Texterl zur Fastenzeit


Das Gebet ist für solche Menschen erfunden, welche eigentlich nie von sich aus Gedanken haben, denen eine Erhebung der Seele ungekannt ist oder unbemerkt verläuft.

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April 2014
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Comic-Ausstellung mit Schwerpunkt Wilhelm Busch

Was wäre der gute Schopenhauer ohne seinen Pudel gewesen? Ein Philosoph, der noch nicht auf den Hund gekommen ist, könnte man jetzt kalauern; aber tatsächlich waren in diesem Fall Mann & Hund in der öffentlichen Wahrnehmung untrennbar miteinander verbunden, denn das bekannteste Bildnis des Anti-Hegelianers war seinerzeit eine Zeichnung dieses Pärchens beim alltäglichen Spaziergang in einem Frankfurter Park von Wilhelm Busch, die wohl vielen von uns in Kindertagen einen ersten ikonographischen Eindruck vom flaneurhaften Tagesablauf eines Philosophen verschaffte und so das Charakteristische und Begehrenswerte dieser Profession in unserer Vorstellung verankert hat.

schopenhauer_by_busch

Busch-Zeichnung vom philosophischen Flaneur Arthur Schopenhauer mit Pudel “Atman”

Gern hätte ich schon damals mehr über das dubiose Duo erfahren, etwa, was der verschämt hinter dem Rücken gehaltene Hut bedeute. Mussten Philosophen heimlich betteln? Kamen die Oberglatze nebst seitlich abstehendem Haarkranz vom vielen Denken? War des Pudels nach rechts abgespreizter Bommelschwanz  eine Art Warnung für die Hinterherlaufenden, vergleichbar mit dem heutigen Stinkefinger? Aber auf meine Nachfragen bekam ich von meinem Vater nur zu hören: “Jaja, der Schopenhauer, das war einer! War sein Tier ungezogen, so schimpfte er es Mensch, wollte er den Pudel aber loben, so nannte er ihn Atman“. Erst viel später – Stammleser dieses Blogs wissen es ja – fand ich heraus, wie Schopenhauer auf den Namen “Atman” gekommen war.
Einen größeren konkreten Nutzen aus der regelmäßigen Busch-Lektüre zog ich damals freilich aus den herrlich bösen Bildergeschichten, die nun den Schwerpunkt einer Comic-Ausstellung in Hannover bilden; davon wird gleich noch die Rede sein.
Jedenfalls lernte ich von Busch, dass bigotte Seelen wie die der Frommen Helene letztlich vom Teufel geholt werden und dass die belehrende Selbstgefälligkeit eines Lehrer Lämpel die Quintessenz des Pädagogendaseins darstellt. Und natürlich eigneten sich Max und Moritz prima als Projektionsgestalten bei allfälliger Schul-Unlust und gelegentlichen Anflügen kindlicher Grausamkeits-Phantasien (die ja manche zeitlebens nicht loswerden).

Dass in all diesen Werken auch ein guter Schlag von Schopenhauers Philosophie steckt, erschloss sich mir erst später, nachdem der Busch als Vorlesestoff von meinem Nachtkästchen auf das meines Sohnes gewandert war und ich zwischenzeitlich meine Erste Schopenhauerianische Phase durchgestanden hatte.
Schopenhauer meinte ja, dass es nur drei Dinge gebe, die das ernsthafte Nachdenken lohnen, nämlich die Musik, das Weinen und das Lachen. Genau davon handeln die Bildergeschichten von Wilhelm Busch, und das ist auch kein Zufall, denn der reimende Zeichner bekannte, dass er sich “mit Leidenschaft und Ausdauer in den Schopenhauer” vertieft hätte und er verglich Schopenhauers Philosophie mit einem Schlüssel, der ihm “wohl zu mancherlei Türen zu passen schien in dem verwunschenen Schloß dieser Welt, nur nicht zur Ausgangstür”. Und so machte sich Busch zwar die Ansicht Schopenhauers von der unheilbringenden Gewalt des Lebenswillens, der das ganze  Dasein kennzeichnet, zu eigen, nicht jedoch die andere Seite von Schopenhauers Lehre, nämlich deren Mitleidsethik, dieses Mitempfinden durch die Erkenntnis des Eigenen im Anderen.

Ludger Lütkehaus hat das in einem hübschen Essay zu dieser Schopenhauer-Zeichnung von Busch mal so auf den Punkt gebracht: “Busch radikalisiert die Welt- und Menschendeutung Schopenhauers. Er versperrt die Ausgänge. Er verweigert die bei Schopenhauer noch verbleibenden mildernden Umstände. Und trotzdem wird in Buschs Welt weit mehr als in der Schopenhauers gelacht. Wie das möglich ist? Nun, weil die Schadenfreude selbst unter Philosophen die größte Freude ist. “Das Lachen”, heißt es in Eduards Traum, “ist die aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer überwiegenden Konkurrenzfähigkeit”. Lachen ist Lachen-Über, Verlachen. Humor ist, wenn man nicht trotzdem, sondern deswegen lacht.”

Buschs Werk leistete zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des modernen Comics, wenngleich dessen Geschichte natürlich viel weiter zurückreicht (betextete Bilder auf antiken Amphoren, Teppich von Bajeux etc.), so dass er als „Großvater der Comics“ bei umfassenden Ausstellungen und Publikationen zum Thema entsprechende Würdigung erhält. Allerdings ist es noch nicht so lange her, da standen Comic- & Cartoon-Ausstellungen im Ruf des Trivial-Schmuddeligen,  galten manchen als jugendverderbender Schund, vor dem zumindest in jedem anständigen deutschen Lehrerhaushalt gewarnt wurde. Hatte sich denn nicht Homer Simpson himself über seine eigene Spezies mal so abfällig geäußert: “Cartoons haben keine tiefere Bedeutung. Es sind nur doofe Zeichnungen, die auf billige Lacher aus sind”. Das hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise gründlich geändert, der Comic ist im Wortsinne “salonfähig” geworden (nach der guten Basisarbeit im Erlanger Salon) und mittlerweile haben ‘Kulturmetropolen’ wie München, Hamburg, Essen, Aachen, Luzern, Brüssel und andere ihre Comic-Ausstellungen gar zu “Festivals” hochgetunt. Natürlich abgesegnet von den Edel-Feuilletons unserer Kulturgerichtsbarkeit wie etwa der Süddeutschen oder der ZEIT.

Nun versucht Hannover das alles zu toppen und zeigt im dortigen “Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst” die Ausstellung “Streich auf Streich – 150 Jahre Max und Moritz. Deutschsprachige Comics von Wilhelm Busch bis heute“, die aufgrund des großen Besucherinteresses bis 4. Mai 2014 verlängert wurde. Da gibts eingangs die komplette Handschrift aller Max-und-Moritz-Streiche und weiterer Bildergeschichten von Wilhelm Busch im Original zu sehen, und dann gehts in 15 Abteilungen auf die Reise durch die deutsche Comic-Geschichte – mit über 350 Originalzeichnungen sowie zahlreichen historischen Erstdrucken aus dem gesamten deutschsprachigen Raum von Busch bis in die Gegenwart.

Und übrigens: Warum ich kein Klavierspieler werden wollte…

Busch Werke v1 p 404

Der Virtuose

 … sondern mich mit der weniger ‘salonfähigen’ Gitarre begnügte, könnte auch einen Grund in der abschreckenden Wirkung von Der Virtuos gehabt haben, die als eine von Buschs genialsten und revolutionärsten Bildergeschichten gilt. 1865 erschienen, zeigt die Geschichte einen Pianisten, der zu Neujahr einem begeisterten Zuhörer ein Privatkonzert gibt.
Dazu meint die Bildinterpretation aus der Wikipedia: “Diese Satire auf selbstdarstellerische Künstlerattitüde und deren übertriebene Verehrung weicht vom Schema Buschs übriger Bildergeschichten ab, weil die einzelnen Szenen nicht mit gebundenen Texten kommentiert sind, sondern lediglich Termini aus der musikalischen Fachsprache wie Introduzione, Maestoso oder Fortissimo vivacissimo verwendet werden. Die Szenen steigern sich im Tempo, wobei jeder Körperteil und jeder Kleidungszipfel in diese Steigerung mit einbezogen sind. Schließlich werden die vorletzten Szenen zu einer Simultanschau mehrerer Bewegungsphasen des Pianisten und die Noten lösen sich in über dem Flügel tanzenden Notenzeichen auf. Bildende Künstler haben sich bis weit ins 20. Jahrhundert von dieser Bildergeschichte inspirieren lassen. August Macke hielt in einem Brief an seinen Galeristen Herwarth Walden sogar fest, dass er die Bezeichnung Futurismus für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Italien entstandene avantgardistische Kunstbewegung für verfehlt halte, da bereits Wilhelm Busch ein Futurist gewesen sei, der Zeit und Bewegung ins Bild gebannt habe.”

Aber meine Lieblingsgeschichte war und ist doch noch immer die Fromme Helene, nach deren tragikomischem Ende der Spießer Nolte uns einen twitterkompatiblen Satz für unser aller Alltagsmoral vermacht hat:

„Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!“

 wf

Paco de Lucía hauchte dem Jazz den Flamenco ein

Die Scheibe Friday Night in San Francisco war schon vor gut einem viertel Jahrhundert ein must have für alle ambitionierten Gitarristen und ist mit weltweit über zwei Millionen Exemplaren bis heute die meistverkaufte Acoustik-Jazzplatte. Die Faszination dieser Live-Aufnahme beruht nicht nur auf der stupenden instrumentalen Spielkunst, sondern entsteht vor allem durch die stilistische Verschmelzung von Folk, Jazz, Blues, Latin, Klassik und eben Pacos Flamenco, der mit seiner auf der phrygischen Scale basierenden Harmonik, tanzbaren Rhythmen und den filigranen und oft percussiven Spieltechniken der Flamenco-Gitarre einen Hauch andalusisches Gitano-Feeling in den World Jazz brachte. Klar, dass diese drei Guitar-Heroes Al Di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucía auch auf meiner musikalischen Wegstrecke zu den herausragenden Orientierungspunkten zählten, und ich war als Youngster ganz hin & weg, als ich sie im Sommer 83 im nahegelegenen Augsburg auf einem Open Air live erleben konnte.

