Texterl zum Tage


Was mit Gewalt erlangt worden ist, kann man nur mit Gewalt behalten.

Mahatma Gandhi

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Plugin von Oliver Schlöbe

Sind wir zur Gewalt verurteilt?

Der Evolutionsbiologe Franz Wuketits sucht nach den Wurzeln von Mord, Krieg und Terror

Die Schicksalsfrage der Menschheit scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.

Sigmund Freud

 

Schon Freud gab nichts auf die Erzählungen vom Edlen Wilden, von einer guten alten Zeit oder von noch immer existierenden Naturvölkern, in der die Menschen gewaltfrei miteinander auskamen, wo es keinen Neid, Hass und Totschlag gab. Ab etwa Mitte des 20. Jahrhunderts mussten auch die letzten diesbezüglichen Idealisten unter den Kulturanthropologen und Sozialwissenschaftlern einräumen, dass sowas offenbar nur eine Art Rousseauscher Wunschvorstellung war, weil sich in allen untersuchten Kulturen und Gesellschaften Hinweise auf die Ausübung von Gewalt finden ließen. Auch die Primatenforscher wie Jane Goodall ließen alle Hoffnung fahren, bei unseren nahen Verwandeten, den Schimpansen, Belege für ein friedfertiges Zusammenleben in vorzivilisatorischer Zeit zu finden, nachdem die Beobachtungen gezeigt hatten, durch welche Gewaltexzesse bis hin zur Ausrottung anderer Gruppen sich die Tiere auch in dieser Hinsicht als unsere nächsten Verwandeten entpuppten. (Freilich könnte man dagegen halten, dass die uns ebenso nahe verwandten Bonobos ihre Konflikte zumindest teilweise gewaltfrei durch einvernehmlichen, auch gleichgeschlechtlichen Sex, befrieden.)

Sind wir also zur Gewalt verurteilt? Diese Frage stellt der Wiener Biowissenschaftler und Evolutionstheoretiker Franz M. Wuketits schon im Untertitel seines neuen Buchs „Mord.Krieg.Terror.„, wobei er nicht nur eine Genealogie der Gewalt in ihren verschiedenen Erscheinungsformen vorlegt, sondern auch Deutungen  aus evolutionstheoretischer Perspektive über deren mögliche Ursachen, Motive und Auswirkungen vor dem Hintergrund archaischer Verhaltensantriebe anbietet. Nun weiß Wuketits natürlich genauso wie die an diesem Thema interessierte Leserschaft, dass  dazu in den letzten Jahren schon reichlich Material veröffentlicht wurde. Hervorgehoben sei hier die umfangreiche und umstrittene Untersuchung des  Evolutionspsychologen Steven Pinker „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit„, in der ein stetiger Rückgang der Gewalt im Verlauf der zunehmenden menschlichen ‚Zivilisierung‘ belegt werden sollte.

Jan Luyken - Hexenverbrennung

Eine der Abbildungen im Buch:
Jan Luyken – Hexenverbrennung (1571)

Durch viele Verweise auf die Arbeiten Pinkers und etlicher anderer Fachkollegen (auch interdisziplinärer Ansätze) kann Wuketits seine Gewaltgeschichte auf circa 120 Textseiten komprimieren und in diesem „Schnelldurchlauf“ die historischen Stationen dieses Universalphänomens übersichtlich chronologisch und fast verlustfrei abfahren: Von der Selbstverständlichkeit des Dauer-Kriegszustands im Altertum mit seinen tribalistischen und revanchistischen Konzepten „Wir gegen die Anderen“ und „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ nebst der Verherrlichung von Kriegsgöttern > über das Mittelalter mit seinen Kreuzzügen, Inquisitionen und Hexenverfolgungen > bis zur Neuzeit mit ihren neuen Kriegstechniken, kolonialistischen Eroberungen, blutigen Revolutionen, Völkermorden, den Weltkriegen, der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und des zeitgenössichen Terrorismus. Wuketits zeigt dabei, dass zwar die Konkurrenz um Ressourcen ein wesentlicher Antrieb zu Gewaltakten war, dass aber auch rassistische Konzepte von „Übermenschen“ und „Untermenschen“ aus einem Bedürfnis nach Gruppenidentität keineswegs neu sind und dass jeder technische Fortschritt auch für eine ‚Perfektionierung‘ der Gewaltpraktiken genutzt wurde. Der Kitt, der menschliche Aggressorengruppen (im Unterschied zu tierischen) zusammenhält, motiviert und gewaltverstärkend wirkt, sind dabei oft weltanschauliche Ideologien, die jenseits eines ‚Kampfs ums nackte Dasein‘ der Legitimation der Gewalt dienen.

