Texterl zum Tage

In den gepflegten Gärten der Akademien gilt geistiger Wildwuchs als Unkraut.

WF




internes Archiv

201820172016201520142013201220112010200920082007

2018

2017

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

Plugin by Oliver Schlöbe

Ein Lob des Fatalismus

Irgendwann lernen es alle, so sehr sie sich auch abstrampeln in der Hoffnung, ihres eigenen Glückes Schmied zu sein: Das Unplanbare und Unvorhersehbare gehört zum Wesen dieser Welt, zu den Lebensrisiken, gegen die man sich nicht versichern kann. Der naive Glaube, man könne jederzeit alles unter Kontrolle halten und sich in sorgfältig geknüpften Sicherheitsnetzen unbeschadet durch seine Planspiele schaukeln lassen, blättert einem in den Hin-und-Her-Geworfenheiten des konkreten Lebens nach und nach von der Seele. Manche verzweifeln daran, andere resignieren, einige sehen sich als Opfer böser Mächte – aber es gibt auch die, denen es gelingt, in Unglück und Schmerz Fassung & Haltung zu bewahren.

drobinski: lob des fatalismus

Einen Weg dorthin versucht Matthias Drobinski, im Brotberuf Autor und Redakteur bei der SZ, in seinem kleinformatigen Büchlein „Lob des Fatalismus“ aufzuzeigen. Nein, keinen Lifestyle-Ratgeber (von denen es ja schon Regalkilometer gibt) wolle er damit vorlegen, auch keine geschlossene Philosophie präsentieren, sondern einem „aufgeklärten, partiellen Fatalismus“ in Form eines Essays á la Montaigne „ein Lied zu singen“, zu dem „Widerspruch allerdings erwünscht“ sei.

Nun wird einigen von euch beim Begriff eines „aufgeklärten, partiellen Fatalismus“ wohl das gute alte Gelassenheitsgebet einfallen: „Gott, gib mit die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Eben darauf baut auch Drobinski seinen „richtig angewandten Fatalismus“ auf, der „gelassen und locker, geradezu cool“ mache. Er befreie von der „Pest der Glückssuche“ und dem Zwang zur Selbstoptimierung, nehme dem Lebensende den Schrecken und vorher diversen Lebenswendungen auch, und erhebe Einspruch, wenn die Sicherheit zum höchsten Gut ernannt wird.

Natürlich wünschten sich alle ein glückliches Leben, weil das Teil ihres Menschseins sei (wie schon Seneca glaubte), doch „um nicht sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, dass man nicht verlange, sehr glücklich zu sein“ warnt Schopenhauer. Und weil der „immerwährende Glückszustand eine Horrorvorstellung“ sei, hält Drobinski auch nicht viel von den Selbstoptimierungs-Dogmen und der „Glückshysterie“ der Positiven Psychologie á la Martin Seligman oder Dale Carnegie; näher ist dem Autor das „Streben nach einem sinnvollen Leben“, wie es der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid in seinen Büchern propagiert. Mitsamt dieser Melancholie, die weiß, „dass die Welt unerlöst ist – ohne sie deshalb als Jammertal zu empfinden“.

Drobinski macht in kleinen Geschichten und an vielen aktuellen Beispielen aus Politik und Gesellschaft anschaulich, wie sich die Haltung seines „positiven Fatalismus“ unterscheidet von den negativen Aspekten der passiven Schicksalsergebenheit wie Unterwürfigkeit, tatenlosem Hinnehmen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung und etwa dem Glauben an einen „biologischen Determinismus“. Dabei zeigt er auch die unterschiedlichen Facetten und Wertschätzungen auf, die der Fatalismus-Begriff  in seiner ‚abendländischen‘ Karriere durchlaufen hat; bei Platon und Aristoteles, den Stoikern, Cicero, in der Gnadenlehre des Kirchenvaters Augustinus, in den Vorbestimmtheits-Lehren von Martin Luther und Jean Calvin, bei Spinoza, Kant, Fichte, Schelling, Schopenhauer und natürlich in Nietzsches „Amor fati“ (mitsamt dessen Missdeutung durch die Nazis).

