Texterl zum Tage

Ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.

Guillaume Paoli




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Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Märchenhaftes zum Auftakt der Leser-Buchtipps für untern Baum

Es gibt Neues aus Zamonien: Walter Moers erzählt die anrührende Liebesgeschichte von der schlaflosen Prinzessin Dylia und ihrer spannenden Reise durch das menschliche Gehirn, nach Amygdala, der berüchtigten Stadt der Angst, in der das dunkle Herz der Nacht regiert.

Dieses Märchen aus der zamonischen Spätromantik voller skurriler Charaktere mit der Moers-eigenen Komik hat sich der Moers-Fan Detlef Zöllner (Herausgeber des Philo-Blogs „Erkenntnisethik„) natürlich nicht entgehen lassen und seine Leseeindrücke für euch hier  zusammen gefasst.

Gern könnt ihr uns auch weiterhin eure eigenen Buchtipps für untern Baum zuschicken, so bis ca. Mitte Dezember, damit Interessierte es auch noch rechtzeitig für untern Baum besorgen können.

wf


Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr. Ein somnambules Märchen aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz. Aus dem Zamonischen übertragen von Walter Moers und illustriert von Lydia Rode

– besprochen von Detlef Zöllner

Heute möchte ich das neue Buch meines Lieblingsautors besprechen: „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“. Allerdings weiß ich nicht so recht, wie ich ihn nennen soll: Walter Moers oder Hildegunst von Mythen­metz? Denn tatsächlich ist Walter Moers nur der kongeniale Übersetzer der Schrif­ten des Hildegunst von Mythen­metz. Vielleicht ist das auch der Grund, wa­rum Walter Moers noch keinen großen Literaturpreis erhalten hat, denn meiner An­sicht nach hätte er schon längst mindestens den Literaturnobelpreis für „Ru­mo“ verdient, meinem besonderen Liebling unter den Zamonienromanen. Al­ler­dings lese ich keine Literaturpreisbücher. Autoren, die Literaturpreisbücher schrei­ben, schreiben sie nicht für Leser, jedenfalls nicht für Leser wie mich, sondern für Ju­roren. Und je unlesbarer so ein Buch ist, um so eher kommt es auf die Shortlist.

Was diesen Mythenmetz betrifft, bin ich etwas eingeschüchtert, wie ich ge­ste­hen muß. Schließlich haßt Mythenmetz nichts mehr als Rezensenten. Das kann man in „Ensel und Krete“ nachlesen. Es fällt mir schwer, das einzu­ge­stehen, schließ­lich bin ich, wie meine Schwester meint, ein Snob. Sie schenkte mir kürz­lich „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ von Bodo Kirchhoff. Als ich sie nach dem Grund fragte, meinte sie, sie habe gelesen, daß der Kirchhoff ein Snob sei und daß das Buch deshalb zu mir passe.

Ich bin also ein Snob und will es deshalb diesem Mythenmetz mal so richtig zei­gen: Ihr Buch, lieber Herr Mythenmetz, wimmelt von Drucksatzfehlern! Hier meine Liste:

Auf Seite 67, Zeile 10, fehlt ein ‚n‘ in „I()somnia“!

Auf Seite 84, Zeile 25, ist in „als(o)“ ein ‚o‘ zu viel!

Auf Seite 126, Zeile 18, fehlt in „Unbenn()bares“ eine ganze Silbe!

Auf Seite 327, Zeile 22, fehlt das Endzeichen!

Nachdem ich hiermit klargestellt habe, daß ich ein Rezensent bin, der sich von ei­nem Mythenmetz nicht einschüchtern läßt, möchte ich jetzt gerne zu der wunder­ba­ren Übersetzung seines Buches von Walter Moers zurückkehren. Im Nachwort offenbart Moers den Lesern seines Buches, daß der Anlaß seiner ‚Übersetzung‘ der Brief einer Leserin gewesen sei, die am chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS) erkrankt sei. In ihrem Brief schreibt die Leserin, daß sie ihre schlaflosen Nächte mit dem Lesen seiner Zamonienromane verbringe, die sie von ihrer Krank­heit ablenken. (Vgl. Moers 2/2017, S.337f.)

