Texterl zum Tage


Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt.

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Ein paar Wahrheiten über Wahrheit und Lüge

Notiz zur Scobel-Sendung “Was ist die Wahrheit wert?” und ein Filetstück von Nietzsche

“Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und die Urteile über die Dinge.”

Epiktet

Nicht wahr ist, dass diese Erkenntnis des alten Stoikers von Gert Scobel in seiner September-Sendung “Was ist die Wahrheit wert?” richtig zitiert wurde; und es ist auch nicht wahr, dass diesmal das dekorative 3sat-Schachbrett richtig aufgestellt war (hier im Filmbeitrag über Edward Snowden waren Dame und König vertauscht, wahrscheinlich wars wieder der Azubi “ich-mache-was-mit-medien”). Aber da wollen wir nicht kleinlich sein und erst recht nicht als Miesmacher missverstanden werden, denn Scobel macht in seinen interdisziplinären Themen-Sendungen als Moderator einen prima Job, ist inhaltlich meist auf Diskurshöhe und versucht als autodidaktischer “Generalist” die Übersicht zu behalten, um die manchmal etwas ‘speziellen’ Gedankenfäden seiner Gäste einigermaßen stimmig zu vernetzen. Aufklärungs-TV der besseren Sorte also, das nur leider in dieser 1%-Quoten-Nische auf 3sat viel zu wenig rezipiert wird.

Eingeladen waren diesmal die ZDF-Moskau-Korrespondentin Anne Gellinek, Philosophie-Professorin Simone Dietz sowie Ex-Bundesminister und Attac-Mitglied Heiner Geißler. Eine Diskussionsrunde auf der Suche nach kleinen Wahrheiten über Wahrheit und Lüge, die durchaus Bekanntes zu Tage förderte. Etwa, dass wir bei jedem Versuch, wenn uns jemand etwas als DIE WAHRHEIT verkaufen will, skeptisch sein sollten. Bei ideologisch-propagandistisch eingefärbten “Wahrheiten” aus verschiedenen Lagern (wie im Ukraine- oder Gaza-Konflikt) ebenso wie bei populistischen Verführungsversuchen des ‘gesunden Menschenverstands’ oder absoluten Geltungsansprüchen von ‘Experten’, auch in den Naturwissenschaften (Diez wies auf die “induktive Lücke” hin).
Aber damit die Scobelei nicht zu abstrakt und trocken bleibe, gabs wie üblich wieder anschauliche Kurzfilmchen zum Thema; geboten wurde Anekdotisches von Pontius Pilatus über den Kachelmann-Prozess bis hin zu unser aller Alltagslügen. Und gern wird von der Redaktion auch was aus der Scherzkiste gekramt, diesmal aus der Zeichentrick-Reihe “Philosophisches Kopfkino”, um die unterschiedlichen Wahrheits-Modelle der Philosophiegeschichte im Schnelldurchgang hinzutackern. Nun sind diese Clips ja wohl als Appetithäppchen gedacht, die mit den Mitteln der ironischen Pointierung Lust auf ein thematisches Hauptmenu machen oder wenigstens eine Mini-Erkenntnis to go anbieten sollen. Bei manchen der mittlerweile etwa einem Dutzend Filmchen gelingt das auch ganz gut (auch hier haben wir schon ein paar eingestreuselt), aber bei dem folgenden liegt in der Kürze nicht Würze, sondern … ein ziemlicher Schmarrn. Nicht dass wir an Blödeleien in den sakrosankten Gefilden der Philosophie keinen Spass hätten, aber der pädogogische Nährwert sinkt halt gegen Null, wenn bei fast jedem Versuch einer Pointierung nur ein sorry, knapp daneben konstatiert werden kann. So wird hier vom Clip-Autor die Aristotelische Wahrheitsfindung auf das Kriterium reduziert, dass “möglichst viele Leute mit einer Meinung oder Annahme übereinstimmen” – statt beispielsweise darauf hinzuweisen, dass A. mit seinen naturphilosophischen und logischen Erkenntnissen und Kategorien als Begründer der Korrespondenztheorie der Wahrheit angesehen werden kann. Noch unverdaulicher wirds, wenn vom Pragmatismus behauptet wird, er würde sich “mit dem zufrieden geben, was man hat” – obwohl der Pragmatismus ja im Gegenteil versucht, den Status Quo reflexiv in Frage zu stellen und in einem dialektischen Prozess von Fallibilitätsprüfung und lebenspraktischer Bewährung zu verbessern. Wenig nahrhaft auch die Anmerkungen zu Idealismus, Dialektischem Materialismus oder zum Verhältnis von einer idealisierten ‘absoluten’ zu einer verfeinerten ‘relativen’ Wahrheit (wofür als Beispiel die Verformung der guten alte Erdkugel in die geologisch korrekte Erdkartoffel herhalten muss).

Es gibt halt kein richtiges Lachen in der falschen Erzählung, aber seht selbst:

Vielleicht empfand Gert Scobel diese ausgefranste ‘Behandlung’ des philosophischen Großthemas in seiner Sendung selber als etwas unbefriedigend, so dass er am Schluss (und in seinem Blog) noch ein Filetstück anschnitt von Friedrich Nietzsche, der gegen die vernunftethischen Räsonnements zu Wahrheit und Lüge auf die stärkere Wirksamkeit von Anthropomorphismen und menschlichen Relationen wie dem (Schopenhauerschen)  Willen, dem Triebhaften im außermoralischen Sinne hingewiesen hat.  Hier nun wird euch nicht nur ein Appetithäppchen von diesem wunderbaren Text, sondern der ganze serviert; und weil möglicherweise die mediensoziologische These von der “verkürzten Aufmerksamkeitsspanne” der User im Netz auch auf manche von euch zutrifft, habe ich das Teil auch für Leser (!) zum Ausdrucken (PDF) aufbereitet und dabei eine Schriftgröße gewählt, die eine Lektüre auch noch beim Spazierengehen erlaubt – was ja laut Nietzsche ein probates Mittel zur Wahrheitsfindung ist ;-)

Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne

In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der “Weltgeschichte”: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. – So könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es gibt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten. Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, daß auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt. Es ist nichts so verwerflich und gering in der Natur, was nicht, durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens, sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der Stolzeste Mensch, der Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen.

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche

Es ist merkwürdig, daß dies der Intellekt zustande bringt, er, der doch gerade nur als Hilfsmittel den unglücklichsten, delikatesten, vergänglichsten Wesen beigegeben ist, um sie eine Minute im Dasein festzuhalten, aus dem sie sonst, ohne jene Beigabe, so schnell wie Lessings Sohn zu flüchten allen Grund hätten. Jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene Hochmut, verblendende Nebel über die Augen und Sinne der Menschen legend, täuscht sie also über den Wert des Daseins, dadurch daß er über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste Wertschätzung in sich trägt. Seine allgemeinste Wirkung ist Täuschung – aber auch die einzelnsten Wirkungen tragen etwas von gleichem Charakter an sich.

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht “Formen”, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu läßt sich der Mensch nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne daß sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes, gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinabzusehen vermöchte, und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!

Soweit das Individuum sich, gegenüber andern Individuen, erhalten will, benutzt es in einem natürlichen Zustand der Dinge den Intellekt zumeist nur zur Verstellung: weil aber der Mensch zugleich aus Not und Langeweile gesellschaftlich und herdenweise existieren will, braucht er einen Friedensschluß und trachtet danach, daß wenigstens das allergrößte bellum omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluß bringt etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes rätselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixiert, was von nun an “Wahrheit” sein soll, das heißt, es wird eine gleichmäßig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden, und die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge. Der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen; er sagt zum Beispiel: “ich bin reich”, während für seinen Zustand gerade “arm” die richtige Bezeichnung wäre. Er mißbraucht die festen Konventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen. Wenn er dies in eigennütziger und übrigens Schaden bringender Weise tut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen und ihn dadurch von sich ausschließen. Die Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden durch Betrug: sie hassen, auch auf dieser Stufe, im Grunde nicht die Täuschung, sondern die schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch auch nur die Wahrheit: er begehrt die angenehmen, Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit, gegen die reine folgenlose Erkenntnis ist er gleichgültig, gegen die vielleicht schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich gestimmt. Und überdies: wie steht es mit jenen Konventionen der Sprache? Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntnis, des Wahrheitssinnes, decken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?

Nur durch Vergeßlichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine “Wahrheit” in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewißheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns “hart” noch sonst bekannt wäre, und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewißheit! Wir reden von einer “Schlange”: die Bezeichnung trifft nichts als das Sichwinden, könnte also auch dem Wurme zukommen. Welche willkürlichen Abgrenzungen, welche einseitigen Bevorzugungen bald der bald jener Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen Sprachen, nebeneinander gestellt, zeigen, daß es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen. Das “Ding an sich” (das würde eben die reine folgenlose Wahrheit sein) ist auch dem Sprachbildner ganz unfaßlich und ganz und gar nicht erstrebenswert. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hilfe. Ein Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andre und neue. Man kann sich einen Menschen denken, der ganz taub ist und nie eine Empfindung des Tones und der Musik gehabt hat: wie dieser etwa die chladnischen Klangfiguren im Sande anstaunt, ihre Ursachen im Erzittern der Saite findet und nun darauf schwören wird, jetzt müsse er wissen, was die Menschen den “Ton” nennen, so geht es uns allen mit der Sprache. Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. Wie der Ton als Sandfigur, so nimmt sich das rätselhafte X des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als Bild, endlich als Laut aus. Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material, worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkuckucksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge.

Denken wir besonders noch an die Bildung der Begriffe. Jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, daß heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen. So gewiß nie ein Blatt einem andern ganz gleich ist, so gewiß ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden gebildet und erweckt nun die Vorstellung, als ob es in der Natur außer den Blättern etwas gäbe, das “Blatt” wäre, etwa eine Urform, nach der alle Blätter gewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären, aber von ungeschickten Händen, so daß kein Exemplar korrekt und zuverlässig als treues Abbild der Urform ausgefallen wäre. Wir nennen einen Menschen “ehrlich”. warum hat er heute so ehrlich gehandelt? fragen wir. Unsere Antwort pflegt zu lauten: seiner Ehrlichkeit wegen. Die Ehrlichkeit! Das heißt wieder: das Blatt ist die Ursache der Blätter. Wir wissen ja gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die “die Ehrlichkeit” hieße, wohl aber von zahlreichen individualisierten, somit ungleichen Handlungen, die wir durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und jetzt als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt formulieren wir aus ihnen eine qualitas occulta mit dem Namen: “die Ehrlichkeit”. Das Übersehen des Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff, wie es uns auch die Form gibt, wohingegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und undefinierbares X. Denn auch unser Gegensatz von Individuum und Gattung ist anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen der Dinge, wenn wir auch nicht zu sagen wagen, daß er ihm nicht entspricht: das wäre nämlich eine dogmatische Behauptung und als solche ebenso unerweislich wie ihr Gegenteil.

Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.

Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur Wahrheit stammt: denn bis jetzt haben wir nur von der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu existieren, stellt: wahrhaft zu sein, das heißt die usuellen Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung, nach einer festen Konvention zu lügen, herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen. Nun vergißt freilich der Mensch, daß es so mit ihm steht; er lügt also in der bezeichneten Weise unbewußt und nach hundertjährigen Gewöhnungen – und kommt eben durch diese Unbewußtheit, eben durch dies Vergessen zum Gefühl der Wahrheit. An dem Gefühl verpflichtet zu sein, ein Ding als “rot”, ein anderes als “kalt”, ein drittes als “stumm” zu bezeichnen, erwacht eine moralische auf Wahrheit sich beziehende Regung: aus dem Gegensatz des Lügners, dem niemand traut, den alle ausschließen, demonstriert sich der Mensch das Ehrwürdige, Zutrauliche und Nützliche der Wahrheit. Er stellt jetzt sein Handeln als “vernünftiges” Wesen unter die Herrschaft der Abstraktionen; er leidet es nicht mehr, durch die plötzlichen Eindrücke, durch die Anschauungen fortgerissen zu werden, er verallgemeinert alle diese Eindrücke erst zu entfärbteren, kühleren Begriffen, um an sie das Fahrzeug seines Lebens und Handelns anzuknüpfen. Alles, was den Menschen gegen das Tier abhebt, hängt von dieser Fähigkeit ab, die anschaulichen Metaphern zu einem Schema zu verflüchtigen, also ein Bild in einen Begriff aufzulösen. Im Bereich jener Schemata nämlich ist etwas möglich, was niemals unter den anschaulichen ersten Eindrücken gelingen möchte: eine pyramidale Ordnung nach Kasten und Graden aufzubauen, eine neue Welt von Gesetzen, Privilegien, Unterordnungen, Grenzbestimmungen zu schaffen, die nun der andern anschaulichen Welt der ersten Eindrücke gegenübertritt, als das Festere, Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher als das Regulierende und Imperativische. Während jede Anschauungsmetapher individuell und ohne ihresgleichen ist und deshalb allem Rubrizieren immer zu entfliehen weiß, zeigt der große Bau der Begriffe die starre Regelmäßigkeit eines römischen Kolumbariums und atmet in der Logik jene Strenge und Kühle aus, die der Mathematik zu eigen ist. Wer von dieser Kühle angehaucht wird, wird es kaum glauben, daß auch der Begriff, knöchern und achteckig wie ein Würfel und versetzbar wie jener, doch nur als das Residuum einer Metapher übrig bleibt, und daß die Illusion der künstlerischen Übertragung eines Nervenreizes in Bilder, wenn nicht die Mutter, so doch die Großmutter eines jeden Begriffs ist. Innerhalb dieses Würfelspiels der Begriffe heißt aber “Wahrheit”, jeden Würfel so zu gebrauchen, wie er bezeichnet ist, genau seine Augen zu zählen, richtige Rubriken zu bilden und nie gegen die Kastenordnung und gegen die Reihenfolge der Rangklassen zu verstoßen. Wie die Römer und Etrusker sich den Himmel durch starre mathematische Linien zerschnitten und in einen solchermaßen abgegrenzten Raum, als in ein templum, einen Gott bannten, so hat jedes Volk über sich einen solchen mathematisch zerteilten Begriffshimmel und versteht nun unter der Forderung der Wahrheit, daß jeder Begriffsgott nur in seiner Sphäre gesucht werde.

