Es dürfte uns gut tun, uns manchmal daran zu erinnern, dass wir zwar in dem Wenigen, was wir wissen, recht verschieden sein mögen, dass wir aber in unserem grenzenlosen Unwissen alle gleich sind.
Es war kein Zufall, dass kürzlich in der BR-alpha-Reihe “Phase 3 – retro.Talk” nach dem Gespräch mit Paul Feyerabend die Doku über Karl Popper angehängt wurde – beide Denker ticken ähnlicher, als es ob ihrer kleinen diskursiven Scharmützel manchmal den Eindruck erweckt haben mag. Nicht nur in ihrer Kritik an den etablierten Methoden des induktiven und positivistischen ‘Erkenntnisgewinns’ in Philosophie und Wissenschaften, einig waren sie sich auch in ihrer Ablehnung absoluter Wahrheitsansprüche und “falscher Propheten”.
Nun stellt sich wohl manchen Philosophie-Interessierten nach einer ersten Einführung in die Philosophie die Frage, zu welcher Original-Lektüre sie danach greifen sollten. Dazu bietet sich imho Karl Popper aus mehreren Gründen an:
er formuliert leicht verständlich, ohne ausufernde Schachtelsätze und akademische Begriffs-Huberei, wobei sein Hang zu inhaltlichen Redundanzen den “Lerneffekt” unterstützt
er setzt kaum fach-philosophisches Vorwissen voraus – allerdings dürften Grundkenntnisse vor Allem zu den Vorsokratikern, zu Platon und Kant sowie den Differenzen zwischen Rationalismus und Empirismus für das Verständnis von Poppers gelegentlich etwas ‘eigenwilligen’ Interpretationen hilfreich sein
und vor allem: wer sich mit Poppers “kritischem Rationalismus” gewappnet hat, läuft später kaum noch Gefahr, sich von den dialektischen oder analytischen Spitzfindigkeiten und absoluten Geltungsansprüchen mancher Groß-Philosophen so beeindrucken zu lassen, dass er/sie sich das eigene Denken (im Sinne Kants) vor lauter beeindruckt-sein in einer Art geistiger Untertanenhaltung kaum noch traut ;-)
Von Poppers vielen Büchern scheint mir der Auswahlband “Alle Menschen sind Philosophen” am geeignetsten, um sich einen profunden Einblick in seine Themenbereiche zu verschaffen. Damit aber bezüglich des arg jovial daherkommenden Buchtitels kein Missverständnis aufkommt: der wurde nicht von Popper selbst gewählt, sondern den hat sich der Verlag posthum aus einem Bonmot Poppers rausgeschnitzt, mit dem er eigentlich nur zu mehr Reflexionsbereitschaft anspornen wollte: „Ich glaube, dass alle Menschen Philosophen sind, wenn auch manche mehr als andere.“ Das sei zu verstehen als Aufforderung an Alle, die eigenen Möglichkeiten und Einsichten durch Selbstkritik zu erweitern und eine entsprechend reflektierte Lebenseinstellung zu entwickeln.
Es stimmt allerdings, dass Popper gegenüber der vermeintlichen “philosophischen Elite” ein gesundes Misstrauen hegte, sobald sie dazu tendiert, sich mit ideologischem Tunnelblick und fachakademischer Selbstüberschätzung zu dogmatischen Welterklärungsansprüchen zu versteigen. Mit seiner ‘Kollegen-Schelte’ hat sich der Wiener und Wahl-Brite nicht nur Freunde gemacht, der Verleihung eines Adelstitels durch die Queen hats aber nicht geschadet ;-)
Klar ist für Popper aber auch, dass manche unserer Daseins-Probleme und die damit verbundenen Denkaufgaben aufgrund des enormen Zeitaufwands und einigem an erforderlichem Vorwissen nur von Philo-Profis bearbeitet werden können; folglich sieht er deren Hauptaufgabe darin, “die Dinge, die manche andere als selbstverständlich hinnehmen, kritisch zu untersuchen. Denn viele dieser Ansichten sind einfach Vorurteile, die unkritisch und selbstverständlich hingenommen werden, aber sehr oft einfach falsch sind. Um das herauszubekommen, braucht es vielleicht so etwas wie einen Berufsphilosophen, der sich Zeit zum kritischen Nachdenken nimmt.”
In dieser hier vorliegenden Zusammenstellung verschiedener Reden und Uni-Vorträge (mit teilweise thematischen Überschneidungen) werden Poppers in sokratischer Bescheidenheit formulierte Ansichten etwa zur Wissenschaftstheorie, zum “Leib-Seele-Problem”, zur “Willensfreiheit”, zu “Bewusstsein und menschlichem Selbstbewusstsein”, zu “Erkenntnis-Lernen-Wissen” sowie zu “Politik und Geschichte” mitsamt seines Konzepts der “Offenen Geselllschaft” deutlich – und zum Einstieg gibts einen lockeren, aber gehaltvollen Philo- und Erinnerungs-Talk mit seinem Jugendfreund Konrad Lorenz anlässlich eines Treffens zu ihrem (fast) gemeinsamen 80. Geburtstag.
Lassen wir Popper selber ein paar Takte über seine philo-pädagogische Haltung sagen:
Philosophie als Aufklärung des Alltagsverstandes
Alle Menschen sind Philosophen. Auch wenn sie sich nicht bewusst sind philosophische Probleme zu haben, so haben sie doch jedenfalls philosophische Vorurteile. Die meisten davon sind Theorien, die sie als selbstverständlich akzeptieren: Sie haben sie aus ihrer geistigen Umwelt oder aus der Tradition übernommen.
Da nur wenige solcher Theorien uns ganz zum Bewusstsein kommen, sind sie Vorurteile in dem Sinne, dass sie ohne kritische Prüfung vertreten werden, obwohl sie von großer Bedeutung für das praktische Handeln und für das ganze Leben der Menschen sein können.
Es ist eine Rechtfertigung der Existenz der professionellen oder akademischen Philosophie, dass es notwendig ist, diese weit verbreiteten und einflussreichen Theorien kritisch zu untersuchen und zu überprüfen.
