Philosophische Schnipsel

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Feuilleton mit Essays & Reflexionen zu Kultur, Medien und Gegenwartsphilosophie

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Im Klaustall der Literatur: Auch ein Axolotl nährt sich von Plagiaten

Gern hört und erzählt man die Geschichten von den kreativen Wunderkindern, die uns als Genies mit ihren scheinbar originären Schöpfungen beglücken, die der Menschheit das Schöne, Wahre & Gute, den Fortschritt in Wissenschaft und Künsten bescheren, als kämen sie als auserwählte Königskinder auf einem Strahl des Hegelschen Weltgeists dahergeritten.

Soeben wieder mal geschehen mit der Jungautorin Helene Hegemann, deren 200-seitiger Roman “Axolotl Roadkill” in den letzten Wochen von vielen Feuilletons sensationsgeil vorschnell zur literarischen Sensation, zum Szene-Kultbuch hochgejazzt wurde, die nun aber nach ‘investigativen Enthüllungen’ dummerweise als  ‘Fall Hegemann’ die literarische Republik erschüttert: Der erst 17-jährigen Berlinerin wird  vorgeworfen, sie habe etliche Teile ihres Buches aus verschiedenen Werken anderer zusammenmontiert, teilweise mit fast wörtlich übernommenen Textpassagen, ohne diese entsprechend zu kennzeichnen oder dafür die Erlaubnis der Originalautoren oder deren Verlage eingeholt zu haben.
In einem SZ-Interview behauptet der Blogger Deef Pirmasens, dass viele Axolotl-Szenen und scheinbar originär-erfrischende Wortschöpfungen wie “Vaselintitten” oder “Technoplastizität” aus dem Buch Strobo des Berliner Bloggers Airen übernommen wurden. Auch aus einem Songtext der Band Archive habe Hegemann ohne Quellangabe zitiert. Und Deef Pirmasens dürfte wohl Recht haben mit seiner Vermutung: “Ein Buch von einem 28-jährigen Blogger aus einem Untergrundverlag ist offensichtlich nicht so interessant wie eine Veröffentlichung in einem Großverlag von einer Jugendlichen, deren Vater in der Kulturszene bekannt ist. Hegemann wird ja gelobt als das Wunderkind der Literaturszene, das den großen Generationenroman geschrieben hat.”

Ursprünglich geht der Begriff Plagiat  auf eine der ältesten bekannten Urheberrechtsverletzungen aus dem Rom des ersten Jahrhunderts nach Christus zurück. Damals prägte der römische Dichter Marcus Valerius Martialis  den Begriff „Plagiat“, als ein gewisser Fidentinus seine Gedichte fälschlich als eigene ausgegeben hatte, und da Martialis seine Epigramme gern mit freigelassenen Sklaven verglich, bezeichnete er jenen als “Menschenräuber”.
Angefangen hatte die Rechtssicherung literarischer Urheberrrechtsansprüche mit der höheren Wertschätzung des Individuums ab der Renaissance, als man  Autorenprivilegien gewährte, mit denen der Schöpfer für sein Werk belohnt werden sollte. In Deutschland wurde ein solches Privileg erstmals 1511 Albrecht Dürer eingeräumt.
Gerichtsmassige Streitereien aber, wer von wem und wer zuerst, entwickelten sich so richtig erst in den modernen Zeiten der geldwerten kulturindustriellen Ausschöpfung von Urheberrechten seit etwa zwei Jahrhunderten - proportional steigend zur Veröffentlichung neuer Werke, der Gründung weiterer Verlage und bei der Etablierung neuer Medien.
Wer sich die Mühe machen könnte, in der Masse der bis heute geschaffenen und ständig neu hinzukommenden Werke nach mehr oder weniger versteckten Plagiaten zu suchen, würde vielfach fündig, denn kaum eine Idee oder Szenerie, die nicht irgendwann so oder ähnlich schon einmal literarisch verbraten wurde (man denke nur an Thomas Manns “Dokor Faustus“) - die großen Erzählungen und Bilder bleiben halt immer die gleichen, auch wenn manches Wort, manch Pinselstrich für frischen Anstrich sorgt.
Folgerichtig verteidigt sich Jungautorin Hegemann im Magazin “Buchmarkt”: “Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. Es gibt da ziemlich viel, was mit meinen Gedanken korrespondiert und sich in mein Gehirn einschreibt, dadurch aber gleichzeitig auch etwas komplett anderes wird. Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf.”
Und stellt konkret zu ihrem umstrittenen Buch klar: “Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen. Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) – ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit. Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.”

Mit dem letzten Statement trifft sie die aktuelle Diskussion über eine Anpassung des Urheberrechts im Internetzeitalter auf den Punkt. Da stehen die copy&paste-generation gegen das althergebrachte Pfründedenken, die intertextuellen Spiele  gegen Elfenbeinturmmentalität, ein geändertes Produktions- und Konsumverhalten mit vermeintlich mangelndem Unrechtsbewusstsein gegen Alleinverwertungsansprüche. Allerdings steht Hegemann ja nicht allein mit ihrer Meinung, dass alles neu Geschaffenene auf bereits Bestehendem gründet und dieses Neue wiederum das Folgende ermöglicht - ist übrigens auch ein Prinzip in der Buddhistischen Philosophie, in der aus dem ‘Anatman’ (bedingte Existenz) via Karma das Nirvana erreicht werden kann (Zustand höchsten Bewusstseins und Einsicht bei gleichzeitiger Leidfreiheit - aber hallo, da grüßt der ‘Weltgeist’ doch nochmal mit ;-)

Bis zum Nirvana hat die Menschheit wohl noch ein Stückerl hin (auch wenn manche die Cloud schon dafür halten ;-), aber unabhängig von seiner Qualität zeigt das Buch (ich habs nicht gelesen und habs auch nicht vor), dass in der Diskussion um eine Novellierung des Urheberrechts der Begriff des ‘Geistigen Eigentums’ und seiner Grenzen erst neu durchdacht und verhandelt werden sollte bevor man sich an die verwertungsrechtliche Ausschlachtung desselben macht. Und es führt auch dem ‘einfachen’ Kulturkonsumenten wieder mal vor Augen, wie gern uns das sensationsheischende Groß-Feuilleton mit auffrisiertem Party-Smalltalk füttert, wie es uns mit dem schönen Märchen vom Genie zu unkritischen Bewunderern und ‘modebewussten’ Käufern machen will.
Und die Autorin und ihr Verlag? Wie Kulturzeit heute berichtete, wird der Vorlagenschreiber Airen ab der zweiten Roman-Auflage mit Dank erwähnt, nachdem nun von dessem Originalverlag SuKulTur nachträgliche Abdruckgenehmigungen eingeholt wurden und die talentierte Schriftstellerin Hegemann will ihre Inspiration, den Blogger Airen, jetzt auch mal persönlich kennenlernen.
Schön, wenn aus intertextueller Netz-Kommunikation auch mal was Leibhaftiges wird.

wf

Der Systemgedanke ist keine billige Ausflucht

Bürokratische Maschinen entmündigen uns

Von Dirk Kaesler

Es war die markante Überschrift, die sowohl meine Aufmerksamkeit als auch meinen spontanen Widerspruch weckte: „Der Systemgedanke als billige Ausflucht“. In einer Rezension des neuen Buches von Peter Koslowski, „Ethik der Banken. Folgerungen aus der Finanzkrise“, wurde referiert, dass es darin um die grundsätzliche Frage gehe, ob die Finanzkrise eine „Systemkrise“ oder eine „Handlungskrise“ sei. In seinem Buch vertritt der Philosoph Koslowski von der Fakultät für Philosophie der Freien Universität Amsterdam die Meinung, dass sich „die Beteiligten“ – wer auch immer das ist – allzu oft in „angebliche Systemzwänge“ flüchten. Das einschlägige Zitat aus der Besprechung lautet: „Der Systemgedanke muss scharf kritisiert werden, wenn er für die Zuweisungen von Nicht-Verantwortlichkeiten verwendet wird.“ Die Folgerung des international erfolgreichen Wirtschaftsethikers lautet: „In jedem System tragen die in ihm Handelnden, vor allem die mit Macht ausgestatteten, Verantwortung für das System als ganzes, die Handlungen in ihm und die Entwicklung des Systems in der Zeit.“

Normativ ist es selbstverständlich überaus wünschbar, solche Forderungen zu erheben, sie gehen nur – bedauerlicherweise – an den aktuellen Gegebenheiten unseres Gesellschaftszustands vorbei. So gut das auch klingen mag, der Soziologe muss entschieden widersprechen. Und kann sich dabei nicht nur auf den theoretisch erarbeiteten Fundus seiner Disziplin, sondern zugleich auf deren empirisch belegten und immer eindeutigeren Befund berufen. Wer immer noch meint, dass es allein handelnde Individuen sind, selbst jene, „die mit Macht ausgestattet“ sind, die also zuständig und verantwortlich für das seien, was um sie herum und mit ihnen geschieht, hat nicht viel verstanden von den entscheidenden Veränderungen in der und durch die Moderne.

Es mag ja sein, dass die Systemtheorie immer noch kein sonderlich leicht zu verstehendes interdisziplinäres Erkenntnismodell bietet, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Aber so viel sollte sich dann doch auch unter Philosophen herumgesprochen haben, dass die naive Gleichsetzung von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Recht oder Kultur mit dem wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, rechtlichen oder kulturellen Handeln einzelner Menschen nicht zur Erklärung gegenwärtiger Zustände taugt.

Auch wenn uns gerade die Philosophie seit der europäischen Antike immer noch die Vorstellung liefert, dass es Einzelteile sind, die zu einem Ganzen verbunden werden oder sich selbst zu einem Ganzen verbinden, und dass diese Vorstellung auf alle Fragestellungen des Zusammenlebens von Menschen angewendet werden könne, so stimmt sie eben schon lange nicht mehr – wenn sie je gestimmt hat. Es wird auch in der modernen Systemtheorie nicht bestritten, dass die Gesellschaft aus einzelnen Menschen „besteht“, aber was mit diesen geschieht, kann nicht so ohne weiteres aus den Handlungen Einzelner hergeleitet werden.

Die soziologische Systemtheorie etwa eines Niklas Luhmann beschreibt keine Gesellschaften, die aus einzelnen Menschen bestehen. Auf hoher Abstraktionsstufe geht Luhmann von einem Geschehen aus, das sich auf sich selbst bezieht – in Luhmanns Worten: „Operationen, die aneinander anschließen“. Durch diesen Selbstbezug entsteht eine Grenze. Mit der Bildung dieser Grenze durch Operationen entstehen System und (systemspezifische) Umwelt gleichermaßen. Diese Differenz System/Umwelt liegt der gesamten Systemtheorie zugrunde.