So weit, so gut (und bekannt), und den gewünschten „Widerspruch“ könnte sich Drobinski am Ehesten zu den Thesen in seinem Schlusskapitel einfangen. Dort plädiert Drobinski (der studierte Theologe) für die Variante eines „christlichen Fatalismus“, die „den Blick verstärkt auf die verunsichernde, die irritierende Seite Gottes lenkt“, was bedeute, „die Wahrheit als nie zu erreichendes Ziel einer immer doch notwendigen Suche zu begreifen“. Die Erkenntnis, dass Gottes Wahrheit außerhalb dieser Welt existiere, habe Christen immer wieder die Kraft gegeben, gegen innerweltliche Wahrheits-, Absolutheits- und Totalitätsansprüche Widerstand zu leisten; gegen die des Nationalsozialismus und die des Kommunismus – aber auch gegen jene Dogmatiker des Kapitalismus, die die Herrschaft des Geldes religiös überhöhen. Das sei das „Wächteramt der Christen“. Und er entlässt seine Leser mit einer Art Wort zum Sonntag: „Es  wäre ein fröhlicher Glaube, dass man die letzte Wahrheit getrost den höheren Instanzen im Jenseits überlassen kann.“

Hm, kann man da noch von einem „aufgeklärten Fatalismus“ sprechen? Ich möcht mich in meinem Reich der Gründe jedenfalls nicht auf ‚höhere Instanzen‘ in einem Jenseits verlassen, und der Glaube an eine ‚letzte Wahrheit‘ spielt für meine Optionen des Handelns oder Nicht-Handelns im konkreten Lebensvollzug mit seinen vielen kleinen, täglich neu zu verhandelnden ‚Wahrheiten‘, für mein Widerstand-leisten, auch keine Rolle. Doch auch wenn Drobinski in diesem letzten Kapitel die anzustrebende „Coolness“ eines positiven Fatalismus in eine Forderung nach „Gottvertrauen“ übersetzt, ist ihm in toto ein gut lesbarer und anregender Essay gelungen, der dem verunsicherten Menschlein zeigt, dass sich mit einer guten Portion Fatalismus das Leben wohl besser meistern lässt.
Zwei, drei Kapitelchen mehr hätten’s aber schon sein dürfen, wenigstens ein paar Anmerkungen und Querverbindungen zu ähnlichen, nicht-religiösen Fatalismus-Konzepten in anderen Kulturkreisen; etwa zum Umgang mit Schicksal, Wandlung, Leid und Erdulden in der buddhistischen Philosophie oder im daostischen Wu Wei.

wf


Matthias Drobinski: Lob des Fatalismus
Gebundene Ausgabe: 132 Seiten
Claudius Verlag 2018, Euro 14.-
ISBN-13: 978-3532628119

 

Lösung des Neujahrsrätsels 2018

…und die 3 Gewinner*innen von „Der allerletzte Tag der Menschheit“

Auch wenn es nicht jedem gefällt, sein Hotelzimmer mit mehreren teilen zu müssen, bleibt bei Platzmangel manchmal nur diese Lösung. Immerhin war der Hotelmanager in unserem Neujahrsrätsel darum bemüht, seine 41 Gäste zu einem Kongress des Wiener Kreises möglichst gerecht in seine leider nur 12 Zimmer einzuquartieren. Und für die Unbequemlichkeit bot er seinen Gästen kulanterweise einen Rabatt an, wenn diese selber auf die optimale Bettenverteilung in Dreibett-, Vierbett- und Fünfbettzimmer kämen. Eh klar, dass die versammelten Wissenschaftler und Philosophen schnell die richtige Lösung fanden und sich den Rabatt und somit das Budget für ein paar zusätzliche Achterl Wein sicherten.

Die Lösung: Es sind acht Dreibettzimmer, drei Vierbettzimmer und ein Fünfbettzimmer.

Es gibt mehrere Wege, um darauf zu kommen, der eleganteste dürfte der sein:
In jedem der zwölf Zimmer müssen ja mindestens drei Betten stehen, womit erstmal schon 36 Betten untergebracht sind. Von den noch übrigen fünf Betten kann ich drei irgendwo reinstellen (= 3 Vierbettzimmer) und die beiden restlichen in eins (= 5-Bett). Anders gehts nicht, da es laut Ansage des Hotelmanagers mehr Dreibett- als Vierbettzimmer, und von den Vierbett- mehr als Fünfbettzimmer gibt.

