ersetzt werden dürfen.

Nun gibt es weltweit etliche Think Tanks, die diese Veränderungsprozesse zu anlysieren versuchen und auf ihre utopischen wie dystopischen Perspektiven hin ausleuchten, darunter Institutionen wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit ihrem eher biederen Dialogprozess Arbeiten 4.0 oder ‘Qualitäts-Medien’ wie die SZ in Reportagen über die “Zukunft der Arbeit“. Auch in der Philosophie war und ist (nicht nur bei Marx) die Arbeit als Konstante des menschlichen Daseins ein Thema. Bei den alten Griechen galt die physisch-handwerkliche Tätigkeit als unvereinbar mit dem Ideal der geistig-kontemplativen Muße als Grundbedingung für eine „bewusste schöpferische Auseinandersetzung mit der Natur und der Gesellschaft“ (Platon), was sich in einer Sklavenhaltergesellschaft ja locker so formulieren ließ. Ganz anders dann in der protestantisch-calvinistischen Arbeitsethik, aber auch bei Kant, Herder, Hegel u.a., als das Arbeiten zur sittlichen Pflicht erhoben wurde. In der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ wird sogar ein Recht auf Arbeit eingefordert. Dass dieses Recht aber eines Tages aufgrund der fortschreitenden Automatisierung obsolet werden könnte, haben Manche schon früh vorausgeahnt. So schrieb etwa Hannah Arendt in ihrem Werk „Vita activa oder vom tätigen Leben“ bereits 1958: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“

logo arte tracksWarum ich für euch zu diesem Thema nun einen aktuellen Beitrag des Arte-Kulturmagazin “Tracks” ausgewählt habe, liegt auch daran, dass die Sendung hier wieder mal lobend erwähnt werden soll. Denn deren Selbstbelobigung als “radikales, avantgardistisches Popkultur-Magazin auf der Spur von Zeitgeist, Lebenswelten und künstlerischen Erfahrungen” ist so falsch nicht, weil  es als Seismograph der kulturellen Drift taugt, oft Trüffeln abseits des Mainstream ausgräbt und interessantes Material für Cultural Studies liefert, nicht nur in Sachen Musik, auch zur weltweiten Off-Theater-, Dance- und Performance-Szene, Malerei & Graffitti, Videokunst, und eben wie hier zu soziokulturellen Themen.

Angenehm auch, dass dabei keine eitlen Moderatoren-Selbstdarsteller ihr Danning-Kruger-Syndrom zur Schau stellen wie in manch anderen Kulturmagazinen, sondern dass der leicht ironische Kommentatorinnensound und die teilweise schrägen Künstler-Interviews erst gar keinen Verdacht von Bildungsbürgeranbiederung aufkommen lassen. Eine reine Jugendsendung also? Ganz klares “Ja”, wenn man unter Jugendlichkeit die (altersunabhängige) Neugier auf Unkonventionelles und den Spaß am Freakigen versteht – auch wenn man dabei nicht alle dort präsentierte “Kunst” toll finden muss.

In diesem Arbeit-Special ist der norwegische Philosoph Lars Svendsen, der sich passenderweise mit einer “Kleinen Philosophie der Langeweile” seine philosophischen Meriten verdient hat, zu Gast und es gibt natürlich ein paar amüsante Gschichterl rund um neue Arbeits- und Selbstverwirklichungsformen.

 

(Leider durfte der Film in Arte+7 aus medienrechtlichen Gründen nur bis 10.5. vorgehalten werden – obwohl dessen Produktion aus öffentlich-rechtlichen Kassen, also von uns allen, finanziert wurde…)

 

Wahrscheinlich wir werden nicht drumrumkommen, uns über eine gesellschaftlich notwendige Umverteilung der Wertschöpfung durch nichthumane Produktion ernsthaft Gedanken zu machen, etwa in Form eines Grundeinkommens für Alle – womit wir wieder bei Marx und Platon, allerdings ohne menschliche Sklavenarbeit, angekommen wären und uns endlich anständiger Arbeit widmen könnten, wie sie der gute Ludwig Hohl im Sinn hatte: “Arbeiten ist nichts anderes als aus dem Sterblichen übersetzen in das, was weitergeht.”

wf

Hilft der Leipziger Buchpreis der Lyrik-Szene?

Als der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer, der vergangene Woche im Alter von 83 Jahren starb, für sein schmales Œuvre 2011 den Literaturnobelpreis erhielt, war das gar nicht mal soo sensationell, denn die Kunst der ‘kleinen Form’ galt dem schwedischen Kommittee schon lang als preiswürdig, unabhängig von Massengeschmack und Marktkonformität. Schon vorher wurden Autor:innen wie Nelly Sachs, Jaroslav SeifertWisława Szymborska und einige mehr explizit für ihr lyrisches Werk ausgezeichnet, und etliche andere Poeten, wie etwa Bob Dylan, regelmäßig als Preiskandidaten gehandelt.
In unserer nationalen Literaturlandschaft tat man sich dagegen bisher schwer mit der Vergabe fetter und publikumswirksamer Lit-Preise an Lyriker:innen. Zwar sind unter den 1001 deutschen Literaturpreisen einige speziell für die Poetenzunft vorgesehen und innerhalb dieses soziokulturellen Milieus auch teilweise sehr begehrt, weil mit Renommée und etwas Taschengeld verbunden, doch in der öffentlichen Wahrnehmung (und in Sachen Verkaufszahlen) führt die moderne Lyrik in ihrer phänotypischen Vegetationsform normalerweise ein Mauerblümchendasein; Poesie hat auf dem Buchmarkt ein ähnliches Standing und mit den gleichen Ressentiments zu kämpfen wie der Jazz im MusikBizz, als vermeintlich elitäre, schwer zugängliche und manchmal theorielastige Insider-Veranstaltung.

jan_wagnerMan könnte also glauben, es herrsche unter Lyrikern und Lyrikfreunden nun allgemeines Frohlocken über den warmen Regen der Aufmerksamkeit, den die Verleihung des diesjährigen Leipziger Buchpreises an Jan Wagner für seinen Gedichtband “Regentonnenvariationen” so unerwartet beschert hat, zumal dieser Preis in der Rubrik Belletristik bisher ausschließlich an Romanwerke gegangen war. Doch schon die Nominierung Wagners hatte nicht nur für Zustimmung in der Szene gesorgt, wenn man der taz glauben darf. Warum gerade der und nicht jemand mit mehr ‘Biss’? Soll gar mit dieser Wahl der Eindruck erweckt werden, feinziselierte Naturlyrik sei nun State of the Art und die Avantgardisten & Revoluzzer nur mehr Marginalien? Soll mit diesem Rückzug ins Beschauliche eine mögliche sprach- und denkbewegende Brisanz von Lyrik entschärft werden?

Diese Debatte spiegelte sich auch in unterschiedlichen Rezeptionen in den ‘Qualitätsmedien’ wider, zwei konträre Positionen hab ich euch dafür exemplarisch herausgesucht. So reagierte Wiebke Porombka in der ZEIT mit einigem Wohlgefallen auf die “Regentonnenvariationen”. Ihr gefällt besonders, dass Jan Wagner “… jemand ist, der die klassischen poetischen Formen wie wenige andere beherrscht, der sich aber auch nicht scheut, diesen mit einer gewissen Ironie zu begegnen.”

Den Gegenpol bilden Stimmen wie die eines Georg Diez in Spiegel online: “Hier feiert jemand das ganz, ganz Kleine, das Superprivatistische, die Landlust und Versenkung, Verklärung, Verkitschung der Natur auf eine so humorlose und formal öde Art und Weise, dass Langeweile schon gar kein Wort mehr ist, das sich auf diese Gedichte anwenden lässt.”
Wer gern seinen Ruf als bissiger Hund verteidigen möchte, dem mag so eine Kläfferei ja gut zur Rute stehn; allerdings zeugt es von einiger poetologischen Unbedarftheit, Wagners Lyrik so zu dissen, denn da haben sich diesem Rezensenten wohl das Schalkhafte, Parodistische, die Musikalität dieses Poeta ludens nicht offenbart (ja mei, die Lyrik gibt sich eben nicht jedem Grobklotz hin).

Dabei ging es der Leipziger Jury wohl in erster Linie darum, dem vernachlässigten Genre Lyrik allgemein mehr Aufmerksamkeit zu bescheren, und Jan Wagner war halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nicht ganz zufällig versteht sich, denn schon vorher hatten die literarischen Reputations-Automatismen auch bei Wagner die Spirale der Bepreisungen in Gang gesetzt, sein Körbchen hatte sich im Lauf der Jahre gefüllt, und wie aus Leipziger Quelle kolportiert wurde, war von den Verlagen gar keine andere Lyriker:in zur Nominierung “eingereicht” worden. Beim Buchpreis für Wagner trafen also ein wenig Glück und beharrliche Arbeit, die Kontingenz und das Prozesshafte zusammen – wie bei jeder ‘Revolution’. Und so sieht auch Wagner selbst seine Auszeichnung, frei von zur Schau gestellter Eitelkeit, nicht allein auf sein Werk bezogen, sondern als symbolische Anerkennung für das allgemeine Aufblühen in all den so vielfältigen Lyrik-Gärtchen, der vielen Lyrik-Communities, die sich auf Web-Plattformen, in Anthologien und Kleinverlags-Publikationen in Szene setzen – wobei sie sich die meisten Büchlein gegenseitig abkaufen, weil sonst kaum jemand Notiz davon nimmt.

Und dort gedeiht neben vielen anderen Pflänzchen eben auch noch die gute alte Naturlyrik, die allerdings in ihren gepflegteren Erscheinungsformen unsere Wahrnehmung und unser Denken ebenso schärfen kann wie andere Arten des ‘verdichteten’ Erzählens. Oder, wie es die Jury in diesem Fall ausdrückte: “Ein Gedichtband, in dem die Regentonne zur Wundertüte wird, der Giersch zur Gischt, Unkraut und unreiner Reim ihren Charme entfalten und die Lust am Spiel mit der Sprache vor den strengen Formen nicht Halt macht: Lyrik voller Geistesgegenwart.” Und weil die Naturlyrik als Gegenwart des Geistes die phänomenologische Erfassung der Welt transzendiert, gehört sie zu den vielen Strings unserer kulturellen Evolution – schon seit damals, am Lagerfeuer in der Höhle, you remember?

Damit ihr euch selber eine Vorstellung machen könnt, von welcher Art Wagners Naturlyrik ist, hier das am häufigsten vom Autor selbst auf diversen ‘Blauen Sofas’ vorgetragene Gedicht:

Jan Wagner: giersch

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch schier
überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

(weitere Texte aus den “Regentonnenvariationen” hier im PDF des Hanser-Verlags, einige ältere Texte findet ihr auf Jan Wagners Autorenseite im Poetenladen)

Es ist gar nicht nötig, das große Besteck einer Kollegstufen-Gedichtinterpretation auszupacken um zu erkennen, dass sich Sound und Groove dieses Sonetts angenehm abheben von dem üblichen Naturkitsch, wie er bei den meisten gutgemeinten Poesie-Vorleseabenden von Volkshochschulen, Literaturkränzchen und ‘engagierten’ Buchhandlungen auf der Karte steht; dort wird überwiegend “Apothekerlyrik” (Ludwig Hohl) verkostet, bei der es auf eine beschaulich-nette Stimmung, gewürzt mit der einen oder anderen frivolen Pointe, ankommt und wo es die paar anwesenden Institutionsmitarbeiterinnen und Autorenbekanntschaften nicht weiter stört, wenn der Trocchäus alle Nas lang über eine unbeabsichtigte Synkope stolpert.

