Texterl zur Reisezeit


Manche prahlen, sie seien ohne Umwege ans Ziel gekommen. Wo es doch gerade im Abwegigen am meisten zu entdecken gibt...

Wem’s hier gefällt…


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Plugin von Oliver Schlöbe

Wenn Sternschnuppen ins Sommerloch fallen

… dann kramen publikumsfreundliche Qualitätsmedien jeden August dankbar die immergleichen Artikel aus’m Archiv, weil jeder Beitrag über dieses Phänomen sowieso a gmaade Wiesn is.
Es bedarf dabei lediglich einer kleinen Aktualisierung, nämlich der Ankündigung der optimalen „Sternschnuppennacht“, die sich alljährlich plusminus 2 Tage verschiebt. So sagt also unser Haus-Astronom diesmal das Sternschnuppenmaximum für die Nacht vom 12. auf 13. August voraus, mit ungefähr 100 Sternschnuppen pro Stunde und einem Höhepunkt zwischen 2 und 4 Uhr morgens – in den Tagen danach sollten aber auch noch ein paar Nachzügler aufkreuzen.

sternschnuppenMitte August ist deshalb die beste Zeit zum Sternschnuppen-Gucken, weil da die Sonnenumlaufbahn der Erde die Perseiden, die verglühenden Staub-Abfälle in der Bahn des Kometen Swift-Tuttle kreuzt.

Die ersten Aufzeichnungen über Meteorströme fertigten schon vor über 2000 Jahren die Chinesen an, allerdings noch ohne die Erklärung, dass diese Teilchen in die Erdatmosphäre eindringen, sich an der Lufthülle reiben und dabei durch die Reibungshitze hell aufglühen. Vor ein paar Jahren ging das Gerücht, dass der Komet Swift-Tuttle und die Erde beim astronomischen Feuerwerk im Jahr 2126 zusammenprallen könnten, nach aktuellen Erkenntnissen geht man aber von einer knappen Verfehlung aus.

Mit der etymologischen Neugier, die ja das kindliche Fragen nach den Weltzusammenhängen auch antreibt, wollte ich schon sehr früh wissen, woher das Wort “Sternschnuppe” eigentlich komme. Und weil’s damals noch keine Wikipedia gab, fragte ich also meine Oma, da die ihre verkohlten und abgeschnittenen Kerzendochte “Schnuppen” nannte. “Schnuppe” hänge mit schnauben und Schnupfen zusammen und bedeute soviel wie putzen, erklärte sie mir. Und wenn man Kerzen ausbliese, müsse man sie putzen, damit die glühenden Dochte nix entzünden könnten. Und weil die leuchtenden Meteore Putzabfälle der Sterne seien, nenne man sie deshalb “Sternschnuppen”, das habe sie im Grimmschen Wörterbuch gelesen.

Ah, eine hübsch wundersame Erklärung, und das Wundersame beim Schnuppengucken macht auch manche von uns astronomisch Aufgeklärten wieder zum Kinde, zum Philosophen oder Poeten:

“Gedanken sind Sternschnuppen, die besten stürzen lautlos an unserer Lebenssphäre vorbei. Nur zufällig erblickt jemand am Nachthimmel das lichte Gedachte, wie es vorbeischießt und erlischt. Manche Werke und Bilder aber gleichen Sternbrocken, die unsere Lebensbahn immer wieder kreuzen.” (Botho Strauß)

wf

Sommerpreisrätsel 2015: Die Würstchen von Schopenhauers Pudel

Erfreulicherweise gibts immer mehr Magazine, die regelmäßig originelle Logikrätsel anbieten (wie etwa die ZEIT oder „Spiegel online“), doch mir als hiesigem Rätsel-MC wird es dadurch eher erschwert, euch hier immer wieder Frischware aufzutischen. Ihr wollt ja schließich nicht einfach nach ner Lösung googeln, sondern lieber wagen selber zu denken ;-)