(Andere Lösungswege, z.B. über ein unterbestimmtes Gleichungssystem, könnt ihr nach Lust & Laune gern in die Kommentare und zur Diskussion stellen – prüft aber bitte vorher, ob’s auch funzt.)

Wie immer hat unsere Losfee aus allen richtigen Zusendungen drei Buch-Gewinner*innen herausgefischt, alsda hatten diesmal das Glück:
Werner Aebischer (Basel), Wolfhart Berger (Schweinfurt) und Gabi Hofmann (Berlin).

Na, da wünschen wir viel Vergnügen mit der lustvoll-satirischen Revue „Der allerletzte Tag der Menschheit“ (von Hosea Ratschiller und Stefanie Sargnagel / Holzbaum Verlag).

Übrigens: Wer sich selber mal ein Logikrätsel mit Philo-Story-Background ausdenken mag, kann uns das gern zusenden, wird bei Gefallen veröffentlicht. Das nächste Logik-Preisrätsel erscheint hier wie üblich zu Beginn der bairischen Sommerferien.

Neujahrsrätsel 2018: Der Wiener Kreis im Hotel

3 Buchexemplare „Der allerletzte Tag der Menschheit“ von Hosea Ratschiller & Stefanie Sargnagel zu gewinnen

Die Schauplätze und Zeiten, in denen sich die Geschichten unserer Logikrätsel abspielen, sind ja jedesmal andere, und die heutige Story führt uns in das Wien der Zwischenkriegszeit. In die Zeit, als der rechte Mief schon durch die Kanäle und Baisl waberte und die Hitlerbewegung sich auch dort formierte; als die Österreichische Psyche ihrer glorreichen K&K-Vergangenheit nachtrauerte und  Karl Kraus „Die letzten Tage der Menschheit“ schrieb. Und es gehörte zur kulturellen Dialektik jener Voruntergangszeit, dass noch einmal kurz eine Aufbruchsstimmung in Wissenschaft, Künsten und Philosophie in der kosmopolitischen Stadt aufflackerte, bevor dieser Geist mitsamt seiner Werke verbannt und verbrannt wurde wie überall in deutschen Landen.

Zu diesen Aufbruchsbewegungen zählte auch der „Wiener Kreis“, eine Gruppe von Naturwissenschaftlern, Philosophen und Wissenschaftstheoretikern, die sich ab 1922 unter der Leitung von Moritz Schlick regelmäßig in Wien trafen. Zentrales Anliegen der Gruppe war das Bemühen um eine wissenschaftliche Weltauffassung, die als Logischer Empirismus bekannt wurde. Der Kreis erreichte schnell internationale Geltung, bis seine Arbeit durch Faschismus und Nationalsozialismus unterbrochen und über den Atlantik vertrieben wurde.

Zu einem dieser Wiener Treffen hatten sich einmal ganze 41 Teilnehmer, darunte viele Auswärtige, angekündigt, so dass Schlick sich genötigt sah, für dieses Diskussionswochenende ein Hotel zu buchen. Um Ruh vor Anfeindungen zu haben, wählte er ein kleines Etablissement außerhalb der Stadt am Rande des Wiener Waldes. Das hatte zwar nur 12 Zimmer, doch der Hotelier, ein alter Bekannnter von Schlick, versprach, sie alle dort unterzubringen.

Als alle Teilnehmer dort nach und nach eingetroffen waren und im Foyer auf ihre Zimmerzuweisung warteten, erklärte ihnen der Hotelmanager:

