Philosophische Schnipsel

Philosophische Schnipsel

Notizen, Essays & Reflexionen zu Kultur, Medien, Literatur und Gegenwartsphilosophie

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Lösung des Neujahrsrätsel 2012

Dass der Mensch, solang er von der Ellbogengesellschaft noch nicht ganz verzogen wurde, sich daran erfreut, anderen eine Freunde zu machen, auch wenn er diese Anderen gar nicht kennt oder sich einen materiellen Vorteil davon erhoffen kann, zeigt sich mir jedesmal, wenn’s zur Gewinnziehung  unserer regelmäßigen kleinen Rätsel kommt. Da strahlt die kleine Glücksfee aus der Nachbarschaft (elf Jahre alt), wenn sie aus dem Packerl der richtigen Lösungen die drei Glücklichen rausfischen darf, fast als ob sie selbst was gewonnen hätte (na ja, ein kleines ‘Zuckerl’ kriegt sie schon auch für ihre Arbeit). Und möchte dann auch immer wissen, wo denn die Stadt dieser und jener Person läge und ob ich diese und jene vielleicht persönlich kenne.
Letzteres ist in der Tat gelegentlich der Fall, weil sich meistens auch ein paar Bekannte an dem Spielchen beteiligen, und so ergab der Zufall, dass ich diesmal dem Mädel sogar über zwei der GewinnerInnen was erzählen konnte - nix Schlimmes oder Verfängliches natürlich, wie es in gewissen Kreisen beim Smalltalk unter ‘Erwachsenen’ oft üblich ist, sondern einfach ein paar Nettigkeiten zur Person. Darüber freut sich die kleine Glücksfee dann noch mehr…

Aber erstmal zur Auflösung: Beim diesjährigen Neujahrsrätsel wäre die richtige Antwort des unglückseligen Spions auf den Zuruf “12″ natürlich “5″ gewesen, da der Geheimcode sich nicht auf den Zahlenwert, sondern auf die Buchstabenanzahl des jeweils zugerufenen Zahlwortes bezog. Neben den drei Dutzend richtigen Antworten gabs ein paar wohl eher scherzhaft gemeinte Lösungsversuche, wobei mir jener mit der Herleitung aus der kabbalistischen Zahlenmystik besonders gefiel. Allerdings konnte ich diese Alternative mangels Kenntnis der Materie nicht gelten lassen, da hätte besser Madonna in der Jury gesessen ;-)

Gewonnen haben: * Polat-Hüseyin Bostan (Bad Kreuznach), * Martina Nerge (Schongau) * Nick Naffin (Flensburg).
Wir gratulieren und schicken Euch die Indie-Rock-Raritäten (aus unserm Verlags-Antiquariat) in den nächsten Tagen zu!

Allen Zusendern herzlichen Dank fürs Mitmachen, wie immer viel Vergnügen beim “Quälen” anderer Rätselfreunde mit diesem Gschichterl und natürlich Vorfreude beim Warten aufs nächste. Wer sich übrigens selber eine kleine “Philo-Rätselstory” ausdenken und uns zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung neben der Autorennennung ebenfalls eine ‘fette’ Buch- oder CD-Belohnung…

wf

Und noch ein “Sachcomic Philosophie”

Es ist marketingtechnisch sicher nicht das Schlechteste, wenn man zwei angesagte Trends in einem Produkt bündeln kann. So machen’s ein paar schlaue Verleger gerade auf dem Buchmarkt, wo sich das (wieder) boomende Comicformat neuerdings immer öfter mit dem seit einigen Jahren Bestseller-tauglichen Thema “Philosophie” zusammentut. Mittlerweile geht das entsprechende Angebot, großteils Lizenzausgaben anglo-amerikanischer Verlage, in die Hunderte. Gelegentlich schneit mir was davon ins Haus, und wenns mir originell und lesenswert erscheint, stell ich’s hier auch gern kurz vor. So wie letzthin schon das hübsche Philo-Bilderlesebuch“Wer ist hier der Chef?” aus dem Hanser Verlag, und nun also ein “Sachcomic Philosophie” von TibiaPress. Und da ich seit Kindertagen ein Faible für derartige Naschereien abseits der literarisch-philosophischen Hauptspeisen hab (immerhin wurde meine philosophische Früherziehung von dem antiklerikalen Spötter Wilhelm Busch mitgeprägt), erwärmte ich mich nicht nur wegen des schmuddeligen Winterwetters an der Vorstellung einer kurzweiligen Badewannenlektüre.

sachcomic philosophieNun wars allerdings mit einer Badewannensitzung nicht getan, denn dieses Taschenbuch erfordert mit seinen gut 170 Seiten dann doch mehrere Schmökerstündchen, zumal es, das sei vorweg verraten, auch gewisse Anforderungen an die Leseachtsamkeit stellt.

Schon der Anspruch ist hoch gesetzt: einen einigermaßen umfassenden Abriss der abendländischen Philosophiegeschichte mit ihren wichtigsten Denkern samt deren Fragestellungen zum Weltverständnis zu geben. Das beginnt bei den Vorsokratikern und spannt dann, wie der Klappentext verspricht, “den Bogen von Aristoteles über Augustinus, Descartes, Hegel, Kant, Wittgenstein, Jefferson, Karl Popper zu Foucault und notiert deren Antworten.”

Dabei werden die ‘gewichtigeren’ Geistesgrößen wie Platon, Kant, Hegel, Nietzsche u.a. auf jeweils mehreren Seiten vorgestellt, viele ‘Nebenfiguren’ müssen mit nur einer oder zwei Seiten vorlieb nehmen. In den Texten versucht Autor Dave Robinson, nicht nur das Wesentliche der jeweiligen Denkmodelle herauszuarbeiten, sondern im chronologischen Fortschreiten auch die geistigen Verbindungslinien anzudeuten. Die renommierte Zeichnerin Judy Groves imaginiert dazu anekdotische Schlüsselszenen für jeden Philosophen und legt ihnen entsprechende, meist bekannte Zitate in die Sprechblasen. Dabei zeigt sie Liebe zum Detail und skizziert die jeweiligen historischen Settings und vor allem die Gesichter so charakteristisch, wie sie uns aus überlieferten Darstellungen oder später dann von Fotographien bekannt sind. Dass sie dabei auch schon mal in die eine oder andere Klischee-Falle zu tappen scheint, wie etwa bei der Szene des in einer Tonne hockenden Kynikers Diogenes, stört das Lesevergnügen nicht wirklich - man kann das ja auch als Extra-Späßchen durchgehn lassen.