Obgleich die soziologische Systemtheorie Luhmanns die menschliche Gesellschaft zum Thema hat, ist Handeln im allgemein verstandenen Sinn kein Begriff der Systemtheorie. In der Systemtheorie nach Luhmann kommen Menschen begrifflich nicht vor, sondern psychische und soziale Systeme, die aus bestimmten Operationen entstehen und sich aufrecht erhalten. Die zentrale Operation sozialer Systeme ist Kommunikation – diese Kommunikation wird jedoch nicht durch Menschen vollzogen, auch wenn ein Beobachter dies so ansehen könnte. Das, was als „Mensch“ beobachtet wird, entsteht vielmehr durch Kommunikation.

Wem solche Gedanken zu kompliziert erscheinen, möge sich wenigstens an den mittlerweile wirkungsmächtigsten deutschen Soziologen, Max Weber, halten. Dass dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor den menschenfeindlichen Auswirkungen des modernen, „rationalen“ Betriebskapitalismus eindringlich gewarnt hat, ist bekannt. Dass er noch eine zweite Bedrohung der Freiheit der Menschheit analysierte, ist manchen schon weniger geläufig.

Das ist umso bedauerlicher, als diese andere Gefährdung menschlicher Freiheit eine ist, die wir alle täglich sehr viel deutlicher spüren. Und sie ist es, die die Annahme vom vermeintlichen Gegensatz von Handlung und System in modernen Gesellschaften entschieden widerlegt, indem sie auf den Systemcharakter eben jener Zusammenhänge verweist, die individuelle Verantwortlichkeit als obsolet erscheinen lässt. Die Gefährdung der menschlichen Freiheit und Würde durch die andere Macht erfährt man bei jedem Versuch der Kommunikation mit der Deutschen Bahn, der Deutschen Post, der Deutschen Bank. Diese Macht heißt Bürokratie.

Wer dabei an Beamte in kümmerlichen Amtsstuben denkt, die, nachdem sie ihre mitgebrachten Frühstücksbrote am Schreibtisch verzehrt haben, zuerst ihre Zimmerpflanzen gießen und dann ihre Ärmelschoner anlegen, hat nichts verstanden. Die heutige Bürokratie heißt „Das System“.

Ihm begegnet jeder, der der Deutschen Telekom seine geänderte Kontonummer mitteilen möchte, der bei der Deutschen Bahn eine Fahrplanauskunft erbittet, der sich bei seiner Haftpflichtversicherung nach einem verbesserten Angebot erkundigt. Zuerst sind es Stimmen auf einem Sprachcomputer, die einen dazu zwingen, in grotesker Weise überdeutlich zu sprechen, um an einen der Mitarbeiter zu gelangen. Diese sind alle im Kundengespräch, so dass uns das System dazu zwingt, nervtötende Melodien zu erdulden. Gelingt es einem, eine menschliche Stimme zu ergattern, passiert es einem, dass diese laut stöhnt, weil sie gerade nicht „ins System“ kommt. Auch sie also ein Opfer des Systems!

Es kann noch toller kommen: Vor wenigen Tagen stand ich am Schalter einer Einrichtung, von der ich meinte, dass es sich um ein „Postamt“ handele, also eine Stelle, bei der ich mich beispielsweise darüber beschweren könne, dass ich nochmals Porto bezahlen muss, wenn mein Brief durch das automatische Sortiersystem derart beschädigt wurde, dass er – drei Wochen später – wieder bei mir landete, wenn auch mit einem (automatisierten) Entschuldigungsschreiben. Nun also neues Porto? Wie sagte die schick uniformierte Dame hinter dem Schalter: „Da müssen Sie sich mit der Post in Verbindung setzen, ich kann Ihnen gerne eine kostenpflichtige Telefonnummer geben. Wir sind hier die Postbank, wir erbringen nur Serviceleistungen für die Post. Wir sind nicht für die Post zuständig.“ Ungläubig starrte ich auf die Schrift hinter der Schulter der Frau: Dort steht in großen Buchstaben „Deutsche Post“, mit einem Posthorn dahinter und darunter in etwas kleineren Buchstaben „Postbank“.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts heißt „Bürokratie“ einfach „System“. Wir alle, sowohl die Menschen in den Tausenden von Callcentern, die das System akustisch darstellen, sind in ihm gefangen als auch die Menschen, die hinter Schaltern stehen, von denen nicht mehr erkennbar ist, wer diesen Service eigentlich (noch) betreibt. Wir alle sind Geiseln von Systemen geworden, die uns dazu zwingen, unsere eigenen Bankangestellten, Schaffner, Kassierer, Techniker, Paketboten, Reiseplaner und vieles mehr zu werden, und unsere PINs und Passwörter ständig parat zu haben.

Die Warnungen Max Webers vor der Entwürdigung und „Entseelung“ des Menschen durch die alles erfassende Macht des modernen, „rationalen“ Betriebskapitalismus im Zusammenspiel mit bürokratischer Herrschaft beschworen keine Hirngespinste. Seine prophetischen Warnungen sind Wahrheit geworden, Systeme organisierter Nichtzuständigkeit und organisierter Verantwortungslosigkeit beherrschen uns alle, auch diejenigen, die „mit Macht ausgestattet“ sind und uns vorgaukeln müssen, „zuständig“ und „verantwortlich“ zu sein. Die untrennbare Verbindung des Systems der kapitalistischen Ordnung des Wirtschaftslebens mit den überall entstehenden Maschinen der bürokratischen Ordnung in allen Lebensbereichen bewirkt gemeinsam die Bedrohung der individuellen Freiheit aller Menschen, wenn nicht deren ultimative Zerstörung.

Zu Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts hat diese düstere Erzählung Webers, der sie beim Übergang des 19. in das 20. Jahrhundert nur sehr allmählich und seiner eigenen Vision bis ans Ende misstrauend komponierte, eine suggestive Erklärungskraft zugeschrieben bekommen, die sie als allen anderen, mit ihr konkurrierenden Erzählungen überlegen erscheinen lässt. Weder die Erzählung von der zunehmenden gesellschaftlichen „Differenzierung“ des Emile Durkheim noch die der zunehmenden „Individualisierung“ des Georg Simmel, einem der ganz wenigen persönlichen Freunde Webers, werden sich in ihrer aktuellen Suggestion messen lassen können mit der internationalen Bedeutung der pessimistischen Rationalisierungs-Erzählung Webers. Er selbst jedenfalls starb 1920 im Bewusstsein, dass nicht „das Blühen des Sommers“ vor den ihm nachfolgenden Generationen liege, sondern „eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“.

Allein die von Menschen selbst gemachte Geschichte wird zeigen, ob sich seine düsteren Schreckensbilder am Ende des 21. Jahrhunderts bewahrheitet haben oder nicht. Nüchterne Einsicht in die Grundlagen unserer gegenwärtigen Lage sind jedenfalls besser dazu geeignet, über Systemalternativen nachzudenken als normative Forderungen zu erheben, die an den systemischen Realitäten vorbeigehen.

© Dirk Kaesler & literaturkritik.de

Lösung des hegeligen Neujahrs-Rätsels und was Meditatives

Da sind wohl die “Quizhunter” der Rätsel- und Gewinnspiel-Communities über unser Neujahrsrätsel gestolpert, anders ist die an manchen Tagen gehäufte Zusendung von genau gleichlautenden falschen (!) Lösungsversuchen nicht erklärlich, zumal das Rätsel diesmal sicher nicht schwierig war. Fand auch unsere kleine Glücksfee aus der Nachbarschaft, die sich wieder mal gefreut hat, aus dem Packerl mit den richtigen Lösungen zwei GewinnenInnen rauszufischen zu dürfen. Geangelt hat sie Andrea Osswald (Castrop-Rauxel) und Marcus Kober (Köln), zu denen die beiden CDs von “The Bridge” auch schon unterwegs sind.

Die richtige Lösung war: Schopenhauer hat 40 und Hegel 56 Studenten, und am saubersten formuliert hat den Lösungsweg Miträtslerin Caroline Walter (Peiting), alsda:

Lösungsmöglichkeit für das Rätsel:

s: Anzahl Hörer bei Schopenhauer

h: Anzahl Hörer bei Hegel

Info aus Schopenhauers Aussage: s+8 = h-8

Info aus Hegels Aussage: h+8 = 2(s-8)

aus ersterem ergibt sich: s = h-16

das in die zweite Gleichung eingesetzt (den Rechenweg brauch ich jetzt aber nicht ausführen, oder?): h=56

das wiederum in die erste Gleichung gesetzt ergibt s = 40

Somit haben Hegel 56 Hörer und Schopenhauer 40.

Dann noch einen guten Start ins Neue Jahr!

Und um die Wartezeit bis zu unserem nächsten Philo-Rätsel zu überbrücken, gibts auch diesmal wieder was gewinnfreies aus unserer Coaching-Kiste:

Die Türme von Hanoi

In einigen Klöstern des Theravada-Buddhismus  ist das meditative Denkspiel “Die Türme von Hanoi” recht beliebt - man kann es leicht selber basteln und auch gut an Touristen verkaufen.
Das Spiel besteht aus drei Stäben A, B und C, auf die mehrere gelochte Scheiben gelegt werden, alle verschieden groß. Zu Beginn liegen alle Scheiben auf Stab A, der Größe nach geordnet, mit der größten Scheibe unten und der kleinsten oben.

tuerme von hanoi spielZiel des Spiels ist es, den kompletten Scheiben-Stapel von A nach C zu versetzen. Bei jedem Zug darf die oberste Scheibe eines beliebigen Stabes auf einen der beiden anderen Stäbe gelegt werden, vorausgesetzt, dort liegt nicht schon eine kleinere Scheibe. Folglich sind zu jedem Zeitpunkt des Spieles die Scheiben auf jedem Feld der Größe nach geordnet.
Versucht, das Problem mit sechs, acht oder mehr Scheiben zu lösen (im Original sind’s 64!)

 


Lösungen mit 3 bzw. 4 Steinen:

Viel Spaß & etwas Geduld dabei
wf

Homo ludens und die ultimative Maschine in der Ausstellung “Codes & Clowns”

Bekanntlich ist der Mensch nur da ganz Mensch, wo er spielt und am spielerischten ist er, wenn er dabei auch noch was erfindet. Waren die Dunkelbirne und das “tragbare Loch” Daniel Düsentriebs eher noch erfinderische Spielereien, so gipfeln die genialischen Geistesblitze des Ingenieurs und Mathematikers Claude Shannon (1916 - 2001) in spielerischen Erfindungen, die zwar auf den ersten Blick wie Spielzeuge aussehen, aber immer mit einem wissenschaftlichen Hintergrund entstanden sind - oft mit einem Augenzwinkern Richtung experimentelle Philosophie.

shannons jongleurDer US-Amerikaner, oftmals als “Einstein des Informationszeitalters” bezeichnet, hat mit seiner Informationstheorie von 1948 wichtige Fundamente für die spätere Digitaltechnologie vom Internet bis zum MP3-Player gelegt und u.a. den Begriff des “Bit” eingeführt.
Doch die akademische Arbeit am weltberühmten “Massachussets Institute of Technology” (MIT) in Cambridge/ USA reichte Shannon nicht und so erfand er in seiner Freizeit technische Spielereien wie das erste ferngesteuerte Auto, digitale Schachcomputer oder eine Roboter-Maus, die selbstständig den Weg aus einem Labyrinth findet. Oder er berechnete eben mal die Rhythmen für diverse Jongliermaschinen, um mit mehreren Bällen gleichzeitig zu jonglieren.