 

Paco de Lucia

Paco de Lucia

Gestern starb Paco de Lucía mit gerade einmal 66 Jahren während eines Familienurlaubs in Mexico an einem Herzinfarkt.

Den internationalen Durchbruch hatte der Sprößling aus einer andalusischen Musikerfamilie (der Papa war auch sein Gitarrenlehrer) schon im Jahre 1973 mit dem Rumba-Hit Entre dos Aguas geschafft und bald wurde er durch seine Genre-übergreifende Experimentierfreude und perfekte Gitarrentechnik zum musikalischen Guru einer weltweiten Fangemeinde. Nicht nur die Flamenceros, auch die Klassikgemeinde begeisterte er mit seinen Neuinterpretationen von Gitarren-Meisterwerken, etwa von Manuel de Falla, den Kunstliedern García Lorcas oder dem Concierto de Aranjuez. Dazu kamen unzählige Eigenkompositionen und Filmmusiken, am bekanntesten wohl die für den Flamenco-Opernfilm “Carmen” von Carlos Saura, in dem er neben Laura del Sol auch die Hauptrolle spielte, und zwar sich selbst als “Paco, der Gitarrenheld”. 2004 wurde er mit dem renommierten Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet.

 

Für uns Gitarrenlehrlinge war in den alten Zeiten, bevor man auf YouTube spicken konnte, das Rausfummeln derartiger Musike nicht so einfach wie heute; oft saßen wir zu zweit abendelang am Platten- oder später dann CD-Player, takteweise und immer wieder von Anfang die chords & lines heraushörend, bis aus einem anfänglichen Gestopsel was einigermaßen Anhörbares destilliert war. So wie bei dem folgendem, vom “Friday Night”- Album wohl bekanntesten Stück “Mediterranean Sundance”, das sich, wenn mans mal “gefressen” hat, ganz prima als Endlosnummer für das Session-Gedudel einer beliebigen Anzahl qualifizierter Gitarristen eignet, z.B. an einem (ach ja, der Frühling ruft) gemütlichen Schwedenfeuer

Also: gut zuhören und hingucken, Finger locker machen und ran an die Flamenco-Changes, Pacos Musik will gelebt sein!

wf

Vom Schreiben-Lernen und von Literaturinstituten

Nehmen wir einmal an, Sie wollen Herrgottschnitzer werden. Dann empfiehlt es sich, eine der bairischen Holzbildhauerschulen, beispielsweise gleich bei uns ums Eck in Oberammergau, zu besuchen und das gediegene Handwerk der Schnitzerei so weit zu erlernen, dass Sie sich mit ihren Arbeiten in der Öffentlichkeit sehen lassen können. Und nehmen wir jetzt einmal an, Sie wollen Verfasser von Geschichten oder Gedichten werden, die in der Öffentlichkeit mit beifälligem Kopfnicken goutiert werden. Dann können Sie sich die handwerklichen Aspekte der Schreiberei in einer Schreibschule oder in einem unserer Literaturinstitute, etwa in Hildesheim oder Leipzig, vielleicht so weit aneignen, dass gelegentlich was davon gedruckt wird. In beiden Fällen sollte zumindest soviel handwerkliches Geschick bei rauskommen, wie man’s von einem gelernten Kunsthandwerker erwarten darf. So eine Ausbildungsstätte kann also durchaus hilfreich sein, denn meistens mangelt es dem Schnitzer ja nicht an Holz (auch wenns nur Weichholz ist) und dem Schreiber nicht an Stoff (auch wenns bei manchem nur Gesabber ist), doch Form & Stil bedürfen erstmal einer Führung durch den Meister (auch wenns manchmal nur ein selbsternannter ist). Und in beiden Fällen scheint eine Berufung auf eine höhere Instanz die intrinsische Wahlmotivation zu beflügeln; beim Herrgottschnitzer dürfte die klar sein, der Schreiberling dagegen findet im Wort Hölderlins “was bleibet, aber stiften die Dichter” sein Unsterblichkeitsmantra – um auf den Schwingen des Pegasus in den ewigen Dichterhimmel zu reiten, nehmen viele gern allerlei Mühen und Kosten in Kauf, wenn sie sich’s leisten können.

Keilschrift-Tafel des Gilgamesch-Epos

Keilschrift-Tafel des Gilgamesch-Epos

Nun sind Schreibschulen ja nix Neues, schon die Keilschriftler haben neben ihrer Meißeltechnik auch ihr erzählerisches Know-How weitergegeben (was in der Folge zur Entstehung einer Reihe literarischer Werke, bekannt als Gilgamesch-Epos, führte); das hochentwickelte Story Telling der Alten Ägypter in den Hieroglyphen („Schrift der Gottesworte“) wäre ohne formale und stilistische Traditionen ebenso undenkbar wie der festgelegte Ablauf des antiken griechischen Theaters. Schon immer hatten Schreibnovizen also Einiges zu lernen, wobei die Anforderungen an Menge und Diversifizierung von Textproduktionen über die Jahrtausende immens stiegen. Um deren Bewältigung zu erleichtern, begann man gegen Ende  des 19. Jahrhunderts an amerikanischen Universitäten Seminare anzubieten, in denen Studenten praktische Schreiberfahrungen sammeln sollten. Schon damals (!) erschienen begleitend dazu erste Handbücher unter dem Begriff “Creative Writing”, was in Europa allerdings lang kaum wahrgenommen oder höchstens belächelt wurde. Ist denn der Begriff nicht nur eine Tautologie, als könne es auch ein Schreiben ohne oder vor der Kreativität geben? Schreiben, also das Klären, Ordnen und Komprimieren von Gedanken & Reflexionen, sei doch immer ein kreativer Akt, wenn auch von unterschiedlicher Intensität. Doch mittlerweile scheint man auch bei uns dem ‘creative’ als Vor-Satz zu allem Möglichen nicht mehr abgeneigt zu sein, nicht nur beim Schreiben als Abgrenzung zum copy&paste, sondern als Selbstverwirklichungs-Etikett für jede Art von individueller Tätigkeit, von der Google-Suche bis zum Rasenmähen.

Allerdings verstehen die in den letzten Jahren auch bei uns entstandenen Schreibinstitute ihre Angebote zum “kreativen Schreiben” in einem weiteren Sinn: als Vermittlung ‘höherer’ Fertigkeiten, zu denen neben dem Spiel mit der Sprache auch Methoden der Ideenfindung, Therapie und autobiografische Selbstreflexion sowie eine umfangreiche Pragmatik des Schreibens in Literatur, Theater, Film und Wissenschaft gehören. Und nicht zuletzt eine (in den USA schon lange vollzogene) Überwindung der Grenzen zwischen ‚hoher‘ und ‚niedriger‘ Kunst, den Einstieg in ein literarisches Beziehungsnetzwerk und – im Preis inclusive – zumindest eine Handvoll Kritiker & Claqueure.

Wie es nun im Dunstkreis so eines Instituts zugeht, davon kann natürlich ein Insider am besten berichten. Das hat kürzlich der Jung-Autor und Journalist Florian Kessler, selbst Absolvent der Hildesheimer Einrichtung, getan, indem er in einer Glosse der ZEIT unter dem Titel “Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!” das dortige “Milieu” der Nachwuchsliteraten aus gehobener Mittelschicht als saturiertes, family-gesponsortes Brav-Schreibertum karikierte. Wer aber nun denkt, eine Investigation in diesen Untiefen des deutschen LitBizz müsse sich in einer saftigen Bernhardeske entladen, kommt nicht ganz auf seine Kosten, denn Kessler bleibt beim feuilletonistisch korrekten Augenzwinkern, recht nett & lustig zu lesen. Man hätte diese Anekdote  zu den kleinen Aufmüpfigkeiten am Rande des business-as-usual legen können, doch Kesslers Stichelei hatte den Nerv anscheinend doch tiefer getroffen. So nahms der taz-Autor Enno Stahl in seinem Beitrag “Wer schreibt, der bleibt” zum Anlass für die mit schöner Regelmäßigkeit gestellte Diagnose: “Die Funktions- und Entscheidungsträger des literarischen Feldes, Autoren, Lektoren, Feuilletonisten, Angehörige von Preisjurys, Leiter von Literaturhäusern, sie bewegen sich alle in ein und demselben hermetisch abgeschlossenen gesellschaftlichen Teilsystem. Über Habitus, familiäre Kontakte und eigenes Netzwerken ist es ihnen gelungen, direkt nach dem Studium, ohne nennenswerte Lebenserfahrungen außerhalb ihres eigenen Sozialverbunds, ihr Pöstchen im Betrieb zu ergattern.” Ach geh, wer hätte das gedacht…

Ja, und dann gabs ne zünftige Repliken-Runde in der Süddeutschen, im Freitag, wieder in der ZEIT, in diversen Lit-Blogs, sogar Die Welt und die HUFFINGTON POST plapperten mit, bevor Florian Kessler, diesmal in der Süddeutschen, resumierte: “‘Brav’ nannte ich in meiner Polemik die jüngeren deutschsprachigen Autoren. Jetzt weite ich das aus. ‘Brav’ erscheint mir ein Betrieb, der seine Debatten betriebsscheu führt.” Na ja, so ‘brav’ war zumindest die Debatte nicht, Herr Kessler, und so Manches musste auch wieder mal gesagt werden, ob’s nutze oder nicht. Schließlich hängt es nicht allein von den Kreativen des Literaturbetriebs ab, welche Literatur sich an die Frau bringen lässt; so wenig wie der Herrgottschnitzer seine paar Motive variieren kann, ohne die Gläubigen zu verschrecken, so wenig Originalität und Qualitätsanspruch kann Autor sich erlauben, ohne die Leser intellektuell zu brüskieren. Hauptsach’, das Handwerk stimmt im Laden, wo an der Kundenfront das gefällige Mittelmaß angepriesen wird. Hauptsach’, es bleibt im Rahmen der Nacherzählbarkeit, wenn die immergleichen Damen & Herren in TV-Literaturkränzchen und auf blauen Sofas ihre mittelmäßige Lesekompetenz zu Markte sprich Einschaltquote tragen. Auch Literaturinstitute dürfen also an die Leser denken.
Wer sich allerdings zur Ausbildung und zum Aufbau eines Beziehungsnetzwerks dort bewirbt und über die dafür nötigen finanziellen und psychischen Ressourcen verfügt, sollte sich, sofern er’s mit dem Schreiben ernst meint, dieses aus Ludwig Hohls Notizen klar machen: “Das gut Geschriebene kann man nicht erklären aus dem einfachen Grund, daß es schon ein höherer Grad des Erklärenden ist.