Über die reine Darstellung der Philosophiegeschichte hinaus erlaubt sich Robinson am Ende einiger Kapitel auch durchaus persönliche Wertungen mancher Denk-Systeme. So kommentiert er etwa zum ‘Säulenheiligen’ Platon: “Platons Philosophie hat ganze Generationen von späteren Philosophen davon überzeugt, dass es ihre Aufgabe sei, eine Art mystisches oder “ideales” Wissen zu entdecken, das sich unter der Oberfläche des Alltäglichen verbirgt. Seine Staatsphilosophie ist zugleich ein nicht unbedenklicher Aufruf, ein von einem “obersten Herrscher” und einer elitären Elite gelenktes Utopia zu schaffen. Wohin solche Experimente führen können, ist allgemein bekannt.”
Ah, mir scheint, da hat jemand seinen Sir Karl Popper gut gelesen…

Karl Marx bekommt von Robinson zu hören, dass “viele seiner Vorhersagen auch aus heutiger Sicht falsch zu sein scheinen” und Martin Heidegger wird wegen seiner “verheerenden politischen Unterstützung für Hitler” als “problematische Persönlichkeit” eingeschätzt.

Diese (und einige andere, auch positive) persönliche Wertungen sind sicher auch in einem “Infocomic” legitim, zeigen aber, dass man ‘unbedarfte’ Philo-Novizen bei den damit aufgeworfenen Fragen nicht allein lassen sollte.

Auch der in vielen kontinentaleuropäischen Universitäten wenig beachteten Geschichte der amerikanischen Philosophie wird von dem anglo-amerikanischen Autorenteam angemessener Platz eingeräumt. Der Ursprung der (nord)amerikanischen Philosophie aus der europäischen Aufklärung und das daraus entstehende demokratische System der Vereinigten Staaten mitsamt seiner Feedback-Wirkung auf Europa werden ebenso ausgeleuchtet wie die seit jeher pragmatische Ausrichtung der amerikanischen Philosophie. Die übrigens, wie der Leser auch erfährt, heutzutage in den USA eine professionelle gesellschaftliche Institution ist, die mehr als 10.000 akademische Philosophen beschäftigt.

Am Ende kehrt der Band zurück nach Europa, genauer gesagt nach Frankreich, weil dort viele wichtige Denkansätze der “Postmoderne” von Philosophen wie Barthes, Derrida, Lacan, Lyotard, Foucault oder Baudrillard ihren Ausgang nahmen.
Bei soviel historischem Stoff ist verständlich, dass die Autoren nicht auch noch die zeitgenössische, höchst vielfältige und lebendige Philo-Szene behandeln können; immerhin wird noch auf das gegenwärtige Spannungsverhältnis zwischen traditioneller Metaphysik, den postmodernen Varietäten des Skeptizismus, Hyperrealismus, des Ironisch-Spielerischen und den empirischen Wissenschaften verwiesen, wobei der Leser mit dem wahrhaft weisen Ratschlag entlassen wird: “Pass auf, was passiert!”

Wie bei einem Lese-Comic zu erwarten, kommen die Texte trotz philosophischen Inhalts nicht in einem bräsigen Seminaristen-Deutsch daher; allerdings auch nicht flapsig oder nur anekdotisch, sondern klug zusammenfassend und dabei (bis auf wenige Fachtermini) allgemeinverständlich und ohne akademisches Vorwissen zugänglich. Doch Vorsicht: gerade weil die jeweiligen philosophischen Konzepte so komprimiert dargestellt sind und dabei eben möglichst umfassend sein sollen, ergibt das für philo-interessierte Einsteiger eine inhaltliche (Nachdenk-)Dichte, die schon bei jedem einzelnen Kapitelchen für ein veritables Vollbad langt.

Wer jetzt noch zweifelt, ob dieser kleine Appetizer für sich selber, als Geschenk oder als Basislektüre für einen “Grundkurs Philosophie” taugen könnte, der kann ja mal den kundenfreundlichen Service des Verlags in Anspruch nehmen: denn der bietet auf seiner Website an, in diesem Büchlein (wie in allen anderen aus der Reihe “InfoComics”) online zu blättern und zu lesen.

Comic-Fans, Archäologen und regelmäßige Leser dieses Blogs wissen natürlich, dass die Liäson zwischen Comic und Philosophie eine lange Vorgeschichte hat, denn schließlich zeichnete der fragende, denkende und also philosophierende Mensch schon seit Höhlenzeiten Philosophische Cartoons - vom Steinzeit-Kino zu den Simpsons.

Philosophie: Ein Sachcomic
von Dave Robinson und Judy Groves
Verlag TibiaPress 2011, 176 S.
ISBN-13: 978-3935254281

wf

(Kommentare dazu gibts auch im “Freitag“)


Neujahrsrätsel 2012: Ein Spion verwechselt Sinn und Bedeutung

Im alltäglichen Leben denken wir nur selten über den Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung eines Begriffs nach. Meist ergibt sich die Bedeutung eines Worts oder einer Äußerung aus einem Sinnzusammenhang, den wir mit Hilfe unseres Denk- und Erinnerungsvermögens selbst und also subjektiv herstellen - was übrigens auch der Grund dafür ist, dass manche Leute Ironie nicht verstehen.

pythia wiki commons Unklarheiten in Sinn- und Bedeutungfragen sind aber so alt wie die Sprache selbst, und ein Lied davon konnten schon die Alten Griechen singen. Denn regelmäßig befragten sie das Orakel von Delphi, was sie tun oder lassen sollten, doch bei der Orakelpriesterin Pythia war leider selten klar, ob und wann sie überhaupt mit Sinn und Bedeutung redete; man wusste nicht, ob ihr Hirn gerade von Räucherwerk benebelt war, ob politische Widersacher sie bestochen hatten oder ob ihr gar die Laune nach Veralberung der Ratsuchenden stand (am Eingang des Tempels von Delphi soll ja schließlich die Inschrift „Erkenne dich selbst“ gestanden haben…)

Für die Bedeutungsspekuliererei seiner Landsleute hatte der Aristoteles wenig übrig; er glaubte, dass es mit Hilfe der richtigen Methode – der deduktiven Logik – möglich sei, wahre, der Realität entsprechende Aussagen zu machen und diese auch zu überprüfen. Das beruhte auf seiner Überzeugung, die Wirklichkeit werde im Denken und somit auch in der Sprache, da diese das Denken nach Außen weitergibt, richtig abgebildet.