Wenn sich nun von Wagners Preis aber jene Art von Gedichtproduktion und -rezeption bestärkt fühlte, hätte dies der anspruchsvolleren Lyrik, dieser introvertierten Schwester der Philosophie, einen Bärendienst erwiesen. Dann behielten die Kritiker recht, die eine mit dieser Preisvergabe einhergehende psychologische Wirkung auf ‘Nachwuchsdichter’ und die verlegerische Lyrikpolitik befürchten, nämlich in die Richtung, dass auch in der Poesie (wie im Unterhaltungsroman) eine leicht zugängliche Sprachattitüde und inhaltliche Konsensfähigkeit den Erfolg befördere.

Deshalb sollten nun erst recht die sprach- und formbewussten, die avantgardistischen und gesellschaftskritischen Dichter aus ihren hermetischen Gärten treten und ihre so unterschiedlichen Pflänzchen, auch die anspruchvollsten Mauerblümchen,  zu Markte tragen – und die Marktaufseher, sprich: die reichweitenstarken Medien, dafür öfter mal gut sichtbare Plätze bereit stellen. Lyrikvermittlung ist auch ein pädagogisches project in process. In diesem Sinn ist Jan Wagner ein opener.

Und was ist mit den vielen intellektuellen Lyrik-Abstinenzlern, die sich auf Adornos Diktum berufen „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“?  Man kann ihnen Adorno selbst entgegenhalten, der diese Aussage in der dialektischen Manier Hegels später selbst revidierte, auch in seiner Ästhetischen Theorie, und im Gedicht die Möglichkeit gesellschaftlicher Wirkung sah:

“Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwerer er lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heteronomen sich beugt und sich gänzlich nach dem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. [Hervorhebung vom Blogautor]
Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt des Lebens sich entfaltet hat.”

(aus: Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt/M. 1981, S. 51 f.)

An dieser Stelle erreichen wir die Grenze der Explikationsmöglichkeiten, die ein einzelner Schnipsel-Blogpost zum Thema Lyrikproduktion und -Rezepzion leisten kann, aber für Alle, die sich gern noch mit weiteren Facetten zu diesem Thema beschäftigen wollen, hier noch zwei Empfehlungen:

  • Walter Delabar untersucht anlässlich dieser Leipziger Buchpreisverleihung in einem Literaturkritik-Essay  die Relevanz beziehungsweise Irrelevanz der zeitgenössischen Lyrik
  • und Bersarin umkreist die Frage, ob und wie man zu einem ästhetischen Urteil in Kunst und Lyrik gelangen kann,  im Blog “AISTHESIS”

Und dann lehnen wir uns mal zurück und lesen Tomas Tranströmer mit seinen lakonisch verdichteten Bild-Miniaturen, die weder Natur- noch Liebeslyrik, weder Gesellschaftskritik noch Avantgarde und gerade deshalb all dies gleichzeitig sind – Zen.

wf

 

Lösung des Neujahrsrätsels 2015: mit Logik oder klingonischer Zahlenmagie

Ach ne, Leute, das kann doch nicht so schwierig gewesen sein, dass zu unserem Neujahrsrätsel diesmal nur 7 richtige Lösungen (aber etliche falsche) eintrudelten! Sogar der Syrakuser Getreidehändler hat ja letztlich kapiert, wie er mit nur 4 Gewichten alle Mengen von 1-40 kg auf seiner Balkenwaage auswiegen kann. Und da konnte man sogar auf zwei verschiedenen Wegen draufkommen.

1) Der ‘normale’ Lösungsweg geht etwa so:

Auf einer Balkenwaage kann man ja die Gewichte in beiden Waagschalen platzieren, also nicht nur addieren, sondern auch subtrahieren. Klar ist auch, dass ich auf jeden Fall ein 1 kg Gewicht brauche (für die kleinste Menge). Um nun 2kg Getreide auszuwiegen, kann ich schon 3kg auf die Mess- und 1kg auf die Getreide-Seite legen. Da ich ja nun schon 4kg zum Addieren/Subtrahieren hab, kann ich zur Wiegung von 5-13kg ein 9-kg-Gewicht dazunehmen. Für kg 14 kann ich dann schon ein 27er einbaun, da ich ja bis zu 13kg abziehen kann.
Et voilà: 1 + 3 + 9 + 27 = 40 – und alle ganzzahligen Mengen von 1-40 lassen sich durch die richtige Gewichtsplazierung damit berechnen, wie Ihr durch Ausprobieren leicht nachvollziehen könnt.

2) Für Mathe-Magier, die mit der klingonischen Algebra vertraut sind, hätte sich auch der folgende Lösungsweg angeboten:

Wenn man wie oben voraussetzt, dass ein 1kg-Gewicht auf jeden Fall erforderlich ist, bleiben 39kg übrig. Und diese 39 ist ja eine der Zauberzahlen aus der klingonischen 3er-Kombinatorik, denn siehe: 39 ist durch 3 teilbar, die beiden Ziffern selbst auch; deren Abfolge ergibt sich aus der Potenzierung der ersten Ziffer 3 / 3² , folglich erfordert der zugrunde liegende klingonische Algorithmus nun die 3³, was ja unsere 27 ergibt. Die Summe der Ziffern-Faktoren 3 + 3² + 3³ ergibt wieder 39!
Tricky, was? Das Lösungsergebnis ist, das beiseitegelegte 1kg hinzugenommen,  dasselbe wie unter “1)”

Na gut, ich geb zu, beide Lösungswege fallen den meisten wohl nicht en passant in die Augen, aber ihr wisst ja: in diesem Blog gibts nix ohne ein wenig geistige Mitarbeit geschenkt ;-)

Und für diese geistige Mitarbeit wurden auch diesmal von unserer Los-Fee wieder drei GewinnerInnen aus dem Email-Packerl gezogenen: Sebastian Adammek (Bissendorf), Magda Straub (Wien) und Christian Wahrheit (Ostrhauderfehn). Gratulation – die CDs werden in den nächsten Tagen bei euch eintreffen.

Wer sich übrigens selber eine kleine, hierher passende Rätselstory ausdenken und uns zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ Buch- oder CD-Belohnung und wird natürlich als Gastautor ‘verewigt’ ;-)

wf

 

Neujahrsrätsel 2015: Die Gewichte des Archimedes

Bestimmt habt ihr alle schon mal von dem großen Mathematiker und Erfinder Archimedes gehört, der im 3. Jahrhundert v. Chr. im sizilianischen Syrakus lebte. Er war schon zu Lebzeiten ein berühmter Mann, nicht zuletzt, weil er allerlei effektive Kriegsgeräte zur Verteidigung von Syrakus gegen die römische Belagerung im Zweiten Punischen Krieg entwickelt hatte.

Archimedes hebelt die Welt aus

Archimedes hebelt die Welt aus

Zudem erfand er die archimedische Schraube, formulierte die Hebelgesetze (“Gib mir einen Punkt, wo ich sicher stehen kann, und ich bewege die Erde”), konstruierte die “Syrakusa”, das größte Schiff der antiken Welt, entwickelte das erste mechanische Planetarium und gilt auch als Erfinder einer Dampfkanone.
Vor allem aber beschäftigte er sich mit mathematischen Problemen (etwa der Quadratur des Kreises), sogar noch im Angesicht des Todes, als er beim Zeichnen geometrischer Figuren von einem römischen Soldaten entdeckt wurde. “Störe meine Kreise nicht!”, soll er seinem Mörder noch zugerufen haben – vergeblich, weil sich die rohe Gewalt der Unbildung von geistiger Größe ja nicht beeindrucken lässt.

 

Archimedes’ Fähigkeiten als Mathematiker waren in Syrakus allgemein bekannt, und so kam eines Tages ein Getreidehändler mit Bitte um Rat zu ihm.
“Höre, Archimedes! Jeden Tag verkaufe ich auf dem Markt mein Getreide, das ich für die Kunden mit einer Balkenwaage abwiege, in unterschiedlichen Mengen von 1-40 Kilogramm. Dafür muss ich jeden Tag eine Kiste mit vielen unterschiedlichen Gewichten zum Auswiegen mitschleppen. Nun ist es mir lästig, mit so vielen Gewichten hantieren zu müssen; gibt es nicht eine Möglichkeit, mit einer geringeren Anzahl von Gewichten diese Wiegungen durchzuführen?”

Archimedes dachte einen Moment nach, dann entfuhr ihm sein berühmtes “Heureka!” und er nannte dem Händler eine Lösung für sein Problem. Der gute Mann konnte zunächst kaum glauben, dass er künftig nur noch so wenige Gewichte mitzuschleppen habe, rechnete aber selber alle damit möglichen Wiegungen von 1-40 kg nach, staunte nicht schlecht und bedankte sich bei Archimedes mit einem ganzen 40kg-Sack Getreide.

Frage an Euch: Mit wie wenigen und welchen Gewichten ist es möglich, auf einer Balkenwaage alle ganzzahligen Mengen von 1 – 40 kg auswiegen?


Wer meint, die richtige Lösung ausgetüftelt zu haben, kann sie uns wieder per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden diesmal drei Musik-CDs verlost (nach Wahl Modern Jazz oder Indie-Rock – bitte auf Lösungs-Mail entsprechende Vorliebe angeben, ebenso wie die postalische Adresse für eine mögliche Gewinnzusendung).
Einsendeschluss ist der 31. Januar 2015.

wf

 

Besser bloggen mit Karl Kraus

Die Medienschelte ist so alt wie die Medien selbst, und häufig gab und gibt es auch berechtigten Anlass dazu, wenn monetäre oder ideologische Verstrickungen zwischen Journalisten und den Spin Doctors von Politik/ Wirtschaft/ Religion/ etc. ruchbar werden. Aber oft genug müssen “die Medien” pauschal als Projektionsflächen für Verschwörungstheoretiker herhalten, die Alles für bedrohlich und böse halten, was jenseits ihrer geistigen Kleingartenhecke geschieht, weil sie über die ja nicht hinaussehen können und folglich nur über ein imaginiertes ‘Weltbild’ mit unterkomplexen Erklärungsmustern verfügen.

