Texterl zur Reisezeit


Manche prahlen, sie seien ohne Umwege ans Ziel gekommen. Wo es doch gerade im Abwegigen am meisten zu entdecken gibt...

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Sommerferien-Rätsel 2014: Weintrinken bei Diogenes

Der Mann war der bekannteste Provokateur seiner Zeit und zahllos sind die Anekdoten über seine Aktionen, mit denen er öffentliches Ärgernis erregte. So spazierte er etwa eines helllichten Tages mit einer Laterne in der Hand über den Marktplatz von Athen, leuchtete allen Passanten ins Gesicht und auf die erboste Frage, was das denn solle, antwortete er: “Ich suche einen Menschen.”
Die Rede ist natürlich von Diogenes, der in einem Fass gehaust haben soll, jede Bequemlichkeit, materielle Mittel und alle sozialen Normen ablehnte, um sich seine Unabhängigkeit und gesellschaftskritische Randposition zu bewahren.
Klar, dass dem Mann auch viel angedichtet und übel nachgeredet wurde (wie allen Köpfen, die sich zu weit aus dem kleinbürgerlichen Mainstream herauswagen), und was Wahrheit oder Legende ist, lässt sich heutzutage kaum noch klären (zumal man aus jener Zeit, glaubt’s mir, liebe digital natives, keine Live-Mitschnitte auf YouTube findet).

Alexander besucht Diogenes

Alexander besucht Diogenes

Als ziemlich sicher gilt immerhin Diogenes’ Begegnung mit Alexander dem Großen, der kurz nach seiner Wahl zum jüngsten Feldherrn aller Makedonier und Griechen jenem einen Besuch abstattete, weil der damals schon sehr bekannte “Aussteiger”-Philosoph so gar nicht beim landesweiten Gratulationsgejubel mitmachen wollte. Das beeindruckte den Jüngling, zumal sein eigener Lehrer Aristoteles auch schon eine rätselhafte Lektion von Diogenes erhalten hatte, und so machte er sich auf den Weg zu dessen Fass.
Als ihm auch dort der völlig unbeeindruckte Diogenes keinerlei Huldigung erwies, war Alexander reichlich konsterniert und fragte den Alten, ob er nicht wenigstens eine Bitte an ihn habe. Worauf Diogenes entgegnete: “Geh mir einfach ein wenig aus der Sonne.”

So weit ist die Geschichte allgemein bekannt, doch sie ging noch weiter. Denn weil Alexander von der stoischen Coolness des Diogenes überaus beeindruckt war, wollte er ihm auf jeden Fall noch etwas Gutes tun und er ließ eine große Amphore mit 100 Kotulai Wein herbeibringen (1 Kotule = 0,275 l).

Daraufhin blickte Diogenes ihn lächelnd an und meinte: “Nun gut, so lass uns trinken! Hier, nimm meine zwei Trinkbecher, einen mit 3 und einen anderen mit 5 Kotulai Fassungsvermögen. Und da du noch einen weiten Weg vor dir hast, schenk dir nur ein wenig in den kleinen Becher ein und reiche mir dann den gut gefüllten großen; und wenn du es schaffst, dir genau 1 Kotule einzuschenken, werde ich dir auch verraten, wie du demnächst das Problem mit dem Gordischen Knoten lösen kannst.”


Nun, wie wir wissen, konnte Alexander den Gordischen Knoten dann tatsächlich lösen und deshalb lautet der Logik-Teil unseres diesjährigen Sommerferienrätsels:

a) Wie gelang es Alexander, sich ohne weitere Hilfsmittel genau 1 Kotule in seinen Becher abzumessen?

Und weil das diesmal doch recht einfach ist, gibt’s noch einen “Wissens”-Teil:

b) Wie bezeichnet man die “philosophische Richtung” der ‘Aussteiger’ á la Diogenes?

Wer glaubt, beide Frageteile richtig beantworten zu können und was gewinnen mag, kann uns die Lösung wieder per email zusenden (aber bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder fünf Musik-CDs von unserem Indie-Label Magic Sound & Word verlost (nach Wahl Modern Jazz, Indie-Rock oder Klassik-Rarität – bitte Vorliebe auf Lösungs-mail angeben, ebenso wie eure postalische Adresse!).
Einsendeschluss ist wieder das Ferienende in Bayern, der 15. September 2014.

wf

Open your ears and your mind will follow

Der eine hat das Gitarrenspiel im Blues revolutioniert, der andere schon als Kind renommierte Orchester dirigiert und der dritte in den 1960ern den Free Jazz mitbegründet. Die Rede ist von Johnny Winter, Lorin Maazel und Charlie Haden, die alle drei in den vergangenen Tagen gestorben sind und die alle drei in ihren so unterschiedlichen musikalischen Genres neue Spiel-, Hör- und Denkweisen auftaten.

Charlie Haden

Charlie Haden

Live erlebt habe ich allerdings nur Charlie Haden; zum ersten Mal, als er Anfang der 1980er als Gastmusiker bei Pat Methenys “80/81-Tour” in der Reihe “Jazz im Pfaffenwinkel” im Schongauer Ballenhaus auftrat. Im melodiösen Style von Methenys Kompositionen ließ Haden bei aller Virtuosität auch gern mal die Roots seiner familiären Folkmusic-Sozialisation in seinem Bass-Spiel durchschimmern, schelmisch setzte er das eine und andere verfremdete Country- oder Lullaby-Theme als Kontrapunkt in eine polyphone Kollektiv-Improvisation. Denn von der Harmonie-dienlich arbeitenden Grundton-Sklaverei hatte sich Haden da schon lang emanzipiert, sein Bass sang seit seiner Zusammenarbeit mit Ornette Coleman und im Trio des Pianisten Keith Jarrett mit einer eigenständigen Stimme.
Dieses Denken in musikalischen Freiheiten verband sich bei Haden auch mit einem politischen Anspruch, als er zur Subkultur der New Yorker Jazz-Avantgarde mit ihrem extrovertierteren, rebellischen Gestus stieß. Politische Stellungnahmen und Forderungen nach sozialem Wandel spiegelten sich in den Ausdrucksformen vieler junger Künstler, die sich mit den teilweise radikalen Anliegen der Bürgerrechtsbewegung solidarisierten und gegen Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit, überholte Konventionen und gegen die Außenpolitik der US-Regierung, insbesondere in Vietnam und in Lateinamerika, rebellierten. So gründete Haden zusammen mit der Pianistin Carla Bley 1969 das Liberation Music Orchestra als Plattform für musikalischen Protest gegen gesellschaftliche Missstände in den USA. Die Formation besteht in wechselnden Besetzungen und verschiedenen stilistischen Ausrichtungen bis heute und gastierte 1983 ebenfalls in unserem Städtchen am Lech, wodurch ich Haden erneut, diesmal in einer anspruchsvollen Ensemble-Spielart von World Music, hören konnte.

Das breitere Publikum reagierte damals wie heute ziemlich ablehnend auf frei improvisierte Musik (und eine ebensolche Denkart), welche die üblichen Aufführungs- und Rezeptionsgewohnheiten in Frage stellte. Aber genau diese Irritation, diese Herausforderung zur Öffnung von Gehör & Gehirn, war von den Künstlern beabsichtigt und „die Kraft und Härte des Neuen Jazz und ein revolutionäres, zum Teil außermusikalisches Pathos wirkten um so vehementer, als sich vieles angestaut hatte, was nun über das bequem gewordene Jazzpublikum hereinbrach“ (meint Joachim Ernst Berendt in seinem „Jazzbuch“).

In diesem gesellschaftskritischen Aspekt berühren sich Free Jazz (den es heute in unzähligen Spielarten gibt) und Punk, so dass es gar nicht verwundert, dass auch Vivien Goldman, Professorin für Punk an der New York University (ja, sowas gibts dort), das “revolutionäre” Musikschaffen Charlie Hadens nun in mehreren Artikeln ausgiebig würdigte und sogar eine Art Verwandtschaft im musikalischen und rebellischen Geiste zum ebenfalls gerade verstorbenen Punk-Drummer Tommy Ramone herbeischrieb. Kann frau natürlich so sehen…

Unter den zahllosen Formationen, in denen Haden mitwirkte, waren auch einige ziemlich kurzlebige, die trotz herausragender musikalischer Qualität kaum noch in der kollektiven Erinnerung der Jazz-Szene präsent sind. Dazu gehört wohl auch das Trio mit Ginger Baker (genau, der ehemalige “Cream”-Drummer und “Master of Polyrhythm”) und dem musikalischen Grenzgänger Bill Frisell (bei dem öfter mal Frank Zappa übers Griffbrett zu grinsen scheint) und rausgesucht hab ich für euch ein ziemlich freejazziges, improvisiertes Stückerl, das passenderweise mit “In the Moment” betitelt ist; geht mit einem ‘ausgmachten’ Themenkopf eher bieder los, dann aber dürfen die Herrschaften. Und bevor die weniger geübten HörerInnen zu früh aussteigen, verrat ich lieber noch, dass Baker da eins der coolsten Drum-Soli ever spielt (ab 9.15).

Viel Spass!

wf

Beten für’s WM-Finale

Aus Sicht der Philosophischen Anthropologie speist sich der kollektive Fussball-Fanatismus hauptsächlich aus zwei Quellen: Einerseits aus dem Tribalismus (mitsamt seinen Inclusions-/Exclusions-Mechanismen, Überlegenheitsdünkel und Nationalstolz) und andererseits aus dem Bedürfnis nach metaphysischer Sinnstiftung für die elende Daseins-Geworfenheit, nach Trost durch die Religion.
Und weil der Mensch mit einem abstrakten ‘Gott’ wenig anfangen kann, hat er sich ihn zu allen Zeiten phänomenologisch abgerichtet, mal in der einen, mal in einer anderen Erscheinungsweise, und heute eben in Gestalt des Fussballs.

Spielvorbereitung Argentinien - Deutschland

Spielvorbereitung Argentinien – Deutschland

Welche positiven synergetischen Effekte sich daraus ziehen lassen, haben auch die beiden Spielmacher der Katholischen Kirche begriffen und ihre jeweiligen Landsmannschaften ins Finale gebetet. Dagegen hatten ihre Halbfinalgegner mit ihren nicht mehr zeitgemäßen Spiel-, also Glaubens-Systemen keine Chance.
Den Holländern hatte die Anbetung der Tulpe (geht wohl auf die pantheistische Vorstellung ihres Landsmannes Spinozoa “Gott = die Natur” zurück) auch diesmal nix genützt und bei den Brasilianern ließ der vielfältige Synkretismus afrobrasilianischer Religionen wie des Candomblé mit seinen spiritistischen Ritualen erst gar keine rechte Ordnung aufs Spielfeld kommen.

Was dabei rauskommt, wenn der Franzl und der Bene für das Endspiel weiterbeten, lässt sich nicht so leicht voraussagen, denn weder wissen wir, wer der Stärkere im Glauben ist, noch wie ernsthaft sie das Konzept der christlichen Nächstenliebe verinnerlicht haben.

Für die Unterlegenen, die sich dann auch um die Investition ihrer Gebete geprellt fühlen, und für alle Agnostiker, die diesen Quark eh nicht glauben, bleibt der Trost des fussballspielenden Schweizer Pfarrers Josef Hochstrasser: “Religion ist heilbar”.

wf

Wo Trolle philosophieren und Lieder aus der Edda singen…

… da muss Island sein. Und schon beim Flug dorthin könnte es dir passieren, dass so ein Troll mit an Bord ist, auf der Rückreise zu seinem Heimatstein auf der Insel. Denn isländische Trolle reisen gern und oft, um sich in der Welt jener merkwürdigen Wesen umzusehen, über die es sich so trollig lästern lässt. Nicht, um sich über die Andersartigkeit dieser Wesen eitel zu erheben, denn Trolle haben im Gegensatz zu den Wesen großen Respekt vor dem Andersartigen. Eher sind die Trolle unterwegs, um herauszufinden, warum die Wesen die Erkenntnis in Philosophie, Religion und Wissenschaft aufgeteilt haben und warum sich in deren Vorstellung Sein & Sinn nur in der Konstruktion von Dualismen entfalte: in der Trennung von Subjekt und Objekt, von Physischem und Mentalem, von Natur und Kultur, von Ideal und Wirklichkeit – und sich somit in unlösbaren Widersprüchen und kognitiven Dissonanzen verheddern.