Solche Theorien sind die Ausgangspunkte aller Wissenschaft und aller Philosophie. Sie sind unsichere Ausgangspunkte. Jede Philosophie muss mit den unsicheren und oft verderblichen Ansichten des unkritischen Alltagsverstandes anfangen. Ziel ist der aufgeklärte, kritische Alltagsverstand. die Erreichung eines Standpunktes, der der Wahrheit näher ist, und der einen weniger schlimmen Einfluss auf das menschliche Leben hat. [...]
Ich gebe zu, dass es einige sehr subtile und gleichzeitig überaus wichtige Probleme in der Philosophie gibt, die ihren natürlichen und einzigen Platz in der akademischen Philosophie haben, beispielsweise die Probleme der mathematischen Logik und, allgemeiner, die der Philosophie der Mathematik. Ich bin höchst beeindruckt von den erstaunlichen Fortschritten, die auf diesen Gebieten in unserem Jahrhundert gemacht wurden.
Aber was die akademische Philosophie im Allgemeinen betrifft, so beunruhigt mich der Einfluss derer, die Berkeley die minuziösen Philosophen (the minute philosophers) zu nennen pflegte. Gewiss, die kritische Einstellung ist das Herzblut der Philosophie. Aber wir sollten uns vor Haarspaltereien hüten. Eine minuziöse, kleinliche Kritik kleinlicher Angelegenheiten, ohne Verständnis der großen Probleme der Kosmologie, der menschlichen Erkenntnis, der Ethik und der politischen Philosophie und ohne das ernsthafte und hingebende Bemühen sie zu lösen scheint mir verhängnisvoll zu sein.
Es sieht fast so aus, als ob jeder gedruckte Absatz, der mit einiger Anstrengung missverstanden oder mißinterpretiert werden könnte, einen weiteren kritisch-philosophischen Aufsatz rechtfertige. Scholastik, im übelsten Sinne dieses Wortes, gibt es im Überfluss. Große Ideen werden eiligst unter einer Flut von Worten begraben. Auch scheint eine gewisse Arroganz und Ungeschliffenheit – einst eine Seltenheit in der philosophischen Literatur – von den Herausgebern vieler Zeitschriften für ein Zeichen von Kühnheit des Denkens und von Originalität gehalten zu werden.
Ich glaube, es ist die Pflicht jedes Intellektuellen sich seiner privilegierten Stellung bewusst zu sein. Er hat die Pflicht einfach und klar und in einer möglichst zivilisierten Art zu schreiben und weder die Probleme zu vergessen, die die Menschheit bedrängen und die neues, kühnes und geduldiges Nachdenken erfordern, noch die sokratische Bescheidenheit – die Einsicht dessen, der weiß, wie wenig er weiß. Im Gegensatz zu den minuziösen Philosophen mit ihren kleinlichen Problemen sehe ich die Hauptaufgabe der Philosophie darin, kritisch über das Universum und unseren Platz in ihm nachzudenken sowie über die gefährliche Macht unseres Wissens und unsere Kraft zum Guten und zum Bösen.
Karl Popper
Nun aber wird’s Zeit für die eingangs erwähnte Doku über Popper, die auf YouTube in mehreren 11-minütigen Teilen abrufbar ist; hier nun der erste, auch als Einstieg zu den weiteren:
Na, vielleicht hat ja nun der eine oder die andere von Euch Lust bekommen, den Popper als locker-nahrhafte “Sommerlektüre” mit in die Reisetasche zu packen…
Eigentlich sind die bairischen Medien nicht so sehr dafür bekannt, dass sie Anarchisten zu Wort kommen lassen. Aber zu nachmitternächtlicher Stunde findet man gelegentlich in der Nische des Fernseh-Bildungskanals BR-alpha Perlen des geistigen Revoluzzertums, wahrscheinlich, weil da eh fast kein Schwein zuguckt. Und weil ich also deshalb davon ausgehe, dass kaum jemand von Euch, liebe Leserinnen, gestern Nacht den Interview-Doppelpack Feyerabend & Popper in der Reihe “Phase 3 – retro.Talk” gesehen hat, soll’s den Feyerabend-Teil nun hier geben. (Zu Popper dann was in den nächsten Tagen, wollt ich im Rahmen meiner “Tipps für die locker-nahrhafte Sommerlektüre” eh wieder mal auftischen.)
In diesem Gespräch (das auch schon seit einem Jahr auf YouTube steht) unterhält sich Rüdiger Safranski mit dem österreichischen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend in frühlingshafter Atmosphäre 1993, ein knappes Jahr vor dessen Tod, auf einer Café-Terrasse in Rom.
Man erlebt einen quirligen und höchst sympathisch wirkenden Feyerabend, der hier nicht eine logisch-stringente Ausarbeitung seiner Positionen präsentiert, sondern seine Gedanken querbeet durch Themen wie Aufklärung & Unmündigkeit, Tierversuche, Wahrheit & Vernunft, sowie um die Frage, ob Philosophie Lebenshilfe leisten könne, schweifen lässt – wobei die einzelnen Gesprächsabschnitte immer wieder zum Atemholen und Nachdenken von Ausblicken auf römische Alltagsszenen unterbrochen werden.
Natürlich kommt auch seine kritische Haltung gegenüber dem wissenschaftlichen ‘Fortschritt’ zur Sprache, dem er vorwirft, ohne Rücksicht auf eventuelle gesellschaftliche Folgen nach Gültigkeit und Umsetzung zu streben. Feyerabend plädiert dafür, lieber seinen eigenen Verstand einzusetzen und nicht blind irgendwelchen Ideologien und Dogmen zu vertrauen, von wem auch immer diese aufgestellt würden.
Und eine wenig ‘altersmilde’ scheint der frühere radikale Atheist auch geworden zu sein, wenn er hier nun auch den religiösen Glauben als möglichen Halt im Leben mancher Menschen akzeptiert. Jeder könne da seinen ganz eigenen Weg finden, weil auch die Umstände jedes Lebens anders seien.
Feyerabends erfrischend undogmatische Auffassungen, seine Humanität und sein trockener Humor werden’s Euch bestimmt nicht langweilig werden lassen bei diesem sehenswerten Dokument über einen der aufmüpfigsten und eindrucksvollsten Denker des 20. Jahrhunderts.