Karl_Kraus

Karl Kraus

Ein geistiger Kleingärtner oder Verschwörungstheoretiker war der Wiener Satiriker Karl Kraus (1874-1936) bei seinem lebenslangen Kreuzzug gegen die „Pressmaffia“ allerdings ganz & garnicht, und meist gründete er seine polemischen Attacken auf beweisbare Tatsachen. So wies er etwa die Zahlung sogenannter „Pauschalien“ von etlichen Wirtschaftsunternehmen an Zeitungen nach, wodurch in mehreren Fällen deren positive Berichterstattung erkauft und Kritisches unter den Redaktionstisch gekehrt wurde. Belastbares Beweismaterial war auch nötig angesichts der vielen Verleumdungsklagen, denen er sich vor Gericht stellen musste, von denen er aber auch einige selbst gegen seine Gegner anstrengte, immer wieder erfolgreich. Kraus, der neben Philosophie und Germanistik auch Jura studiert hatte, konnte sich die Prozessiererei als wohlsituierter Erbe einer jüdischen Kaufmannsfamilie leisten, ebenso wie die Finanzierung der 1899 von ihm gegründeten Zeitschrift “Die Fackel”.

Man kann sich Die Fackel konzeptionell wie ein kultur- und medienkritisches Blog-Projekt vorstellen, bei dem von 1899 bis 1936 insgesamt 922 „Nummern“ (über 20.000 Seiten) in unregelmäßiger, zwangsloser Folge erschienen, wobei Kraus meist mehrere ‘Postings’ zu einem Heftchen mit rotem Umschlag (etwa im Format DIN A 5) zusammenfasste. War Die Fackel in den ersten Jahren noch ein ‘Community-Projekt’ mit diversen Gast-AutorInnen wie Peter Altenberg, Else Lasker-Schüler, Egon Friedell, Erich Mühsam oder Frank Wedekind und mit ähnlichen Zeitschriften wie etwa der satirischen Weltbühne vergleichbar, wurde sie ab 1912 von Kraus allein geschrieben und herausgegeben. Und er nahm dabei weder Rücksicht auf sein eigenes ‘Ansehen’ in der Wiener Gesellschaft noch schonte er seine ausgemachten, oftmals mächtigen Gegner von Rang & Stand. Solche Frechheit spricht sich rum im Volk, und so hatte Kraus auch bald volle Säle bei seinen berüchtigten Vortragsabenden (er brachte es auf exakt 700 Auftritte), die von Zeitgenossen als rhetorische Glanzleistungen geschildert wurden. Zu den Highlights seines Programms zählten wohl die selbstgebastelten Schmäh-Stückerl wie etwa das »Schoberlied«, in dem er den Rücktritt des Wiener Polizeipräsidenten Schober wegen Unfähigkeit forderte (nach der Melodie »Üb immer Treu und Redlichkeit«). Und hinterher gleich der obrigkeitshörigen Justiz eins auf die Mütze: »Die bloße Mahnung an die Richter, nach bestem Wissen und Gewissen zu urteilen, genügt nicht. Es müssten auch Vorschriften erlassen werden, wie klein das Wissen und wie groß das Gewissen sein darf.«
Die Einnahmen aus seinen Lesungen spendete Kraus fast ausnahmslos für gemeinnützige Zwecke.

Seine Hauptangriffsziele aber waren Phrasendrescherei und Sprachverlotterung (“Der falsche Gebrauch von Sprache produziert auch falsche Wahrheiten”), die verfilzte Wiener Literatur-Schickeria und immer wieder die “meinungsmanipulierende Lügenpresse”, die er auch wahlweise mit Kosenamen bedachte wie „Pressköter“, „Tintenstrolche“, “geistige Jauche”, „Fanghunde der öffentlichen Meinung“, bevorzugt aber als „Journaille“ (dieser Schmäh stammt wohl aus der Wiener Theaterszene, aber K. hat Die Journaille 1902 als Überschrift des Fackel-Artikels „Die Verwüstung des Staates durch die Pressmaffia“ allgemein bekannt gemacht).

Trotz seiner zeitweiligen Popularität war sich Kraus der beschränkten (weil intellektuell zu anspruchsvollen) Wirkmöglichkeiten seiner Kunst bewusst: “Mein eigentlicher und einziger Erfolg besteht darin, die Welt, in die einzudringen mir von Natur verwehrt ist, hinreichend unsicher gemacht zu haben“ und gab sich selbstironisch: “Das gesunde Prinzip einer verkehrten Lebensweise innerhalb einer verkehrten Weltordnung hat sich an mir in jedem Betracht bewährt” (ja genau, Adorno gehörte später zu den Bewunderern von Kraus).

karl kraus - die fackel

eine meiner Original-Fackeln

Heutzutage ist manches von Kraus schwierig zu verstehen, wenn man nicht über Insider-Kenntnisse der damaligen gesellschaftlich-politischen Verhältnisse in Wien (nebst den zugehörigen Namen) verfügt. So ging es kürzlich auch Jonathan Franzen bei der Arbeit an seinem Buch The Kraus Project: “Bei Kraus war schmerzhaft, dass wir bei einigen Sätzen auch zu dritt keinen blassen Schimmer hatten, was sie bedeuten – mir haben ja zwei Kraus-Spezialisten bei den Fußnoten geholfen: mein Freund Daniel Kehlmann, der österreichische Schriftsteller, und Paul Reitter, ein Literatur-Professor von der Universität Ohio.” (Interview mit Franzen im SZ-Magazin).
Möglicherweise war Kraus’ literarisch ausgefeilte Polemik für diese drei Herren aber auch einfach etwas zu anstrengend, wie Franzen selbst einräumt: “Kraus’ Texte, die anfangs undurchdringlich scheinen, geben dem Leser bei jeder Lektüre ein wenig mehr preis, bis am Ende fast alles guten, klaren Sinn ergibt. Es ist, als würde man ein Puzzle lösen. Und Kraus’ furchteinflößende formale Strategie passt gut zu seinem Genre. In einem Roman wäre ein solches Maß an Undurchdringlichkeit nur schwer zu tolerieren…” (im Interview von Franzen in der “Welt”).
Es muss uns aber nicht wirklich interessieren (und wir müssen es auch nicht glauben), warum Franzen behauptet, dass die Kraus’sche Polemik für seinen eigenen Werdegang als Schriftstellers so bedeutend gewesen sein soll („Mich hat seine Wut beeindruckt. Er hat mich gelehrt, wie man eine Seite mit wütender Satire lebendig macht.“ – äh, wo jetzt nochmal bei Ihnen, Herr Franzen?). Aber immerhin beruft er Kraus als Zeugen für kritische Wachsamkeit gegenüber blindem Internet- und Medienkonsum und deren Manipulationspotential: „In Amerika hätte man einen Karl Kraus gebraucht, als die Bush-Regierung in einen sinnlosen Irak-Krieg zog. Die Medien haben in dieser Zeit extrem manipulativ berichtet.“
Allerdings verweigert Franzen als rigoroser Internetkritiker die naheliegende Spekulation, dass Karl Kraus seinen Job heute höchstwahrscheinlich als reichweitenstarker Blogger erledigt hätte…

So scheint mir an Franzens “Kraus Projekt” das Wichtigste die dadurch erreichte rezeptive “Wiedererweckung” des Satirikers zu sein, und auch wenn man einige seiner gelegentlich pathosgeladenen Tiraden und Szene-Beschimpfungen heute als ziemlich überzogen belächeln mag, bleibt seine sprachliche Kunstfertigkeit und Wortschöpfungskraft eine Inspirationsquelle für alle, die sich und ihren Lesern einen intellektuellen Spaß gönnen wollen bei der Unterminierung normalsprachlicher Erwartungshaltungen und der Verfertigung nachhaltiger “Erledigungen”.

Zum Anlesen empfehle ich Euch die geprüfte Auswahl seiner Aphorismen in der Kraus-Wikiquote, und wer dann auf den Geschmack gekommen ist, kann sich alle Ausgaben der Fackel als Digitalisat sowie Volltext im “Austrian Academy Corpus” (kostenlose Registrierung erforderlich) runterziehen.  Und wer’s gern mal haptisch hätte, kann bei einem (bitte vorangekündigten) Besuch bei mir auch gern mal in ner Original-Fackel blättern und so etwas direkter an Kraus’ Aura schnuppern…

Neben der Herausgabe der Fackel und den satirischen Lesungen schrieb Kraus einige längere Essays (als Sonderdrucke, später gesammelt in Buchform) und das als unspielbar geltende Theaterstück “Die letzten Tage der Menschheit”, eine „Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog“. Für den Pazifisten Kraus war der Wahnsinn des 1. Weltkrieges nicht mehr mit den Mitteln der intellektuellen Polemik kritisierbar, so dass er die Unmenschlichkeit und Absurdität in über 200 nur lose zusammenhängenden Szenen, die auf wahren Quellen beruhen, als Realsatire darzustellen versuchte. Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, nämlich in der Auslöschung der Menschheit durch den Kosmos; die Menschheit habe sich des Lebens auf der Erde als unwürdig erwiesen, indem sie all diese Grausamkeiten zugelassen hatte. Und am Ende tritt Gott auf mit den Worten “Ich habe es nicht gewollt!” – Geschichtskenner wissen, dass es sich dabei um einen O-Ton von Kaiser Wilhelm II. handelt…

Wegen der enormen Gesamtlänge und der Vielzahl der auftretenden Figuren wurde das Drama bisher noch nie ganz in einer Aufführung auf die Bühne gebracht, doch es gab etliche Versuche von Teil-Aufführungen und eine Reihe szenischer Lesungen. Weil dabei einige der auftretenden Typen im Wiener Dialekt sprechen, oft alkoholisiert und an der Debilitätsgrenze, stellt das Stück auch schauspielerisch und lesungstechnisch hohe Anforderungen. Und wer könnte sowas besser performen als der wunderbare Helmut Qualtinger?

 

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Friedrich Nietzsche im Info-Comic

…und was es mit Weib & Peitsche auf sich hat

Wenn’s ein deutscher Philosoph im Ranking der Männerstammtischparolen ziemlich weit nach oben geschafft hat, zeugt das nicht unbedingt von einer geistigen Weiterentwicklung des deutschen Stammtischwesens – nicht einmal der Philosoph selbst muss dran schuld sein, wenn der eine oder andere Aufsprecher glaubt, er könne durch das zusammenhanglose Nachplappern eines vermeintlich originären Zitats sein unterkomplexes Chauvi-Dasein in eines helleren Lichtleins Glanz erstrahlen lassen. Nein, meist handelt es sich in solchen Fällen um Missverständnisse aufgrund Lektüremangel (und darunter leidet zwangsläufig, wer einen Großteil seiner Zeit an Stammtischen verbringt).

Lou Salomé, Paul Ree and Friedrich Nietzsche (1882)

Lou Salomé, Paul Ree and Friedrich Nietzsche (1882)

Wenn also der gemeine Mann unter seinesgleichen den coolen harten Hund markieren will, darf’s gern was von Friedrich Nietzsche sein, und besonderer Beliebtheit erfreuen sich unter Distinktionsgewinnlern diverse Falsifikate aus dem Zarathustra-Kapitel “Von alten und jungen Weiblein”. Fordert der schnauzbärtige Moralverächter da nicht gar die Züchtigung des Weibes mit der Peitsche?
Nee, meine Herren Dumpfbacken, zwar hatte N. ein ambivalentes, nicht ganz ungetrübtes Verhältnis zu Frauen (welcher Mann hat das nicht?), doch das mit der Peitsche war anders gemeint; wie, das könnt ihr im Original hier bei Zeno.org nachlesen.