Trolle im Dialog

Trolle im Dialog – gezeichnet von zenundsenf

Und weil ein Troll nur da ganz Troll ist, wo er spielt, trifft er sich nach einer solchen Reise gern mit seinesgleichen zum “Spiel der Wesen”, bei dem die Regel gilt, man müsse tun, als sei es ernst. So lange, bis das Spiel erweist, dass der Dogmatismus jeder ‘letzten Wahrheit’ doch nur Anschein sei und jedes Besserwissenwollen Hybris.
Doch versuche nur nicht, ohne professionellen Beistand mit einem Troll ins Gespräch zu kommen, denn es wird berichtet, dass die Trolle dann sofort verstummen, sich in Stein verwandeln, und wenn sie schlecht gelaunt sind, dich gleich mit. Andere sagen, dass die Trolle bei unvorsichtiger Ansprache dir zuerst das Wort im Munde und dann das Gedenke im Hirn verdrehen, so dass du, eh du dich’s versiehst, zur Sedierung in die Psychiatrie eingeliefert werden musst.
Warte lieber, bis du auf dem Reykjavíker Flughafen Kevlavik gelandet bist, wo du dir gleich in der ersten Buchhandlung die Protokolle der “Trolle auf Reisen” besorgen kannst. Denn obwohl es wie gesagt nicht ganz einfach ist, die oftmals in anderer Gestalt oder im Gestein verborgenen Trolle bei ihrem Spiel zu beobachten und ihre Dialoge zu belauschen, gelang genau dies dem Wanderer und Reisenden Björn Eriksson bei etlichen vorsichtigen Annäherungen, wobei die vorliegenden 25 Mitschriften seines Großen Lauschangriffs entstanden. Und da Trolle sich nicht von fotographischen Apperaten erfassen lassen, hat Björn den Augsburger Zeichner Andreas Walter auf die Reise mitgenommen, um die Szenen mit Stift und Pinsel zu dokumentieren. Für Andreas, der seine Arbeiten als “zenundsenf” unter anderem in Spiegel online, Frankfurter Rundschau und bei Ausstellungen in Deutschland, Österreich und Belgien veröffentlicht hat, war es eine neue Erfahrung, dass diesmal die Objekte seiner Kunst, also die Trolle, während des Aufzeichnungsprozesses scheinbar ein Eigenleben in seiner federführenden Hand entwickelten und ihm das Gefühl gaben “es denkt in mir”. Die Zusammenarbeit der beiden kam zustande, nachdem sie sich als Gastautoren in diesem Magazin für das Schräge, Kuriose und Unerhörte gegenseitig beschnuppert hatten, Gefallen aneinander fanden und sich schließlich für das Troll-Projekt verabredeten.

Buchumschlag "Trolle auf Reisen" von zenundsenf

Buchumschlag “Trolle auf Reisen” von zenundsenf

 

Mit dem Protokollieren und Übersetzen der Dialoge war’s aber nicht getan, denn isländische Trolle haben die Eigenart, nach beendeter Rede auf ihren Steinen zu tanzen und dabei Verse aus dem 164-strophigen “Hávamál“, einem Bestandteil der “Edda“, zu singen. Darin geht es um den Glauben an den Wert des Einzelnen, der für sein eigenes Leben zwar Verantwortung trägt, dabei aber durch ein untrennbares Band mit der Natur und der Gesellschaft verbunden ist. Die belebte Welt formt in all ihren Manifestationen ein harmonisches Ganzes und Verstöße gegen die Natur wirken sich unmittelbar auf den Menschen selbst aus. Hávamál bedeutet zwar “Des Hohen Lied”, ist aber nicht, wie oft irrtümlich angenommen, eine Art ‘Götter-Bibel’ mit Anweisungen oder Verlautbarungen aus der nordischen Götterwelt (“Odins Worte”), sondern eine zeitlich (10. bis 13. Jh.) und inhaltlich dreigeteilte Sammlung von Alltagssituationen, aus denen in poetischer Form kleine Lebensweisheiten destilliert werden. Das Hávamál zählt zur Weisheitsliteratur und ist im Rang den indischen Veden oder den homerischen Gedichten Griechenlands vergleichbar.

Nun singen die Trolle die (auch für Isländer teilweise etwas geheimnisvollen) Texte natürlich im Original, wie es im Codex regius aus dem 13. Jahrhundert überliefert und in der Arnamagnäanischen Sammlung in Reykjavik aufbewahrt wird, aber für die deutsche Ausgabe der Troll-Protokolle galt es, diese einigermaßen adäquat zu übersetzen. Versuche dazu gabs ab dem 17. Jahrhundert etliche, doch die verschiedenen Übersetzer gestanden sich dabei große interpretatorische Freiheiten zu, die zu Missdeutungen und Sinnverstümmelungen führten (vor allem bei den Germanentümlern). Auch die wohl am häufigsten zitierte Übersetzung von Simrock erscheint vielen Isländern, die auch des Deutschen mächtig sind, unzulänglich, so dass Björn Eriksson sich zu einer Neu-Interpretation gezwungen sah, um der Gemütsverfassung der Trolle gerecht zu werden. Das Hauptproblem dabei war, dass natürlich auch das Alt-Isländische den Prozessen des Sprachwandels ausgesetzt war und viele grammatikalische und semantische Zuordnungen einzelner Begriffe heutzutage erst freigeschaufelt werden müssen, um sie neu und stimmig ein- und anzuordnen.

An diesem Punkt seiner Arbeit lud Björn mich ein, als passionierter ‘Poesie-Versteher’ und Gelegenheits-Linguist mal einen Blick auf seine Interpretationsversuche zu werfen und meinen Senf (mit oder ohne Zen) dazuzugeben. Er wusste natürlich, dass meine Isländisch-Kenntnisse gleich Null waren (nicht mal einer seiner Einladungen auf die Insel war ich bisher gefolgt) und hatte dementprechend vorgearbeitet: Zu einer ganzen Reihe von Begriffen hatte Björn akribisch semantische Analysebäume mit Übersetzungsvorschlägen im konkreten Textzusammenhang angelegt, und das sah dann so aus wie hier zum Sinn-Feld “denken – begreifen”:

Analysebaum zum semantischen Feld "denken - begreifen"

Analysebaum zum semantischen Feld “denken – begreifen”

So gerüstet konnten wir uns also an das Derrida-Spiel der Dekonstruktion (einiger uns vorliegenden älteren Übersetzungen) und an die Lesart der Différance wagen, bei der die Elemente eines Textes in einem Spiel des gegenseitigen Verweisens der Signifikanten aufeinander interpretiert werden. Wir wollen euch hier nicht mit sprachwissenschaftlichen Details langweilen, aber ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es uns bei dieser Bastelarbeit darum ging, die innere Struktur der Texte, deren Bezug zu anderen (Kon-)Texten und somit die relationalen Bedeutungsunterscheidungen der Begriffe einigermaßen zu erfassen, um unsere Neuinterpretationen rechtfertigen zu können. Die schickte Björn dann zunächst zur ‘Qualitätskontrolle’ an einige der des Deutschen mächtigen Isländer und nachdem die neuen Versionen von deren Seite  beifällig abgenickt wurden, erschienen zwei Dutzend der so entstandenen Hávamál-Verse in zweisprachiger Nebeneinanderstellung in der deutschen Fassung des Protokolls, wie etwa dieses Hávamál 27, das sich als Version des damals wohl auch schon den Isländern bekannten Sinnspruchs “si tacuisses…” von  Boethius lesen lässt:

Ósnotur maðurer
með aldir kemur,
það er best að hann þegi.
Engi það veit
að hann ekki kann,
nema hann mæli til margt.
Veita maður
hinn er vætki veit,
Þótt hann mæli til margt.
Dummer Mensch
der zu Anderen kommt
bleibt am besten schweigsam.
Niemand bemerkt
wie wenig er weiß
solang er nicht spricht.
Jeder, der nur Weniges kennt,
weiß selbst nicht,
wenn er zu viel spricht.

(Da wir unsere Neuinterpretaionen als vorläufig erachten und damit auch einen Anstoss für ein weiteres Arbeiten daran geben wollen, stehen alle im Buch veröffentlichten Hávamál-Verse unter Creative Commons License und können unter Angabe der Quelle frei verwendet werden.)

Die “Trolle auf Reisen” sind im März 2014 bei ALGORITHMICS á Íslandi in Reykjavík erschienen und dort in allen größeren Buchhandlungen (z.B. Mál og Menning ) erhältlich. Wer’s nicht so bald auf die Insel schafft, das hübsche Büchlein aber doch gern hätte, kann es auch porto- und versandkostenfrei über die Webseite trolleaufreisen.de oder bei der Buchhändlerin seines Vertrauens beziehen (via VLB). Und natürlich vorher noch mehr darüber erfahren, denn es gibt dazu auch schon eine Buchbesprechung in der “Iceland Review” (im deutschsprachigen Kulturteil).

Björn Eriksson & zenundsenf
Trolle auf Reisen
Algorithmics.is – Reykjavík, 2014
ISBN 9783000447938
96 Seiten – EURO 24,80


Wie groß der Einfluss der Trolle auf die Musik der Isländer ist, lässt sich nicht so genau sagen; die Komponistin und Sängerin Björk etwa behauptete in einem Interview, noch nie Trolle gesehen zu haben, doch möglicherweise ist das als reine Schutzmaßnahme zu verstehen (sie ist in einem Fond zur Rettung der Ökonomie und Ökologie ihres Heimatlandes engagiert). Andere Musiker, vor allem in der Punk- und Jazzszene, bekennen sich dagegen zu ihrer trolligen Inspiration. Die hört man auch manchmal deutlich heraus, wie hier bei der ganz & garnicht kategorisierbaren Band ADHD, die übrigens auch schon Konzerte in Deutschland gegeben hat.

Besetzung:
Óskar Guðjónsson sax
Ómar Guðjónsson g | b
Davíð Þór Jónsson hammond | syn | b
Magnús Trygvason Eliassen dr

wf

Die Kleinstadt, der Revoluzzer und die Medien

Erinnert ihr euch noch an den bundesweiten Medienhype, den vor ein paar Wochen die Kandidatur eines etwas unorthodox auftretenden und ‘verwegen’ aussehenden jungen Mannes zur Bürgermeisterwahl im oberbairischen Lech-Städtchen Schongau auslöste? Nun ist das, einige Leserinnen wissen’s ja, seit Jugendtagen meine Heimatstadt, und so wurde ich von meinem auswärtigen Bekanntenkreis in jener Zeit auch öfter mal so Sachen gefragt wie Oops, was geht denn da bei euch ab? Spinnts ihr jetzt, ihr Schongauer?
Ja, das Geschehen mag von außen betrachtet als ziemlich schräge Nummer dahergekommen sein, auch manchen Schongauern schien das offenbar nicht ganz geheuer, aber es waren weder Voodoo noch kleine bunte Pillen im Spiel. Vielmehr war der Kulminationspunkt einer langjährigen Entwicklung erreicht, die aber im oberflächlichen & unterkomplexen Sensationsgeheische keinen der medialen Sautreiber-Tagelöhner interessierte. Während des Wahlkampfs wollt ich dazu nix schreiben, zumal ich selber einige Jahre im Städtchen politisch engagiert war (samt gelegentlicher Überschreitungen meiner Frustrationstoleranz), aber ich hatte mir da schon vorgenommen, die Hintergründe dieser ‘kollektiven Comedy’ in der Art einer Genealogie ein wenig auszuleuchten. Der zeitliche und emotionale Abstand zum großen Gequake scheint mir nun groß genug, um mich nicht als Spassbremse oder gar Revanchist (in welcher Richtung auch immer) verdächtig zu machen – also ran ans historische Material, Gedächtnis und alte Ordner geplündert, ein paar Zeitzeugen zwecks Faktenkontrolle angerufen (die eigene Erinnerung kann ja manchmal ne trügerische Freundin sein) und dann sortieren, streichen, zusammenpuzzeln, bis am Ende die folgende, hoffentlich einigermaßen konsistente und nachvollziehbare Story rauskam. Die ist so ein Hybrid aus historischer Doku, investigativer Reportage und (lokal)politischem Essay geworden, und dabei in Stil und Länge ‘feuilletonkompatibel’ zurechtgeschnitzt, da ich kürzlich von einem Münchner Journalisten gebeten wurde, meine Spurensuche doch auch für sein bayernweit erscheinendes Blatt (das auch den Mantel für unsere Lokalzeitung liefert) aufzubereiten. Von dort kam allerdings nach meiner Script-Zusendung bisher kein Feedback mehr, so dass ihr nun hier, rechtzeitig zum 1. Mai, in den Genuss des jungfräulichen und unverfälschten Textes kommt ;-)

Diese Geschichte soll nicht nur allen durch die Medienberichterstattung verschreckten Nicht-Schongauern ein wenig die Angst vor unserem eigentlich ganz nettem Städtchen nehmen, sondern kann auch exemplarisch gelesen werden für ein Es-hätte-überall-sein-können. Außerdem wollt ich die Schongauer Geschichtsschreibung nicht allein den Traditionalisten aus’m Stadtmuseum überlassen, sondern die “andere Sicht” auf die Geschehnisse auch für den lokalpolitischen Nachwuchs mal festhalten, quasi zur Stärkung des ‘historischen Alternativ-Bewusstseins’ ;-)

Mag sein, dass den hier mitlesenden SchongauerInnen noch die eine oder andere Anekdote zu unserer politisch-kulturellen Geschichte der letzten Jahrzehnte einfällt – die können sie dann gern hier in den Kommentaren verewigen…

(Wer die Story lieber in einer Druckversion lesen mag, kann sie sich auch als 7-seitiges PDF runterziehen.)


Spinnen die, die Schongauer?