Und daraus mag er folgern, dass es sehr wohl eine hilfreiche Methode gibt, an seinem eigenen Schreib-Denk-Stil zu arbeiten, und zwar in diesen zwei Stufen:

1) viel gut Geschriebenes lesen, lesen, lesen und danach

2) die Beherzigung von Hohls Ratschlag: “Die ganze Kunst des Schreibens besteht darin, dass man kein Wort verwende ohne volle Verantwortung.”

Ob’s dann schon für einen fetten Literaturpreis langt, ist aber nicht garantiert, denn wie ihr in folgendem Beitrag seht, spielen noch einige andere Faktoren eine Rolle:

 wf

Des Neujahrs-Rätsels Lösung

Schon klar, dass der gute Leibniz sich bei der Aufnahmezeremonie in der Londoner „Royal Society“ nicht blamiert und das ihm gestellte Logikrätsel gelöst hatte; wenngleich hier wieder einige amüsante Leser-Feedbacks von “geht gar nicht!”  bis hin zu Skizzen von zehnarmigen Waagen reintrudelten. Und wie schon einmal gabs einen Schwung kurz hintereinander zugesandter, im Wortlaut völlig gleicher Lösungen, die irgendwo rauskopiert zu sein schienen. Tatsächlich zeigte ein Blick in die Server-Linkstatistik, dass an jenen Tagen viele Zugriffe von einer Gewinnspiel-Community erfolgt waren, die auf ihrer Seite das Rätsel samt Lösung präsentiert hatte. Es gibt offenbar nicht Wenige, die den lieben-langen-Tag damit verbringen, in solchen Foren (von denen es anscheindend mehrere gibt) zu stöbern, auf dass mal da eine Bonboniere, dort ein Einkaufsgutschein und hier eine Musik-CD zu ergattern sei – ist ja auch eine Form von ‘Denksport’ ;-)

Sei’s drum, wenn die Lösung stimmt, sind die auch mit im Lostopf, und es könnte ja sein, dass mancher von denen hier auch noch was Anderes liest, sich dabei ans Hirn fasst und … na, lassen wir das.

Verraten wir nun lieber des Rätsels Lösung, wie Leibniz mit nur einer Wiegung unter zehn unterschiedlich großen Münzsäcklein das eine mit dem mindergewichtigen Falschgeld ausfindig machen konnte: Er numerierte die Säckchen und entnahm aus dem ersten 1, aus dem zweiten 2, aus dem dritten 3 Münzen usw. und legte diese insgesamt 55 Münzen auf die Waage. Wären alle echt, so wögen sie zusammen 550 Dram, bei 549 Dram wäre nur eine Münze falsch und somit diejenigen im ersten Sack, bei 548 zwei falsch und also die im zweiten usw. – klaro?

Und wie immer hat auch heute unsere kleine Glücksfee aus der Nachbarschaft schon drauf gelauert, unter den 78 richtigen Antworten die 5 GewinnerInnen aus dem Email-Korb zu fischen, alsda wären: Michael Freyer (Hamburg), Anja Schinz (Köln), Chris-Oliver Schulz (Wien), Guido Severin (Krefeld) und Niko Staiber (Stuttgart). Die CDs werden euch in den nächsten Tagen zugesandt.

Wer sich übrigens selber mal ein kleines, hierher passendes Rätsel mit Philo-Story-Background ausdenken und uns zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ CD-Belohnung und wird natürlich auch als Gastautor ‘verewigt’ ;-)

wf

Das Neujahrs-Rätsel 2014: Leibniz’ Silbermünzen

Gestatten: Leibniz. Gottfried Wilhelm Leibniz, Universalgelehrter. Bin hocherfreut, dass aus meiner Idee eines binären Zahlensystems, die ich bereits 1705 in meiner Explication de l’Arithmétique in Paris vorstellen durfte, diese formidable machine informationelle entstanden ist. Und ebenso ist es mir ein Plaisir, dass die Besten von euch Heutigen sich mit gebührendem Respect an mich erinnern und sogar als den “Urvater des Internet” ansehen. Nun allerdings ist es an Euch, wie Ihr die Macht der Algorithmen zu nutzen wisset, mir stand dabei nur das Förderlichste im Sinne.
So war es auch schon, als ich einige Jahre davor eine mechanische Rechenmaschine mit Staffelwalze für die vier Grundrechenarten entwickelte. Die war zwar ein wenig größer als eure Taschenrechner, aber die Intention dafür, wie ich sie damals in einer meiner zahlreichen Correspondenzen formulierte, ist naturalement selbige: „Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann.“

Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

Seinerzeit  widerfuhr mir auch die große Ehre, zum Mitglied der Londoner „Royal Society“  berufen zu werden, da man sich dort fast ohn Unterlaß der Mathematik und den Naturwissenschaften widmete. Ah, nach London! Das Reisen war mir immer ein Plaisir, konnte ich mich doch dabei in Ruhe meinem philosophischen Hauptwerke, der “Monadologie“, widmen – mit jener meditativen, reflektierenden Weise des Arbeitens, die Euch Modernen angesichts der hohen Reisegeschwindigkeit leider nicht mehr gewärtig ist.
Als ich in London empfangen wurde, führte man mich zunächst in den Großen Salon, wo mich eine kleine Aufnahmezeremonie erwartete. Denn es war dort Brauch, dass jeder Novize der Akademie zum Amusement der honorigen Gesellschaft mit einem mathematisch-logischen Rätsel confrontieret wurde, dessen Schwierigkeitsgrad seiner wissenschaftlichen Reputation angemessen sein sollte, damit er durch eine elegant-geistreiche Lösung seine Aufnahmewürdigkeit noch einmal unter Beweis stellen könne.
Und so wurde mir von dem hochverehrten Präsidenten William Brouncker die folgende Aufgabe erteilet:

“Nun, my dear Leibniz, auch in Her Majesty’s Kingdom ist nicht mehr alles echt Silber, was silbern glänzt; es sind zunehmend Falschmünzen im Umlauf, die nur noch an der Oberfläche versilbert sind und deshalb nicht mehr 10 Dram pro Stück, sondern nur noch 9 Dram wiegen. [1 Dram (dr) = 1,772 g - Anm. der Red.]
Hier habe ich nun 10 unterschiedlich große Geldsäcklein mit lauter gleich aussehenden Münzen, doch in einem davon sind alle Münzen Falschprägungen. Und da steht eine neue Waage, die auf’s Dram genau das Gewicht anzeigt. So please, Mr. Leibniz, finde Er doch mit einer einzigen Wägung heraus, in welchem Säcklein sich die falschen Münzen befinden – und dann gehören die neun guten Silbersäcklein Ihm zur Production seiner Rechenmaschine.”

Mit Verlaub, die Aufgabe fiel mir wahrlich nicht schwer und die Silbermünzen nahm ich gern. Denn nicht nur die Rechenmaschine verlangte Financierung, sondern als zukünftiger Präsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften, die bald nach englischem und französischem Vorbilde in Berlin entstehen sollte, waren mir auch gewisse Pflichten der Repräsentation auferlegt, so dass es demnächst unumgänglich sein würde, beim teuersten Perückenmacher in Paris einen Einkauf zu absolvieren. Doch von Paris et mon cher ami Lois, dem „Sonnenkönig“, sei Ihnen, liebe Freunde der Logik, der Philosophie und der Wissenschaften, ein ander Mal berichtet.

Merci pour votré attention, au revoir!

 Ihr ergebenster

 


Tja, wie hat denn der gute Leibniz die Aufgabe gelöst? Wer zu wissen meint, wie Leibniz mit nur einer Wiegung den Falschgeldsack ausfindig machen konnte, kann uns die Lösung wieder per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden wieder fünf Preise verlost (Musik-CD-Raritäten nach Wahl von Magic Sound & Word á la Modern Jazz, Indie-Rock oder Folk – bitte auf Lösungs-Mail entsprechende Vorliebe angeben, ebenso wie die postalische Adresse für eine mögliche Gewinnzusendung!).
Einsendeschluss ist der 31. Januar 2014.

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>>> Lösung und GewinnerInnen

wf

Kurzfilm-Alternativen zum grottigen TV-Programm

“Was aus dem Fernsehen werden mag, lässt sich nicht prophezeien; was es heute ist, hängt nicht an der Erfindung, nicht einmal an den besonderen Formen ihrer kommerziellen Verwertung, sondern am Ganzen, in welches es eingespannt ist.”