Welch subtile Vorgeschichte das mit dem Weib und der Peitsche hat, mag dieses Foto erahnen lassen, auf dem sich Nietzsche zusammen mit seinem besten Freund Paul Ree vor den Karren ihrer gemeinsamen deutsch-russischen Geliebten Lou von Salomé spannen ließ – die Dame mit der Peitsche in der Hand zum Antreiben dieser für alle Beteiligten am Ende unglücklichen Menage á trois. Nachdem die Salomé die Heiratsanträge beider Männer abgelehnt hatte, wurde das Foto von Nietzsche in allen Details so arrangiert, ein Jahr vor der Niederschrift des “Zarathustra”.

So gut wie nie hört man dagegen Nietzsche-Zitate, in denen er seine Wertschätzung des anderen Geschlechts zeigt: “Gegen die Männerkrankheit der Selbstverachtung hilft es am sichersten, von einem klugen Weibe geliebt zu werden”. (Menschliches, Allzumenschliches)

Auch die Nazis haben Nietzsche gern selektiv für ihre Zwecke interpretiert, wenn sie vom “Übermenschen” oder dem “Willen zur Macht” faselten, ohne die geringste Ahnung, dass damit eigentlich Konzepte zur selbstbestimmten Persönlichkeitsentwicklung gemeint sind. Dieser Missbrauch ist hauptsächlich der  ‘Verdienst’ von N.s Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, einer üblen Anti-Semitin, die schon gleich nach des Bruders Absinken in die geistige Umnachtung, mehr noch nach dessen Tod,  die geschäftliche und interpretatorische Hoheit über sein Werk an sich riss.

 Basis-Aufklärung durch ein Nietzsche-Sachcomic

Nun hat der Verlag TibiaPress in seiner Reihe INFOcomics ein ebensolches zu Nietzsche aufgelegt, das einen ersten Eindruck von des Philosophen Werk und Leben vermitteln soll. Wir haben aus dieser Reihe hier ja schon das “Sachcomic Philosophie” vorgestellt, und mittlerweile ist deren Angebot zu Themen aus Naturwissenschaft und Philosophie recht ansehnlich geworden. Die Vorlagen dazu stammen hauptsächlich aus England und den USA, wo die pädagogische Latte zur Vermittlung ‘schwierigen’ Stoffs nicht so hoch im Elitären hängt wie in good ol’ Germany und kaum jemand über populärwissenschaftliche Darstellungsweisen mit merkantiler Intention die Nase rümpft. Dass das ohne gravierende Sinnentstellungen (aber natürlich mit durch die Komprimierung bedingten Abstrichen) gelingen kann, zeigt dieser neue Band, für den im Original der Londoner Philosophiedozent Laurence Gane und der argentinische Cartoonist Piero verantwortlich zeichnen, übersetzt von Julia Kockel und Wilfried Stascheit.

Der Band ist chronologisch und thematisch nach Lebenslauf und Werkfolge in Mini-Kapitel gegliedert wie die “Die frühen Jahre”, “Nietzsche und die Frauen”,”Was ist Bildung”, “Kants Brille”, “Die Macht der Herde”, “Der Wille zur Macht”, “Leben ohne Gott”, “Der freie Geist”, “Politik: Die Prostitution des Geistes “, “Nietzsche und die Nazis” und viele andere, wobei am Ende nicht vergessen wird, Nietzsches Einflüsse auf andere Denker zu skizzieren: auf Freuds Psychoanalyse, Wittgensteins Sprachphilosophie, Heideggers und Sartres Existenzialisnmus, Derridas Dekonstruktuion und natürlich auf Foucault, den ‘Haupterben’ von Nietzsches genealogischer Methode. So knapp diese Skizzierungen auch ausfallen mögen, zeigen sie doch dem Nietzsche-Neuling die Wirkrichtungen seines Denkens, warum er zu den einflussreichsten Philosophen der Neuzeit gehört und mit Recht immer noch diskutiert wird.

In den Sprechblasen der Comic-Szenarien finden sich Originalzitate von Nietzsche und seinen ‘Bezugspersonen’, die durch kurze Erläuterungstexte in eine stimmige thematische Beziehung gesetzt werden, und am Ende bietet der Band, für einen Comic eher ungewöhlich, sogar einen Namens-Index. Etwas unglücklich erscheint mir allerdings die Gestaltung des Covers mit Pferdekopf und Gedankenherzchen (bezieht sich auf die partikulare Situation von Nietzsches Zusammenbruch auf einer Strasse in Turin), ist möglicherweise aber der Marketingpsychologie hinsichtlich der Pferdeliebhaberei in England und den USA geschuldet ;-)

Und wie immer muss man sich als Rezensent eines solchen INFOcomics nicht die Feder krumm schreiben, weil’s auch von diesem wieder eine ausführliche Anguck- und Leseprobe als “open publication” gibt – so könnt ihr euch also selbst einen Eindruck verschaffen:

Nietzsche: Ein Sachcomic
Broschiert, 176 Seiten, Euro 10.-
Verlag TibiaPress (September 2014)
ISBN-13: 978-3935254434

Schön wäre es natürlich, wenn nach diesem ‘Appetizer’ möglichst viele LeserInnen auch zu Nietzsches Originalwerken greifen würden, und wer dann noch mehr Lust auf Leben und Werkentstehung hat, dem sei dieser 400-Seiter von Rüdiger Safranski empfohlen: “Nietzsche: Biographie seines Denkens”.


Nietzsches Werke bei Zeno.org

Diverses zu und von Nietzsche hier im Blog

• “Zarathustra comes to talk in town” (Jazz-Blues von WF’s “Dirty Fingers”):

 

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Wo ist das Weltall zu Ende?

Hubert Reeves erklärt seiner Enkelin und uns das Universum

Die Menschheit tastet sich immer weiter voran in die unendliche Weite des Weltalls, nun traf eine von der Erde aus gesteuerte Sonde nach 10 Jahren Anflugszeit sogar schon einen Felskrümel in 500 Millionen Kilometern Entfernung, gut dreimal so weit weg wie die Sonne, und doch ist das in astronomischen Dimensionen noch nicht mehr als ein Schritt in unseren Vorgarten. Die menschliche Vorstellungskraft reicht über die phänomenologisch erfassbare mittlere Skalierungsebene, in der wir uns bewegen, nicht wirklich hinaus, weder ins ganz Kleine noch ins ganz Große, und mal ganz ehrlich, liebe Eltern und Großeltern: Könnt ihr die neugierigen Fragen eurer Kinder und Enkel einigermaßen sinnvoll beantworten, wenn ihr gemeinsam in den Nachthimmel blickt?

Woher kommen die Kometen und warum haben sie einen Schweif? Wie weit sind die Sterne eigentlich von uns entfernt, wie alt sind sie und was war vor dem sogenannten ‘Urknall’? Was haben die Kometen, Sterne und Schwarzen Löcher dort oben mit der Geschichte unserer eigenen Existenz zu tun? Gibt es Außerirdische und möglicherweise sogar mehrere Universen? Und überhaupt: wie funktioniert das Alles und wer hat das in Gang gebracht? Das sind Fragen, die nicht nur Kindern in den Sinn kommen; wer nachts den Blick in den bestirnten Himmel über sich richtet, dem wird wohl wie Immanuel Kantdas Gemüt erfüllt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt.

Und so begannen schon vor mehr als 5000 Jahren die alten Chinesen, Babylonier, Inder und Ägypter, die erstaunlichen Geschehnisse am Himmel zuerst durch Mythen, sodann mit Beobachtungen zu deuten; deren Aufzeichnungen wurden zur Grundlage der ersten Kalender und der altgriechischen Kosmologie, die den Prozess der Rationalisierung vorantrieb. Denn auch die ersten Philosophen waren Astronomen, die nach gesetzmäßigen kausalen Zusammenhängen suchten und die Himmelsobjekte als physikalische Phänomene betrachteten. Dabei hatte schon der Vorsokratiker Anaximander  die Idee eines Multiversums als Hort einer unendlichen Zahl von Welten, von denen unsere Welt nur eine sei, die sich abgespalten und ihre Teile durch Drehbewegung gesammelt habe; ähnlich dachten die Atomisten Demokrit und Anaxagoras, während in Platons Vorstellung die Himmelsobjekte mit Verstand ausgestattete göttliche Wesen waren, mit der Erde als ruhende Kugel im Zentrum. Und in Gang gebracht wurde das Ganze laut Platons Schüler Aristoteles von einem ersten unbewegten Beweger. Das darauf aufbauende Geozentrische Weltbild des Ptolemäus  hielt sich bekanntlich bis zur Kopernikanischen Wende, und erst mit den ständigen Verfeinerungen der Beobachtungs-Instrumentarien sowie der Physik/ Mathematik wurde schließlich unsere heutige (natürlich ebenfalls vorläufige) Vorstellung des Kosmos entwickelt, von der nun der kanadische Astrophysiker Hubert Reeves in seinem Büchlein “Wo ist das Weltall zu Ende?” erzählt.

Hubert ReevesDazu hat Reeves das bewährte didaktische Setting des Frage-Antwort-Dialogs gewählt, in dem seine 14-jährige Enkeltochter die wissenshungrige Fragestellerin gibt, während er in der vorgestellten Manier von Victor Hugos “Die Kunst, ein Großvater zu sein” als wohlwollender und pädagogisch behutsamer Welt-Erklärer im Plauderton auftritt (der allerdings manchmal etwas hölzern wirkt, gell, liebe Übersetzerin).
Durch diese Dialogform sind auch komplexere Sachverhalte in kurze Kapitel portioniert, die logisch aufeinander vom Einfachen zum Schwierigeren aufbauen und so den gegenwärtigen Stand unserer Bemühungen, den Geheimnissen des Universums auf die Spur zu kommen, Schritt für Schritt nachvollziehbar machen.
Reeves erzählt von der Geschichte unseres Universums (“in die Ferne blicken heißt in die Vergangenheit zu blicken”), von Sternen und Meteoriten, von der Sonnenenergie durch kontrollierte Kernfusion, von großen und kleinen Schwarzen Löchern, dunkler Materie und dunkler Energie, von den Strukturen der Natur und den pysikalisch-chemischen Voraussetzungen zur Entstehung des Lebens, das dennoch bisher unerklärlich bleibt.

 

Als ‘Zeugen’ für all die wissenschaftlichen Entwicklungsschritte lässt Reeves illustres Personal auftreten wie Ikarus und Dädalus, Platon und Aristoteles, Galilei, Pascal, Newton, Leibniz, Voltaire, Pasteur, Einstein und Andere, wobei er en passant auch auf Angelegenheiten der Philosophie, Poesie und Religion zu sprechen kommt; die titelgebende Frage muss Reeves dabei natürlich ebenso offen lassen wie die nach der Zukunft unseres Weltalls, einem möglichen Multiversum oder einem ALLerfüllendem Sinn. Aber darüber müsse man sich ja nicht grämen, denn “Das Faszinierende an der Erforschung des Universums ist, dass man auf alles gefasst sein darf. Selbst auf Dinge, die völlig unvorstellbar erscheinen.”