Der neue Roman von Moers ist eine Antwort auf diesen Leserbrief, und er ist zugleich ein Liebesroman eines Autors an seine Leserin. Was mich auf den Ge­dan­ken bringt, daß Havarius Opal, der Nachtmahr, eine Verkörperung des Autors sein könnte, denn auch er verliebt sich in Dylia (Prinzessin Insomnia), die eben­falls unter der Krankheit leidet, nicht einschlafen zu können. Insbesondere die Ei­genschaft seiner Schup­pen­haut, ständig die Farben zu wechseln, und zwar jede ein­zelne Schuppe für sich, könnte ein Hinweis auf Moers’ Schreibstil sein, bei dem es auf verbaler Ebe­ne ähnlich ‚bunt‘ zugeht wie auf Havarius Opals Schup­pen­haut.

Der Name des Nachtmahrs ist übrigens schon ein Hinweis auf das Ende des Ro­mans. Dies nur als An­deu­tung, denn viele Leser hassen es, wenn gespoilert wird, was ich überhaupt nicht verstehen kann, denn ich persönlich weiß immer gerne vor­her, wie es ausgeht, und ich bevorzuge Happy Ends, darin ganz einig mit Bilbo Beutlin, der sich immer schon gerne zu Beginn einer Geschichte so ein Happy End zurechtlegt. So ermahnt er seinen Neffen Frodo vor seiner Reise nach Mordor: „Books ought to have good endings!“ – Mit dem be­ru­hi­genden Ge­fühl, daß sich alles in Wohl­gefallen auflösen wird, kann ich ei­nen Ro­man viel besser ge­nießen. Sogar „Rumo“ hat ein Happy End.

Viele Motive aus früheren Büchern tauchen in Moers’ neuem Roman wieder auf. Zum Beispiel die Reise durch Dylias Gehirn: schon in „Käpt’n Blaubär“ gibt es eine Reise durch ein Bolloggehirn. Allerdings sieht es in Dylias Gehirn ganz an­ders aus, was nur noch einmal bestätigt, worauf auch Havarius Opal gerne im­mer wie­der hinweist: Jedes Gehirn ist anders! – Das sollten diese Neurophy­sio­logen bitteschön beherzigen, wenn sie uns das nächste Mal wieder das Blaue vom Him­mel runterreden, was sie wieder Neues übers Gehirn rausgefunden haben. Nie­mand weiß besser, wie es in meinem Gehirn aussieht, als ich selbst! Warum? Weil ich denken kann. Überhaupt bin ich Rezensent! Und ich laß mir von nie­man­dem vorschreiben, wie ich zu denken habe.

Dylias beste Freunde sind ihre Gedanken: denn mit ihnen ist sie nachts, wenn alle schlafen, ganz allein. Ihre Gedanken bewahren sie vor den schlimmsten Aus­wirkungen der Schlaflosigkeit. Und manchmal ermöglichen sie ihr sogar eine Art „schlafloses Träumen“ (Moers 2/2017, S.67), die an einen „saloppe(n) Rausch“ (Moers 2/2017, S.25) erinnert. Erfahrene Zamonienromanleser erinnern sich viel­leicht an die „saloppe Katatonie“, die beim Sturz in ein Dimensionsloch eintritt. Aber das ist was anderes. Dylia jedenfalls hört in diesem Zustand „Ge­hirn­musik“, die „unverkennbaren Harmonien ihrer Ideen und Phantasmen“. (Vgl. Moers 2/2017, S.67)

Die Beziehung zwischen Havarius Opal und Dylia alias Prinzessin Insomnia er­innert auch aus einem weiteren Grund an die Beziehung zwischen dem Au­tor und seiner Leserin. Denn die Leserbriefschreiberin lieferte die Illu­stra­tio­nen zu Moers’ neuem Buch. Das Buch ist ein gemeinsames Projekt des Autors und seiner Leserin! Und die Leserin ist wiederum das Herz – bzw. das ‚Gehirn‘? – der Ge­schichte. Ich muß wieder ein Geständnis machen: die Stelle im Buch, an der das ganz explizit zum Ausdruck gebracht wird, hatte ich zunächst überhaupt nicht ver­standen!

Jetzt muß ich leider etwas spoilern. Aber nur weil ich so eine lange Leitung habe und etwas schwer von Begriff bin und weil ich befürchte, daß es vielen Le­se­rinnen und Lesern ähnlich ergeht wie mir!

