Philosophische Schnipsel

Philosophische Schnipsel

Notizen, Essays & Reflexionen zu Kultur, Medien und Gegenwartsphilosophie

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Nachnotiz zur unsäglichen Sarrazin-Debatte

Man hofft ja doch immer, dass unsägliche Zustände ein baldiges Ende nähmen, doch von einem Abebben der Debatte um Sarrazins dümmlich-krude, faschistoide Thesen konnte in den letzten Tagen keine Rede sein. Mag jemand einwenden, dass die kollektive Empörung über so einen Schwachsinn doch ein gutes Zeichen für einen funktionierenden öffentlichen Diskurs seien, so halte ich entgegen, dass diese Debatte erstens zu den tatsächlichen Sachfragen in Integrationspolitik so gut wie nix beiträgt und dass zweitens ohne die Aufmerksamkeit der wasweißichwievieltausend politisch korrekten Zeitungs- und Blogartikel der Herr S. wenigstens auf dem Großteil der Erstauflage seines nun so wunderbar kostenlos beworbenen Kotzbücherls sitzen geblieben wäre.
Eine Erwähnung des Herrn S. in diesem Blog ist also eigentlich kontraindiziert und auch in Zukunft, versprochen!, wird in diesem Hause dem politischen Stammtischgeschwätz kein anderer Raum als die Gummizelle gewährt, aber heut nehm ich das Übel mal ausnahmsweise in Kauf weil eigentlich zum Anlass, euch den lesenswerten Blog von Robert Misik vorzustellen. Denn der hat zu ebendem Thema ein paar Takte abgelassen, die ich als eine Art Schlusswort zur S-Diskussion gern so unterschreibe und euch hiermit weiterreiche:

Die Freude, andere Menschen verachten zu dürfen

Wie kommen wir eigentlich dazu, uns mit den bizarren Thesen Thilo Sarrazins auseinandersetzen zu müssen? Damit verleiht man ihnen schon den Anschein der Diskussionswürdigkeit.

Die Thesen, die Thilo Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab” und in einer Fülle von Interviews seit vergangener Woche ausbreitet, sind derart haarsträubend dämlich, dass sich eine sachliche Auseinandersetzung schier verbietet. Man könnte sich also ironisch auf die Feststellung zurückziehen, dass Sarrazin, sollte Dummheit tatsächlich vererbbar sein, wenigstens kein Vorwurf zu machen ist. Will man aber substanziell etwas zu seinen bizarren Einlassungen sagen, steht man sehr schnell vor der Frage: Verleiht man den Thesen nicht den Anschein der Diskussionswürdigkeit, wenn man versucht, sie zu referieren, zu diskutieren, wenn man auf ihre Unplausibilität hinweist?

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Meditation im Schatten der Milchstrasse

Eine mondlose Nacht ohne zivilisatorische Lichtverschmutzung war Voraussetzung für dieses Bild, das der Astronom Alex Cherney mit lang belichteten Aufnahmen fotografiert hat; es wurde von der APOD/ NASA zum “Astronomy Picture of the Day” am 23.8.2010 erkoren.
Für das Foto, das im Port-Campbell-Nationalpark in Victoria (Australien) aufgenommen wurde, wurden sieben je 15 Sekunden belichtete Bilder des Bodens und des entrotierten Himmels digital verarbeitet, um das nötige Licht und Details hinzufügen. Im Vordergrund liegt Loch Ard Gorge, das nach einem Schiff benannt wurde, das 1878 tragischerweise auf Grund lief. Die beiden abgebildeten Felsen sind Überreste eines zusammengebrochenen Bogens, die nach den einzigen Überlebenden des Loch-Ard-Schiffsunglücks Tom und Eva genannt wurden. Ein genauer Blick auf das Wasser vor den Felsen zeigt Schatten im Licht, das von unserer Milchstraße geworfen wird.

milky street shadow

wf (via)

Philosophische Cartoons - vom Steinzeit-Kino zu den Simpsons

Wenn Homer Simpson geahnt hätte, dass er selbst mal Gegenstand philosophischer Untersuchungen werden würde, dann hätte er sich über seine eigene Spezies wohl nicht so abfällig geäußert: “Cartoons haben keine tiefere Bedeutung. Es sind nur doofe Zeichnungen, die auf billige Lacher aus sind”.
Es ist noch gar nicht lange her, da galten Comics und Cartoons als Schund, vor dem zumindest in jedem braven deutschen Lehrerhaushalt gewarnt wurde. Selbst Donald Duck fand zuweilen keine Gnade, erst die weltweite Solidarität der Donaldisten verbesserte seine pädagogische Reputation. Die Donaldisten sind nicht nur eine Fan-Community, sondern verstehen sich auch als Teil der jungen wissenschaftlichen Disziplin der Comic-Forschung. Wie auch der Amerikaner William Irwin, der sich seit Jahren mit der Weisheit der Simpsons beschäftigt und die dabei entstandenen, teilweise richtig tiefgängigen Essays einiger bekannter amerikanischer Literaten und Philosophen kürzlich in einem Buch versammelt hat: “Die Simpsons und die Philosophie. Schlauer werden mit der berühmtesten Fernsehfamilie der Welt.”

wikipedia/commons wilhelm busch - lehrer lämpelNun hatte ich das Glück, nicht in einem Lehrerhaushalt aufzuwachsen und so kam bei mir schon bald nach Erwerb der Lesefähigkeit der Wilhelm Busch auf’s Nachtkästchen; lernte dabei, dass bigotte Seelen wie die der “Frommen Helene” letztlich vom Teufel geholt werden und dass die Moralphilosophie eines “Lehrer Lämpel” die Quintessenz des Kleinbürgertums darstellt.