Da ist mir beim Sinnieren über einen Rätselentwurf glücklicherweise eingefallen, dass im letzten Blogbeitrag auch von Schopenhauer und seinem Pudel Atman die Rede war. Zu deren Verhältnis wurde hier zwar schon so manches gesagt, aber die folgende Angelegenheit bedarf noch der Klärung:

Nachdem Arthur Schopenhauer 1833 nach Frankfurt gezogen war, suchte er sich als Junggeselle umgehend eine gepflegte Gastwirtschaft, um dort seine tägliche Mahlzeit einzunehmen. Seine Wahl fiel auf den „Englischen Hof“ am Roßmarkt, der zwar genau 4 Kilometer geradeaus Richtung Westen von seiner Wohnung entfernt war, aber dadurch ideal als Auslauf für seinen Pudel Atman.

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Arthur Schopenhauer geht mit Pudel „Atman“ zum Essen (Zeichnung von Wilhelm Busch)

Bald kannte der Hund den Weg und die ganze Umgebung so gut, dass Schopenhauer ihn schon beim Losmarschieren von der Leine ließ, damit er vorausliefe. Denn weil Schopenhauer beim Essen seine Ruhe vor dem Futterneid des Tieres haben wollte, hatte er mit dem Gastwirt ausgemacht, dass der dem Hund bei dessen Ankunft und dann alle drei Minuten ein Würstchen zum Fressen gäbe bis er selbst einträfe und sich zu Tisch gesetzt habe. Nun hatte Atman aber eine attraktive Pudeldame kennengelernt, die von Schopenhauers Wohnung aus exakt drei Kilometer Richtung Norden ihre Hütte hatte. Aus verständlichen Gründen nahm Atman also täglich diesen Umweg, vergnügte sich eine Viertelstunde lang bei seiner Freundin und lief erst dann von ihrer Hütte aus direkt und auf schnurgeradem Weg zum „Englischen Hof“. Natürlich war Atman trotzdem schneller dort als Schopenhauer, weil er jede Strecke mit einer Geschwindigkeit von 20 km/h zurücklegte, während der Philosoph mit gemütlichen 4 km/h unterwegs war.

Frage an Euch: Wieviele Würstchen konnte Atman trotz Umweg und Liebes-Intermezzo vertilgen, bis Schopenhauer sich zum Essen niedersetzte?

(kleiner Tipp:  Neben den eher einfachen logisch-mathematischen Anforderungen ist wieder eine kleine Achtsamkeits-Falle eingebaut.)

Wer die richtige Lösung ausgetüftelt hat, kann sie uns gern per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder drei Musik-CDs aus unserem Verlags-Antiquariat verlost (nach Wahl Modern Jazz oder Indie-Rock – bitte auf Lösungs-Mail entsprechende Vorliebe angeben, ebenso wie die postalische Adresse für eine mögliche Gewinnzusendung).
Einsendeschluss ist Montag, der 14. September 2015.

Und übrigens: Wer sich mal selber eine originelle Philo-Rätselstory ausdenkt, die hier zur Veröffentlichung taugt, immer her damit! Dank & Belohnung garantiert…

wf

Eine kurze Geschichte des Reisens

Wenn Einer eine Reise tut und dann in der Ferne auf Landsleute trifft, wird er wahrscheinlich dasselbe Phänomen entdecken wie seinerzeit schon Michel de Montaigne (1533-1592): „Wo sie hinreisen, halten sie sich an ihre Gebräuche und Weisen und verabscheuen die fremden. Finden sie einen Landsmann in Ungarn, so tun sie entsetzlich fröhlich über ihren Fund. Denn die meisten reisen nur, um wieder heimzukehren; reisen mit einsilbiger und ungesprächiger Klugheit bedeckt und verwahrt, und beschützen sich vor der Ansteckung einer unbekannten Luft.“
Nun war allerdings zu Montaignes Zeiten und noch drei Jahrhunderte danach das Reisen eine eher elitäre Angelegenheit, die sich nur die höheren Stände, die Händler, Pfaffen, Auftragskünstler und staatsfinanzierte Conquistadoren leisten konnten – das einfache Volk ging höchstens mal auf Pilgerreise, um sich die letzten vom Mund abgesparten Kreuzer abzocken zu lassen (in Norwegen wurde die Teilnahme an Pilgerfahrten wegen deren Verbindung mit Aberglauben und Ablasshandel 1537 sogar per Gesetz unter Todesstrafe gestellt).