Als der ‘Polit-Revoluzzer’ Tobias K. das Lech-Städtchen Schongau in aller Medien Munde brachte – eine Spurensuche in der Geschichte einer politisch-kulturellen Eruption

Beinah wäre die Sensation perfekt gewesen: Bei der Bürgermeister-Stichwahl im oberbairischen Schongau unterlag der parteilose Tobias Kalbitzer gegen den SPD-Kandidaten Falk Sluyterman nur knapp mit 49,7 zu 50,3 Prozent. Im Vorfeld hatte es um diese Endspiel-Paarung einen bundesweiten Medienhype gegeben wie kaum einmal zuvor bei einer Wahl in einer Kleinstadt, wobei sich das Interesse der Öffentlichkeit aber weniger auf die programmatischen Inhalte der Kontrahenten als vielmehr auf die bis ins Skurrile hochgejazzten Umstände des Wahlkampfs konzentrierte. Ein junger, politischer No-Name mit lockeren Sprüchen im Paradiesvogel-Outfit mit Dreadlocks zu Lederhose und Turnschuhen gegen bürgerliches Establishment mit Seitenscheitel, Anzug und Krawatte. Die Kandidaten der CSU und der UWV (Unabhängige Wählervereinigung) waren bereits im ersten Wahlgang unter ‘ferner liefen’ ausgeschieden. Schon das darf man getrost als sensationell bezeichnen, denn schließlich befinden wir uns in jenem Schongau am Lech, wo einst die politische Karriere des CSU-Übervaters Franz Josef Strauß als Landrat begonnen hatte und die rechtskonservativen Kreise jahrzehntelang und fast nach Belieben schalten & walten konnten.

Eine Revolution aus heiterem weiß-blauem Himmel? Sind die Schongauer einfach nur crazy people? Weder – noch, denn wie jedes Erdbeben und jeder Tsunami sich erst nach einer lang aufgestauten tektonischen Spannung entlädt, so finden wir auch bei politisch-kulturellen Eruptionen bei genauerem Hinsehen vorhergehende gesellschaftliche Gärprozesse, ein System miteinander verknüpfter Veränderungen. Wie und warum die in dem 12.000-Einwohner-Städtchen im März 2014 kulminierten, kann vielleicht ein Blick in die jüngere soziokulturelle Geschichte Schongaus erhellen, auf die Ursprünge und die Genealogie dieser Veränderungsbereitschaft. Eine Geschichte, die sich so ähnlich auch in jedem anderen Städtchen hätte zutragen können.

Die wilden Siebziger

Wenn wir die Zeit gut 40 Jahre zurückdrehen, sehen wir Schongau als eine bairische Kleinstadt wie viele andere auch. Wirtschaftlich gings der mit einigen mittelständischen Unternehmen aufgestellten Kommune nicht schlecht, die Bildungseinrichtungen samt städtischer Musikschule waren einer vormaligen Kreisstadt angemessen, aber die Freizeit- und Kulturangebote waren bieder und überschaubar. Es gab die Sport- und Brauchtumsvereine, im Sommer ein Volksfest, gelegentlich kam ein Zirkus in die Stadt; die Jugend traf sich im Freibad oder Eisstadion, einer Eisdiele oder Pizzeria, und bei öffentlichen Veranstaltungen lief der immergleiche Sound: Blasmusik bis zum Abwinken.

Die Schongauer Kleinstadtbehaglichkeit erfuhr die ersten Irritationen, als Mitte der 1970er Jahre eine Clique junger Leute eine kleine griechische Kneipe an der Papierfabrik, wo manche Arbeiter zu Sirtaki-Klängen ihr Feierabendbierchen tranken, als place-to-be für sich entdeckte, selber mitgebrachte Rock-Platten auflegte und den „Griechen“ so in kurzer Zeit zu einem attraktiven Jugendtreff machte. So etwas hatte es bis dato im Städtchen nicht gegeben und dementsprechend okkupierte bald ein ziemlich hippieskes Völkchen aus der ganzen Region den schon etwas maroden Schuppen, der sich innerhalb kurzer Zeit zu einem der heißesten Drogen-Spots in Südbayern entwickelte und Schongau damit auch eine unverhoffte mediale Aufmerksamkeit bescherte.

Aber dort traf sich nicht nur, wie viele um ihre Kinder besorgten Bürger glaubten, ein Haufen langhaariger Gammler zum Abrocken, Saufen und Dealen, sondern es fand sich auch ein lockerer Kreis von 20-30 „Aktivisten“ aus der gerade entstehenden Szene der Alternativ- und Friedensbewegung, der Proto-Grünen und einigen real existierenden Jusos zusammen, die dort ihr informationelles Basislager aufschlugen. Man wollte im behäbigen Schongau etwas verändern, und so wurden dort Ideen entwickelt für die ersten Rockkonzerte in Schongau, für die Alternativ-Zeitschriften „Streusand“ und „Alternativblatt Schongau“ (woraus später der bis heute bestehende „OHA“ wurde), und in der Altstadt gabs die erste Demo. Erstmals entstand so etwas wie eine mediale Opposition zum lokalen Monopoljournalismus – winzig zwar, doch aufmüpfig und vernehmbar. Der 68er-Geist von Rock & Revolte war, wenn auch mit einigen Jahren Verspätung, in der Provinz angekommen.

1. Schongauer Open-Air am alten Lechstausee - Foto: Georg Werner

1. Schongauer Open-Air am alten Lechstausee

Aus diesem Geist heraus formierten sich auch die ersten Schongauer Rockbands wie Treibhaus, Wintersonne, November, Troubadix oder Randy Dream. Ein Teil dieser Musiker und der Zeitungsmacher bildeten das Organisationsteam für die ersten Rock-Open-Airs am alten Schongauer Lechstausee, wo 1978 und 79 die zweitägigen Festivals mit einem Mix aus lokalen und bekannten Bands stattfanden. Mit Hilfe des THW wurde eine Bühne in die stillgelegte Kiesgrube gezimmert, es gab Zeltmöglichkeiten, Verpflegungsbuden, Toilettenwägen und einen Shuttle-Bus vom Bahnhof zum Gelände – und Ärger. Weniger mit den aus dem „Griechen“ schon bekannten Musikfreunden von der Drogenfahndung und dem Verfassungsschutz (denen man auch gern mal ein Bierchen ausgab), dafür aber mit der Naturschutzbehörde und dem Landratsamt. Mit der offiziellen Begründung einer möglichen Waldbrandgefahr war nach diesen beiden Festivals erstmal Schluss an diesem Platz. Auch der damalige Chefredakteur der Lokalzeitung wollte die Sache höchstpersönlich in Augenschein nehmen, fuhr einmal unerlaubt mit dem Auto über den Festivalplatz ohne auszusteigen und mokierte sich im darauffolgenden Zeitungsbericht über die „unerträglichen hygienischen Verhältnisse“ auf dem Gelände. Damit hatte er, freilich ohne es vorauszuahnen, manche Schongauer für ein Problem sensibilisiert, das Jahrzehnte später wieder auf die lokale Agenda und in den Wahlkampf 2014 kommen sollte: die „Wildbiesler“.

In diesen Jahren gabs in Schongau nur wenige Auftrittsmöglichkeiten für Bands und auch kaum Proberäume, so dass ein Teil der „Griechen“-Clique einen basisdemokratisch geführten Kulturverein gründete, der im Nachbardorf Schwabsoien ein altes Bauernhäuschen anmietete und renovierte. Mit einem Probe- und einem Veranstaltungsraum, in dem einige Jahre lang Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionsabende stattfanden. Dort kam es 1979 unter Federführung der Schongauer Jusos auch zu einer ersten Gesprächsrunde zur Gründung eines Jugendzentrums in der Lechstadt, an der auch der spätere Bürgermeister Luitpold Braun als Vertreter der Schongauer Jungen Union und UWV-Chef Rudolf Gigl teilnahmen, man gab sich parteiübergreifend kooperationsbereit. Bis zur endgültigen Realisierung des Schongauer Juze sollten aber noch einige Jahre und Diskussionsrunden ins Land ziehen. Zwischendurch war noch das Problem zu lösen, dass der seinerzeit amtierende Schongauer CSU-Bürgermeister Georg Handl sich zunächst weigerte, alljährlich eine öffentliche Bürgerversammlung abzuhalten, auch nicht zum Thema Juze. Wieder waren es die Jusos, die hier die Initiative übernahmen und diese ‘Arroganz der Macht’ mithilfe eines „Zündfunk“-Interviews (in dem Handl der „Amtsschimmel des Monats“ verliehen wurde) zu Fall brachten. Als sich dann herausstellte, dass der Mann im Laufe seiner Amtszeit auch den Schongauer Stadtsäckel weitgehend geleert und vergeblich mit Lotto-Spielen wieder aufzufüllen versucht hatte, war er eigentlich politisch nicht mal mehr für seine eigene Partei tragbar, doch zwei Jahrzehnte später wurde eine Straße in Schongau nach ihm benannt (in der dann der spätere SPD-Bürgermeister Zeller sein Haus baute). Braun wurde bei der nächsten Wahl Handls Nachfolger und konnte sich trotz dieser Spirenzchen seines Vorgängers damals noch einer absoluten CSU-Mehrheit im Stadtrat erfreuen. Schongau war noch nicht bereit zur Veränderung, auch wenn die Saat dafür schon langsam keimte.

In der Aufbruchs-Atmosphäre jener Zeit wagte sich auch ein idealistischer Schongauer Jazzfan an das Ein-Mann-Unternehmen, ein kulturelles Highlight in seiner Heimatstadt zu etablieren, das alle provinziellen Hörgewohnheiten sprengen sollte: Heinz Wensauer rief die Konzertreihe „Jazz im Pfaffenwinkel“ ins Leben, die sich mit Auftritten von Weltstars á la Elvin Jones, Chet Baker, Billy Cobham, Pat Metheny, B.B. King, Miriam Makeba und vielen anderen bald einen bayernweiten Ruf als Topadresse für Jazzfreunde erspielte. Auf Dauer für einen Privatmann aber kaum finanzierbar, zumal nur ein viel zu kleiner Teil der Schongauer dieses Angebot wahrnahm und die Parkplätze vor den Konzertsäälen fast nur von Auswärtigen besetzt waren. Statt nun diese Chance auf ein überregionales Renommée Schongaus zu ergreifen und die Konzerte finanziell anständig zu unterstützen, beließ es der Schongauer Stadtrat bei Peanuts, so dass die Reihe Mitte der 80er eingestellt werden musste.

Die Gründerzeit der 80er Jahre

Als Anfang der 1980er Jahre der Rock-Schuppen an der Papierfabrik wegen Baufälligkeit und das Schwabsoiener „Haisl“ wegen Finanzierungsproblemen schließen mussten und bald abgerissen wurden, stand die ‘Szene’ aber keineswegs auf der Straße. Schongau erlebte zu der Zeit eine regelrechte Gründerwelle an alternativen Kneipen und Läden, teilweise aus dem Personenkreis der „ersten Stunde“. In den Musikkneipen Löwenhof, Eulenspiegel, Spontan, Lagerhaus und anderen fanden die Dagebliebenen (viele zogen ja wegen Studium und Beruf in die Welt hinaus) ihre neuen social rooms. Auch das Juze wurde endlich eröffnet und der „alte Grieche“ investierte sein reichlich verdientes Geld in einen großen Diskotheken-Neubau im Gewerbegebiet. Dort gings zwar noch mehr ab als in der alten Bude, doch die frühere Underground-Atmosphäre und das konspirative Networking hatten sich im kommerziellen Massen-Freak-Out verloren.

Alternative Bio-, Platten- und Buchläden wurden eröffnet, schließlich das Lagerhauskino mit seinem anspruchsvollen Programm und die Kleinkunstbühne „Schalander“ mit ‘gefährlichem’ politischem Kabarett an wechselnden Spielorten. Zusammen mit etlichen anderen Veranstaltungen (u.a. ein Multikulti-Musikfest auf dem Lindenplatz) wurde so der politisch-kulturelle Bewusstseinswandel weiter angeschoben, zumindest in den aufgeschlosseneren Kreisen der Schongauer Bevölkerung. Und die ‘Revolutionäre’ bekamen nun auch die ersten Kinder…

Im Frühsommer 1986 wurde in Schongau nach dem Schock von Tschernobyl auch ein regulärer Ortsverband der Grünen gegründet, zu dessen Besonderheiten es gehörte, dass man dort mitmachen konnte ohne Parteimitglied zu sein – es war übrigens das Jahr, in dem auch der spätere ‘Exoten’-Kandidat Tobias Kalbitzer zur Welt kam. Schnell machten die Schongauer Grünen mit ihrem an alle Schongauer Haushalte verteilten Politblättchen „Klartext“ und etlichen Veranstaltungen auf sich aufmerksam, vor allem im ländlichen Umfeld hatten sie bei Gastauftritten prominenter Grüner wie Hias Kreuzeder oder Michael Sendl volle Sääle. Zu einem kleinen Eklat kam es, als für einen Auftritt von Trude Unruh, der Bundesvorsitzenden der „Grauen Panter“, die Aula der Schongauer Hauptschule angemietet wurde, die wegen ihrer Größe und guten Akustik für viele, auch politische Veranstaltungen genutzt wurde. Der für die Aula zuständige Stadtverwaltungsangestellte wollte die Veranstaltung zunächst aufgrund des „politischen Charakters“ nicht genehmigen, doch mit diesem Sabotageversuch war er bei der streitbaren Dame an die Falsche geraten. Nach einem geharnischten Schreiben aus ihrem Bonner Abgeordnetenbüro an Bürgermeister Braun pfiff der seinen Wachhund zurück. Trude Unruh hatte an diesem Abend volles Haus und diskutierte in ihrem Powerstil über Ungerechtigkeiten in der deutschen Sozial- und Altenpolitik, bevor sie dem grünen „Jungvolk“ bei einem Glaserl Wein im „Eulenspiegel“ noch ein wenig Nachhilfe in politischer Streitkultur erteilte.