Diese kollektiven Formen von Gewalt wären nicht möglich ohne eine dem Menschen innewohnende starke biologische Komponente der Aggressionsbereitschaft, die Wuketits als eine zu unserem stammesgeschichtlichen Erbe gehörige „Naturkonstante“ ansieht, wenn sie zur Verteidigung des eigenen Lebens, der eigenen Sexualpartner und Nachkommen, des eigenen Territoriums und der eigenen sozialen Machtposition dient (der Schimpanse in uns). Da auch  in der heutigen ‚Zivilisationsgesellschaft‘ die Prinzipien des „Darwinschen Wettbewerbs“ um Ressourcen gelten und jeder für sich die eigenen Gene, Familie, Wohnung, Bankkonto und Status erobern und verteidigen muss,  sind Aggressionen, wenn auch meist in ritualisierter oder sublimierter Form, unser täglich Psychobrot. Und ganz von Körperverletzungen, Totschlag, Mord, Selbstmord und soziopathischem Verhalten verschont zu bleiben, kann sich auch heute noch keine Gesellschaft rühmen und wird es wohl auch in Zukunft nicht können. Denn der Preis für ein Höchstmaß an Sicherheit wäre: noch mehr Verbote, Zwänge und die Entmündigung des Einzelnen durch einen allgegenwärtigen „Leviathan“. Der würde es zum Beispiel nicht dulden, dass bei der ritualisierten Körperverletzung im Fußballsport allein im kleinen Österreich alljährlich über 30.000 Verletzte in die Krankenhäuser eingeliefert werden und wohl auf jedem Ball und jedem Trikot Warnungen anbringen wie „Fußball gefährdet ihre Gesundheit. Fangen Sie erst gar nicht damit an.“
Diesen Preis möchte Wuketis nicht zahlen: „Wer meint, jeder möglichen Gefahr vorbeugend begegnen zu müssen, darf sich auf keine spontane Aktion mehr einlassen, muss jede Kreativität unterdrücken und sich mit einem Leben in Ödnis und Langeweile abfinden – um dann aber doch, wie es halt kommen kann, in seiner vermeintlich sicheren Wohnung von der plötzlich einstürzenden Decke erschlagen zu werden.“

Das Verhältnis Freiheit <> Sicherheit lässt sich angesichts der aktuellen weltweiten Bedrohungsszenarien nicht so regeln, dass Gewaltrisiken ausgeschlossen werden können; aber muss auch in Zukunft die gewaltfreie Welt eine Utopie bleiben? Diese Frage stellt Wuketis in seinem Schlusskapitel und bleibt in Sachen Hoffnungserfüllung skeptisch: „Wer irgendwann auf eine friedliche Welt gehofft hat, dessen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt“. So erging es Albert Einstein mit seiner Forderung nach einem „feierlichen Verzicht auf gegenseitige Gewaltanwendung“ ebenso wie Immanuel Kants Vorschlag einer „Entmilitarisierung“ aus seinem Entwurf „Zum ewigen Frieden„.
Alle Hoffnung aber will Wuketits nicht fahren lassen, und so lässt er noch einmal Steven Pinker zu Wort kommen: „Bei allem Kummer in unserem Leben, bei allen Schwierigkeiten, die auf der Welt noch bleiben, ist der Rückgang der Gewalt eine Leistung, die wir würdigen können, und ein Impuls, die Kräfte von Zivilisation und Aufklärung, durch die sie möglich wurde, hoch zu schätzen.“
Doch so optimistisch das klingt, weiß Wuketits doch: „Aber sie können an der Gewalt selbst nichts ändern, solange politische und religiöse Ideologien dominieren, Erziehung und Bildung unter die Räder von Ideologien gerät und sich freiwillig viele Menschen Ideologien ergeben und selbstverschuldet in die Unmündiglkit stolpern; und solange es der Weltpolitik und Weltwirtschaft nicht gelingt, die Ressourcen gerechter zu verteilen, woran Politiker und Ökonomen aber anscheinend nicht interessiert sind.“

(Und wir hätten da noch den Vorschlag, dem anderen Primaten in uns, dem Bonobo, mehr Spielraum zu lassen.)

wf


Franz Wuketits
Ein auch für Laien gut verständliches Sachbuch mit etlichen Abbildungen, die zurückhaltend verwendeten Fachbegriffe  werden in einem anhängigen Glossar knapp erläutert, komplettiert durch ein umfangreiches Personenregister.