Dieser Wilhelm Busch war auch einer der wichtigsten Illustratoren der humoristischen deutschen Wochenschrift “Fliegende Blätter” (1845-1944), die den Vorläufer für die deutsche Comic-Szene und die satirischen Magazine Kladderadatsch (gegr. 1848), den Nebelspalter (gegr. 1875) und den Simplicissimus (gegr. 1896) gab.
Heutzutage beschäftigen nicht nur die meisten ‘normalen’ Magazine und Zeitungen eigene Cartoonisten, deren Thematik hauptsächlich in politischer und gesellschaftskritischer Satire liegt, sondern es findet auch eine Aufwertung in den Feuilletons statt, die den Comic-Boom, speziell der “Graphic Novels”, mit Lobgesängen und Stimmungsberichten fleißig befeuern. Vom Schmuddel-Image in den Literatur-Kanon. Mittlerweile traut man der Bildgeschichte, wie die “Zeit” meint, allerhand Gewichtiges zu: “Kein gesellschaftliches, politisches, historisches Thema scheint vor ihr sicher – zumindest, wenn es hinreichend ernsthaft aufgefasst wird, am besten autobiografisch, versehen mit dem Siegel der Authentizität.”

Da ein Cartoon potenziell jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens in eine einprägsame Bilderzählung überführen kann, kamen unsere Vorfahren schon vor Jahrzehntausenden auf die Idee, mit Comics und Cartoons ihren Alltag, ihre Rituale und religiösen Vorstellungen an Felswänden festzuhalten. Nicht nur aus metaphysischen Beweggründen, sondern vielleicht auch, um ganz konkret Spaß dabei zu haben. Behauptet zumindest ein Team von britischen und österreichischen Archäologen, nachdem sie prähistorische Felszeichnungen in der Region Valcamonica in der norditalienischen Lombardei untersucht hatten. Es handle sich dabei um eine Art jungsteinzeitliches Open-Air-Kino mit Schwertkämpfen und Kriegsszenen, Menschen auf der Jagd und bei rituellen Tänzen, dargeboten mit ausgeklügelten Licht- und Soundeffekten. Die Wissenschafler haben nun ein paar dieser Bildsequenzen in einer Animation zum Laufen gebracht, die ihr euch nebst Hintergrund-Infos dann  hier ansehen könnt.

Das Philosophische an Cartoons ist ja nicht immer sofort augenfällig, da sie scheinbar oft nur zeitgeist-witzig und eine einzelne Eigenart karikierend daherkommen; doch ein gutes Cartoon lässt Raum für Assoziationen über das allgemein Menschliche, allzu Menschliche, und ich wünschte mir dann, auch Nietzsche hätte zeichnen können ;-)

Schließlich gibts auch Cartoons, die nicht nur zum Philosophieren anregen, sondern sich gleich selber damit beschäftigen. Gut gedacht und gemacht sind etwa die Cartoons in der zweidimensionalen philosophischen Welt von Matthias Reuter bei “philosophie.de”. Einsichten über Philosophenschicksale, Monaden, Hühner, Agressionen und den Leviathan…

Und für den “philosophisch-besinnlichen” Ausklang dieses Artikels hat der Augsburger Cartoonist Andi Walter die folgende kleine Bildergeschichte rausgerückt:

Der Weg






(Cartoon als Gesamtbild anzeigen)
© Andreas Walter


Dem englischen Moralphilosophen Shaftesbury wird übrigens die Idee des “Test of Ridicule” zugeschrieben: “Was nicht erträgt, ins Komische gewendet zu werden, lohnt auch nicht, ernst genommen zu werden.”

 

Ach ja, und die Geschichte vom Struwwelpeter und der Struwwelliese erzähl ich dann ein andermal…

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Kant meets Marx - ein Plädoyer für politische Bildung

Die Kritische Theorie ist weder tot noch riecht sie komisch. Zumindest, wenn man den Gedanken von Oskar Negt im Spiegel-Interview folgen mag, in dem er die schöne, allerdings nicht neue Utopie eines demokratischen Idealstaates propagiert, mit aufgeklärten, mündigen Bürgern, voller Verantwortung für sich selber und gleichzeitig das Gemeinwesen.
Ja, das wär’s doch, da darf sich dann schon mal Kants Kategorischer Imperativ mit dem Sozialismus vermählen, unser Aller sapere aude als Trauzeuge. Schließlich wäre der Sozialismus als real existierender vielleicht auch nicht gescheitert, wenn seine “Macher” die Voraussetzung für die Marx’schen Gesellschaftsutopien beherzigt hätten, wie sie im Kommunistischen Manifest gefordert wird: “Die freie Entwicklung eines jeden ist die Bedingung für die freie Entwicklung aller.”
Um dahin zu kommen fordert Negt, “das besondere der je eigenen Lebenswelt mit dem Allgemeinwohl der Gesellschaft dialektisch in Zusammenhänge zu bringen. Demokratie muss gelernt werden - immer wieder, tagtäglich, ein Leben lang.”

Und wenn das Projekt wieder mal an der conditio humana scheitern sollte, bleibt immerhin als Trost, was Herbert Marcuse in seiner Studie über Platons Versuch anmerkte: “Das Erbauliche an seinem Leben ist nicht, was er erreicht hat, sondern was er versucht hat. Das Traurige an unserer Zeit ist aber nicht, was sie nicht erreicht, sondern was sie nicht versucht. Im Versuchen aber liegt der echte Idealismus.”

So ist es wohl, und auch wenn’s nicht wirklich hilft, schwelgen wir gern noch ein wenig mit Negts Abschlusswort in der kleinen Rest-Hoffnung auf ein richtiges Leben im Richtigen:

“Die Zeit der Barrikaden ist vorbei, Revolution ist ein Prozess, der nicht abschließbar ist. Was bloße Reform ist und was revolutionäre Veränderung, ist so einfach nicht zu unterscheiden. Ich verbinde den Revolutionsbegriff mit Strukturreformen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ohne kleine Schritte, ohne Veränderung im Alltag, ob in der Schule oder in der Familie, gibt es gar keine nachhaltige Entwicklung. Jeder ist aufgefordert, Risse und Widersprüche wahrzunehmen und sie auf ihre Veränderungsmöglichkeiten hin zu untersuchen, um sich dann für Alternativen stark zu machen. Das verstehe ich als Beitrag zur Verbesserung der Welt.”