Ein wenig zeitgenössischer europäischer Gitarren-Sound zum Regen-Wochenende
“Die Musik der Roma ist derart vielfältig, dass man von einer Roma-Musik nicht sprechen kann. Ähnlich heterogen wie die verschiedenen Roma-Gruppen stellt sich auch deren Musik dar. Die Fülle an musikalischen Stilen und Gattungen hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen: Hier spielen funktionale Kriterien ebenso eine Rolle wie unterschiedliche regionale und kulturelle Einflüsse benachbarter Völker sowie die jeweilige Gruppenzugehörigkeit der MusikerInnen.”, sagt die Musikethnologin Christiane Fennesz-Juhasz.
Nun begann die Geschichte der “Zigeunermusik” natürlich nicht erst mit dem legendären Gitarristen Django Reinhardt und seinem genialischen Geiger Stephane Grappelli, aber erst die beiden französischen Musiker machten die Marke “Gypsy” als Musikstil weltweit bekannt. Denn sie befreiten das ethno-musikalische Erbe der Roma aus der Ecke der romantisierenden Zigeuner-Folklore des 19. Jahrhunderts, indem sie die traditionellen Spielweisen mit dem Jazz, den französischen Valses Musettes und der seinerzeit modernen Akkord-Harmonik á la Claude Debussy oder Maurice Ravel verbanden.
Ferenc Snétberger
Ein paar Jahrzehnte hielten sich viele ihrer musikalischen Nachfahren an diesen ‘amtlichen’ Django-Reinhard-Stil und kreisten, wenngleich auf höchstem technischen Niveau, im Bereich des Epigonalen, bevor einige Roma-Musiker ihren Sound erneut mit Elementen des Modern Jazz, Soul, Pop und Rock erweiterten. Wie etwa Bireli Lagrene, der u.a. auch gern mal ein Jimi-Hendrix-Stückerl spielte.
Einer der wichtigsten Innovatoren des Gypsy ist zweifellos auch der Ungar Ferenc Snétberger, dessen Improvisationsarbeit sich im Gegensatz zum traditionell akkordorientierten Arpeggio-Stil mehr auf einer modalen Spielweise entwickelt. Der Swing der 1930er und der Bebop der 1950er verschmelzen dabei mit Jazzrock, Funk und Latin zum “Gypsy Modern Jazz”.
Hier hören wir Snétberger, der auch Filmmusiken und Orchesterwerke (“For my People”) komponierte, in Trio-Besetzung mit dem norwegischen Bassisten Arild Andersen und dem italienischen Percussionisten Paolo Vinaccia:
Für Snétberger, der sich in seiner ungarischen Heimat auch sehr für den Roma-Musikernachwuchs engagiert, dient die Musik nicht zuletzt dazu, sein politisches Engagement gegen Behördenwillkür und soziale Diskriminierung zu artikulieren. Denn wie Ihr wisst, ist die Situation der meisten Roma europaweit noch immer ziemlich prekär, darauf wurde ja auch kürzlich zum “Tag der Roma” in vielen Medien und mit etlichen Veranstaltungen wieder aufmerksam gemacht. Und gerade beklagte auch die ungarische Politikerin Livia Járóka, einzige Roma-Vertreterin unter den 754 Europa-Abgeordneten, dass sich die Lage der Roma “trotz bedeutenter Ausgaben nur geringfügig verbessert” habe. Viele leben noch immer in dem Teufelskreis keine Schulbildung – kein Job – kein Geld und damit keine Chance auf Bildung. Dazu kommen die gängigen Vorurteile, die den Roma (in Deutschland “Sinti”) europaweit entgegen gebracht werden. Und auch wenn rassistische Diskriminierungen eigentlich durch Artikel 21 der Europäischen Charta für Menschenrechte verboten sind, sieht das Europäische Roma-Informationsbüro in etlichen Ländern sogar einen “politischen Unwillen” unter dem Deckmantel von Versprechungen zu besseren Integrationsbemühungen.
Aber wen interessieren in unserer wohlsituierten europäischen Mehrheitsgesellschaft eigentlich die circa 12 Millionen Roma? Deren Lage kommt immer erst aufs mediale Tableau, wenn irgendwo TV-taugliche Übergriffe stattfinden oder wenn ein Bericht über bettelnde Strassenkinder aus Osteuropa unser ‘humanistisches’ Weltbild mal für ein paar Minuten belästigt. Oder es flackert kurz das schlechte Gewissen im Zusammenhang mit ‘Vergangenheitsbewältigung’ auf, wie alljährlich am 27. Januar, dem deutschen Holocaustgedenktag (von den Nazis wurden etwa 500.000 Sinti und Roma ermordet).
Vorletztes Jahr durfte dabei Ferenc Snétberger in der Plenarsitzung des Deutschen Bundestages als Solist auftreten – davon gibt’s auch diesen schönen Live-Mitschnitt – und man wünschte sich, die Politiker hätten nicht nur einen bleibenden Eindruck von seiner Musik, sondern auch von seinem Anliegen für die Zukunft mitgenommen…
Und nun hätt ich für alle Gitarrenkollegen, die auf gepflegte Distinktion Wert legen und ihr Repertoire für die nächsten Lagerfeuer-Auftritte oder nachbarschaftlichen Grillabende ein wenig aufhübschen wollen, noch dieses Snétberger-Solostückerl zum Nachspielen anzubieten:
Der große Hype um die vermeintliche Leistungsfähigkeit der Neurowissenschaften hinsichtlich der Erklärbarkeit des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens, der Willensfreiheit, Moral, Wahrheit & Lüge scheint seinen Zenit überschritten zu haben, auch wenn man als Wissenschaftler jeglicher Couleur noch immer bei entsprechend laut getrommeltem Neuro-Overstatement mit medialer Aufmerksamkeit belohnt wird und reichlich Geldmittel aus allerlei Fördertöpfen abschöpfen kann. Die ‘wissenschaftlichen’ Etiketten können zu diesem Zweck fast beliebig beschriftet werden, wie etwa Neurotheologie, Neuroökonomie, Neurorecht oder Neuroästhetik. Alle machen ja irgendwie Hirnforschung.