Shannons eigenwilliger Humor, Erfindergeist und wissenschaftliche Forschung stehen nun im Fokus der Ausstellung “Codes und Clowns” des Paderborner Heinrich-Nixdorf-Museumsforums, die dort noch bis zum 28. Februar 2010 zu sehen ist.

 

Neben vielen anderen Exponaten finden Freunde der Fundamentalphilosophie dort auch die “ultimative Maschine” ;-)

 

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

Zur Ausstellung

wf

Ausweidung der Übungszone

Benito Salvarsani zu Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern

In seinem Buch Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie unterscheidet Wolfgang Stegmüller vier Stufen des diskursiven Nichtverstehens philosophischer Systeme. Diese Unterscheidung darf man auch als Lebenshilfe für schwankende Geister verstehen, die im Leben nicht weiterwissen, und nach Orientierungen im Dickicht des Denkens suchen, in dem so oft nicht der Geist herrscht sondern vielfache Varianten der Dummheit und der Eitelkeit.
In den Stegmüllerschen Seminaren wurde strenges logisches Denken geübt, der Gebrauch von Wahrheitstafeln und das Erreichen der sogenannten L-Wahrheit, eine Art philosophischer Orgasmus, und dabei erfuhr man, daß logische Wahrheit ein geschlossenes System ist, das auf sehr abgehobene Weise ästhetisch sein konnte, aber sonst mit dem empirischen Leben nichts zu tun hatte, sie war ein akademisches Ereignis.
Später habe ich gelernt, daß Leben kein geschlossenes System ist, sondern ein offenes und zwar nach vielen, wenn auch nicht allen Seiten. Ich verabschiedete mich von der analytischen Wissenschaftsphilosophie, die mir nichts als Depressionen eingetragen hatte, und ließ nur noch solche Denker in mein Leben, die etwas zum Dasein als offenem System beitragen konnten. Sie standen dem Akademismus fern und kamen in Stegmüllers Buch über die Hauptströmungen nicht vor, weil sie Nebenströmungen im universitären Gewese sind.

du musst dein leben ändernEinmal in den 80-ern habe ich beim Lesen Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft eine halbe Stunde lang geglaubt, diesen damals noch frischen Namen in den privaten Kanon meiner Weisheitslehrer aufnehmen zu können, aber spätestens ab Seite 50 begann der Autor um sich selbst zu kreisen, indem er einen vielleicht nicht unbrauchbaren Gedanken, den man in einem knappen Essay mit Gewinn hätte verhandeln können, auf Hauptwerklänge verdünnte, um sich schon durch die damit erreichte Dicke des Buchs und den schlau kalkulierten Titel auf die Ranghöhe eines Immanuel Kant zu hieven.
Jenen vielleicht nicht unbrauchbaren Gedanken habe ich dann schon während des Lesens vergessen, er hinterließ in meinem Leben keine Spur und keine Lücke, mir fehlte ohne diesen Gedanken nichts, ich war auch ohne ihn so glücklich oder unglücklich, wie man nur sein kann, und in den folgenden Jahren habe ich mich um die zerebralen Spreizungen des Karlsruher Fühldenkers nicht mehr gekümmert, nahm nur manchmal ein Mediengeschrei von ferne wahr, während die Qualitätsschreiber der deutschen Meinungspostillen für Bessergebildete ihm aufs devoteste die Füße leckten und jeden seiner sphärisch-blasigen Gedanken als etwas ex-cathedra-Gesprochenes nachsprachen, ja nachbeteten, als wäre soeben Moses vom Berg Sinai herabgestiegen. Ein solches Übermaß kritikloser Beflissenheit stieß mich ab.

Auch um das neueste Sloterdijksche Exprimat hatte ich mich nicht kümmern wollen, es ergab sich aber, daß ich aus Geselligkeitsgründen, die hier keine Rolle spielen, angehalten war, das Buch zu lesen, und nun sehe ich keine andere Möglichkeit, meine Seele zu reinigen (oder sollte ich sagen: mein Gewissen zu erleichtern?), als die Ergebnisse der Lektüre vor allem denen mitzuteilen, die vielleicht immer noch glauben, dieser Autor hätte ihnen etwas für ihr Leben Unverzichtbares zu sagen, hätte gar etwas vorgedacht, das nachzudenken sich lohnen könnte.

Der Anspruch des Autors ist, wie könnte es anders sein, der allerhöchste: eine neue Anthropologie muß her. Darunter geht gar nichts: Ich werde im folgenden die autoplastische Verfaßtheit der wesentlichen Humantatsachen zeigen. Mensch sein heißt in einem operativ gekrümmten Raum existieren, in dem die Aktionen auf den Akteur, . . . die Gedanken auf den Denkenden, die Gefühle auf den Fühlenden zurückwirken. (S. 174 f)

Das Ergebnis ist überraschend banal: der Mensch sei ein Übender, als Übender schaffe er sich selbst und wachse als solcher über sich hinaus. Diesen dösigen Turnvater-Jahn-Gedanken möbelt der Karlsruher Geistesathlet durch ein philosophisch instrumentiertes Potpourri auf, satt gespickt mit Fundstücken aus der indoeuropäischen Geistesgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sie alle werden in den Sack einer sogenannten Anthropotechnik gequetscht (ein Wort, mit dem Sloterdijk schon einmal baden ging), unter Anrufung von Nietzsche als Schliemann der Askesen. (Wer aber mit Nietzsche begonnen hat, . . . kommt nicht umhin, das gesamte menschliche Feld im Licht der Allgemeinen Asketologie zu re-examinieren, deren Gegenstand, das implizite und explizite Übungsverhalten der Menschen, bildet den Kern sämtlicher historisch manifester Anthropotechniken . . . S. 174). Dieser kubistisch anmutende Arbeitswelt-Begriff aus den zwanziger Jahren, der Frühzeit einer blutrünstig-euphorischen Utopie des russischen Sozialismus ist am Ende schlicht mechanistisch zu verstehen (S. 59), eben als Üben oder Training oder entspiritualisierte Askese.

Einerseits warnt der Karlsruher Denkasket, der sich hier als philosophischer Bundestrainer anbietet, vor dem Gespenst einer Wiederkehr des Religiösen, andererseits gibt es seiner Meinung nach gar keine Religionen, einerseits ist Sport wie vieles andere zur Ersatzreligion geworden, andererseits ist gerade das als eine der Zumutungen und Verirrungen der Modernen zu bewerten.
Also, was denn nun? fragt man da, vor allem wenn Üben, Training, Askese die wesentlichen Mittel zur Verbesserung des Menschen sind, der, in Vertikalspannungen ausgerichtet, irgendwie eschatologisch nach dem Übermenschen schielt?
Bald schwant uns, was gemeint sein könnte: wie der Heideggersche Mensch in der Sorge um das Sein zentriert ist, erarbeitet sich der Sloterdijksche die Energie zur Selbstheilung (salutogene Energie) durch die wiedergewonnene Erfahrung des Erhabenen als Übender. Seiltänzer, Hungerkünstler, Fußgeiger und Mundmaler sind die asketologischen Vorturner dieses akrobatischen Existenzialismus. Was nun dieses Erhabene aber im eigentlichen Sinne sein könnte oder sollte, bleibt selber numinos und vor allem transzendental verdunkelt: also de facto doch wieder religiös, und es erscheint im Ethischen, nicht im Ästhetischen. Darum auch der geborgte, neue kategorische Imperativ: Du mußt dein Leben ändern, oder: Metaphysik betritt das Haus des Seins durch den Dienstboteneingang.

Meine Freunde, um deretwillen ich das Buch zu lesen hatte, rühmten den ungemein anregenden Überblick des Autors über weiteste Felder des Geistes und Denkens, und das ist wirklich offensichtlich: Sloterdijk hat sich bei vielen Autoren hemmungslos bedient, allen voran bei Nietzsche und Heidegger, wogegen nichts zu sagen wäre, im Gegenteil, er hat eben zuviel herumgelesen und exzerpiert und im Internet gewildert, und vor allem hat er es nach Art einer Ausweidung getan, will heißen: da plündert einer die Kleiderkammern des Geistes, um dann abzugreifen, was am besten auf den eigenen Leib paßt. Das Ergebnis gleicht monothematischen Sachbüchern nach Art von Horst-Eberhard Richter: Der Gotteskomplex oder Erich Fromm: Haben oder Sein, die in der Vorweihnachtszeit gern auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten stehen. Das Verfahren ist einfach: man schleudert eine beliebige These durch die philosophischen Waschtrommeln der Jahrtausende und verleiht ihr damit einen Glanz, den sie nie hatte, ja eine Art Weihe, man adelt sie, lenkt zugleich von der ursprünglichen Schlichtheit des Gedankens ab und verschleiert den Mangel eigener Ideen, bis die These reingespült im Licht fremder Gedanken als etwas Einzigartiges, scheinbar vollkommen Neues zu strahlen beginnt, bis sie den Schimmer eines Ureigenen, Unanfechtbaren annimmt, und was nicht paßt, wird passend gemacht. Der Karlsruher Gedankenwäscher beherrscht dieses Verfahren in hoher Perfektion, ja virtuos. Mit skrupellosem Griff in die Kassen dreier Jahrtausende Denkgeschichte deckt er die Bereiche Lebenshilfe und Sozialarbeit gleich noch mit ab. Wir ahnen: dies dürfte kein unwesentlicher Anlaß der gesamten Schreibunternehmung gewesen sein, denn der potentielle Leserkreis vermehrt sich damit sprunghaft, und darum ist auch der Titel wieder mal genial verkaufsfördernd gewählt.

Ferner lobten meine Freunde das, was bei mir als enervierende Logorrhoe ankam, als meisterliche Sprachgewalt und hohe rhetorische Erfindungsgabe als kreatives Talent in der Erfindung origineller Begriffe und Neologismen, und auch in diesem Punkt muß ich wahrscheinlich zustimmen. Da lese ich z.B. prophetischer Elitismus, perspektivischer Naturalismus, prozeßtheoretischer Renaissancebegriff, epochale Drehung zur Explizitmachung des Latenten usw., die Aufzählung könnte beliebig verlängert werden.
Ich finde sogar, daß der Karlsruher Geistesakrobat, hätte er nur die Absicht gehabt, als philosophischer Harlekin und geistiger Bodenturner aufzutreten, mir und vielen anderen durchaus Freude hätte machen können, auch wenn ich mir manchmal gewünscht hätte, er wäre vielleicht etwas weniger kreativ gewesen, weil wir bei ihm nicht sicher sind, ob so ein Wortspaß nur ein Spaß war, und nicht etwa eine hochwichtige Erkenntnis, deren tiefen Sinn wir nicht erfaßten, oder vielleicht doch nur eine ungewollte Stilblüte, oder Parodie, oder doch nur blanker Unfug, oder ob die vermeintliche Sprachgewalt (der Karlsruher Denkathlet nennt sie alternative Sprache) nicht Ausdruck einer unbeherrschten Eitelkeit ist, die uns in jeder Zeile sagt: dieser Autor will sich ganz nach oben gockeln, will uns eintrimmen, was für ein Pfundskerl er ist, einer, der sie alle toppt, koste es, was es wolle.
Den Ausdruck alternative Sprache würden wir darum gerne durch neuen Jargon der Eigentlichkeit ersetzen, der eher ein Jargon der Uneigentlichkeit ist, und vielleicht nicht einmal ein Jargon, sondern ein ausuferndes, redundant assoziatives Plaudern von einer Analogie zur anderen mit magerem Unterhaltungswert ohne Erkenntnisgewinn.