Auf ihrer Reise durch Dylias Gehirn kommen die beiden ins Ge­dächt­nis­zen­trum, das aus einem riesigen Spinnennetz und seiner Hüterin, einer Spinne na­tür­lich, besteht. Die Spinne schläft gerade. Der Raum, in dem sich das Spinnennetz befindet, ist voller Erinnerungsschätze, vor allem Wörter, denn Dylia denkt sich gerne Wörter aus und sie sammelt auch viele Wörter, vor allem solche, die sich schwer aussprechen lassen. Ich liebe es immer, den Schülern in meiner Bi­blio­theks­gilde aus „Rumo“ vorzulesen. Es macht einen Riesenspaß, all die schwie­ri­gen Wörter auszusprechen, von denen es in allen Zamonienromanen nur so wim­melt.

Dylia begegnet in diesem Teil ihres Gehirns ihrem „Oberüberwort“, das auf ei­nem Haufen von anderen Wörtern liegt: „Dylia erschrak bei dem Anblick, aber nicht aus Furcht oder Bestürzung. Dann musste sie auflachen, aber nur ganz kurz. Und schließlich schossen ihr die Tränen in die Augen. Ja, da lag es. Ganz oben auf dem Stapel mit den Pfauenwörtern. Lag? Nein – da thronte es. Plötzlich un­ü­ber­sehbar, alles überragend und überstrahlend, den ganzen riesigen Raum mit sei­ner einzigartigen Präsenz beherrschend.“ (Moers 2/2017, S.145f.)

Wir befinden uns erst in der Mitte des Buches, und deshalb verrät uns Moers natürlich noch nicht, wie dieses Wort lautet. Aber gewitzt wie ich bin – Achtung Spoilergefahr! – schaue ich am Ende des Buches nach. Und ich bin enttäuscht: ‚Dylia‘ ist das Oberüberwort, also der Name der Prinzessin! Wie lang­wei­lig.

Ich blättere wieder zurück zur Stelle, wo ich gerade gewesen bin, und lese wei­ter. Wie gesagt: mir ist tatsächlich nicht aufgefallen, worin die Pointe liegt. Erst eine Weile, nachdem ich das Buch durchgelesen hatte, ging mir ein Licht auf. Dabei besteht das ganze Buch aus Anagrammen! „Ridikülisierendes Ana­gram­mieren“ (Moers 2/2017, S.142) ist geradezu der Basisstil aller Zamo­nien­ro­mane! Denn wer ist Dylia? Lydia natürlich, besagte Leserbriefschreiberin, die al­les überragende und überstrahlende, den Roman beherrschende einzigartige Prä­senz.

Detlef Zöllner



Walter Moers und Lydia Rode
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
Roman, 344 Seiten
Albrecht Knaus Verlag 2017
ISBN-13: 978-3813507850

Habt ihr wieder Buchtipps für untern Baum?

Habt ihr dieses Jahr das eine oder andere gute Buch gelesen, das ihr gern weiterempfehlen möchtet? Auch oder gerade wer’s mit dem Weihnachts-Konsumismus nicht so hat, sucht ja vielleicht was Geistreiches für untern Baum seiner Freunde und Lieben und lässt sich bei der Auswahl eventuell von interessanten Buchtipps inspirieren. Also ran an die Tastatur, ne Kurz-Rezi verfassen und dabei – wenn möglich – nicht nur ein gefühliges Like antackern, sondern auch a bisserl was zum Inhalt, Form & Stil, zu Buchautor*in und zu den Gründen für euer Wohlgefallen mitteilen (was natürlich Kritik an Details nicht ausschließt).

Willkommen sind (bisher noch unveröffentlichte) Buchempfehlungen aus allen Genres, aber im Sinne dieses Blogs bevorzugt zu Philosophie, Psychologie, Kognitions-, Kultur- und Sozialwissenschaften oder auch guter Lyrik. Nicht willkommen sind Klappen- oder Gefälligkeitstexte von irgendwelchen Verlagsmitarbeitern zur Eigenproduktwerbung. Vielleicht können euch die zwei stilistisch recht unterschiedlichen Kurzrezis von Szusza Nagy und Björn Eriksson, die vergangene Vorweihnachtszeit hier veröffentlicht wurden, in Schreiblaune bringen.