Aber es gibt seit einigen Jahren, auch in Deutschland, eine erstarkende Critical Neuroscience, die auf bedenkliche Entwicklungen in den Neurowissenschaften hinweisen und dem Neurohype ein wenig die Luft ablassen will.
So sieht etwa der Psychologe und Jura-Professor Stephen Morse mit Blick auf neurowissenschaftliche Anwendungen im Rechtssystem ein „Brain-Overclaim-Syndrome“; Ed Vul, Assistant Professor an der University of California, sprach hinsichtlich der ‘erstaunlichen Erkenntnisse’ der Hirnforschung gar von „Voodoo-Korrelationen“ und Stephan Schleim stellte in seinem Buch “Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert” am Ende die aufmüpfige Frage, ob es in der Neurogesellschaft um die Hirnforschung selbst oder doch eher um die Autorität mancher Hirnforscher geht.
Auch der Psychopharmakologe Felix Hasler wetterte kürzlich in einem SPIEGEL-Interview gegen den Erkenntniswert von Hirnscans und nun legt er in einer Streitschrift gegen die »Neuro-« Zwangsmodernisierung vieler Wissenschaftsdisziplinen, gegen den grassierenden biologischen Reduktionismus und die überzogene Interpretation neurowissenschaftlicher Daten, einigen Klartext nach.
Hier nun stellt der Autor seinen Essay ”Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung” selber vor – ein Plädoyer für Neuroskepsis statt Neurospekulation.
In den 70ern gab’s beim hinlänglich sozialisierten Freak-Nachwuchs keine Fete ohne Doors-Sound (zumindest nicht, wenn ich auflegte ;-) und so war denn auch ”Light my Fire” einer der ersten Soundtracks meines erwachenden Liebeslebens. Da übernahm quasi schon der Song die verbalerotische Anmache und ich hatte den Mund frei hatte für das Wichtigere. Und ja, der Song stellte ob seiner Länge doch gewisse Ansprüche an die Kusskünste.
Ray Manzarek
Geschrieben hat das Stück, wie so viele andere, Keyborder Ray Manzarek zum Text von Jim Morrison, die sich im Sommer 1965 am Strand von Venice Beach in Kalifornien als kongeniales Gründerteam der Doors zusammengetat hatten. Ihr Sound lebte anfangs von einer damals ‘unerhörten’ Spannung, vom Kontrast zwischen den oft “bachisch” anmutenden Orgel-Hooklines des klassisch ausgebildeten Manzarek zu den meist eingängigen Gesangsmelodien mit der oft surrealistischen Lyrik des Mesacalineros Morrison.
Kamen ihre Songs auf den Studio-Alben meist radiokompatibel zusammengeschnurrt daher, waren die Liveauftritte in der Art des seinerzeit angesagten Psychedelic-Rock mit langen Improvisationen gestreckt – was dabei musikalisch und showmäßig so alles abging, vor allem bei dem drogensüchtigen Jim Morrison, könnt ihr, wenngleich wohl leicht entstellt, in dem Film “The Doors” von Oliver Stone sehen & hören; der Film läuft immer mal wieder in einem unserer 1001 TV-Programme und der letzte echte Freak aus eurer Nachbarschaft hat ihn bestimmt auch auf DVD.
Die Doors sind übrigens die einzige Rock-Band in der Rock and Roll Hall of Fame ohne Bassisten, denn dessen Job erledigte Manzarek mit links auf einem Fender Bass Rhodes gleich mit.
Nun ist Ray Manzarek, der nach Morrisons Tod mit verschiedenen Soloprojekten und bis 2012 auch noch mit seinem Doors-Kollegen Robby Krieger (Gitarre) Konzerte gab, mit 74 Jahren während eines Krankenhausaufenthalts in Rosenheim an Gallengangkrebs gestorben.
Und auch wenn’s die meisten von Euch wohl schon kennen, hier eine ‘ungeschminkte’ Liveaufnahme von “Light my Fire”, denn dieser schwarz-weiß Mitschnitt von 1968 ist in Bild & Ton ziemlich “ehrlich”:
Die Psychologie-Professorin Sonja Lyubomirsky untersucht die “Mythen des Glücks”
Ach ja, das Glück, das ist ein flüchtig Ding, und es verdünnisiert sich schon, während es anhält. Denn weil der Mensch sich an Alles zu gewöhnen vermag, eben auch ans Glück, schleicht sich jede Hochgestimmtheit nach und nach zurück auf den set point der “hedonistischen Adaption“. Dann kann man/frau es sogar als lästig empfinden, wenn der Lover jeden Morgen das Frühstück ans Bett bringt.
So weit, so bekannt; wenn aber das schon geklärt ist, was soll’s dann für die empirische Glücksforschung eigentlich noch Interessantes herauszufinden geben?
Vielleicht was Neues über die Schadenfreude als Glücksbringer? Immerhin hat der Begriff in den vergangenen Jahren so was wie eine Weltkarriere hingelegt und ist im anglo-amerikanischen, französischen, italienischen, spanischen, portugiesischen und sogar im polnischen Sprachraum als deutsches Lehnwort in der ‘Mitte der Gesellschaft’ angekommen. Man könnte also vermuten, es handle sich dabei um eine ursprünglich rein deutsche Charaktereigenschaft, für die man in anderen Kulturen bisher nicht einmal ein Wort hatte, und die nun leider die übrige Menschheit infiziere. Das ist natürlich Unsinn, weil die Schadenfreude zu unser aller anthropologischen Konstanten gehört, sei es als psychosozialer Schutzmechanismus des Gruppenrudels vor Einzelschmarotzern oder als individuelle Kompensationstechnik für das verunsichernde Gefühl von Unterlegenheit. Die Psychologin Brigitte Boothe von der Universität Zürich sieht’s positiv: »Schadenfreude ist in der psychoanalytischen Theorie neben der Vorfreude das einzige Gefühl, das unmittelbare Entspannung gibt«.