Wir sind im Umfeld des deutschen Hardcorephilosophie ja immer bereit, die Äußerungen eines öffentlich bestallten Schwerdenkers vom Typ Sloterdijk grundsätzlich und voller Bewunderung tiefernst zu nehmen, je dröhnender und wirrer uns dessen Glossolalie entgegenschlägt. Nehmen wir darum das verbale Tosen kurz noch einmal ernst. In der Einleitung ab Seite 21 skizziert der Karlsruher Übungsprophet einige für ihn bedeutsame Annahmen über das Immunsystem und behauptet, die biologische Evolution habe sich soziologisch und kulturell fortgesetzt und zu einer Aufstufung des Immunsystems geführt, nämlich zu sozio- und psycho-immunologischen Praktiken sowie einer dritten Immunitätsebene (kosmischer Immunstatus), dies sei vor allem der Stoff, aus dem die Anthropotechniken sind, also Werkzeuge und Mittel jenes über sich selbst hinausführenden Übens. Viele hundert Seiten später propagiert der Autor gar einen von ihm sogenannten Ko-Immunismus, ein besonders schräger Kalauer, ist er doch alternativ zum Kommunismus gemeint.
Nichts anderes wird uns hier hingerieben als eine aufgebrezelte Variante jenes im Volksmund immer noch populären Sozialdarwinismus, der jederzeit erlaubt, ein Volk als Körper zu beschreiben samt zugehörigen Parasiten, die beseitigt werden müssen.
Um ein tieferes Verständnis der Geistesbeute schert sich Sloterdijk kein Gramm. Brutal schlachtet er jeden Text für seine Zwecke nach Belieben aus, egal welcher Blödsinn hinten dabei rauskommt. Besonders bodenlos treibt er es mit Wittgenstein und der Sprachphilosophie, die er dem geistigen Stehenbleiben der Anglowelt nach 1945 zuschreibt. Wir schreiben diesen Ausspruch vor allem der völligen Schimmerlosigkeit der Karlsruher Nimrods und seiner mangelnden Kenntnis der englischen Sprache zu.

Analogisierendem Metaphernhopping steht eben Tür und Tor offen, denn philosophischer Gehalt ist das eine, und Sprache das andere, und gerade in Deutschland gilt derjenige, der sich klar ausdrückt, vielleicht geschult an angelsächsischen Traditionen, oft als simpel oder banal, auf keinen Fall als philosophischer Lebenslehrer, während derjenige, der dunkel raunend im Ungefähren wabbelt, freudig in den Rang eines Magiers und Sehers befördert wird, als würde das gebildete Lesepublikum hierzulande nach diesem raunenden Ton sich geradezu sehnen, als wäre es von Unklarheit viel stärker beeindruckt als von Klarheit und gedanklicher Schärfe, und man hört dann oft das Argument, in der Unklarheit und im Nebel bleibe doch so viel Raum für eigene Gedanken. Möglicherweise geht es im Zusammenhang mit solchen Schriften ja gar nicht um Vorgänge des Denkens oder Verstehens, Erklärens oder Erkennens, sondern um Mitfühlen, Glaube, Anbetung, Gefolgschaft.
Klarheit, Plausibilität oder einfache Nachvollziehbarkeit wären dann eher schädliche Eigenschaften eines solchen Textes, und das absichtsvoll Dunkle, Hermetische hätte auch noch den Vorteil, daß sein Autor sich damit unangreifbar machte, und sich jederzeit darauf berufen könnte, man habe ihn falsch oder überhaupt nicht verstanden.

Nicht auszuschließen, daß wir falsche Erwartungen hatten. Dieses Buch in seiner Weitschweifigkeit und Lauthalsigkeit soll offenbar nicht das Musterbeispiel rationaler Erwägungskunst sein, das wir erhofft hatten. Viel besser paßt es in eine Konsenz- und Wohlfühlgesellschaft, die Rationalität haßt, und sich viel lieber mit Wundenlecken, Ayurveda und good vibrations verständigt, und dazu fügt sich bestens der Habitus des Autors als Guru.

Die Reaktionen des Qualitätsjournalismus sprechen Bände. Unkritisches Lob und enthemmte Bewunderung dominieren. Nicht einer dieser Schreiber brachte den Mut auf, Sloterdijks neue Kleider als das zu beschreiben, was sie sind. Auffallend war jedoch, daß die meisten Blätter ihre B-Mannschaft auf den Rezensionsplan schickten, die Süddeutsche z.B. Jens Bisky, den wir sonst vornehmlich als Obmann für DDR-Fragen kennen. Entsprechend Unbedarftes hat er von sich gegeben.

Sofern Fritz Gimpls bekannte Definition des Kitsches: das Nichts im Gewande des Scheins noch gültig ist, woran wir nicht zweifeln, stellen wir abschließend fest: Peter Sloterdijk hat eine neue Gattung des Kitsches kreiert: den Philosophiekitsch.
Im Sinne Wolfgang Stegmüllers hat der Karlsruher Geistesmatador eine 5. Kategorie des diskursiven Nichtverstehens geschaffen, jene eines philosophischen Autismus, der nur noch sich selbst etwas mitteilen will, ohne zu wissen, um was es geht. Das ist am Ende auch eine Leistung. Für 24,80 € ist sie zu haben.

© Benito Salvarsani & Lit-eX

Das philosophische Neujahrsrätsel

Nachdem zu unserem kleinen philosophischen Sommerrätsel zwar nicht so arg viele richtige Lösungen zugesandt wurden, das Rätseln aber einigen anscheinend doch Spaß gemacht hatte, hier nun zum neuen Jahr eine etwas leichtere Fortsetzung.  Zu gewinnen gibts auch wieder was…

schopenhauer

 1820 begann Schopenhauer an der noch jungen Berliner Universität zu lehren. Wahrscheinlich habt ihr schon mal gehört, dass es dabei zum Streit mit Hegel kam, der dort schon seinen “Stammplatz” hatte.
Verärgert setzte der grimmige Schopenhauer seine Vorlesungen gleichzeitig mit denen Hegels an, wohl in der Hoffnung, dass sich Qualität durchsetzt. Leider hatte er dann aber doch weniger Zuhörer, da diese den schon berühmteren Hegel bevorzugten.

Schopenhauer fand das allerdings ungerecht und forderte deshalb von Hegel:
“Schick mir doch 8 deiner Studenten rüber, dann haben wir wenigstens die gleiche Anzahl.”

Hegel lachte: “Hah, nix da! Gib du mir doch 8 deiner Studenten, dann werde ich doppelt so viele Studenten haben wie du, dann ist es auch standesgemäß!”

Wie viele Studenten haben Schopenhauer bzw. Hegel vor diesem Gespräch?

Wer mag, kann uns die richtige Lösung wieder zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) - unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir diesmal zwei CDs von “The Bridge” (siehe aktuelle Blog-Titelmusik). Einsendeschluss ist der 25. Januar 2010.


Und wer sich fürs neue Jahr vorgenommen hat, sich selber und das ganze irdische Zwergen-Gewurstel nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen, mag sich vielleicht immer wieder mal in die Ehrfurcht vor der Größe des Kosmos hineinmeditieren, die der folgende Film mit neuen Aufnahmen des Hubble-Teleskop wunderbar veranschaulicht:

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 wf

Zeitlos schön: Astor Piazzollas Tango Nuevo

Die Tango-Puristen nannten ihn einen Verrückten mit “seltsamen Ideen und sinnlosen Modernismen” und es gab Jahre, in denen konnte sich Astor Piazzolla (1921–1992) in Buenos Aires nicht auf die Straße trauen. Sogar Morddrohungen, auch gegen seine Familie, gab es von orthodoxen Tango-Musikern und -Aficionados immer wieder, weil Piazzolla in deren Augen ein Hochverräter an der Tradition war. Von der argentischen Oberschicht und etablierten Künstlerkreisen hatte er anfangs auch keine Unterstützung zu erhoffen, da der Tango als die Musik der Gosse und des kriminellen Milieus der Hafenkneipen stigmatisiert war, auch wenn Tango in Europa seit den 1920er Jahren als exotische Mode die Tanzhäuser erobert hatte. Dafür allerdings war sein “Tango Nuevo” nicht geeignet, da kaum tanzbar, mit vertrackten Rhythmus-Pattern und eigenwilligen Melodien in einem eigenwilligen Gebräu aus argentinischer Folklore, Jazz und Neuer Musik, beeinflusst von Ravel, Strawinsky und Bela Bartók.

astor piazollaMitte der 1950er verschwand der Tango in Europa mehr oder weniger aus der öffentlichen Performance, wurde durch populäre Musikstile und Tanzrhtyhmen aus Nord- und Mittelamerika sowie Brasilien verdrängt, bevor in der 1980ern eine Renaissance einsetzte. Diesmal allerdings nicht nur bei den Tänzern, sondern auch in Konzertsälen und sogar im anspruchsvollen Kinofilm.
Daran hatte Piazzolla wesentlichen Anteil, denn er - mittlerweile ein Weltstar und auch in der argentinischen Heimat höchst geschätzt - war nicht auf seine eigenen Musikprojekte beschränkt, sondern arbeitete im Laufe seiner Karriere intensiv mit Filmleuten wie Jeanne Moreau und dem Regisseur Fernando Solanas zusammen, auch mit Literaten wie Jorge Luis Borges und Horacio Ferrer und tourte regelmäßig weltweit mit Jazz-Größen wie Gary Burton oder Gerry Mulligan. Zu Deutschland hatte er eine besondere Beziehung durch Pina Bauschs experimentelles Tanztheater, für das er die Musik zum Ballett “Bandoneón” schrieb.