Schickt eure Kurz-Rezis bitte per e-mail an die Redaktion, ihr erhaltet umgehend Rückmeldung. Zur ‚Belohnung‘ werdet ihr bei Veröffentlichung auf Wunsch in unser Gastautorenensemble aufgenommen und erhaltet einen Link auf euer eigenes Projekt. Dazu könnt ihr euch ne Musik-CD aus unsrem Musikverlagsantiquariat aussuchen, quasi als eure Eigenbescherung für untern Baum ;-)

wf

Die Renaissance der Heimat

Wie viel Heimat braucht der Mensch? Wie viel kann er ertragen? Und wo ist sie überhaupt, diese Heimat?

Der Heimat entkommt man nicht. Und schon gar nicht in diesen Zeiten, da eine inflationäre, nervensägenartige Beschwörung von „Heimat“ aus allen Kanälen, aus Feuilletons, Buchhandlungen, Talkshows und Polit-Stammtischen dräut. Da trauen sich nicht nur die Untoten einer völkisch-rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie, die Heimat-Tümler und Ewiggestrigen ans Licht – der Begriff „Heimat“ scheint sich aus seiner Verleimung mit dem Gefühlsschwulst früherer Jahre gelöst zu haben und neue Bedeutung zu gewinnen als raunend formulierter Sehnsuchtsort der Globalisierungsflüchter und als Utopia gelingender Lebenspraxis. Worin diese im Zusammenhang mit ‚Heimat‘ bestehe und wie sie zu gestalten sei,  ist dabei nicht einheitlich und klar auszumachen. Jedenfalls ist Heimat nicht mehr gleichzusetzen mit Provinz, Heimat lässt sich ebenso im ländlichen wie im urbanen Raum finden; und Heimat ist mittlerweile nicht mehr, wie Martin Walser einst spottete, „der schönste Name für Zurückgebliebenheit“. Heimat bezeichnet den Frame für eine Nahwelt, die als Gegenpol zu hyperkomplexen Globalstrukturen einigermaßen übersichtlich und verständlich ist; Heimat als sozialer Raum, wo das Individuum seine Verhaltenserwartungen bestätigt findet und abschätzbares Handeln in einem noch überschaubaren Bezugsrahmen ’sinnvoll‘ erscheint; als Ort, wo man sich konkret für etwas engagiert und sich konkret gegen etwas empört. Somit stellt ‚Heimat‘, wie es der Existenzphilosoph Otto Friedrich Bollnow ausdrückt, in Wechselbeziehung zum Begriff der Fremde eine räumliche, soziale und auch zeitbezogene Orientierung zur Selbstgewinnung des Menschen bereit.

Das sind natürlich keine neuen, nur der Globalisierung geschuldeten menschlichen Bedürfnisse; schließlich haben wir alle schon als kleines Kind, wenn wir die erste ‚Heimat‘ des Mutterbauchs verlassen haben, ein Grundbedürfnis nach Raumorientierung sowie dem ersten ‚Territorium‘, das für die eigene Existenz Möglichkeiten zur Identitätsfindung, Anregung, Sicherheit und Feedback bietet, eine „Verwesentlichung des Beziehungsnetzes“.
Dass man der Heimat nicht entkommt, scheint auch die Neurobiologie zu belegen. Vorstellungen dieses ersten Territoriums, der ersten Heimat, würden demnach im Gehirn als Produkt von Engrammen synaptisch verankert. Je länger und positiver die Erfahrungen an einem Ort, desto nachhaltiger die damit verbundenen Heimatgefühle. Na gut, darauf kann man auch ohne Hirnscans kommen, hat ja Cicero in seinen Briefen an Atticus schon so gesehen.

Schließen sich Heimatbewahrung, globale Vernetzung und Eintreten für eine Offene Gesellschaft aus?