Als Thomas Cook 1841 die erste Tages-Pauschalreise per Eisenbahn anbot, gings dem Laienprediger zunächst nicht ums Geldverdienen, sondern darum, ein paar Hundert Säufer aus seiner Heimatstadt Leicester weg von der Ginflasche und hinaus an die frische Landluft zu bringen und dabei „Menschen mit Menschen und Menschen mit Gott zu verbinden“. Weil’s billig war (ein Schilling pro Person incl. Verpflegung), kam das Angebot gut an und somit eine Geschäftsidee zur Welt: 1845 gründete Cook das erste neuzeitliche Reisebüro, führte Reiseschecks und Hotelcoupons ein, und organisierte von da ab vornehmlich für Arbeiter und einfache Bürgerfamilien Pauschalreisen. Zunächst innerhalb Englands, dann aufs europäische Festland, schließlich nach Amerika und  Ägypten (mitsamt den ersten Nilkreuzfahrten) und eine erste 222-tägige Weltreise. Es war der Beginn des Massentourismus.

Dabei ist das Reisen an sich, zu sich und mit Anderen ein archetypisches menschliches Verhalten, eine anthropologische Konstante, denn der Mensch war ja von Anbeginn ein Umherziehender, ein Reisetier out-of-Afrika auf der Suche nach günstigeren Lebensbedingungen, und auch nach seiner Sesshaftwerdung im Neolithikum nahm er gern seinen Jahresurlaub, um sich zu kultischen Versammlungen etwa nach Çatal Höyük oder Stonehenge zu bewegen.  In der Kupfer- und Bronzezeit entstand dann schon ein dichtes Fernhandelsnetz vom Mittelmeerraum über Kleinasien bis zu Nord- und Ostsee, wobei die Reisenden nicht nur Güter wie Metall- und Töpferwaren, Bernstein, Schmuck, Stoffe und Gewürze, sondern auch Technologie und Kultur transferierten. Man war da zu Fuß oder mit Ochsenkarren nicht zum Vergnügen unterwegs, wohl auch nicht der Proto-Alpinist Ötzi oder das Mädchen von Egtved, das öfter zwischen Schwarzwald und Jütland pendelte, möglicherweise als kultische Priesterin. Über das genaue Geschehen und die Befindlichkeiten der Protagonisten jener vorschriftlichen Zeiten können wir nur anhand archäologischer Funde spekulieren,  die der Prähistoriker Hermann Parzinger in seinem Monumentalwerk „Die Kinder des Prometheus“ umfassend darstellt und zu interpretieren versucht.

Odysseus und die Sirenen

Reisen kann gefährlich sein: „Odysseus und die Sirenen“ – Gemälde von John William Waterhouse (1891)

Das Reisen im touristischen Sinne kam erst in der griechisch-römischen Antike auf, als sich das Wissen um Sehenswürdigkeiten und Naturwunder an anderen Gestaden durch Reiseberichte verbreitete und es in besseren Kreisen schon damals etwas galt, die gesehen zu haben. Und schon damals gab es jenen Typus von Reisendem (wie ihr ihn vielleicht auch aus eurem eigenen Bekanntenkreis kennt), der sich mit seinen Weltreiserfahrungen schmückt, obwohl er noch niemals die Berge vor der Haustür erwandert hat. So bemerkte Gaius Plinius (ca. 61/62-113/115 n. Chr.) süffisant: „Wir pflegen Reisen zu unternehmen, das Meer zu überqueren, um Dinge kennenzulernen, die uns, wenn wir sie immer vor Augen haben, nicht interessieren, weil es uns von Natur eigen ist, gleichgültig gegen die nächste Umgebung in die Ferne zu schweifen, weil das Verlangen nach allem, was bequem zu erreichen ist, erkaltet. … .Mag dem sein, wie ihm will, jedenfalls haben wir von vielem in unserer Stadt und ihrer Umgebung weder je etwas gesehen noch auch nur etwas gehört, was wir, befände es sich in Achaia, Ägypten, Asien oder sonst einem beliebigen Lande, das reich an Naturwundern und für sie Reklame zu machen weiß, längst gehört, gesehen und besichtigt hätten.“