Mir scheint dieses gut 140-seitige Büchlein nicht nur als naturwissenschaftliches Erklärprojekt für Jugendliche zu taugen, sondern es lässt sich wohl zumindest teilweise schon von jüngeren Kindern verstehen; zumal man die kurzen Einzelkapitel auch mit Kindern gemeinsam als Gutenacht-Geschichten in Fortsetzungen lesen kann – und wahrscheinlich werden auch die meisten Eltern und Großeltern, die Interesse an einem leicht verständlichen und gleichzeitig fundierten Einstieg in die Fragen der Kosmologie haben, von dieser Lektüre profitieren.

Ich jedenfalls guckte danach wieder mal lange in den Nachthimmel und mein Gemüt wurde erfüllt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht von der Vorstellung, dass aus Sternenstaub sowas wie das Gefühl der Liebe entstehen konnte…


Ein paar Wahrheiten über Wahrheit und Lüge

Notiz zur Scobel-Sendung “Was ist die Wahrheit wert?” und ein Filetstück von Nietzsche

“Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und die Urteile über die Dinge.”

Epiktet

Nicht wahr ist, dass diese Erkenntnis des alten Stoikers von Gert Scobel in seiner September-Sendung “Was ist die Wahrheit wert?” richtig zitiert wurde; und es ist auch nicht wahr, dass diesmal das dekorative 3sat-Schachbrett richtig aufgestellt war (hier im Filmbeitrag über Edward Snowden waren Dame und König vertauscht, wahrscheinlich wars wieder der Azubi “ich-mache-was-mit-medien”). Aber da wollen wir nicht kleinlich sein und erst recht nicht als Miesmacher missverstanden werden, denn Scobel macht in seinen interdisziplinären Themen-Sendungen als Moderator einen prima Job, ist inhaltlich meist auf Diskurshöhe und versucht als autodidaktischer “Generalist” die Übersicht zu behalten, um die manchmal etwas ‘speziellen’ Gedankenfäden seiner Gäste einigermaßen stimmig zu vernetzen. Aufklärungs-TV der besseren Sorte also, das nur leider in dieser 1%-Quoten-Nische auf 3sat viel zu wenig rezipiert wird.

Eingeladen waren diesmal die ZDF-Moskau-Korrespondentin Anne Gellinek, Philosophie-Professorin Simone Dietz sowie Ex-Bundesminister und Attac-Mitglied Heiner Geißler. Eine Diskussionsrunde auf der Suche nach kleinen Wahrheiten über Wahrheit und Lüge, die durchaus Bekanntes zu Tage förderte. Etwa, dass wir bei jedem Versuch, wenn uns jemand etwas als DIE WAHRHEIT verkaufen will, skeptisch sein sollten. Bei ideologisch-propagandistisch eingefärbten “Wahrheiten” aus verschiedenen Lagern (wie im Ukraine- oder Gaza-Konflikt) ebenso wie bei populistischen Verführungsversuchen des ‘gesunden Menschenverstands’ oder absoluten Geltungsansprüchen von ‘Experten’, auch in den Naturwissenschaften (Diez wies auf die “induktive Lücke” hin).
Aber damit die Scobelei nicht zu abstrakt und trocken bleibe, gabs wie üblich wieder anschauliche Kurzfilmchen zum Thema; geboten wurde Anekdotisches von Pontius Pilatus über den Kachelmann-Prozess bis hin zu unser aller Alltagslügen. Und gern wird von der Redaktion auch was aus der Scherzkiste gekramt, diesmal aus der Zeichentrick-Reihe “Philosophisches Kopfkino”, um die unterschiedlichen Wahrheits-Modelle der Philosophiegeschichte im Schnelldurchgang hinzutackern. Nun sind diese Clips ja wohl als Appetithäppchen gedacht, die mit den Mitteln der ironischen Pointierung Lust auf ein thematisches Hauptmenu machen oder wenigstens eine Mini-Erkenntnis to go anbieten sollen. Bei manchen der mittlerweile etwa einem Dutzend Filmchen gelingt das auch ganz gut (auch hier haben wir schon ein paar eingestreuselt), aber bei dem folgenden liegt in der Kürze nicht Würze, sondern … ein ziemlicher Schmarrn. Nicht dass wir an Blödeleien in den sakrosankten Gefilden der Philosophie keinen Spass hätten, aber der pädogogische Nährwert sinkt halt gegen Null, wenn bei fast jedem Versuch einer Pointierung nur ein sorry, knapp daneben konstatiert werden kann. So wird hier vom Clip-Autor die Aristotelische Wahrheitsfindung auf das Kriterium reduziert, dass “möglichst viele Leute mit einer Meinung oder Annahme übereinstimmen” – statt beispielsweise darauf hinzuweisen, dass A. mit seinen naturphilosophischen und logischen Erkenntnissen und Kategorien als Begründer der Korrespondenztheorie der Wahrheit angesehen werden kann. Noch unverdaulicher wirds, wenn vom Pragmatismus behauptet wird, er würde sich “mit dem zufrieden geben, was man hat” – obwohl der Pragmatismus ja im Gegenteil versucht, den Status Quo reflexiv in Frage zu stellen und in einem dialektischen Prozess von Fallibilitätsprüfung und lebenspraktischer Bewährung zu verbessern. Wenig nahrhaft auch die Anmerkungen zu Idealismus, Dialektischem Materialismus oder zum Verhältnis von einer idealisierten ‘absoluten’ zu einer verfeinerten ‘relativen’ Wahrheit (wofür als Beispiel die Verformung der guten alte Erdkugel in die geologisch korrekte Erdkartoffel herhalten muss).

Es gibt halt kein richtiges Lachen in der falschen Erzählung, aber seht selbst:

Vielleicht empfand Gert Scobel diese ausgefranste ‘Behandlung’ des philosophischen Großthemas in seiner Sendung selber als etwas unbefriedigend, so dass er am Schluss (und in seinem Blog) noch ein Filetstück anschnitt von Friedrich Nietzsche, der gegen die vernunftethischen Räsonnements zu Wahrheit und Lüge auf die stärkere Wirksamkeit von Anthropomorphismen und menschlichen Relationen wie dem (Schopenhauerschen)  Willen, dem Triebhaften im außermoralischen Sinne hingewiesen hat.  Hier nun wird euch nicht nur ein Appetithäppchen von diesem wunderbaren Text, sondern der ganze serviert; und weil möglicherweise die mediensoziologische These von der “verkürzten Aufmerksamkeitsspanne” der User im Netz auch auf manche von euch zutrifft, habe ich das Teil auch für Leser (!) zum Ausdrucken (PDF) aufbereitet und dabei eine Schriftgröße gewählt, die eine Lektüre auch noch beim Spazierengehen erlaubt – was ja laut Nietzsche ein probates Mittel zur Wahrheitsfindung ist ;-)

Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne

In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der “Weltgeschichte”: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. – So könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es gibt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten. Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, daß auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt. Es ist nichts so verwerflich und gering in der Natur, was nicht, durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens, sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der Stolzeste Mensch, der Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen.

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche

Es ist merkwürdig, daß dies der Intellekt zustande bringt, er, der doch gerade nur als Hilfsmittel den unglücklichsten, delikatesten, vergänglichsten Wesen beigegeben ist, um sie eine Minute im Dasein festzuhalten, aus dem sie sonst, ohne jene Beigabe, so schnell wie Lessings Sohn zu flüchten allen Grund hätten. Jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene Hochmut, verblendende Nebel über die Augen und Sinne der Menschen legend, täuscht sie also über den Wert des Daseins, dadurch daß er über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste Wertschätzung in sich trägt. Seine allgemeinste Wirkung ist Täuschung – aber auch die einzelnsten Wirkungen tragen etwas von gleichem Charakter an sich.

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht “Formen”, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu läßt sich der Mensch nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne daß sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes, gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinabzusehen vermöchte, und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!

Soweit das Individuum sich, gegenüber andern Individuen, erhalten will, benutzt es in einem natürlichen Zustand der Dinge den Intellekt zumeist nur zur Verstellung: weil aber der Mensch zugleich aus Not und Langeweile gesellschaftlich und herdenweise existieren will, braucht er einen Friedensschluß und trachtet danach, daß wenigstens das allergrößte bellum omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluß bringt etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes rätselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixiert, was von nun an “Wahrheit” sein soll, das heißt, es wird eine gleichmäßig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden, und die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge. Der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen; er sagt zum Beispiel: “ich bin reich”, während für seinen Zustand gerade “arm” die richtige Bezeichnung wäre. Er mißbraucht die festen Konventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen. Wenn er dies in eigennütziger und übrigens Schaden bringender Weise tut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen und ihn dadurch von sich ausschließen. Die Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden durch Betrug: sie hassen, auch auf dieser Stufe, im Grunde nicht die Täuschung, sondern die schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch auch nur die Wahrheit: er begehrt die angenehmen, Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit, gegen die reine folgenlose Erkenntnis ist er gleichgültig, gegen die vielleicht schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich gestimmt. Und überdies: wie steht es mit jenen Konventionen der Sprache? Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntnis, des Wahrheitssinnes, decken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?

Nur durch Vergeßlichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine “Wahrheit” in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewißheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns “hart” noch sonst bekannt wäre, und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewißheit! Wir reden von einer “Schlange”: die Bezeichnung trifft nichts als das Sichwinden, könnte also auch dem Wurme zukommen. Welche willkürlichen Abgrenzungen, welche einseitigen Bevorzugungen bald der bald jener Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen Sprachen, nebeneinander gestellt, zeigen, daß es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen. Das “Ding an sich” (das würde eben die reine folgenlose Wahrheit sein) ist auch dem Sprachbildner ganz unfaßlich und ganz und gar nicht erstrebenswert. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hilfe. Ein Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andre und neue. Man kann sich einen Menschen denken, der ganz taub ist und nie eine Empfindung des Tones und der Musik gehabt hat: wie dieser etwa die chladnischen Klangfiguren im Sande anstaunt, ihre Ursachen im Erzittern der Saite findet und nun darauf schwören wird, jetzt müsse er wissen, was die Menschen den “Ton” nennen, so geht es uns allen mit der Sprache. Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. Wie der Ton als Sandfigur, so nimmt sich das rätselhafte X des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als Bild, endlich als Laut aus. Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material, worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkuckucksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge.