Vor nun ziemlich genau 20 Jahren wollte Piazzolla eine Abschiedstournee in Deutschland geben, für die ein paar Freunde und ich schon Karten reserviert hatten. Leider mussten die Konzerte wegen Krankheit, von der er sich nicht mehr erholte, abgesagt werden. Aber seine melancholisch-schöne Musik  wird weltweit von vielen Spitzenensembles am Leben erhalten, wie hier der “Libertango” von dem chinesischen Cellisten Yo-Yo Ma und seinen tollen Mitmusikern - vielleicht einen Tick zu schön gespielt für einen “argentinischen Blues” …

 

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wf

Lieb-liches nicht nur zur Weihnachtszeit

Wer beim “Fest der Liebe” nicht ins konsumberauschte Frohlocken der Gänsebratenpinsler einstimmen will und sein Bäumchen statt mit chinesischem Happy-Christmas-Kitsch lieber mit der Poesie von Selbstgebasteltem schmückt, findet hier eine kleine Auswahl an sinnlichen und besinnlichen Liebessprücherln aus der Heimat meinem Zettelkasten.
Eignen sich als Textkärtchen nicht nur prima zur persönlichen Geschenke-Widmung, sondern lassen sich auch anstelle des Lametta ins Gezweig hängen und können am Ende sogar zusammen mit dem Bäumchen als Biomasse entsorgt werden ;-)

  • Verliebtheit ist die einzige gesellschaftlich akzeptierte Psychose.
  • Wenn der biochemische Prozess der Verliebtheit abgefackelt ist, geht es ans Eingemachte - das Herz…
  • Heiße Herzen verdampfen, wenn sie an Eisberge stossen.
  • Erstaunlich: Herzen haben keinen Verstand und können sich dennoch irren.
  • Liebe ist manchmal auch Sinnlichkeit, jedenfalls aber die selbstverständliche, unhinterfragbare Anwesenheit von Sinn.
  • Zum Wesen der Liebe gehört die Kritik - umgekehrt gilt das nicht immer…
  • Das Gefährlichste an Liebesbriefen ist die Narr-Kose für’s Herz.
  • Schade, daß sich Herzkaspar bei fast jedem Spiel in den Schwarzen Peter verwandelt…
  • Vertane Chancen entpuppen sich manchmal als die am besten verzinsten Anlagen.
  • Lieber Sex nach Sekt als Text für Ex…
  • Wenn du versuchst, einen schon gegangenen Weg rückwärts zu beschreiten, kommst du schnell ins Stolpern.
  • Mit der Dauer einer Beziehung wächst nicht nur die Anzahl der Rituale, sondern auch der Rostbelag an den Waffen.
  • Sie zieht eine gewisse Sorte Männer an wie ein Kuhfladen die Schmeissfliegen.
  • Sie gehört zu der Art Frauen, die nicht einmal “Hallo” sagen würden, wenn wir uns zufällig auf dem Mond begegneten…
  • Aber besser eine hat Haare auf den Zähnen als Fusseln am Maul.
  • (Nur für Jungs): Sobald mehr als zwei Frauen in eines Mannes Namen versammelt sind: - hoffe nur, daß es nicht deiner ist.
  • So manche Frau interessiert sich für Männer wegen der möglichen Erweiterung. Doch nicht etwa ihres Horizonts oder ihrer Persönlichkeit, sondern ihrer Devotionaliensammlung.
  • Sie fand ihn süß, er sie putzig - und so reichte es auch für ein Puppenhäuschen.
  • Manche Frauen werden nur gar, wenn man sie lange bei geringer Hitze köchelt.
  • Ein langer Blickkontakt kann ein sicheres Zeichen sein. Für Betrunkenheit.
  • Der Schnee von heute ist der Matsch von morgen.
  • Eine gute Beziehung steht oder fällt mit dem ähnlichen Sinn für böse Satire.
  • An Mißverständnissen in Liebesdingen sind meistens nicht die Texte schuld, sondern die Lese- und Hörfehler.
  • Wer glaubt, die Liebeserklärung einer Frau zurückweisen zu können, muß mindestens ein Panzerkreuzer sein, um die folgenden Torpedos heil zu überstehen.
  • Bei unvorhergesehen hereinbrechenden Luftangriffen (schlechtes Radar?) nützt es dir auch nichts mehr, ein Panzerkreuzer zu sein.
    (Kannst nur hoffen, daß du nicht mit Mann und Maus untergehst und wenigstens ein Beiboot findest…)
  • Wer sich auf ein scheinbar verlassenes Liebes-Schlachtfeld wagt, braucht sich über noch herumliegende Tellerminen nicht zu wundern.
  • Bei einem Skat mit drei Damen kann man sich leicht überreizen.
  • Wie im Schach ist auch im Liebeskampf die Drohung stärker als die Ausführung.
  • Wenn eine Beziehung zur Hängepartie wird, ist sie noch lange nicht verloren.
  • Wenn mehrere Damen gleichzeitig versuchen, einen einsamen König matt zu setzen, ist die Gefahr einer Patt-Situation voraussehbar.
  • Simultan-Schach kann öde sein, wenn man(n) längere Zeit in keiner einzigen Partie zum Zug kommt.
  • Wer den Unterschied zwischen Zärtlichkeit und Zartheit nicht kennt, sollte über die Liebe keine großen Worte machen. Und sich am besten gar nicht erst Verlieben.
  • Liebe und Anarchie sind die Schmiermittel der Kreativität.
  • Die göttliche Idee der Liebe ist die Zwillingsschwester der Freiheit.

“Lieb-liches” als PDF

© wf

Kleiner Kragenplatzer hinsichtlich der Akademisierung der Poesie

Ein verärgerter Essay über die selbstgefälligen und sich-selbst-bedienenden ‘Elitefraktionen’ in der deutschen Lyriklandschaft - von Michael Zoch

In der zeitgenössichen deutschen Lyrik sind zwei Hauptströmungen auszumachen, die sich, gelinde augedrückt, unvereinbar gegenüberstehen. Auf der einen Seite Social Beat im weiteren Sinne in der Nachfolge und Tradition von Bukowski, weitestgehend Epigonentum, von einigen wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen, authentisch immerhin zuweilen oder zumindest um Authentizität bemüht, letztenendes aber im Wiederkäuen der immer gleichen Thematiken steckengeblieben.
Auf der anderen Seite die Elitesprechfraktion, herrührend bzw. herniedergekommen aus der poststrukturalistisch-medientheoretischen Sprachneujustierungsphilosophie, studierte Poetologen mit der dazugehörigen Poetologie des Poetologischen, Preis um Preis einheimsend, gleichgeschaltet von den Gralshütern des lyrischen Meinungsmonopols und den dazugehörigen Akademien in Leipzig und Hildesheim, an denen die maßgebende Leitlinie der offiziellen, zeitgenössischen deutschen Lyrik bzw. Poetologie bzw. Poetik kreiert und definiert wird.
Es drängt sich in diesem Zusammenhang als Erstes die Frage auf: wann ist bahnbrechende Poesie von bleibender Bedeutung jemals an Akademien entstanden? Und zweitens: woher rührt dieser Hang zu einer gefühlsresistenten Plastiksprache, die erstens nicht gelesen wird außer in wiederum studiert-poetologischen Fachkreisen und die zweitens auf der zwang- und krampfhaften Suche nach dem experimentell Neuen längst im Experiment erstarrt ist?

Es ist dies eine Sprache bzw. eine Form der Sprachverunglimpfung, die, auf sprachtheoretischen Grundlagen, versucht, die Sprache als Sprache im Sinne einer sprachlichen Demontage des Sprachlichen zu entsprachlichen und dabei meint, das lyrische Rad neu zu erfinden, wo doch bestenfalls ein Achsenbruch zu konstatieren ist. Es ist dies eine von vornherein und von Grund auf tote Sprache. Sie ist im übelsten Sinne des Wortes akademisch, sie ist den Quellen des lebendig Schöpferischen vollkommen entrückt und enthoben, ist nicht einmal mehr Schöpfung, sondern bestenfalls hausbackenes Nachplappern im Grunde zutiefst traditioneller und längst überkommener Avantgardeattitüden und somit ein Wandeln auf ausgetretenen Pfaden, also ebenfalls Epigonentum.
Das wilde, archaische, ursprüngliche, gegeninstitutionelle Element der Poesie ist vollkommen abhanden gekommen auf Kosten einer Poetologie des bieder-linientreu Akademischen, das dann auch noch mit der Selbstverständlichkeit eines bundesdeutschen Busfahrplans durch die Vergabe von Stipendien und Preisen der staats(mit)tragenden, zwangsläufig gesellschaftskonformen Literaturinstitutionen belobhudelt und beglaubigt wird.
Wann hat zum letzten Mal ein Dichter, der von außerhalb des staatlich subventionierten Literaturbetriebs kam, trotzdem oder gerade deshalb, eines der bedeutenden Stipendien erhalten? Einer, der nicht in Leipzig oder Hildesheim studiert hat bzw. von den poetologischen Meinungskonformern in deren Umfeld sanktoniert worden ist? Wann hat zum letzten Mal ein Dichter einen der wichtigen Lyrikpreise gewonnen?
Sie studieren alle Poetik, diese neuen Poetiker, und haben nichts zu sagen, außer vielleicht: wir haben nichts zu sagen, sagen es aber in einer echt voll ganz neuen Sprache, die gut ist und Avantgarde vor allem und neu und aber auch Avantgarde und zudem jetzt endlich auch poetologisch abgesichert dank der neuen Frischeformel aus den Poetiklabors der Lyrikindustrie. Wo ist das Wagnis, das Risiko, Aufstand, Seele, das wahrhaftig Existenzielle? Sie sitzen da im goldenen Käfig ihrer wohlklimatisierten Hörsäle und Herr Tellkamp oder Herr Stolterfoht hält seine Leipziger Vorlesungen zur Poetik und alle klatschen brav Beifall und fühlen sich geehrt, dass einer der Ihren, der es auf der akademisch-literarischen Karriereleiter bis nach ganz oben geschafft hat, ihnen Vorträge darüber hält wie sie zu schreiben haben, wie MAN zu schreiben hat.
Und die Akademien züchten sich ihr eigenes Mittelmaß, ihren eigenen poetologischen Einheitsbrei heran und verkaufen es auf dem Markt als umwälzende Neuerung und die FAZ und die SÜDDEUTSCHE geben in einer ebenso neopoststrukturalisierten Sprache der Kritik ihren Segen dazu und alle sind glücklich und zufrieden, dass die Sache mit der Poetik wie geschmiert läuft und keiner aus der Reihe tanzt und auf die Strasse kotzt bzw. auf die Seiten der kompatibiliserten Gedichtbände.