„Steht die Betonung von Heimat nicht im Widerspruch zu einer Haltung, die der Mensch im Zeitalter von Globalisierung und weltweiter Vernetzung einnehmen muss?“, frägt die Philosophin Karen Joisten in ihrem Buchessay „Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie„. Ihre Antwort darauf kenne ich nicht (das bei De Gruyter erschienene Werk ist mir zu unverschämt teuer), aber meine Antwort lautet: nein. Denn ich kann heutzutage mit Engagement und Empörung „Heimat leben“ ohne romantisierende Idealisierung von kleinbürgerlichen, oft religiös geprägten Sozialstrukturen, ohne Teilnahme an abscheulichen Gebräuchen, ohne abgrenzende Schollenmentalität und muss dabei keine Angst haben, zum geächteten Outsider zu werden (na ja, vielleicht kommt das noch in ein paar sozial und kulturell rückständigen Käffern gelegentlich vor). Und gleichzeitig kann ich durch meinen persönlichen Lebensstil, durch Gespräche und Handlungen im Freundes- und Bekanntenkreis, eine differenzierte, weltoffene und kulturpluralistische Stellung einnehmen und dafür werben (solang keiner Prügel androht, kann diskutiert werden). In diesem Sinne kann sich auch ein kommunales „Wir“ entwickeln und sich sowohl für Belange im Lokalen/ Regionalen (Bürgerinitiativen, Vereine, Landschaftsschutz, Allmende-Bewirtschaftung etc.) einsetzen als auch die Einbettung in überregionale und globale Vernetzung bewältigen. Das betrifft Digitalisierungsprozesse in Arbeit und Handel, Flüchtlingshilfe, Städteverschwisterungen, ja sogar internationalen Kulturaustausch wie das hübsche Beispiel des Konzerthauses Blaibach in der Pampa des Bayerischen Waldes zeigt. Natürlich mit dem Bewusstsein, dass sich lokale und globale Angelegenheiten in vielen Bereichen der Ökonomie und Ökololgie, der Politik und der sozialen Entwicklung überschneiden und wechselseitig beeinflussen. Dabei können übrigens auch gut geführte, historisch-kritisch ausgerichtete Heimatmuseen einen aufklärerischen Beitrag leisten; die Vernetzung der eigenen Region in überregionalen Handels- und Kultur-Strukturen ist ja ebenso so alt wie deren Besiedelung.

dorfladenEin gutes Beispiel für gemeinsames Heimat-Engagement from the bottom ist die Wiederkehr der Dorfläden. Nachdem seit 1970 ca. drei Viertel der einst 160.000 kleinen Geschäfte auf dem Land dicht gemacht hatten, dreht sich seit einigen Jahren der Trend und ein deutschlandweites Dorfladen-Netzwerk entsteht. Die meisten dieser Neueröffnungen sind von den Bürgern selbst genossenschaftlich organisiert und stärken nicht nur die Versorgungslage in kleinen Gemeinden, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl ihrer Bürger (siehe SZ-Artikel). Als Pendant dazu hat sich in etlichen Städten weltweit eine Kultur des „Urban Gardening“ entwickelt, häufig in Allmende-Bewirtschaftung, und, wie früher der Schrebergarten, nicht nur der ernährungstechnischen Nützlichkeit wegen angelegt, sondern auch als Stück ‚Heimat in der Heimat‘. In beiden Fällen findet meist auch ein überregionaler Erfahrungsaustausch und eine Präsentation durch Videos, Blogs und einschlägige Printmedien statt.
Eher fragwürdige Beispiele für Heimat-Verwaltung from the top sind die bestehenden und geplanten Heimat-Ministerien (in Bayern und NRW, im Bund). Man wird sehen, was dabei rauskommt, aber wenigstens haben wir noch keine Homeland Security Offices wie in den USA, wo zivile Bürger mit dem FBI zusammenarbeiten, um potentiell Verdächtige zu denunzieren und zu überwachen. Oder irre ich mich und erledigen das bei uns diese privaten „Sicherheitswachten“, wie es sie auch in meiner Heimatstadt Schongau gibt?

Heimat ist kein Kampfbegriff der Rechten

Wer bis hierher gelesen hat, hat auch sicher schon gemerkt: ‚Heimat‘ ist kein Kampfbegriff der Rechtsnationalen, so sehr sie ihn auch für ihre propagandistischen Zwecke zu vereinnahmen suchen. Dagegen hatte sich schon Kurt Tucholsky verwahrt, der über die Deutschtümelei der Nazis schrieb: „So widerwärtig mir jene sind, [….] so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.“ Aber dieses Land hörte nicht auf ihn, die nationalen Esel ertrug er nicht mehr, und aus dem schwedischen Exil musste er, nun heimatlos geworden, zusehen, wie die Nazis erst seine geliebte „Weltbühne“ verboten und dann auch seine Bücher verbrannten. Tucho hatte also gleich mehrere seiner ‚Heimaten‘ verloren und auf ihn wie auf alle Exilanten aller Zeiten trifft wohl zu, was Fjodor Dostojewski schrieb: „Ohne Heimat sein heißt leiden.“