Man darf hier den Menschen wohl bewundern als ein gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fließendem Wasser das Auftürmen eines unendlich komplizierten Begriffsdomes gelingt: – freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muß es ein Bau wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von jedem Winde auseinandergeblasen zu werden. Als Baugenie erhebt sich solchermaßen der Mensch weit über die Biene: diese baut aus Wachs, das sie aus der Natur zusammenholt, er aus dem weit zarteren Stoffe der Begriffe, die er erst aus sich fabrizieren muß. Er ist hier sehr zu bewundern – aber nur nicht wegen seines Triebes zur Wahrheit, zum reinen Erkennen der Dinge. Wenn jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es ebendort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen: so aber steht es mit dem Suchen und Finden der “Wahrheit” innerhalb des Vernunft-Bezirkes. Wenn ich die Definition des Säugetiers mache und dann erkläre, nach Besichtigung eines Kamels: “siehe, ein Säugetier”, so wird damit eine Wahrheit zwar ans Licht gebracht, aber sie ist von begrenztem Werte, ich meine, sie ist durch und durch anthropomorphisch und enthält keinen einzigen Punkt, der “wahr an sich”, wirklich und allgemeingültig, abgesehn von dem Menschen, wäre. Der Forscher nach solchen Wahrheiten sucht im Grunde nur die Metamorphose der Welt in den Menschen, er ringt nach einem Verstehen der Welt als eines menschenartigen Dinges und erkämpft sich bestenfalls das Gefühl einer Assimilation. Ähnlich wie der Astrolog die Sterne im Dienste der Menschen und im Zusammenhange mit ihrem Glück und Leide betrachtete, so betrachtet ein solcher Forscher die ganze Welt als geknüpft an den Menschen, als den unendlich gebrochenen Widerklang eines Urklanges, des Menschen, als das vervielfältigte Abbild des einen Urbildes, des Menschen. Sein Verfahren ist, den Menschen als Maß an alle Dinge zu halten: wobei er aber von dem Irrtum ausgeht, zu glauben, er habe diese Dinge unmittelbar, als reine Objekte vor sich. Er vergißt also die originalen Anschauungsmetaphern als Metaphern und nimmt sie als die Dinge selbst.

Nur durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und Starrwerden einer ursprünglichen in hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse, nur durch den unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, dieses Fenster, dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, daß der Mensch sich als Subjekt, und zwar als künstlerisch schaffendes Subjekt, vergißt, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Konsequenz: wenn er einen Augenblick nur aus den Gefängniswänden dieses Glaubens heraus könnte, so wäre es sofort mit seinem “Selbstbewußtsein” vorbei. Schon dies kostet ihm Mühe, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der Vogel eine ganz andere Welt perzipieren als der Mensch, und daß die Frage, welche von beiden Weltperzeptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist, da hierzu bereits mit dem Maßstabe der richtigen Perzeption, das heißt mit einem nicht vorhandenen Maßstabe gemessen werden müßte.

Überhaupt aber scheint mir “die richtige Perzeption” – das würde heißen: der adäquate Ausdruck eines Objekts im Subjekt – ein widerspruchsvolles Unding: denn zwischen zwei absolut verschiedenen Sphären, wie zwischen Subjekt und Objekt, gibt es keine Kausalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ästhetisches Verhalten, ich meine eine andeutende Übertragung, eine nachstammelnde Übersetzung in eine ganz fremde Sprache: wozu es aber jedenfalls einer frei dichtenden und frei erfindenden Mittelsphäre und Mittelkraft bedarf. Das Wort “Erscheinung” enthält viele Verführungen, weshalb ich es möglichst vermeide: denn es ist nicht wahr, daß das Wesen der Dinge in der empirischen Welt erscheint. Ein Maler, dem die Hände fehlen und der durch Gesang das ihm vorschwebende Bild ausdrücken wollte, wird immer noch mehr bei dieser Vertauschung der Sphären verraten, als die empirische Welt vom Wesen der Dinge verrät. Selbst das Verhältnis eines Nervenreizes zu dem hervorgebrachten Bilde ist an sich kein notwendiges: wenn aber dasselbe Bild millionenmal hervorgebracht und durch viele Menschengeschlechter hindurch vererbt ist, ja zuletzt bei der gesamten Menschheit jedesmal infolge desselben Anlasses erscheint, so bekommt es endlich für den Menschen dieselbe Bedeutung, als ob es das einzig notwendige Bild sei und als ob jenes Verhältnis des ursprünglichen Nervenreizes zu dem hergebrachten Bilde ein strenges Kausalitätsverhältnis sei; wie ein Traum, ewig wiederholt, durchaus als Wirklichkeit empfunden und beurteilt werden würde. Aber das Hart- und Starr-Werden einer Metapher verbürgt durchaus nichts für die Notwendigkeit und ausschließliche Berechtigung dieser Metapher.

Es hat gewiß jeder Mensch, der in solchen Betrachtungen heimisch ist, gegen jeden derartigen Idealismus ein tiefes Mißtrauen empfunden, so oft er sich einmal recht deutlich von der ewigen Konsequenz, Allgegenwärtigkeit und Unfehlbarkeit der Naturgesetze überzeugte; er hat den Schluß gemacht: hier ist alles, soweit wir dringen, nach der Höhe der teleskopischen und nach der Tiefe der mikroskopischen Welt, so sicher, ausgebaut, endlos, gesetzmäßig und ohne Lücken; die Wissenschaft wird ewig in diesen Schachten mit Erfolg zu graben haben, und alles Gefundene wird zusammenstimmen und sich nicht widersprechen. Wie wenig gleicht dies einem Phantasieerzeugnis: denn wenn es dies wäre, müßte es doch irgendwo den Schein und die Unrealität erraten lassen. Dagegen ist einmal zu sagen: hätten wir noch, jeder für sich, eine verschiedenartige Sinnesempfindung, könnten wir selbst nur bald als Vogel, bald als Wurm, bald als Pflanze perzipieren, oder sähe der eine von uns denselben Reiz als rot, der andere als blau, hörte ein dritter ihn sogar als Ton, so würde niemand von einer solchen Gesetzmäßigkeit der Natur reden, sondern sie nur als ein höchst subjektives Gebilde begreifen.

Sodann: was ist für uns überhaupt ein Naturgesetz? Es ist uns nicht an sich bekannt, sondern nur in seinen Wirkungen, das heißt in seinen Relationen zu andern Naturgesetzen, die uns wieder nur als Summen von Relationen bekannt sind. Also verweisen alle diese Relationen immer nur wieder aufeinander und sind uns ihrem Wesen nach unverständlich durch und durch; nur das, was wir hinzubringen, die Zeit, der Raum, also Sukzessionsverhältnisse und Zahlen, sind uns wirklich daran bekannt. Alles Wunderbare aber, das wir gerade an den Naturgesetzen anstaunen, das unsere Erklärung fordert und uns zum Mißtrauen gegen den Idealismus verführen könnte, liegt gerade und ganz allein nur in der mathematischen Strenge und Unverbrüchlichkeit der Zeit- und Raum-Vorstellungen. Diese aber produzieren wir in uns und aus uns mit jener Notwendigkeit, mit der die Spinne spinnt; wenn wir gezwungen sind, alle Dinge nur unter diesen Formen zu begreifen, so ist es dann nicht mehr wunderbar, daß wir an allen Dingen eigentlich nur eben diese Formen begreifen: denn sie alle müssen die Gesetze der Zahl an sich tragen, und die Zahl gerade ist das Erstaunlichste in den Dingen. Alle Gesetzmäßigkeit, die uns im Sternenlauf und im chemischen Prozeß so imponiert, fällt im Grunde mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an die Dinge heranbringen, so daß wir damit uns selber imponieren. Dabei ergibt sich allerdings, daß jene künstlerische Metapherbildung, mit der in uns jede Empfindung beginnt, bereits jene Formen voraussetzt, also in ihnen vollzogen wird; nur aus dem festen Verharren dieser Urformen erklärt sich die Möglichkeit, wie nachher wieder aus den Metaphern selbst ein Bau der Begriffe konstituiert werden konnte. Dieser ist nämlich eine Nachahmung der Zeit-, Raum- und Zahlenverhältnisse auf dem Boden der Metaphern.

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An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die Sprache , in späteren Zeiten die Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem großen Kolumbarium der Begriffe, der Begräbnisstätte der Anschauungen, baut immer neue und höhere Stockwerke, stützt, reinigt, erneut die alten Zellen und ist vor allem bemüht, jenes ins Ungeheure aufgetürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische Welt, das heißt die anthropomorphische Welt, hineinzuordnen. Wenn schon der handelnde Mensch sein Leben an die Vernunft und ihre Begriffe bindet, um nicht fortgeschwemmt zu werden und sich nicht selbst zu verlieren, so baut der Forscher seine Hütte dicht an den Turmbau der Wissenschaft, um an ihm mithelfen zu können und selbst Schutz unter dem vorhandenen Bollwerk zu finden. Und Schutz braucht er: denn es gibt furchtbare Mächte, die fortwährend auf ihn eindringen und die der wissenschaftlichen “Wahrheit” ganz anders geartete “Wahrheiten” mit den verschiedenartigsten Schildzeichen entgegenhalten.

Jener Trieb zur Metapherbildung, jener Fundamentaltrieb des Menschen, den man keinen Augenblick wegrechnen kann, weil man damit den Menschen selbst wegrechnen würde, ist dadurch, daß aus seinen verflüchtigten Erzeugnissen, den Begriffen, eine reguläre und starre neue Welt als eine Zwingburg für ihn gebaut wird, in Wahrheit nicht bezwungen und kaum gebändigt. Er sucht sich ein neues Bereich seines Wirkens und ein anderes Flußbette und findet es im Mythus und überhaupt in der Kunst. Fortwährend verwirrt er die Rubriken und Zellen der Begriffe, dadurch daß er neue Übertragungen, Metaphern, Metonymien hinstellt, fortwährend zeigt er die Begierde, die vorhandene Welt des wachen Menschen so bunt unregelmäßig, folgenlos unzusammenhängend, reizvoll und ewig neu zu gestalten, wie es die Welt des Traumes ist. An sich ist ja der wache Mensch nur durch das starre und regelmäßige Begriffsgespinst darüber im klaren, daß er wache, und kommt eben deshalb mitunter in den Glauben, er träume, wenn jenes Begriffsgespinst einmal durch die Kunst zerrissen wird. Pascal hat recht, wenn er behauptet, daß wir, wenn uns jede Nacht derselbe Traum käme, davon ebenso beschäftigt würden als von den Dingen, die wir jeden Tag sehen: “wenn ein Handwerker gewiß wäre, jede Nacht zu träumen, volle zwölf Stunden hindurch, daß er König sei, so glaube ich, sagt Pascal, daß er ebenso glücklich wäre als ein König, welcher alle Nächte während zwölf Stunden träumte, er sei Handwerker”. Der wache Tag eines mythisch erregten Volkes, etwa der älteren Griechen, ist durch das fortwährend wirkende Wunder, wie es der Mythus annimmt, in der Tat dem Traume ähnlicher als dem Tag des wissenschaftlich ernüchterten Denkers. Wenn jeder Baum einmal als Nymphe reden oder unter der Hülle eines Stieres ein Gott Jungfrauen wegschleppen kann, wenn die Göttin Athene selbst plötzlich gesehn wird, wie sie mit einem schönen Gespann, in der Begleitung des Pisistratus, durch die Märkte Athens fährt – und das glaubte der ehrliche Athener –, so ist in jedem Augenblicke, wie im Traume, alles möglich, und die ganze Natur umschwärmt den Menschen, als ob sie nur die Maskerade der Götter wäre, die sich nur einen Scherz daraus machten, in allen Gestalten den Menschen zu täuschen.

Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen, und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch königlicher agiert, als ihn die Wirklichkeit zeigt. Der Intellekt, jener Meister der Verstellung, ist so lange frei und seinem sonstigen Sklavendienste enthoben, als er täuschen kann, ohne zu schaden, und feiert dann seine Saturnalien. Nie ist er üppiger, reicher, stolzer, gewandter und verwegener: mit schöpferischem Behagen wirft er die Metaphern durcheinander und verrückt die Grenzsteine der Abstraktionen, so daß er zum Beispiel den Strom als den beweglichen Weg bezeichnet, der den Menschen trägt, dorthin, wohin er sonst geht. Jetzt hat er das Zeichen der Dienstbarkeit von sich geworfen: sonst mit trübsinniger Geschäftigkeit bemüht, einem armen Individuum, dem es nach Dasein gelüstet, den Weg und die Werkzeuge zu zeigen, und wie ein Diener für seinen Herrn auf Raub und Beute ausziehend, ist er jetzt zum Herrn geworden und darf den Ausdruck der Bedürftigkeit aus seinen Mienen wegwischen. Was er jetzt auch tut, alles trägt im Vergleich mit seinem früheren Tun die Verstellung, wie das frühere die Verzerrung an sich. Er kopiert das Menschenleben, nimmt es aber für eine gute Sache und scheint mit ihm sich recht zufrieden zu geben. Jenes ungeheure Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet, ist dem freigewordnen Intellekt nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das Nächste trennend, so offenbart er, daß er jene Notbehelfe der Bedürftigkeit nicht braucht und daß er jetzt nicht von Begriffen, sondern von Intuitionen geleitet wird. Von diesen Intuitionen aus führt kein regelmäßiger Weg in das Land der gespenstischen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht, oder redet in lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen.

Es gibt Zeitalter, in denen der vernünftige Mensch und der intuitive Mensch nebeneinander stehn, der eine in Angst vor der Intuition, der andere mit Hohn über die Abstraktion; der letztere ebenso unvernünftig, als der erstere unkünstlerisch ist. Beide begehren über das Leben zu herrschen: dieser, indem er durch Vorsorge, Klugheit, Regelmäßigkeit den hauptsächlichsten Nöten zu begegnen weiß, jener, indem er als ein ,”überfroher Held” jene Nöte nicht sieht und nur das zum Schein und zur Schönheit verstellte Leben als real nimmt. Wo einmal der intuitive Mensch, etwa wie im älteren Griechenland, seine Waffen gewaltiger und siegreicher führt als sein Widerspiel, kann sich günstigenfalls eine Kultur gestalten und die Herrschaft der Kunst über das Leben sich gründen: jene Verstellung, jenes Verleugnen der Bedürftigkeit, jener Glanz der metaphorischen Anschauungen und überhaupt jene Unmittelbarkeit der Täuschung begleitet alle Äußerungen eines solchen Lebens. Weder das Haus, noch der Schritt, noch die Kleidung, noch der tönerne Krug verraten, daß die Notdurft sie erfand: es scheint so, als ob in ihnen allen ein erhabenes Glück und eine olympische Wolkenlosigkeit und gleichsam ein Spielen mit dem Ernste ausgesprochen werden sollte. Während der von Begriffen und Abstraktionen geleitete Mensch durch diese das Unglück nur abwehrt, ohne selbst aus den Abstraktionen sich Glück zu erzwingen, während er nach möglichster Freiheit von Schmerzen trachtet, erntet der intuitive Mensch, inmitten einer Kultur stehend, bereits von seinen Intuitionen, außer der Abwehr des Übels, eine fortwährend einströmende Erhellung, Aufheiterung, Erlösung. Freilich leidet er heftiger, wenn er leidet: ja er leidet auch öfter, weil er aus der Erfahrung nicht zu lernen versteht und immer wieder in dieselbe Grube fällt, in die er einmal gefallen. Im Leide ist er dann ebenso unvernünftig wie im Glück, er schreit laut und hat keinen Trost. Wie anders steht unter dem gleichen Mißgeschick der stoische, an der Erfahrung belehrte, durch Begriffe sich beherrschende Mensch da! Er, der sonst nur Aufrichtigkeit, Wahrheit, Freiheit von Täuschungen und Schutz vor berückenden Überfällen sucht, legt jetzt, im Unglück, das Meisterstück der Verstellung ab, wie jener im Glück; er trägt kein zuckendes und bewegliches Menschengesicht, sondern gleichsam eine Maske mit würdigem Gleichmaße der Züge, er schreit nicht und verändert nicht einmal seine Stimme, wenn eine rechte Wetterwolke sich über ihn ausgießt, so hüllt er sich in seinen Mantel und geht langsamen Schrittes unter ihr davon.