(Theodor W. Adorno, aus “Prolog zum Fernsehen”, 1953)

In der Zeit von Weihnachten und Jahreswechsel ist es immer besonders übel, was uns Beitragszahlern in der Glotze an Kitsch und Abgestandenheit von der ‘Kulturindustrie’ angeboten wird. Um das zu kritisieren, muss man gar nicht mal adornitisch sozialisiert sein, es reicht die Erkenntnis, dass Fernsehen mehr können sollte als die Menschen in ihrer geistigen Passivität zu fixieren und so noch einmal zu dem zu machen, was sie ohnehin sind.
So sah das wohl auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der soeben im Rahmen einer Laudatio auf den ZDF-Fernsehmoderator Claus Kleber vor allem den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisierte. Wenn die Medien immer weniger ihrem eigentlichen Auftrag der seriösen Information nachkämen, stelle sich zunehmend die Frage, inwieweit das System der staatlichen Rundfunkgebühren noch gerechtfertigt sei. Auch dem Herrn Kleber scheint beim eigenen Mit-Tun an der quotenorientierten Einschläferunsmaschinerie offenbar nicht recht wohl zu sein, denn seiner Ansicht nach sollten die Medien nicht nur fragen, was die Leute sehen wollen – es müsse auch darum gehen, “was sie sehen sollten”.
Da schau an, nicht nur die Grünen können mit ethischen Lebensgestaltungsvorschlägen aufwarten…

So berechtigt diese Kritik im Prinzip sein mag (auch wenn ein falsches “früher-war-alles-besser” mitschwingt), sollte man nicht vergessen, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen zumindest ein paar Alternativen zu ihrem eigenen Schund anbieten, in Form der ebenfalls von der Allgemeinheit finanzierten Spartensender wie Phoenix, Arte, 3sat und einigen “Dritten”. Eine totale Bevormundung findet also nicht statt und es läge im Möglichkeitsbereich der TV-Regenten, die ‘abseitigen’ Programme besser zu bewerben und finanziell auszustatten – die Wahl darf schon beim Konsumenten bleiben und dessen Wahlverhalten zu ‘emanzipieren’ ist (wie in vielen anderen Angelegenheiten auch) in erster Linie eine Bildungsfrage.
By the way: Auch die Zuträger des Systems, die Autoren, Regisseure, Schauspieler et al., könnten da ‘Gutes’ tun, indem sie sich nicht länger auf Groschenheft-Niveau mit Fremdschäm-Faktor verwursten lassen. Die Rentenkonten zumindest der Erfolgreicheren sollten doch schon ausreichend gefüllt sein und so könnten sie locker ihren Promi-Status für eine Verbesserung der Verhältnisse, sprich: Protest durch Verweigerung, einsetzen. Schund ohne Stars verliert Quote, die an anderen Stellen vielleicht zulegen kann.

Aber zurück ins hier & heute, und zu einem der oben angesprochenen ‘Minderheiten-Programme’: Als euer Lieblings-Trommler für das Gute, Schöne & Wahre möchte ich Euch wieder mal auf die Arte-Reihe “KurzSchluss” aufmerksam machen, in der allwöchentlich die feinsten Non-Commercials aus aller Welt laufen, hintersinnige filmische Parabeln ebenso wie Groteskes, Verstörendes oder einfach mal stille Poesie – da kann man kitschgefahrlos einschalten und sich überraschen lassen…

Neu in der dortigen Sammlung ist etwa der Clip “Die Leute, die nie anhalten” des 1985 in Paris geborenen und nun in Tokyo lebenden Regisseurs Florian Piento, in dem er den gleichgültigen und ferngesteuerten ‘Massenmenschen’ in einer poetischen Animation am Ende mit einer Überraschung (oder gar einer Katastrophe?) aus dem gewohnten Alltagstrott bringt:

 

 

Und für unsere Kleinen ist da auch manch Bestaunenswertes dabei, wie etwa diese tierische Antwort auf die interessante Frage, was denn nachts im Schwimmbad so abgehe, wenn wir Menschlein schlafen:

 

Kurzfilme online sehen via Arte/Kurzschluss

wf

Wittgenstein in der Schule – und ein Ausweg aus dem Fliegenglas

Niemand hat von der neuen Pisa-Studie erwartet, dass dabei die Fähigkeiten der Schüler hinsichtlich ihrer Entwicklung zu einer reflektierten Anschauung der ‘Welt’ oder gar einer Art von ‘Lebenskunst’ geprüft würde; die Studie geriert sich in medialem Hype als Wettbewerbs-Ergebnisliste eines globalen Ökonomisierungsprinzips, fernab des humanistischen Bildungsideals von Lernen & Studieren als Grundlage zur Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit und als geistiger Basis einer autonomen Lebensführung. Längst hat sich der gesellschaftliche Kult um die Schulpolitik zu einem modernen Aberglauben entwickelt, in dessen Zentrum der Hochaltar des neoliberalen Utilitarismus seine Lakaien zu den Götzendiensten der Wissenserwerbseffizienz um sich versammelt. Somit auch ein klarer Fall für Papst Franziskus (“Diese Wirtschaft tötet”).

Doch auch ohne den jesuitischen Befreiungstheologen im Vatikan findet sich in diesem Narrativ einer Bildungs-Dystopie eine Anmutung von Widerstand durch etliche Rebellen gegen die strukturelle Effizienzpädagogik: es ist das Häuflein der engagierten Lehrer (von denen gleich nochmal die Rede sein wird), die über die fachliche Wissensvermittlung und ihren Gelderwerb hinaus ein pädagogisches Anliegen haben, die sich als Aufklärer und als Therapeuten in Sinnfragen verstehen und das natürliche Bedürfnis junger Menschen zu kritischem Hinterfragen fördern statt abzuwürgen; und sie sind damit (was Schule noch viel mehr bräuchte) schon ganz taugliche Philosophen.

Indes, nicht jeder Philosoph taugt auch zu einem guten Lehrer, die pädagogische Basisarbeit in einem oft geistig restringierten oder gar feindlich gesinnten Milieu hält nicht jeder lang durch, auch wenn die Motivation anfangs vielleicht hoch gewesen sein mag.
So erging es Ludwig Wittgenstein, der im September 1920 im österreichischen 800-Seelen-Kaff Trattenbach seine erste Stelle als Volksschullehrer antrat. In freudiger Anfängerlaune schrieb er noch am 11. Oktober 1920 seinem Freund Engelmann: „Ich bin jetzt endlich Volksschullehrer und zwar in einem sehr schönen und kleinen Nest, es heißt Trattenbach (bei Kirchberg am Wechsel, N.Ö.). Die Arbeit in der Schule macht mir Freude und ich brauche sie notwendig; sonst sind bei mir gleich alle Teufel los.“ Aber grad mal ein Jahr später, während dessen Wittgenstein weder mit seinen Schülern, seinen Lehrerkollegen, noch mit den Dorfbewohnern zurechtkam, drehte sich sein Urteil ins Gegenteil. Am 23. Oktober 1921 schrieb er an Bertrand Russell: „Bei mir hat sich nichts verändert. Ich bin noch immer in Trattenbach und bin nach wie vor von Gehässigkeit und Gemeinheit umgeben. Es ist wahr, dass die Menschen im Durchschnitt nirgends sehr viel wert sind. Aber hier sind sie viel mehr als anderswo nichtsnutzig und unverantwortlich. Ich werde vielleicht noch dieses Jahr in Trattenbach bleiben, aber länger wohl nicht, da ich mich hier auch mit den übrigen Lehrern nicht gut vertrage.“

Ludwig Wittgenstein

Ludwig Wittgenstein

Nach Russells Antwort, die Menschen seien doch überall gleich schlecht, schrieb ihm Wittgenstein resigniert: „Du hast recht: nicht die Trattenbacher allein sind schlechter, als alle übrigen Menschen; wohl aber ist Trattenbach ein besonders minderwertiger Ort in Österreich und die Österreicher sind – seit dem Krieg – bodenlos tief gesunken, dass es zu traurig ist, davon zu reden! So ist es.“
Dummerweise hatte sich Wittgenstein auf ein ihm unbekanntes Terrain gewagt, da er die Volksschule aus eigenem Erleben gar nicht kannte; er selbst war ja bis zu seinem 14. Lebensjahr von privaten Hauslehrern unterrichtet worden. Dazu kam, dass er in seiner zweijährigen Lehrtätigkeit in Trattenbach keine anständige Wohnung bezog, sondern viermal von einem miserablen Kämmerlein in ein anderes umzog, wobei er einen Großteil seiner Freizeit mit Holzhacken und stundenlangem Sterne-Gucken verbrachte; er blieb Außenseiter mit nur wenigen Sozialkontakten und kein Schul- oder Küchenpsychologe wird sich darüber wundern, dass sich Wittgenstein unter solchen Lebens- und Arbeitsbedingungen auch gern zu “handgreiflichen” Unterrichtsmethoden hinreißen ließ, was die Trattenbacher dem ungeliebten Lehrer in einer Spirale von Animositäten durch noch mehr Ausgrenzung heimzahlten.
Aber dass man auch den verhasstesten Gemeindemitgliedern allerlei nachsieht, sofern sie irgendwann richtig berühmt geworden sind (Wittgensteins 1921 erschienener „Tractatus“ war dato nur Insidern bekannt), zeigte sich auch in Trattenbach: ausgerechnet dort wurde nämlich 1974 in einem Gasthof die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft gegründet.