Natürlich war der Begriff „Heimat“, den die Nazis als Grundlage einer „unverwechselbaren völkischen Eigenart und Überlebensfähigkeit“ in ihren Dienst gestellt hatten, nach Kriegsende erstmal kontaminiert, aber das ist nur ein scheinbarer Widerspruch zum großen Erfolg der kitschigen Heimatfilme in den 1950/60er Jahren. Denn ich vermute, dass die Umdeutung von „Heimat“ in „heile Welt“ ein Teil der kollektiven psychologischen Verdrängung des vormaligen Grauens war. Erst nach 68 konnte die Filmkunst wieder einen differenzierten Heimat-Blick entwickeln, wobei die zwischen 1984 und 2004 entstandene Heimat-Filmtrilogie von Edgar Reitz wohl einen der künstlerischen Höhepunkte markiert; der Filmemacher zeigt darin auch, dass Heimat ein Ort sein kann, den man verlassen muss, weil man ihn nicht mehr erträgt. Das Thema beschäftigt Reitz noch heute, wie ihr in dem aktuellen, lesenswerten Zeit-Interview „Heimat ist ein Schlachtfeld der Gefühle“ erfahren könnt.

Heimat ist da, wo…

Heimat ist in der Lebenspraxis kein Abstraktum, sondern konkretisiert sich in individuell Erfahrbarem, im Guten wie im Schlechten; deshalb enden die 1001 Erzählungen von Heimat alle anders. Eine kleine, subjektive Auswahl von Heimatgeschichten (die ihr gern in den Kommentaren um eure eigenen ergänzen könnt) mag diese Vielfalt andeuten:

  • Es begann vor Abermillionen Jahren, da wir noch als Mikroben in einem Urmeer schwammen und unser Überleben von der biochemischen Zusammensetzung rund um unseren Schwarzen Raucher abhing. Und so sprach die evolutionsbereite Mikrobe: „Heimat ist da, wo die Chemie stimmt.“
  • In der langen Zeit als Fische, Saurier, Mammuts, Affen und noch als Jäger & Sammler zogen wir von Region zu Region, in alle Habitate des Planeten, um Nahrung zu finden. Und so sprach das hungrige Wandertier: „Heimat ist da, wo’s was zu fressen gibt.“
  • Als wir schließlich zu Cro-Magnons wurden, hielten wir uns gern längere Zeit in schützenden Höhlen auf. Es war Eiszeit, manche Tage in der Höhle wurden lang, und beim flackernden Feuerschein kam uns so manche gute Idee, etwa die Höhlenwände mit Bilder-Szenen auszuschmücken, die in unserer damaligen Kultur wichtig waren. Und so sprach der kreative Cro-Magnon: „Heimat ist da, wo man sich verewigt.“
  • Bald darauf, so vor gut 10.000 Jahren, entdeckten wir im anatolischen Hochland durch Zufall, dass in Wasser eingeweichtes Getreide mit etwas Spucke einen Sud mit ziemlich angenehmer Wirkung ergab. Also errichteten wir für alle Clans in der Region auf dem Göbekli Tepe eine weithin sichtbare Anlage aus riesigen Steinblöcken, um uns regelmäßig zum gemeinsamen Feiern zu treffen. Und so sprach der soziale Alt-Anatole: „Heimat ist da, wo man gemeinsam sein Bier trinkt.“
  • In der Folge bereisten wir vielmals andere Regionen und Städte, zum Zwecke des Handels oder des Krieges, und mussten oft Jahre voller Gefahren und fern von unseren Lieben durchleiden. Und so sprach mancher vielgereiste Odysseus: „Heimat ist da, wo ein liebendes Weib treu auf mich wartet.“
  • In kaum einem Land ist das Heimatgefühl so ausgeprägt und pathetisch wie in der Schweiz, die mehr ist als eine Nation, nämlich eine Eidgenossenschaft. Die heimatlichsten Heimatfilme wurden hier gedreht („Heidi“) und die bodenständigsten Sportarten erfunden („Schwingen“). Bei dieser Heimatliebe und Bodenständigkeit wundert es nicht, dass tausende perspektivlose Schweizer Bauern in den erntelosen Katastrophenjahren nach Ausbruch des Tambora (1815) nicht wie etwa ihre schwäbischen Nachbarn nach Amerika auswanderten, sondern ihr Schicksal vor Ort in die Hand nahmen. Und so sprach der verzweifelte Bauer zum Abschied: „Heimat ist da, wo man sich aufhängt.“
  • Und da sich die Menschen bekanntlich durch nichts so sehr unterscheiden wie durch die Art ihres Humors, so sprach der ernsthafte Kulturanthropologe: „Heimat ist da, wo wir die Witze verstehen.“