Doch Schadenfreude gegenüber Gestrauchelten öffentlich zu zeigen, galt mindestens seit der Verhöhnung Jesu am Kreuze in sittlich hochstehenden Gesellschaften als ungehörig, gar als Einflüsterung des Teufels (der im Mittelalter deshalb auch “Der Schadenfroh” genannt wurde). Schadenfreude konnte (und sollte) sich öffentlich nur unter dem Deckmantel einer juristischen Legitimation von Bestrafung zeigen, wie am Pranger, beim Vierteilen, der Hexenverbrennung, dem Guillotonieren oder den Nazi-Progromen – zum höheren Zweck der gemeinschaftlichen Werte-Selbstvergewisserung.
Das aber scheint sich in den letzten Jahren geändert zu haben. Die private Schadenfreude des kleinen Mannes wurde gesellschaftsfähig durch Typen wie Harald Schmidt, Dieter Bohlen und Stefan Raab, die in ihren Shows mit Lächerlichgemache und aggressiven Pöbeleien gegen die-da-oben oder gegen die-da-on-stage die Neid-Projektionen und Minderwertigkeitsgefühle eines scham- und geistlosen TV-Prekariats in bare Münze zu verwandeln wissen.
Nun wäre die meist situativ aufploppende Schadenfreude als spontanes “Empfindungsglück” ja eher ein Fall für die Psychopathologen als für die Glücksforscher, denn die haben sich in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden sowohl auf psychologischer wie auch auf philosophischer Ebene eher mit den ‘bewussteren’ und beständigeren Formen des ”Erfüllungsglücks” beschäftigt.
Das Erfüllungsglück speist sich aus der ‘Transzendenz in der Immanenz’ (ein hübscher Ausdruck von Husserl) und wie’s ausschaut, haben sich die Menschen schon seit Urzeiten Vorstellungen von den anzustrebenen Horizonten, den höchstmöglichen Glückszuständen gemacht. Von welcher Art diese bei den Jungsteinzeitlern waren, können wir anhand ihrer Höhlenzeichnungen zumindest ahnen. Doch seit der Achsenzeit sind uns konkrete Inhalte philosophischer Reflexionen über das Glück zugänglich, etwa von Aristoteles, bei dem die Eudaimonia an die Einhaltung der Tugenden eines sinnvollen und erfüllten Leben gebunden war; Epikur, die Stoiker und die Buddhisten verstanden unter Glück hauptsächlich die Abwesenheit von Leid und geistiger Unruhe; in den monotheistischen Religionen wurde das Glück als Lohn für ein immanentes ‘gottgefälliges’ Leben gleich ganz ins Jenseits transzendiert.
Die antiken Glückshorizonte bildeten auch die Grundierung für philosophische Betrachtungen des Glücks in der Renaissance und später der Aufklärung, wobei sowohl Immanuel Kants kosmopolitisch grundierte Pflichtethik (wie etwa in seinen kategorischen Imperativen) als auch der von Jeremy Bentham begründete Utilitarismus nicht vorrangig auf individuelles Seelenheil, sondern auf gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt abzielten. Privates Glücksstreben war da kaum angesagt (Schopenhauer hielt ein solches gar für einen angeborenen Irrtum des Menschen), sondern als sittlich und moralisch gut galt bei den Aufklärungsphilosophen, so unterschiedlich sie auch sonst waren, das Streben nach einer höheren Entwicklungsstufe und die Ausbildung eines edlen Charakters. Die damit einhergehende Verachtung eines bourgoisen Hedonismus kann man bei John Stuart Mill heraushören: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“
Im Wesentlichen haben sich diese Konzepte als Zutaten für die Glücks-Empfehlungen in der europäischen Philosophie und Psychologie bis heute erhalten, etwa in der zeitgenössichen “Philosophie der Lebenskunst“, wie sie von Wilhelm Schmid und einigen anderen vertreten wird, begrifflich ein wenig aufgetakelt um eine „behutsame Hermeneutik des Selbst“ als kontinuierlichen Prozess persönlicher Arbeit (klingt zwar nach Modifikation, is aber letztlich auch ein genuin buddhistisches Konzept, das seinerzeit vermutlich schon über die alte Seidenstrasse und die Bibliothek von Alexandria in die hellenistische Philosophie importiert wurde).
Aber jenseits des Atlantiks wurde schon früh der Boden bereitet für eine Erweiterung des sozial konnotierten “Erfüllungsglücks”, denn das Streben nach Religions-, Meinungs- und Handlungsfreiheit der Flüchtlinge aus Europa verband eine utilitaristische und kommunitaristische Glücksmaximierung mit dem Recht auf eine wie-auch-immer geartete individuelle Selbstentfaltung inclusive Ausschüttung von Glückshormonen, wie sie etwa das Tragen und der Gebrauch von Schießeisen als “Empfindungsglück” mit sich bringt. Dieses Kombi-Glücksmodell hat sich der Amerikaner sogar als “persuit of happiness” in der Verfassung garantiert.
Möglicherweise ist deshalb die Glücksforschung in den USA stärker auf die Befindlichkeit des einzelnen Subjekts fokussiert und scheint sich in einem Gemenge aus empirischer Sozialpsychologie und Psychotherapie eingerichtet zu haben. Dazu dürften auch die Arbeiten des deutsch-amerikanischen Psychoanalytikers, Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm beigetragen haben, dessen Bücher “Die Kunst des Liebens” und “Haben oder Sein” zuerst in den USA erschienen und dort sehr positiv rezipiert wurden, wodurch die US-Sozialforschung schon früh einen populärwissenschaftlichen Spin erhielt.
Mittlerweile geben viele Regierungen nach dem Vorbild Bhutans Studien zur Erforschung ihres landeseigenen Brutto-Nationalglücks in Auftrag, immer unter dem positivistischen Aspekt, die Bedingungen für dessen (allgemeine) Vermehrung zu fördern. Sogar die UNO veröffentlichte 2012 erstmals einen Weltglücksbericht, dessen zentrales Ergebnis war, dass allgemeines Wirtschaftswachstum die Menschen nur dann glücklicher macht, wenn sie zuvor arm waren.