Friedrich Nietzsche
1873, aus dem Nachlaß

Druckfassung (PDF)

So, und wer’s jetzt bis hierher geschafft hat, kriegt zur Belohnung noch den Link zur ‘ganzen Wahrheit':
der Wikipedia-Artikel “Wahrheit” – wie immer zum Einsteigen und Weiterklettern…

wf

Wie Alexander sich ein Kotule Wein abfüllte: die Lösung

Schwierig wars ja nicht, unser Sommerferienrätsel 2014, aber dafür war der kleine Joke einer zweiten, etwas skurrilen, aber logisch korrekten Lösung drin versteckt.
Ihr erinnert euch an die Aufgabenstellung: Alexander hatte sich bei seinem Diogenes-Besuch genau 1 Kotule Wein aus einem 100er-Fassl abzumessen, dafür aber nur einen 3er- und einen 5er-Trinkbecher zur Verfügung.
Die naheliegende Hauptlösung besteht nun darin, dass Alexander den 3er-Becher füllt, den Wein in den 5er umschüttet, dann den 3er ein zweites Mal füllt und daraus in den 5er die zu dessen Komplettfüllung fehlenden 2 Kotulai gießt – im 3er bleibt also ein Kotule übrig.
Alexander hätte es aber auch anders machen können: Er füllt 17mal den 5er-Becher und schüttet den Inhalt weg, dann 3mal den 3er-Becher, den er auch auf den Boden gießt; somit verbleiben noch 6 Kotulai im Fass, womit Alexander zuerst den 5er für Diogenes voll macht und sich selber das restliche Kotule gönnt.
Allerdings, und das merkt euch bitte für den Geschichtsunterricht, liebe Kinder, hätte Alexander der Große es wohl nicht übers Herz gebracht, soviel Wein zu vergeuden – einige Quellen legen nahe, dass er schon früh eine ausgeprägte Leidenschaft für den berauschenden Stoff entwickelt hatte ;-)
Bei der Zusatzfrage, welcher philosophischen Richtung der Diogenes zugerechnet wird, war “Kynismus” die richtige Antwort.

Trotz der diesmal eher mageren Beteiligung haben wir wieder 5 Gewinner unter den (allesamt richtigen) Einsendungen ausgelost, alsda: Joachim Lotsch (Allershausen), Manfred Blänkner (Göttingen), Jürgen Keller (Hamburg), Thorsten Hastedt (Castrop-Rauxel) und Charly Maier (München). Die gewonnenen Musik-CDs werden euch in den nächsten Tagen zugeschickt.

Allen Zusendern wieder herzlichen Dank fürs Mitmachen und zur Überbrückung der Wartezeit aufs nächste “Philo-Logikrätsel”, das wie üblich zu Neujahr serviert wird, gibts heut wieder mal ein kleines Zündholz-Rätsel:

Zündholz-Rätsel

Lege die linken 10 Hölzer durch Überspringen von jeweils zwei einzelnen so um, daß die rechts abgebildeten 5 Kreuze entstehen. Ein bereits gebildetes Kreuz zählt als zwei Zündhölzer.


Wer sich übrigens selber eine kleine, hierher passende Rätselstory ausdenken und mir zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ Buch- oder CD-Belohnung und wird natürlich als Gastautor ‘verewigt’ ;-)

wf

Sommerferien-Rätsel 2014: Weintrinken bei Diogenes

Der Mann war der bekannteste Provokateur seiner Zeit und zahllos sind die Anekdoten über seine Aktionen, mit denen er öffentliches Ärgernis erregte. So spazierte er etwa eines helllichten Tages mit einer Laterne in der Hand über den Marktplatz von Athen, leuchtete allen Passanten ins Gesicht und auf die erboste Frage, was das denn solle, antwortete er: “Ich suche einen Menschen.”
Die Rede ist natürlich von Diogenes, der in einem Fass gehaust haben soll, jede Bequemlichkeit, materielle Mittel und alle sozialen Normen ablehnte, um sich seine Unabhängigkeit und gesellschaftskritische Randposition zu bewahren.
Klar, dass dem Mann auch viel angedichtet und übel nachgeredet wurde (wie allen Köpfen, die sich zu weit aus dem kleinbürgerlichen Mainstream herauswagen), und was Wahrheit oder Legende ist, lässt sich heutzutage kaum noch klären (zumal man aus jener Zeit, glaubt’s mir, liebe digital natives, keine Live-Mitschnitte auf YouTube findet).

Alexander besucht Diogenes

Alexander besucht Diogenes

Als ziemlich sicher gilt immerhin Diogenes’ Begegnung mit Alexander dem Großen, der kurz nach seiner Wahl zum jüngsten Feldherrn aller Makedonier und Griechen jenem einen Besuch abstattete, weil der damals schon sehr bekannte “Aussteiger”-Philosoph so gar nicht beim landesweiten Gratulationsgejubel mitmachen wollte. Das beeindruckte den Jüngling, zumal sein eigener Lehrer Aristoteles auch schon eine rätselhafte Lektion von Diogenes erhalten hatte, und so machte er sich auf den Weg zu dessen Fass.
Als ihm auch dort der völlig unbeeindruckte Diogenes keinerlei Huldigung erwies, war Alexander reichlich konsterniert und fragte den Alten, ob er nicht wenigstens eine Bitte an ihn habe. Worauf Diogenes entgegnete: “Geh mir einfach ein wenig aus der Sonne.”

So weit ist die Geschichte allgemein bekannt, doch sie ging noch weiter. Denn weil Alexander von der stoischen Coolness des Diogenes überaus beeindruckt war, wollte er ihm auf jeden Fall noch etwas Gutes tun und er ließ eine große Amphore mit 100 Kotulai Wein herbeibringen (1 Kotule = 0,275 l).

Daraufhin blickte Diogenes ihn lächelnd an und meinte: “Nun gut, so lass uns trinken! Hier, nimm meine zwei Trinkbecher, einen mit 3 und einen anderen mit 5 Kotulai Fassungsvermögen. Und da du noch einen weiten Weg vor dir hast, schenk dir nur ein wenig in den kleinen Becher ein und reiche mir dann den gut gefüllten großen; und wenn du es schaffst, dir genau 1 Kotule einzuschenken, werde ich dir auch verraten, wie du demnächst das Problem mit dem Gordischen Knoten lösen kannst.”


Nun, wie wir wissen, konnte Alexander den Gordischen Knoten dann tatsächlich lösen und deshalb lautet der Logik-Teil unseres diesjährigen Sommerferienrätsels:

a) Wie gelang es Alexander, sich ohne weitere Hilfsmittel genau 1 Kotule in seinen Becher abzumessen?

Und weil das diesmal doch recht einfach ist, gibt’s noch einen “Wissens”-Teil:

b) Wie bezeichnet man die “philosophische Richtung” der ‘Aussteiger’ á la Diogenes?

Wer glaubt, beide Frageteile richtig beantworten zu können und was gewinnen mag, kann uns die Lösung wieder per email zusenden (aber bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder fünf Musik-CDs von unserem Indie-Label Magic Sound & Word verlost (nach Wahl Modern Jazz, Indie-Rock oder Klassik-Rarität – bitte Vorliebe auf Lösungs-mail angeben, ebenso wie eure postalische Adresse!).
Einsendeschluss ist wieder das Ferienende in Bayern, der 15. September 2014.

wf

Open your ears and your mind will follow

Der eine hat das Gitarrenspiel im Blues revolutioniert, der andere schon als Kind renommierte Orchester dirigiert und der dritte in den 1960ern den Free Jazz mitbegründet. Die Rede ist von Johnny Winter, Lorin Maazel und Charlie Haden, die alle drei in den vergangenen Tagen gestorben sind und die alle drei in ihren so unterschiedlichen musikalischen Genres neue Spiel-, Hör- und Denkweisen auftaten.

Charlie Haden

Charlie Haden

Live erlebt habe ich allerdings nur Charlie Haden; zum ersten Mal, als er Anfang der 1980er als Gastmusiker bei Pat Methenys “80/81-Tour” in der Reihe “Jazz im Pfaffenwinkel” im Schongauer Ballenhaus auftrat. Im melodiösen Style von Methenys Kompositionen ließ Haden bei aller Virtuosität auch gern mal die Roots seiner familiären Folkmusic-Sozialisation in seinem Bass-Spiel durchschimmern, schelmisch setzte er das eine und andere verfremdete Country- oder Lullaby-Theme als Kontrapunkt in eine polyphone Kollektiv-Improvisation. Denn von der Harmonie-dienlich arbeitenden Grundton-Sklaverei hatte sich Haden da schon lang emanzipiert, sein Bass sang seit seiner Zusammenarbeit mit Ornette Coleman und im Trio des Pianisten Keith Jarrett mit einer eigenständigen Stimme.
Dieses Denken in musikalischen Freiheiten verband sich bei Haden auch mit einem politischen Anspruch, als er zur Subkultur der New Yorker Jazz-Avantgarde mit ihrem extrovertierteren, rebellischen Gestus stieß. Politische Stellungnahmen und Forderungen nach sozialem Wandel spiegelten sich in den Ausdrucksformen vieler junger Künstler, die sich mit den teilweise radikalen Anliegen der Bürgerrechtsbewegung solidarisierten und gegen Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit, überholte Konventionen und gegen die Außenpolitik der US-Regierung, insbesondere in Vietnam und in Lateinamerika, rebellierten. So gründete Haden zusammen mit der Pianistin Carla Bley 1969 das Liberation Music Orchestra als Plattform für musikalischen Protest gegen gesellschaftliche Missstände in den USA. Die Formation besteht in wechselnden Besetzungen und verschiedenen stilistischen Ausrichtungen bis heute und gastierte 1983 ebenfalls in unserem Städtchen am Lech, wodurch ich Haden erneut, diesmal in einer anspruchsvollen Ensemble-Spielart von World Music, hören konnte.

Das breitere Publikum reagierte damals wie heute ziemlich ablehnend auf frei improvisierte Musik (und eine ebensolche Denkart), welche die üblichen Aufführungs- und Rezeptionsgewohnheiten in Frage stellte. Aber genau diese Irritation, diese Herausforderung zur Öffnung von Gehör & Gehirn, war von den Künstlern beabsichtigt und „die Kraft und Härte des Neuen Jazz und ein revolutionäres, zum Teil außermusikalisches Pathos wirkten um so vehementer, als sich vieles angestaut hatte, was nun über das bequem gewordene Jazzpublikum hereinbrach“ (meint Joachim Ernst Berendt in seinem „Jazzbuch“).

In diesem gesellschaftskritischen Aspekt berühren sich Free Jazz (den es heute in unzähligen Spielarten gibt) und Punk, so dass es gar nicht verwundert, dass auch Vivien Goldman, Professorin für Punk an der New York University (ja, sowas gibts dort), das “revolutionäre” Musikschaffen Charlie Hadens nun in mehreren Artikeln ausgiebig würdigte und sogar eine Art Verwandtschaft im musikalischen und rebellischen Geiste zum ebenfalls gerade verstorbenen Punk-Drummer Tommy Ramone herbeischrieb. Kann frau natürlich so sehen…

Unter den zahllosen Formationen, in denen Haden mitwirkte, waren auch einige ziemlich kurzlebige, die trotz herausragender musikalischer Qualität kaum noch in der kollektiven Erinnerung der Jazz-Szene präsent sind. Dazu gehört wohl auch das Trio mit Ginger Baker (genau, der ehemalige “Cream”-Drummer und “Master of Polyrhythm”) und dem musikalischen Grenzgänger Bill Frisell (bei dem öfter mal Frank Zappa übers Griffbrett zu grinsen scheint) und rausgesucht hab ich für euch ein ziemlich freejazziges, improvisiertes Stückerl, das passenderweise mit “In the Moment” betitelt ist; geht mit einem ‘ausgmachten’ Themenkopf eher bieder los, dann aber dürfen die Herrschaften. Und bevor die weniger geübten HörerInnen zu früh aussteigen, verrat ich lieber noch, dass Baker da eins der coolsten Drum-Soli ever spielt (ab 9.15).

Viel Spass!

wf

Beten für’s WM-Finale

Aus Sicht der Philosophischen Anthropologie speist sich der kollektive Fussball-Fanatismus hauptsächlich aus zwei Quellen: Einerseits aus dem Tribalismus (mitsamt seinen Inclusions-/Exclusions-Mechanismen, Überlegenheitsdünkel und Nationalstolz) und andererseits aus dem Bedürfnis nach metaphysischer Sinnstiftung für die elende Daseins-Geworfenheit, nach Trost durch die Religion.
Und weil der Mensch mit einem abstrakten ‘Gott’ wenig anfangen kann, hat er sich ihn zu allen Zeiten phänomenologisch abgerichtet, mal in der einen, mal in einer anderen Erscheinungsweise, und heute eben in Gestalt des Fussballs.

Spielvorbereitung Argentinien - Deutschland

Spielvorbereitung Argentinien – Deutschland

Welche positiven synergetischen Effekte sich daraus ziehen lassen, haben auch die beiden Spielmacher der Katholischen Kirche begriffen und ihre jeweiligen Landsmannschaften ins Finale gebetet. Dagegen hatten ihre Halbfinalgegner mit ihren nicht mehr zeitgemäßen Spiel-, also Glaubens-Systemen keine Chance.
Den Holländern hatte die Anbetung der Tulpe (geht wohl auf die pantheistische Vorstellung ihres Landsmannes Spinozoa “Gott = die Natur” zurück) auch diesmal nix genützt und bei den Brasilianern ließ der vielfältige Synkretismus afrobrasilianischer Religionen wie des Candomblé mit seinen spiritistischen Ritualen erst gar keine rechte Ordnung aufs Spielfeld kommen.

Was dabei rauskommt, wenn der Franzl und der Bene für das Endspiel weiterbeten, lässt sich nicht so leicht voraussagen, denn weder wissen wir, wer der Stärkere im Glauben ist, noch wie ernsthaft sie das Konzept der christlichen Nächstenliebe verinnerlicht haben.