Gottlob Frege.jpgDas problematische Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit wurde dann zwar nach und nach erkannt, aber erst der deutsche Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege (1848-1925) verwarf die herkömmliche deduktive Logik und entwickelte eine neue formale und symbolische Version, mit der er auch alle sprachlichen Elemente in logische Beziehungen zueinander setzte, womit er zum Mitbegründer der analytischen Sprachphilosophie wurde. Er unterscheidet zwischen einem Sinn und einer Bedeutung, die jedem sprachlichen Zeichen zukommen.
In Freges Terminologie ist Sinn ein veränderbares, auf Konventionen gegründetes öffentliches Phänomen, während er mit Bedeutung den Bezug bzw. den Wahrheitsgehalt eines Ausdrucks meint. Daraus entwickelte Frege sein komplexes sprachlogisches System, mit dem heute noch die Erstsemester der Linguistik gequält werden.
Wie’s dann weiterging in der modernen Sprachphilosophie mit Wittgenstein, Quine, Davidson und Co. in Richtung eines lebensweltlich orientierten Pragmatismus, mögen Interessierte bitte selber nachlesen - die Rätselfreunde werden sicher langsam ungeduldig.
Nach dieser kleinen Vorrede sollte klar sein, dass Sinn & Bedeutung von Ausdrücken und Zeichen innerhalb einer Gruppe veränderbar sind, wenn man entsprechende Absprachen trifft. Das sind dann Geheimsprachen (z.B. bei Jugendlichen) bzw. Geheimcodes, die für Außenstehende oft schwer zu entschlüsseln sind. Allerdings dürfte das folgende Beispiel für euch leicht zu knacken sein, zumal es diesmal ja eher aus der Scherz- denn aus der Denk-Ecke kommt, auch wenns tödlich endet ;-)

Das Neujahsrätsel 2012: Der Fehlschluss des Spions

Während eines der vielen deutsch-französischen Kriege wollte ein französischer Agent in eine deutsche Stadt eindringen, um deren Waffenarsenal auszuspionieren. Nun war aber der Einlass in die Stadt durch einen geheimen Code geschützt, den zwar alle Einheimischen kannten, nicht aber der Spion. Er legte sich also nahe des Stadttores versteckt in einem Busch auf die Lauer und wartete.
Bald fuhr ein Händler auf einem Karren heran und verlangte Einlass. Der Wächter sagte: “28″. Der Händler überlegte kurz, antwortete dann mit “14″ und wurde eingelassen. Danach kam ein junges Bauernmädchen und nun rief der Wächter: “8″. Das Mädchen entgegnete “4″ und durfte ebenfalls passieren. Schließlich stand ein Mönch vor dem Stadttor und der Wächter sagte: “16″. Der Mönch antwortete mit “8″ und ging durchs Tor.
Nun glaubte der Spion den Code durchschaut zu haben und stolzierte selbstsicher vor das Stadttor. Der Wächter verstellte ihm den Weg und sagte: “12″. Der Spion erwiderte: “6″ und wollte schon weiterlaufen, aber bevor er auch nur einen Schritt machen konnte, zog der Wächter sein Schwert und hieb ihm den Kopf ab.
Er hatte die falsche Antwort gegeben!

Die Frage an Euch: Was wäre die richtige Antwort gewesen und warum?


Wer mag, kann uns die richtige Lösung wieder zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) - unter allen richtigen Einsendungen werden wieder drei Musik-CDs verlost (nach Wahl Modern Jazz oder Indie-Rock - bitte auf Lösungs-mail angeben!) .
Einsendeschluss ist der 20. Januar 2012.

wf


Vom (Un-)Wesen der Spielmannszüge

Ob es sich bei den jahresendlichen Aufmärschen der Fanfaren- und Spielmannszüge um gelebte oder im Zappa’schen Sinn verwesende Tradition handelt, sei zunächst dahingestellt. Jedenfalls trommelt sich seit gestern wieder dieses alljährliche Ritual durch unsere Kleinstadt, zunächst noch leise, aus der Ferne sich langsam heran arbeitend, doch mit der sehr konkreten Drohung, auch diesmal unsere Straße nicht zu verschonen. Aber weil man ja um die kommende Unbill weiß, lässt sich Vorkehrung zu einem erträglichen Überstehen treffen, ja sogar ein wenig pädagogischer Nutzen daraus ziehen.
Zwar kann ich dem um die jeweilige Zeit anwesenden Schüler nicht vorher die Stunde absagen, da eine genaue Uhrzeit jener Heimsuchung nicht vorhersagbar ist, doch steht dann der Tee für die unfreiwillige Unterrichtspause schon bereit, und wenn das Tröten & Trommeln des Spielmannszugs vor dem Hause angelangt ist, ergibt sich erstmal Gelegenheit für Basisübungen in Gebärdensprache.
Zwischendurch pausiert die Truppe, um an die umliegenden Haustüren zu einer Kollekte auszuschwärmen, die bei musiktraditionalistisch Wohlmeinenden gern auch in Form einiger schneller “Kurzer” entrichtet wird. Da ist dann bei so manchem Bläser bald nicht nur der Ansatz verschwommen. Erstaunlich dabei ist deren Kondition, denn seit einigen Jahren wird nicht mehr nur, wie ich mich aus früherer Zeit zu erinnern glaube, am Silvestertag das Böse aus dem alten Jahr geblasen, sondern man beginnt bereits zwei Tage zuvor, anscheinend um die quantitativen Ergebnisse der einen wie der anderen Form der Kollekte zu verbessern.
Das durfte ich vergangenes Jahr face to face erleben, denn just wie es der Zufall wollte, ging ich bei jener Gelegenheit nach einem Klingeln an die Haustür, um einem erwarteten Schüler zu öffnen. Doch da standen sie schon, zu dritt mit ihren Lärmutensilien auf dem Buckel, und hielten mir mit dem selbstgefälligen Grinsen der Angesüffelten eine blecherne Spardose entgegen. Und weil auch ich nicht immer Herr der geistreichen Rede bin, wenns spontan zugeht, fiel mir in diesem Moment nur der abgestandene Witz ein, ob man denn gekommen sei, um mich mit ein wenig Schmerzensgeld zu entschädigen. Meine sofort einsetzende Reue ließ mich einen Schritt in den Flur zurückweichen, und so ward mir statt der befürchteten Watschn nur ein schnaubender Grunzer entgegengeschleudert, schon aus einem wankenden Abdrehen heraus. Immerhin durfte ich für mich in Anspruch nehmen, die anderen Hausbewohner vor weiteren Klingelbelästigungen bewahrt zu haben.