 

So mag jeder für sich seine Heimat – oder besser: seine Heimaten (ineinandergeschachtelt wie bei einer Matroschka-Puppe) – finden. Eine jedenfalls, die Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Essay „Gibt es noch Heimat?“ gefunden hat, ist allen zu wünschen: „Heimat ist immer noch (und einfach) der Ort, wo die Menschen schlafen und aufwachen, die wir lieben.“

 

wf

Buchtipp zum Thema:

Der verstorbene Meisterdenker Zygmunt Bauman analysiert in seinem letzten Buch Retrotopia das „Zeitalter der Nostalgie“ in der unergründlichen und entfremdeten Welt der Globalisierung und stellt die Frage, ob und wie das Entstehen einer „kosmopolitisch integrierten Menschheit“ ohne planetarischen Bürgerkrieg gelingen kann.

Wie Frege auf die Farbe seiner Feder kam

Lösung und Gewinner*innen unseres Sommerferienrätsels

Kann diesmal nicht so schwierig gewesen sein, denn fast alle Lösungsvorschläge, die zum diesjährigen Sommerrätsel eintrudelten, waren richtig.

Hier nochmal kurz die Fragestellung:

Bei einer Zusammenkunft der vier Logiker Frege, Whitehead, Wittgenstein und Russel holte Letzterer aus seiner Tasche drei weiße und zwei schwarze Adlerfedern, die er den anderen zeigte, bevor er sie bat, kurz die Augen zu schließen. Dann steckte er jedem der drei eine weiße Feder hinters rechte Ohr, um die Angelegenheit recht schwierig zu machen. Als die drei ihre Augen wieder öffneten, konnten sie ihre eigene Feder nicht sehen, wohl aber die der beiden anderen. Nun fragte Russell zunächst Wittgenstein, ob er die Farbe seiner eigenen Feder bestimmen könne. Nachdem der verneint hatte, wandte sich Russell an Whitehead mit derselben Frage. Auch der entgegnete, dass er nicht wisse, welche Farbe die Feder hinter seinem eigenen Ohr habe. Als Frege nach seiner Farbe gefragt wurde, überlegte der einen Moment, und antwortete dann: „Weiß!“

Die Frage an euch war: Mit welchen logischen Überlegungen konnte Frege auf die richtige Antwort kommen?

Einige eurer Lösungsvorschläge waren recht ausführlich formuliert, aber kurz & knapp verhielt es sich so:

Der zuerst befragte Wittgenstein würde sofort richtig antworten, wenn er zwei schwarze Federn bei den anderen sähe; sagt er nix, kann das also nicht der Fall sein. Daraus folgt, dass Whitehead als Zweiter schon die richtige eigene Farbe genannt hätte (nämlich weiß), wenn er bei Frege eine schwarze Feder gesehen hätte. Da das Whitehead aber nicht tat, ist für Frege klar, dass seine Federfarbe weiß sein muss.

Ganz einfach, ne?

Bernulf Kanitscheider

Unter den richtigen Zusendungen hat unsere Losfee wieder drei Gewinner*innen aus dem email-Packerl gezogen, alsda:
Hartmut Finkeldey (Hamburg), Susanna Koltun (Lübeck) und S.Piderman (Schongau) – die drei Gewinn-Exemplare von Bernulf Kanitscheiders „Kleine Philosophie der Mathematik“, die uns freundlicherweise der Hirzel Verlag Stuttgart zur Verfügung gestellt hat, werden euch umgehend zugesandt.