Für die Unterlegenen, die sich dann auch um die Investition ihrer Gebete geprellt fühlen, und für alle Agnostiker, die diesen Quark eh nicht glauben, bleibt der Trost des fussballspielenden Schweizer Pfarrers Josef Hochstrasser: “Religion ist heilbar”.

wf

Wo Trolle philosophieren und Lieder aus der Edda singen…

… da muss Island sein. Und schon beim Flug dorthin könnte es dir passieren, dass so ein Troll mit an Bord ist, auf der Rückreise zu seinem Heimatstein auf der Insel. Denn isländische Trolle reisen gern und oft, um sich in der Welt jener merkwürdigen Wesen umzusehen, über die es sich so trollig lästern lässt. Nicht, um sich über die Andersartigkeit dieser Wesen eitel zu erheben, denn Trolle haben im Gegensatz zu den Wesen großen Respekt vor dem Andersartigen. Eher sind die Trolle unterwegs, um herauszufinden, warum die Wesen die Erkenntnis in Philosophie, Religion und Wissenschaft aufgeteilt haben und warum sich in deren Vorstellung Sein & Sinn nur in der Konstruktion von Dualismen entfalte: in der Trennung von Subjekt und Objekt, von Physischem und Mentalem, von Natur und Kultur, von Ideal und Wirklichkeit – und sich somit in unlösbaren Widersprüchen und kognitiven Dissonanzen verheddern.

Trolle im Dialog

Trolle im Dialog – gezeichnet von zenundsenf

Und weil ein Troll nur da ganz Troll ist, wo er spielt, trifft er sich nach einer solchen Reise gern mit seinesgleichen zum “Spiel der Wesen”, bei dem die Regel gilt, man müsse tun, als sei es ernst. So lange, bis das Spiel erweist, dass der Dogmatismus jeder ‘letzten Wahrheit’ doch nur Anschein sei und jedes Besserwissenwollen Hybris.
Doch versuche nur nicht, ohne professionellen Beistand mit einem Troll ins Gespräch zu kommen, denn es wird berichtet, dass die Trolle dann sofort verstummen, sich in Stein verwandeln, und wenn sie schlecht gelaunt sind, dich gleich mit. Andere sagen, dass die Trolle bei unvorsichtiger Ansprache dir zuerst das Wort im Munde und dann das Gedenke im Hirn verdrehen, so dass du, eh du dich’s versiehst, zur Sedierung in die Psychiatrie eingeliefert werden musst.
Warte lieber, bis du auf dem Reykjavíker Flughafen Kevlavik gelandet bist, wo du dir gleich in der ersten Buchhandlung die Protokolle der “Trolle auf Reisen” besorgen kannst. Denn obwohl es wie gesagt nicht ganz einfach ist, die oftmals in anderer Gestalt oder im Gestein verborgenen Trolle bei ihrem Spiel zu beobachten und ihre Dialoge zu belauschen, gelang genau dies dem Wanderer und Reisenden Björn Eriksson bei etlichen vorsichtigen Annäherungen, wobei die vorliegenden 25 Mitschriften seines Großen Lauschangriffs entstanden. Und da Trolle sich nicht von fotographischen Apperaten erfassen lassen, hat Björn den Augsburger Zeichner Andreas Walter auf die Reise mitgenommen, um die Szenen mit Stift und Pinsel zu dokumentieren. Für Andreas, der seine Arbeiten als “zenundsenf” unter anderem in Spiegel online, Frankfurter Rundschau und bei Ausstellungen in Deutschland, Österreich und Belgien veröffentlicht hat, war es eine neue Erfahrung, dass diesmal die Objekte seiner Kunst, also die Trolle, während des Aufzeichnungsprozesses scheinbar ein Eigenleben in seiner federführenden Hand entwickelten und ihm das Gefühl gaben “es denkt in mir”. Die Zusammenarbeit der beiden kam zustande, nachdem sie sich als Gastautoren in diesem Magazin für das Schräge, Kuriose und Unerhörte gegenseitig beschnuppert hatten, Gefallen aneinander fanden und sich schließlich für das Troll-Projekt verabredeten.

Buchumschlag "Trolle auf Reisen" von zenundsenf

Buchumschlag “Trolle auf Reisen” von zenundsenf

 

Mit dem Protokollieren und Übersetzen der Dialoge war’s aber nicht getan, denn isländische Trolle haben die Eigenart, nach beendeter Rede auf ihren Steinen zu tanzen und dabei Verse aus dem 164-strophigen “Hávamál“, einem Bestandteil der “Edda“, zu singen. Darin geht es um den Glauben an den Wert des Einzelnen, der für sein eigenes Leben zwar Verantwortung trägt, dabei aber durch ein untrennbares Band mit der Natur und der Gesellschaft verbunden ist. Die belebte Welt formt in all ihren Manifestationen ein harmonisches Ganzes und Verstöße gegen die Natur wirken sich unmittelbar auf den Menschen selbst aus. Hávamál bedeutet zwar “Des Hohen Lied”, ist aber nicht, wie oft irrtümlich angenommen, eine Art ‘Götter-Bibel’ mit Anweisungen oder Verlautbarungen aus der nordischen Götterwelt (“Odins Worte”), sondern eine zeitlich (10. bis 13. Jh.) und inhaltlich dreigeteilte Sammlung von Alltagssituationen, aus denen in poetischer Form kleine Lebensweisheiten destilliert werden. Das Hávamál zählt zur Weisheitsliteratur und ist im Rang den indischen Veden oder den homerischen Gedichten Griechenlands vergleichbar.

Nun singen die Trolle die (auch für Isländer teilweise etwas geheimnisvollen) Texte natürlich im Original, wie es im Codex regius aus dem 13. Jahrhundert überliefert und in der Arnamagnäanischen Sammlung in Reykjavik aufbewahrt wird, aber für die deutsche Ausgabe der Troll-Protokolle galt es, diese einigermaßen adäquat zu übersetzen. Versuche dazu gabs ab dem 17. Jahrhundert etliche, doch die verschiedenen Übersetzer gestanden sich dabei große interpretatorische Freiheiten zu, die zu Missdeutungen und Sinnverstümmelungen führten (vor allem bei den Germanentümlern). Auch die wohl am häufigsten zitierte Übersetzung von Simrock erscheint vielen Isländern, die auch des Deutschen mächtig sind, unzulänglich, so dass Björn Eriksson sich zu einer Neu-Interpretation gezwungen sah, um der Gemütsverfassung der Trolle gerecht zu werden. Das Hauptproblem dabei war, dass natürlich auch das Alt-Isländische den Prozessen des Sprachwandels ausgesetzt war und viele grammatikalische und semantische Zuordnungen einzelner Begriffe heutzutage erst freigeschaufelt werden müssen, um sie neu und stimmig ein- und anzuordnen.

An diesem Punkt seiner Arbeit lud Björn mich ein, als passionierter ‘Poesie-Versteher’ und Gelegenheits-Linguist mal einen Blick auf seine Interpretationsversuche zu werfen und meinen Senf (mit oder ohne Zen) dazuzugeben. Er wusste natürlich, dass meine Isländisch-Kenntnisse gleich Null waren (nicht mal einer seiner Einladungen auf die Insel war ich bisher gefolgt) und hatte dementprechend vorgearbeitet: Zu einer ganzen Reihe von Begriffen hatte Björn akribisch semantische Analysebäume mit Übersetzungsvorschlägen im konkreten Textzusammenhang angelegt, und das sah dann so aus wie hier zum Sinn-Feld “denken – begreifen”:

Analysebaum zum semantischen Feld "denken - begreifen"

Analysebaum zum semantischen Feld “denken – begreifen”

So gerüstet konnten wir uns also an das Derrida-Spiel der Dekonstruktion (einiger uns vorliegenden älteren Übersetzungen) und an die Lesart der Différance wagen, bei der die Elemente eines Textes in einem Spiel des gegenseitigen Verweisens der Signifikanten aufeinander interpretiert werden. Wir wollen euch hier nicht mit sprachwissenschaftlichen Details langweilen, aber ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es uns bei dieser Bastelarbeit darum ging, die innere Struktur der Texte, deren Bezug zu anderen (Kon-)Texten und somit die relationalen Bedeutungsunterscheidungen der Begriffe einigermaßen zu erfassen, um unsere Neuinterpretationen rechtfertigen zu können. Die schickte Björn dann zunächst zur ‘Qualitätskontrolle’ an einige der des Deutschen mächtigen Isländer und nachdem die neuen Versionen von deren Seite  beifällig abgenickt wurden, erschienen zwei Dutzend der so entstandenen Hávamál-Verse in zweisprachiger Nebeneinanderstellung in der deutschen Fassung des Protokolls, wie etwa dieses Hávamál 27, das sich als Version des damals wohl auch schon den Isländern bekannten Sinnspruchs “si tacuisses…” von  Boethius lesen lässt:

Ósnotur maðurer
með aldir kemur,
það er best að hann þegi.
Engi það veit
að hann ekki kann,
nema hann mæli til margt.
Veita maður
hinn er vætki veit,
Þótt hann mæli til margt.
Dummer Mensch
der zu Anderen kommt
bleibt am besten schweigsam.
Niemand bemerkt
wie wenig er weiß
solang er nicht spricht.
Jeder, der nur Weniges kennt,
weiß selbst nicht,
wenn er zu viel spricht.

(Da wir unsere Neuinterpretaionen als vorläufig erachten und damit auch einen Anstoss für ein weiteres Arbeiten daran geben wollen, stehen alle im Buch veröffentlichten Hávamál-Verse unter Creative Commons License und können unter Angabe der Quelle frei verwendet werden.)

Die “Trolle auf Reisen” sind im März 2014 bei ALGORITHMICS á Íslandi in Reykjavík erschienen und dort in allen größeren Buchhandlungen (z.B. Mál og Menning ) erhältlich. Wer’s nicht so bald auf die Insel schafft, das hübsche Büchlein aber doch gern hätte, kann es auch porto- und versandkostenfrei über die Webseite trolleaufreisen.de oder bei der Buchhändlerin seines Vertrauens beziehen (via VLB). Und natürlich vorher noch mehr darüber erfahren, denn es gibt dazu auch schon eine Buchbesprechung in der “Iceland Review” (im deutschsprachigen Kulturteil).

Björn Eriksson & zenundsenf
Trolle auf Reisen
Algorithmics.is – Reykjavík, 2014
ISBN 9783000447938
96 Seiten – EURO 24,80


Wie groß der Einfluss der Trolle auf die Musik der Isländer ist, lässt sich nicht so genau sagen; die Komponistin und Sängerin Björk etwa behauptete in einem Interview, noch nie Trolle gesehen zu haben, doch möglicherweise ist das als reine Schutzmaßnahme zu verstehen (sie ist in einem Fond zur Rettung der Ökonomie und Ökologie ihres Heimatlandes engagiert). Andere Musiker, vor allem in der Punk- und Jazzszene, bekennen sich dagegen zu ihrer trolligen Inspiration. Die hört man auch manchmal deutlich heraus, wie hier bei der ganz & garnicht kategorisierbaren Band ADHD, die übrigens auch schon Konzerte in Deutschland gegeben hat.

Besetzung:
Óskar Guðjónsson sax
Ómar Guðjónsson g | b
Davíð Þór Jónsson hammond | syn | b
Magnús Trygvason Eliassen dr

wf

Die Kleinstadt, der Revoluzzer und die Medien

Erinnert ihr euch noch an den bundesweiten Medienhype, den vor ein paar Wochen die Kandidatur eines etwas unorthodox auftretenden und ‘verwegen’ aussehenden jungen Mannes zur Bürgermeisterwahl im oberbairischen Lech-Städtchen Schongau auslöste? Nun ist das, einige Leserinnen wissen’s ja, seit Jugendtagen meine Heimatstadt, und so wurde ich von meinem auswärtigen Bekanntenkreis in jener Zeit auch öfter mal so Sachen gefragt wie Oops, was geht denn da bei euch ab? Spinnts ihr jetzt, ihr Schongauer?
Ja, das Geschehen mag von außen betrachtet als ziemlich schräge Nummer dahergekommen sein, auch manchen Schongauern schien das offenbar nicht ganz geheuer, aber es waren weder Voodoo noch kleine bunte Pillen im Spiel. Vielmehr war der Kulminationspunkt einer langjährigen Entwicklung erreicht, die aber im oberflächlichen & unterkomplexen Sensationsgeheische keinen der medialen Sautreiber-Tagelöhner interessierte. Während des Wahlkampfs wollt ich dazu nix schreiben, zumal ich selber einige Jahre im Städtchen politisch engagiert war (samt gelegentlicher Überschreitungen meiner Frustrationstoleranz), aber ich hatte mir da schon vorgenommen, die Hintergründe dieser ‘kollektiven Comedy’ in der Art einer Genealogie ein wenig auszuleuchten. Der zeitliche und emotionale Abstand zum großen Gequake scheint mir nun groß genug, um mich nicht als Spassbremse oder gar Revanchist (in welcher Richtung auch immer) verdächtig zu machen – also ran ans historische Material, Gedächtnis und alte Ordner geplündert, ein paar Zeitzeugen zwecks Faktenkontrolle angerufen (die eigene Erinnerung kann ja manchmal ne trügerische Freundin sein) und dann sortieren, streichen, zusammenpuzzeln, bis am Ende die folgende, hoffentlich einigermaßen konsistente und nachvollziehbare Story rauskam. Die ist so ein Hybrid aus historischer Doku, investigativer Reportage und (lokal)politischem Essay geworden, und dabei in Stil und Länge ‘feuilletonkompatibel’ zurechtgeschnitzt, da ich kürzlich von einem Münchner Journalisten gebeten wurde, meine Spurensuche doch auch für sein bayernweit erscheinendes Blatt (das auch den Mantel für unsere Lokalzeitung liefert) aufzubereiten. Von dort kam allerdings nach meiner Script-Zusendung bisher kein Feedback mehr, so dass ihr nun hier, rechtzeitig zum 1. Mai, in den Genuss des jungfräulichen und unverfälschten Textes kommt ;-)

Diese Geschichte soll nicht nur allen durch die Medienberichterstattung verschreckten Nicht-Schongauern ein wenig die Angst vor unserem eigentlich ganz nettem Städtchen nehmen, sondern kann auch exemplarisch gelesen werden für ein Es-hätte-überall-sein-können. Außerdem wollt ich die Schongauer Geschichtsschreibung nicht allein den Traditionalisten aus’m Stadtmuseum überlassen, sondern die “andere Sicht” auf die Geschehnisse auch für den lokalpolitischen Nachwuchs mal festhalten, quasi zur Stärkung des ‘historischen Alternativ-Bewusstseins’ ;-)

Mag sein, dass den hier mitlesenden SchongauerInnen noch die eine oder andere Anekdote zu unserer politisch-kulturellen Geschichte der letzten Jahrzehnte einfällt – die können sie dann gern hier in den Kommentaren verewigen…

(Wer die Story lieber in einer Druckversion lesen mag, kann sie sich auch als 7-seitiges PDF runterziehen.)