Wie Epikur den Lügner entlarvte

Lösung des Neujahrsrätsels 2016: der dritte Mann muss die Gartenparty verlassen

Um unser diesjähriges Neujahrsrätsel zu lösen, waren weder Kenntnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung noch der formalen Logik oder gar Vorurteile gegen Kreter nötig. Es genügte ein alltagstaugliches Verständnis von der Widerspruchsfreiheit ‚wahrer‘ Aussagen. Diesen Rätsel-Typ gibt es in unzählichen Varianten, wobei es im ‚Normalfall‘ darum geht, einer oder mehrerer Personen (von denen man vorher nicht weiß, ob sie lügen oder die Wahrheit sagen) durch eine geschickte Fragestellung in jedem Fall die Wahrheit über einen Sachverhalt zu entlocken (siehe unten). Bei unserer Variante verhält es sich anders herum, insofern nämlich durch die aufeinander bezogenen Sprechakte der drei neuen Gäste in Epikurs Garten die Wahrheit von selbst zutage tritt.

Und so folgerte Epikur:
Alle drei neuen Gäste, egal ob Stoiker (= Wahrheitssager) oder Kreter (= Lügner) würden ja auf jeden Fall behaupten, sie wären Stoiker. Das tat auch der Erste (den Epikur wegen dessen Nuschelei aber nicht verstand). Da nun aber der Zweite nicht nur ebenfalls behauptet, dass er Stoiker sei, sondern auch die Aussage des Ersten als Zitat korrekt widergibt („mein Freund sagte, dass er Stoiker sei“), muss er tatsächlich ein Stoiker sein. Denn als Kreter hätte er ja beim Zitieren gelogen. Folglich entpuppte sich der Dritte mit seiner gelogenen Aussage, die beiden ersten seien Kreter, selber als ein solcher und wurde von Epikur des Gartens verwiesen.

Na, war jetzt nicht so schwierig, oder? Dennoch hatte unsere Glücksfee diesmal keinen allzu großen Stapel an richtigen Lösungen vor sich, um daraus die drei Gewinner*innen zu ziehen: Es sind Barbara Oettinger (Lorch), Joe Schmitt (Berlin) und Frank Zauner (Dortmund). Die Gewinn-CDs sind unterwegs.

Unser Leser Heinrich Kolb hat netterweise auf Facebook dieses Beispiel für eine der ‚Normalvarianten‘ aus dem Werner Herzog Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ über Kaspar Hauser in die Kommentare gepostet:

Hoffe, allen Miträtslern hat’s wieder etwas Spaß gemacht – das nächste Logikrätsel dann wie üblich zu Beginn der Sommerferien.

wf

Neujahrsrätsel 2016 – Neue Gäste in Epikurs Garten

Als der griechische Philosoph Epikur in einem Garten von Athen seine Schule eröffnete, fand sich bald eine ansehnliche Schar von Anhängern ein, die ihn wie einen Guru verehrten. Aber nicht weil dort Orgien der Lust gefeiert wurden (wie manche heute noch glauben), sondern weil seine Lebenskunst-Philosophie eine Freiheit von Schmerz, Unruhe und Furcht versprach. Dabei soll das natürliche Streben nach Lust ohne Exzesse durch das richtige Maß an Sex, Speis und Trank befriedigt und die Teilnahme am öffentlichen Leben auf das Nötigste reduziert werden, um einen Zustand völliger Gemütsruhe zu erreichen, in dem es sich erst angemessen philosophieren lässt.
Schon am Eingang des Gartens wurden die Gäste mit folgender Inschrift begrüßt: Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt.
Davon ließen sich gelegentlich auch ein paar Stoiker anlocken, die trotz einiger Differenzen im philosophischen System gern mal von ihrer nahe gelegenen Säulenhalle herüber kamen, weil’s bei Epikurs Gartenpartys eben gut zu Essen und zu Trinken gab. Diese Stoiker mochte Epikur als Gäste ganz gern, weil sie immer die Wahrheit sagten.
Doch leider versuchten sich auch immer wieder Kreter einzuschleichen, und die konnte Epikur gar nicht leiden. Denn die behaupteten, sie würden geheime Labyrinthe unter der Stadt bauen, was ihnen aber niemand glaubte. Schließlich war allgemein bekannt, dass diese Kreter sich in Athen nur durchschnorrten und deshalb ständig logen – und zwar immer und überall, sie konnten gar nicht mehr anders.