Schongau um 1600  - Kupferstich von Michael Wening

Schongau zur Zeit der Hexenverfolgungen

Bei den Landtagswahlen im Oktober 1986 zogen die Grünen zum ersten Mal in den bairischen Landtag ein (mit 7,52 Prozent), die CSU verteidigte allerdings mit Ministerpräsident Franz Josef Strauß als Spitzenkandidat ihre absolute Mehrheit (mit knapp 56 Prozent). An jenem Wahlabend bekam die im Schongauer Rathaus feiernde CSU Besuch: Die junge Schongauer Grünen-Vorsitzende platzte in die Party der verdutzten Schwarzen und gratulierte im ‘kleinen Schwarzen’ mit einer großen Sonnenblume – nicht die erste und nicht die letzte ironische Aktion gegen den Bierernst des Kleinstadt-Politbetriebs, und manche Schongauer hatten schon damals ihren Spaß dabei.

Nach Unstimmigkeiten mit dem Landesverband löste sich der Schongauer Grünen-Ortsverband allerdings Anfang 1989 wieder auf, doch ein paar Monate später wurde dafür die ALS, die „Alternative Liste Schongau“, als unabhängige Gruppierung gegründet. Bei der Kommunalwahl 1990 schaffte sie auch gleich den Sprung in den Stadtrat: Sigi Müller gab dort viele Jahre den Einzelkämpfer, wurde aber, von gelegentlicher Zustimmung der SPD-Fraktion abgesehen, politisch ausgegrenzt und abgeblockt. Er saß auch in keinem Ausschuss, aber seine Ideen erreichten über die „Schongauer Nachrichten“ und den „OHA“ immerhin die Öffentlichkeit. Und weil Müller so ein ‘zäher Hund’ war, wurde ihm (zusammen mit seiner politisch ebenfalls engagierten Frau Renate) ein paar Wochen vor der 2014er Wahl die „Verdienstmedaille des Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“ für soziales und politisches Engagement verliehen (was natürlich das Ansehen und die Wählbarkeit der ALS auch in konservativeren Kreisen steigerte). Vielleicht konnte „der Sigi“ die Jahre in der politischen Diaspora nur durchhalten, weil er wie Max Weber wusste: “Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.”

Die erste „Wende“ und der Problem-Stau

Doch siehe da, wenigstens das erste Brett war schneller durch als gedacht: Bei den Kommunalwahlen 1996 konnte der von der SPD aus Leipzig herbeigekarrte Verwaltungswissenschaftler Friedrich Zeller (ein gebürtiger Memminger) gleich im ersten Wahlgang den Schongauer Chefsessel erobern. Der bisher amtierende Luitpold Braun war auf den Zug ins Weilheimer Landratsamt gesprungen (um schon mal näher am Maximilianeum zu sein) und die Konkurrenten von CSU und UWV galten Vielen im Städtchen als zu bieder und konservativ, man traute ihnen keine Macher-Qualitäten zu. Und die hatte Schongau mittlerweile nötig, denn in den Jahrzehnten der CSU-Regentschaft hatten sich etliche Probleme aufgestaut, die eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung bremsten. Probleme, die bis heute die kommunale Diskussion bestimmen, wie die Erhaltung und Neuansiedlung von Gewerbe und Betrieben, Sanierung der Schul- und Sportanlagen und des heruntergekommenen Bahnhofs, mehr Freizeitangebote für Jugendliche wie Bolzplätze oder einen Bike- & Skater-Park. Fragen der Verkehrs-Infrastruktur und der (regenerativen) Energieversorgung harren der Lösung. Es gab und gibt die Feilschereien um Zuschüsse für Sport und Kultur (die meisten Stadträte sind stimmsicherheitshalber ja in mehreren Vereinen Mitglied) und in jüngster Zeit auch eine Auseinandersetzung um das leerstehende ehemalige Schongauer Forsthaus, das als Heim für Asylbewerber angedacht war. Aus Teilen der CSU waren alsbald fremdenfeindliche Töne zu hören, es hieß dort, das Forsthaus könne man „für was Besseres als Asylanten nutzen“. Das kam in Schongau, wo seit Jahrzehnten viele Italiener, Griechen, Türken und andere ‘Migranten’ ziemlich problemlos im Sozialgefüge integriert sind, gar nicht gut an.

Schongauer Marienplatz - geplante Fussgängerzone

Schongauer Marienplatz – geplante Fussgängerzone

Und seit Jahrzehnten tickt die Dauerdiskussion über die Umwandlung eines Teils der Altstadt in eine Fußgängerzone. Andernorts in der Region sind die Innenstädte längst durch Fußgängerzonen touristisch aufgewertet und kulturell belebt, doch hier verhinderte bisher hauptsächlich eine starke Lobby (früher nannte man das Seilschaft) von einigen alteingesessenen Geschäftsinhabern die anständige Renovierung von Schongaus „guter Stube“. Mit einem Dauer-Gejammer wegen befürchteter Umsatzeinbußen, falls die Kunden nicht mehr direkt vor ihren Läden parken könnten.

Dabei hätten die meisten Schongauer gar nichts gegen eine Fußgängerzone und ein wenig mehr Tourismus. Die Lage im Voralpenland, der Lech mit dem Schongauer See, die Sehenswürdigkeiten des Pfaffenwinkel, die historische Altstadt mit gut erhaltener Stadtmauer, die vielen Sport- und Freizeitmöglichkeiten: All das bietet beste Voraussetzungen für eine sanfte touristische Entwicklung. Und ein paar Ansätze in diese Richtung gabs ja schon, etwa in den 1990ern jeden Sommer einen Mittelalter-Markt in der Altstadt, dessen Highlight das auf historischen Tatsachen basierende und professionell inszenierte Schauspiel „Die Hexe von Schongau“ von Herbert Rosendorfer war – allein, die überregionale Vermarktung des Stückes klappte nicht wie erhofft und die Unterstützung durch die Stadt war, wieder einmal, zu gering fürs Überleben. So gibts den Markt zwar heute noch unter dem Etikett „Schongauer Sommer“, doch ohne das Alleinstellungsmerkmal der „Hexe“ ist der halt nur ein beliebiger unter Dutzenden anderer solcher Märkte in der Region.

Doch auch Zeller als erstem ‘Intellektuellen’ im Bürgermeisteramt war es in seinen 12 Schongauer Amtsjahren nicht gelungen, gemeinsam mit dem Stadtrat ein Stadtentwicklungskonzept zu erarbeiten, in dem ökonomische und ökologische, soziale und kulturelle Belange miteinander vernetzt und auf eine zukunftsfähige Agenda gebracht werden konnten. Wenn man jenerzeit eine Stadtratssitzung besuchte, konnte man eher den Eindruck gewinnen, dass logisches und vorausschauendes Argumentieren in den Diskussionen kaum auf fruchtbaren Boden fiel, Partikularinteressen und Parteiendünkel verhinderten die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven und die Probleme dümpelten in einer Art von politischem Waffenstillstand vor sich hin.

Das sollte bald auch Karl-Heinz Gerbl zu spüren bekommen, der 2008 von Hohenfurch die paar Kilometer den Lech herauf nach Schongau gerudert kam und als erneut klarer SPD-Wahlsieger Zellers Chefposten erbte. Der hatte sich bei jener Wahl nach Weilheim aufgemacht, um dort Luitpold Brauns Landratsposten zu erobern, den er aber 2014 schon wieder für die CSU-Kandidatin Andrea Jochner-Weiß räumen musste.  Zumindest darf  Zeller nun als Schongauer Stadtrat noch seinen Nach-Nachfolger Sluyterman beraten, während Braun seine politische Karriere schon mit der Niederlage in 2008 an den Nagel gehängt hatte. Die 18 Jahre von 1996-2014 mussten sich die Schongauer SPD-Bürgermeister Zeller und Gerbl, die das mit den Bürgerversammlungen übrigens auch nicht so recht ernst nahmen, noch an einer rechtskonservativen CSU/UWV-Mehrheit im Stadtrat abarbeiten, was sich erst mit der 2014er Wahl ändern sollte.
Immerhin kam während der ‘roten Ära’ neuer Schwung in die alternative Kulturszene: im ehemaligen Butterwerk, am alten Stausee und im Eisstadion wurden die Festivals „Rock am Lech“ im Geist der 70er und 80er wiederbelebt; bis zu seinem Abriss wurde das altstadtnahe Butterwerksgelände auch für mehrere Kunstaktionen genutzt, etwa die große Lomographie-Ausstellung „Schongau in 24 Stunden“, dann kam dort ein Supermarkt hin. Es entstanden Initiativen wie „Kultur pur“ und „lechwärts“, die bis heute mit Ausstellungen, Kabarettabenden, Lesungen, Rock- und Jazzkonzerten oder auch einer mehrjährigen Poetry-Slam-Reihe ein gut diversifiziertes Kulturangebot auf die Beine stellten. In der Altstadt etablierte sich ein alljährlicher „Kunst- & Kuriositätenmarkt“ und eine Zeitlang gönnte sich Schongau für sein schönes Stadtmuseum sogar einen professionellen Kunsthistoriker als Leiter: Richard Ide kuratierte dort pfiffige Sonderausstellungen und erreichte durch mehrere Museumsnächte mit Live-Jazz auch ein jüngeres Publikum. Allerdings wurde sein Vertrag nach einigen Jahren von der Stadt nicht verlängert und das Museum fiel zurück in Vereinsmeierei und einen betulichen Konservatoren-Modus.

The revolution was televised

Der Angriff auf die politische Behäbigkeit in Schongau begann ein Jahr vor der Kommunalwahl, als der Fussballer Tobias Kalbitzer mit ein paar Freunden die „Unabhängige Wählergruppe Karl-Heinz Rumgedisse“ ins Rennen schickte.  Zunächst mal nur als Gaudium im Schongauer Fasching, wo er als „Bürgermeister“ in Sacko und Unterhose auftrat, symbolisch für seine Forderung nach der Abschaffung gesellschaftlicher Zwänge (ironische Polit-Spielchen haben ja, wir erinnern uns, in Schongau eine gewisse Tradition).

Wahlplakat von Tobias Kalbitzer

Wahlplakat von Tobias Kalbitzer

Das fanden einige Leute so gut, dass sie ihn zu einer ernsthaften Kandidatur überredeten. Die Formalitäten dafür waren schnell erledigt und dann gings auch schon ab in den „sozialen Medien“: Auf YouTube und Facebook scharte der „Rumgedisse“ eine ständig wachsende Fangemeinde um sich, und nachdem er mit der ins Netz gestellten Facebook-Blödelei des „Bier-Exens“ (mit öffentlicher Herausforderung seiner Wahlkampf-Konkurrenten, die allerdings höflich ablehnten) zu seiner ‘verdächtigen’ optischen Erscheinung auch noch einen scheinbar skandalösen Auftritt hingelegt hatte, wurde Kalbitzer durchs bundesrepublikanische Medien-Dorf getrieben. Sämtliche überregionale Zeitungen, sogar der „Spiegel“, und eine Reihe TV-Anstalten hatten den 27-jährigen Heilerziehungspfleger (der sich auch beruflich für die Genesung von Suchtkranken engagiert) nun auf dem Schirm. Fehler und Simplifizierungen in den zusammengeschnipselten Hintergrund-Berichten waren dabei an der Tagesordnung, auch wegen der Unsitte des Voneinander-Abschreibens.  Die Stichwahl zwischen Kalbitzer und Sluyterman (auch wieder ein „Neubürger“, die Schongauer SPD scheint ihrem vorhandenen Personal wenig zuzutrauen; Gerbl trat aus Gesundheitsgründen nicht mehr an) wurde zum Show-Down „Brandstifter gegen Biedermann“ stilisiert – dabei hatte die eigentliche ‘Revolution’ mit der Abwahl der jahrezehntelangen CSU/UWV-Mehrheit da schon stattgefunden. In Schongau selbst wurde der Medienhype von den meisten Bürgern eher gelassen zur Kenntnis genommen, auch wenn manche mit Schnappatmung reagierten: die Rumgedisse-Fans vor Begeisterung, die um den ‘guten Schongauer Ruf’ besorgten Traditionalisten vor Entsetzen, Schongau könnte zur Lachnummer werden.