Nun stellte sich auch schon damals die Benimmfrage, wie man sich als Gast in einem fremden Kulturkreis zu verhalten habe, um nicht anzuecken und wenigsten die Minimalforderung eines persischen Sprichworts zu erfüllen: „Das Beste, was man vom Reisen nach Hause bringt, ist die heile Haut.“ Drüben im alten China hatte Konfuzius seinen Landsleuten einfach geraten „Wenn du ein fremdes Land betrittst, frage, was dort verboten ist“ (da dran halten sich die modernen Chinesen leider nicht immer), wogegen über die sehr unterschiedlichen Benimmanforderungen in den vielfältigen Kulturkreisen des Imperium Romanum am besten die schockierenden Reiseberichte von Asterix & Obelix Auskunft geben. Für uns Heutigen stellt sich die Frage ja ein wenig anders seit Kurt Tucholsky erkannt hatte: „Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind!“

Es gab auch schon immer kluge Köpfe, die das geographische Reisen nicht allzu bekömmlich fanden, zumindest wenn es nur eine Kompensation für seelische Defizite, als Ersatz für die innere Reise dienen sollte. So schrieb der stoische Lebenshilfe-Philosoph Seneca (4 v. Chr.-65 n. Chr.) einem Freund: „Du wunderst dich darüber, daß du durch eine so lange Reise und so vielfachen Wechsel des Ortes dennoch den Trübsinn und die Schwermut nicht verscheucht hast. Denn Sinn mußt du wechseln, nicht den Himmelsstrich. – Magst du über das weite Meer schiffen, mögen dir, wie unser Vergil sagt, Länder und Städte entschwinden: Wohin du auch immer kommst, deine Fehler werden dir folgen. Zu einem, der über ganz dasselbe klagte, sagte Sokrates: „Was wunderst du dich, daß deine Reisen dir nichts nützen, da du dich selbst mit dir herumschleppst ?“ Derselbe Umstand, der dich forttrieb, verfolgt dich. Was kann dir die Neuheit der Länder frommen? Was das Bekanntwerden mit Städten und Gegenden? Vergeblich ist dieses Umhertreiben. Du fragst, warum dir diese Flucht nichts hilft? Du fliehst mit dir selbst. Die Last deiner Seele muß erst abgelegt werden; eher wird dir kein Ort gefallen.“ Und nein, dieser Freund war nicht der schon zitierte Michel de Montaigne, denn dem war diese Problematik wohl bewusst: „Wenn man mich jemand fragt, warum ich reise, antworte ich: Ich weiß wohl, wovor ich fliehe, aber nicht, wonach ich suche.

Der Arzt Paracelsus (1493-1541) sah die Sache eher aus seiner beruflichen Warte: „Wenn du eine Krankheit kennen lernen willst, dann reise.“ und der körperlich gebrechliche Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) machte aus der Stubenhockerei gar eine Tugend: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Die Fußgänger-Fraktion

Auch nach der Domestizierung des Pferdes und der Erfindung technischer Fortbewegungsmittel bervorzugten Manche das Reisen per pedes, nicht aus Not, sondern aus Überzeugung. Einigen reichte dabei schon die ‚kleine Reise‘ des Spaziergangs wie Immanuel Kant oder dem alten Schopenhauer, der das tägliche Gassi-Gehen mit seinem Pudel Atman so reflektierte:

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Busch-Zeichnung vom philosophischen Flaneur Arthur Schopenhauer mit Pudel „Atman“

„Ohne tägliche Bewegung kann man nicht gesund bleiben: alle Lebensprozesse erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie vorgehen, als des Ganzen. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche Bewegung: das Herz in seiner komnplizierten doppelte Systole und Diastole schlägt heftig und unermüdlich, mit achtundzwanbzig seiner Schläge hat es die gesamte Blutmasse durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf hindurchgetrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motuis peristalticus; alle Drüsen saugen und sezernieren beständig; selbst das Gehirn hat eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug. Wenn nun hierbei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so entsteht ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der äußeren Ruhe und dem inneren Tumult.“