Wittgensteins ‘Prügelpädagogik’ führte auch zum Ende seiner Lehrerkarriere, denn nachdem er in Otterthal, seiner dritten und letzten Anstellung, einen Schüler bewusstlos geohrfeigt hatte, schied er auf eigenen Wunsch aus dem Schuldienst aus und verdingte sich erstmal ein paar Monate als Gärtnergehilfe in einem Kloster bei Wien, wo er in einem Werkzeugschuppen hauste. Wie’s dann mit ihm in Richtung besserer Verhältnisse weiterging, wisst ihr wahrscheinlich oder könnt es  hier nachlesen.
Doch immerhin zog Wittgenstein aus seiner Lehrtätigkeit noch die Motivation, um am Ende das kleine „Wörterbuch für Volksschulen“ (1926) zu schreiben – ohne jeden philosophische Anspruch. Von der österreichischen Schulbehörde wurde dieses mit Dialektausdrücken durchsetzte „Wörterbuch“ wegen einiger Schwächen zwar nicht gerade enthusiastisch aufgenommen, aber letztlich doch gedruckt, da man feststellte, „daß nach Beseitigung der angeführten Mängel das Wörterbuch einen immerhin brauchbaren Unterrichtsbehelf für die Oberklassen der Volks- und Bürgerschulen darstellt.“

Man sieht also, dass Wittgenstein himself für den Pädagogen-Job eher ungeeignet war, aber die uns hier interessierende Frage ist nun, ob sein sprachphilosophisches Werk für schulische Unterrichtszwecke geeignet sein könnte. Und das ist es in der Tat, und zwar ohne dass man es den Schülern einprügeln muss (das zeigt sich schon daran, dass unter Philo-Ironikern das Verb “wittgensteinigen” ungebräuchlich ist – im Gegensatz zu “heideggern” oder “durchhegeln”).

Zu den anfangs erwähnten philosophisch engagierten Lehrern zählt sicherlich auch mein ehemaliger Kommilitone N., den ich beim gemeinsamen Germanistik-Studium an der LMU kennengelernt hatte und der im Gegensatz zu mir ein anständiger Deutschlehrer an einem Münchner Gymnasium geworden ist. Und natürlich gehört N., wie Ihr euch schon denken könnt, nicht zu jenen Lehrern, die den Wittgenstein für einen Schweizer Alpengipfel halten. Ne, er hatte über seinen Schreibtisch sogar ein Memo gepinnt mit der Abwandlung eines berüchtigten Bonmots von Wittgenstein: “Was ist das Ziel guten Unterrichts? – Dem Schüler einen Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.”

Als ich dieses Memo kürzlich bei einem meiner Besuche bei N. entdeckt hatte (die Liege in seinem Arbeitszimmer ist eine meiner Übernachtungsgelegenheiten, wenn mich die Stadt mal wieder mal ruft), wollte ich etwas genauer wissen, wie das gemeint sei.

“Ausweg aus dem Fliegenglas?”, lachte er, “tja, lass es mich mit einer anderen Metapher ausdrücken: die Kids kommen nur durch selbstständiges Denken aus dem marktwirtschaftlich organisierten Stall der Wissens-Wiederkäuer raus, und um das zu entwickeln kann der Wittgenstein ganz hilfreich sein. Schließlich reflektieren wir über die Beschaffenheit aller Ställe und Weiden dieser Welt in Begriffen, mit denen wir nicht nur erfassen wollen, was der Fall ist, sondern immer auch etwas Eigenes, eine Färbung oder Interpretation verbinden. Dazu taugt allerdings weniger Wittgensteins Tractatus, jene Logisch-philosophische Abhandlung mit ihren Wahrheitstabellen und der starren Abbildtheorie der Sprache. Du erinnerst dich ja sicher, dass Wittgenstein dieses Werk am Ende gleich selber revidiert, wenn er schreibt ‘Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist’.
Viel geeigneter für die Entwicklung eines sensiblen Sprachbewusstseins und damit eines eigenen ‘geistigen Stils’ ist sein Spätwerk Philosophische Untersuchungen, in deren Mittelpunkt ja das Konzept der Sprachspiele steht. Und genau da kann ich als Deutschlehrer wunderbar pragmatisch einhaken, weil jede Schülergeneration sich ihrer eigenen Sprachspiele, also für Erwachsene teilweise unverständlicher Codes bedient, die ständig durchs Klassenzimmer schwirren und nur drauf warten, endlich mal auf ihre oft sehr schillernden Verwendungen hin analysiert zu werden. Dieses Bewusstwerden von Wittgensteins Diktum ‘Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache’ macht die Kids aufmerksamer für semantische Zusammenhänge und Feinheiten und erhöht die Lesekompetenz, sogar von Lyrik, mit der ich meine Schüler ansonsten jagen könnte. Und zu lachen haben wir im Unterricht auch immer was, etwa wenn wir Politikergeschwätz oder Floskeln aus den Feuilletons als begrifflich verschwommene und beliebig anpassbare Worthülsen dekonstruieren. Dabei gehts mir natürlich nicht nur um meinen Unterricht, denn weil Sprachbewusstsein ein Schlüssel zur Welt ist, profitieren ja alle Fachbereiche davon. Ha, die Kollegen könnten sich ruhig mal bei mir bedanken!”

“Oder, noch besser, selber was von deinem Konzept übernehmen!”, erwiderte ich, ein wenig benommen von N.s engagierter Rede, die ich einem pensionsberechtigten Staatsdiener nicht wirklich zugetraut hatte.

“Na ja, vielleicht nicht direkt diesen sprachphilosophischen Ansatz, dafür gibts in anderen Fächern zu wenig Explikationsmöglichkeiten, aber tatsächlich findst bei uns an der Schule noch a paar andere Kollegen, die über ihren fachlichen Tellerrand schaun und a paar Erziehungsideale haben, Philosophie inclusive. Einmal im Monat treffen wir uns sogar zu ner kleinen Stammtischrunde.”

“Aha, ein subversiver Zirkel also”, schmunzelte ich, “und wahrscheinlich habt ihr alle die Revoluzzerschrift des Herrn Precht in der Tasche…”

“Na, eine Bildungsrevolution muss es gar nicht sein; das System kann man nur langsam aber stetig ändern. Siehst ja, wie schon manche Ansätze der Reformpädagogik an etlichen Schulen Eingang in den Unterricht gefunden haben. Oder wie das Erfahrungs-basierte Lernkonzept und die demokratischen Unterrichtsstrukturen von John Dewey mancherorts wenigstens ansatzweise praktiziert werden. Kürzlich haben wir in unserem Kreis sogar mal über Whiteheads altes Teil „Die Ziele von Erziehung und Bildung und andere Essays“ diskutiert, worin er 1916 nicht nur die grundlegenden Elemente seiner Philosophie und die Ideale der Arbeitsweise in der Mathematik, sondern auch seine Vorstellungen von einer gelungenen Erziehung und Ausbildung zusammengfasst hat. Mit so Ideen, dass Kreativität und der richtige Mix aus Freiheit und Disziplin die Basis zur Selbstentwicklung und Sinnfindung in Erfahrungsprozessen sein sollten. Aber bei all dem liegt halt der Teufel im Detail, in der praktischen Umsetzung durch die Eigeninitiative der Lehrer, doch in der Hinsicht macht’s uns das bürokratische System nicht leicht.”

“Ja, kein Wunder, dass viele resignieren. Aber Chapeau!, mein lieber N., dass du noch wacker kämpfst. Da werd ich doch glatt mal was zum Thema ‘Wittgenstein in der Schule’ bloggen, quasi zur Belohnung, und damit’s vielleicht den einen oder andern Kollegen von dir inspiriert. Aber jetzt komm, pack ma’s, wir müssen los, der Kabarett-Abend vom Pispers beginnt in ner halben Stunde, und versprochen: da kriegt auch eine bestimmte Sorte Lehrer ihr Fett weg!”

Ja, und da gingen wir dann auch hin; und während der Fahrt gab mir N. noch den Tipp, im Falle eines Wittgenstein-Blogs doch die “Sternstunde Philosophie” mit dem Wittgenstein-Forscher Hans-Johann Glock einzubauen. Da erführe man in einem lockeren Gespräch mit der Interviewerin Barbara Bleisch die Wahrheit über Wittgensteins Fliegenglas, und viel über den Unterschied zwischen der Tractatus-Sprachlogik und Wittgensteins späterer Philo-Denke, und zwar so, dass auch noch der letzte Lehrer (hat N. gesagt ;-) das kapiere…

Mach ich doch gern, hier also aus der Reihe «Klassiker reloaded» (vom 17.03.2013):

 

(Dieses Interview war übrigens die Grundlage für das darauffolgende “Sternstunden”-Schüler-Gespräch, das Elena und Mathias von der Fachmittelschule Heerbrugg mit Hans-Johann Glock geführt haben – findet ihr hier im Beitrag Mehr Philosophie in den Schulen! )


Und was N. und ich an jenem Kabarett-Abend bei Volker Pispers über die Lehrer gelernt haben, wollen wir Euch natürlich auch nicht vorenthalten ;-)

wf

Kognitive Psychologie: Joachim Hoffmanns “Vorhersage und Erkenntnis”

Niemand kann sagen, wieviele Bücher, die einmal mit viel Mühe und Gedankenreichtum verfasst worden sind,  fast ungekauft & ungelesen in Archiven verstauben. Dafür kann es viele Gründe geben, und Manches gerät zurecht in Vergessenheit, aber manchmal erinnert sich einer der wenigen Leser bei passender Gelegenheit an eine These aus so einem Werk, die in einem aktuellen Zusammenhang diskutabel erscheint, und erweist ihr auf diese Weise eine späte Referenz. Da in solchen Fällen aber die anderen Mit-Leser und -Debattierer meist nicht wissen, auf welchen originären Zusammenhang sich diese Referenzierung bezieht, ist es hilfreich, wenn man dazu ein wenig support bekommt, und sei es in Form einer Kurzzusammenfassung – niemand kann schließlich all die empfohlenen Lektüren selber komplett absolvieren geschweige denn kaufen. So kam es hier kürzlich in einer Kommentar-Diskussion zum Hinweis auf das ‘untergegangene’ Buch “Vorhersage und Erkenntnis” des Psychologie-Professors Joachim Hoffmann, zu dessen wenigen Lesern der Bielefelder Kultur- und Literaturwissenschaftler Christian Wiebe gehört, der es uns nach seiner ‘Einbringung’ nun hier vorstellt:

Joachim Hoffmann: Vorhersage und Erkenntnis – Eine Rezension von Christian Wiebe

Ein Jubiläum, das wirklich niemand beachten wird, das ganz allein hier von mir, dem Rezensenten, gefeiert wird – ein Dankeschön für diese Möglichkeit: Vor zwanzig Jahren erschien Joachim Hoffmanns Arbeit „Vorhersage und Erkenntnis“. Keiner kennt das; das Buch ging damals völlig unter. Die einzige Amazon-Kundenrezension von 2002 mit dem Titel „gut gemeint ist nicht gut geschrieben“ konnte dem Werk auch nicht aufhelfen. Schon vor zwanzig Jahren war seine Form für eine psychologische Arbeit antiquiert: auf Deutsch, zu dick, zu viel Wissenschaftsgeschichte, zu kompliziert. Ach, und dann dieser DDR-Muff. Wie soll das Forschung sein? Das hat man vielleicht „da drüben“ so genannt.