Diese in den Feuilletons hochgejazzte neue Poetologie der sprachlichen Dekonstruktion oder Dekompression oder neutönendenen Neukonstruktion von Neu-Wirklichkeit atmet den Mief des Universitären wie es schlimmer kaum sein könnte, was von den Repräsentanten bzw. Sprachröhrchen selbiger Richtung im Zuge und aufgrund der selbstgefälligen Selbstbeweihräucherung eben dieser Poetologie des stromlinienförmigen Gleichschritts und Gleichklangs nicht einmal ansatzweise selbst registriert bzw. reflektiert wird, denn eine poetologische Krähe hackt bekanntlich der anderen kein Auge aus und man ist gemeinsam neu und versteht sich und liegt im poetologischen Erneuerungseifer bzw. Voranschreiten sowieso ganz auf einer Wellenlänge.
Diese Poetik der Poetologen ist spießbürgerliches Magistertum in Reinkultur, sie ist blasierter Ästhetizimus von kaum noch zu überbietender Harmlosigkeit in der Tradition eines Stefan George mit dem Anspruch, der medialen Bilderflut eine sprachliche Neucodierung entgegenzusetzen bzw. zur Seite zu stellen, um an genau diesem Anspruch mit einer vor- und nachvertheoretisierten Form von Sprache kläglich zu scheitern. Denn es ist genau dieses Theoretische, das Theorem, welches dem Lyrischen als lebendigem Spiegel des Realen im Wege und zudem diametral entgegen steht.

Poesie ist etwas Elementares, ist etwas Urgewaltiges, Unzähmbares, ist nicht Beiwerk, nicht Zierde, sondern intimste Struktur des menschlichen Geistes, des Menschlichen überhaupt, sie ist ihrem Wesen nach von Grund auf anarchischer Struktur, sie ist Dynamit gegen alles Hemmende und Einschränkende, ist ein Akt der Entfesselung und Entgrenzung, und jede Form von Akademik läuft ihrem Wesen aufgrunddessen von Grund auf zuwider. Poesie ist Poesie und braucht keine Poetologie bzw. Poetik und letztere sind letzenendes und in letzter Konsequenz die Totengräber ersterer. Poesie spricht für sich selbst, steht für sich selbst, IST sie selbst durch sich selbst aus sich selbst heraus, ist sich selbst Genüge oder sie ist eben keine Poesie. Poetologie und Poetik hingegen sind der vollkommen überflüssige und zudem von vorn herein zum Scheitern verurteilte Versuch, einer Poesie, die nicht in der Lage bzw. gewillt ist, auf den eigenen zwei Beinen zu stehen, einen halbwegs stützenden Unterbau zu verschaffen, also bestenfalls eine Krücke bzw. Gehhilfe.
Poesie, die an Universitäten (und im Übrigen auch in Workshops und Seminaren) gelehrt wird, ist keine Poesie und kann und wird auch niemals Poesie sein. Eine solche “Poesie” mag vielleicht sogar von Wissen um die Sprache und die Form und die handwerkliche Handhabung des Materials Sprache nur so strotzen, aber sie ist trotzdem ihrem Wesen nach niemals Dichtung im eigentlichen, ursprünglichen Sinne sondern bestenfalls Lakaientum und damit obsolet.

Heute wird an den Akademien Avantgarde gelehrt. Das ist ein vollkommen unhaltbarer Widerspruch an und in sich. Avantgarde vollzieht sich außerhalb stattlicher Instutionen, Avantgarde ist ihrem innersten Wesen und Wollen nach antistaatlich und subversiv und sie wendet sich gegen jede Form von gesellschaftlich-instutionellem Ordungsprinzip, Avantgarde ist auf die Zertrümmerung oder zumindest Aushebelung bzw. grundlegende Neustrukturierung genau dieser Ordnung und ihrer Institutionen gerichtet.
Wenn also diese neumodischen, plastiksprachlichen, staatlich bestellten Poetologiebeamten einen tatsächlich sinnvollen und fruchbaren Beitrag zur zeitgenössischen deutschen Poesie leisten wollen, sollten sie schleunigst damit beginnen, ihre universitären Lehrstätten abzureißen, sich dem hinter den Qualmwolken abzeichnenden Horizont zuwenden und vielleicht umgehend ein Gedicht darüber schreiben, eines, das nackt ist und echt und wahrhaftig wie ein Raubtier in freier Wildbahn, eines, das der medialen Bilderflut kratzend, beißend, fauchend an die Gurgel springt, eines, das nicht postpoetotheoretisch domestiziert ist.

© Michael Zoch (Braunschweig / Dezember 2009)

Essay als PDF

Gegenwartslyrik in allen Facetten

In der Anthologie “Der gelbe Akrobat” präsentieren Michael Braun und Michael Buselmeier 100 Gedichte
mit poetologisch reflektierten Kommentaren


So schlecht kann heutzutage die Zeit für Gedichte in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht sein, wenn sogar Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von „lyrikline.org“, dem Internetprojekt für Gedicht-Originalrezitationen, im Oktober 2009 medienwirksam die Bedeutung der Poesie würdigte: „Warum sind für viele Menschen Gedichte so wichtig – und vorgelesene Gedichte erst recht? Weil Gedichte die dichteste, anspruchsvollste und subjektivste Art sind, Sprache zu gestalten, die Welt ins Wort zu fassen, die Existenz zum Ausdruck zu bringen. Gedichte sind kleine Widerstandsnester gegen die riesige Flut an Sprachmüll, der uns täglich aus allen Medien entgegenkommt.“
Auch wenn diese euphemistische Einschätzung der zeitgenössischen Lyrikrezeption vielleicht nicht mehr als eine kulturidealistische Beschwörungsfloskel war, lässt sich in der Tat beobachten, dass die Zahl der auf Papier publizierten Gedichtbände seit ein paar Jahren deutlich ansteigt, allerdings hauptsächlich im Portfolio der Klein- und Selbstverlage. Denn die im Zuge der Digitalisierung stark gesunkenen Kosten für Print-On-Demand lassen zumindest die in Standardformaten gedruckten Bücher zu überschaubaren finanziellen Risiken werden und weil ein Stück Leseholz neben den haptischen Annehmlichkeiten gegenüber Bildschirm und Plastikmaus vor allem eine vermeintlich bessere Reputation und Rezeption verspricht, blüht der Markt der Eitelkeiten im Lit-Bizz in oft blickverstellendem Wildwuchs – eben nicht immer im positiven Sinn von Köhlers Grußwort, sondern oft auf dem Mist windiger Geschäftemacher.

. . .

“Der gelbe Akrobat”
Poetenladen; 360 Seiten

Deshalb ist auch bei etlichen Lyrik-Anthologien von Verlagen mit teilweise hochtrabenden Namen Vorsicht geboten, weil damit oft nur möglichst viele (Autoren-)Fliegen mit einer Klappe geklatscht werden sollen, etwa durch Druckkostenbeteiligungen, käuflich zu erwerbende Mindestabnahmemengen oder schlichtweg zur Aquise für weitergehende „Geschäftsbeziehungen“. Aus diesem Sumpf von Büchern-die-die-Welt-nicht-braucht ist es für Lyrikinteressierte oft schwierig, die ernsthaft und sorgfältig editierten Anthologien herauszufischen, die auch ästhetisch-intellektueller Wegweiser im Szene-Dschungel und Appetizer auf mehr sein können.

Ein solch anspruchsvolles Unternehmen hatten sich der Publizist und Suhrkamp-Autor Michael Buselmeier und der Lyrikspezialist Michael Braun vorgenommen, als sie nun für den Buchverlag des Leipziger „Poetenladen“ die Lyrik-Anthologie „Der gelbe Akrobat“ mit 100 deutschen Gedichten der Gegenwart zusammenstellten, um damit einen profunden Überblick der stilistisch und inhaltlich vielfältigen deutschsprachigen Lyrikszene zu vermitteln.

Michael Braun und Michael Buselmeier, die schon lange als engagierte Herausgeber und kompetente Kritiker deutschsprachiger Lyrik bekannt und „im Geschäft“ sind, ging es dabei nicht um ein buchhandelskompatibles Potpourri von „Greatest Hits“ aus deutschen Feuilletons, sondern um eine dezidiert subjektive Auswahl aus den Texten, die seit 1991 im Kulturteil der Wochenzeitung „Freitag“ aus Jahrbüchern und Literaturzeitschriften zusammengetragen und dort publiziert worden waren.

Diese Vorselektion minderte sicher die Gefahr des Sich-Verlierens in der überbordenden Materialfülle, ließ dabei aber zwangsläufig viele wichtige und erfrischende Stimmen, vor allem der jüngeren Lyrikszene, außen vor. Immerhin reichen sich in dieser Sammlung viele „Groß-Dichter“ seitenweise die Verse und neben bekannten Namen finden sich viele unbekannt gebliebene, teilweise vergessene, oft aber wortmächtige Autoren aus dem „literarischen Unterholz“ mit teilweise bemerkenswerten Gedichten. Dass diesen die verdiente Reputation versagt blieb, zeige laut den Herausgebern, „wie ungerecht die selektierende Literaturkritik häufig verfährt“. Konsequenterweise haben die beiden bei ihrer Textauswahl „literaturkritische Kurzschlüsse“ und „literaturkritischen Opportunismus“ zu vermeiden versucht und stattdessen, oft auch spontan, das „jeweilige ästhetische Erregungspotential“ des Autors zugrunde gelegt.

Die thematische Spannweite der ausgewählten Texte reicht von der „Naturlyrik ohne falsche Behaglichkeit“ der Martha Saalfeld über Literaturbetriebs-Verweigerer wie den „verkannten“ Wolfgang Dietrich bis zu dem Wiener Sprachanarchisten und „Nestbeschmutzer“ Ernst Jandl, von dezidiert politisch und gesellschaftskritisch orientierten Autoren wie Volker Braun und dem umstrittenen kroatischen Reaktionär Marian Nakitsch bis zu Hilde Domins leiserer Widerstandshaltung, die sich im „Dennoch jeden Buchstabens“ als Wille zur Selbsterhaltung „im kleinen Ton meiner Stimme“ zeige. An Bord sind gemäß dem ,Arche-Noah-Prinzip‘ anthologischer Erfassung Ost- und Westdeutsche, Österreicher, Schweizer und als Stellvertreter der rumäniendeutschen Sprachinsel auch Autoren der „Aktionsgruppe Banat“, aus welcher ja auch Herta Müller stammt (die allerdings hier nicht vertreten ist).

Soweit allerdings wäre diese Anthologie ein eben löbliches, aber noch nicht aus der überschaubaren Anzahl ähnlich engagierter Projekte herausragendes Unterfangen. Ihren besonderen Reiz gewinnt die 360 Seiten starke Anthologie aus der Recherche- und Gedankenarbeit, mit der zu jedem einzelnen Gedicht ein aufschlüsselnder und interpretatorischer Kommentar geschrieben wurde, ohne dabei irgendwann in die feuilletonistische Phrasen-Falle zu stolpern oder in redundanten Klappentext-Jargon zu verfallen. Aus jedem Text wird das Eigenständige herausgearbeitet, der persönliche Hintergrund des Autors (soweit zugänglich) mit dessen soziopolitischen Lebensbedingungen beleuchtet, so dass die hermeneutischen und textkritisch-ästhetischen Deutungsebenen mit formanalytischen und poetologischen Annäherungen ein kompaktes und gleichzeitig komplexes Verständnis der jeweiligen Gedichte ermöglichen, ohne sich im akademischen Duktus zu verheddern.