Seinen rasanten Aufstieg verdankt Kalbitzer auch der Überlegenheit seines Teams auf der viralen Tastatur: Das Rumgedisse-Wahlwerbevideo war um Klassen besser als die Heim- & Hobby-Filmchen seiner Mitbewerber, auf Facebook wurde mehrmals täglich aktualisiert und fleißig diskutiert, die Verlinkungen durch andere Medien brachten regelrechte Besucherströme. Dazu kam noch ein anderer ‘Möglichmacher’, denn es hatte sich auch bis nach Schongau herumgesprochen, dass in der isländischen Hauptstadt Reykjavík 2010 der Komiker Jón Gnarr zum Bürgermeister gewählt wurde. Der machte dort nach der großen Krise offenbar einen recht guten Job – warum sollte nicht auch in einer bairischen Kleinstadt eine „Witzfigur“ für eine Verbesserung des Gemeinwohls sorgen können?

Nein, die Schongauer sind nicht verrückt geworden. Und auch wenn wir die Hermeneutik des Verdachts walten lassen, dass ein Teil der ‘Revoluzzer-Wähler’ nur Mitläufer bei einer Art von kollektivem Fun-Sport waren, erklärt das noch nicht die Dimension der Gesamtverschiebung.  Aus dem Überdruss an den eingefahrenen lokalpolitischen Verhältnissen und dem in 40 Jahren langsam herangewachsenen Myzel eines Anders-denken-ist-möglich emergierte bei wenigstens einem Viertel der Schongauer diese Veränderungsbereitschaft, die zu einer Neuordnung der politischen Kräfteverhältnisse im Stadtrat führte. Die ALS konnte im Fahrwasser von Kalbitzers Popularität (der auf deren Liste auch für den Stadtrat kandidierte und die höchste jemals erzielte Einzelstimmenanzahl eingefahren hatte) satt von zwei auf fünf Sitze zulegen und zusammen mit der siebenköpfigen SPD-Fraktion sowie seiner eigenen Stimme kann sich der neue Bürgermeister nun auf eine links-alternative Mehrheit stützen. Und deren Capo hätte statt Sluyterman eben auch Kalbitzer heißen könne, nur 32 Stimmen fehlten dem „Exoten“ zum Sieg.
Wo die hängengeblieben sind, wird sich wohl nie herausanalysieren lassen, gut 40% der Wahlberechtigten beteiligten sich nicht an der Stichwahl, CSU und UWV hatten auf eine Wahlempfehlung verzichtet. Aber vielleicht spielte ja, wir erinnern uns, die Schongauer Angst vor den „Wildbieslern“ eine gewisse Rolle: Denn vor einigen Jahren wurde im Städtchen eine „Sicherheitswacht“ aus einer kleinen Truppe ordnungsliebender Bürger aufgestellt, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, auf nächtlichen Kontrollgängen die Personalien der in der Altstadt an Fassaden und in dunkle Ecken urinierenden Kneipengänger aufzunehmen und zur Anzeige zu bringen. Das finden manche Schongauer gut, andere eher lächerlich, und Kalbitzer setzte sich im Wahlkampf für eine Abschaffung dieser ‘Saubermänner’ ein. Man kann aber letztlich nicht sagen, ob ihn das Stimmen gekostet oder ihm gebracht hat, denn die Anzahl der Wildbiesler in der Schongauer Bevölkerung ließ sich bis heute nicht exakt feststellen.

Die gute alte „Veränderung“ war Kalbitzers Wahlkampf-Mantra, am Ende auch für seine eigene Performance, als er sich für die eigens angefertigten Stichwahl-Plakate doch noch chic in Schale schmiss. Und nachdem er den Rummel um seine Person offenbar unbeschadet überstanden hat, kann er sich nun als Stadtrat weiter für seine politischen Vorstellungen wie mehr Bürgernähe, einen offeneren Politikstil und ein parteiübergreifendes miteinander Reden & Gestalten einsetzen – Sluyterman scheint einer Kooperation in diesen Dingen nicht abgeneigt.

Wir werden sehen, was da geht, nichts ist bekanntlich so schwerfällig wie die Macht der Gewohnheiten. Und damit weiter an denen gerüttelt wird, wollen wir nicht nur dem Schongauer Tobias Kalbitzer, sondern auch allen anderen Polit-Revoluzzern in bairischen Kommunen die Ermutigung des Abenteurers Bertrand Piccard an den Stadtratssitz tackern: „Machen Sie weiter! Jede Vision kämpft am Anfang gegen den Zweifel des Establishments.“

Werner Friebel (ein Schongauer Bürger)

Druckversion (PDF, 7 Seiten)


Nachtrag: Bei der konstituierenden Sitzung des neuen Schongauer Stadtrats am 6. Mai wurde Tobias Kalbitzer mit 15:9 Stimmen gegen eine CSU-Kandidatin zum 2. Bürgermeister gewählt; er erhielt somit +3 Stimmen aus dem ‘rechten’ Lager.

Comic-Ausstellung mit Schwerpunkt Wilhelm Busch

Was wäre der gute Schopenhauer ohne seinen Pudel gewesen? Ein Philosoph, der noch nicht auf den Hund gekommen ist, könnte man jetzt kalauern; aber tatsächlich waren in diesem Fall Mann & Hund in der öffentlichen Wahrnehmung untrennbar miteinander verbunden, denn das bekannteste Bildnis des Anti-Hegelianers war seinerzeit eine Zeichnung dieses Pärchens beim alltäglichen Spaziergang in einem Frankfurter Park von Wilhelm Busch, die wohl vielen von uns in Kindertagen einen ersten ikonographischen Eindruck vom flaneurhaften Tagesablauf eines Philosophen verschaffte und so das Charakteristische und Begehrenswerte dieser Profession in unserer Vorstellung verankert hat.

schopenhauer_by_busch

Busch-Zeichnung vom philosophischen Flaneur Arthur Schopenhauer mit Pudel “Atman”

Gern hätte ich schon damals mehr über das dubiose Duo erfahren, etwa, was der verschämt hinter dem Rücken gehaltene Hut bedeute. Mussten Philosophen heimlich betteln? Kamen die Oberglatze nebst seitlich abstehendem Haarkranz vom vielen Denken? War des Pudels nach rechts abgespreizter Bommelschwanz  eine Art Warnung für die Hinterherlaufenden, vergleichbar mit dem heutigen Stinkefinger? Aber auf meine Nachfragen bekam ich von meinem Vater nur zu hören: “Jaja, der Schopenhauer, das war einer! War sein Tier ungezogen, so schimpfte er es Mensch, wollte er den Pudel aber loben, so nannte er ihn Atman“. Erst viel später – Stammleser dieses Blogs wissen es ja – fand ich heraus, wie Schopenhauer auf den Namen “Atman” gekommen war.
Einen größeren konkreten Nutzen aus der regelmäßigen Busch-Lektüre zog ich damals freilich aus den herrlich bösen Bildergeschichten, die nun den Schwerpunkt einer Comic-Ausstellung in Hannover bilden; davon wird gleich noch die Rede sein.
Jedenfalls lernte ich von Busch, dass bigotte Seelen wie die der Frommen Helene letztlich vom Teufel geholt werden und dass die belehrende Selbstgefälligkeit eines Lehrer Lämpel die Quintessenz des Pädagogendaseins darstellt. Und natürlich eigneten sich Max und Moritz prima als Projektionsgestalten bei allfälliger Schul-Unlust und gelegentlichen Anflügen kindlicher Grausamkeits-Phantasien (die ja manche zeitlebens nicht loswerden).

Dass in all diesen Werken auch ein guter Schlag von Schopenhauers Philosophie steckt, erschloss sich mir erst später, nachdem der Busch als Vorlesestoff von meinem Nachtkästchen auf das meines Sohnes gewandert war und ich zwischenzeitlich meine Erste Schopenhauerianische Phase durchgestanden hatte.
Schopenhauer meinte ja, dass es nur drei Dinge gebe, die das ernsthafte Nachdenken lohnen, nämlich die Musik, das Weinen und das Lachen. Genau davon handeln die Bildergeschichten von Wilhelm Busch, und das ist auch kein Zufall, denn der reimende Zeichner bekannte, dass er sich “mit Leidenschaft und Ausdauer in den Schopenhauer” vertieft hätte und er verglich Schopenhauers Philosophie mit einem Schlüssel, der ihm “wohl zu mancherlei Türen zu passen schien in dem verwunschenen Schloß dieser Welt, nur nicht zur Ausgangstür”. Und so machte sich Busch zwar die Ansicht Schopenhauers von der unheilbringenden Gewalt des Lebenswillens, der das ganze  Dasein kennzeichnet, zu eigen, nicht jedoch die andere Seite von Schopenhauers Lehre, nämlich deren Mitleidsethik, dieses Mitempfinden durch die Erkenntnis des Eigenen im Anderen.

Ludger Lütkehaus hat das in einem hübschen Essay zu dieser Schopenhauer-Zeichnung von Busch mal so auf den Punkt gebracht: “Busch radikalisiert die Welt- und Menschendeutung Schopenhauers. Er versperrt die Ausgänge. Er verweigert die bei Schopenhauer noch verbleibenden mildernden Umstände. Und trotzdem wird in Buschs Welt weit mehr als in der Schopenhauers gelacht. Wie das möglich ist? Nun, weil die Schadenfreude selbst unter Philosophen die größte Freude ist. “Das Lachen”, heißt es in Eduards Traum, “ist die aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer überwiegenden Konkurrenzfähigkeit”. Lachen ist Lachen-Über, Verlachen. Humor ist, wenn man nicht trotzdem, sondern deswegen lacht.”

Buschs Werk leistete zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des modernen Comics, wenngleich dessen Geschichte natürlich viel weiter zurückreicht (betextete Bilder auf antiken Amphoren, Teppich von Bajeux etc.), so dass er als „Großvater der Comics“ bei umfassenden Ausstellungen und Publikationen zum Thema entsprechende Würdigung erhält. Allerdings ist es noch nicht so lange her, da standen Comic- & Cartoon-Ausstellungen im Ruf des Trivial-Schmuddeligen,  galten manchen als jugendverderbender Schund, vor dem zumindest in jedem anständigen deutschen Lehrerhaushalt gewarnt wurde. Hatte sich denn nicht Homer Simpson himself über seine eigene Spezies mal so abfällig geäußert: “Cartoons haben keine tiefere Bedeutung. Es sind nur doofe Zeichnungen, die auf billige Lacher aus sind”. Das hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise gründlich geändert, der Comic ist im Wortsinne “salonfähig” geworden (nach der guten Basisarbeit im Erlanger Salon) und mittlerweile haben ‘Kulturmetropolen’ wie München, Hamburg, Essen, Aachen, Luzern, Brüssel und andere ihre Comic-Ausstellungen gar zu “Festivals” hochgetunt. Natürlich abgesegnet von den Edel-Feuilletons unserer Kulturgerichtsbarkeit wie etwa der Süddeutschen oder der ZEIT.

Nun versucht Hannover das alles zu toppen und zeigt im dortigen “Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst” die Ausstellung “Streich auf Streich – 150 Jahre Max und Moritz. Deutschsprachige Comics von Wilhelm Busch bis heute”, die aufgrund des großen Besucherinteresses bis 4. Mai 2014 verlängert wurde. Da gibts eingangs die komplette Handschrift aller Max-und-Moritz-Streiche und weiterer Bildergeschichten von Wilhelm Busch im Original zu sehen, und dann gehts in 15 Abteilungen auf die Reise durch die deutsche Comic-Geschichte – mit über 350 Originalzeichnungen sowie zahlreichen historischen Erstdrucken aus dem gesamten deutschsprachigen Raum von Busch bis in die Gegenwart.

Und übrigens: Warum ich kein Klavierspieler werden wollte…

Busch Werke v1 p 404

Der Virtuose

 … sondern mich mit der weniger ‘salonfähigen’ Gitarre begnügte, könnte auch einen Grund in der abschreckenden Wirkung von Der Virtuos gehabt haben, die als eine von Buschs genialsten und revolutionärsten Bildergeschichten gilt. 1865 erschienen, zeigt die Geschichte einen Pianisten, der zu Neujahr einem begeisterten Zuhörer ein Privatkonzert gibt.
Dazu meint die Bildinterpretation aus der Wikipedia: “Diese Satire auf selbstdarstellerische Künstlerattitüde und deren übertriebene Verehrung weicht vom Schema Buschs übriger Bildergeschichten ab, weil die einzelnen Szenen nicht mit gebundenen Texten kommentiert sind, sondern lediglich Termini aus der musikalischen Fachsprache wie Introduzione, Maestoso oder Fortissimo vivacissimo verwendet werden. Die Szenen steigern sich im Tempo, wobei jeder Körperteil und jeder Kleidungszipfel in diese Steigerung mit einbezogen sind. Schließlich werden die vorletzten Szenen zu einer Simultanschau mehrerer Bewegungsphasen des Pianisten und die Noten lösen sich in über dem Flügel tanzenden Notenzeichen auf. Bildende Künstler haben sich bis weit ins 20. Jahrhundert von dieser Bildergeschichte inspirieren lassen. August Macke hielt in einem Brief an seinen Galeristen Herwarth Walden sogar fest, dass er die Bezeichnung Futurismus für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Italien entstandene avantgardistische Kunstbewegung für verfehlt halte, da bereits Wilhelm Busch ein Futurist gewesen sei, der Zeit und Bewegung ins Bild gebannt habe.”