“In dieser Gesellschaft brodelt es”
Spiegel-Interview mit Oskar Negt

Neuerscheinung:
Oskar Negt: “Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform”
Steidl Verlag, 585 S., ISBN: 978-3865215611

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Ich facebooke, also bin ich

Sie sind nicht allein, wenn Sie angesichts der zunehmenden Kommunikations-Hoheit der social networks über das real life ein leises Grauen verspüren; Stephanie Cuérel und Josh Schaub haben’s in dem kleinen, natürlich sprachlosen Film “logged in” eingefangen:

 

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

(Passenderweise grad bei “Dressed Like Machines” gefunden, als ich für die “Philosophischen Schnipsel” eine Facebook-Seite erstellt hab ;-)

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Schnupp dir was

“Gedanken sind Sternschnuppen, die besten stürzen lautlos an unserer Lebenssphäre vorbei. Nur zufällig erblickt jemand am Nachthimmel das lichte Gedachte, wie es vorbeischießt und erlischt. Manche Werke und Bilder aber gleichen Sternbrocken, die unsere Lebensbahn immer wieder kreuzen.” (Botho Strauß)

sternschnuppe
Mitte August ist alljährlich die beste Zeit zum Sternschnuppen-Gucken, weil da die Sonnenumlaufbahn der Erde die Perseiden, die verglühenden Staub-Abfälle in der Bahn des Kometen Swift-Tuttle kreuzt.
Mein Haus-Astronom sagt voraus, dass man heuer vom 10. bis 14. August wohl auch als normaler Beobachter ohne Teleskop oder Fernglas bei dunklem, wolkenlosem Himmel alle paar Minuten eine Sternschnuppe sehen kann, mit einem Maximum in der Nacht vom 12. auf den 13. August gegen 4:00 morgens - in den Tagen danach sollten aber auch noch ein paar “Nachzügler” aufkreuzen.

Die ersten Aufzeichnungen über  Meteorströme fertigten schon vor über 2000 Jahren die Chinesen an, allerdings noch ohne die Erklärung, dass diese Teilchen in die Erdatmosphäre eindringen, sich an der Lufthülle reiben und dabei durch die Reibungshitze hell aufglühen. Vor ein paar Jahren ging das Gerücht, dass der Komet und die Erde beim astronomischen Feuerwerk im Jahr 2126 zusammenprallen könnten, nach aktuellen Erkenntnissen geht man aber von einer knappen Verfehlung aus.

Mit der etymologischen Neugier, die ja das kindliche Fragen nach den Weltzusammenhängen auch antreibt, wollte ich schon sehr früh wissen, woher das Wort “Sternschnuppe” eigentlich komme. Und weil’s damals noch keine Wikipedia gab, fragte ich also meine Oma, weil die ihre verkohlten und abgeschnittenen Kerzendochte “Schnuppen” nannte. “Schnuppe” hänge mit schnauben und Schnupfen zusammen und bedeute soviel wie “putzen”, erklärte sie mir, und wenn man Kerzen ausbliese, müsse man sie putzen, damit die glühenden Dochte nix entzünden könnten. Und weil die leuchtenden Meteore Putzabfälle der Sterne seien, nenne man sie deshalb “Sternschnuppen”, das habe sie im Grimmschen Wörterbuch gelesen.

Ahh, eine wunderschöne Erklärung, aber möglicherweise ist die dem astronomisch aufgeklärten Schnuppengucker von heute sowas von schnuppe

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Vom Füllen des Sommerlochs

So genau lässt sich nicht mehr feststellen, wann das erste Sommerloch aufgetaucht ist und wer es entdeckt hat. Schriftlich überliefert ist es erstmals auf einem ägyptischen Papyrus aus dem Jahr 2593 v. Chr., als der Steinetransport auf dem Nil zum Bau der Cheops-Pyramide wegen einer sommerlichen Flaute unterbrochen werden musste. Dieses Windloch vertrieb damals als Gesprächsstoff ein wenig die Langeweile in den Bierschänken der halbfertigen Pyramide.

Ab dem Beginn der Neuzeit wurden von namhaften Wissenschaftlern wilde Theorien zu Herkunft und Funktion verschiedener Sommerlöcher aufgestellt. Etwa von dem holländischen Astronomen Christiaan Huygens, der schon im 17. Jahrhundert das Sommerloch als eine Art Äther, als allgegenwärtiges Medium der Belanglosigkeit beschrieb; später behauptete Einstein, ein Sommerloch würde mit zunehmender Geschwindigkeit auch an Masse gewinnen und Stephen Hawking meinte, die Sommerlöcher im Zentrum einer jeden Galaxie verschluckten alles, sogar den Geist, und seien somit für allen Schwachsinn des Universums verantwortlich.

Heutzutage kündet das Sommerloch vom unsäglichen Verhältnis zwischen Boulevard-Journalismus, der politischen Urlaubsvertretung, dem Kraken Paul und diversen Promi-Affären; aber weil der sich zum Deuten berufen fühlende Journalist oder Blogger als Aufseher über das Sommerloch natürlich nicht in selbiges fallen will, klammert er sich zumindest an dessem Rand fest, der ja noch zum Etwas gehört, aber beständig in das Nichts sieht, eine Grenzwache der Materie.
Und dann schreibt er was, praktischerweise über das Loch an sich wie einst Kurt Tucholsky (alias Kaspar Hauser) in der Zeitschrift «Die Weltbühne»: «Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut…»

 

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

Zur soziologischen Psychologie der Löcher

“Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr.” (Lichtenberg)

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.

Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aberbeständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.

Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.

Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.

Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.

Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?

Und warum gibt es keine halben Löcher –?

Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.

Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.