spielmannszug DDR wiki commons

Nun besteht meine weitere pädagogische Nutzbarmachung des Ereignisses darin, dass ich nach dem akustischen Rückzug des Gedröhns den armen, ja eigentlich nur zufällig anwesenden Schüler mit einem kurzen musikhistorischen, dabei aber meiner Boshaftigkeit entsprechend suggestiven Exkurs in etwa dieser Art beschwatze:
“Angefangen hat ja der ganze Fanfaren-Klamauk (wie so manch anderer auch) mit einem offenbar Gottgewollten militärischen Zweck, als die Israeliten mit den Posaunen vor Jericho zur Landnahme Kanaans bliesen. Ein schöner Mythos für das kollektive Gedächtnis, dem die Musikbataillone aller Heerscharen seit Jahrtausenden ihre Legitimation verdanken.
Nach und nach wurde klangtechnisch aufgerüstet, die Türken etwa führten den Schellenbaum in ihre Marschmusik ein (weshalb man diesen Tschingdarassa-Sound mitunter als “türkische Musik” bezeichnet), und auch abseits der Schlachtfelder eignete sich das Spielmannswesen bestens zur Stärkung des völkischen Kampfeswillens und zur Selbstdarstellung der Machthaber. Das war zu Zeiten von Preußens Gloria so und das war bei den Nationalsozialisten so, die bei ihren Reichsparteitagen in Nürnberg und anderen Veranstaltungen die Spielmannszüge der SA und der SS aufmarschieren ließen. Sogar die real existierenden Sozialisten der DDR glaubten danach noch an die Wirkung solcher Propaganda für den Staatserhalt und gegen den Klassenfeind - guck dir mal das Foto hier an! Und was man heut vom Großen Zapfenstreich für einen Herrn Guttenberg mit dem geschmetterten Smoke on the Water halten kann, überlass ich dann mal deiner eigenen Interpretation…”

Aber nachdem ja eine der Künste in der Pädagogik darin besteht, Schüler mit einer positiven Stimmung aus der Stunde zu entlassen, kram ich dann noch gern die schöne Geschichte (und den Sound) von jenem Spielmannszug hervor, der einst, in den 1980ern, unser Städtchen in hübsche Verwirrung versetzt hatte. Damals war eine amerikanische Marching Band, die “Dirty Dozen Brass Band” bei uns zu Gast, um bei einem kleinen Jazzfestival im Rahmen der Reihe “Jazz im Pfaffenwinkel” aufzutreten. Zum Zwecke der Bewerbung ihres abendlichen Auftritts marschierten die neun Jungs schon am Nachmittag funky groovend durch die Altstadt und abends auf der Bühne spielten sie dann solche Sachen:

    Übrigens: Musiker aus der lokalen Spielmannszugszene hab ich damals im Publikum keine gesichtet ;-)

wf


Nietzsche nicht nur zur Weihnachtszeit…

… und Philosophische Vitamine für untern Baum

Von allen Philosophen ist wohl Friedrich Nietzsche für begabte junge Menschen der mit dem rockigsten Identifikationspotenzial. Keiner sonst hämmert mit so einer kompromisslosen Verachtung gegen die Kleinbürger-Werte und religiöse Popanzerei, keiner sonst beschwört mit solchem Pathos den ‘Übermenschen’ im künstlerisch-genialen Welteroberer, als der jeder aufmüpfige Jugendliche sich selbst gern imaginiert, bis er sich oft genug die Flügel an den Gittern der Großen Voliere  gestaucht hat und sich dann doch lieber nach einer Philosophie des Scheiterns umsieht. Denn nur wenige traun sich nach den Disziplinierungsmaßnahmen des ‘Gesellschaftsvertrags’ noch aufzusprechen und zu leben wie einst der Nietzsche-Inspirator Max Stirner: “Ich bin meine Gattung, bin ohne Norm, ohne Gesetz, ohne Muster und dergleichen.”

friedrich nietzscheWährend heutzutage die Entwicklungspsychologen diese jugendliche Aufmüpfigkeit als biologisch-hormonellen Ausnahmezustand erklären (von hormonellen Überproduktionen und unfertigen Hirnarealen ist da gern die Rede), holte ich mir meinerzeit als 17-jähriger Rabauke lieber bei Nietzsche ein Alibi und damit gleichzeitig Stoff für den intellektuellen Distinktionsgewinn: “Der wahre Philosoph lebt unphilosophisch und unweise, vor Allem unklug und fühlt die Last und Pflicht zu hundert Versuchen und Versuchungen des Lebens - er risquiert sich beständig, er spielt das schlimme Spiel…”
(aus “Jenseits von Gut und Böse“)

Nun lebte Nietzsche selber aber gar nicht so rockig und erst recht nicht nach dem von ihm postulierten “Willen zur Macht“, sondern war früh schon ein Aussteiger, sowohl aus den philosophischen Moden als auch aus der bürgerlichen Leistungsgesellschaft des 19. Jahrhunderts. Er schmiss mit 35 Jahren seine Professur für Alt-Philologie und erhielt nur eine kleine Rente, unterstützt durch Zuwendungen von Freunden und Familie.
Ohne karrieristische Ambitionen (und auch fast ohne Leser) musste er vor niemand mehr den Gefall-August machen und konnte in seiner Einsiedelei im Schweizerischen Sils-Maria Klartext reden und schreiben. So analysierte er auf seinen ausgedehnten Spaziergängen (“Trau keinem Gedanken, der im Sitzen kommt!”) den mit der zunehmenden Industrialisierung wuchernden Kapitalismus als Feind alles Geistigen:
“Die gebildeten Stände und Staaten werden von einer großartig verächtlichen Geldwirthschaft fortgerissen. Niemals war die Welt mehr Welt, nie ärmer an Liebe und Güte. Die gelehrten Stände sind nicht mehr Leuchtthürme oder Asyle inmitten aller dieser Unruhe der Verweltlichung. […] Alles dient der kommenden Barbarei. Der Gebildete ist zum größten Feinde der Bildung abgeartet.”

Die Entwicklung des damaligen Bildungssystems war ihm ein Gräuel, und gerade so, als blickte er damals schon auf unsere heutige Gesellschaft, sah er darin keinen anderen End-Zweck als den der allumfassenden Profit-Maximierung:
“Jede Bildung ist hier verhasst, die einsam macht, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt, die viel Zeit verbraucht. […] Nach der hier geltenden Sittlichkeit steht gerade das Umgekehrte im Preise, nämlich eine rasche Bildung, um bald ein geldverdienendes Wesen zu werden, und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Dem Menschen wird nur soviel Kultur gestattet, als im Interesse des allgemeinen Erwerbs und des Welt-Verkehrs ist, aber soviel wird auch von ihm gefordert.”