Aber meine Lieblingsgeschichte war und ist doch noch immer die Fromme Helene, nach deren tragikomischem Ende der Spießer Nolte uns einen twitterkompatiblen Satz für unser aller Alltagsmoral vermacht hat:

„Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!“

 wf

Paco de Lucía hauchte dem Jazz den Flamenco ein

Die Scheibe Friday Night in San Francisco war schon vor gut einem viertel Jahrhundert ein must have für alle ambitionierten Gitarristen und ist mit weltweit über zwei Millionen Exemplaren bis heute die meistverkaufte Acoustik-Jazzplatte. Die Faszination dieser Live-Aufnahme beruht nicht nur auf der stupenden instrumentalen Spielkunst, sondern entsteht vor allem durch die stilistische Verschmelzung von Folk, Jazz, Blues, Latin, Klassik und eben Pacos Flamenco, der mit seiner auf der phrygischen Scale basierenden Harmonik, tanzbaren Rhythmen und den filigranen und oft percussiven Spieltechniken der Flamenco-Gitarre einen Hauch andalusisches Gitano-Feeling in den World Jazz brachte. Klar, dass diese drei Guitar-Heroes Al Di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucía auch auf meiner musikalischen Wegstrecke zu den herausragenden Orientierungspunkten zählten, und ich war als Youngster ganz hin & weg, als ich sie im Sommer 83 im nahegelegenen Augsburg auf einem Open Air live erleben konnte.

 

Paco de Lucia

Paco de Lucia

Gestern starb Paco de Lucía mit gerade einmal 66 Jahren während eines Familienurlaubs in Mexico an einem Herzinfarkt.

Den internationalen Durchbruch hatte der Sprößling aus einer andalusischen Musikerfamilie (der Papa war auch sein Gitarrenlehrer) schon im Jahre 1973 mit dem Rumba-Hit Entre dos Aguas geschafft und bald wurde er durch seine Genre-übergreifende Experimentierfreude und perfekte Gitarrentechnik zum musikalischen Guru einer weltweiten Fangemeinde. Nicht nur die Flamenceros, auch die Klassikgemeinde begeisterte er mit seinen Neuinterpretationen von Gitarren-Meisterwerken, etwa von Manuel de Falla, den Kunstliedern García Lorcas oder dem Concierto de Aranjuez. Dazu kamen unzählige Eigenkompositionen und Filmmusiken, am bekanntesten wohl die für den Flamenco-Opernfilm “Carmen” von Carlos Saura, in dem er neben Laura del Sol auch die Hauptrolle spielte, und zwar sich selbst als “Paco, der Gitarrenheld”. 2004 wurde er mit dem renommierten Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet.

 

Für uns Gitarrenlehrlinge war in den alten Zeiten, bevor man auf YouTube spicken konnte, das Rausfummeln derartiger Musike nicht so einfach wie heute; oft saßen wir zu zweit abendelang am Platten- oder später dann CD-Player, takteweise und immer wieder von Anfang die chords & lines heraushörend, bis aus einem anfänglichen Gestopsel was einigermaßen Anhörbares destilliert war. So wie bei dem folgendem, vom “Friday Night”- Album wohl bekanntesten Stück “Mediterranean Sundance”, das sich, wenn mans mal “gefressen” hat, ganz prima als Endlosnummer für das Session-Gedudel einer beliebigen Anzahl qualifizierter Gitarristen eignet, z.B. an einem (ach ja, der Frühling ruft) gemütlichen Schwedenfeuer

Also: gut zuhören und hingucken, Finger locker machen und ran an die Flamenco-Changes, Pacos Musik will gelebt sein!

wf

Vom Schreiben-Lernen und von Literaturinstituten

Nehmen wir einmal an, Sie wollen Herrgottschnitzer werden. Dann empfiehlt es sich, eine der bairischen Holzbildhauerschulen, beispielsweise gleich bei uns ums Eck in Oberammergau, zu besuchen und das gediegene Handwerk der Schnitzerei so weit zu erlernen, dass Sie sich mit ihren Arbeiten in der Öffentlichkeit sehen lassen können. Und nehmen wir jetzt einmal an, Sie wollen Verfasser von Geschichten oder Gedichten werden, die in der Öffentlichkeit mit beifälligem Kopfnicken goutiert werden. Dann können Sie sich die handwerklichen Aspekte der Schreiberei in einer Schreibschule oder in einem unserer Literaturinstitute, etwa in Hildesheim oder Leipzig, vielleicht so weit aneignen, dass gelegentlich was davon gedruckt wird. In beiden Fällen sollte zumindest soviel handwerkliches Geschick bei rauskommen, wie man’s von einem gelernten Kunsthandwerker erwarten darf. So eine Ausbildungsstätte kann also durchaus hilfreich sein, denn meistens mangelt es dem Schnitzer ja nicht an Holz (auch wenns nur Weichholz ist) und dem Schreiber nicht an Stoff (auch wenns bei manchem nur Gesabber ist), doch Form & Stil bedürfen erstmal einer Führung durch den Meister (auch wenns manchmal nur ein selbsternannter ist). Und in beiden Fällen scheint eine Berufung auf eine höhere Instanz die intrinsische Wahlmotivation zu beflügeln; beim Herrgottschnitzer dürfte die klar sein, der Schreiberling dagegen findet im Wort Hölderlins “was bleibet, aber stiften die Dichter” sein Unsterblichkeitsmantra – um auf den Schwingen des Pegasus in den ewigen Dichterhimmel zu reiten, nehmen viele gern allerlei Mühen und Kosten in Kauf, wenn sie sich’s leisten können.

Keilschrift-Tafel des Gilgamesch-Epos

Keilschrift-Tafel des Gilgamesch-Epos

Nun sind Schreibschulen ja nix Neues, schon die Keilschriftler haben neben ihrer Meißeltechnik auch ihr erzählerisches Know-How weitergegeben (was in der Folge zur Entstehung einer Reihe literarischer Werke, bekannt als Gilgamesch-Epos, führte); das hochentwickelte Story Telling der Alten Ägypter in den Hieroglyphen („Schrift der Gottesworte“) wäre ohne formale und stilistische Traditionen ebenso undenkbar wie der festgelegte Ablauf des antiken griechischen Theaters. Schon immer hatten Schreibnovizen also Einiges zu lernen, wobei die Anforderungen an Menge und Diversifizierung von Textproduktionen über die Jahrtausende immens stiegen. Um deren Bewältigung zu erleichtern, begann man gegen Ende  des 19. Jahrhunderts an amerikanischen Universitäten Seminare anzubieten, in denen Studenten praktische Schreiberfahrungen sammeln sollten. Schon damals (!) erschienen begleitend dazu erste Handbücher unter dem Begriff “Creative Writing”, was in Europa allerdings lang kaum wahrgenommen oder höchstens belächelt wurde. Ist denn der Begriff nicht nur eine Tautologie, als könne es auch ein Schreiben ohne oder vor der Kreativität geben? Schreiben, also das Klären, Ordnen und Komprimieren von Gedanken & Reflexionen, sei doch immer ein kreativer Akt, wenn auch von unterschiedlicher Intensität. Doch mittlerweile scheint man auch bei uns dem ‘creative’ als Vor-Satz zu allem Möglichen nicht mehr abgeneigt zu sein, nicht nur beim Schreiben als Abgrenzung zum copy&paste, sondern als Selbstverwirklichungs-Etikett für jede Art von individueller Tätigkeit, von der Google-Suche bis zum Rasenmähen.

Allerdings verstehen die in den letzten Jahren auch bei uns entstandenen Schreibinstitute ihre Angebote zum “kreativen Schreiben” in einem weiteren Sinn: als Vermittlung ‘höherer’ Fertigkeiten, zu denen neben dem Spiel mit der Sprache auch Methoden der Ideenfindung, Therapie und autobiografische Selbstreflexion sowie eine umfangreiche Pragmatik des Schreibens in Literatur, Theater, Film und Wissenschaft gehören. Und nicht zuletzt eine (in den USA schon lange vollzogene) Überwindung der Grenzen zwischen ‚hoher‘ und ‚niedriger‘ Kunst, den Einstieg in ein literarisches Beziehungsnetzwerk und – im Preis inclusive – zumindest eine Handvoll Kritiker & Claqueure.

Wie es nun im Dunstkreis so eines Instituts zugeht, davon kann natürlich ein Insider am besten berichten. Das hat kürzlich der Jung-Autor und Journalist Florian Kessler, selbst Absolvent der Hildesheimer Einrichtung, getan, indem er in einer Glosse der ZEIT unter dem Titel “Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!” das dortige “Milieu” der Nachwuchsliteraten aus gehobener Mittelschicht als saturiertes, family-gesponsortes Brav-Schreibertum karikierte. Wer aber nun denkt, eine Investigation in diesen Untiefen des deutschen LitBizz müsse sich in einer saftigen Bernhardeske entladen, kommt nicht ganz auf seine Kosten, denn Kessler bleibt beim feuilletonistisch korrekten Augenzwinkern, recht nett & lustig zu lesen. Man hätte diese Anekdote  zu den kleinen Aufmüpfigkeiten am Rande des business-as-usual legen können, doch Kesslers Stichelei hatte den Nerv anscheinend doch tiefer getroffen. So nahms der taz-Autor Enno Stahl in seinem Beitrag “Wer schreibt, der bleibt” zum Anlass für die mit schöner Regelmäßigkeit gestellte Diagnose: “Die Funktions- und Entscheidungsträger des literarischen Feldes, Autoren, Lektoren, Feuilletonisten, Angehörige von Preisjurys, Leiter von Literaturhäusern, sie bewegen sich alle in ein und demselben hermetisch abgeschlossenen gesellschaftlichen Teilsystem. Über Habitus, familiäre Kontakte und eigenes Netzwerken ist es ihnen gelungen, direkt nach dem Studium, ohne nennenswerte Lebenserfahrungen außerhalb ihres eigenen Sozialverbunds, ihr Pöstchen im Betrieb zu ergattern.” Ach geh, wer hätte das gedacht…

Ja, und dann gabs ne zünftige Repliken-Runde in der Süddeutschen, im Freitag, wieder in der ZEIT, in diversen Lit-Blogs, sogar Die Welt und die HUFFINGTON POST plapperten mit, bevor Florian Kessler, diesmal in der Süddeutschen, resumierte: “‘Brav’ nannte ich in meiner Polemik die jüngeren deutschsprachigen Autoren. Jetzt weite ich das aus. ‘Brav’ erscheint mir ein Betrieb, der seine Debatten betriebsscheu führt.” Na ja, so ‘brav’ war zumindest die Debatte nicht, Herr Kessler, und so Manches musste auch wieder mal gesagt werden, ob’s nutze oder nicht. Schließlich hängt es nicht allein von den Kreativen des Literaturbetriebs ab, welche Literatur sich an die Frau bringen lässt; so wenig wie der Herrgottschnitzer seine paar Motive variieren kann, ohne die Gläubigen zu verschrecken, so wenig Originalität und Qualitätsanspruch kann Autor sich erlauben, ohne die Leser intellektuell zu brüskieren. Hauptsach’, das Handwerk stimmt im Laden, wo an der Kundenfront das gefällige Mittelmaß angepriesen wird. Hauptsach’, es bleibt im Rahmen der Nacherzählbarkeit, wenn die immergleichen Damen & Herren in TV-Literaturkränzchen und auf blauen Sofas ihre mittelmäßige Lesekompetenz zu Markte sprich Einschaltquote tragen. Auch Literaturinstitute dürfen also an die Leser denken.
Wer sich allerdings zur Ausbildung und zum Aufbau eines Beziehungsnetzwerks dort bewirbt und über die dafür nötigen finanziellen und psychischen Ressourcen verfügt, sollte sich, sofern er’s mit dem Schreiben ernst meint, dieses aus Ludwig Hohls Notizen klar machen: “Das gut Geschriebene kann man nicht erklären aus dem einfachen Grund, daß es schon ein höherer Grad des Erklärenden ist.

Und daraus mag er folgern, dass es sehr wohl eine hilfreiche Methode gibt, an seinem eigenen Schreib-Denk-Stil zu arbeiten, und zwar in diesen zwei Stufen:

1) viel gut Geschriebenes lesen, lesen, lesen und danach

2) die Beherzigung von Hohls Ratschlag: “Die ganze Kunst des Schreibens besteht darin, dass man kein Wort verwende ohne volle Verantwortung.”