Kaspar Hauser

 

Die Weltbühne, 17.03.1931, Nr. 11

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Das Sommer-Ferienrätsel: Die Logik des Schweigens

Vielleicht fährt ja jemand von Euch in den Sommerferien in die Wüste, in der es bekanntlich nicht ganz ungefährlich ist. Auch Philosophen stehen dabei manchmal vor kaum lösbaren Rätseln, zumal kluges Reden in der wüsten Alltags-Praxis nicht immer hilft - im Gegenteil wird in folgender Problemsituation (in die hoffentlich niemand von Euch gerät) die Erkenntnis zur Rettung aus dem Schweigen gewonnen:

Die Logik des Schweigens

Vier Sahara-Touristen, die Sprachlogiker Frege, Russell, Carnap und Wittgenstein, werden von räuberischen Beduinen gefangen genommen und nach dem Ausrauben nackt und mit verbundenen Augen in einer Reihe hintereinander bis zum Kinn in den Sand eingegraben, so dass nur noch ihre Köpfe herausschauen.
Der Beduinenscheich befielt einem großen Kamel sich niederzulegen zwischen dem vordersten, dem Frege, und dem zweiten, Russell; Carnap ist Dritter und Wittgenstein ganz hinten.
Er setzt den vier Gefangenen zwei weiße und zwei gelbe Hüte auf, nimmt danach den Gefangenen die Augenbinden ab und sagt:


“Es gibt zwei weiße und zwei gelbe Hüte, die ihr irgendwie verteilt auf euren Köpfen habt und dessen jeweilige Farbe ihr selbst nicht sehen könnt. Wenn aber einer von euch sagen kann, welche Farbe sein eigener Hut hat, seid ihr frei und erhaltet eure Habe zurück.
Dabei darf vorher kein Sterbenswörtchen über eure Lippen kommen und eine falsche Antwort kostet euch das Leben!”, wobei er furchterregend mit seinem Säbel die heiße Luft über ihren Köpfen durchschnibbelt.
Die Gefangenen können nur die jeweiligen Hüte vor sich sehen, wobei Freges Hut durch das Kamel für die Hinteren verdeckt bleibt. Der Scheich hat natürlich den gemeinsten Fall der Hutanordnung gewählt und lehnt sich höhnisch lächelnd wartend ans Kamel.

Nach etlichen Minuten gefährlicher Stille und angestrengten Nachdenkens bricht einer der Eingebuddelten das Schweigen und nennt die richtige Farbe seines eigenen Hutes, worauf der verblüffte, aber ehrliche Scheich sein Versprechen einlösen und die vier freilassen muss.

Welcher der vier sagt die richtige Antwort und warum?


Wer mag, kann uns die richtige Lösung wieder zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) - unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir wieder drei, diesmal independent-rockige CDs aus unserem Musikverlag.
Einsendeschluss ist der 15. September 2010.

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Die Zukunft des Journalismus ist investigativ und vernetzt

In vielen Medienhäusern wächst mittlerweile die Einsicht, dass die Zukunft des professionellen Journalismus nicht in der schnellen Information, der Sensationsheische oder boulevardesker Unterhaltung liegt - sowas kann das geschmeidige Netz mit seinen Millionen Augenzeugen und ehrgeizigen Schreib- und Foto-Amateuren flotter, lauter, bunter und billiger. Durch die sofortige, gleichzeitige und globale Verfügbarkeit aller “Nachrichten” verlieren Presseagenturen, Tageszeitungen, Radios und Fernsehsender ihre Exclusivität und somit ihre Konsumentenbindung, wie das stetige weltweite Absinken der Auflagen und Einschaltquoten bereits seit einigen Jahren - vor allem in den USA - zeigt. Für die leicht und überall konsumierbaren Infohäppchen entwickelt der Markt gerade personalisierte News-Aggregatoren (wie das Flipboard), die automatisch unablässig das Web nach neuen Informationen crawlen und bald auf jeder technischen Plattform lauffähig sein werden.
Diese Anarchie der Informationsverbreitung ermöglicht einerseits einen anti-elitären, demokratischen Zugang zu Wissen, führt aber andererseits beim ‘User’ durch den Verlust redaktioneller gate-keeper auch zur oberflächlichen Wahrnehmumg und Orientierungslosigkeit im Info-Overload. Die zunehmende Kontingenz an Einzelinformationen trifft bei den ‘Durschnittskonsumenten’ auf das lebensweltliche Bedürfnis nach Komplexitätsreduzierung, befördert so die Ausbildung beliebiger ‘Stammtisch-Meinungen’ und damit letztlich eine Banalisierung gesellschaftlicher Diskurse.

Deshalb ist der Journalismus der Zukunft nicht nur aus wirtschaftlich-technischen Gründen zu einem Umdenken gezwungen, sondern auch als ‘Vierte Gewalt’ in einer demokratischen Gesellschaft gefordert, die komplexe Welt zu ‘erklären’: durch gute Recherche und Sachkenntnis Zusammenhänge und Hintergründe glaubwürdig aufzuzeigen, diese mit argumentativer Gewichtung zu analysieren und zu interpretieren und daraus intelligent begründete Meinungen mit Mut zu vertreten, auch gegen den Mainstream - der Journalismus als Kontrollorgan der Macht, als gesellschaftliche Aufgabe.
Wem da zuviel Pathos mitschwingt, der vergegenwärtige sich bitte die Entwicklungen in autokratischen und diktatorischen Gesellschaften, deren erster Schritt zum ‘Erfolg’ immer auf der Zensur oder dem Verbot aufklärerischer Worte und Bilder beruht.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden und dadurch vielleicht sogar publizistische Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln, liebäugeln viele Redaktionen mit einem stärkeren Anteil des Investigativen Journalismus in ihrem Blatt; zumal der Mensch einen Informationszusammenhang mit emotionalem Gehalt eher aufnimmt, behält und in sich selber weiterdiskutiert als einen nur trocken-analytisch und kalt servierten. So kann eine entsprechend gut gemachte Reportage in einer Mischung aus reflektierender Distanz und persönlichem Eingebettet-Sein nicht nur informieren und für ein Thema nachhaltig sensibilisieren, sondern gleichzeitig eine Gefühlsbindung zum eigenen Medium herstellen.

Das erkannte schon in den frühen Sechziger Jahren der New York Times -Journalist Gay Talese, der mit seinen literarischen Reportagen in den USA den anfänglich als unjournalistisch geltenden Stil des New Journalism begründete  und damit einen Stein ins Rollen brachte. Vor Allem seine im Esquire erschienenen Portraits von Joe DiMaggio, Dean Martin und Frank Sinatra entfachten eine ‘Kulturrevolution des journalistischen Schreibens’, eine ‘Literatur der Wirklichkeit’, in der die Kunst des Beobachtens und realen Teilnehmens Voraussetzung für eine Überwindung der Grenzen zwischen Journalismus und Literatur war.
Dahinter stand (und steht) die konzeptionelle Idee, die fiktionale Strömung unter dem Strom der Wirklichkeit aufzuspüren und die Protagonisten in einer verdichteten Prosa mit freien Gedankenassoziationen lebendig werden zu lassen.