Wie Theo Roos in einem seiner “Philosophischen Vitamine” (Teil 28) bemerkte, prophezeit uns Nietzsche alle Insignien des heutigen globalen Turbo-Kapitalismus aus seinen Anfängen: Shareholdertum, das Taxieren der Dinge nach ihrem Marktwert statt nach unserem persönlichen Bedürfnis und nicht zuletzt die Gier nach immer größeren Gewinnen. Die höheren Stände, die Handeltreibenden, heute würden wir sagen die Manager, Shareholder, Leistungsträger, kurz die Elite der Gesellschaft, sind Nietzsche suspekt:
“Woher diese unmäßige Ungeduld, welche jetzt den Menschen zum Verbrecher macht. […] Wenn drei Viertel der höheren Gesellschaft dem erlaubten Betruge nachhängt und am schlechten Gewissen der Börse und der Spekulation zu tragen hat: Was treibt sie? Nicht die eigentliche Not, es geht ihnen nicht so ganz schlecht, vielleicht sogar essen und trinken sie ohne Sorge, aber eine furchtbare Ungeduld darüber, dass das Geld sich zu langsam häuft und eine ebenso furchtbare Lust und Liebe zu gehäuftem Gelde drängt sie bei Tag und bei der Nacht.” ( aus “Morgenröthe“)

Zu Nietzsches Zeit war die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes noch nicht sehr vorangekommen, der Christbaum war ja auch gerade erst in die bürgerlichen Wohnstuben eingeführt worden, aber wer sich heute allabendlich die Frohe Botschaft von den Umsatzsteigerungen im Weihnachtshandel in den Nachrichten anhört und ein wenig mitdenkt, der kommt wohl nicht umhin, die ursprüngliche Symbolik des Festes zu Einkehr und Besinnung auf den Kopf zu stellen und Weihnachten als das alljährliche Hochamt dieses Turbo-Kapitalismus zu erkennen. Und wenn einer auch noch Mut zur Selbstreflexion hat, mag er dann mit Nietzsche drüber nachdenken: “Wer und wie viele konsumieren dies? ist die Frage der Fragen.”


    Und damit bei aller Konsumkritik die Frage nach dem Glauben nicht zu kurz kommt, gibts dazu noch ein philosophisches Vitamin aus dem “Philosophischen Kopfkino”, ein wenig Nietzsche inclusive:

Möglicherweise hat das Ende des Filmchens jetzt bei manchen von euch ein Fragezeichen hinsichtlich des Verhältnisses “Glaube - Philosophie” hinterlassen; die beiden müssen sich aber nicht ausschließen, zumal beide sich mit existenziellen Bedürfnissen des Mensch-Seins beschäftigen. Der dänische Philosoph und überzeugte Christ Søren Kierkegaard (1813-1855) etwa meinte, dass man gerade wegen der “objektiven Unsicherheit”, dass es keinen Gott gibt, zu einem Gläubigen werden sollte. Und um so einen freiwillig gewählten “Sprung in den Glauben” mitsamt einem Leben in “Furcht und Zittern” aushalten zu können, empfielt er:

“Ebenso wie die Philosophie mit dem Zweifel, ebenso beginnt ein Leben, das menschenwürdig genannt werden kann, mit der Ironie.” (Søren Kierkegaard)

Das, liebe Leser, soll dann auch dieses Jahr mein Weihnachtsgruß an euch sein - so als kleine Notiz für untern Baum…

wf

(Kommentare dazu auch im “Freitag“)


“Wer ist hier der Chef?” - ein Philo-Bilderlesebuch für jedes Alter

Wunderbar, dass es mittlerweile auch Philosophieunterricht in der Grundschule gibt - allerdings sind das noch seltene Glücksfälle, und so kommen die meisten denk-fürsorglichen Eltern nicht umhin, in dieser Angelegenheit selber Geist anzulegen. Kinder sind ja ohnehin neugierig auf alle existenziellen Fragen, haben Spaß (und manchmal auch Ehrfurcht) bei metaphysischen Spekulationen und können mit ihrer intellektuellen Respektlosigkeit auch schon mal Löcher in die bildungsbewährten Denkmauern der Erwachsenen ballern. Noch besser klappt das, wenn die Atmosphäre dazu passt, und aus eigener Erfahrung kann ich dafür so Sachen wie Zelteln mit Lagerfeuer, ein Hüttenwochenende in den Bergen oder kleine Nachtwanderungen empfehlen; denn im Sterndl-Gucken liegt ja der Anfang aller Philosophie, oder um’s mit dem guten Feuerbach zu sagen: “Der Himmel erinnert den Menschen an seine Bestimmung.”

wer ist der chef Ganz so hoch muss man aber gar nicht immer greifen, um mit Kindern zu philosophieren, denn mittlerweile lässt sich in vielen guten Buchhandlungen vergnüglicher und geistreicher Lesestoff für Philosophen jeden Alters finden. Wie etwa die hübsche, kleine Neuerscheinung aus dem Hanser Verlag “Wer ist hier der Chef?”
In dieser poetisch-philosophischen Fabel kommt eine Katze zunächst mit einem angeleinten Hund ins Gespräch und wundert sich, warum dieser scheinbar zufrieden damit ist, so unfrei auf sein Herrchen zu warten. Neugierig geworden macht sie sich auf den Weg und begegnet verschiedenen andern Tieren, der klugen Eule, dem schlauen Fuchs, den frechen Mäusen - und findet bald heraus, dass die alle recht unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit und Autonomie haben, dass es verschiedenen Arten von In-der-Welt-sein gibt…


Bemerkenswert ist auch die liebevoll-aufwändige Ausstattung mit Aufklapptechnik, den ausdrucksstarken Illustrationen von Katrien Matthys und das Ganze in einer erstaunlichen Drucktechnik, die alle Bilder und Buchstaben im Dunkeln leuchten lässt wie Sterne - hey Kiddies, da braucht’s zum Lesen keine heimliche Taschenlampe mehr unter der Bettdecke!
Na, wenn das mal nicht Philosophie sinnlich ist…

 

Bart Moeyaert, Katrin Matthys
“Wer ist hier der Chef?”
Hanser 2011
ISBN-13: 978-3446237896
für jedes Alter

wf

Ein Literaturfest und das Geheimrezept der Bestseller-Autoren

Derzeit findet in München wieder das Literaturfest statt (10.-27. November), wobei unter dem Motto »Die Welt auf Deutsch« nichts weniger als “die Vielstimmigkeit und Welthaltigkeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur” gezeigt werden soll.  Zumindest hat der Kurator Matthias Politycki diesen Anspruch und deshalb läßt er die 77 von ihm handverlesenen Kumpels Autoren nicht nur Munich-crossover aus ihren Werken rezitieren, sondern auch ein Bad in der Menge nehmen, mit Schülern diskutieren und sich zum allabendlichen Umtrunk in einem “Salon der lebenden Schriftsteller” versammeln. Die Qualifikation des Auch-Lyrikers Politycki (“Das Kernland der deutschen Literatur ist freilich immer die Lyrik gewesen”) als Cheffe dieser für die ‘Literaturhauptstadt’ so imagepolierenden Veranstaltungsreihe wird denn auch offiziell beworben mit einem Zertifikat des Axel-Springer-Blattes “Die Welt”, die in ihm den »größten lebenden Sprachkulinariker unter den deutschen Dichtern« erkannt hat.