Epikur - Louvre Paris

Epikur – Louvre Paris

Als Epikur an einem schönen Sommerabend im Jahre 275 v. Chr. wieder eine seiner beliebten Gartenpartys schmiss, entdeckte er drei neue, ihm noch unbekannte Gäste. Natürlich wollte er wissen, welcher Gesinnung diese seien, denn schnorrende und verlogene Kreter duldete er nicht und würde sie des Gartens verweisen. Also fragte Epikur den Ersten: „Welche Geisteshaltung hast denn du?“
Der so Angesprochene murmelte etwas, das Epikur nicht verstand, worauf sich der Zweite zu Wort meldete: „Epikur, mein Freund sagte, dass er Stoiker sei. Da ich ihn ja gut kenne und ebenfalls Stoiker bin, versichere ich dir, dass er die Wahrheit gesagt hat.“ Worauf der Dritte gleich protestierte: „Nein, nein, Epikur! Die Beiden lügen und sind in Wirklichkeit Kreter, ich dagegen bin ein Stoiker!“

Diese Aussagen genügten Epikur, um die drei neuen Gäste mit Sicherheit zu beurteilen.

Frage für Euch: Wer wurde von der Gartenparty ausgeschlossen und aufgrund welcher logischen Überlegung?

Wie immer gibts auch diesmal was zu gewinnen: wer die Lösung raus hat, kann sie uns gern per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder drei Musik-CDs aus unserem Verlags-Antiquariat verlost (nach Wahl Modern Jazz oder Indie-Rock – bitte auf Lösungs-Mail entsprechende Vorliebe angeben, ebenso wie die postalische Adresse für eine mögliche Gewinnzusendung).
Einsendeschluss ist Montag, der 25. Januar 2016, tags drauf gibts hier dann auch die Lösung.

wf


Wer mehr über Epikurs Philosophie erfahren will, ist mit dieser Kurzvorleung aus der „Philosophischen Hintertreppe“ ganz gut bedient:

Die Unruhe der Welt

Ralf Konersmann über die Weigerung, die Dinge auf sich beruhen zu lassen

Seid ihr auch immer unterwegs, getrieben von dieser inneren Unruhe, etwas zu erreichen, euch zu verändern, die Dinge verbessern zu wollen, eine mögliche Welt mehr zu schätzen als die bestehende? Ist diese Inquietas eine anthropologische Konstante, die den Menschen qua natura zum „Unruhestifter“ macht, wie Helmuth Plessner vermutete? Ist sie vielleicht „der Grund der Gründe“ wie für Gottfried Wilhelm Leibniz? Oder hat die kulturelle Evolution die menschliche Hingabe an den ständigen Unruhemodus zu einer „Passion“ des Fortschreiten-müssens in der westlichen Welt entwickelt, zu einem „abendländischen Aktivitätskommando“, wie Thomas Mann einmal bemerkte?

Der Kieler Kulturphilosoph Ralf Konersmann, Mitherausgeber der Zeitschrift für Kulturphilosophie, unternimmt in seinem neuen Buch eine weit ausholende genealogische Untersuchung, wie „Die Unruhe der Welt“ überhaupt zu ihrem heutigen Status kam: als stofflich nicht fassbares Ding, das weder bloß Subjekt noch bloß Objekt, weder nur Innen oder Aussen, weder Mittel noch Zweck ist, sondern jederzeit beides zugleich. Dazu taucht er tief ein in die Mythen, Erzählungen und Deutungen aus Literatur, Philosophie und Kunst und zeigt, wie sich kulturelle Konventionen auch durch die „Unwiderstehlichkeit der Unruhe“ entwickeln und durchsetzen. So wird die Unruhe als permanenter Prozess zur eigentlichen Triebkraft der abendländischen Kultur: „Dass die Welt etwas ist, das es zu verändern gilt, war und ist der fraktionenübergreifende Konsens europäischer Intellektualität. Der erhabenste Ruhmestitel, den die westliche Kultur an ihre Intellektuellen zu vergeben hat, ist die Auszeichnung als Unruhestifter.“