Ob’s dann schon für einen fetten Literaturpreis langt, ist aber nicht garantiert, denn wie ihr in folgendem Beitrag seht, spielen noch einige andere Faktoren eine Rolle:

 wf

Des Neujahrs-Rätsels Lösung

Schon klar, dass der gute Leibniz sich bei der Aufnahmezeremonie in der Londoner „Royal Society“ nicht blamiert und das ihm gestellte Logikrätsel gelöst hatte; wenngleich hier wieder einige amüsante Leser-Feedbacks von “geht gar nicht!”  bis hin zu Skizzen von zehnarmigen Waagen reintrudelten. Und wie schon einmal gabs einen Schwung kurz hintereinander zugesandter, im Wortlaut völlig gleicher Lösungen, die irgendwo rauskopiert zu sein schienen. Tatsächlich zeigte ein Blick in die Server-Linkstatistik, dass an jenen Tagen viele Zugriffe von einer Gewinnspiel-Community erfolgt waren, die auf ihrer Seite das Rätsel samt Lösung präsentiert hatte. Es gibt offenbar nicht Wenige, die den lieben-langen-Tag damit verbringen, in solchen Foren (von denen es anscheindend mehrere gibt) zu stöbern, auf dass mal da eine Bonboniere, dort ein Einkaufsgutschein und hier eine Musik-CD zu ergattern sei – ist ja auch eine Form von ‘Denksport’ ;-)

Sei’s drum, wenn die Lösung stimmt, sind die auch mit im Lostopf, und es könnte ja sein, dass mancher von denen hier auch noch was Anderes liest, sich dabei ans Hirn fasst und … na, lassen wir das.

Verraten wir nun lieber des Rätsels Lösung, wie Leibniz mit nur einer Wiegung unter zehn unterschiedlich großen Münzsäcklein das eine mit dem mindergewichtigen Falschgeld ausfindig machen konnte: Er numerierte die Säckchen und entnahm aus dem ersten 1, aus dem zweiten 2, aus dem dritten 3 Münzen usw. und legte diese insgesamt 55 Münzen auf die Waage. Wären alle echt, so wögen sie zusammen 550 Dram, bei 549 Dram wäre nur eine Münze falsch und somit diejenigen im ersten Sack, bei 548 zwei falsch und also die im zweiten usw. – klaro?

Und wie immer hat auch heute unsere kleine Glücksfee aus der Nachbarschaft schon drauf gelauert, unter den 78 richtigen Antworten die 5 GewinnerInnen aus dem Email-Korb zu fischen, alsda wären: Michael Freyer (Hamburg), Anja Schinz (Köln), Chris-Oliver Schulz (Wien), Guido Severin (Krefeld) und Niko Staiber (Stuttgart). Die CDs werden euch in den nächsten Tagen zugesandt.

Wer sich übrigens selber mal ein kleines, hierher passendes Rätsel mit Philo-Story-Background ausdenken und uns zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ CD-Belohnung und wird natürlich auch als Gastautor ‘verewigt’ ;-)

wf

Das Neujahrs-Rätsel 2014: Leibniz’ Silbermünzen

Gestatten: Leibniz. Gottfried Wilhelm Leibniz, Universalgelehrter. Bin hocherfreut, dass aus meiner Idee eines binären Zahlensystems, die ich bereits 1705 in meiner Explication de l’Arithmétique in Paris vorstellen durfte, diese formidable machine informationelle entstanden ist. Und ebenso ist es mir ein Plaisir, dass die Besten von euch Heutigen sich mit gebührendem Respect an mich erinnern und sogar als den “Urvater des Internet” ansehen. Nun allerdings ist es an Euch, wie Ihr die Macht der Algorithmen zu nutzen wisset, mir stand dabei nur das Förderlichste im Sinne.
So war es auch schon, als ich einige Jahre davor eine mechanische Rechenmaschine mit Staffelwalze für die vier Grundrechenarten entwickelte. Die war zwar ein wenig größer als eure Taschenrechner, aber die Intention dafür, wie ich sie damals in einer meiner zahlreichen Correspondenzen formulierte, ist naturalement selbige: „Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann.“

Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

Seinerzeit  widerfuhr mir auch die große Ehre, zum Mitglied der Londoner „Royal Society“  berufen zu werden, da man sich dort fast ohn Unterlaß der Mathematik und den Naturwissenschaften widmete. Ah, nach London! Das Reisen war mir immer ein Plaisir, konnte ich mich doch dabei in Ruhe meinem philosophischen Hauptwerke, der “Monadologie“, widmen – mit jener meditativen, reflektierenden Weise des Arbeitens, die Euch Modernen angesichts der hohen Reisegeschwindigkeit leider nicht mehr gewärtig ist.
Als ich in London empfangen wurde, führte man mich zunächst in den Großen Salon, wo mich eine kleine Aufnahmezeremonie erwartete. Denn es war dort Brauch, dass jeder Novize der Akademie zum Amusement der honorigen Gesellschaft mit einem mathematisch-logischen Rätsel confrontieret wurde, dessen Schwierigkeitsgrad seiner wissenschaftlichen Reputation angemessen sein sollte, damit er durch eine elegant-geistreiche Lösung seine Aufnahmewürdigkeit noch einmal unter Beweis stellen könne.
Und so wurde mir von dem hochverehrten Präsidenten William Brouncker die folgende Aufgabe erteilet:

“Nun, my dear Leibniz, auch in Her Majesty’s Kingdom ist nicht mehr alles echt Silber, was silbern glänzt; es sind zunehmend Falschmünzen im Umlauf, die nur noch an der Oberfläche versilbert sind und deshalb nicht mehr 10 Dram pro Stück, sondern nur noch 9 Dram wiegen. [1 Dram (dr) = 1,772 g - Anm. der Red.]
Hier habe ich nun 10 unterschiedlich große Geldsäcklein mit lauter gleich aussehenden Münzen, doch in einem davon sind alle Münzen Falschprägungen. Und da steht eine neue Waage, die auf’s Dram genau das Gewicht anzeigt. So please, Mr. Leibniz, finde Er doch mit einer einzigen Wägung heraus, in welchem Säcklein sich die falschen Münzen befinden – und dann gehören die neun guten Silbersäcklein Ihm zur Production seiner Rechenmaschine.”

Mit Verlaub, die Aufgabe fiel mir wahrlich nicht schwer und die Silbermünzen nahm ich gern. Denn nicht nur die Rechenmaschine verlangte Financierung, sondern als zukünftiger Präsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften, die bald nach englischem und französischem Vorbilde in Berlin entstehen sollte, waren mir auch gewisse Pflichten der Repräsentation auferlegt, so dass es demnächst unumgänglich sein würde, beim teuersten Perückenmacher in Paris einen Einkauf zu absolvieren. Doch von Paris et mon cher ami Lois, dem „Sonnenkönig“, sei Ihnen, liebe Freunde der Logik, der Philosophie und der Wissenschaften, ein ander Mal berichtet.

Merci pour votré attention, au revoir!

 Ihr ergebenster

 


Tja, wie hat denn der gute Leibniz die Aufgabe gelöst? Wer zu wissen meint, wie Leibniz mit nur einer Wiegung den Falschgeldsack ausfindig machen konnte, kann uns die Lösung wieder per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder fünf Preise verlost (Musik-CD-Raritäten nach Wahl von Magic Sound & Word á la Modern Jazz, Indie-Rock oder Folk – bitte auf Lösungs-Mail entsprechende Vorliebe angeben, ebenso wie die postalische Adresse für eine mögliche Gewinnzusendung!).
Einsendeschluss ist der 31. Januar 2014.

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>>> Lösung und GewinnerInnen

wf

Kurzfilm-Alternativen zum grottigen TV-Programm

“Was aus dem Fernsehen werden mag, lässt sich nicht prophezeien; was es heute ist, hängt nicht an der Erfindung, nicht einmal an den besonderen Formen ihrer kommerziellen Verwertung, sondern am Ganzen, in welches es eingespannt ist.”

(Theodor W. Adorno, aus “Prolog zum Fernsehen”, 1953)

In der Zeit von Weihnachten und Jahreswechsel ist es immer besonders übel, was uns Beitragszahlern in der Glotze an Kitsch und Abgestandenheit von der ‘Kulturindustrie’ angeboten wird. Um das zu kritisieren, muss man gar nicht mal adornitisch sozialisiert sein, es reicht die Erkenntnis, dass Fernsehen mehr können sollte als die Menschen in ihrer geistigen Passivität zu fixieren und so noch einmal zu dem zu machen, was sie ohnehin sind.
So sah das wohl auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der soeben im Rahmen einer Laudatio auf den ZDF-Fernsehmoderator Claus Kleber vor allem den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisierte. Wenn die Medien immer weniger ihrem eigentlichen Auftrag der seriösen Information nachkämen, stelle sich zunehmend die Frage, inwieweit das System der staatlichen Rundfunkgebühren noch gerechtfertigt sei. Auch dem Herrn Kleber scheint beim eigenen Mit-Tun an der quotenorientierten Einschläferunsmaschinerie offenbar nicht recht wohl zu sein, denn seiner Ansicht nach sollten die Medien nicht nur fragen, was die Leute sehen wollen – es müsse auch darum gehen, “was sie sehen sollten”.
Da schau an, nicht nur die Grünen können mit ethischen Lebensgestaltungsvorschlägen aufwarten…

So berechtigt diese Kritik im Prinzip sein mag (auch wenn ein falsches “früher-war-alles-besser” mitschwingt), sollte man nicht vergessen, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen zumindest ein paar Alternativen zu ihrem eigenen Schund anbieten, in Form der ebenfalls von der Allgemeinheit finanzierten Spartensender wie Phoenix, Arte, 3sat und einigen “Dritten”. Eine totale Bevormundung findet also nicht statt und es läge im Möglichkeitsbereich der TV-Regenten, die ‘abseitigen’ Programme besser zu bewerben und finanziell auszustatten – die Wahl darf schon beim Konsumenten bleiben und dessen Wahlverhalten zu ‘emanzipieren’ ist (wie in vielen anderen Angelegenheiten auch) in erster Linie eine Bildungsfrage.
By the way: Auch die Zuträger des Systems, die Autoren, Regisseure, Schauspieler et al., könnten da ‘Gutes’ tun, indem sie sich nicht länger auf Groschenheft-Niveau mit Fremdschäm-Faktor verwursten lassen. Die Rentenkonten zumindest der Erfolgreicheren sollten doch schon ausreichend gefüllt sein und so könnten sie locker ihren Promi-Status für eine Verbesserung der Verhältnisse, sprich: Protest durch Verweigerung, einsetzen. Schund ohne Stars verliert Quote, die an anderen Stellen vielleicht zulegen kann.

Aber zurück ins hier & heute, und zu einem der oben angesprochenen ‘Minderheiten-Programme’: Als euer Lieblings-Trommler für das Gute, Schöne & Wahre möchte ich Euch wieder mal auf die Arte-Reihe “KurzSchluss” aufmerksam machen, in der allwöchentlich die feinsten Non-Commercials aus aller Welt laufen, hintersinnige filmische Parabeln ebenso wie Groteskes, Verstörendes oder einfach mal stille Poesie – da kann man kitschgefahrlos einschalten und sich überraschen lassen…

Neu in der dortigen Sammlung ist etwa der Clip “Die Leute, die nie anhalten” des 1985 in Paris geborenen und nun in Tokyo lebenden Regisseurs Florian Piento, in dem er den gleichgültigen und ferngesteuerten ‘Massenmenschen’ in einer poetischen Animation am Ende mit einer Überraschung (oder gar einer Katastrophe?) aus dem gewohnten Alltagstrott bringt:

 

 

Und für unsere Kleinen ist da auch manch Bestaunenswertes dabei, wie etwa diese tierische Antwort auf die interessante Frage, was denn nachts im Schwimmbad so abgehe, wenn wir Menschlein schlafen:

 

Kurzfilme online sehen via Arte/Kurzschluss

wf

Wittgenstein in der Schule – und ein Ausweg aus dem Fliegenglas

Niemand hat von der neuen Pisa-Studie erwartet, dass dabei die Fähigkeiten der Schüler hinsichtlich ihrer Entwicklung zu einer reflektierten Anschauung der ‘Welt’ oder gar einer Art von ‘Lebenskunst’ geprüft würde; die Studie geriert sich in medialem Hype als Wettbewerbs-Ergebnisliste eines globalen Ökonomisierungsprinzips, fernab des humanistischen Bildungsideals von Lernen & Studieren als Grundlage zur Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit und als geistiger Basis einer autonomen Lebensführung. Längst hat sich der gesellschaftliche Kult um die Schulpolitik zu einem modernen Aberglauben entwickelt, in dessen Zentrum der Hochaltar des neoliberalen Utilitarismus seine Lakaien zu den Götzendiensten der Wissenserwerbseffizienz um sich versammelt. Somit auch ein klarer Fall für Papst Franziskus (“Diese Wirtschaft tötet”).