Nun sage niemand,  hier würde schon wieder rumpolemisiert ohne Fakten, Fakten, Fakten dazuzureichen, denn gern und mit (ernstgemeinter) Empfehlung verweisen wir auf den das “forum: autoren” begleitenden Blog, der tagesaktuell vom Geschehen berichtet und den schriftstellernden Teilnehmern eine Plattform für ihre persönlichen Klartexte mit Statements zur Gegenwartsliteratur bietet - wenn man da drin rumstöbert wird schnell klar, wie unklar jeder Versuch einer literaturästhetischen, poetologischen oder gesellschaftsrelevanten Standortbestimmung der Dichtergilde im post-postmodernen “anything goes” ausfallen muss.

Es wird gemunkelt, dass zum Abschluss des Münchner Literaturfestes bei einem gemeinsamen Videoabend auch enthüllt wird, wie man nach all dem Fellkraulen und sich-Begrunzen dann auch noch einen Bestseller schreibt; denn nach dem letztjährigen, investigativen Metropolis-Clip mit Gewinnanleitung für einen Literaturpreis hat der Arte-Literaturfachmann Simon Dronet nun ein Remake mit weiteren Zutaten dieses geheimen Bestseller-Rezepts nachgelegt:

 

 

 

Literaturfest München

wf

Steckt im Okkultismus Innovationspotential?

Weil ja kürzlich Halloween und Allerheiligen war und grad geisterhafte Herbstnebel durch unsere Vorgärten und Gemüter wabern, hatte Volker Panzer im letzten ZDF-Nachtstudio wieder mal ein paar Gäste zum Gespräch über “Okkultismus” ans elektronische Kaminfeuer eingeladen - ein volksnahes Thema, denn schließlich glaubt jeder siebte Deutsche (zwei Drittel davon Frauen) an Magie, Hexerei und andere übersinnliche Manifestationen. Da wärs keine Schande, wenn auch Sie schon mal Stimmen aus dem Jenseits gehört oder zu Zwecken der Geisteraustreibung einen “Hausentstörer”, so ein Art Kammerjäger für Spukerscheinungen,  bestellt hätten.

Nun gibt es Leute, die auch abseits der damit verbundenen Scharlatanerie ihr Geld damit verdienen und sich literarisch oder wissenschaftlich mit paranormalen Phänomenen beschäftigen und beispielsweise “Anomalien im Bereich von Psychologie und Physik” untersuchen und dokumentieren. Wie Studiogast Eberhard Bauer, der am “Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene” in Freiburg als Psychologe arbeitet und am Fall der 1976 in Folge von exorzisstischen Ritualen verstorbenen Anneliese Michel schilderte, wie sich in konservativ-religiösen Umfeldern der mittelalterliche Aberglaube an dämonische Besessenheit bis in die ‘aufgeklärte’ Gegenwart halten konnte. Er glaubt, “die Begegnung mit dem Spukhaft-Außergewöhnlichen gehört zur menschlichen Natur, das ist quasi existenziell bedeutsam.”

das okkulteÄhnlicher Meinung ist auch Sabine Doering-Manteuffel, Ethnologin und Präsidentin der Universität Augsburg, die sich ausgiebig mit den Wurzeln und Erscheinungen des Okkultismus beschäftigt hat. In ihrem Buch “Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung“, beschreibt sie die Verbreitung okkulten Gedankenguts von “Gutenberg bis zum World Wide Web”.
Ob dem Glauben an das Paranormale bestimmte ‘abartige’ Hirnfunktionen zugrunde liegen, untersuchte Peter Brugger, Leiter der neuropsychologischen Abteilung des Universitätsspitals Zürich in etlichen wissenschaftlichen Studien. Dabei zeige sich für den skeptischen Wissenschaftler, dass es eine große Nähe gibt zwischen okkultem Denken, Kreativität und Schizophrenie: “Menschen, die an Geistheilung, die Kraft von magischen Steinen und ähnlich Übersinnliches glauben, denken ein wenig ‘anders’ als der gemeine Skeptiker”.

Einen anderen Zugang zum “Okkulten” hat seit jeher die Kunst, in der Runde verteten durch die Schriftstellerin Sarah Khan, die in ihrem Erzählband “Die Gespenster von Berlin” einige “unheimliche Geschichten” von den zeitgenössischen Gespenstern im heutigen Berlin auftischt. Dabei verteidigt sie den Okkultismus auch als eine “künstlerisch-theatrale Strategie”, als eine “Form von Suche nach Antworten, die anders anscheinend nicht geleistet werden kann”. Viele europäische Städte seien zu bestimmten Zeiten schon mal die Zentren für das Okkulte gewesen, wie Lissabon, London, Paris, München oder nun eben Berlin.

 Dabei wurden schon immer Motivgruppen wie Vampire, Werwölfe etc durch die jeweiligen Medien in Form kollektiver Erzählungen verfestigt. Oft als Reflexion auf gesellschaftliche Veränderungen, die bedrohlich erschienen, wie etwa der immense technologische Fortschritt im 19. Jahrhundert, der überall spiritistische Zirkel als Gegenpole hervorbrachte und die Grusel-Literatur beflügelte. Mary Shelleys “Frankenstein” ist in jeder Hinsicht so ein Kind dieser Zeit.

Die einsetzende Flut des modernen Okkultismus erreichte unter den Nazis einen Höhepunkt, als  der völkische, rassenideologische und germanozentrische Okkultismus die deutsche Gesellschaft schon von Kindesbeinen an durchdrang. Adorno spottete deshalb, “die Neigung zum Okkultismus ist ein Symptom der Rückbildung des Bewusstsein” und der Okkultismus sei nichts anderes als “die Metaphysik der dummen Kerle” (Minima Moralia Nr.151)