„Ihr seid genau 41 Wissenschaftler und Philosophen und genauso viele Betten habe ich in den insgesamt zwölf Zimmern meines Hotels für Euch bereit gestellt. Es gibt Zimmer mit drei, vier und fünf Betten. Davon sind mehr Dreibett- als Vierbettzimmer, und von den Vierbett- gibt es mehr als Fünfbettzimmer. Ja ja, ich weiß, das ist etwas unkommod, aber ich biete Euch dafür einen Rabatt von 50% auf die Übernachtungsrechnung – vorausgesetzt, Ihr könnt eine kleine Denkaufgabe lösen.“
Die Gäste horchten auf, denn auch zu jener Zeit zählten Geistesgrößen nicht unbedingt zu den Finanzgrößen, und die eingesparten Schillinge fänden sicherlich gute Verwendung als Investition in das eine oder andere Achterl zusätzlich, um ihre wissenschaftlichen Untersuchungen  zu beflügeln.
„Nur her mit dem Rätsel!“, rief also Schlick und der Hotelier, der ebenfalls ein großer Freund logischer Spielereien war, sprach: „Ihr müsst nur herausfinden, wie die 41 Betten auf die 12 Zimmer aufgeteilt sind.“
Die klugen Köpfe steckten ebendiese kurz zusammen und schon nach ein paar Minuten war die Lösung gefunden. Der Rabatt und damit die zusätzlichen Achterl Wein waren gesichert.

Hier also die Rätselfrage auch für Euch: Wie viele Dreibett-, Vierbett- und Fünfbettzimmer gibt es jeweils?

(Hinweis: Es gibt mehrere Lösungswege. Den des Rumtüftelns, dann einen eleganten, mehr auf Logik basierenden mit einfacher Mathematik (der sich leicht im Kopf berechnen lässt),  und einen mit eher anspruchsvollerem mathematischen Mehrfachgleichungsansatz (Stift + Zettel nötig) – letzterer war eine Aufgabe von der 49. Mathematikolympiade für die 8. Jahrgangsstufe aus dem Jahr 2010)

Wer meint, die richtige Lösung ausgetüftelt zu haben und was gewinnen möchte, kann sie uns wieder per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!). Und gebt bitte auf der Lösungs-Mail eure postalische Adresse mit an für eine mögliche Gewinn-Zustellung, falls unsere Losfee euch aus dem Zettelpackerl zieht.

Einsendeschluss ist der 31. Januar 2018.

Unter allen richtigen Zusendungen verlosen wir diesmal 3 Buch-Exemplare einer lustvoll-satirischen Revue zum aktuellen Zustand des Wesens „Österreich“, in der die Abgründe unserer Gesellschaft aufgespürt werden: „Der allerletzte Tag der Menschheit“ von dem preisgekrönten Duo Hosea Ratschiller („Salzburger Stier“) und Stefanie Sargnagel (Bachmann-Publikumspreis) – freundlicherweise vom Wiener Holzbaum Verlag zur Verfügung gestellt.

„Erkenne dich selbst“ mit R.D. Precht

Einen „Buchtipp für untern Baum“ von unseren LeserInnen hätten wir da noch, so kurz vor Ablauf der Bescherungs-ermöglichenden Bestellmöglichkeit (wiewohl das nun empfohlene Buch dank SPIEGEL-Bestsellerliste in jeder gut sortierten Buchhandlung griffbereit sein dürfte): Der zweite Band von R.D. Prechts Philosophiegeschichtstrilogie ist kürzlich erschienen und Szusza Nagy (die ihr ja schon als Empfehlerin eines der letztjährigen Weihnachtsbuchtipps kennt) hat ihn, zusammen mit ihrem Revierförster, schon gelesen und Gefallen daran gefunden.

wf


Achttausender besteigen leicht gemacht

Die Abteilung Philosophie in meinem Bücherregal ist überschaubar und meine Kenntnisse in Philosophiegeschichte ebenfalls. Oft, wenn ich auf mir bisher wenig bekannte PhilosophInnen gestoßen bin, blieb mir nur der Nachschlageakt in der Wikipedia oder im dtv-Atlas Philosophie. Dort finde ich zwar Substrate zu Leben und Werk, aber wenig zu den kulturellen und sozialen Bedingungen der jeweiligen Zeit, in der wichtige DenkerInnen der Menschheit ihre Ideen entwickelten. Aber gerade das interessiert mich sehr, weil ich glaube, dass auch die Gedankenwelt kluger Menschen nicht von einem überzeitlichen ‚Weltgeist‘ weiterentwickelt wird, sondern stark von ihren historisch-existenziellen Rahmenbedingungen abhängt.