Dabei war Schopenhauer als junger Mann auch gern längere Strecken zu Fuß unterwegs, ganz im Sinne des damaligen Öko-Trendsetters Jean-Jacques Rousseau (1712-1778): „Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen.“ Das verdichtete der brave Goethe zu dem bekannten KalenderspruchNur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.und der fleißige Bergwanderer und Schopenhauer-Adept Friedrich Nietzsche setzte noch eins drauf: „Traue keinem Gedanken, der dir im Sitzen kommt.“

Der ausdauerndste Wander-Philosoph war aber wohl Siddhartha Gautama (vermutlich 563 – 483 v. Chr.), der über 40 Jahre lang den Nordosten Indiens als lehrender „Buddha“ durchstreifte und zahllose ‚Weisheiten‘ für alle späteren Wanderer hinterließ, besonders Schopenhauer war stark von ihm inspiriert. Und auch für euch, die ihr vielleicht vorhabt, demnächst auf Wanderschaft zu gehen, hat der Buddha einen klugen Tipp: „Zwei Dinge sollst du meiden, o Wanderer: die zwecklosen Wünsche und die übertriebene Kasteiung des Leibes.“

 Das Reisen in Kunst und Literatur

…können wir in diesem Blogbeitrag allerdings nicht mehr eingehender betrachten, denn ihr wisst ja, dass  seit etwa viertausend Jahren die Reise auch ein zentrales Motiv in Literatur und Kunst ist und unzählige Werke entstanden sind, in denen sich oft auch das kulturelle Selbstverständnis ganzer Volksgruppen und Regionen widerspiegelt. Von Homers Odyssee und Vergils Aeneis, dem arabischen Sindbad, der Seefahrer, Marco Polos Reisen, den Canterbury Tales von Geoffrey Chaucers  im europäischen Mittelalter,  Jonathan Swifts Gullivers Reisen, den zahlreiche Romanen Jules Vernes (Reise um die Erde in 80 Tagen, 5 Wochen im Ballon etc.) bis hin zu den in der Gegenwart allmonatlich zu Tausenden ins Medienmeer geworfenen Reiseblogs, self-published-adventurebooks und Travel-Videos. Und meist vermengen sich dabei Realität und Fiktion ebenso wie bei der Story, die dir dein Kumpel Heinz in der Stammkneipe von seinem letzten Kurztrip nach Mallorca reindrückt. Klar, die ganze Reiserei wär natürlich nur halb so interessant, wenn man nicht darüber was Hübsches erdichten könnte. Wusste schon der Globetrotter Voltaire (1694-1778): „Wer von weither kommt, hat leicht lügen.“

Und? Wo geht eure Reise hin?

Das beliebteste Urlaubsland der Deutschen ist auch dieses Jahr wieder – Deutschland. Nun ist Heimatverbundenheit ja nicht per se schlecht (schon aus ökologischen Gründen) und nicht alle Dahoambleiber sind Tümler, aber manchen, die alle Jahre wieder die Schwarz-Rot-Goldene auf ihrem Campingplatz hissen, sollte man doch mal sowas von Alexander von Humboldt an den Wohnwagen tackern: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“

Damit bleiben von den 70 Mio jährlichen Urlaubsreisen der Deutschen (Reiseweltmeister China schickt inzwischen doppelt so viele um den Globus) für den ‚Rest der Welt‘ grade mal etwa die Hälfte übrig. Im Auslandsurlaubsranking führt Spanien (8,8%) vor Italien (7,9%) und Österreich (7,7%). Für Griechenland haben sich bisher nur 2,6% entschieden, obwohl die Griechen ja etwas mehr Euro-Zuwendung gut gebrauchen könnten. Wer in dieser Hinsicht noch heuer oder nächstes Jahr was Gutes tun will, kann sich von mir gern n Tipp für ein Insel-Appartment bei einer netten deutsch-griechischen Familie holen und dann dort, quasi an den Quellen der Philosophie, bestens relaxen und sich, mit der richtigen Literatur im Gepäck, auch auf eine Zeitreise begeben – für Selbstdenker und Selbstbucher, versteht sich. Denn wer hier mitliest, gehört wohl eher nicht zu den 40% der Deutschen, die ihren Urlaub und ihr Denken als Pauschalreise buchen.