Denken wir besonders noch an die Bildung der Begriffe. Jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, daß heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen. So gewiß nie ein Blatt einem andern ganz gleich ist, so gewiß ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden gebildet und erweckt nun die Vorstellung, als ob es in der Natur außer den Blättern etwas gäbe, das “Blatt” wäre, etwa eine Urform, nach der alle Blätter gewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären, aber von ungeschickten Händen, so daß kein Exemplar korrekt und zuverlässig als treues Abbild der Urform ausgefallen wäre. Wir nennen einen Menschen “ehrlich”. warum hat er heute so ehrlich gehandelt? fragen wir. Unsere Antwort pflegt zu lauten: seiner Ehrlichkeit wegen. Die Ehrlichkeit! Das heißt wieder: das Blatt ist die Ursache der Blätter. Wir wissen ja gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die “die Ehrlichkeit” hieße, wohl aber von zahlreichen individualisierten, somit ungleichen Handlungen, die wir durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und jetzt als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt formulieren wir aus ihnen eine qualitas occulta mit dem Namen: “die Ehrlichkeit”. Das Übersehen des Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff, wie es uns auch die Form gibt, wohingegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und undefinierbares X. Denn auch unser Gegensatz von Individuum und Gattung ist anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen der Dinge, wenn wir auch nicht zu sagen wagen, daß er ihm nicht entspricht: das wäre nämlich eine dogmatische Behauptung und als solche ebenso unerweislich wie ihr Gegenteil.

Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.

Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur Wahrheit stammt: denn bis jetzt haben wir nur von der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu existieren, stellt: wahrhaft zu sein, das heißt die usuellen Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung, nach einer festen Konvention zu lügen, herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen. Nun vergißt freilich der Mensch, daß es so mit ihm steht; er lügt also in der bezeichneten Weise unbewußt und nach hundertjährigen Gewöhnungen – und kommt eben durch diese Unbewußtheit, eben durch dies Vergessen zum Gefühl der Wahrheit. An dem Gefühl verpflichtet zu sein, ein Ding als “rot”, ein anderes als “kalt”, ein drittes als “stumm” zu bezeichnen, erwacht eine moralische auf Wahrheit sich beziehende Regung: aus dem Gegensatz des Lügners, dem niemand traut, den alle ausschließen, demonstriert sich der Mensch das Ehrwürdige, Zutrauliche und Nützliche der Wahrheit. Er stellt jetzt sein Handeln als “vernünftiges” Wesen unter die Herrschaft der Abstraktionen; er leidet es nicht mehr, durch die plötzlichen Eindrücke, durch die Anschauungen fortgerissen zu werden, er verallgemeinert alle diese Eindrücke erst zu entfärbteren, kühleren Begriffen, um an sie das Fahrzeug seines Lebens und Handelns anzuknüpfen. Alles, was den Menschen gegen das Tier abhebt, hängt von dieser Fähigkeit ab, die anschaulichen Metaphern zu einem Schema zu verflüchtigen, also ein Bild in einen Begriff aufzulösen. Im Bereich jener Schemata nämlich ist etwas möglich, was niemals unter den anschaulichen ersten Eindrücken gelingen möchte: eine pyramidale Ordnung nach Kasten und Graden aufzubauen, eine neue Welt von Gesetzen, Privilegien, Unterordnungen, Grenzbestimmungen zu schaffen, die nun der andern anschaulichen Welt der ersten Eindrücke gegenübertritt, als das Festere, Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher als das Regulierende und Imperativische. Während jede Anschauungsmetapher individuell und ohne ihresgleichen ist und deshalb allem Rubrizieren immer zu entfliehen weiß, zeigt der große Bau der Begriffe die starre Regelmäßigkeit eines römischen Kolumbariums und atmet in der Logik jene Strenge und Kühle aus, die der Mathematik zu eigen ist. Wer von dieser Kühle angehaucht wird, wird es kaum glauben, daß auch der Begriff, knöchern und achteckig wie ein Würfel und versetzbar wie jener, doch nur als das Residuum einer Metapher übrig bleibt, und daß die Illusion der künstlerischen Übertragung eines Nervenreizes in Bilder, wenn nicht die Mutter, so doch die Großmutter eines jeden Begriffs ist. Innerhalb dieses Würfelspiels der Begriffe heißt aber “Wahrheit”, jeden Würfel so zu gebrauchen, wie er bezeichnet ist, genau seine Augen zu zählen, richtige Rubriken zu bilden und nie gegen die Kastenordnung und gegen die Reihenfolge der Rangklassen zu verstoßen. Wie die Römer und Etrusker sich den Himmel durch starre mathematische Linien zerschnitten und in einen solchermaßen abgegrenzten Raum, als in ein templum, einen Gott bannten, so hat jedes Volk über sich einen solchen mathematisch zerteilten Begriffshimmel und versteht nun unter der Forderung der Wahrheit, daß jeder Begriffsgott nur in seiner Sphäre gesucht werde.

Man darf hier den Menschen wohl bewundern als ein gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fließendem Wasser das Auftürmen eines unendlich komplizierten Begriffsdomes gelingt: – freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muß es ein Bau wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von jedem Winde auseinandergeblasen zu werden. Als Baugenie erhebt sich solchermaßen der Mensch weit über die Biene: diese baut aus Wachs, das sie aus der Natur zusammenholt, er aus dem weit zarteren Stoffe der Begriffe, die er erst aus sich fabrizieren muß. Er ist hier sehr zu bewundern – aber nur nicht wegen seines Triebes zur Wahrheit, zum reinen Erkennen der Dinge. Wenn jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es ebendort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen: so aber steht es mit dem Suchen und Finden der “Wahrheit” innerhalb des Vernunft-Bezirkes. Wenn ich die Definition des Säugetiers mache und dann erkläre, nach Besichtigung eines Kamels: “siehe, ein Säugetier”, so wird damit eine Wahrheit zwar ans Licht gebracht, aber sie ist von begrenztem Werte, ich meine, sie ist durch und durch anthropomorphisch und enthält keinen einzigen Punkt, der “wahr an sich”, wirklich und allgemeingültig, abgesehn von dem Menschen, wäre. Der Forscher nach solchen Wahrheiten sucht im Grunde nur die Metamorphose der Welt in den Menschen, er ringt nach einem Verstehen der Welt als eines menschenartigen Dinges und erkämpft sich bestenfalls das Gefühl einer Assimilation. Ähnlich wie der Astrolog die Sterne im Dienste der Menschen und im Zusammenhange mit ihrem Glück und Leide betrachtete, so betrachtet ein solcher Forscher die ganze Welt als geknüpft an den Menschen, als den unendlich gebrochenen Widerklang eines Urklanges, des Menschen, als das vervielfältigte Abbild des einen Urbildes, des Menschen. Sein Verfahren ist, den Menschen als Maß an alle Dinge zu halten: wobei er aber von dem Irrtum ausgeht, zu glauben, er habe diese Dinge unmittelbar, als reine Objekte vor sich. Er vergißt also die originalen Anschauungsmetaphern als Metaphern und nimmt sie als die Dinge selbst.

Nur durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und Starrwerden einer ursprünglichen in hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse, nur durch den unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, dieses Fenster, dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, daß der Mensch sich als Subjekt, und zwar als künstlerisch schaffendes Subjekt, vergißt, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Konsequenz: wenn er einen Augenblick nur aus den Gefängniswänden dieses Glaubens heraus könnte, so wäre es sofort mit seinem “Selbstbewußtsein” vorbei. Schon dies kostet ihm Mühe, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der Vogel eine ganz andere Welt perzipieren als der Mensch, und daß die Frage, welche von beiden Weltperzeptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist, da hierzu bereits mit dem Maßstabe der richtigen Perzeption, das heißt mit einem nicht vorhandenen Maßstabe gemessen werden müßte.

Überhaupt aber scheint mir “die richtige Perzeption” – das würde heißen: der adäquate Ausdruck eines Objekts im Subjekt – ein widerspruchsvolles Unding: denn zwischen zwei absolut verschiedenen Sphären, wie zwischen Subjekt und Objekt, gibt es keine Kausalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ästhetisches Verhalten, ich meine eine andeutende Übertragung, eine nachstammelnde Übersetzung in eine ganz fremde Sprache: wozu es aber jedenfalls einer frei dichtenden und frei erfindenden Mittelsphäre und Mittelkraft bedarf. Das Wort “Erscheinung” enthält viele Verführungen, weshalb ich es möglichst vermeide: denn es ist nicht wahr, daß das Wesen der Dinge in der empirischen Welt erscheint. Ein Maler, dem die Hände fehlen und der durch Gesang das ihm vorschwebende Bild ausdrücken wollte, wird immer noch mehr bei dieser Vertauschung der Sphären verraten, als die empirische Welt vom Wesen der Dinge verrät. Selbst das Verhältnis eines Nervenreizes zu dem hervorgebrachten Bilde ist an sich kein notwendiges: wenn aber dasselbe Bild millionenmal hervorgebracht und durch viele Menschengeschlechter hindurch vererbt ist, ja zuletzt bei der gesamten Menschheit jedesmal infolge desselben Anlasses erscheint, so bekommt es endlich für den Menschen dieselbe Bedeutung, als ob es das einzig notwendige Bild sei und als ob jenes Verhältnis des ursprünglichen Nervenreizes zu dem hergebrachten Bilde ein strenges Kausalitätsverhältnis sei; wie ein Traum, ewig wiederholt, durchaus als Wirklichkeit empfunden und beurteilt werden würde. Aber das Hart- und Starr-Werden einer Metapher verbürgt durchaus nichts für die Notwendigkeit und ausschließliche Berechtigung dieser Metapher.

Es hat gewiß jeder Mensch, der in solchen Betrachtungen heimisch ist, gegen jeden derartigen Idealismus ein tiefes Mißtrauen empfunden, so oft er sich einmal recht deutlich von der ewigen Konsequenz, Allgegenwärtigkeit und Unfehlbarkeit der Naturgesetze überzeugte; er hat den Schluß gemacht: hier ist alles, soweit wir dringen, nach der Höhe der teleskopischen und nach der Tiefe der mikroskopischen Welt, so sicher, ausgebaut, endlos, gesetzmäßig und ohne Lücken; die Wissenschaft wird ewig in diesen Schachten mit Erfolg zu graben haben, und alles Gefundene wird zusammenstimmen und sich nicht widersprechen. Wie wenig gleicht dies einem Phantasieerzeugnis: denn wenn es dies wäre, müßte es doch irgendwo den Schein und die Unrealität erraten lassen. Dagegen ist einmal zu sagen: hätten wir noch, jeder für sich, eine verschiedenartige Sinnesempfindung, könnten wir selbst nur bald als Vogel, bald als Wurm, bald als Pflanze perzipieren, oder sähe der eine von uns denselben Reiz als rot, der andere als blau, hörte ein dritter ihn sogar als Ton, so würde niemand von einer solchen Gesetzmäßigkeit der Natur reden, sondern sie nur als ein höchst subjektives Gebilde begreifen.