Spinnen die, die Schongauer?

Als der ‘Polit-Revoluzzer’ Tobias K. das Lech-Städtchen Schongau in aller Medien Munde brachte – eine Spurensuche in der Geschichte einer politisch-kulturellen Eruption

Beinah wäre die Sensation perfekt gewesen: Bei der Bürgermeister-Stichwahl im oberbairischen Schongau unterlag der parteilose Tobias Kalbitzer gegen den SPD-Kandidaten Falk Sluyterman nur knapp mit 49,7 zu 50,3 Prozent. Im Vorfeld hatte es um diese Endspiel-Paarung einen bundesweiten Medienhype gegeben wie kaum einmal zuvor bei einer Wahl in einer Kleinstadt, wobei sich das Interesse der Öffentlichkeit aber weniger auf die programmatischen Inhalte der Kontrahenten als vielmehr auf die bis ins Skurrile hochgejazzten Umstände des Wahlkampfs konzentrierte. Ein junger, politischer No-Name mit lockeren Sprüchen im Paradiesvogel-Outfit mit Dreadlocks zu Lederhose und Turnschuhen gegen bürgerliches Establishment mit Seitenscheitel, Anzug und Krawatte. Die Kandidaten der CSU und der UWV (Unabhängige Wählervereinigung) waren bereits im ersten Wahlgang unter ‘ferner liefen’ ausgeschieden. Schon das darf man getrost als sensationell bezeichnen, denn schließlich befinden wir uns in jenem Schongau am Lech, wo einst die politische Karriere des CSU-Übervaters Franz Josef Strauß als Landrat begonnen hatte und die rechtskonservativen Kreise jahrzehntelang und fast nach Belieben schalten & walten konnten.

Eine Revolution aus heiterem weiß-blauem Himmel? Sind die Schongauer einfach nur crazy people? Weder – noch, denn wie jedes Erdbeben und jeder Tsunami sich erst nach einer lang aufgestauten tektonischen Spannung entlädt, so finden wir auch bei politisch-kulturellen Eruptionen bei genauerem Hinsehen vorhergehende gesellschaftliche Gärprozesse, ein System miteinander verknüpfter Veränderungen. Wie und warum die in dem 12.000-Einwohner-Städtchen im März 2014 kulminierten, kann vielleicht ein Blick in die jüngere soziokulturelle Geschichte Schongaus erhellen, auf die Ursprünge und die Genealogie dieser Veränderungsbereitschaft. Eine Geschichte, die sich so ähnlich auch in jedem anderen Städtchen hätte zutragen können.

Die wilden Siebziger

Wenn wir die Zeit gut 40 Jahre zurückdrehen, sehen wir Schongau als eine bairische Kleinstadt wie viele andere auch. Wirtschaftlich gings der mit einigen mittelständischen Unternehmen aufgestellten Kommune nicht schlecht, die Bildungseinrichtungen samt städtischer Musikschule waren einer vormaligen Kreisstadt angemessen, aber die Freizeit- und Kulturangebote waren bieder und überschaubar. Es gab die Sport- und Brauchtumsvereine, im Sommer ein Volksfest, gelegentlich kam ein Zirkus in die Stadt; die Jugend traf sich im Freibad oder Eisstadion, einer Eisdiele oder Pizzeria, und bei öffentlichen Veranstaltungen lief der immergleiche Sound: Blasmusik bis zum Abwinken.

Die Schongauer Kleinstadtbehaglichkeit erfuhr die ersten Irritationen, als Mitte der 1970er Jahre eine Clique junger Leute eine kleine griechische Kneipe an der Papierfabrik, wo manche Arbeiter zu Sirtaki-Klängen ihr Feierabendbierchen tranken, als place-to-be für sich entdeckte, selber mitgebrachte Rock-Platten auflegte und den „Griechen“ so in kurzer Zeit zu einem attraktiven Jugendtreff machte. So etwas hatte es bis dato im Städtchen nicht gegeben und dementsprechend okkupierte bald ein ziemlich hippieskes Völkchen aus der ganzen Region den schon etwas maroden Schuppen, der sich innerhalb kurzer Zeit zu einem der heißesten Drogen-Spots in Südbayern entwickelte und Schongau damit auch eine unverhoffte mediale Aufmerksamkeit bescherte.

Aber dort traf sich nicht nur, wie viele um ihre Kinder besorgten Bürger glaubten, ein Haufen langhaariger Gammler zum Abrocken, Saufen und Dealen, sondern es fand sich auch ein lockerer Kreis von 20-30 „Aktivisten“ aus der gerade entstehenden Szene der Alternativ- und Friedensbewegung, der Proto-Grünen und einigen real existierenden Jusos zusammen, die dort ihr informationelles Basislager aufschlugen. Man wollte im behäbigen Schongau etwas verändern, und so wurden dort Ideen entwickelt für die ersten Rockkonzerte in Schongau, für die Alternativ-Zeitschriften „Streusand“ und „Alternativblatt Schongau“ (woraus später der bis heute bestehende „OHA“ wurde), und in der Altstadt gabs die erste Demo. Erstmals entstand so etwas wie eine mediale Opposition zum lokalen Monopoljournalismus – winzig zwar, doch aufmüpfig und vernehmbar. Der 68er-Geist von Rock & Revolte war, wenn auch mit einigen Jahren Verspätung, in der Provinz angekommen.

1. Schongauer Open-Air am alten Lechstausee - Foto: Georg Werner

1. Schongauer Open-Air am alten Lechstausee

Aus diesem Geist heraus formierten sich auch die ersten Schongauer Rockbands wie Treibhaus, Wintersonne, November, Troubadix oder Randy Dream. Ein Teil dieser Musiker und der Zeitungsmacher bildeten das Organisationsteam für die ersten Rock-Open-Airs am alten Schongauer Lechstausee, wo 1978 und 79 die zweitägigen Festivals mit einem Mix aus lokalen und bekannten Bands stattfanden. Mit Hilfe des THW wurde eine Bühne in die stillgelegte Kiesgrube gezimmert, es gab Zeltmöglichkeiten, Verpflegungsbuden, Toilettenwägen und einen Shuttle-Bus vom Bahnhof zum Gelände – und Ärger. Weniger mit den aus dem „Griechen“ schon bekannten Musikfreunden von der Drogenfahndung und dem Verfassungsschutz (denen man auch gern mal ein Bierchen ausgab), dafür aber mit der Naturschutzbehörde und dem Landratsamt. Mit der offiziellen Begründung einer möglichen Waldbrandgefahr war nach diesen beiden Festivals erstmal Schluss an diesem Platz. Auch der damalige Chefredakteur der Lokalzeitung wollte die Sache höchstpersönlich in Augenschein nehmen, fuhr einmal unerlaubt mit dem Auto über den Festivalplatz ohne auszusteigen und mokierte sich im darauffolgenden Zeitungsbericht über die „unerträglichen hygienischen Verhältnisse“ auf dem Gelände. Damit hatte er, freilich ohne es vorauszuahnen, manche Schongauer für ein Problem sensibilisiert, das Jahrzehnte später wieder auf die lokale Agenda und in den Wahlkampf 2014 kommen sollte: die „Wildbiesler“.

In diesen Jahren gabs in Schongau nur wenige Auftrittsmöglichkeiten für Bands und auch kaum Proberäume, so dass ein Teil der „Griechen“-Clique einen basisdemokratisch geführten Kulturverein gründete, der im Nachbardorf Schwabsoien ein altes Bauernhäuschen anmietete und renovierte. Mit einem Probe- und einem Veranstaltungsraum, in dem einige Jahre lang Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionsabende stattfanden. Dort kam es 1979 unter Federführung der Schongauer Jusos auch zu einer ersten Gesprächsrunde zur Gründung eines Jugendzentrums in der Lechstadt, an der auch der spätere Bürgermeister Luitpold Braun als Vertreter der Schongauer Jungen Union und UWV-Chef Rudolf Gigl teilnahmen, man gab sich parteiübergreifend kooperationsbereit. Bis zur endgültigen Realisierung des Schongauer Juze sollten aber noch einige Jahre und Diskussionsrunden ins Land ziehen. Zwischendurch war noch das Problem zu lösen, dass der seinerzeit amtierende Schongauer CSU-Bürgermeister Georg Handl sich zunächst weigerte, alljährlich eine öffentliche Bürgerversammlung abzuhalten, auch nicht zum Thema Juze. Wieder waren es die Jusos, die hier die Initiative übernahmen und diese ‘Arroganz der Macht’ mithilfe eines „Zündfunk“-Interviews (in dem Handl der „Amtsschimmel des Monats“ verliehen wurde) zu Fall brachten. Als sich dann herausstellte, dass der Mann im Laufe seiner Amtszeit auch den Schongauer Stadtsäckel weitgehend geleert und vergeblich mit Lotto-Spielen wieder aufzufüllen versucht hatte, war er eigentlich politisch nicht mal mehr für seine eigene Partei tragbar, doch zwei Jahrzehnte später wurde eine Straße in Schongau nach ihm benannt (in der dann der spätere SPD-Bürgermeister Zeller sein Haus baute). Braun wurde bei der nächsten Wahl Handls Nachfolger und konnte sich trotz dieser Spirenzchen seines Vorgängers damals noch einer absoluten CSU-Mehrheit im Stadtrat erfreuen. Schongau war noch nicht bereit zur Veränderung, auch wenn die Saat dafür schon langsam keimte.

In der Aufbruchs-Atmosphäre jener Zeit wagte sich auch ein idealistischer Schongauer Jazzfan an das Ein-Mann-Unternehmen, ein kulturelles Highlight in seiner Heimatstadt zu etablieren, das alle provinziellen Hörgewohnheiten sprengen sollte: Heinz Wensauer rief die Konzertreihe „Jazz im Pfaffenwinkel“ ins Leben, die sich mit Auftritten von Weltstars á la Elvin Jones, Chet Baker, Billy Cobham, Pat Metheny, B.B. King, Miriam Makeba und vielen anderen bald einen bayernweiten Ruf als Topadresse für Jazzfreunde erspielte. Auf Dauer für einen Privatmann aber kaum finanzierbar, zumal nur ein viel zu kleiner Teil der Schongauer dieses Angebot wahrnahm und die Parkplätze vor den Konzertsäälen fast nur von Auswärtigen besetzt waren. Statt nun diese Chance auf ein überregionales Renommée Schongaus zu ergreifen und die Konzerte finanziell anständig zu unterstützen, beließ es der Schongauer Stadtrat bei Peanuts, so dass die Reihe Mitte der 80er eingestellt werden musste.

Die Gründerzeit der 80er Jahre

Als Anfang der 1980er Jahre der Rock-Schuppen an der Papierfabrik wegen Baufälligkeit und das Schwabsoiener „Haisl“ wegen Finanzierungsproblemen schließen mussten und bald abgerissen wurden, stand die ‘Szene’ aber keineswegs auf der Straße. Schongau erlebte zu der Zeit eine regelrechte Gründerwelle an alternativen Kneipen und Läden, teilweise aus dem Personenkreis der „ersten Stunde“. In den Musikkneipen Löwenhof, Eulenspiegel, Spontan, Lagerhaus und anderen fanden die Dagebliebenen (viele zogen ja wegen Studium und Beruf in die Welt hinaus) ihre neuen social rooms. Auch das Juze wurde endlich eröffnet und der „alte Grieche“ investierte sein reichlich verdientes Geld in einen großen Diskotheken-Neubau im Gewerbegebiet. Dort gings zwar noch mehr ab als in der alten Bude, doch die frühere Underground-Atmosphäre und das konspirative Networking hatten sich im kommerziellen Massen-Freak-Out verloren.

Alternative Bio-, Platten- und Buchläden wurden eröffnet, schließlich das Lagerhauskino mit seinem anspruchsvollen Programm und die Kleinkunstbühne „Schalander“ mit ‘gefährlichem’ politischem Kabarett an wechselnden Spielorten. Zusammen mit etlichen anderen Veranstaltungen (u.a. ein Multikulti-Musikfest auf dem Lindenplatz) wurde so der politisch-kulturelle Bewusstseinswandel weiter angeschoben, zumindest in den aufgeschlosseneren Kreisen der Schongauer Bevölkerung. Und die ‘Revolutionäre’ bekamen nun auch die ersten Kinder…

Im Frühsommer 1986 wurde in Schongau nach dem Schock von Tschernobyl auch ein regulärer Ortsverband der Grünen gegründet, zu dessen Besonderheiten es gehörte, dass man dort mitmachen konnte ohne Parteimitglied zu sein – es war übrigens das Jahr, in dem auch der spätere ‘Exoten’-Kandidat Tobias Kalbitzer zur Welt kam. Schnell machten die Schongauer Grünen mit ihrem an alle Schongauer Haushalte verteilten Politblättchen „Klartext“ und etlichen Veranstaltungen auf sich aufmerksam, vor allem im ländlichen Umfeld hatten sie bei Gastauftritten prominenter Grüner wie Hias Kreuzeder oder Michael Sendl volle Sääle. Zu einem kleinen Eklat kam es, als für einen Auftritt von Trude Unruh, der Bundesvorsitzenden der „Grauen Panter“, die Aula der Schongauer Hauptschule angemietet wurde, die wegen ihrer Größe und guten Akustik für viele, auch politische Veranstaltungen genutzt wurde. Der für die Aula zuständige Stadtverwaltungsangestellte wollte die Veranstaltung zunächst aufgrund des „politischen Charakters“ nicht genehmigen, doch mit diesem Sabotageversuch war er bei der streitbaren Dame an die Falsche geraten. Nach einem geharnischten Schreiben aus ihrem Bonner Abgeordnetenbüro an Bürgermeister Braun pfiff der seinen Wachhund zurück. Trude Unruh hatte an diesem Abend volles Haus und diskutierte in ihrem Powerstil über Ungerechtigkeiten in der deutschen Sozial- und Altenpolitik, bevor sie dem grünen „Jungvolk“ bei einem Glaserl Wein im „Eulenspiegel“ noch ein wenig Nachhilfe in politischer Streitkultur erteilte.

Schongau um 1600  - Kupferstich von Michael Wening

Schongau zur Zeit der Hexenverfolgungen

Bei den Landtagswahlen im Oktober 1986 zogen die Grünen zum ersten Mal in den bairischen Landtag ein (mit 7,52 Prozent), die CSU verteidigte allerdings mit Ministerpräsident Franz Josef Strauß als Spitzenkandidat ihre absolute Mehrheit (mit knapp 56 Prozent). An jenem Wahlabend bekam die im Schongauer Rathaus feiernde CSU Besuch: Die junge Schongauer Grünen-Vorsitzende platzte in die Party der verdutzten Schwarzen und gratulierte im ‘kleinen Schwarzen’ mit einer großen Sonnenblume – nicht die erste und nicht die letzte ironische Aktion gegen den Bierernst des Kleinstadt-Politbetriebs, und manche Schongauer hatten schon damals ihren Spaß dabei.