Eine der Abb. im Buch: Francisco de Goya "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer"

Eine der Abb. im Buch:
Francisco de Goya „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“

Ideengeschichtlich kam die Unruhe zunächst mal als Strafe über das Menschengeschlecht: mit dem biblischen Mythos der Vertreibung des Brudermörders Kain (“Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein”) in das Land Nod (hebräisch für „Unruhe“). Das ist der Ausgangspunkt für Konersmanns mäandernden Streifzug durch die Kulturgeschichte der Unruhe und die Vielfalt der damit verbundenen Phänomene. Er zeigt, wie ihre Präsenz abhängig ist von der Art, wie wir die Wirklichkeit und wie wir uns selbst als Teil dieser Wirklichkeit verstehen wollen. Dabei ist der Mensch keineswegs gezwungen, das Joch des biblischen Fluchs als unabänderliche Bedingtheit seines Lebens zu akzeptieren oder den Aggregatszustand der Unruhe wie eine Naturgewalt hinzunehmen.
Schon der Fassbewohner Diogenes parodierte auf dem Marktplatz von Korinth die obsessive Gschaftlhuberei seiner Zeitgenossen durch scheinbar sinnloses Hin- und Herrollen seiner Tonne, und gab darauf angesprochen zur Antwort: „Ich wälze mein Fass, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich sei unter so vielen Tätigen der einzige Nichtstuer.“ Ist es hier noch der randständige Narr, der sich dem normativen Unruhe-Konformismus entzieht, wird diese Verweigerung bei den Stoikern programmatisch – die „Seelenruhe“ wird zum moralphilosophischen Anliegen; und in der Tradition des christlichen Glaubens gilt die Kontemplation sogar als Basis zum Erreichen der Nähe Gottes, mithin der Erkenntnis.
Erst ab der Renaissance können Wissenschaftler, Künstler und Denker, etwa Francis Bacon in seinem „Novum Organum“, der Unruhe wieder positive Qualität abgewinnen, als Schubkraft für notwendige Veränderungen, um nach ‚getaner Arbeit‘ wieder paradiesische Zustände zu erreichen. Seither befördert der Elan des Unruhemodus ein zwiespältiges Daseinsgefühl mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft einerseits und einer permanenten Überforderung andererseits.

Wie diese Unruhe-Ambivalenz als Zivilisationsmoment die westliche Welt in den fünf Jahrhunderten der „Neuzeit“ prägte, rekonstruiert Konersmann von Montaigne und Pascal über Leibniz, Schiller, Hegel und Marx („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern“) bis zu Brecht, Benjamin, Blumenberg und etlichen anderen Denkern, wobei die vielen motivischen Querbezüge in einem 80-seitigen Anmerkungsapperat erhellt werden, ergänzt durch ein ausführliches „Vokabular der Unruhe“.

Ralf Konersmann - Die Unruhe der WeltWer sich allerdings mit diesem stilistisch elegant geschriebenen Buch einen Lebenshilfe-Entschleunigungsratgeber erwartet (von denen es ja schon Regalkilometer gibt), wird eines Anderen belehrt: die zeitgenössischen Unruhe-Quälgeister des Massenverkehrs, des Burnout, des kommunikativen Dauerfeuers und dergleichen werden nicht exorziert und auch Tranquilizer für den Biedersinn derer, die bloß um ihre Ungestörtheit besorgt sind, hat Konersmann nicht anzubieten – stattdessen empfiehlt er ein kluges Zusammenspiel von Ruhe und Unruhe nach jener Zeile Hölderlins: „So eile denn zufrieden!“