okkultismus doering-manteuffelNun hatte sich dieses “Nachtstudio” mit der etwas reißerischen Formulierung “Im Schatten der Moderne - Die Rückkehr des Okkulten” betitelt, was insofern irreführend ist, als dass man dafür vorher einen Rückzug desselbigen hätte annehmen müssen.
Dass dies keineswegs der Fall war, zeigt Frau Doering-Manteuffel in ihrem neueren Buch “Okkultismus - Geheimlehren, Geisterglaube, magische Praktiken“, in dessen Vorwort sie feststellt: “Schon ein kurzer Blick auf den boomenden Esoterikmarkt von heute genügt um zu erkennen, dass sich ein halbes Jahrhundert nach Adornos kritischen Reflexionen das Spektrum okkulten Denkens eher erweitert als vereengt hat. Neben neuen spirituellen Bewegungen und religiös untermauerten Weltanschauungsgemeinschaften wie Scientology entwickelte sich zudem ein neuer Markt für Ritualwerkzeuge, Merchandising-Artikel und Dienstleistungen. Magische Berater sowie Erweckungs- und Erlösungsbewegungen haben diesen Markt erobert.
Einige Beispiele aus dem anonymen Raum des Internet illustrieren, welche Dimension dieses Geschäft angenommen hat: Ein Ratsuchender bewohnt seinem Bekunden nach ein verhextes Haus, in dem sich “schädliche Erdseelen” befinden sollen. Eine “Heilerin” verspricht, sie kostengünstig zu entfernen. Ein “Lichtarbeiter” kämpft um den Aufstieg unseres Planeten in die fünfte Dimension. Andere wollen ihm dabei helfen. Er bietet seine Künste für einen scheinbar geringen Preis im Cyberspace an. …
Das sogenannte “Energetische Raumreinigen” ohne mechanische Hilfen durch “mentales” Entfernen von bösen Einflüssen, Partnerrückführung durch Liebeszauber, Jenseitskontakte zu Verstorbenen mithilfe von Medien, Erspürung von Lebensaufgaben durch “Engelcoaching”,  Heilsteine und Horoskope sind aber neben der Lebenshilfe, die sie versprechen, nicht nur Teil eines Gewerbes, sondern auch Massenunterhaltung. Es geht um Lebensenergie, um Einklang, Erlösung, Verwandlung oder verborgene, unsichtbare Kräfte. Esoterische Lehren versprechen, den Bannkreis des Rationalen zu öffnen und den Menschen von den Zwängen des Alltagslebens zu befreien.  Viele folgen ihren Verlockungen.”

spiegel titel 1994

Wie konstant und suchtpotenzialig sich diese Verlockungen in den letzten Jahrzehnten in dem gefährdeten Teil unserer Gesellschaft ausbreiten konnten, war auch schon dem SPIEGEL 52/1994 eine Titelgeschichte wert: “Die Flucht ins Spirituelle - Sehnsucht nach Sinn“.

Gegen Ende dieses Nachtstudio ließ der Moderator noch die Frage in der Runde kreisen, ob denn im Okkultismus nicht auch Innovationspotenzial stecke. Nun war halt kaum noch Zeit,  diese dialektisch anspruchsvolle These näher zu untersuchen; unbestritten ist wohl, dass die metaphysische Spekulation das Vorantasten der Menscheit auf kultureller und auch wissenschaftlicher Ebene schon immer angetrieben hat. Dazu hätte man nun noch schön diskutieren können über Sabine Doering-Manteuffels Angriff auf das “Internet als erstem Medium, das nicht nur Esoterikprodukte vertreibe und das Okkulte transportiere, sondern in sich selbst, in seiner Anonymität und Regellosigkeit, okkult sei”. Denn die weitgehend ungeregelte Informationsproduktion im Internet führe zum Gegenteil von kritisch reflektiertem Wissen, nämlich zum Okkulten.

Aber diese These ist ja auch eine eigene Sendung wert.

Nachtstudio vom 6.11.2011

wf

So was von Funk und Neues vom “Old Man”

Grad ist das diesjährige Jazzfest Berlin zu Ende gegangen, zum letzten Mal unter der künstlerischen Gesamtleitung von Nils Landgren, dem über die vielen Jahre mit viel Mut zum Risiko eine konzeptionell-stilistische Erweiterung gelungen ist, so dass Festivalbesucher Christian Broecking in der “SZ” leicht überrascht feststellt: ”Jazz ist heute so offen, dass er sich mit jedem musikalischen Thema auseinandersetzen kann.

Na gut, das ist ja schon länger so, der “Jazz als Wille und Vorstellung” hat in mäandernden Bahnen inzwischen frische Zuflüsse aus allen Musikkulturen der Welt aufgenommen, so dass den Neotraditionalisten die Spucke in der Posaune wegbleibt - außer bei den jungen Brass-Bands, von denen in Berlin viele freche Töne zu hören waren, etwa von den Brüdern des “Hypnotic Brass Ensemble“, die sich der Bürgerrechtsbewegung verbundenen fühlen und ihren erdigen Funk auch als durchaus politischen Ausdruck der Selbstbestimmung verstanden wissen wollen, frei nach dem Motto “Ich tröte, also bin ich (z.B. gegen den Krieg)”:

Aus einer ganz anderen musikalischen und weltanschaulichen Ecke kommt die Soul- und Gospelsängerin Lizz Wright,  die ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung eher im meditativen, informationsreduzierten Landleben findet. Also kein Zufall, dass sie auch bei ihrem Berliner Auftritt den von ihr neu arrangierten Hippie-Klassiker “Old Man” von dem geistesverwandten kanadischen Farmer Neil Young zum Besten gab. Aber landlebig verstaubt oder rückwärtsgewandt klingt da nun wirklich nix…

So, nach diesem Doppelpack an Sound brauch ich dazu heut wohl nicht mehr dazu schreiben, mit den vielen Links im Text solltet ihr doch ne Zeitlang ausgelastet sein ;-)

wf

Die philosophische 1-Minuten-Terrine - heute: Jacques Lacan

Für alle aufmerksamkeitsgestressten User, denen philosophisches Grundlagenstudium im Internet normalerweise zu langatmig ist, hat der amerikanische Pädagoge Mark Fullmer einen Schwung One-Minute-Clips als kleine Appetizer gebastelt und ins Netz gestellt - peppig angerichtet, aber wie’s mit der Sättigungsqualität bei Fast Food nun mal so ist…

Alles klar? Wer aber nun tatsächlich Appetit auf mehr bekommen hat und wissen möcht, ob ihm das Gedankenfutter des poststrukturalistischen ‘Querdenkers’ und Literaturtheoretikers Lacan auch in etwas größeren Portionen mundet, möcht sich doch bittschön hier einen Nachschlag holen.

wf

Precht meets Metzinger - zwei Philosophen, die sich einmischen

Der ‘Philosophie-Mediator’ Richard David Precht interviewt Thomas Metzinger - dabei reden die beiden u.A. auch über ’soziales Schach’, verteilen einige Spitzen gegen die nur um sich selbst kreisenden Elitezirkel der akademischen Philosophie und wünschen sich von der mehr Weltzugewandtheit

Nun also kann Precht mit seiner Berufung zum Honorarprofessor an der Uni Lüneburg zeigen, ob sich seine Vorstellungen von einer zeitgemäßeren Art des Philosophierens auch im akademischen Betrieb umsetzen lassen. Was er dann da so in Seminar- und Bachelorarbeiten schreiben lässt, dürfte zwar kaum Bestseller-tauglich sein, aber sein Thema “Auf der Suche nach dem festen Grund” scheint schon mal nicht schlecht gewählt, weil man dabei ja prinzipiell über alles reden kann, so wie er’s in der Öffentlichkeit sonst auch tut.