In den Staaten gibt es solche gesamtgesellschaftlichen Forschungen natürlich auch, aber die Glücksdiskussion wird dominiert von einer subjektorientierten Psycho-Beraterszene, zu deren bekanntesten frühen Protagonisten der US-Psychotherapeut M. Scott Peck zählt, der mit seinem 1978 erschienenen, leicht esoterisch angehauchtem Selbstfindungs-Klassiker „The Road Less Traveled“ (dt. “Der wunderbare Weg”) den wohl ersten worldwide Glücks-Bestseller geschrieben hat (wenn man von der Bibel mal absehen mag ;-)
Ging es bei Peck und seinen Nachfolgern noch um die psychische Balance in einem ‘inneren Zentrum’, so kam richtig Schwung in die Glücksmischerei, als Martin Seligman 1998 die Präsidentschaft der American Psychological Association (A.P.A.) übernahm. Er gab als Motto für diese größte Psychologenvereinigung der Welt aus, das Befinden des Menschen nicht mehr nur „von minus 5 auf null“ zu bringen, sondern „von null auf +5“. Seither untersucht eine überwiegend experimentell orientierte Psychologie, wie Gefühle und Erinnerungen auf die selbst-Beurteilung des eigenen Wohlbefinden einwirken und welche Urteilsprozesse dabei eine Rolle spielen.
Und hier kommt nun (endlich, liebe geduldige Leser) die kalifornische Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky und, versprochen!, bald auch die Schadenfreude wieder mit ins Psycho-Spiel.
So, bitteschön, sollte eine erfolgreiche Glücksratgeberin auch aussehen: Sonja Lyubomirsky
Die geborene Moskoviterin Lyubomirsky, 46, ist eine Hausnummer in ihrer Fraktion, spätestens seit sie sich 1999 mit ebendiesem Herrn Seligman, dem Flow-Experten Mihaly Csikszentmihalyi und einigen anderen Schwergewichten der akademischen Psychologie im mexikanischen Akumal zusammensetzte, um das “Manifest der Positiven Psychologie” auszuarbeiten. Dazu hat sie dann auch gleich mehrere Bestseller verfasst und konnte vor einigen Jahren mit “Glücklich sein” auch in Deutschland ein veritables Türmchen an den Buchhandelskassen aufbauen.
Von den in der Positiven Psychologie skizzierten Ansprüchen zu einer möglichen Optimierung der menschlichen Befindlichkeiten hat sich Lyubomirsky allerdings nach eigener Aussage verabschiedet und sie hält sogar den Begriff “positiv” im Zusammenhang mit wissenschaftlicher Psychologie für überholt. “Ich bin überhaupt nicht interessiert an glücklichen Leuten. Mich interessiert, wie sich Glücksgefühle mit der Zeit verändern und mit welchen Strategien Glück gefördert werden kann.”, sagt sie.
Aber wo bitte, Frau Lyubomirsky, soll da nun eine wesentliche Differenz sein? Na, schaun wir mal, was sie dazu in ihrem neuen Buch “The Myths of Happiness” schreibt. Aber nur deswegen, weil vor kurzem sogar die ‘seriöse’ New York Times der schicken Lady mit den Glücksversprechen eine Titelstory mit der schönen Headline “The How and Why of Happy” gewidmet hat.
Zu den Mythen des Glücks zählen bei Frau Lyubomirsky vor allem falsche Erwartungen und irreale Zukunftsprojektionen, die uns oft zu schlechten Entscheidungen verleiten und unsere geistige Gesundheit beschädigen können. So glaubten Viele, denen es gerade nicht so besonders gut geht, dass sie glücklicher würden, wenn sie endlich den perfekten Job und die große romantische Liebe fänden, wenn alles rund läuft, so mit großem Eigenheim und einer wohlgeratenen Kinderschar. Aber wenn dann das Erreichen dieser Ziele doch nicht das erwartete Glück beschert, denken sie, etwas mit ihnen selbst könne nicht stimmen oder sie wären die Einzigen, die sich so fühlen.
Andere fürchten sich vor Veränderungen, weil diese ins Unglück führen könnten, etwa nach einer Trennung den falschen oder gar keinen Partner mehr zu finden, Job und Geld zu verlieren oder sie haben Angst vor Krankheit und Älterwerden. Lyubomirsky meint, wenn wir überzeugt sind, dass Scheidung, Single-Dasein und Alter uns für immer unglücklich machen anstatt dass wir auch deren Chancen und ‘Belohnungen’ erkennen, werden wir in einer schlechten Beziehung stecken bleiben oder uns unnötigen kosmetischen Operationen unterziehen.
Aber ein amerikanisches Buch übers Glück wäre ja ohne Heilsversprechen kein Glücks-Buch und so empfiehlt die Autorin das Befolgen ihrer Ratschläge, wie man die “hedonistische Adaption” verlangsamen kann, mit Unglück fertig wird, sich neue Ziele setzt und dabei “wächst und blüht” – die Transformation von Krisensituationen in chancenreiche Übergänge zu einem glücklichen und erfüllten Leben.
Dazu müsse man aber auch die verborgeneren Wurzeln des Unglücklichseins ausgraben. Und so fanden die Wissenschaftlerin und ihr Team beispielsweise heraus, dass unglückliche Menschen sich häufig mit anderen vergleichen und ihre Stimmungen stark von diesen Vergleichsresultaten beeinflusst werden. Viele tendierten dazu, sich besser zu fühlen, wenn sie bei gestellten Aufgaben zwar selbst schlecht beurteilt wurden, aber gleichzeitig erfuhren, dass andere noch schlechter abgeschnitten hatten – und umgekehrt fühlten sie sich trotz Belobigungen schlecht, wenn andere noch besser waren.
Ein Experiment dazu ging so, dass je zwei Freiwillige (aus zwei Gruppen, die sich vorher selbst als “glücklich” bzw. “unglücklich” eingeschätzt hatten) vor einem imaginären Kinderpublikum nacheinander ein improvisiertes Spiel mit Handpuppen über den Wert von Freundschaft aufführten. Danach wurden die Puppenspieler gegeneinander beurteilt: “Du hast es großartig gemacht, aber dein Kollege war noch besser” und umgekehrt “Du hast es schlecht gemacht, aber dein Kollege war viel schlechter.”