Zum ewigen Frieden dauerts noch

Immanuel Kant

Uralte, kinderklugnaive und somit wohl zu schwierige Preisfrage: Warum dürfen im Theater dieser Welt so viele Idioten in Hauptrollen mitspielen? Wo es doch in allen Bibliotheken in allen Kulturkreisen dieser Welt genügend Worte zu finden gäbe, die beim Nachdenken über Ver-Antwortung in wichtigen Rollen hilfreich sein könnten. Beispielsweise der in viele Sprachen übersetzte […]

Ein Lob der Lüge

volker_sommer

Volker Sommer untersucht das tierische und menschliche Täuschen, Tarnen und Tricksen aus evolutionsbiologischer, kulturgeschichtlicher und psychologischer Sicht

Haben Lügen kurze Beine? Es scheint eher so zu sein, dass der Entlarvung eines Lügners – sofern sie denn überhaupt gelingt – eine oft lange erfolgreiche Strategie des Täuschens vorangeht mitsamt der intendierten (Schein-)Vorteile für den […]

Muster sind immer und überall

Scobel-Sendung "Muster des Lebens"

Wie Muster unser Denken, unsere Emotionen und unser Verhalten steuern

Kann unser Gehirn die Muster in dieser Welt nur erkennen, weil es selbst in Mustern organisiert ist? Kennt Ihr Denkmuster, die euer Verhalten und euren Alltag bestimmen? Habt Ihr schon einmal versucht diese Muster zu durchbrechen? Und was glaubt Ihr, wie solche Muster […]

Des Schopenhauer-Rätsels Lösung

Lege zwei Zündhölzer so um, dass der Stein in der Schaufel liegt (ohne diesen zu bewegen)

Diesmal waren zur Lösung unseres Sommerrätsels nur zwei allgemein bekannte mathematische Verfahren nötig, nämlich der Dreisatz und der Pythagoras; Stoff der 9. Klasse, die vermutlich die meisten unserer Leser_innen absolviert haben.

Aber das muss man bei der Fragestellung halt erstmal sehen, und wenn man am Anfang nichts sieht, empfiehlt es sich, […]

Wenn Sternschnuppen ins Sommerloch fallen

sternschnuppen

… dann kramen publikumsfreundliche Qualitätsmedien jeden August dankbar die immergleichen Artikel aus’m Archiv, weil jeder Beitrag über dieses Phänomen sowieso a gmaade Wiesn is. Es bedarf dabei lediglich einer kleinen Aktualisierung, nämlich der Ankündigung der optimalen „Sternschnuppennacht“, die sich alljährlich plusminus 2 Tage verschiebt. So sagt also unser Haus-Astronom diesmal das Sternschnuppenmaximum für […]

Sommerpreisrätsel 2015: Die Würstchen von Schopenhauers Pudel

Busch-Zeichnung vom philosophischen Flaneur Arthur Schopenhauer mit Pudel "Atman"

Erfreulicherweise gibts immer mehr Magazine, die regelmäßig originelle Logikrätsel anbieten (wie etwa die ZEIT oder „Spiegel online“), doch mir als hiesigem Rätsel-MC wird es dadurch eher erschwert, euch hier immer wieder Frischware aufzutischen. Ihr wollt ja schließich nicht einfach nach ner Lösung googeln, sondern lieber wagen selber zu denken ;-)

Da […]

Eine kurze Geschichte des Reisens

Odysseus und die Sirenen

Wenn Einer eine Reise tut und dann in der Ferne auf Landsleute trifft, wird er wahrscheinlich dasselbe Phänomen entdecken wie seinerzeit schon Michel de Montaigne (1533-1592): „Wo sie hinreisen, halten sie sich an ihre Gebräuche und Weisen und verabscheuen die fremden. Finden sie einen Landsmann in Ungarn, so tun sie entsetzlich fröhlich über […]

Beim Echo Jazz darf ein Akkordeonvirtuose aufs Stockerl

Vincent Peirani & Emile Parisien

Zu den mächtigsten Medien-Lobbyisten der deutschen Kulturindustrie gehört die Deutsche Phono-Akademie, die sich selbst gern öffentlich als ‚Kulturinstitut‘ stilisiert, aber nur aus einem Häuflein bezahlter Marketingvertreter der kommerziellen Musikwirtschaft besteht. Ihr werbewirksamstes Instrument ist die jährliche Ausrichtung und Verleihung des Musikpreises Echo, der in der Sparte Pop seit 1992, für Klassik seit 1994 […]