Gay TaleseTaleses teilweise undercover recherchierte Buch-Bestseller wie “Honor Thy Father” über eine Mafia-Familie oder sein Buch über die sexuelle Revolution in Amerika, “Thy Neighbor’s Wife”, gelten als Musterbeispiele für den New Journalism.
Den Begriff brachte aber erst Tom Wolfe 1973 ins Medienspiel, als er in der Anthologie The New Journalism in seinem Vorwort Eigenart und Bedeutung des neuen Stils definierte und dabei auf dessen kulturelle Wurzeln in der Literatur der Beat Generation der 50er-Jahre verwies. Der New Journalism hätte eine Lücke aufgetan, weil sich die Autoren der Hochliteratur zunehmend in unverständlicher Sprache auf rein formale Spielereien beschränkten und der traditionelle Journalismus andererseits unter der faden Objektivität der Fakten jedes Leben begrabe.
Folglich wandten sich die neuen Autoren inhaltlich Bereichen zu, die andere Journalisten vernachlässigten: etwa den neuen Subkulturen der Hippie- und Popmusik, der Drogen- und Rockerszene (z.B. aufsehenerregende Stories über die “Hells Angels”) und öffentlich bisher nicht wahrgenommen Facetten der Politik - in radikaler und subjektivistischer Perspektive: laut, schrill und antiautoritär.

Truman Capotes penibel recherchiertes Buch über die Morde an einer Farmerfamile, “In Cold Blood” (”Kaltblütig“), wurde 1966 zu einem Bestseller und löste einen regelrechten Medienhype aus; Norman Mailer, der vielleicht schärfste Kritiker der US-amerikanischen Gesellschaft, erhielt für seine Reportage über die amerikanische Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg “Heere aus der Nacht” 1969 den Pulitzer-Preis, ebenso 1980 für “Gnadenlos”, einen Tatsachenroman über einen Mörder und dessen Hinrichtung.
Hunter S. Thompson, Ende der 1960er Jahre einer der ersten Autoren des Magazins Rolling Stone, toppte mit seinem von ihm selbst so genannten Gonzo-Journalismus die Radikalität aller mittlerweile auf den Zug aufgesprungenen Autoren durch seinen exzentrischen und ausschweifenden Lebens- wie Schreibstil, der den Erfolg des Rolling Stone rasant beschleunigte.

Egon Erwin KischManche Medienforscher wie Lutz Hachmeister verorten die Anfänge des Investigativen Journalismus allerdings schon Anfang des 20. Jahrhunderts in deutschen Vorläufern, etwa in den Reportagen von Egon Erwin Kisch, Joseph Roth und Tucholsky, bevor diese 1933 von den Nazis Publikationsverbot erhielten.
(Dieser These mag ich nur bedingt zustimmen, da sich die soziokulturellen und politischen Umstände in der Weimarer Republik wesentlich von dem selbstgefälligen God-save-America der Sixties unterschieden und zudem die literarischen Stilmittel, etwa des Perspektivenwechsels und des ‘Street-Slang’ im
New Journalism als ein “sich ausliefern, Teil der Situation zu sein” verstanden wurden - gegenüber dem satirisch-anzüglichen Duktus p.e. bei Tucho.)

Mit dem Erhöhen des Wettbewerbsdrucks wurde der Investigative Journalismus bei den privaten Medienanbietern in den letzten Jahrzehnten allerdings kaum noch gepflegt - schließlich kostet das damit verbundene Reisen und oft jahrelange Recherche die Verleger viel Geld; oft erarbeiteten sich die “Freien” ihre Recherchen erstmal auf eigene Rechnung ohne Garantie einer finanziell tragfähigen Verwertung. Günter Wallraff war da aufgrund der Popularität seiner frühen spektakulären Undercoveraktionen eine anständig bezahlte Ausnahme,  den meisten gings aber wie etwa Wolfgang Büscher, der sich seine Reportagen und Bücher wie “Berlin - Moskau” in eigener Vorleistung erwanderte, obwohl er selbst im journalistischen Betrieb gut etabliert war.

Und schon lang vor der Forderung nach einem neuen Investigativen Journalismus in den ‘Holzmedien’ wurde dieser im Internet in Form der engagierten, embedded Reportage wiederbelebt, auch über längere Zeiträume und mit investigativen Risiken - ob bei Al-Dschasira, der Politkowskaja (†) oder einigen journalistischen Formaten im Internet wie dem kritisch-investigativen Blog der kubanischen Autorin Yoani Sánchez. Oder, ums wieder in Erinnerung zu bringen, im  “Irrawaddy”, einer online- und print-Zeitung mit literarisch ansprechendem Magazinteil, die zwar von Exilanten in London herausgegeben wird, aber auch von Autoren aus Birmas Innenperspektive mit ‘verbotenen’ Texten und Bildern gefüttert wird - etwa mit den aufrüttelnden Reportagen über das Leiden der Minderheiten und den Aufstand der buddhistischen Mönche vorletzten Sommer in Birma.
Nur eins von vielen Beispielen, an denen sich erkennen läßt, wie sich der New Journalism im Web weiter entwickelte, dabei aber durch die ständige Aktualisierungsmöglichkeit, die Interaktivität und Multimedialität zwangsläufig die Form änderte - zugunsten der Leser!
Aber auch der häufig geäußerte Vorwurf von möglicherweise unseriöser Subjektivität der Berichterstattung bestätigte sich dabei immer wieder mal. Denn natürlich gibt es im Web - wie damals für die ersten New Journalists - ein Qualitätsproblem bei vielen ‘ungebändigten’ Autoren, die nicht einer redaktionellen Kontrolle unterliegen. Da werden Texte leicht mal zu einem solipsistischen Geschreibsel, gezeichnet vom Dämon eines Realität und Fiktion verwischenden Narzissmus, der im Vexierspiel als Agent Provocateur Kompensation für möglicherweise fehlende Akzeptanz im echten, sinnlich erfahrbaren Leben sucht – vor Allem bei Bloggern kann es ein selbstgefälliges Verharren in der Ironiefalle des ‘Alles-sagen-dürfen’ werden, wenn kein ernsthafter Lektor mal die Hand auf die Tastatur legt.