Vor Antritt seiner Uni-Laufbahn aber durfte er im Auftrag des SF und 3sat noch einen Vierteiler zur Reihe  “Sternstunden Philosophie” unters Philo-interessierte Volk bringen, zu der er u.A. den ‘Neuro-Philosophen’ Thomas Metzinger als Gesprächsgast eingeladen hatte.

ego-tunnel metzingerMetzinger, der schon seit langem eine Professur für theoretische Philosophie an der Uni Mainz inne hat, tritt seit vielen Jahren nicht nur sehr aktiv für die interdisziplinäre Öffnung der analytischen “Philosophie des Geistes” ein, sondern setzt diese Themen auch in angewandte Ethik um, speziell in der Neuroethik im Zusammenhang mit Cognitive Enhancers, statt deren Einsatz (etwa des umstrittenen Ritalin) er u.a. Meditationsunterricht an Schulen vorschlägt.
In seinem Buch “Der Ego-Tunnel” wirft er auch die Frage auf, ob wir im Rahmen der Neuroethik eine Bewusstseinsethik erarbeiten sollten; es geht dabei um unser “phänomenales Selbstmodell”, also um die Frage, wie unser Bewusstsein das Erlebnis “Ich” als emotionales Selbstmodell konstituiert - entsteht es nur als “ein virtuelles Selbst in einer virtuellen Realität” durch das manipulierbare Geflacker unserer Hirnfunktionen oder hat es doch eine zumindest lebenslang beständige “Seele” inklusive einem freien Willen?

Eine schöne “Sternstunde Philosophie” zum Thema Bewusstsein/ Identität, bei der auch historische Entwicklungen von Vorstellungen zu diesem Bereich der ‘Philosophie des Geistes’, etwa von Aristoteles, Spinoza, David Hume, dem Buddhismus u.a. aufgegriffen werden.

Hier als Appetizer ein paar aus dem Gespräch herausgerupfte Metzinger-Zitat-Schnipsel:

  • Wir sind Höhlenbewohner, nämlich gefangen durch die Möglichkeiten, die unsere Sinne uns bereit stellen.
  • Was den Menschen dazu bringt zu handeln sind Gefühle.
  • Wir brauchen eine Philosophie, die empirisch informiert ist. Das akademische System selbst ist nicht sehr flexibel.
  • Was passiert mit unserer Kultur in dieser historischen Übergangsphase? Ist eine säkulare, ideologisch ungebundene Spiritualität denkbar?
  • Ich hab auch nur die Sachen von meinem Vater, die der einfach gemacht hat - dem Rest hab ich nicht zugehört.

Diese knappe Stunde lohnt sich in toto!

wf

 

(Videohinweis via d.b.H.)

Verringert die Evolution das menschliche Gewaltpotential?

Der Evolutionsbiologe Steven Pinker glaubt, dass die Menschheit dazulernt und Gewalt als Option für Konfliktlösungen eine immer geringere Rolle spielt

Möchte man angesichts der jüngeren Geschichte der Menschheit mit ihren Weltkriegen, Tyrannenherrschaften, Völkermorden und Terrorakten wirklich an die (schöne) These glauben, die Gewalttätigkeit unter humanoiden Artgenossen sei im Lauf der kulturellen Evolution zurückgegangen? Dafür versucht der Evolutionsbiologe Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University und regelmäßiger Autor der “New York Times”,  in seinem neuen Buch “Gewalt - Eine neue Geschichte der Menscheit” (S. Fischer Verlag) Belege zu liefern. Auf über 1200 Seiten skizziert er eine Gesamtgeschichte unserer Zivilisation, mit besonderem Augenmerk auf die Entwicklung der Gewalttätigkeit von der Urzeit bis zur Gegenwart in all ihren individuellen und kollektiven Formen. In vielen anschaulichen Graphiken verarbeitet er eine Fülle von wissenschaftlichen Belegen mit darauf aufbauenden Vermutungen zu einem Gesamteindruck statistisch stetig abnehmender Gewalt, jeweils bezogen auf die Anzahl gewaltsamer Todesfälle pro einhunderttausend Menschen der jeweiligen Epochen und Regionen.

steven pinker - gewaltDen Hauptgrund dafür sieht Pinker in der steten Zunahme des Handels als Überlebenssicherung und damit einhergehend in der zunehmenden Gewaltkontrolle durch gesellschaftliche Institutionen und Staatsapperate. Mit der Aufklärung und der Verbreitung humanistischen Gedankenguts seien schließlich auch ethisch-intellektuelle Begründungen für ein friedliches Zusammenleben hinzugekommen.

Die extremen Gewaltausbrüche des 20. Jahrhunderts hält Pinker nur für eine Art letztes Aufflackern in einem sich insgesamt beschleunigenden Rückgang von Krieg und Gewalt, fügt aber hinzu: “Es ist keineswegs meine Absicht, die Verbrechen von Hitler, Stalin und Mao zu relativieren. Aber man muss bedenken: Die Weltbevölkerung ist seit dem Mittelalter massiv gewachsen. Wären die Kriege des 20. Jahrhunderts ähnlich blutig gewesen wie die Konflikte zwischen Stammesgesellschaften im präkolonialen Afrika und Lateinamerika, hätten ihnen nicht 100 Millionen, sondern rund 2 Milliarden Menschen zum Opfer fallen müssen.” (siehe ff. Interview)

Steven Pinker, der in vielen Medien und unter Kollegen als wichtigster “public intellectual” Amerikas gehandelt wird, ist kein positivistischer Spekulant, sondern Naturwissenschaftler, und als solcher sieht er seine Arbeit (mit einer Portion Eigenskepsis gegenüber statistischen Auswertungen) weniger als Beweis für die Zwangsläufigkeit eines geschichtlich-teleologischen Prozesses, sondern mehr als Anstoß für künftiges politisch-moralisches Handeln, das die aufgezeigten friedensfördernden Mechanismen stärker in die Entscheidungsoptionen einbezieht, wobei Europa bereits eine Führungsrolle eingenommen habe.


Schon auf der TED-Conference von 2007 stellte Pinker seine Thesen vor und veranschaulichte sie mit vielen Graphiken (das Video ist deutsch untertitelt):

wf

(etliche Kommentare dazu gibts auch hier im “Freitag”)

Texterl zum Tage:


Mit ein wenig Abstand wird aus jedem Affentheater ein Flohzirkus.


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