Doch auch ohne den jesuitischen Befreiungstheologen im Vatikan findet sich in diesem Narrativ einer Bildungs-Dystopie eine Anmutung von Widerstand durch etliche Rebellen gegen die strukturelle Effizienzpädagogik: es ist das Häuflein der engagierten Lehrer (von denen gleich nochmal die Rede sein wird), die über die fachliche Wissensvermittlung und ihren Gelderwerb hinaus ein pädagogisches Anliegen haben, die sich als Aufklärer und als Therapeuten in Sinnfragen verstehen und das natürliche Bedürfnis junger Menschen zu kritischem Hinterfragen fördern statt abzuwürgen; und sie sind damit (was Schule noch viel mehr bräuchte) schon ganz taugliche Philosophen.

Indes, nicht jeder Philosoph taugt auch zu einem guten Lehrer, die pädagogische Basisarbeit in einem oft geistig restringierten oder gar feindlich gesinnten Milieu hält nicht jeder lang durch, auch wenn die Motivation anfangs vielleicht hoch gewesen sein mag.
So erging es Ludwig Wittgenstein, der im September 1920 im österreichischen 800-Seelen-Kaff Trattenbach seine erste Stelle als Volksschullehrer antrat. In freudiger Anfängerlaune schrieb er noch am 11. Oktober 1920 seinem Freund Engelmann: „Ich bin jetzt endlich Volksschullehrer und zwar in einem sehr schönen und kleinen Nest, es heißt Trattenbach (bei Kirchberg am Wechsel, N.Ö.). Die Arbeit in der Schule macht mir Freude und ich brauche sie notwendig; sonst sind bei mir gleich alle Teufel los.“ Aber grad mal ein Jahr später, während dessen Wittgenstein weder mit seinen Schülern, seinen Lehrerkollegen, noch mit den Dorfbewohnern zurechtkam, drehte sich sein Urteil ins Gegenteil. Am 23. Oktober 1921 schrieb er an Bertrand Russell: „Bei mir hat sich nichts verändert. Ich bin noch immer in Trattenbach und bin nach wie vor von Gehässigkeit und Gemeinheit umgeben. Es ist wahr, dass die Menschen im Durchschnitt nirgends sehr viel wert sind. Aber hier sind sie viel mehr als anderswo nichtsnutzig und unverantwortlich. Ich werde vielleicht noch dieses Jahr in Trattenbach bleiben, aber länger wohl nicht, da ich mich hier auch mit den übrigen Lehrern nicht gut vertrage.“

Ludwig Wittgenstein

Ludwig Wittgenstein

Nach Russells Antwort, die Menschen seien doch überall gleich schlecht, schrieb ihm Wittgenstein resigniert: „Du hast recht: nicht die Trattenbacher allein sind schlechter, als alle übrigen Menschen; wohl aber ist Trattenbach ein besonders minderwertiger Ort in Österreich und die Österreicher sind – seit dem Krieg – bodenlos tief gesunken, dass es zu traurig ist, davon zu reden! So ist es.“
Dummerweise hatte sich Wittgenstein auf ein ihm unbekanntes Terrain gewagt, da er die Volksschule aus eigenem Erleben gar nicht kannte; er selbst war ja bis zu seinem 14. Lebensjahr von privaten Hauslehrern unterrichtet worden. Dazu kam, dass er in seiner zweijährigen Lehrtätigkeit in Trattenbach keine anständige Wohnung bezog, sondern viermal von einem miserablen Kämmerlein in ein anderes umzog, wobei er einen Großteil seiner Freizeit mit Holzhacken und stundenlangem Sterne-Gucken verbrachte; er blieb Außenseiter mit nur wenigen Sozialkontakten und kein Schul- oder Küchenpsychologe wird sich darüber wundern, dass sich Wittgenstein unter solchen Lebens- und Arbeitsbedingungen auch gern zu “handgreiflichen” Unterrichtsmethoden hinreißen ließ, was die Trattenbacher dem ungeliebten Lehrer in einer Spirale von Animositäten durch noch mehr Ausgrenzung heimzahlten.
Aber dass man auch den verhasstesten Gemeindemitgliedern allerlei nachsieht, sofern sie irgendwann richtig berühmt geworden sind (Wittgensteins 1921 erschienener „Tractatus“ war dato nur Insidern bekannt), zeigte sich auch in Trattenbach: ausgerechnet dort wurde nämlich 1974 in einem Gasthof die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft gegründet.

Wittgensteins ‘Prügelpädagogik’ führte auch zum Ende seiner Lehrerkarriere, denn nachdem er in Otterthal, seiner dritten und letzten Anstellung, einen Schüler bewusstlos geohrfeigt hatte, schied er auf eigenen Wunsch aus dem Schuldienst aus und verdingte sich erstmal ein paar Monate als Gärtnergehilfe in einem Kloster bei Wien, wo er in einem Werkzeugschuppen hauste. Wie’s dann mit ihm in Richtung besserer Verhältnisse weiterging, wisst ihr wahrscheinlich oder könnt es  hier nachlesen.
Doch immerhin zog Wittgenstein aus seiner Lehrtätigkeit noch die Motivation, um am Ende das kleine „Wörterbuch für Volksschulen“ (1926) zu schreiben – ohne jeden philosophische Anspruch. Von der österreichischen Schulbehörde wurde dieses mit Dialektausdrücken durchsetzte „Wörterbuch“ wegen einiger Schwächen zwar nicht gerade enthusiastisch aufgenommen, aber letztlich doch gedruckt, da man feststellte, „daß nach Beseitigung der angeführten Mängel das Wörterbuch einen immerhin brauchbaren Unterrichtsbehelf für die Oberklassen der Volks- und Bürgerschulen darstellt.“

Man sieht also, dass Wittgenstein himself für den Pädagogen-Job eher ungeeignet war, aber die uns hier interessierende Frage ist nun, ob sein sprachphilosophisches Werk für schulische Unterrichtszwecke geeignet sein könnte. Und das ist es in der Tat, und zwar ohne dass man es den Schülern einprügeln muss (das zeigt sich schon daran, dass unter Philo-Ironikern das Verb “wittgensteinigen” ungebräuchlich ist – im Gegensatz zu “heideggern” oder “durchhegeln”).

Zu den anfangs erwähnten philosophisch engagierten Lehrern zählt sicherlich auch mein ehemaliger Kommilitone N., den ich beim gemeinsamen Germanistik-Studium an der LMU kennengelernt hatte und der im Gegensatz zu mir ein anständiger Deutschlehrer an einem Münchner Gymnasium geworden ist. Und natürlich gehört N., wie Ihr euch schon denken könnt, nicht zu jenen Lehrern, die den Wittgenstein für einen Schweizer Alpengipfel halten. Ne, er hatte über seinen Schreibtisch sogar ein Memo gepinnt mit der Abwandlung eines berüchtigten Bonmots von Wittgenstein: “Was ist das Ziel guten Unterrichts? – Dem Schüler einen Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.”

Als ich dieses Memo kürzlich bei einem meiner Besuche bei N. entdeckt hatte (die Liege in seinem Arbeitszimmer ist eine meiner Übernachtungsgelegenheiten, wenn mich die Stadt mal wieder mal ruft), wollte ich etwas genauer wissen, wie das gemeint sei.

“Ausweg aus dem Fliegenglas?”, lachte er, “tja, lass es mich mit einer anderen Metapher ausdrücken: die Kids kommen nur durch selbstständiges Denken aus dem marktwirtschaftlich organisierten Stall der Wissens-Wiederkäuer raus, und um das zu entwickeln kann der Wittgenstein ganz hilfreich sein. Schließlich reflektieren wir über die Beschaffenheit aller Ställe und Weiden dieser Welt in Begriffen, mit denen wir nicht nur erfassen wollen, was der Fall ist, sondern immer auch etwas Eigenes, eine Färbung oder Interpretation verbinden. Dazu taugt allerdings weniger Wittgensteins Tractatus, jene Logisch-philosophische Abhandlung mit ihren Wahrheitstabellen und der starren Abbildtheorie der Sprache. Du erinnerst dich ja sicher, dass Wittgenstein dieses Werk am Ende gleich selber revidiert, wenn er schreibt ‘Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist’.
Viel geeigneter für die Entwicklung eines sensiblen Sprachbewusstseins und damit eines eigenen ‘geistigen Stils’ ist sein Spätwerk Philosophische Untersuchungen, in deren Mittelpunkt ja das Konzept der Sprachspiele steht. Und genau da kann ich als Deutschlehrer wunderbar pragmatisch einhaken, weil jede Schülergeneration sich ihrer eigenen Sprachspiele, also für Erwachsene teilweise unverständlicher Codes bedient, die ständig durchs Klassenzimmer schwirren und nur drauf warten, endlich mal auf ihre oft sehr schillernden Verwendungen hin analysiert zu werden. Dieses Bewusstwerden von Wittgensteins Diktum ‘Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache’ macht die Kids aufmerksamer für semantische Zusammenhänge und Feinheiten und erhöht die Lesekompetenz, sogar von Lyrik, mit der ich meine Schüler ansonsten jagen könnte. Und zu lachen haben wir im Unterricht auch immer was, etwa wenn wir Politikergeschwätz oder Floskeln aus den Feuilletons als begrifflich verschwommene und beliebig anpassbare Worthülsen dekonstruieren. Dabei gehts mir natürlich nicht nur um meinen Unterricht, denn weil Sprachbewusstsein ein Schlüssel zur Welt ist, profitieren ja alle Fachbereiche davon. Ha, die Kollegen könnten sich ruhig mal bei mir bedanken!”

“Oder, noch besser, selber was von deinem Konzept übernehmen!”, erwiderte ich, ein wenig benommen von N.s engagierter Rede, die ich einem pensionsberechtigten Staatsdiener nicht wirklich zugetraut hatte.

“Na ja, vielleicht nicht direkt diesen sprachphilosophischen Ansatz, dafür gibts in anderen Fächern zu wenig Explikationsmöglichkeiten, aber tatsächlich findst bei uns an der Schule noch a paar andere Kollegen, die über ihren fachlichen Tellerrand schaun und a paar Erziehungsideale haben, Philosophie inclusive. Einmal im Monat treffen wir uns sogar zu ner kleinen Stammtischrunde.”

“Aha, ein subversiver Zirkel also”, schmunzelte ich, “und wahrscheinlich habt ihr alle die Revoluzzerschrift des Herrn Precht in der Tasche…”

“Na, eine Bildungsrevolution muss es gar nicht sein; das System kann man nur langsam aber stetig ändern. Siehst ja, wie schon manche Ansätze der Reformpädagogik an etlichen Schulen Eingang in den Unterricht gefunden haben. Oder wie das Erfahrungs-basierte Lernkonzept und die demokratischen Unterrichtsstrukturen von John Dewey mancherorts wenigstens ansatzweise praktiziert werden. Kürzlich haben wir in unserem Kreis sogar mal über Whiteheads altes Teil „Die Ziele von Erziehung und Bildung und andere Essays“ diskutiert, worin er 1916 nicht nur die grundlegenden Elemente seiner Philosophie und die Ideale der Arbeitsweise in der Mathematik, sondern auch seine Vorstellungen von einer gelungenen Erziehung und Ausbildung zusammengfasst hat. Mit so Ideen, dass Kreativität und der richtige Mix aus Freiheit und Disziplin die Basis zur Selbstentwicklung und Sinnfindung in Erfahrungsprozessen sein sollten. Aber bei all dem liegt halt der Teufel im Detail, in der praktischen Umsetzung durch die Eigeninitiative der Lehrer, doch in der Hinsicht macht’s uns das bürokratische System nicht leicht.”

“Ja, kein Wunder, dass viele resignieren. Aber Chapeau!, mein lieber N., dass du noch wacker kämpfst. Da werd ich doch glatt mal was zum Thema ‘Wittgenstein in der Schule’ bloggen, quasi zur Belohnung, und damit’s vielleicht den einen oder andern Kollegen von dir inspiriert. Aber jetzt komm, pack ma’s, wir müssen los, der Kabarett-Abend vom Pispers beginnt in ner halben Stunde, und versprochen: da kriegt auch eine bestimmte Sorte Lehrer ihr Fett weg!”

Ja, und da gingen wir dann auch hin; und während der Fahrt gab mir N. noch den Tipp, im Falle eines Wittgenstein-Blogs doch die “Sternstunde Philosophie” mit dem Wittgenstein-Forscher Hans-Johann Glock einzubauen. Da erführe man in einem lockeren Gespräch mit der Interviewerin Barbara Bleisch die Wahrheit über Wittgensteins Fliegenglas, und viel über den Unterschied zwischen der Tractatus-Sprachlogik und Wittgensteins späterer Philo-Denke, und zwar so, dass auch noch der letzte Lehrer (hat N. gesagt ;-) das kapiere…

Mach ich doch gern, hier also aus der Reihe «Klassiker reloaded» (vom 17.03.2013):

 

(Dieses Interview war übrigens die Grundlage für das darauffolgende “Sternstunden”-Schüler-Gespräch, das Elena und Mathias von der Fachmittelschule Heerbrugg mit Hans-Johann Glock geführt haben – findet ihr hier im Beitrag Mehr Philosophie in den Schulen! )


Und was N. und ich an jenem Kabarett-Abend bei Volker Pispers über die Lehrer gelernt haben, wollen wir Euch natürlich auch nicht vorenthalten ;-)

wf