Hoffe, allen Miträtslern hat’s wieder etwas Spaß gemacht und wer sich selber mal eine kleine, hierher passende Rätselstory ausdenken und mir zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls ein kleines Dankeschön und wird natürlich als Gastautor_in ‚verewigt‘. Das nächste Logik-Preisrätsel gibts dann wie üblich pünktlich am Silvesterabend…

wf

Sommerrätsel 2017: Die Farbe von Freges Feder

Gottlob Frege

Diesmal gibts 3 Exemplare von „Kleine Philosophie der Mathematik“ zu gewinnen

Seit Anbeginn der abendländischen Philosophiegeschichte waren und sind viele große Denker von dem Dreiklang aus Logik – Mathematik – Philosophie fasziniert, von Platon und Aristoteles über Descartes, Leibniz und Spinoza bis zu dem kürzlich verstorbenen Bernulf Kanitscheider (Autor des hier zu gewinnenden […]

Kleine Philosophie der Mathematik

Bernulf Kanitscheider

Der Naturphilosoph Bernulf Kanitscheider lotet die Kontaktzone von Philosophie und Mathematik aus

Seit die Menschen Mathematik betreiben, wird auch die Frage diskutiert, ob es sich bei ihr nur um einen Werkzeugkasten mit Instrumenten für technologische, statistische und konstruktivistische Anwendungen handle, also um einen Artefakt des menschlichen Verstandes, oder ob mathematischen Objekten und Verfahrensweisen […]

Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur

Paul Valéry Cahiers

In seinen >Cahiers< nimmt uns der intellektuelle Abenteurer Paul Valéry mit in sein Denklaboratorium einer lebensphilosophischen Selbsttherapie

Nicht selten kommt es vor, dass eine zufällig aufgeschnappte Bemerkung, ein irgendwo gelesener Satz mir spontan Lust darauf macht, aus dem eigenen Bücherregal wieder mal etwas herauszuziehen, das als Verwandtes oder als exemplarisch dafür erinnert wird. […]

Und Gott würfelt (vielleicht) doch

Florian Aigner - Der Zufall, das Universum und du

Florian Aigner untersucht in „Der Zufall, das Universum und du“ das Glücksspiel des Lebens

Glaubt von euch noch jemand an den Laplaceschen Dämon? Dass alles Geschehen in diesem Universum logisch erklärbar, deterministisch und kausal miteinander vernetzt ist? Quasi eine letztgültige mathematische Formel, mit der wir durch das nach-und-nach-Erkennen aller Unbekannten ein eindeutiges Ergebnis […]

Die Lösung des Revolver-Rätsels

hohe luft

…und die Gewinner*innen der 3 Jahresabos des PhiloMags HOHE LUFT

Mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung tun sich nicht nur manche Schüler im Mathe-Unterricht schwer, auch im real life verlassen sich viele Menschen lieber auf ihr Bauchgefühl, wenn sie Prognosen über möglicherweise eintretende Ereignisse abgeben sollen (was manche auch gern und häufig tun). Oft kann man […]

Winterabend

 

schneeflocken tänzeln

herab vom mond und hinauf

die wege sind still

 

: von fern bellt ein hund –

die eule im ast plustert

wohlig die federn

 

wf

Neujahrs-Logikrätsel 2017: Russisch Roulette beim Philo-Talk

hohe luft

Diesmal könnt ihr 3 Jahresabos des Philosophiemagazins HOHE LUFT gewinnen

Viele von euch haben wohl schon einmal die Duo-Talkrunde „Precht“ von und mit dem namensgebenden Publizisten Richard David Precht gesehen, welche als Ablösung für „Das Philosophische Quartett“ gedacht war. Dabei sollten sich deren Themen an aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft orientieren oder nach […]

Buchtipps unserer LeserInnen: Existenzialismus und isländischer Humor

Schön, dass schon ein paar LeserInnen auf unsere kleine Anfrage nach „Buchempfehlungen für unter’n Baum“ reagiert und uns ein paar Zeilen zu ihren Favoriten zugeschickt haben. Die ersten beiden Tipps kommen von SzuSza Nagy und Björn Eriksson (den ihr ja schon als Gastautor kennt). Gern könnt ihr uns in den nächsten beiden Wochen […]