Es ist Forschung, sehr gründliche. Und da das Buch kaum jemand gelesen hat, es also kaum Eingang in die Wissenschaftsdiskurse gefunden hat, liest es sich teilweise noch immer originell. So ist das mit Entdeckungen. Allerdings, um auch das zu klären, es ist nicht meine Entdeckung. Mein Psychologie-Professor empfahl es mir – das liegt nun schon ein wenig zurück –, ich wollte damals, am Ende des Studiums, doch noch wissen, wie es sich nun mit dem Bewusstsein und dem freien Willen verhält. Um beide Aspekte kümmert sich Hoffmann im Grunde überhaupt nicht, was mein Psychologie-Professor, Herr Neumann, selbstverständlich wusste. Aber Joachim Hoffmann versucht nichts weniger als die psychischen Grundlagen menschlicher Erkenntnis aufzuschlüsseln, und dann ist der Weg zum Bewusstsein nicht weit, und genauso schnell wäre man mitten in der Philosophie gelandet, also hier im Blog.
Es ist noch immer reizvoll, das Buch zu lesen, weil es eine starke These hat. Ich bin in dieser Rezension nicht in der Lage, Hoffmanns Ergebnisse mit den letzten zwanzig Jahren psychologischer Forschung abzugleichen und zu sagen: Hier hat er Recht und hier liegt er daneben. Ich stelle seine These vor, das soll nach zwanzig Jahren Ungelesenheit genügen.

Joachim Hoffmann

Joachim Hoffmann

Im Kern lautet die These des Buches: Der Mensch erkennt, um sein Verhalten anzupassen. Alle kognitiven Prozesse werden in einen Zusammenhang mit dem Verhalten gebracht. Das erinnert sehr stark an ähnliche Annahmen aus der zuletzt so populär gewordenen Evolutionären Psychologie. Dort ist ebenfalls der Ansatz, die Ausprägung der menschlichen Psyche auf ihren Nutzen zurückzuführen. So auch bei Hoffmann. Der allerdings interessiert sich nicht für den Nutzen, den ein bestimmtes Verhalten einmal hatte – damals im Fellkleid in der Höhle. Hoffmann sucht stets nach Möglichkeiten einer empirischen Überprüfbarkeit.

Und auch sein anderes Schlagwort ist gerade zum Modewort geworden: Antizipation. Kein Fußballkommentar ohne einen „antizipierten Pass“ und den entsprechenden „falsch antizipierten Laufweg“. Hoffmann unterlegt das Konzept der Antizipation allen Erkenntnisprozessen. Lernen wäre also: richtig zu antizipieren, wie die Umwelt auf mein Verhalten reagiert.

Ich gebe ein Beispiel: Das Gedächtnis kann man gemeinhin in prozedurales und deklaratives Gedächtnis unterscheiden. Also ein Gedächtnis für das „wie“ und eines für das „was“. Das trifft auch unsere Alltagserfahrung. Es ist etwas anderes, Fußball zu spielen, als über Fußball zu reden. Nicht derjenige, der am besten über Sex spricht, weiß auch am besten, wie der funktioniert. Das sind zwei getrennte Bereiche. Aus Hoffmanns Sicht ist das ein Problem. Denn deklaratives Wissen gibt es nicht. Alles Wissen ist dafür da, um Verhalten steuern zu können. Er wirft einen anderen Blick darauf: Das sogenannte deklarative Wissen ist auch Handlungswissen, aber für die „symbolische Welt“. Das Wissen ist also nicht einfach so da, sondern um beispielsweise gut über Fußball sprechen zu können. (Der ewige Vorwurf: Du mit deinen zwei Weizenbier hast gut reden – genau das ist auch ein Handlungswissen: wissen, wie man darüber redet.) Oder um sich in einem komplexen symbolischen Feld orientieren zu können.

Das klingt nun nach einem Kniff. Aber dieser Ansatz hat weitreichende Konsequenzen. Zum Beispiel, wenn man daran gehen will, zu erklären, wie der Mensch zu seinen Begriffen kommt. Die Abstraktion, so Hoffmann, die nötig ist, um zu einem Begriff zu kommen, setzt voraus, dass man weiß, was zu diesem Begriff gehört. Also, wenn ich mir die Menge der Tiere anschaue: warum nenne ich die „Tiere“? Ja, weil sie leben, sich fortpflanzen, sich bewegen etc. Aber woher wusste ich das, bevor ich zum Begriff kam? Wieso habe ich so über diese Menge von Entitäten abstrahiert? Hoffmann sagt, wir wenden bestimmte Begriffe an, und dann beobachten wir die Reaktionen auf unser Verhalten. Wenn das Kind einen Begriff falsch verwendet, wird es korrigiert zum (allereinfachsten) Beispiel. Das Verwenden von Begriffen führt zu Klassen von funktionaler Äquivalenz, also Begriffen, die in einem bestimmten Kontext (!) die gleiche Funktion haben. Wir antizipieren also, welche Reaktion kommen sollte, wenn wir „Fußball“ sagen und vergleichen das mit der tatsächlichen Reaktion; die in einem bestimmten Kontext eine andere sein könnte, wenn wir stattdessen „Sex“ gesagt hätten.

Einerseits lässt sich mit diesem Wissen nun leicht eine These aufstellen, wozu das Bewusstsein gut sei: Das Bewusstsein eignet sich offenbar um sehr komplexe Bereiche zu integrieren, zu reflektieren und so zu einem angemessenen Verhalten zu gelangen. Andererseits wird einsichtig, warum Hoffmann darüber im Grunde nichts sagt: Das geht über das hinaus, was eine Kognitive Psychologie (derzeit) sinnvoll leisten kann.
Und auch mit dem freien Willen wurde ich über den Hoffmann-Umweg versöhnt. Mit diesem Ansatz im Gepäck ist es vollkommen klar, weshalb die berühmten Libet-Experimente (und all deren Nachfolger) gar nichts darüber aussagen können: Wenn es so etwas gebe wie den freien Willen, dann ist er langsam, dann ist er nicht geeignet, um schnell erforderliche Handlungen schnell zu erledigen. Eine freie, bewusste Entscheidung ist etwas anderes als schnell einen Gegenstand zu ergreifen.
Da bietet Hoffmann dem Philosophen eine Brücke, wenn er behauptet, alle psychischen Prozesse ergäben nur Sinn, wenn sie funktional analysiert würden. Und er reißt die Brücke wieder ab, bevor er sie betreten hat, denn die Psychologie mischt sich bei ihm nicht ein. Sie bleibt dort, wo sie, gut überprüfbar, etwas aussagen kann.

Joachim Hoffmann: Vorhersage und Erkenntnis
ISBN-13: 9783801707057
Hogrefe-Verlag, Göttingen 1993
327 Seiten, broschiert, Illustrationen, graphische Darstellungen

Originalbeitrag von Christian Wiebe, November 2013

 

Dieter Hildebrandt, der Sokrates des politischen Kabarett, ist tot

Gutes Kabarett ist immer auch Philosophie. Und Dieter Hildebrandt, der gestern seiner Krebserkrankung erlag, war dessen Sokrates. Im Habitus scheinbarer Biederkeit und eines Sich-dumm-Stellens ließ er die Phrasen der Ideologen und Machtverwalter auflaufen, bearbeitete und zerlegte sie auf den dekonstruktivistischen killing fields des Zögerns, Stammelns und Stotterns, der gezielten Auslassungen, Versprecher und Wortverdrehungen, bis sich ihre Aporien wie von selbst aufdeckten. Dabei hatte Hildebrandt wie Sokrates nicht die Bekehrung von Leuten zum Gegenteil ihrer vorherigen Meinung im Sinn (was beide für ein vergebliches Unterfangen hielten und weil beide wussten, dass auch sie keine letztgültigen großen Wahrheiten anzubieten hätten), sondern es ging ihnen um die Bloßstellung von Einbildungen und Anmaßung, mit der kleinen Hoffnung, die Zweifler, die Unentschlossenen und Wachen in die dialektische Bewegung ihrer geistigen Gymnastik mitzunehmen. In kleinen Schritten zu kleinen Wahrheiten…

Datei:Dieter Hildebrand 2011-09 Freising.JPG

Dieter Hildebrandt

Selten gab es beim Tod eines Bühnenmenschen so viel Anteilnahme von allen Seiten wie nun bei Dieter Hildebrandt,  ausführliche Nachrufe auf „den bedeutendsten und einflussreichsten politischen Kabarettisten der Bundesrepublik“, auf eine „Instanz“, die auch „die Republik verändert“ habe, findet ihr dieser Tage auf allen Kanälen, so dass hier auf eine weitere Nacherzählung seiner Vita und die Auflistung seiner vielen Ehrungen und Preise aus den letzten Jahren verzichtet werden kann.