Neulich bekam ich wieder mal Besuch von meinem lieben Freund Karlinger, der nach getaner Arbeit in seinem Revier – er ist der Förster des Waldstücks, an dessen Rand meine bescheidene Hütte steht – gelegentlich auf einen Tee und einen Plausch unter Philosophie-Amateuren vorbeischaut. Und er hatte ein Geschenk dabei: „Erkenne dich selbst“ von Richard David Precht, dem TV-bekannten Philosophie-erklärenden Bestsellerautor. Wobei, mir selber war Precht bisher nur aus zweiter Hand bekannt, habe kein Fernsehgerät und auch noch nichts von ihm gelesen außer via seiner paar süffisant-ironisch dargestellten Auftritte in diesem Blog.

„Spinoza und Schelling werden da auch ganz gut erklärt.“, meinte Karlinger beim Überreichen des Buchs. Das ist keine merkwürdige Geschenkeinleitung, wenn man weiß, dass Spinoza und Schelling zu Karlingers Lieblingphilosophen zählen (bei einem Waldmenschen nicht ungewöhnlich) und wir beide uns schon öfter über Pantheismus und Naturphilosophie unterhalten hatten. Noch in der Nacht, nachdem Karlinger doch wieder gegangen war, begann ich mit der Lektüre und war bald gefesselt von der erzählerischen Qualität, die ich bei einem philosophiegeschichtlichen Werk so noch kaum gefunden hatte.

Dieser zweite Band steigt ein in die zersplitternde Welt der Renaissance mit ihrer Suche nach einem Universalprinzip, der Suche nach der Wahrheit im Inneren und dem Umsturz traditioneller Werte. Nicht rein chronologisch abgearbeitet, sondern die Entwicklungen und Zusammenhänge der historischen Ereignisse im Blick, zeigt Precht ebendie damit zusammenhängenden Entwicklungen und Zusammenhänge der Denkwelten von Figuren wie Cusanus, Alberti, Ficino, da Vinci, Erasmus, Machiavelli, Kopernikus, Luther, Montaigne, Bruno, Bacon, Galilei und vieler Anderer – von manchen hatte ich bis dato noch nie gehört.

In gleicher Anschaulichkeit präsentiert Precht die Philosophie des Barock, wobei die Kapitel zu Hobbes, Descartes, Spinoza, Pascal und Leibniz die ausführlichsten sind. Die Philosophie der Aufklärung setzt ein mit einer ausführlichen Auseinandersetzung mit John Locke (und dessen Doppelmoral), führt über Newton, Wolff, Berkeley, Montesquieu, und Hutcheson zu Voltaire, La Mettrie, Hume, Rousseau und Diderot bis zu Smith und Lessing – zahlreiche andere mit einbezogen. Am umfangreichsten ist der 4. Buchteil zur Philosophie des Deutschen Idealismus, und dabei naheliegenderweise speziell zu Kant und Hegel – aber auch von Schelling habe ich, mein lieber Karlinger, jetzt ein besseres Verständnis.

Precht meint im Vorwort, das Buch enthalte einige „Achttausender“, also schwierig zu erklimmende Gipfel der Philosophie, aber mir ist bei den Besteigungen keinmal der Atem ausgegangen. Oft aber ein Lachen ausgekommen, wenn Precht über Eifersüchteleien, Verhaltensauffälligkeiten und Grabenkämpfe innerhalb der Denkerzunft erzählt. Denn das Erzählen kann der Mann wirklich gut, bildhaft und gleichzeitig informativ, zusammenhangstiftend, manchmal mit spöttisch-ironischem Unterton (etwa bei Fichte). Und er zeigt, was er behauptet: „Philosophie ist, wie man sieht, keine gerade aufsteigende Linie. Sie ist eine Bewegung von vielen Wellen; so wenig zielführend wie Alkohol, aber hoffentlich erhellend.“

Und auch die Betitelung „Erkenne dich selbst“ wird nach dem Lesen selbsterklärend: Zu allen Zeiten machten sich die Menschen Gedanken über die großen Fragen des Lebens, über die Frage nach der Wirklichkeit der ‚Wirklichkeit‘, der guten und gerechten Gesellschaft, der eigenen Moral, der eigenen Sterblichkeit und der Frage, was man tun und hoffen kann – geht mir ja ebenso, und wohl auch Karlinger, bei dem ich mich revanchieren werde. Wenn nächstes Jahr der dritte Band von Prechts Philosophiegeschichte erscheint, liegt er umgehend als Geschenk parat, falls Karlinger wieder zu Besuch kommt.