Die Freiwilligen, die sich vor dem Spielversuch zu den Glücklichen gezählt hatten, kümmerte es wenig, wenn sie vermeintlich schlechter als der Kollege abschnitten und sie schüttelten das locker ab, während die vorher schon Unglücklichen das Urteil des Schlechter-Seins kaum ertragen konnten.
Frau Lyubomirsky schließt daraus, es sei offensichtlich, dass die Unglücklichen jene sardonische Maxime von Gore Vidal verinnerlicht hätten: “Für echtes Glück reicht es nicht, Erfolg zu haben. Die Freunde müssen scheitern.”
Frau Lyubomirsky glaubt, es gebe eine zunehmende Verbreitung dieser Einstellung in der US-amerikanischen Gesellschaft, was sich auch in der großen Bekanntheit des deutschen Begriffs Schadenfreude zeige, während gleichzeitig das Sich-Freuen über den Erfolg anderer abnehme.
Die Verbindung des Auslösers “Neid” (= negatives Selbstwertgefühl) mit dem Kompensator “Schadenfreude” (= positives Selbstwertgefühl) sei in diesen Experimenten klar erkennbar.
Aber das, Frau Lyubomirsky, hat ganz ohne Psycho-Experimente auch schon Platon gesagt.
(Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass man in den letzten Jahren viel Geld in der Neurowissenschaft verbraten hat, um die Gefühlszustände von Probanden im MRT-Hirnscan auszumessen. Rausgekommen ist dabei, dass bei Neidgefühlen das Schmerzzentrum flackert während bei gleich anschließender Schadenfreude das Belohnungszentrum aktiv wurde – q.e.d.)
Nun mag das zwar für die amerikanische Glücksforschung zu den neueren Erkenntnissen gehören; wir dagegen, liebe Leser & Freunde des unkorrekten Humors, haben die Schadenfreude als Glücksbringer ja schon entdeckt, als uns der gute Wilhelm Busch im Kinderbuch belehrte:
Der klugen Leute Ungeschick
stimmt uns besonders heiter;
man fühlt doch für den Augenblick
sich auch einmal gescheiter.
„Stell dir vor, du erwachst in einer Kiste. Immerhin so hoch, dass du stehen kannst. Man behandelt dich gut: täglich bekommst du durch die Klappe dein Essen. Jahrzehnte vergehen. Dein Aufenthalt dient einem höheren Zweck. Aber das kannst du nicht wissen.”
Nein, du armer Affe, das kannst du nicht wissen, dass du in einem anthropozentrischen Weltbild zu einem Objekt, zu einem Ding für respektlosen Gebrauch degradiert bist; dass der “höhere Zweck” dabei die Profitgier deiner Schergen ist und dass zur besseren wirtschaftlichen Verwertung sogar für die Manipulation deiner Gene Patente erteilt werden, eine besondere Art von ‘Anerkennungsurkunde’ für des Menschen sich selbst zugesprochener gottschöpferischen Höhe…
Schon in den 1980er Jahren hatte die berühmte Affenforscherin Jane Goodall gegen sadistische Tierversuche mit Menschenaffen protestiert, indem sie sich vor laufender Fernsehkamera in einen solchen Käfig hat einsperren lassen. Geholfen hat das damals wenig geschweige denn eine Änderung in der weltweiten Tierschutzgesetzgebung bewirkt.
Nun zeigt der bewegende Kinofilm “Unter Menschen” von Christian Rost & Claus Strigel das Schicksal einer Gruppe traumatisierter Versuchs-Schimpamsen, wobei die Autoren für ihre Geschichte tief in den Sumpf aus Tierhändlern, Pharmaindustrie und Regierungsstellen vorgedrungen sind.
Aus der Film-Info:
Am äußersten Ende Österreichs, direkt an der tschechischen Grenze befindet sich einer der besonderen Orte dieser Welt. Wie unter einem Brennglas treffen sich hier die moralischen Herausforderungen unserer Zivilisation: Schuld, Verantwortung und Wiedergutmachung. In einem verwilderten ehemaligen Safaripark, hermetisch von der übrigen Welt abgeschottet, leben 40 Schimpansen aus dem ehemaligen Versuchslabor des Pharmakonzerns Immuno. Infiziert mit HIV- und Hepatitisviren. Traumatisiert, verstört, hochaggressiv. Sie hassen Menschen und haben allen Grund dazu. Mit ihnen leben vier Pflegerinnen. Zwei davon waren schon im Versuchslabor als Betreuerinnen der Affen tätig.
“Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.”
Ludwig Wittgenstein
Dieses Wittgenstein-Zitat findet sich auch in Thomas Metzingers Essay über “Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit”, den er, wie er schreibt, “als eine Art Epilog zum Ego-Tunnel” verfasst hat, als ein “erläuterndes Nachwort, möglicherweise auch als Anfangspunkt für einen ganz neuen Gang der Überlegung”.
Mit diesem “neuen Gang der Überlegung” meint Metzinger wohl seine hier aufgeworfene Frage, ob es “ein modernes spirituelles Selbstverständnis geben kann, das den veränderten Bedingungen Rechnung trägt und mit dem (nicht nur für Philosophen wichtigen) Wunsch nach intellektueller Redlichkeit in Einklang zu bringen ist?”
Thomas Metzinger
Nun scheint mir das zwar ein wenig überschießend hinsichtlich der in seinem Buch “Der Ego-Tunnel” aufgestellten Thesen zu sein, über die ja hier ebenfalls schon kontrovers diskutiert wurde. Aber dieses leicht sprunghafte Weiter-Assoziieren ist eben auch typisch Marke Metzinger, der immer wieder die ethischen, kulturellen und sozialen Konsequenzen der zeitgenössischen “Philosophie des Geistes”, der Bewusstseinsforschung in Verbindung mit den Neuro-Wissenschaften und der Anthropologie, in den öffentlichen Diskurs stellt.
Und sich dabei nicht scheut, für eine interdisziplinäre Öffnung und für eine populärwissenschaftlich verständliche Präsentation seiner Forschungs- und Denkergebnisse einzustehen.