Andererseits liegt eben darin auch der Reiz postmoderner Meinungsvielfalt, dass nicht nur scheinbar Objektives (ach! was wurde da schon immer gelogen…) , sondern auch interpretatorische Farbtupfer das Weltgeschehen verständlicher, be-greifbarer machen. Und je demokratischer und aufgeklärter unsere Kommunikationsgesellschaft durch die intrinsischen Kräfte der Informationsverbreitung wird, desto weniger wird sie sich inhaltlichen Müll andrehen lassen und auch von ‘unabhängigen’ Autoren selbstreflexive journalistische Ethik und Sorgfalt erwarten - das wäre eine gute Arbeitsbasis für die zukünftigen New Journalists

Allerdings wird es aber keinen Sinn machen, die “gute alte Zeit” des investigativen Journalismus á la Talese wieder auferstehen lassen zu wollen - auch das letzte Dorf am Hindukusch ist inzwischen mit der Welt vernetzt und kein Einzelkämpfer kann alle relevanten Daten bspw. zu Terroraktionen oder Geheimdienstschurkereien zusammentragen. Die Vor-Ort-Recherche wird mit Datenbank-Futter und brisanten Dokumenten, etwa von “Wikileaks”, ergänzt werden müssen, um die Verwobenheit sinistrer Machenschaften aufdecken zu können und komplexes Weltgeschehen einigermaßen verständlich zu machen - egal ob print oder/und online. Dann ist auch vorstellbar, dass ein gewonnener Leser bereit ist, dafür mehr als ein paar flattr-Cent zu spenden.

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Gleiche Menschenrechte für Alle - Kulturimperialismus oder politisch durchsetzbarer Universalitätsanspruch?

Wer für die Entwicklung einer ‘gerechten’ Weltgemeinschaft im Zuge der Globalisierung der Finanz- und Warenwirtschaft auch soziale und juristische, weltweit gültige Menschenrechts-Standards einfordert, macht sich schnell einer Gleichmacherei-Gesinnung verdächtig, mit der gewachsene kulturelle Differenzen ‘weggebügelt’ werden sollen. Nun sind allerdings die Menschenrechte kein “Exportartikel” wie so mancher abendländische ‘Kulturmüll’, mit dem wir kassenklingelnd die ‘Rest-Menschheit’ beglücken, sondern eine argumentativ begründbare ethische Universalie, die sich im interkulturellen Diskurs mit dem Gleichberechtigungsanspruch anderer Kulturen in Einklang bringen lassen kann.

Im folgenden Essay plädiert Otfried Höffe, Professor für Politische Philo­sophie an der Universität Tübingen, für die stärkere Einbeziehung einer kulturneutralen, philosophisch reflektierten Argumentation in den politischen Diskurs, um die Erfolgsaussichten für eine weltweite “gleich gültige” Umsetzung der Menschenrechte zu verbessern.


Aus Prinzip gleichgültig

Wer den Vorwurf des „Kulturimperialismus“ ­entkräften will, muss die Menschenrechtsidee aus ihrer Entstehungsgeschichte lösen - von Otfried Höffe

Einige Kritiker sehen in den Menschenrechten eine subtile Form von Imperialismus: einen Rechtskulturimperialismus, der anderen Kulturen fremde Werte aufzwingt. Tatsächlich gehören die Menschenrechte ihrem Anspruch nach zu jener universalistischen Rechtsmoral, die vom Westen nicht entdeckt, sondern lediglich in größerer Radikalität gedacht wurde.
Der plakative Vorwurf „Kulturimperialismus“ tritt vor allem in zwei Gestalten auf. Erstens seien die Menschenrechte mit gutem Grund anderen Kulturen unbekannt. Denn man brauche sie nur unter den Bedingungen des Abendlandes, einerseits wegen dessen individualistischen Menschenbildes, andererseits weil es – etwa mit der religiösen Intoleranz, dem Absolutismus, der Sklaverei, der Kolonialisierung und dem Imperialismus – unter jenen Pathologien leidet, für deren Therapie die Menschenrechte notwendig werden. Zweitens komme den anderen Kulturen ein Recht auf Nichteinmischung zu, das dem Abendland verbietet, die Menschenrechtsidee anderen Kulturen aufzuzwingen.

Um den doppelten Vorwurf zu entkräften, bedarf es statt einer einseitigen Belehrung eines interkulturellen Gesprächs. Dieses findet nicht schon dort statt, wo man sich gegenseitig die eigenen Ansichten vorträgt, bestenfalls noch Rückfragen erlaubt. Da das Gespräch die Legitimationsfrage aufwerfen muss, geht es notwendigerweise in einen interkulturellen Diskurs über.

Zu führen ist er beispielsweise mit den islamischen Staaten. Schon die relativ frühe Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Islam (1981) bestätigt eine Reihe von Rechten und führt für sie Belegstellen aus dem Koran, aus der Tradition des Propheten und dem Verhalten der ersten Kalifen an. Von Traditionalisten verfasst, richtet sich die Erklärung aber nicht gegen die Ungleichheit von Mann und Frau und setzt sich nur ungenügend für die Religionsfreiheit und gegen Körperstrafen ein. Außerdem sieht sie nicht das für veritable Menschenrechte unverzichtbare Element vor, eine einklagbare Garantie, verbunden mit Instrumenten für ihre Durchsetzung.