Szusza Nagy


Richard David Precht
Erkenne dich selbst: Geschichte der Philosophie 2
Goldmann Verlag;  672 Seiten, € 24.-
ISBN-13: 978-3442313679

 

Isländische Lyrik von Ragnar Helgi Ólafsson

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ – empfohlen von Björn Eriksson in unseren Buchtipps für untern Baum

Die Frage nach den Ursachen, die dazu führten, dass im Land der Dichter und Denker in breiter Masse das Interesse und die Freude an Gedichten verloren ging, wird wohl nie geklärt werden. […]

Wozu Vergänglichkeit? Elf Gespräche über Atome, Tod und schwarze Löcher

wozu vergänglichkeit

In unseren Buchtipps für untern Baum empfiehlt Nina Hodel den Sammelband „Wozu Vergänglichkeit? Elf Gespräche über Atome, Tod und schwarze Löcher“ von Corina Caduff

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Ein schöner Moment, sich dem Thema Vergänglichkeit zu widmen. Die Schweizer Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff hat das Vergängliche in elf spannenden Interviews mit […]

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Märchenhaftes zum Auftakt der Leser-Buchtipps für untern Baum

Es gibt Neues aus Zamonien: Walter Moers erzählt die anrührende Liebesgeschichte von der schlaflosen Prinzessin Dylia und ihrer spannenden Reise durch das menschliche Gehirn, nach Amygdala, der berüchtigten Stadt der Angst, in der das dunkle Herz der Nacht regiert.

Dieses Märchen aus der zamonischen Spätromantik voller […]

Habt ihr wieder Buchtipps für untern Baum?

Buchtipps

Habt ihr dieses Jahr das eine oder andere gute Buch gelesen, das ihr gern weiterempfehlen möchtet? Auch oder gerade wer’s mit dem Weihnachts-Konsumismus nicht so hat, sucht ja vielleicht was Geistreiches für untern Baum seiner Freunde und Lieben und lässt sich bei der Auswahl eventuell von interessanten Buchtipps inspirieren. Also ran an die Tastatur, ne […]

Die Renaissance der Heimat

dorfladen

Wie viel Heimat braucht der Mensch? Wie viel kann er ertragen? Und wo ist sie überhaupt, diese Heimat?

Der Heimat entkommt man nicht. Und schon gar nicht in diesen Zeiten, da eine inflationäre, nervensägenartige Beschwörung von „Heimat“ aus allen Kanälen, aus Feuilletons, Buchhandlungen, Talkshows und Polit-Stammtischen dräut. Da trauen sich nicht nur die […]

Wie Frege auf die Farbe seiner Feder kam

Bernulf Kanitscheider

Lösung und Gewinner*innen unseres Sommerferienrätsels

Kann diesmal nicht so schwierig gewesen sein, denn fast alle Lösungsvorschläge, die zum diesjährigen Sommerrätsel eintrudelten, waren richtig.

Hier nochmal kurz die Fragestellung:

Bei einer Zusammenkunft der vier Logiker Frege, Whitehead, Wittgenstein und Russel holte Letzterer aus seiner Tasche drei weiße und zwei schwarze Adlerfedern, die […]

Sommerrätsel 2017: Die Farbe von Freges Feder

Gottlob Frege

Diesmal gibts 3 Exemplare von „Kleine Philosophie der Mathematik“ zu gewinnen

Seit Anbeginn der abendländischen Philosophiegeschichte waren und sind viele große Denker von dem Dreiklang aus Logik – Mathematik – Philosophie fasziniert, von Platon und Aristoteles über Descartes, Leibniz und Spinoza bis zu dem kürzlich verstorbenen Bernulf Kanitscheider (Autor des hier zu gewinnenden […]

Kleine Philosophie der Mathematik

Bernulf Kanitscheider

Der Naturphilosoph Bernulf Kanitscheider lotet die Kontaktzone von Philosophie und Mathematik aus

Seit die Menschen Mathematik betreiben, wird auch die Frage diskutiert, ob es sich bei ihr nur um einen Werkzeugkasten mit Instrumenten für technologische, statistische und konstruktivistische Anwendungen handle, also um einen Artefakt des menschlichen Verstandes, oder ob mathematischen Objekten und Verfahrensweisen […]