Eine solch allgemeine Wertschätzung genoss Hildebrandt aber die meiste Zeit seines Lebens nicht, in ‘bürgerlichen Kreisen’ galt der Gründer der Münchner Lach- und Schießgesellschaft lange als böser Bube und Nestbeschmutzer, nach einigen seiner ‘jugendverderbenden’ Notizen aus der Provinz hätte ihm der eine oder andere Bloßgestellte am liebsten den Schierlingsbecher gereicht wie einst dem Sokrates, und eine seiner Scheibenwischer-Sendungen fiel 1986 im Bayern des Franz Josef Strauß der Zensur zum Opfer.
Manche Provinzler hatten solche Angst vor Hildebrandt, dass man ihm Auftritte vor Ort verwehrte; wie etwa 1979 in Bad Mergentheim, als die CDU-Fraktion im Stadtrat mit ihrer Mehrheit die für Hildebrandts Auftritt vorgesehene Aula der Volkshochschule sperren ließ mit der Begründung, dass diese nur „für schulische und kulturell hochwertige Zwecke“ genutzt werden dürfe. Dazu warf man ihm, der seine Satirikerlaufbahn ja in der Adenauer-Zeit begann (als noch jeder Achte im deutschen Bundestag ehemaliges NSDAP-Mitglied war) vor, er betreibe politisches Gesinnungs-Kabarett, eine Art Dauerwahlkampf für die SPD – und tatsächlich stand er dieser Partei mal nahe, aber das war zu jener lang-lang-ists-her-Zeit, als man die SPD noch als ‘links’ bezeichnen durfte, ohne dabei rot zu werden…

Bis vor ein paar Monaten war der 86-Jährige noch auf Bühnen-Tour und gab Interviews, hellwach, spöttisch, selbstironisch, improvisationsfreudig und kein bisschen leise, sogar an die Gründung des durch Crowdfunding finanzierten Internet-TV-Projekts störsender.tv hatte er sich im Frühjahr 2013 noch gewagt. Dort gehts in seinem Geist natürlich weiter und ja, es gibt auch darüber hinaus noch ein paar seiner Mitstreiter und Schüler, die sich in seiner sokratischen Aufklärungshaltung ‘unters Volk’ mischen; es sind nicht die hampelnden Comedians, Parodisten und Brachial-Satiriker für Stammtischgemüter, sondern Leute wie Josef Hader, Georg Schramm und einige andere, die wissen:
Gutes Kabarett ist, wenn dir’s Lachen im Hals stecken bleibt, weil das Denken einsetzt.

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Eine kleine Auswahl von Hildebrandts Zitaten und Live-Mitschnitten aus mehr als einem halben Jahrhundert Bühnen-Satire findet ihr hier in der “SZ”:
“In Bayern ist das kein Missbrauch, sondern Brauch”

wf

 

Camus und das Absurde

In Frankreich zählt Albert Camus zu den Nationalheiligen und dementspechend hoch ist dort in diesen Tagen die Artikeldichte mit Würdigungen des Literaturnobelpreisträgers von 1957 anlässlich seines bevorstehenden 100. Geburtstags (am 7. November). Aber auch bei uns gab und gibt es viel mediale Resonanz auf diesen zwischen Philosophie und Literatur changierenden humanistischen Denker, dessen Leben mit erst 46 Jahren 1960 bei einem absurd anmutenden Unfall endete. Camus’ Fahrer und Freund Michel Gallimard war mit dem Auto nach dem Platzen eines Hinterreifens an den einzigen Baum weit und breit gekracht – Verschwörungstheorien von wegen Manipulation durch den sowjetischen Geheimdienst machten alsbald die Runde.

Albert Camus

Albert Camus

Camus ist immer noch einer der beliebtesten französischen Autoren, was sich nicht zuletzt auf seiner Facebook-Seite widerspiegelt, die mehr als eine dreiviertel Million Follower hat und damit etwa dreimal so viele wie die seines langjährigen Kontrahenten Jean-Paul Sartre. Das ist auch deshalb erwähnenswert, weil es die These zu unterstützen scheint, dass Camus’ Philosophie von menschlicher Solidarität und systemunabhängigem Denken gegen Sartres antihumanistischen Existenzialismus, bei dem die Gewalt als quasi unvermeidbar  für das historische Ziel einer weltweiten kommunistischen Revolution akzeptiert wird, nach dem Ende des Kalten Krieges letztlich ‘gewonnen’ habe.

Diese Differenzen in der Weltanschauung hatten zu einem, von Sartre teilweise polemisch geführten, jahrelangen Streit der beiden ehemaligen Freunde (aus Résistance-Zeiten) geführt, während dessen Camus gesellschaftlich und publizistisch immer mehr isoliert wurde, da Sartre sich die öffentliche Meinungshoheit sicherte, indem er die maßgebliche Szene auf seine Seite zog: die Pariser “Intellektuellen” (das sind bekanntlich Leute, die sich gern ihres eigenständigen Urteils rühmen).
Zu den Ursachen und Folgen dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden französischen Ikonen lest bitte das aufschlussreiche Gespräch mit dem Sartre-Kenner Vincent von Wroblewsky hier in der FAZ.

Erst nach Camus’ Unfalltod revidierte Sartre öffentlich sein Urteil über den “algerischen Gassenjungen” und bezeichnete ihn als “eine der Hauptkräfte unserer geistigen Welt” und als seinen “vermutlich letzten guten Freund”. Da aber hatte ein Begriff von Camus, der sich für die fachakademischen, theoretischen Diskussionen nie sonderlich interessiert hatte, längst eine über Frankreich hinaus reichende ‘philosophische Mode-Karriere’ gemacht: Das “Absurde”.

In dem Essay Der Mythos des Sisyphos entwickelt Camus erstmals 1942 seine ‘Philosophie des Absurden’, dem man nicht entrinnen könne, weil es auf die existenziellen Fragen nach dem ‘Warum’ keine sinnstiftenden Antworten gebe. Der Mensch werde sich in seinem Allein-Sein seiner Machtlosigkeit und “Fremdheit in der Welt” bewusst, habe aber dennoch die Möglichkeit,  sich durch einen „existenziellen Sprung“ zur Wehr zu setzen und „über das Bestehende hinauszugehen“. Denn er habe auch die Freiheit zur engagierten Tat, die als einziges zählt, wobei auch für Camus wie schon für die Vorsokratiker der Mensch das “Maß aller Dinge” ist (Protagoras). Camus möchte zu einer Lebenshaltung aufrufen, die “wach” und sich der menschlichen Lebensbedingungen “bewusst” ist und fordert den Menschen auf, “innerhalb seiner Möglichkeiten” das “richtige Maß” zu finden.

Sisyphos meistert als von den Göttern Bestrafter sein Schicksal und steht für die “ewige Auflehnung” des Menschen gegen die “Bedingungen seines Daseins”. Doch durch das Akzeptieren der Sinnwidrigkeit einer scheinbar hoffnungslosen Situation schöpft er die Kraft zum Weitermachen, zur Selbstverwirklichung:

„Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. [...] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

camusDieser letzte Satz ist wohl Camus’ berühmtester und meistzitierter, denn viele von uns kennen das sehr wohl, wie es sich anfühlt, einen Stein immer wieder von neuem auf einen Berg zu wälzen – und manchen gelingt ein „höhnisches Trotzdem“, auch wenn sie wie Camus wissen: „Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen.“

Camus war nicht der erste, der über die Absurdität des menschlichen Daseins philosophierte; er kannte die Werke seiner Vor-Denker wie etwa Kierkegaard, Dostojewskij, Schestow, Kafka, Heidegger und vor allem Nietzsche, dessen Ideal des aktiven, sich unabhängig selbst verwirklichenden Menschen (mit einem Bewusstsein von neuen Möglichkeiten der Schicksalsüberwindung) seiner eigenen Vorstellung vom Widerstand gegen die heuchlerischen und oberflächlichen Formen menschlicher Beziehungen und einer anzustrebenden ‘inneren Revolte’ wohl recht nahe kam; aber eben nur nahe, denn Camus fordert dazu etwas ein, das Nietzsche vielleicht fehlte: “Ohne im Daseinskampf gewonnene Werte ergibt die Revolte keinen Sinn. Aber diese Werte müssen sich auf das richten, was wirklich existiert: auf die Menschen selbst. Was der Mensch braucht, ist menschliche Wärme.“

Viele Motive aus dem Sisyphos finden sich auch in Camus’ Bühnenstücken und seinen Romanen Der Fremde und Die Pest, gedanklich noch einmal gebündelt in seinem philosophischen ‘Hauptwerk’ Der Mensch in der Revolte (das freilich von Sartre ebenfalls als ‘unphilosophisch’ abqualifiziert wurde).

Alle Versuche, vor dem Absurden fliehen zu wollen, hält Camus für vergeblich; weder der Selbstmord noch der “irrationale Sprung” in metaphysische, ästhetische, religiöse oder rationalistische Rettungsangebote könnten das Absurde bannen, denn:

„Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett zur Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden. Dann ist das Absurde nicht mehr die Evidenz, die der Mensch feststellt, ohne in sie einzuwilligen. Der Kampf ist dann vermieden. Der Mensch integriert das Absurde und läßt damit sein eigentliches Wesen verschwinden, das Gegensatz, Zerrissenheit und Entzweiung ist. Dieser Sprung ist ein Ausweichen.“

 

Wer nun Lust bekommen hat, sich näher mit Camus’ undogmatischem “mittelmeerischen Denken” zu beschäftigen, dem sei neben der Lektüre seiner Originalwerke die soeben erschienene Biographie des Philosophen Michel Onfray empfohlen:
Im Namen der Freiheit – Leben und Philosophie des Albert Camus (Albrecht Knaus Verlag, 576 Seiten).