Nach Unstimmigkeiten mit dem Landesverband löste sich der Schongauer Grünen-Ortsverband allerdings Anfang 1989 wieder auf, doch ein paar Monate später wurde dafür die ALS, die „Alternative Liste Schongau“, als unabhängige Gruppierung gegründet. Bei der Kommunalwahl 1990 schaffte sie auch gleich den Sprung in den Stadtrat: Sigi Müller gab dort viele Jahre den Einzelkämpfer, wurde aber, von gelegentlicher Zustimmung der SPD-Fraktion abgesehen, politisch ausgegrenzt und abgeblockt. Er saß auch in keinem Ausschuss, aber seine Ideen erreichten über die „Schongauer Nachrichten“ und den „OHA“ immerhin die Öffentlichkeit. Und weil Müller so ein ‘zäher Hund’ war, wurde ihm (zusammen mit seiner politisch ebenfalls engagierten Frau Renate) ein paar Wochen vor der 2014er Wahl die „Verdienstmedaille des Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“ für soziales und politisches Engagement verliehen (was natürlich das Ansehen und die Wählbarkeit der ALS auch in konservativeren Kreisen steigerte). Vielleicht konnte „der Sigi“ die Jahre in der politischen Diaspora nur durchhalten, weil er wie Max Weber wusste: “Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.”

Die erste „Wende“ und der Problem-Stau

Doch siehe da, wenigstens das erste Brett war schneller durch als gedacht: Bei den Kommunalwahlen 1996 konnte der von der SPD aus Leipzig herbeigekarrte Verwaltungswissenschaftler Friedrich Zeller (ein gebürtiger Memminger) gleich im ersten Wahlgang den Schongauer Chefsessel erobern. Der bisher amtierende Luitpold Braun war auf den Zug ins Weilheimer Landratsamt gesprungen (um schon mal näher am Maximilianeum zu sein) und die Konkurrenten von CSU und UWV galten Vielen im Städtchen als zu bieder und konservativ, man traute ihnen keine Macher-Qualitäten zu. Und die hatte Schongau mittlerweile nötig, denn in den Jahrzehnten der CSU-Regentschaft hatten sich etliche Probleme aufgestaut, die eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung bremsten. Probleme, die bis heute die kommunale Diskussion bestimmen, wie die Erhaltung und Neuansiedlung von Gewerbe und Betrieben, Sanierung der Schul- und Sportanlagen und des heruntergekommenen Bahnhofs, mehr Freizeitangebote für Jugendliche wie Bolzplätze oder einen Bike- & Skater-Park. Fragen der Verkehrs-Infrastruktur und der (regenerativen) Energieversorgung harren der Lösung. Es gab und gibt die Feilschereien um Zuschüsse für Sport und Kultur (die meisten Stadträte sind stimmsicherheitshalber ja in mehreren Vereinen Mitglied) und in jüngster Zeit auch eine Auseinandersetzung um das leerstehende ehemalige Schongauer Forsthaus, das als Heim für Asylbewerber angedacht war. Aus Teilen der CSU waren alsbald fremdenfeindliche Töne zu hören, es hieß dort, das Forsthaus könne man „für was Besseres als Asylanten nutzen“. Das kam in Schongau, wo seit Jahrzehnten viele Italiener, Griechen, Türken und andere ‘Migranten’ ziemlich problemlos im Sozialgefüge integriert sind, gar nicht gut an.

Schongauer Marienplatz - geplante Fussgängerzone

Schongauer Marienplatz – geplante Fussgängerzone

Und seit Jahrzehnten tickt die Dauerdiskussion über die Umwandlung eines Teils der Altstadt in eine Fußgängerzone. Andernorts in der Region sind die Innenstädte längst durch Fußgängerzonen touristisch aufgewertet und kulturell belebt, doch hier verhinderte bisher hauptsächlich eine starke Lobby (früher nannte man das Seilschaft) von einigen alteingesessenen Geschäftsinhabern die anständige Renovierung von Schongaus „guter Stube“. Mit einem Dauer-Gejammer wegen befürchteter Umsatzeinbußen, falls die Kunden nicht mehr direkt vor ihren Läden parken könnten.

Dabei hätten die meisten Schongauer gar nichts gegen eine Fußgängerzone und ein wenig mehr Tourismus. Die Lage im Voralpenland, der Lech mit dem Schongauer See, die Sehenswürdigkeiten des Pfaffenwinkel, die historische Altstadt mit gut erhaltener Stadtmauer, die vielen Sport- und Freizeitmöglichkeiten: All das bietet beste Voraussetzungen für eine sanfte touristische Entwicklung. Und ein paar Ansätze in diese Richtung gabs ja schon, etwa in den 1990ern jeden Sommer einen Mittelalter-Markt in der Altstadt, dessen Highlight das auf historischen Tatsachen basierende und professionell inszenierte Schauspiel „Die Hexe von Schongau“ von Herbert Rosendorfer war – allein, die überregionale Vermarktung des Stückes klappte nicht wie erhofft und die Unterstützung durch die Stadt war, wieder einmal, zu gering fürs Überleben. So gibts den Markt zwar heute noch unter dem Etikett „Schongauer Sommer“, doch ohne das Alleinstellungsmerkmal der „Hexe“ ist der halt nur ein beliebiger unter Dutzenden anderer solcher Märkte in der Region.

Doch auch Zeller als erstem ‘Intellektuellen’ im Bürgermeisteramt war es in seinen 12 Schongauer Amtsjahren nicht gelungen, gemeinsam mit dem Stadtrat ein Stadtentwicklungskonzept zu erarbeiten, in dem ökonomische und ökologische, soziale und kulturelle Belange miteinander vernetzt und auf eine zukunftsfähige Agenda gebracht werden konnten. Wenn man jenerzeit eine Stadtratssitzung besuchte, konnte man eher den Eindruck gewinnen, dass logisches und vorausschauendes Argumentieren in den Diskussionen kaum auf fruchtbaren Boden fiel, Partikularinteressen und Parteiendünkel verhinderten die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven und die Probleme dümpelten in einer Art von politischem Waffenstillstand vor sich hin.

Das sollte bald auch Karl-Heinz Gerbl zu spüren bekommen, der 2008 von Hohenfurch die paar Kilometer den Lech herauf nach Schongau gerudert kam und als erneut klarer SPD-Wahlsieger Zellers Chefposten erbte. Der hatte sich bei jener Wahl nach Weilheim aufgemacht, um dort Luitpold Brauns Landratsposten zu erobern, den er aber 2014 schon wieder für die CSU-Kandidatin Andrea Jochner-Weiß räumen musste.  Zumindest darf  Zeller nun als Schongauer Stadtrat noch seinen Nach-Nachfolger Sluyterman beraten, während Braun seine politische Karriere schon mit der Niederlage in 2008 an den Nagel gehängt hatte. Die 18 Jahre von 1996-2014 mussten sich die Schongauer SPD-Bürgermeister Zeller und Gerbl, die das mit den Bürgerversammlungen übrigens auch nicht so recht ernst nahmen, noch an einer rechtskonservativen CSU/UWV-Mehrheit im Stadtrat abarbeiten, was sich erst mit der 2014er Wahl ändern sollte.
Immerhin kam während der ‘roten Ära’ neuer Schwung in die alternative Kulturszene: im ehemaligen Butterwerk, am alten Stausee und im Eisstadion wurden die Festivals „Rock am Lech“ im Geist der 70er und 80er wiederbelebt; bis zu seinem Abriss wurde das altstadtnahe Butterwerksgelände auch für mehrere Kunstaktionen genutzt, etwa die große Lomographie-Ausstellung „Schongau in 24 Stunden“, dann kam dort ein Supermarkt hin. Es entstanden Initiativen wie „Kultur pur“ und „lechwärts“, die bis heute mit Ausstellungen, Kabarettabenden, Lesungen, Rock- und Jazzkonzerten oder auch einer mehrjährigen Poetry-Slam-Reihe ein gut diversifiziertes Kulturangebot auf die Beine stellten. In der Altstadt etablierte sich ein alljährlicher „Kunst- & Kuriositätenmarkt“ und eine Zeitlang gönnte sich Schongau für sein schönes Stadtmuseum sogar einen professionellen Kunsthistoriker als Leiter: Richard Ide kuratierte dort pfiffige Sonderausstellungen und erreichte durch mehrere Museumsnächte mit Live-Jazz auch ein jüngeres Publikum. Allerdings wurde sein Vertrag nach einigen Jahren von der Stadt nicht verlängert und das Museum fiel zurück in Vereinsmeierei und einen betulichen Konservatoren-Modus.

The revolution was televised

Der Angriff auf die politische Behäbigkeit in Schongau begann ein Jahr vor der Kommunalwahl, als der Fussballer Tobias Kalbitzer mit ein paar Freunden die „Unabhängige Wählergruppe Karl-Heinz Rumgedisse“ ins Rennen schickte.  Zunächst mal nur als Gaudium im Schongauer Fasching, wo er als „Bürgermeister“ in Sacko und Unterhose auftrat, symbolisch für seine Forderung nach der Abschaffung gesellschaftlicher Zwänge (ironische Polit-Spielchen haben ja, wir erinnern uns, in Schongau eine gewisse Tradition).

Wahlplakat von Tobias Kalbitzer

Wahlplakat von Tobias Kalbitzer

Das fanden einige Leute so gut, dass sie ihn zu einer ernsthaften Kandidatur überredeten. Die Formalitäten dafür waren schnell erledigt und dann gings auch schon ab in den „sozialen Medien“: Auf YouTube und Facebook scharte der „Rumgedisse“ eine ständig wachsende Fangemeinde um sich, und nachdem er mit der ins Netz gestellten Facebook-Blödelei des „Bier-Exens“ (mit öffentlicher Herausforderung seiner Wahlkampf-Konkurrenten, die allerdings höflich ablehnten) zu seiner ‘verdächtigen’ optischen Erscheinung auch noch einen scheinbar skandalösen Auftritt hingelegt hatte, wurde Kalbitzer durchs bundesrepublikanische Medien-Dorf getrieben. Sämtliche überregionale Zeitungen, sogar der „Spiegel“, und eine Reihe TV-Anstalten hatten den 27-jährigen Heilerziehungspfleger (der sich auch beruflich für die Genesung von Suchtkranken engagiert) nun auf dem Schirm. Fehler und Simplifizierungen in den zusammengeschnipselten Hintergrund-Berichten waren dabei an der Tagesordnung, auch wegen der Unsitte des Voneinander-Abschreibens.  Die Stichwahl zwischen Kalbitzer und Sluyterman (auch wieder ein „Neubürger“, die Schongauer SPD scheint ihrem vorhandenen Personal wenig zuzutrauen; Gerbl trat aus Gesundheitsgründen nicht mehr an) wurde zum Show-Down „Brandstifter gegen Biedermann“ stilisiert – dabei hatte die eigentliche ‘Revolution’ mit der Abwahl der jahrezehntelangen CSU/UWV-Mehrheit da schon stattgefunden. In Schongau selbst wurde der Medienhype von den meisten Bürgern eher gelassen zur Kenntnis genommen, auch wenn manche mit Schnappatmung reagierten: die Rumgedisse-Fans vor Begeisterung, die um den ‘guten Schongauer Ruf’ besorgten Traditionalisten vor Entsetzen, Schongau könnte zur Lachnummer werden.

Seinen rasanten Aufstieg verdankt Kalbitzer auch der Überlegenheit seines Teams auf der viralen Tastatur: Das Rumgedisse-Wahlwerbevideo war um Klassen besser als die Heim- & Hobby-Filmchen seiner Mitbewerber, auf Facebook wurde mehrmals täglich aktualisiert und fleißig diskutiert, die Verlinkungen durch andere Medien brachten regelrechte Besucherströme. Dazu kam noch ein anderer ‘Möglichmacher’, denn es hatte sich auch bis nach Schongau herumgesprochen, dass in der isländischen Hauptstadt Reykjavík 2010 der Komiker Jón Gnarr zum Bürgermeister gewählt wurde. Der machte dort nach der großen Krise offenbar einen recht guten Job – warum sollte nicht auch in einer bairischen Kleinstadt eine „Witzfigur“ für eine Verbesserung des Gemeinwohls sorgen können?

Nein, die Schongauer sind nicht verrückt geworden. Und auch wenn wir die Hermeneutik des Verdachts walten lassen, dass ein Teil der ‘Revoluzzer-Wähler’ nur Mitläufer bei einer Art von kollektivem Fun-Sport waren, erklärt das noch nicht die Dimension der Gesamtverschiebung.  Aus dem Überdruss an den eingefahrenen lokalpolitischen Verhältnissen und dem in 40 Jahren langsam herangewachsenen Myzel eines Anders-denken-ist-möglich emergierte bei wenigstens einem Viertel der Schongauer diese Veränderungsbereitschaft, die zu einer Neuordnung der politischen Kräfteverhältnisse im Stadtrat führte. Die ALS konnte im Fahrwasser von Kalbitzers Popularität (der auf deren Liste auch für den Stadtrat kandidierte und die höchste jemals erzielte Einzelstimmenanzahl eingefahren hatte) satt von zwei auf fünf Sitze zulegen und zusammen mit der siebenköpfigen SPD-Fraktion sowie seiner eigenen Stimme kann sich der neue Bürgermeister nun auf eine links-alternative Mehrheit stützen. Und deren Capo hätte statt Sluyterman eben auch Kalbitzer heißen könne, nur 32 Stimmen fehlten dem „Exoten“ zum Sieg.
Wo die hängengeblieben sind, wird sich wohl nie herausanalysieren lassen, gut 40% der Wahlberechtigten beteiligten sich nicht an der Stichwahl, CSU und UWV hatten auf eine Wahlempfehlung verzichtet. Aber vielleicht spielte ja, wir erinnern uns, die Schongauer Angst vor den „Wildbieslern“ eine gewisse Rolle: Denn vor einigen Jahren wurde im Städtchen eine „Sicherheitswacht“ aus einer kleinen Truppe ordnungsliebender Bürger aufgestellt, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, auf nächtlichen Kontrollgängen die Personalien der in der Altstadt an Fassaden und in dunkle Ecken urinierenden Kneipengänger aufzunehmen und zur Anzeige zu bringen. Das finden manche Schongauer gut, andere eher lächerlich, und Kalbitzer setzte sich im Wahlkampf für eine Abschaffung dieser ‘Saubermänner’ ein. Man kann aber letztlich nicht sagen, ob ihn das Stimmen gekostet oder ihm gebracht hat, denn die Anzahl der Wildbiesler in der Schongauer Bevölkerung ließ sich bis heute nicht exakt feststellen.