In diesen Interpretationsminiaturen entwickeln die Herausgeber eine Vielfalt an fundierten Überlegungen, die sich wie Köhlers lyrikline-Grußwort auch mit der Relevanz von Lyrik in einer Zeit beschäftigen, in der allerdings im Gegensatz zur präsidialen Botschaft „angesichts der sinnlichen Attraktivität der Massenmedien literarische Texte im Kalkül der Mächtigen keine Rolle mehr spielen“.

So erscheint eine der Grundthesen Brauns und Buselmeiers im Kommentar zum titelgebenden Gedicht „Der gelbe Akrobat“ von Herbert Heckmann: „Der Dichter als Narr, der die Wahrheit sagt, hat ausgedient. Keiner der Unterhaltungssüchtigen mag ihm noch zuhören“, nachdem zu Birgit Kempker schon in ähnlichem Sinn notiert worden war: „Es ist kaum noch vorstellbar, dass lyrische Texte zum Gegenstand öffentlicher Erregung oder gar juristischer Auseinandersetzungen werden können.“

Die Herausgeber tauchen dabei immer wieder in die (Un-)Tiefen literaturphilosophischer Überlegungen, etwa zum Tabu der Metaphysik und des Vorzeitlichen, Animalischen bei den meisten Gegenwartspoeten, weil „von den pflichtgemäß ernüchterten Dichtern unserer Tage solche dionysischen Programme meist des Irrationalismus verdächtigt werden, der vorsätzlichen Flucht vor den Zeichensystemen einer medial beschleunigten Gegenwart.“

Am Beispiel Karl Krolow moniert Braun, wie von manchen Dichtern sogar „dem klassischen Topos der Lyrik, der Liebe, in böser Nüchternheit jede sentimentale Illusion ausgetrieben“ wird, in Krolows Fall freilich immer gewürzt mit ironischer Gesellschaftskritik „in einem gemäßigten Modernismus, der sich bei allen surrealistischen Neigungen nie ins Hermetische verlor.“

Dazu immer wieder Kennerblicke aufs „Eingemachte“ der Literaturtheorie wie etwa der ,Sprachreflexiven Dekonstruktion‘ am Beispiel Ulf Stolterfoht: „Zum Konzept der lyrischen De-Montage und De-Komposition gehört es auch, dass das eitle Auftrumpfen mit Reim und Metrum ironisch konterkariert wird.“ Mit der Gefahr, dass Lustigkeits-Überschwang unfreiwillig ins Kabarettistische kippen kann, hinüber zu „einer gewissen ironischen Überanstrengung, ja Redundanzen-Überschwemmung.“

Natürlich muss man nicht jeder Interpretation zustimmen, zumal auch ein Lyrik-Insider kaum alle Autoren kennen wird, aber glaubwürdig und authentisch erscheinen die Anmerkungen nicht zuletzt deshalb, weil sie auch die Schwächen einiger Texte bloßlegen, denn die Herausgeber haben sich nicht davor gescheut, den einen oder anderen „Durchhänger“ mit auf Tour zu nehmen. Dabei kommentieren sie sich ihre Auswahl nicht nur schön, sie können auch „böse“, wenn sie etwa den einen oder anderen Autor der „biederen Reimerei“ überführen, süffisant manche Ost-Dichter als „westwärts orientierte Leichtfüße mit einer Tendenz zum Witzeln“ karikieren und dabei auch keineswegs die Prominenz verschonen, wenn sie beispielsweise bei Peter Rühmkorf die „Alterslust vieler Dichter am Kalauer, an der nächstliegenden Pointe“ als „oft stupides Durchexerzieren von altherrenneurotischen Gelegenheitspoemen mit gewaltsam lustigen Capriccios“ konstatieren.

Auch Anekdotisches wie der Fake vom vermeintlichen „poetischen Waldgänger George Forestier“, der Anfang der 1950er-Jahre von der Literaturkritik trotz höchst mittelmäßiger Gedichte distanzlos als „zweiter Wolfgang Borchert“ gepriesen, von „Akzente“ publiziert und von der deutschen Nachkriegsjugend bejubelt wurde, haben B&B ausgegraben. Tatsächlich stand hinter diesem fiktiven Autorennamen der gerissen kalkulierende Werbeberater Karl Emerich Krämer, der nach seiner Enttarnung als Schwindler von der düpierten Literaturkritik fallen gelassen wurde, obwohl er weiterhin sein „trübes Gebräu aus schiefen Metaphern“ unter die Leute zu bringen versuchte.

Doch nicht nur gegen die Kritikerzunft wird immer wieder mal gestichelt; so stellt Buselmeier der in gleichnamigem Sartorius-Gedicht gefeierten „Freundschaft der Dichter“ seine eigene Erfahrung von der „Wolfswelt“ der Schriftsteller entgegen: „Wer Mitglieder dieser Berufsgruppe ein wenig kennt, weiß, dass vor allem zähes Konkurrenzdenken deren Verhaltensweisen bestimmt.“

Manch einer mag in dieser Anthologie vielleicht die „Stars“ der zeitgenössischen Pop- und Slam-Lyrik vermissen, aber da die mittlerweile zu einem beachtenswerten eigenständigen Genre evolutioniert ist (wenn auch schon mit kulturindustrieller Vereinnahmungstendenz), hätte eine diesbezügliche Erweiterung den Rahmen dieser Unternehmung gesprengt. Allerdings könnte man, und sei es nur, um einen gesunden Schuss literaturkritische Boshaftigkeit zu pflegen, den hier vertretenen Albert Ostermaier mit seinen „literarischen Macho-Posen und schnoddrigem Zeitgeist-Vokabular“ dort verorten und wäre somit auf dieser Ebene auch bedient.

Die Herausgeber vermeiden zwar eine grundsätzliche literaturwissenschaftliche, poetologische Abgrenzungsdiskussion zwischen den ausdifferenzierten und oft szenegebundenen lyrischen Codes, doch zur Handhabung des lyrischen Instrumentariums nach der Jahrtausendwende möchte Braun anhand des jungen Schweizer Dichtertalents Raphael Urweider immerhin eine Tendenz zu „kühl-diagnostisch wie Durs Grünbein, naturwissenschaftlich versiert wie Raoul Schrott und so ironisch-distanziert wie der alte Benn“ erkennen und folgert, der „Habitus des abgeklärten Bewusstseinspoeten entspricht nach der Jahrtausendwende offenbar mehr den jüngsten Anforderungen auf Zeitgenossenschaft als jene altehrwürdige Lyrik der Gefühlsunmittelbarkeit, der es [ … ] ganz auf das innere Empfinden, nicht auf den äußeren Gegenstand ankommt.“

Ein aufmerksamer Leser des „Gelben Akrobat“ wird in vielen dieser „Kommentare“ solche poetologische Thesen entdecken, in denen sich die schillernden Facetten moderner Lyrikproduktion und -rezeption widerspiegeln. Dadurch erweitert diese Anthologie nicht nur den Wahrnehmungshorizont des lesenden Amateurs (im Sinne von „Liebhaber“), sondern eröffnet auch interessante, gelegentlich sogar amüsante Interpretationsperspektiven für den oft eingefahrenen Literatur-Diskurs und die kritische Lyrikrezeption in Literaturredaktionen oder Lyrikpreis-Jurys.
Und ein aufmerksamer Leser wird nach diesen 100 so unterschiedlichen Gedichten wohl auch dem von Braun und Buselmeier gleich zweimal zitierten Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer zustimmen, der einst in seiner Abhandlung über die „Wissenschaft des Schönen“ philosophierte: „Die lyrische Poesie ist ein punktuelles Zünden der Welt im Subjekt.“.

Michael Braun / Michael Buselmeier (Hg.):
Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert.
Poetenladen, Leipzig 2009.
360 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783940691088

Rezension als PDF

© Werner Friebel & Literaturkritik.de 2009

Ein Indianersong zum Pow Wow in Kopenhagen

Ob’s was helfen wird, dass auch 56 renommierte Zeitungen aus 44 Ländern einen gemeinsamen Appell zum Handeln an die in Kopenhagen versammelten Unterhändler gerichtet haben? Die nordamerikanischen Indianer jedenfalls versprachen sich mehr Erfolg von einem wichtigen Pow Wow, wenn sie sich vor jeder Sitzung mit dem gemeinsamen Singen eines Kultliedes aufeinander einstimmten und dazu heiliges Wasser reichten.

Bei den mittlerweile fast ausgestorbenen  Kaw hieß der Song “Witchi Tai To”, frei übersetzt etwa “Wasser = Leben”, der 1968 von dem Stammesmitglied Jim Pepper (1940 - 1992) mit Erlaubnis des Ältestenrats als leichtfüßige Jazznummer arrangiert, eingespielt und sogar zu einem Top-Ten-Hit in den USA wurde.
Peppers Anliegen war dabei durchaus auch politisch, da er mit der Verschmelzung von Jazz und American Native Music auf die Kultur und die soziale Situation der Indianer aufmerksam machen wollte. Als “Lohn” dafür wurde er vom Musikbusiness über den Tisch gezogen, indem man dem Ahnungslosen für ein paar Dollar sämtliche Rechte an seinem Song abgeschwatzt hatte. Pepper war für das Musikbusiness nicht geschaffen und zog sich in den siebziger Jahren in die entlegenen Reservate Alaskas als Jäger und Fischer zurück. Erst der Trompeter Don Cherry, selbst halbindianischer Herkunft, stöberte Pepper nach Jahren auf und unterstützte den Aufstieg des Saxophonisten zu einer weltweiten Leitfigur des Ethno-Jazz.

Für das Intro seiner ersten, längst vergriffenen Platte von 1968 konnte Pepper seinen Vater und einige seiner Stammesbrüder überreden, den Original-Pow-Wow-Sound einzusingen.
Hier nun also zum Einüben für alle Teilnehmer in Kopenhagen, für spätere Konferenzen und für alle Kinder, die gern ums Lagerfeuer tanzen und singen, diese Originalaufnahme nebst indianisch-englischem Text; Musikvideos gabs damals noch keine, aber weil der Song so zeitlos schön ist, gibt’s ihn halt in ganzer Länge, wenn auch in mäßiger Klangqualität, zum Standbild ;-)

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

Witchi Tai To

D - D/C - D/Bm - G - Esus - A
Witchi Tai To Gim-Mie Rah
Whoa Ron-Nee Ka
Whoa Ron-Nee Ka
Hey-Ney Hey-Ney No Wah 

Witchi Tai To Gim-Mie Rah
Whoa Ron-Nee Ka
Whoa Ron-Nee Ka
Hey-Ney Hey-Ney No Wah 

Water Spirit Feelings
Springin' Round My Head
Makes Me Feel Glad
That I'm Not Dead 

Witchi Tai To Gim-Mie Rah
Whoa Ron-Nee Ka
Whoa Ron-Nee Ka
Hey-Ney Hey-Ney No Wah.

Portrait von Jim Pepper in “Jazzdimensions”

cd pepper pow wow

CD “Peppers Pow Wow”
(digitally remastered)

 

 wf

Wer verlegt denn heut noch Gedichte?