Aus Fairnessgründen darf man allerdings folgende drei Gesichtspunkte nicht übergehen: Erstens musste sich ein wesentliches Element des Abendlandes, das Christentum, die philosophische Einsicht erarbeiten, dass zwischen der Grundlage der Menschenrechte, einem bestimmten Freiheitsbewusstsein und der Grundlage der Religion, der Orientierung auf Gott, kein Widerspruch besteht. Zusätzlich bedürfte es der politischen Einsicht, dass die Religion zu ihrem eigenen Wohlergehen keine Verquickung von Staat und Kirche benötigt, ihr im Gegenteil die Einheit von Thron und Altar sogar schaden kann. Damit auch der Islam diese doppelte Einsicht gewinnt, kommt er nicht um die Aufgabe herum, jene Sakralisierung von Gesellschaft und Politik zurückzunehmen, die der genuin religiösen Grundlage, dem ­Koran, ohnehin nur aufgepfropft ist. Lösen muss er sich vom Ideal eines durch göttliche Autorität geleiteten Gemeinwesens, in dem Religion und Politik derart ineinandergreifen, dass die religiösen Gesetze fast das gesamte soziale, kulturelle und politische Leben unmittelbar bestimmen. Stattdessen gilt es, Geschichte, Recht und Staat zu entsakralisieren, so wie umgekehrt die Religion von allem Juridischen freizumachen ist.
Zweitens wird die erforderliche Modernisierung durch den Umstand erschwert, dass die koloniale Expansion Europas den islamischen Raum politisch, wirtschaftlich und vor allem kulturell tief verletzt hat. In dieser Hinsicht trägt für die heutige Lage Europa – freilich nicht pauschal, sondern lediglich der Teil der im Mittelmeerraum führenden Kolonialmächte – eine beacht­liche Mitverantwortung.

Diskurs mit den Abwesenden

Schon die gewöhnlichen interkulturellen Diskurse sind schwierig. Noch schwieriger gestalten sie sich mit grundsätzlich Abwesenden. Für die eine Gruppe, die zukünftigen Generationen, beginnen wir sensibel zu werden; ohnehin wird die einschlägige Sensibilität dadurch erleichtert, dass sich deren Interessen mit unseren überlappen. Aus demselben Grund, der partiellen Koinzidenz von Gerechtigkeit und Selbstinteresse, ist zu hoffen, dass zunächst die Theorie der Menschenrechte, dann auch ihre Praxis jene zweite Gruppe einschließt, mit der ein direkter Rechtsdiskurs – man muss es so deutlich sagen – tödlich wäre. Völker wie die Amazonas-Indianer und die Regenwaldbewohner werden nur dann überleben (in physischer wie in kultureller Hinsicht), wenn sie vor Außeneinflüssen so gut wie vollständig geschützt werden. Die willkommene, egoistische Nebenfolge: Gelingt es, den Lebensraum dieser Völker für sakrosankt zu erklären, so erhalten alle anderen Völker einen ökologischen Vorteil.

Die Menschenrechte sind schon vom Begriff her für interkulturelle Diskurse prädestiniert. Denn was die einschlägige Rhetorik sagt, dass nämlich niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache… benachteiligt oder bevorzugt werden darf, bedeutet mehr als eine lediglich erste Stufe von Universalismus, jene kulturinterne Universalität, derzufolge die Rechtsgleichheit nur innerhalb einer Kultur, etwa der westlichen Rechtsgesellschaften, gelte.

Wenn die Menschenrechte ihren Namen verdienen, dann erheben sie den größeren Universalitätsanspruch, weder aufs Abendland noch auf dessen Neuzeit festgelegt zu sein. In welcher Gesellschaft und welcher Epoche der Mensch auch immer lebe – bloß deshalb, weil er Mensch ist, soll er gewisse Rechte besitzen. Infolgedessen ist jene beliebte Entlastungsstrategie menschenrechtsfeindlicher Regime hinfällig, die Menschenrechte seien, weil an eine bestimmte Kultur gebunden, nur für diese und nicht für die anderen Kulturen verbindlich. Die in Wahrheit weiter reichende Verbindlichkeit erlaubt, Verstöße gegen Menschenrechte in den verschiedensten Rechtskulturen, sowohl in westlichen als auch östlichen, sowohl in religiösen als auch in säkularisierten Gemeinwesen, zu kritisieren. Die Kritik darf freilich weder mit leichtfertiger Ignoranz noch aus politischem Kalkül erfolgen.

Angesichts des Vorwurfs des „abend­ländischen Kulturimperialismus“ kann sich die Philosophie nicht auf den Begriff der Menschenrechte zurückziehen. Vielmehr leiht sie, obwohl selber ein Produkt des Abendlandes, den nichtabendländischen Kulturen ihre Stimme. Sie tut es nicht in der heute beliebten Form einer Mutation, die aus Philosophen eine Art von Fundamentalethnologen macht: Theoretiker der Weltgesellschaft, die aus Angst, andernfalls die Eigenart fremder Kulturen zu erdrücken, einen puren Relativismus vertreten.

Die Philosophie beginnt mit einer Entkräftung der Angst. Dem, was man drastisch die „Tyrannei des Allgemeinen“ nennt, liegt ein Missverständnis zugrunde, die Verwechslung von Universalität mit Uniformität oder die Gleichsetzung universaler Rechtsgrundsätze mit dem Einebnen sozialer und kultureller Unterschiede.
Das Prinzip sprachlicher Gleichberechtigung beispielsweise bedroht nicht die Existenz der betreffenden Sprachen, sondern gewährleistet deren Koexistenz, das Miteinander des Verschiedenen. Die Gefahr eines „Kulturimperialismus’“ geht nicht von seiten universaler Rechtsgrundsätze, sondern von anderem aus, etwa vom „Export“ von Verhaltensmustern, Konsumgewohnheiten und fremder Kultur (von der Popkultur über Bildungsgüter bis hin zur Sprache). Ohne Zweifel kann der entsprechende Import die eigene Kultur bereichern; er kann aber auch auf der einen Seite Hegemonietendenzen befördern und auf der anderen Seite Identitätskrisen heraufbeschwören.

Weiterhin transformiert die Philosophie den Vorwurf des Kulturimperialismus in eine philosophische Aufgabe, das heißt in eine Frage, deren Antwort tatsächlich noch aussteht; es ist die doppelte Grundfrage eines interkulturellen Rechtsdiskurses:
(1) Wieso darf ein Rechtsinstitut, das im Abendland, zudem sehr spät, entsteht, trotzdem jeder anderen Kultur und jeder anderen Epoche zugemutet werden?
(2) Wie ist das Rechtsinstitut zunächst zu denken, dann zu realisieren, dass es der befürchteten Tyrannei des Allgemeinen entgeht und das Besondere, statt es im Allgemeinen verschwinden zu lassen, in seiner Besonderheit anerkennt?