Die gute alte „Veränderung“ war Kalbitzers Wahlkampf-Mantra, am Ende auch für seine eigene Performance, als er sich für die eigens angefertigten Stichwahl-Plakate doch noch chic in Schale schmiss. Und nachdem er den Rummel um seine Person offenbar unbeschadet überstanden hat, kann er sich nun als Stadtrat weiter für seine politischen Vorstellungen wie mehr Bürgernähe, einen offeneren Politikstil und ein parteiübergreifendes miteinander Reden & Gestalten einsetzen – Sluyterman scheint einer Kooperation in diesen Dingen nicht abgeneigt.

Wir werden sehen, was da geht, nichts ist bekanntlich so schwerfällig wie die Macht der Gewohnheiten. Und damit weiter an denen gerüttelt wird, wollen wir nicht nur dem Schongauer Tobias Kalbitzer, sondern auch allen anderen Polit-Revoluzzern in bairischen Kommunen die Ermutigung des Abenteurers Bertrand Piccard an den Stadtratssitz tackern: „Machen Sie weiter! Jede Vision kämpft am Anfang gegen den Zweifel des Establishments.“

Werner Friebel (ein Schongauer Bürger)

Druckversion (PDF, 7 Seiten)


Nachtrag: Bei der konstituierenden Sitzung des neuen Schongauer Stadtrats am 6. Mai wurde Tobias Kalbitzer mit 15:9 Stimmen gegen eine CSU-Kandidatin zum 2. Bürgermeister gewählt; er erhielt somit +3 Stimmen aus dem ‘rechten’ Lager.

Comic-Ausstellung mit Schwerpunkt Wilhelm Busch

Was wäre der gute Schopenhauer ohne seinen Pudel gewesen? Ein Philosoph, der noch nicht auf den Hund gekommen ist, könnte man jetzt kalauern; aber tatsächlich waren in diesem Fall Mann & Hund in der öffentlichen Wahrnehmung untrennbar miteinander verbunden, denn das bekannteste Bildnis des Anti-Hegelianers war seinerzeit eine Zeichnung dieses Pärchens beim alltäglichen Spaziergang in einem Frankfurter Park von Wilhelm Busch, die wohl vielen von uns in Kindertagen einen ersten ikonographischen Eindruck vom flaneurhaften Tagesablauf eines Philosophen verschaffte und so das Charakteristische und Begehrenswerte dieser Profession in unserer Vorstellung verankert hat.

schopenhauer_by_busch

Busch-Zeichnung vom philosophischen Flaneur Arthur Schopenhauer mit Pudel “Atman”

Gern hätte ich schon damals mehr über das dubiose Duo erfahren, etwa, was der verschämt hinter dem Rücken gehaltene Hut bedeute. Mussten Philosophen heimlich betteln? Kamen die Oberglatze nebst seitlich abstehendem Haarkranz vom vielen Denken? War des Pudels nach rechts abgespreizter Bommelschwanz  eine Art Warnung für die Hinterherlaufenden, vergleichbar mit dem heutigen Stinkefinger? Aber auf meine Nachfragen bekam ich von meinem Vater nur zu hören: “Jaja, der Schopenhauer, das war einer! War sein Tier ungezogen, so schimpfte er es Mensch, wollte er den Pudel aber loben, so nannte er ihn Atman“. Erst viel später – Stammleser dieses Blogs wissen es ja – fand ich heraus, wie Schopenhauer auf den Namen “Atman” gekommen war.
Einen größeren konkreten Nutzen aus der regelmäßigen Busch-Lektüre zog ich damals freilich aus den herrlich bösen Bildergeschichten, die nun den Schwerpunkt einer Comic-Ausstellung in Hannover bilden; davon wird gleich noch die Rede sein.
Jedenfalls lernte ich von Busch, dass bigotte Seelen wie die der Frommen Helene letztlich vom Teufel geholt werden und dass die belehrende Selbstgefälligkeit eines Lehrer Lämpel die Quintessenz des Pädagogendaseins darstellt. Und natürlich eigneten sich Max und Moritz prima als Projektionsgestalten bei allfälliger Schul-Unlust und gelegentlichen Anflügen kindlicher Grausamkeits-Phantasien (die ja manche zeitlebens nicht loswerden).

Dass in all diesen Werken auch ein guter Schlag von Schopenhauers Philosophie steckt, erschloss sich mir erst später, nachdem der Busch als Vorlesestoff von meinem Nachtkästchen auf das meines Sohnes gewandert war und ich zwischenzeitlich meine Erste Schopenhauerianische Phase durchgestanden hatte.
Schopenhauer meinte ja, dass es nur drei Dinge gebe, die das ernsthafte Nachdenken lohnen, nämlich die Musik, das Weinen und das Lachen. Genau davon handeln die Bildergeschichten von Wilhelm Busch, und das ist auch kein Zufall, denn der reimende Zeichner bekannte, dass er sich “mit Leidenschaft und Ausdauer in den Schopenhauer” vertieft hätte und er verglich Schopenhauers Philosophie mit einem Schlüssel, der ihm “wohl zu mancherlei Türen zu passen schien in dem verwunschenen Schloß dieser Welt, nur nicht zur Ausgangstür”. Und so machte sich Busch zwar die Ansicht Schopenhauers von der unheilbringenden Gewalt des Lebenswillens, der das ganze  Dasein kennzeichnet, zu eigen, nicht jedoch die andere Seite von Schopenhauers Lehre, nämlich deren Mitleidsethik, dieses Mitempfinden durch die Erkenntnis des Eigenen im Anderen.

Ludger Lütkehaus hat das in einem hübschen Essay zu dieser Schopenhauer-Zeichnung von Busch mal so auf den Punkt gebracht: “Busch radikalisiert die Welt- und Menschendeutung Schopenhauers. Er versperrt die Ausgänge. Er verweigert die bei Schopenhauer noch verbleibenden mildernden Umstände. Und trotzdem wird in Buschs Welt weit mehr als in der Schopenhauers gelacht. Wie das möglich ist? Nun, weil die Schadenfreude selbst unter Philosophen die größte Freude ist. “Das Lachen”, heißt es in Eduards Traum, “ist die aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer überwiegenden Konkurrenzfähigkeit”. Lachen ist Lachen-Über, Verlachen. Humor ist, wenn man nicht trotzdem, sondern deswegen lacht.”

Buschs Werk leistete zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des modernen Comics, wenngleich dessen Geschichte natürlich viel weiter zurückreicht (betextete Bilder auf antiken Amphoren, Teppich von Bajeux etc.), so dass er als „Großvater der Comics“ bei umfassenden Ausstellungen und Publikationen zum Thema entsprechende Würdigung erhält. Allerdings ist es noch nicht so lange her, da standen Comic- & Cartoon-Ausstellungen im Ruf des Trivial-Schmuddeligen,  galten manchen als jugendverderbender Schund, vor dem zumindest in jedem anständigen deutschen Lehrerhaushalt gewarnt wurde. Hatte sich denn nicht Homer Simpson himself über seine eigene Spezies mal so abfällig geäußert: “Cartoons haben keine tiefere Bedeutung. Es sind nur doofe Zeichnungen, die auf billige Lacher aus sind”. Das hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise gründlich geändert, der Comic ist im Wortsinne “salonfähig” geworden (nach der guten Basisarbeit im Erlanger Salon) und mittlerweile haben ‘Kulturmetropolen’ wie München, Hamburg, Essen, Aachen, Luzern, Brüssel und andere ihre Comic-Ausstellungen gar zu “Festivals” hochgetunt. Natürlich abgesegnet von den Edel-Feuilletons unserer Kulturgerichtsbarkeit wie etwa der Süddeutschen oder der ZEIT.

Nun versucht Hannover das alles zu toppen und zeigt im dortigen “Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst” die Ausstellung “Streich auf Streich – 150 Jahre Max und Moritz. Deutschsprachige Comics von Wilhelm Busch bis heute”, die aufgrund des großen Besucherinteresses bis 4. Mai 2014 verlängert wurde. Da gibts eingangs die komplette Handschrift aller Max-und-Moritz-Streiche und weiterer Bildergeschichten von Wilhelm Busch im Original zu sehen, und dann gehts in 15 Abteilungen auf die Reise durch die deutsche Comic-Geschichte – mit über 350 Originalzeichnungen sowie zahlreichen historischen Erstdrucken aus dem gesamten deutschsprachigen Raum von Busch bis in die Gegenwart.

Und übrigens: Warum ich kein Klavierspieler werden wollte…

Busch Werke v1 p 404

Der Virtuose

 … sondern mich mit der weniger ‘salonfähigen’ Gitarre begnügte, könnte auch einen Grund in der abschreckenden Wirkung von Der Virtuos gehabt haben, die als eine von Buschs genialsten und revolutionärsten Bildergeschichten gilt. 1865 erschienen, zeigt die Geschichte einen Pianisten, der zu Neujahr einem begeisterten Zuhörer ein Privatkonzert gibt.
Dazu meint die Bildinterpretation aus der Wikipedia: “Diese Satire auf selbstdarstellerische Künstlerattitüde und deren übertriebene Verehrung weicht vom Schema Buschs übriger Bildergeschichten ab, weil die einzelnen Szenen nicht mit gebundenen Texten kommentiert sind, sondern lediglich Termini aus der musikalischen Fachsprache wie Introduzione, Maestoso oder Fortissimo vivacissimo verwendet werden. Die Szenen steigern sich im Tempo, wobei jeder Körperteil und jeder Kleidungszipfel in diese Steigerung mit einbezogen sind. Schließlich werden die vorletzten Szenen zu einer Simultanschau mehrerer Bewegungsphasen des Pianisten und die Noten lösen sich in über dem Flügel tanzenden Notenzeichen auf. Bildende Künstler haben sich bis weit ins 20. Jahrhundert von dieser Bildergeschichte inspirieren lassen. August Macke hielt in einem Brief an seinen Galeristen Herwarth Walden sogar fest, dass er die Bezeichnung Futurismus für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Italien entstandene avantgardistische Kunstbewegung für verfehlt halte, da bereits Wilhelm Busch ein Futurist gewesen sei, der Zeit und Bewegung ins Bild gebannt habe.”

Aber meine Lieblingsgeschichte war und ist doch noch immer die Fromme Helene, nach deren tragikomischem Ende der Spießer Nolte uns einen twitterkompatiblen Satz für unser aller Alltagsmoral vermacht hat:

„Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!“

 wf

Paco de Lucía hauchte dem Jazz den Flamenco ein

Die Scheibe Friday Night in San Francisco war schon vor gut einem viertel Jahrhundert ein must have für alle ambitionierten Gitarristen und ist mit weltweit über zwei Millionen Exemplaren bis heute die meistverkaufte Acoustik-Jazzplatte. Die Faszination dieser Live-Aufnahme beruht nicht nur auf der stupenden instrumentalen Spielkunst, sondern entsteht vor allem durch die stilistische Verschmelzung von Folk, Jazz, Blues, Latin, Klassik und eben Pacos Flamenco, der mit seiner auf der phrygischen Scale basierenden Harmonik, tanzbaren Rhythmen und den filigranen und oft percussiven Spieltechniken der Flamenco-Gitarre einen Hauch andalusisches Gitano-Feeling in den World Jazz brachte. Klar, dass diese drei Guitar-Heroes Al Di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucía auch auf meiner musikalischen Wegstrecke zu den herausragenden Orientierungspunkten zählten, und ich war als Youngster ganz hin & weg, als ich sie im Sommer 83 im nahegelegenen Augsburg auf einem Open Air live erleben konnte.

 

Paco de Lucia

Paco de Lucia

Gestern starb Paco de Lucía mit gerade einmal 66 Jahren während eines Familienurlaubs in Mexico an einem Herzinfarkt.

Den internationalen Durchbruch hatte der Sprößling aus einer andalusischen Musikerfamilie (der Papa war auch sein Gitarrenlehrer) schon im Jahre 1973 mit dem Rumba-Hit Entre dos Aguas geschafft und bald wurde er durch seine Genre-übergreifende Experimentierfreude und perfekte Gitarrentechnik zum musikalischen Guru einer weltweiten Fangemeinde. Nicht nur die Flamenceros, auch die Klassikgemeinde begeisterte er mit seinen Neuinterpretationen von Gitarren-Meisterwerken, etwa von Manuel de Falla, den Kunstliedern García Lorcas oder dem Concierto de Aranjuez. Dazu kamen unzählige Eigenkompositionen und Filmmusiken, am bekanntesten wohl die für den Flamenco-Opernfilm “Carmen” von Carlos Saura, in dem er neben Laura del Sol auch die Hauptrolle spielte, und zwar sich selbst als “Paco, der Gitarrenheld”. 2004 wurde er mit dem renommierten Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet.

 

Für uns Gitarrenlehrlinge war in den alten Zeiten, bevor man auf YouTube spicken konnte, das Rausfummeln derartiger Musike nicht so einfach wie heute; oft saßen wir zu zweit abendelang am Platten- oder später dann CD-Player, takteweise und immer wieder von Anfang die chords & lines heraushörend, bis aus einem anfänglichen Gestopsel was einigermaßen Anhörbares destilliert war. So wie bei dem folgendem, vom “Friday Night”- Album wohl bekanntesten Stück “Mediterranean Sundance”, das sich, wenn mans mal “gefressen” hat, ganz prima als Endlosnummer für das Session-Gedudel einer beliebigen Anzahl qualifizierter Gitarristen eignet, z.B. an einem (ach ja, der Frühling ruft) gemütlichen Schwedenfeuer

Also: gut zuhören und hingucken, Finger locker machen und ran an die Flamenco-Changes, Pacos Musik will gelebt sein!

wf

Vom Schreiben-Lernen und von Literaturinstituten

Nehmen wir einmal an, Sie wollen Herrgottschnitzer werden. Dann empfiehlt es sich, eine der bairischen Holzbildhauerschulen, beispielsweise gleich bei uns ums Eck in Oberammergau, zu besuchen und das gediegene Handwerk der Schnitzerei so weit zu erlernen, dass Sie sich mit ihren Arbeiten in der Öffentlichkeit sehen lassen können. Und nehmen wir jetzt einmal an, Sie wollen Verfasser von Geschichten oder Gedichten werden, die in der Öffentlichkeit mit beifälligem Kopfnicken goutiert werden. Dann können Sie sich die handwerklichen Aspekte der Schreiberei in einer Schreibschule oder in einem unserer Literaturinstitute, etwa in Hildesheim oder Leipzig, vielleicht so weit aneignen, dass gelegentlich was davon gedruckt wird. In beiden Fällen sollte zumindest soviel handwerkliches Geschick bei rauskommen, wie man’s von einem gelernten Kunsthandwerker erwarten darf. So eine Ausbildungsstätte kann also durchaus hilfreich sein, denn meistens mangelt es dem Schnitzer ja nicht an Holz (auch wenns nur Weichholz ist) und dem Schreiber nicht an Stoff (auch wenns bei manchem nur Gesabber ist), doch Form & Stil bedürfen erstmal einer Führung durch den Meister (auch wenns manchmal nur ein selbsternannter ist). Und in beiden Fällen scheint eine Berufung auf eine höhere Instanz die intrinsische Wahlmotivation zu beflügeln; beim Herrgottschnitzer dürfte die klar sein, der Schreiberling dagegen findet im Wort Hölderlins “was bleibet, aber stiften die Dichter” sein Unsterblichkeitsmantra – um auf den Schwingen des Pegasus in den ewigen Dichterhimmel zu reiten, nehmen viele gern allerlei Mühen und Kosten in Kauf, wenn sie sich’s leisten können.