Konsequenterweise hält sich Metzinger also auch in diesem Essay von fachphilosophischer Terminologie und manchen damit verbundenen (Un-)Tiefen weitgehend zurück, auch wenn das manchem traditionell orientierten Philo-Kollegen ein Graus sein mag…
Dafür unterstützt er sein Gedankenspiel mit Referenz-Schnipseln von Kant, Wittgenstein, Friedrich Nietzsche, Karl Popper, Jiddu Krishnamurti und anderen, denen Metzinger Denk-Aspekte zu einer “säkularisierten Spiritualität” abgewinnen kann.
Metzingers Essays scheint mir durchaus lesenswert, vielleicht auch geeignet für einen fortgeschritteneren Ethikunterricht oder Diskussionsrunden in “Philosophischen Cafés”, weshalb ich euch diesen knapp 40-seitigen Text hier gern komplett in einem scrollbaren IFrame präsentiere (nach Link-Hinweis von Björn Eriksson, danke!).
Und ich find’s prima, dass Metzinger mit der Open Acces – Veröffentlichung dieses Essays auch in der Diskussion um Urheber- und Leistungsschutzrechte ein positives Zeichen setzt, denn er hat den Text unter der Creative Commons Attribution – NonCommercial – NoDerivs 3.0 Germany License lizensiert – die Weiterverbreitung ist also problemlos möglich (ein druckfähiges PDF findet ihr unter dem Frame).
Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit – Ein Versuch von Thomas Metzinger
Thomas Metzinger hat diesen Essay auch in die Form eines Vortrags umgearbeitet, den er am Philosophischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Grundlage für eine Diskussion gehalten hat. Wer lieber hören mag als lesen, sei also hiermit bedient (insgesamt 6 Teile):
In der Schweiz scheint man da schon etwas weiter zu sein als in Deutschland – jedenfalls zeigen Elena und Mathias von der Fachmittelschule Heerbrugg hier im “Sternstunden”-Gespräch mit Hans-Johann Glock ein qualifiziertes Interesse an Wittgensteins Denken:
Könnt ihr euch erinnern, wann ihr zum ersten Mal euch selber, euren Eltern, dem großen Bruder oder dem verdutzten Lehrer diese Frage gestellt habt? Wenn man mit dem Nachdenken über das SEIN beginnt führt das ja zwangsläufig zum NICHTS. Um das zirkuläre Paradoxon daran zu erkennen, muss man aber weder Heidegger verstanden noch über Schrödingers tote Katze sinniert haben, sondern sich einfach klar machen, dass diese vielleicht abgründigste aller metaphysischen Fragen nur von einem denkenden Wesen gestellt werden kann, dessen Gehirn sich nach ein wenig Quantenfluktuations-Hokuspokus aus dem Chemiebaukasten des Sternenstaubs zusammengesetzt hat, dass es also ohne ein Seins-bedingtes Denken gar keine Idee von NICHTS geben kann.
Das erkannte schon der Vorsokratiker Parmenides und meinte, es sei unmöglich, über das Nichtseiende zu sprechen, da im selben Moment, als man von diesem etwas aussagt, dessen Sein wieder vorausgesetzt wird. Weil Denken mit Sein äquivalent sei, könne man über das Nichts demnach auch nicht nachdenken.
Doch mit dieser Schlussfolgerung irrte Parmenides, denn von nun an ging, ihr ahnt es wohl, die Diskussion über das Nichts in der Philosophiegeschichte erst richtig los.
Zum 200. Sendejubiläum der Reihe alpha-Centauri ließ der BR auch seinen Physiklehrer der Nation, Harald Lesch, mal ein viertel Stündchen über dieses Thema räsonieren – ein hübscher Streifzug durch das NICHTS-Denken von Parmenides, Leibniz, Kant und Vincent van Gogh bis zur Quantenmechanik und der Kosmologie, denn die sind für Lesch bekanntlich die Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln. Und so resümiert er denn auch: “Die Naturgesetze im Universum sind unbedingte Voraussetzung dafür, dass ein Lebewesen überhaupt die Frage stellen kann: Warum ist nicht nichts?”
Wer nun Lust bekommen hat, sich mit diesem Thema ein wenig eingehender zu beschäftigen, dem möchte ich eins meiner Lieblings-Astrophysikbücher ans Herz legen: “Der Stoff aus dem der Kosmos ist” von Brian Greene. Statt aber dessen Inhalt hier zusammenzufassen, empfehle ich für einen ersten Eindruck das höchst lesenswerte Interview des SPIEGEL mit dem Autor aus dem Jahr 2004.
Sein gelebtes Leben verlieh ihm die glaubwürdige Autorität, dass Millionen ihm zuhörten, ihn lasen und seine kleine, globalisierungskritische Streitschrift “Empört Euch!” vor zwei Jahren zu einem überraschenden weltweiten Bestseller machten. Denn der 1917 in Berlin geborene französische Autor und Diplomat Stéphane Hessel hatte das Konzentrationslager Buchenwald überlebt, in der Résistance gekämpft und nach dem Krieg an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mitgearbeitet, so dass nicht das geringste Geschmäckle eines zeitgeistanbiedernden Wutschwätzertums an seinem Protestaufruf haftete.
Stephane Hessel
Wenn Hessel zur politischen Eigenverantwortlichkeit aufrief, ging es ihm dabei auch um eine existenzialistische Grundhaltung des engagierten Citoyen, um die essenzielle Eigenschaft des Menschen, durch selbstermächtigte Handlungen seinen Lebens-Sinn selbst zu entwickeln und sich den nicht in einer Haltung der Indifferenz von ‘undurchschaubaren Mächten’ aufoktruieren zu lassen.
Damit traf er vor allem den Nerv der damals gerade aufkeimenden Occupy-Bewegung, die sein “Empört Euch!” zum Mantra gegen die kapitalistische Finanzwirtschaft erhob – auch wenn es (bisher) für die große weltumspannende Revolution nicht reichte…
Vor zwei Jahren sendete das TV-Kulturmagazin “TTT” ein kurzes, aber aufschlussreiches Portrait über Stéphane Hessel, der gestern Nacht mit 95 Jahren in Paris gestorben ist.
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