Die Suche nach interessanter Lyrik gehört heutzutage zu den Kontingenzerfahrungen des real existierenden Poesiefreundes, denn wenn er „Gedichte“ mit der Option „Seiten auf Deutsch“ googelt, spuckt der digital umhergeisternde Suchroboter über fünf Millionen Treffer aus – doppelt so viele wie etwa unter „Lotto“.
Besorgten noch in der Guten-Alten-Zeit der Deutungsmonopole die Türsteher des feinen Feuilletons oder elitär-hermetische Anthologie-Clans die (natürlich oft ungerechte) Vorsortierung der Dichterhimmel-Anwärter fürs literarisch (ein)gebildete Lesevolk und schöngeistige Buchverlage, kann heute auf dem öffentlichen Krümelacker der Worte jeder Spatz sein Verslein tschilpen und darauf hoffen, für eine Nachtigall gehalten zu werden. Und bei Gusto für ein paar Euro mit einem selbstverlegten BOD-Produkt sein Gefieder aufplustern.
Dem Hochkultur-Traditionalisten ein Graus, dem Kultur-Basisdemokraten die Erfüllung der Chancengleichheit - jedenfalls ist diese Menge an beliebiger Literaturproduktion zu einer ziemlich unübersichtlichen Angelegenheit für wählerische Leser geworden, die sich gern mal von guter neuer Lyrik Herz & Hirn durchlüften lassen wollen.
Aber nicht nur zwecks besserer Lektüre-Orientierung haben sich in den letzten Jahren abseits der Großverlage etliche literarische online-Netzwerke entwickelt; viele zwar nur als Quassel-Communities, einige aber doch mit dem Anspruch, die positiven Aspekte dieser kulturellen und technologischen Drift für Autoren und Leser nutzbar zu machen: Die barrierefreie Partizipation vieler Kreativer auf Basis einer Internetpräsenz bei gleichzeitiger redaktioneller „Qualitätskontrolle“ der online- und print-Veröffentlichungen zu kostengünstigen Bedingungen, teilweise auch im medialen Crossover von Wort, Bild und Ton.
Auch für einen engagierten Einzelkämpfer kaum zu schaffen, kann sich eine sorgfältig betreute Edition bei „guter Führung“ mit der Zeit einen Namen machen, der nach innen auf die Autoren als Schreibmotivator wirkt und nach außen, für die Leser, als Qualitätskriterium trägt.
Von der „Holz-Szene“ und ihren alten Seilschaften noch immer oft übersehen oder belächelt, weil angeblich im digital publishing die Jeder-ist-ein-Künstler-Mentalität und somit unlektoriertes Schreibgeschrammel vorherrsche, haben sich inzwischen etliche dieser online-Projekte durch kontinuierliche redaktionelle Aufbauarbeit und Fachkompetenz als ernstzunehmende Literaturmagazine und -verlage entwickelt, deren Originaltexte mittlerweile auch von den „amtlichen“ Literaturarchiven wie Marbach, dem Innsbrucker „dilimag“ und der Deutschen Nationalbibliothek archiviert werden.

lesehefte fixpoetryDazu gehört seit gut drei Jahren auch die Lyrikplattform „Fixpoetry.com“, von Beginn an literarisch ambitioniert und mittlerweile als eine der ersten Adressen für zeitgenössiche Dichtung im Netz etabliert. Das Projekt ist mehr als ein betreutes Versuchsgelände für Schreibnovizen, auch einige „alte Hasen“ der Lyrikszene haben dort eigene „Autorenbücher“ mit hauptsächlich neuen Texten angelegt.
Aus diesem nach und nach proper gewachsenen Stamm von „Haus-Dichtern“ wählen die Fixpoetry-Herausgeberin Julietta Fix, Redakteur Frank Milautzcki und ein Lektoratsteam seit Herbst 2008 pro Quartal drei AutorInnen für die Print-Edition Lesehefte unter dem Label „Verlag im Proberaum“ aus. Die Hefte erscheinen im kartonierten A5-Format in anständiger Druckqualität und jeweils dreistelliger Auflage mit etwa 20 Texten pro Autor.

Während die online-Autorenbücher bei Fixpoetry (eine hübsche und technisch gut umgesetzte Idee allerdings) in qualitativer Hinsicht so unterschiedlich sind wie es solche offenen Projekte eben mit sich bringen und manche lediglich, naja sagen wir mal „ganz nett“ sind, steht bei der Autorenauswahl für die „Lesehefte“ der literaturkritische Werkzeugkasten in der Redaktion, hat mit unlektorierter Selbstverlegerei also nix zu tun. Das literarische Niveau ist dementsprechend hoch, wenn zwar nicht bei allen auf gleichem Level und oft auch nicht innerhalb eines Heftes gleichbleibend, aber welcher Lyriker mag das schon für sich beanspruchen. Zumindest kauft man nicht die Katze im Sack, da ja von allen Heftautoren zumindest ein paar Texte online vorgekostet werden können.

In den fünfzehn bisher vorliegenden Einzelausgaben der Edition entwickeln sich unterschiedliche poetologische Ansätze, die sich weder einem herrschenden Diktum zu pseudoelitärer Avantgarde-Huberei für die Preisvergabemauschler anbiedern noch im straßengängigen Modejargon unterkomplexer Pop-Lyrik daherplappern oder gar im Gutmenschenkitsch der Literaturkalenderpoesie schwelgen, sondern überraschende und eigenständige Sounds verantworten, auch mal „Kante zeigen“, und sei es mit dem Risiko zum gelegentlich überblasenen Ton oder nachlässiger Phrasierung.

Etliche der ausgewählten AutorInnen sind in Lyrikkreisen keine No-Names mehr, haben teilweise in ’seriösen’ Anthologien und Buchverlagen reüssiert, und da im Feuilleton von „Fixpoetry“ einige der Hefte schon besprochen wurden (und weitere Rezensionen wohl folgen), hier nur ein paar kurze Antipper zum Facettenreichtum der Reihe aus den mir vorliegenden Bänden.

So könnte man eine Zeile aus Christian Kreis’ Heft „In den Augen der Magersüchtigen“ fast schon als selbstironisches Motto über die ganze Edition stellen: „Die Gesellschaft ernährt / ihre Flaneure nicht“. Denn da die Gattung der fürstlich bestallten Hofdichter heutzutage so gut wie ausgestorben ist und der massenmedieninkompatible Dichter als solcher keinen materiellen Mehrwert erzeugt, sprich unverkäuflich ist, schwingt in der Idee der Lesehefte ein „Dennoch“ mit, das ohne verlegerische Renditeerwartung auf der sinnlichen und geistigen Erquickung des nur scheinbar zweckfreien Flanierens des Poeten gegründet ist, der durch die Empfindungsnetze seiner intentionalen Realtität Ausschnitte von Welthaltigkeit destilliert. Sogar wenn er wie Christian Kreis gelegentlich in aphoristischer Verknappung am Rand des Kalauers balanciert ;-)

Ulrich Koch verarbeitet in „Bleibe“ Vergänglichkeitsmotive, mal klug-bitter „schau an, die Liebe / vergesslich wie Gras“, mal zart-sentimental „auf den alten Fotografien / sonnt sich / was war“ und Thomas Rackwitz setzt „in halle schläft der hund beim pinkeln ein“ grimmigen Outlaw-Sarkasmus im Kontrast einer fein durchgearbeiteten Sonettform zu einem Roadmovie von 15 fortlaufenden Bildern zusammen; Stan Lafleur richtet ununterbrochen seinen „Blick in den Himmel“ (jaja, so heißen auch alle seine Einzel-Gedichte) in jeweils 4-strophigen ungereimten Terzinen.
Klara Beten gleitet in „luftweben, wieder“ gern mal durch leicht surreale Sprachbezüge und Julietta Fix zeigt in „Lyrik vom Fußboden“, dass intensive kleine Bilder eine leicht pathetische Überzeichnung nicht scheuen müssen, solang der Tonfall nicht überdreht. Frank Milautzcki lässt „Hemden denken“ über das Absurd-Liebenswerte des menschlichen Tuns und irritiert gern die semantischen Erwartungshaltungen des Lesers mit überraschenden, wie aus dem Vorbewussten steigenden Assoziationsketten.
Und weil gerade die Lyrik auch Geschmacksache ist, sei mir nachgesehen, dass ich aus der Reihe das Heft „Aus der Luft gegriffen“ von Peter Engel als persönlichen Favoriten ausgeguckt habe; denn ihm gelingt in etlichen Texten sein eigener Anspruch: „dieses Wegschleifen von Sprachstein, / der sich überall angesetzt hat, / dieses ständige Aufpolieren, / damit der Ausdruck glänzt / und der Text seine Zähne zeigt.“

Aber warum überhaupt heutzutage noch Arbeitsaufwand und Kosten einer Drucklegung in Kauf nehmen, wenn’s ein PDF zum Selberausdrucken auch täte? Die Mühe und sorgfältige Auswahl einer verlagsbetreuten print-Edition unterstreicht, dass sich eine intensive Beschäftigung mit diesen Gedichten lohnt, dass sie es wert sind, aus der Masse herausgehoben zu werden. Zudem legen viele Lyrikfans Wert auf das haptische Erleben, auf den Geruch, das Rascheln und sogar auf das langsame Vergilben der Seiten - und auf die Möglichkeit, ihre ausgegrabenen Schätze zu sammeln, auf Reisen mitzunehmen, darin Notizen zu machen oder sie auch mal zu verschenken.

Für die Autoren sind anständig verlegte Werke ohne eigene Kostenbeteiligung natürlich auch kleine Streicheleinheiten für ihre schriftstellerische Eitelkeit (die in richtiger Dosierung ja gar nix Schlimmes ist), vor Allem aber die besten Referenzen für die unumgängliche Kulturjournaille und den Aufbau eines Leserstamms, der dann auch etwa via Buchhandel oder bei Lesungen damit gepäppelt werden kann.
Zum dicken Geldverdienen wird’s bei Dichtern aber auch in Zukunft weder gedruckt noch im Web reichen, da anspruchsvolle Lyrik trotz einer gewissen “Erholung” in den letzten Jahren wohl immer ein literarisches Randgruppen-Genre bleiben wird. Auch wenn der Suchmaschinen-Algorithmus weiterhin Million um Million an Treffern für “Gedichte” akkumuliert.

 Allerdings lassen sich bei der Geschwindigkeit, mit der das Internet die klassischen Produktions-, Rezeptions- und Geschäftsmodelle der Verlage und Kreativen verändert,  die Chancen für die Zukunft kaum abschätzen; galt Vielen noch bis vor kurzem das eBook als künftiges Medium der (bezahlten) Literaturvermittlung,  ist es jetzt schon eine überholte Technologie - das viel flexiblere iTablet wartet als tragbares Multimediacenter schon in den Startlöchern und wird auch die Bedingungen für Literaturproduktion und deren Rezeption verändern.

Lyrikplattform Fixpoetry

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wf

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