Keilschrift-Tafel des Gilgamesch-Epos

Keilschrift-Tafel des Gilgamesch-Epos

Nun sind Schreibschulen ja nix Neues, schon die Keilschriftler haben neben ihrer Meißeltechnik auch ihr erzählerisches Know-How weitergegeben (was in der Folge zur Entstehung einer Reihe literarischer Werke, bekannt als Gilgamesch-Epos, führte); das hochentwickelte Story Telling der Alten Ägypter in den Hieroglyphen („Schrift der Gottesworte“) wäre ohne formale und stilistische Traditionen ebenso undenkbar wie der festgelegte Ablauf des antiken griechischen Theaters. Schon immer hatten Schreibnovizen also Einiges zu lernen, wobei die Anforderungen an Menge und Diversifizierung von Textproduktionen über die Jahrtausende immens stiegen. Um deren Bewältigung zu erleichtern, begann man gegen Ende  des 19. Jahrhunderts an amerikanischen Universitäten Seminare anzubieten, in denen Studenten praktische Schreiberfahrungen sammeln sollten. Schon damals (!) erschienen begleitend dazu erste Handbücher unter dem Begriff “Creative Writing”, was in Europa allerdings lang kaum wahrgenommen oder höchstens belächelt wurde. Ist denn der Begriff nicht nur eine Tautologie, als könne es auch ein Schreiben ohne oder vor der Kreativität geben? Schreiben, also das Klären, Ordnen und Komprimieren von Gedanken & Reflexionen, sei doch immer ein kreativer Akt, wenn auch von unterschiedlicher Intensität. Doch mittlerweile scheint man auch bei uns dem ‘creative’ als Vor-Satz zu allem Möglichen nicht mehr abgeneigt zu sein, nicht nur beim Schreiben als Abgrenzung zum copy&paste, sondern als Selbstverwirklichungs-Etikett für jede Art von individueller Tätigkeit, von der Google-Suche bis zum Rasenmähen.

Allerdings verstehen die in den letzten Jahren auch bei uns entstandenen Schreibinstitute ihre Angebote zum “kreativen Schreiben” in einem weiteren Sinn: als Vermittlung ‘höherer’ Fertigkeiten, zu denen neben dem Spiel mit der Sprache auch Methoden der Ideenfindung, Therapie und autobiografische Selbstreflexion sowie eine umfangreiche Pragmatik des Schreibens in Literatur, Theater, Film und Wissenschaft gehören. Und nicht zuletzt eine (in den USA schon lange vollzogene) Überwindung der Grenzen zwischen ‚hoher‘ und ‚niedriger‘ Kunst, den Einstieg in ein literarisches Beziehungsnetzwerk und – im Preis inclusive – zumindest eine Handvoll Kritiker & Claqueure.

Wie es nun im Dunstkreis so eines Instituts zugeht, davon kann natürlich ein Insider am besten berichten. Das hat kürzlich der Jung-Autor und Journalist Florian Kessler, selbst Absolvent der Hildesheimer Einrichtung, getan, indem er in einer Glosse der ZEIT unter dem Titel “Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!” das dortige “Milieu” der Nachwuchsliteraten aus gehobener Mittelschicht als saturiertes, family-gesponsortes Brav-Schreibertum karikierte. Wer aber nun denkt, eine Investigation in diesen Untiefen des deutschen LitBizz müsse sich in einer saftigen Bernhardeske entladen, kommt nicht ganz auf seine Kosten, denn Kessler bleibt beim feuilletonistisch korrekten Augenzwinkern, recht nett & lustig zu lesen. Man hätte diese Anekdote  zu den kleinen Aufmüpfigkeiten am Rande des business-as-usual legen können, doch Kesslers Stichelei hatte den Nerv anscheinend doch tiefer getroffen. So nahms der taz-Autor Enno Stahl in seinem Beitrag “Wer schreibt, der bleibt” zum Anlass für die mit schöner Regelmäßigkeit gestellte Diagnose: “Die Funktions- und Entscheidungsträger des literarischen Feldes, Autoren, Lektoren, Feuilletonisten, Angehörige von Preisjurys, Leiter von Literaturhäusern, sie bewegen sich alle in ein und demselben hermetisch abgeschlossenen gesellschaftlichen Teilsystem. Über Habitus, familiäre Kontakte und eigenes Netzwerken ist es ihnen gelungen, direkt nach dem Studium, ohne nennenswerte Lebenserfahrungen außerhalb ihres eigenen Sozialverbunds, ihr Pöstchen im Betrieb zu ergattern.” Ach geh, wer hätte das gedacht…

Ja, und dann gabs ne zünftige Repliken-Runde in der Süddeutschen, im Freitag, wieder in der ZEIT, in diversen Lit-Blogs, sogar Die Welt und die HUFFINGTON POST plapperten mit, bevor Florian Kessler, diesmal in der Süddeutschen, resumierte: “‘Brav’ nannte ich in meiner Polemik die jüngeren deutschsprachigen Autoren. Jetzt weite ich das aus. ‘Brav’ erscheint mir ein Betrieb, der seine Debatten betriebsscheu führt.” Na ja, so ‘brav’ war zumindest die Debatte nicht, Herr Kessler, und so Manches musste auch wieder mal gesagt werden, ob’s nutze oder nicht. Schließlich hängt es nicht allein von den Kreativen des Literaturbetriebs ab, welche Literatur sich an die Frau bringen lässt; so wenig wie der Herrgottschnitzer seine paar Motive variieren kann, ohne die Gläubigen zu verschrecken, so wenig Originalität und Qualitätsanspruch kann Autor sich erlauben, ohne die Leser intellektuell zu brüskieren. Hauptsach’, das Handwerk stimmt im Laden, wo an der Kundenfront das gefällige Mittelmaß angepriesen wird. Hauptsach’, es bleibt im Rahmen der Nacherzählbarkeit, wenn die immergleichen Damen & Herren in TV-Literaturkränzchen und auf blauen Sofas ihre mittelmäßige Lesekompetenz zu Markte sprich Einschaltquote tragen. Auch Literaturinstitute dürfen also an die Leser denken.
Wer sich allerdings zur Ausbildung und zum Aufbau eines Beziehungsnetzwerks dort bewirbt und über die dafür nötigen finanziellen und psychischen Ressourcen verfügt, sollte sich, sofern er’s mit dem Schreiben ernst meint, dieses aus Ludwig Hohls Notizen klar machen: “Das gut Geschriebene kann man nicht erklären aus dem einfachen Grund, daß es schon ein höherer Grad des Erklärenden ist.

Und daraus mag er folgern, dass es sehr wohl eine hilfreiche Methode gibt, an seinem eigenen Schreib-Denk-Stil zu arbeiten, und zwar in diesen zwei Stufen:

1) viel gut Geschriebenes lesen, lesen, lesen und danach

2) die Beherzigung von Hohls Ratschlag: “Die ganze Kunst des Schreibens besteht darin, dass man kein Wort verwende ohne volle Verantwortung.”

Ob’s dann schon für einen fetten Literaturpreis langt, ist aber nicht garantiert, denn wie ihr in folgendem Beitrag seht, spielen noch einige andere Faktoren eine Rolle:

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Des Neujahrs-Rätsels Lösung

Schon klar, dass der gute Leibniz sich bei der Aufnahmezeremonie in der Londoner „Royal Society“ nicht blamiert und das ihm gestellte Logikrätsel gelöst hatte; wenngleich hier wieder einige amüsante Leser-Feedbacks von “geht gar nicht!”  bis hin zu Skizzen von zehnarmigen Waagen reintrudelten. Und wie schon einmal gabs einen Schwung kurz hintereinander zugesandter, im Wortlaut völlig gleicher Lösungen, die irgendwo rauskopiert zu sein schienen. Tatsächlich zeigte ein Blick in die Server-Linkstatistik, dass an jenen Tagen viele Zugriffe von einer Gewinnspiel-Community erfolgt waren, die auf ihrer Seite das Rätsel samt Lösung präsentiert hatte. Es gibt offenbar nicht Wenige, die den lieben-langen-Tag damit verbringen, in solchen Foren (von denen es anscheindend mehrere gibt) zu stöbern, auf dass mal da eine Bonboniere, dort ein Einkaufsgutschein und hier eine Musik-CD zu ergattern sei – ist ja auch eine Form von ‘Denksport’ ;-)

Sei’s drum, wenn die Lösung stimmt, sind die auch mit im Lostopf, und es könnte ja sein, dass mancher von denen hier auch noch was Anderes liest, sich dabei ans Hirn fasst und … na, lassen wir das.

Verraten wir nun lieber des Rätsels Lösung, wie Leibniz mit nur einer Wiegung unter zehn unterschiedlich großen Münzsäcklein das eine mit dem mindergewichtigen Falschgeld ausfindig machen konnte: Er numerierte die Säckchen und entnahm aus dem ersten 1, aus dem zweiten 2, aus dem dritten 3 Münzen usw. und legte diese insgesamt 55 Münzen auf die Waage. Wären alle echt, so wögen sie zusammen 550 Dram, bei 549 Dram wäre nur eine Münze falsch und somit diejenigen im ersten Sack, bei 548 zwei falsch und also die im zweiten usw. – klaro?

Und wie immer hat auch heute unsere kleine Glücksfee aus der Nachbarschaft schon drauf gelauert, unter den 78 richtigen Antworten die 5 GewinnerInnen aus dem Email-Korb zu fischen, alsda wären: Michael Freyer (Hamburg), Anja Schinz (Köln), Chris-Oliver Schulz (Wien), Guido Severin (Krefeld) und Niko Staiber (Stuttgart). Die CDs werden euch in den nächsten Tagen zugesandt.

Wer sich übrigens selber mal ein kleines, hierher passendes Rätsel mit Philo-Story-Background ausdenken und uns zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ CD-Belohnung und wird natürlich auch als Gastautor ‘verewigt’ ;-)

wf

Das Neujahrs-Rätsel 2014: Leibniz’ Silbermünzen

Gestatten: Leibniz. Gottfried Wilhelm Leibniz, Universalgelehrter. Bin hocherfreut, dass aus meiner Idee eines binären Zahlensystems, die ich bereits 1705 in meiner Explication de l’Arithmétique in Paris vorstellen durfte, diese formidable machine informationelle entstanden ist. Und ebenso ist es mir ein Plaisir, dass die Besten von euch Heutigen sich mit gebührendem Respect an mich erinnern und sogar als den “Urvater des Internet” ansehen. Nun allerdings ist es an Euch, wie Ihr die Macht der Algorithmen zu nutzen wisset, mir stand dabei nur das Förderlichste im Sinne.
So war es auch schon, als ich einige Jahre davor eine mechanische Rechenmaschine mit Staffelwalze für die vier Grundrechenarten entwickelte. Die war zwar ein wenig größer als eure Taschenrechner, aber die Intention dafür, wie ich sie damals in einer meiner zahlreichen Correspondenzen formulierte, ist naturalement selbige: „Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann.“

Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

Seinerzeit  widerfuhr mir auch die große Ehre, zum Mitglied der Londoner „Royal Society“  berufen zu werden, da man sich dort fast ohn Unterlaß der Mathematik und den Naturwissenschaften widmete. Ah, nach London! Das Reisen war mir immer ein Plaisir, konnte ich mich doch dabei in Ruhe meinem philosophischen Hauptwerke, der “Monadologie“, widmen – mit jener meditativen, reflektierenden Weise des Arbeitens, die Euch Modernen angesichts der hohen Reisegeschwindigkeit leider nicht mehr gewärtig ist.
Als ich in London empfangen wurde, führte man mich zunächst in den Großen Salon, wo mich eine kleine Aufnahmezeremonie erwartete. Denn es war dort Brauch, dass jeder Novize der Akademie zum Amusement der honorigen Gesellschaft mit einem mathematisch-logischen Rätsel confrontieret wurde, dessen Schwierigkeitsgrad seiner wissenschaftlichen Reputation angemessen sein sollte, damit er durch eine elegant-geistreiche Lösung seine Aufnahmewürdigkeit noch einmal unter Beweis stellen könne.
Und so wurde mir von dem hochverehrten Präsidenten William Brouncker die folgende Aufgabe erteilet:

“Nun, my dear Leibniz, auch in Her Majesty’s Kingdom ist nicht mehr alles echt Silber, was silbern glänzt; es sind zunehmend Falschmünzen im Umlauf, die nur noch an der Oberfläche versilbert sind und deshalb nicht mehr 10 Dram pro Stück, sondern nur noch 9 Dram wiegen. [1 Dram (dr) = 1,772 g - Anm. der Red.]
Hier habe ich nun 10 unterschiedlich große Geldsäcklein mit lauter gleich aussehenden Münzen, doch in einem davon sind alle Münzen Falschprägungen. Und da steht eine neue Waage, die auf’s Dram genau das Gewicht anzeigt. So please, Mr. Leibniz, finde Er doch mit einer einzigen Wägung heraus, in welchem Säcklein sich die falschen Münzen befinden – und dann gehören die neun guten Silbersäcklein Ihm zur Production seiner Rechenmaschine.”

Mit Verlaub, die Aufgabe fiel mir wahrlich nicht schwer und die Silbermünzen nahm ich gern. Denn nicht nur die Rechenmaschine verlangte Financierung, sondern als zukünftiger Präsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften, die bald nach englischem und französischem Vorbilde in Berlin entstehen sollte, waren mir auch gewisse Pflichten der Repräsentation auferlegt, so dass es demnächst unumgänglich sein würde, beim teuersten Perückenmacher in Paris einen Einkauf zu absolvieren. Doch von Paris et mon cher ami Lois, dem „Sonnenkönig“, sei Ihnen, liebe Freunde der Logik, der Philosophie und der Wissenschaften, ein ander Mal berichtet.

Merci pour votré attention, au revoir!

 Ihr ergebenster

 


Tja, wie hat denn der gute Leibniz die Aufgabe gelöst? Wer zu wissen meint, wie Leibniz mit nur einer Wiegung den Falschgeldsack ausfindig machen konnte, kann uns die Lösung wieder per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder fünf Preise verlost (Musik-CD-Raritäten nach Wahl von Magic Sound & Word á la Modern Jazz, Indie-Rock oder Folk – bitte auf Lösungs-Mail entsprechende Vorliebe angeben, ebenso wie die postalische Adresse für eine mögliche Gewinnzusendung!).
Einsendeschluss ist der 31. Januar 2014.

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>>> Lösung und GewinnerInnen

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