Sodann: was ist für uns überhaupt ein Naturgesetz? Es ist uns nicht an sich bekannt, sondern nur in seinen Wirkungen, das heißt in seinen Relationen zu andern Naturgesetzen, die uns wieder nur als Summen von Relationen bekannt sind. Also verweisen alle diese Relationen immer nur wieder aufeinander und sind uns ihrem Wesen nach unverständlich durch und durch; nur das, was wir hinzubringen, die Zeit, der Raum, also Sukzessionsverhältnisse und Zahlen, sind uns wirklich daran bekannt. Alles Wunderbare aber, das wir gerade an den Naturgesetzen anstaunen, das unsere Erklärung fordert und uns zum Mißtrauen gegen den Idealismus verführen könnte, liegt gerade und ganz allein nur in der mathematischen Strenge und Unverbrüchlichkeit der Zeit- und Raum-Vorstellungen. Diese aber produzieren wir in uns und aus uns mit jener Notwendigkeit, mit der die Spinne spinnt; wenn wir gezwungen sind, alle Dinge nur unter diesen Formen zu begreifen, so ist es dann nicht mehr wunderbar, daß wir an allen Dingen eigentlich nur eben diese Formen begreifen: denn sie alle müssen die Gesetze der Zahl an sich tragen, und die Zahl gerade ist das Erstaunlichste in den Dingen. Alle Gesetzmäßigkeit, die uns im Sternenlauf und im chemischen Prozeß so imponiert, fällt im Grunde mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an die Dinge heranbringen, so daß wir damit uns selber imponieren. Dabei ergibt sich allerdings, daß jene künstlerische Metapherbildung, mit der in uns jede Empfindung beginnt, bereits jene Formen voraussetzt, also in ihnen vollzogen wird; nur aus dem festen Verharren dieser Urformen erklärt sich die Möglichkeit, wie nachher wieder aus den Metaphern selbst ein Bau der Begriffe konstituiert werden konnte. Dieser ist nämlich eine Nachahmung der Zeit-, Raum- und Zahlenverhältnisse auf dem Boden der Metaphern.

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An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die Sprache , in späteren Zeiten die Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem großen Kolumbarium der Begriffe, der Begräbnisstätte der Anschauungen, baut immer neue und höhere Stockwerke, stützt, reinigt, erneut die alten Zellen und ist vor allem bemüht, jenes ins Ungeheure aufgetürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische Welt, das heißt die anthropomorphische Welt, hineinzuordnen. Wenn schon der handelnde Mensch sein Leben an die Vernunft und ihre Begriffe bindet, um nicht fortgeschwemmt zu werden und sich nicht selbst zu verlieren, so baut der Forscher seine Hütte dicht an den Turmbau der Wissenschaft, um an ihm mithelfen zu können und selbst Schutz unter dem vorhandenen Bollwerk zu finden. Und Schutz braucht er: denn es gibt furchtbare Mächte, die fortwährend auf ihn eindringen und die der wissenschaftlichen “Wahrheit” ganz anders geartete “Wahrheiten” mit den verschiedenartigsten Schildzeichen entgegenhalten.

Jener Trieb zur Metapherbildung, jener Fundamentaltrieb des Menschen, den man keinen Augenblick wegrechnen kann, weil man damit den Menschen selbst wegrechnen würde, ist dadurch, daß aus seinen verflüchtigten Erzeugnissen, den Begriffen, eine reguläre und starre neue Welt als eine Zwingburg für ihn gebaut wird, in Wahrheit nicht bezwungen und kaum gebändigt. Er sucht sich ein neues Bereich seines Wirkens und ein anderes Flußbette und findet es im Mythus und überhaupt in der Kunst. Fortwährend verwirrt er die Rubriken und Zellen der Begriffe, dadurch daß er neue Übertragungen, Metaphern, Metonymien hinstellt, fortwährend zeigt er die Begierde, die vorhandene Welt des wachen Menschen so bunt unregelmäßig, folgenlos unzusammenhängend, reizvoll und ewig neu zu gestalten, wie es die Welt des Traumes ist. An sich ist ja der wache Mensch nur durch das starre und regelmäßige Begriffsgespinst darüber im klaren, daß er wache, und kommt eben deshalb mitunter in den Glauben, er träume, wenn jenes Begriffsgespinst einmal durch die Kunst zerrissen wird. Pascal hat recht, wenn er behauptet, daß wir, wenn uns jede Nacht derselbe Traum käme, davon ebenso beschäftigt würden als von den Dingen, die wir jeden Tag sehen: “wenn ein Handwerker gewiß wäre, jede Nacht zu träumen, volle zwölf Stunden hindurch, daß er König sei, so glaube ich, sagt Pascal, daß er ebenso glücklich wäre als ein König, welcher alle Nächte während zwölf Stunden träumte, er sei Handwerker”. Der wache Tag eines mythisch erregten Volkes, etwa der älteren Griechen, ist durch das fortwährend wirkende Wunder, wie es der Mythus annimmt, in der Tat dem Traume ähnlicher als dem Tag des wissenschaftlich ernüchterten Denkers. Wenn jeder Baum einmal als Nymphe reden oder unter der Hülle eines Stieres ein Gott Jungfrauen wegschleppen kann, wenn die Göttin Athene selbst plötzlich gesehn wird, wie sie mit einem schönen Gespann, in der Begleitung des Pisistratus, durch die Märkte Athens fährt – und das glaubte der ehrliche Athener –, so ist in jedem Augenblicke, wie im Traume, alles möglich, und die ganze Natur umschwärmt den Menschen, als ob sie nur die Maskerade der Götter wäre, die sich nur einen Scherz daraus machten, in allen Gestalten den Menschen zu täuschen.

Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen, und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch königlicher agiert, als ihn die Wirklichkeit zeigt. Der Intellekt, jener Meister der Verstellung, ist so lange frei und seinem sonstigen Sklavendienste enthoben, als er täuschen kann, ohne zu schaden, und feiert dann seine Saturnalien. Nie ist er üppiger, reicher, stolzer, gewandter und verwegener: mit schöpferischem Behagen wirft er die Metaphern durcheinander und verrückt die Grenzsteine der Abstraktionen, so daß er zum Beispiel den Strom als den beweglichen Weg bezeichnet, der den Menschen trägt, dorthin, wohin er sonst geht. Jetzt hat er das Zeichen der Dienstbarkeit von sich geworfen: sonst mit trübsinniger Geschäftigkeit bemüht, einem armen Individuum, dem es nach Dasein gelüstet, den Weg und die Werkzeuge zu zeigen, und wie ein Diener für seinen Herrn auf Raub und Beute ausziehend, ist er jetzt zum Herrn geworden und darf den Ausdruck der Bedürftigkeit aus seinen Mienen wegwischen. Was er jetzt auch tut, alles trägt im Vergleich mit seinem früheren Tun die Verstellung, wie das frühere die Verzerrung an sich. Er kopiert das Menschenleben, nimmt es aber für eine gute Sache und scheint mit ihm sich recht zufrieden zu geben. Jenes ungeheure Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet, ist dem freigewordnen Intellekt nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das Nächste trennend, so offenbart er, daß er jene Notbehelfe der Bedürftigkeit nicht braucht und daß er jetzt nicht von Begriffen, sondern von Intuitionen geleitet wird. Von diesen Intuitionen aus führt kein regelmäßiger Weg in das Land der gespenstischen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht, oder redet in lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen.

Es gibt Zeitalter, in denen der vernünftige Mensch und der intuitive Mensch nebeneinander stehn, der eine in Angst vor der Intuition, der andere mit Hohn über die Abstraktion; der letztere ebenso unvernünftig, als der erstere unkünstlerisch ist. Beide begehren über das Leben zu herrschen: dieser, indem er durch Vorsorge, Klugheit, Regelmäßigkeit den hauptsächlichsten Nöten zu begegnen weiß, jener, indem er als ein ,”überfroher Held” jene Nöte nicht sieht und nur das zum Schein und zur Schönheit verstellte Leben als real nimmt. Wo einmal der intuitive Mensch, etwa wie im älteren Griechenland, seine Waffen gewaltiger und siegreicher führt als sein Widerspiel, kann sich günstigenfalls eine Kultur gestalten und die Herrschaft der Kunst über das Leben sich gründen: jene Verstellung, jenes Verleugnen der Bedürftigkeit, jener Glanz der metaphorischen Anschauungen und überhaupt jene Unmittelbarkeit der Täuschung begleitet alle Äußerungen eines solchen Lebens. Weder das Haus, noch der Schritt, noch die Kleidung, noch der tönerne Krug verraten, daß die Notdurft sie erfand: es scheint so, als ob in ihnen allen ein erhabenes Glück und eine olympische Wolkenlosigkeit und gleichsam ein Spielen mit dem Ernste ausgesprochen werden sollte. Während der von Begriffen und Abstraktionen geleitete Mensch durch diese das Unglück nur abwehrt, ohne selbst aus den Abstraktionen sich Glück zu erzwingen, während er nach möglichster Freiheit von Schmerzen trachtet, erntet der intuitive Mensch, inmitten einer Kultur stehend, bereits von seinen Intuitionen, außer der Abwehr des Übels, eine fortwährend einströmende Erhellung, Aufheiterung, Erlösung. Freilich leidet er heftiger, wenn er leidet: ja er leidet auch öfter, weil er aus der Erfahrung nicht zu lernen versteht und immer wieder in dieselbe Grube fällt, in die er einmal gefallen. Im Leide ist er dann ebenso unvernünftig wie im Glück, er schreit laut und hat keinen Trost. Wie anders steht unter dem gleichen Mißgeschick der stoische, an der Erfahrung belehrte, durch Begriffe sich beherrschende Mensch da! Er, der sonst nur Aufrichtigkeit, Wahrheit, Freiheit von Täuschungen und Schutz vor berückenden Überfällen sucht, legt jetzt, im Unglück, das Meisterstück der Verstellung ab, wie jener im Glück; er trägt kein zuckendes und bewegliches Menschengesicht, sondern gleichsam eine Maske mit würdigem Gleichmaße der Züge, er schreit nicht und verändert nicht einmal seine Stimme, wenn eine rechte Wetterwolke sich über ihn ausgießt, so hüllt er sich in seinen Mantel und geht langsamen Schrittes unter ihr davon.

Friedrich Nietzsche
1873, aus dem Nachlaß

Druckfassung (PDF)

So, und wer’s jetzt bis hierher geschafft hat, kriegt zur Belohnung noch den Link zur ‘ganzen Wahrheit':
der Wikipedia-Artikel “Wahrheit” – wie immer zum Einsteigen und Weiterklettern…

wf

Wie Alexander sich ein Kotule Wein abfüllte: die Lösung

Schwierig wars ja nicht, unser Sommerferienrätsel 2014, aber dafür war der kleine Joke einer zweiten, etwas skurrilen, aber logisch korrekten Lösung drin versteckt.
Ihr erinnert euch an die Aufgabenstellung: Alexander hatte sich bei seinem Diogenes-Besuch genau 1 Kotule Wein aus einem 100er-Fassl abzumessen, dafür aber nur einen 3er- und einen 5er-Trinkbecher zur Verfügung.
Die naheliegende Hauptlösung besteht nun darin, dass Alexander den 3er-Becher füllt, den Wein in den 5er umschüttet, dann den 3er ein zweites Mal füllt und daraus in den 5er die zu dessen Komplettfüllung fehlenden 2 Kotulai gießt – im 3er bleibt also ein Kotule übrig.
Alexander hätte es aber auch anders machen können: Er füllt 17mal den 5er-Becher und schüttet den Inhalt weg, dann 3mal den 3er-Becher, den er auch auf den Boden gießt; somit verbleiben noch 6 Kotulai im Fass, womit Alexander zuerst den 5er für Diogenes voll macht und sich selber das restliche Kotule gönnt.
Allerdings, und das merkt euch bitte für den Geschichtsunterricht, liebe Kinder, hätte Alexander der Große es wohl nicht übers Herz gebracht, soviel Wein zu vergeuden – einige Quellen legen nahe, dass er schon früh eine ausgeprägte Leidenschaft für den berauschenden Stoff entwickelt hatte ;-)
Bei der Zusatzfrage, welcher philosophischen Richtung der Diogenes zugerechnet wird, war “Kynismus” die richtige Antwort.