Sprache der anderen Kulturen

Das Rechtsinstitut der Menschenrechte kann seine interkulturelle, weil universale Geltung nur dann beanspruchen, wenn es die Legitimation von den Entstehungsverhältnissen abkoppelt. Soll der Mensch tatsächlich bloß als Mensch über gewisse Rechte verfügen, können die abendländischen Erfahrungen zwar eine heuristische Bedeutung haben; die Kraft der Rechtfertigung kommt aber nur abendlandunabhängigen, interkulturell gültigen Argumenten zu.

Obwohl sich die Bedingung argumentationslogisch gesehen von selbst versteht, wird ihre Reichweite gern unterschätzt. Man muss nämlich von der vertrauten Geistes- und Begriffsgeschichte der Menschenrechte abstrahieren, auch von ihrer Rechts- und Sozialgeschichte. Wenn es Menschenrechte geben soll, dann nicht erst deshalb, weil die neuzeitliche Wirtschaftsform, der Kapitalismus, eines globalen Rechtsschutzes bedarf. Im Übrigen ist mit einem globalen Rechtsschutz verträglich, was der Menschenrechtsidee widerspricht und trotzdem noch lange praktiziert wird: die Sklaverei und die Leibeigenschaft, die Ungleichheit von Mann und Frau, die Rechtlosigkeit von Kindern und die Kolonialisierung.

Zugunsten einer ahistorischen, genuin systematischen Legitimation kann man auch strategisch argumentieren. Um Kulturen, denen das Rechtsinstitut relativ fremd ist, trotzdem zu überzeugen, sucht man eine Rechtfertigung, die gegen die Differenz der Kulturen indifferent ist.
Ein zweites strategisches Argument ist didaktischer Natur: Wer die Menschenrechtsidee verständlich machen will, muss sie, wenn nicht schon in der Sprache der anderen Kulturen, dann zumindest in einer neutralen Sprache formulieren.

Entscheidend ist aber der weitere, nicht strategische, auch nicht politische Grund, dass die kulturneutrale Argumentation schon wegen des Anspruchs vonnöten ist, den das Rechtsinstitut erhebt. Die Erfolgsbedingungen eines interkulturellen Rechtsdiskurses koinzidieren mit den Erfolgsbedingungen der Legitimation selbst.

Aus der Idee der Menschenrechte, also in Antizipation des Beweiszieles, folgt ein flankierendes Argument. Es verbindet den normativen Kerngehalt des Rechtsinstitutes, die Gleichberechtigung, mit dem anthropologischen Befund, dass jeder Mensch in eine Kultur oder auch Mischung von Kulturen hineingeboren und von ihr tiefgreifend geprägt wird.
Wenn zutreffen soll, was die Menschenrechte postulieren: dass niemand wegen seiner Abstammung benachteiligt werden darf, dann ist eine Diskriminierung der Mitglieder fremder Kulturen verboten. Nun gibt es ohne die jeweilige Kultur nur abstrakte Individuen, keine konkreten Menschen. Folglich muss, damit die Individuen gleichberechtigt sind, für ihre soziale Heimat, ihre Kultur, ebenfalls eine Gleichberechtigung existieren.

© Otfried Höffe 2010 / Crosspost “der Freitag”


politische gerechtigkeit

 

Otfried Höffe

ist Professor für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle Politische Philo­sophie an der Universität Tübingen, seit Juni 2009 auch Präsident der Nationalen Ethikkommission der Schweiz. Er hat zahlreiche Essays und Bücher v. a. über Ethik, Rechts-, Staats- und Wirtschaftsphilosophie sowie Kant und Aristoteles verfasst. Sein Buch Politische Gerechtigkeit wurde in neun Sprachen übersetzt.

Otfried Höffe
Politische Gerechtigkeit: Grundlegung einer kritischen Philosophie von Recht und Staat
Suhrkamp Taschenbuch 512 Seiten / ISBN-13: 978-3518284001

 

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Erfrischungs-Tipp No I: Brunnenspiele á la Tinguely

Wohl dem, der in diesem Sommer einen Brunnen mit solch hübschem Spielzeug hat - der ist nicht nur kühlungstechnisch alle Sorgen los ;-)

Tingueli-Brunnen in Basel

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

Und wer sich den Brunnen live angeguckt hat, kann gleich ins Museum Tingueli rüberschlendern, wo viele des Meisters monströse Klang- und Bewegungsobjekte - teils in Sonderausstellungen - zu bewundern sind.
Wer’s nicht nach Basel schafft, dem sei die Doku-Hommage über Leben und Werk des großen Ironikers Jean Tingueli von Peter K. Wehrli empfohlen: “Es bewegt sich alles!” - der knapp einstündige Film ist äußerst sehenswert und wird immer wieder in verschiedenen TV-Kulturkanälen wiederholt.

wf

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Steht uns die Große Krise, eine Dritte Depression, erst noch bevor?

Nicht nur an Stammtischen befürchten viele, dass die (scheinbar) gerade leicht abflauende Finanz- und Wirtschaftskrise nur das Vorgeplänkel für eine richtig heftige weltweite Große Krise sein könnte. So schwierig es ist, die Komplexität ökonomischer Vernetzungen zu durchschauen, lassen sich doch konkrete Entwicklungen hin zum worst case, zu einer Dritten Depression, beobachten.
Auch wenn man sich an heißen Sommertagen wie diesen vielleicht lieber der Denk-Faulenzerei hingeben mag, lohnt es sich m.E. doch, die beiden folgenden, klugen Essays von Paul Krugman (Professor of Economics and International Affairs at Princeton University) in der New York Times und von Ronnie Grob bei Carta zu lesen und sich bei Interesse an den dortigen Diskussionen zu beteiligen; zumal beide weitgehend auf ‘Fachchinesisch’ verzichten.

  • The Third Depression - Paul Krugman in der NYT
  • Am Vorabend der tatsächlichen Krise - Ronnie Grob bei Carta
  • wf

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