wf

Beim Echo Jazz darf ein Akkordeonvirtuose aufs Stockerl

Zu den mächtigsten Medien-Lobbyisten der deutschen Kulturindustrie gehört die Deutsche Phono-Akademie, die sich selbst gern öffentlich als ‚Kulturinstitut‘ stilisiert, aber nur aus einem Häuflein bezahlter Marketingvertreter der kommerziellen Musikwirtschaft besteht. Ihr werbewirksamstes Instrument ist die jährliche Ausrichtung und Verleihung des Musikpreises Echo, der in der Sparte Pop seit 1992, für Klassik seit 1994 und für Jazz seit 2010 vergeben wird. Da der Echo Pop sich nur an Verkaufszahlen und Chartplatzierungen in Deutschland orientiert, wurde dafür auch zweimal, quasi automatisch, die umstrittene rechtslastige Südtiroler Band „Frei.Wild“ für die Rubrik „Rock/ Alternative“ nominiert und erst nach Shitstorms wieder ausgeladen bzw. zum Rücktritt veranlasst. In den Sparten Klassik und Jazz wäre so etwas ziemlich unwahrscheinlich, denn die haben immerhin Aufpasser in Form einer Alibi-Jury, die „nicht nur Weltstars für ihre musikalischen Leistungen auszeichnen, sondern auch herausragende junge Talente mit der Auszeichnung fördern“ will. Wobei diese „jungen Talente“ allesamt schon vorher mit Bepreisungen und Medienreputation gesegnet sein müssen, um vor diesem Götzenaltar in Dankbarkeit niederknien zu dürfen. Dieses, von musikästhetischen Kriterien ziemlich unbeleckte Selbstbeweihräucherungssystem taugt nicht allen Jazzern (die’s mit gesellschaftlichen Reputationsmechanismen meist eh nicht so haben) und so gabs auch schon Verweigerer wie etwa 2011 den Komponisten und Jazzproduzenten Manfred Eicher, der mit der Begründung ablehnte, diese Preisverleihung konterkariere die Wahrnehmung seiner Tätigkeit als Musikproduzent „nicht nur an Witz, sondern allen Ernstes.“ Oder, mit Kurt Tucholsky gesagt: „Je preiser gekrönt, desto durcher er fällt…“

Etablierte Künstler wie Eicher können sich das freilich leisten (auch im materiellen Sinn), doch für das Gros der Jazzer ist ihr Berufsalltag eine recht prekäre Angelegenheit. So ist es verständlich, dass jeder Honigtopf umschwirrt wird, und auch wer nicht selber direkt daran naschen kann, erhofft sich doch etwas mehr öffentliche Aufmerksamkeit für seine Herzensangelegenheit Jazz – auf dass irgendwann bei Club-Gigs dann vielleicht vor 80 statt vor 40 zahlenden Gästen gespielt werden kann.

Emile Parisien & Vincent Peirani

Emile Parisien & Vincent Peirani

Nun wird dieser Echo Jazz 2015 am 28. Mai wieder verliehen (in Hamburg), und im Gegensatz zum ESC (der heute Abend in Wien ausgetragen wird) stehen die Preisträger schon fest. Keine Überraschung, dass der Liebling der Musik-Feuilletons und Verkaufsgarant Michael Wollny (Klavier) erneut ausgezeichnet wird, wenig Überraschungen auch bei den anderen Ausgezeichneten – kleine Überraschung aber dann doch, dass mit dem Franzosen Vincent Peirani erstmals ein Akkordeonist aufs „Stockerl“ darf, zusammen mit seinem langjährigen Saxophon-Partner Emile Parisien.