Trotz der diesmal eher mageren Beteiligung haben wir wieder 5 Gewinner unter den (allesamt richtigen) Einsendungen ausgelost, alsda: Joachim Lotsch (Allershausen), Manfred Blänkner (Göttingen), Jürgen Keller (Hamburg), Thorsten Hastedt (Castrop-Rauxel) und Charly Maier (München). Die gewonnenen Musik-CDs werden euch in den nächsten Tagen zugeschickt.

Allen Zusendern wieder herzlichen Dank fürs Mitmachen und zur Überbrückung der Wartezeit aufs nächste “Philo-Logikrätsel”, das wie üblich zu Neujahr serviert wird, gibts heut wieder mal ein kleines Zündholz-Rätsel:

Zündholz-Rätsel

Lege die linken 10 Hölzer durch Überspringen von jeweils zwei einzelnen so um, daß die rechts abgebildeten 5 Kreuze entstehen. Ein bereits gebildetes Kreuz zählt als zwei Zündhölzer.


Wer sich übrigens selber eine kleine, hierher passende Rätselstory ausdenken und mir zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ Buch- oder CD-Belohnung und wird natürlich als Gastautor ‘verewigt’ ;-)

wf

Sommerferien-Rätsel 2014: Weintrinken bei Diogenes

Der Mann war der bekannteste Provokateur seiner Zeit und zahllos sind die Anekdoten über seine Aktionen, mit denen er öffentliches Ärgernis erregte. So spazierte er etwa eines helllichten Tages mit einer Laterne in der Hand über den Marktplatz von Athen, leuchtete allen Passanten ins Gesicht und auf die erboste Frage, was das denn solle, antwortete er: “Ich suche einen Menschen.”
Die Rede ist natürlich von Diogenes, der in einem Fass gehaust haben soll, jede Bequemlichkeit, materielle Mittel und alle sozialen Normen ablehnte, um sich seine Unabhängigkeit und gesellschaftskritische Randposition zu bewahren.
Klar, dass dem Mann auch viel angedichtet und übel nachgeredet wurde (wie allen Köpfen, die sich zu weit aus dem kleinbürgerlichen Mainstream herauswagen), und was Wahrheit oder Legende ist, lässt sich heutzutage kaum noch klären (zumal man aus jener Zeit, glaubt’s mir, liebe digital natives, keine Live-Mitschnitte auf YouTube findet).

Alexander besucht Diogenes

Alexander besucht Diogenes

Als ziemlich sicher gilt immerhin Diogenes’ Begegnung mit Alexander dem Großen, der kurz nach seiner Wahl zum jüngsten Feldherrn aller Makedonier und Griechen jenem einen Besuch abstattete, weil der damals schon sehr bekannte “Aussteiger”-Philosoph so gar nicht beim landesweiten Gratulationsgejubel mitmachen wollte. Das beeindruckte den Jüngling, zumal sein eigener Lehrer Aristoteles auch schon eine rätselhafte Lektion von Diogenes erhalten hatte, und so machte er sich auf den Weg zu dessen Fass.
Als ihm auch dort der völlig unbeeindruckte Diogenes keinerlei Huldigung erwies, war Alexander reichlich konsterniert und fragte den Alten, ob er nicht wenigstens eine Bitte an ihn habe. Worauf Diogenes entgegnete: “Geh mir einfach ein wenig aus der Sonne.”

So weit ist die Geschichte allgemein bekannt, doch sie ging noch weiter. Denn weil Alexander von der stoischen Coolness des Diogenes überaus beeindruckt war, wollte er ihm auf jeden Fall noch etwas Gutes tun und er ließ eine große Amphore mit 100 Kotulai Wein herbeibringen (1 Kotule = 0,275 l).

Daraufhin blickte Diogenes ihn lächelnd an und meinte: “Nun gut, so lass uns trinken! Hier, nimm meine zwei Trinkbecher, einen mit 3 und einen anderen mit 5 Kotulai Fassungsvermögen. Und da du noch einen weiten Weg vor dir hast, schenk dir nur ein wenig in den kleinen Becher ein und reiche mir dann den gut gefüllten großen; und wenn du es schaffst, dir genau 1 Kotule einzuschenken, werde ich dir auch verraten, wie du demnächst das Problem mit dem Gordischen Knoten lösen kannst.”


Nun, wie wir wissen, konnte Alexander den Gordischen Knoten dann tatsächlich lösen und deshalb lautet der Logik-Teil unseres diesjährigen Sommerferienrätsels:

a) Wie gelang es Alexander, sich ohne weitere Hilfsmittel genau 1 Kotule in seinen Becher abzumessen?

Und weil das diesmal doch recht einfach ist, gibt’s noch einen “Wissens”-Teil:

b) Wie bezeichnet man die “philosophische Richtung” der ‘Aussteiger’ á la Diogenes?

Wer glaubt, beide Frageteile richtig beantworten zu können und was gewinnen mag, kann uns die Lösung wieder per email zusenden (aber bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder fünf Musik-CDs von unserem Indie-Label Magic Sound & Word verlost (nach Wahl Modern Jazz, Indie-Rock oder Klassik-Rarität – bitte Vorliebe auf Lösungs-mail angeben, ebenso wie eure postalische Adresse!).
Einsendeschluss ist wieder das Ferienende in Bayern, der 15. September 2014.

wf

Open your ears and your mind will follow

Der eine hat das Gitarrenspiel im Blues revolutioniert, der andere schon als Kind renommierte Orchester dirigiert und der dritte in den 1960ern den Free Jazz mitbegründet. Die Rede ist von Johnny Winter, Lorin Maazel und Charlie Haden, die alle drei in den vergangenen Tagen gestorben sind und die alle drei in ihren so unterschiedlichen musikalischen Genres neue Spiel-, Hör- und Denkweisen auftaten.

Charlie Haden

Charlie Haden

Live erlebt habe ich allerdings nur Charlie Haden; zum ersten Mal, als er Anfang der 1980er als Gastmusiker bei Pat Methenys “80/81-Tour” in der Reihe “Jazz im Pfaffenwinkel” im Schongauer Ballenhaus auftrat. Im melodiösen Style von Methenys Kompositionen ließ Haden bei aller Virtuosität auch gern mal die Roots seiner familiären Folkmusic-Sozialisation in seinem Bass-Spiel durchschimmern, schelmisch setzte er das eine und andere verfremdete Country- oder Lullaby-Theme als Kontrapunkt in eine polyphone Kollektiv-Improvisation. Denn von der Harmonie-dienlich arbeitenden Grundton-Sklaverei hatte sich Haden da schon lang emanzipiert, sein Bass sang seit seiner Zusammenarbeit mit Ornette Coleman und im Trio des Pianisten Keith Jarrett mit einer eigenständigen Stimme.
Dieses Denken in musikalischen Freiheiten verband sich bei Haden auch mit einem politischen Anspruch, als er zur Subkultur der New Yorker Jazz-Avantgarde mit ihrem extrovertierteren, rebellischen Gestus stieß. Politische Stellungnahmen und Forderungen nach sozialem Wandel spiegelten sich in den Ausdrucksformen vieler junger Künstler, die sich mit den teilweise radikalen Anliegen der Bürgerrechtsbewegung solidarisierten und gegen Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit, überholte Konventionen und gegen die Außenpolitik der US-Regierung, insbesondere in Vietnam und in Lateinamerika, rebellierten. So gründete Haden zusammen mit der Pianistin Carla Bley 1969 das Liberation Music Orchestra als Plattform für musikalischen Protest gegen gesellschaftliche Missstände in den USA. Die Formation besteht in wechselnden Besetzungen und verschiedenen stilistischen Ausrichtungen bis heute und gastierte 1983 ebenfalls in unserem Städtchen am Lech, wodurch ich Haden erneut, diesmal in einer anspruchsvollen Ensemble-Spielart von World Music, hören konnte.

Das breitere Publikum reagierte damals wie heute ziemlich ablehnend auf frei improvisierte Musik (und eine ebensolche Denkart), welche die üblichen Aufführungs- und Rezeptionsgewohnheiten in Frage stellte. Aber genau diese Irritation, diese Herausforderung zur Öffnung von Gehör & Gehirn, war von den Künstlern beabsichtigt und „die Kraft und Härte des Neuen Jazz und ein revolutionäres, zum Teil außermusikalisches Pathos wirkten um so vehementer, als sich vieles angestaut hatte, was nun über das bequem gewordene Jazzpublikum hereinbrach“ (meint Joachim Ernst Berendt in seinem „Jazzbuch“).

In diesem gesellschaftskritischen Aspekt berühren sich Free Jazz (den es heute in unzähligen Spielarten gibt) und Punk, so dass es gar nicht verwundert, dass auch Vivien Goldman, Professorin für Punk an der New York University (ja, sowas gibts dort), das “revolutionäre” Musikschaffen Charlie Hadens nun in mehreren Artikeln ausgiebig würdigte und sogar eine Art Verwandtschaft im musikalischen und rebellischen Geiste zum ebenfalls gerade verstorbenen Punk-Drummer Tommy Ramone herbeischrieb. Kann frau natürlich so sehen…

Unter den zahllosen Formationen, in denen Haden mitwirkte, waren auch einige ziemlich kurzlebige, die trotz herausragender musikalischer Qualität kaum noch in der kollektiven Erinnerung der Jazz-Szene präsent sind. Dazu gehört wohl auch das Trio mit Ginger Baker (genau, der ehemalige “Cream”-Drummer und “Master of Polyrhythm”) und dem musikalischen Grenzgänger Bill Frisell (bei dem öfter mal Frank Zappa übers Griffbrett zu grinsen scheint) und rausgesucht hab ich für euch ein ziemlich freejazziges, improvisiertes Stückerl, das passenderweise mit “In the Moment” betitelt ist; geht mit einem ‘ausgmachten’ Themenkopf eher bieder los, dann aber dürfen die Herrschaften. Und bevor die weniger geübten HörerInnen zu früh aussteigen, verrat ich lieber noch, dass Baker da eins der coolsten Drum-Soli ever spielt (ab 9.15).

Viel Spass!

wf