Das Akkordeon hat sich ja schon lange aus der folkloristischen Ecke emanzipiert, in der Spielart des Bandoneons etwa auch im Jazz-Tango (Astor Piazolla, Dino Saluzzi et al.) und kann sehr percussiv eingesetzt werden (auch der Instrumentalkörper selbst!), was sowohl solistisch als auch im Ensemblespiel die mikro-rhythmischen Ausdrucksmöglichkeiten enorm erweitert. Gleichzeitig ist das Akkordeon schon ein Orchester für sich mit Melodie-, Harmonie- und Bass-Section, und wie der Peirani das um- und einsetzt, hört ihr in den folgenden drei – stilistisch sehr unterschiedlichen – Livestückerln.

 

Hier bei einem rumänischen Folk-Medley mit dem Cellisten François Salque:

Da interpretiert er zusammen mit Saxer Parisien eine Komposition des Jazzmusikers Sidney Bechet:

Und bei jenem improvisert er „hypnotic“ mit dem jungen ‚Shooting Star‘ Michael Wollny:

Sehr empfehlenswert auch dieses Kulturzeit-Portrait von Vincent Peirani

wf

Vom Wertewandel der Arbeit

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Was können wir uns unter dem Begriff der „Arbeit“ in Zeiten ihres radikalen Wandels eigentlich noch vorstellen? Wohl kaum noch das Auslaufmodell der produktionsorientierten und zeitlich starr geregelten Erwerbstätigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltssicherung, welches durch das Scientific Management des Taylorismus und die Effizienzlogistik des Fordismus […]

Hilft der Leipziger Buchpreis der Lyrik-Szene?

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Als der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer, der vergangene Woche im Alter von 83 Jahren starb, für sein schmales Œuvre 2011 den Literaturnobelpreis erhielt, war das gar nicht mal soo sensationell, denn die Kunst der ‚kleinen Form‘ galt dem schwedischen Kommittee schon lang als preiswürdig, unabhängig von Massengeschmack und Marktkonformität. Schon vorher wurden Autor:innen […]

Lösung des Neujahrsrätsels 2015: mit Logik oder klingonischer Zahlenmagie

Ach ne, Leute, das kann doch nicht so schwierig gewesen sein, dass zu unserem Neujahrsrätsel diesmal nur 7 richtige Lösungen (aber etliche falsche) eintrudelten! Sogar der Syrakuser Getreidehändler hat ja letztlich kapiert, wie er mit nur 4 Gewichten alle Mengen von 1-40 kg auf seiner Balkenwaage auswiegen kann. Und da konnte man sogar […]

Neujahrsrätsel 2015: Die Gewichte des Archimedes

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Besser bloggen mit Karl Kraus

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Friedrich Nietzsche im Info-Comic

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…und was es mit Weib & Peitsche auf sich hat

Wenn’s ein deutscher Philosoph im Ranking der Männerstammtischparolen ziemlich weit nach oben geschafft hat, zeugt das nicht unbedingt von einer geistigen Weiterentwicklung des deutschen Stammtischwesens – nicht einmal der Philosoph selbst muss dran schuld sein, wenn der eine oder andere Aufsprecher glaubt, er […]

Wo ist das Weltall zu Ende?

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Hubert Reeves erklärt seiner Enkelin und uns das Universum

Die Menschheit tastet sich immer weiter voran in die unendliche Weite des Weltalls, nun traf eine von der Erde aus gesteuerte Sonde nach 10 Jahren Anflugszeit sogar schon einen Felskrümel in 500 Millionen Kilometern Entfernung, gut dreimal so weit weg wie die Sonne, und […]

Ein paar Wahrheiten über Wahrheit und Lüge

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Notiz zur Scobel-Sendung „Was ist die Wahrheit wert?“ und ein Filetstück von Nietzsche

„Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und die Urteile über die Dinge.“

Epiktet

Nicht wahr ist, dass diese Erkenntnis des alten Stoikers von Gert Scobel in seiner September-Sendung „Was ist die Wahrheit wert?“ richtig […]