Zum Schluss noch ein Zitat, das ich kürzlich bei Stephan Schleim gefunden habe, zwar in einem anderen Zusammenhang, aber Camus-mäßig aktuell und auch als Gruß an alle Edward Snowdens dieser Welt:
“Das Absurdeste ist aber meiner Erfahrung nach, dass diejenigen, die über eine gewisse moralische Sensibilität verfügen und sich dann anschicken, ein moralisches Ziel zu verfolgen, von ihrem Umfeld belächelt, wenn nicht gar ausgegrenzt werden.”

wf

 

Spekulatives zum “Bewusstsein”

sowie ein lockeres Interview mit David Chalmers und ein wenig Theorie-Futter

Wenn der Mensch etwas nicht so richtig versteht, bedient er sich ganz gern einer anschaulichen Metapher, manchmal auch eines Märchens, um einen Sachverhalt vorstellungskompatibel zu machen, zumal ja bekanntlich Begriffe ohne Anschauung leer sind. So ist das auch, wenn wir von einem “hellen Kopf” sprechen und damit jemand meinen, der Zusammenhänge schnell durchschaut, sinnvolle Schlüsse ziehen und sein erworbenes Wissen adäquat für Problemlösungen einsetzen kann – kurz: er besitze einen hohen Grad an Bewusstheit, an “geistigem Licht” also.

hirn

Geht da was beim Human Brain Project?

Wer auch immer zuerst den Ausdruck des “hellen Kopfs” geprägt hat, ahnte vielleicht nicht, wie gut er damit die Problemstellung des “Bewusstsein-Habens” in der Philosophie des Geistes metaphorisierte, denn wie das Licht der Glühbirne die Bewegung der Elektronen in einer Leitung voraussetzt, so benötigt das Aufleuchten des Bewusstseins, das ein Problem zu erhellen versucht (oder sich selbst – was durchaus auch problematisch sein kann), anscheinend die elektro-chemische Aktivität von Neuronen in unseren ‘Gehirn-Drähten’, unserer biologischen ‘Hardware’. 
Also: Es muss eine (quantenphysikalische) Transformation stattfinden, im ersten Fall von der elektromagnetischen Bewegungsenergie im engen Draht in die raumdurchflutenden Lichtphotonen und im anderen Fall von elektro-chemischen Reaktionen jener Abermilliarden winziger Synapsen in weltumspannenden Geist (aber ja doch, lieber Markus Gabriel). Und klar, wie eine Glühlampe leuchtet unser Bewusstsein (auch nach innen) mal mehr, mal weniger stark, je nach ‘Energiezufuhr’. Und wenn die Energiezufuhr anhält, leuchtet es wie die Lampe auch kontinuierlich, es gibt einen “Strom des Bewusstseins” (William James).
Oder ist diese hübsche Analogie Quark und es verhält sich ganz anders? Vielleicht speist sich unser Bewusstsein aus ‘alternativen Energien’, etwa aus einer Art überindividuellem Pool, aus der platonischen Ideenwelt, einem Weltgeist á la Hegel oder gar einem ewigen “Quantengedächtnis”, wie manche Esoteriker behaupten? Setzt unser subjektives Erleben die Teilhabe an einem transzendentalen Bewusstsein a priori voraus, wie Meister Kant sich das dachte?

In unserem anthropozentrischen Wahn haben wir ja lange vermutet, dass ein reflektierendes Ich-Bewusstsein eine Exklusivität von Homo Sapiens sei (auch wenn’s bei manchen Exemplaren unserer Spezies kaum wahrnehmbar ist). Doch nach und nach wird immer klarer, dass sich auch andere Tiere, wie etwa Menschenaffen, Schweine, Elefanten, Delfine und einige Rabenvögel (!) im Spiegel erkennen und Reflexionsfähigkeit voraussetzende Problemlösungsaufgaben bewältigen können. Und an die Vorstellung eines “kollektiven Bewusstseins” etwa bei staatenbildenden Insekten (der Schwarm als Subjekt), das durch (ha!) elektro-chemische Prozesse gesteuert wird, traun wir uns auch nur ganz langsam heran, weil wir in letzter Konsequenz wohl unsere liebgewonnene Subjekt-Objekt-Dualität verabschieden müssten…
Allerdings scheinen unsere naturwissenschaftlichen Methoden ohnehin zu begrenzt, um Genaueres über menschliches und tierisches Qualia-Erleben herauszufinden, etwa “wie es sich für eine Fledermaus anfühlt, wenn sie Echolot-Wahrnehmungen hat.” (Thomas Nagel)

Nun ist es kein Zufall, dass ich das Thema Bewusstsein gerade jetzt wieder mal in diese Notizblätter stelle, denn es gehört nicht nur zu den Dauerbrennern im philosophischen Diskurs, sondern schwappt wellenartig öfter mal hoch wie in den letzten Wochen, als in einigen Medien Artikel dazu erschienen. Etwa (um nur zwei herauszugreifen) ein Artikel zur Bewusstseinsforschung in der “Süddeutschen” und ein Themendossier Bewusstsein im Schweizer Magazin Philosophie.ch, das sich löblicherweise der philosophischen Volksaufklärung verschrieben hat. Auf diese Beiträge hatte ich schon auf FB hingewiesen, wollte sie aber nicht ganz unkommentiert stehen lassen ;-)

Natürlich hatten wir das Thema auch hier schon öfter auf’m Tableau (z.B. hier), weil es einerseits zu den spekulativsten und „rätselhaftesten Charakteristika des Universums“ gehört und andererseits unser Bewusstsein “der wichtigste Aspekt unseres Lebens ist; denn schließlich ist es eine notwendige Voraussetzung dafür, dass wir Dingen in unserem Leben Bedeutung beimessen können. Wenn es aber ohne das Bewusstsein überhaupt nichts Wichtiges für uns geben würde, kann nichts wichtiger sein als das Bewusstsein selbst.” (John Searle). Und auch wenn bei manchen Lesern hier gleich ein Abwehr-Affekt hochsteigt, würd ich doch Thomas Metzinger zustimmen, wenn er meint: „Das Problem des Bewusstseins bildet heute – vielleicht zusammen mit der Frage nach der Entstehung unseres Universums – die äußerste Grenze des menschlichen Strebens nach Erkenntnis.”

Nun wäre ein all about zu diesem Groß-Thema  hier erfüllen zu wollen natürlich ein maßloser Anspruch, aber zumindest eine begriffliche Grundlage für Spekulationen über “Bewusstsein” möcht ich euch anbieten. Dazu hab ich mich für die Übernahme der Klassifikation von sieben verschiedenen möglichen Positionen in der Philosophie des Geistes entschieden, die der australische Philosoph David Chalmers in seinem 2002 erschienenen Artikel Consciousness and its Place in Nature vorgeschlagen hat. Als unterscheidendes Merkmal insbesondere der materialistischen Positionen wählt er dabei die Art der Antwort auf das „schwierige Problem des Bewusstseins“.
Vorangestellt ein Interview mit Chalmers über die Evolution des Bewusstseins, die Bedeutung des inner movie in our minds, Zombies und die farbenblinde Superwissenschaftlerin Mary – locker und in gut verständlichem Englisch präsentiert:

 

Da verlinkte Artikel laut meiner Klickstatistik-Erfahrung nur von wenigen Leserinnen verfolgt werden, gibts Chalmers Klassifikation als direkte Übernahme aus der deutschen Wikipedia:

 

Klassifikation der Positionen in der Philosophie des Geistes

 

Typ-A Materialismus

Der Typ-A Materialist behauptet, es gebe zwischen phänomenalen und physikalischen Tatsachen keine Kluft. In seiner radikalen Ausprägung bestreitet er das Vorhandensein von Bewusstsein gänzlich und tendiert zu einer vollständig funktionalistischen oder behavioristischen Interpretation des Bewusstseinsbegriffs. In weniger radikalen Ausprägungen gesteht er eine geringe epistemische (auf das Wissen bezogene) Kluft zu, behauptet aber, diese sei leicht zu schließen. Chalmers argumentiert gegen den Typ-A Materialismus, dass dieser das Offensichtliche leugne. Er analysiert die Argumente, die der Typ-A Materialist vorbringt, um hierzu berechtigt zu sein. Er kommt zu dem Schluss, dass keines dieser Argumente dazu berechtigt, die Existenz phänomenaler Tatsachen gänzlich zu bestreiten: „Diese Behauptung wird nicht durch Argumente gestützt, sondern durch Beobachtungen einer bestimmten Art zusammen mit der Widerlegung von Gegenargumenten.“ Chalmers lehnt daher den Typ-A Materialismus ab.

Typ-B Materialismus

Der Typ-B Materialismus gesteht eine epistemische Kluft zwischen dem Physischen und dem Phänomenalen zu, bestreitet aber, dass man daraus auf eine metaphysische Kluft schließen darf. Mit dieser Position wird den epistemologischen Schwierigkeiten Rechnung getragen, ohne eine materialistische Position verlassen zu müssen. Chalmers zeigt zunächst, dass die von Typ-B Materialisten vorgebrachten Analogien zu anderen wissenschaftlichen Fortschritten nicht stichhaltig sind, so etwa die Identität von Wasser und H2O oder von Genen und DNS. Deren Identität wurde letztlich auf empirischem Wege geschlossen, was gemäß Chalmers jedoch für das schwierige Problem des Bewusstseins nicht möglich ist. Er zeigt, dass alle angeführten Analogien eine rein empirische Kluft aufweisen, nicht jedoch eine epistemische Kluft. Somit besteht kein Grund zu der Annahme, dass unser Wissensfortschritt diese Kluft eines Tages schließen wird. Der Typ-B Materialist kann auf dieses Argument reagieren, indem er die epistemische Kluft zu einem fundamentalen Prinzip der Natur erhebt. Chalmers lässt dies jedoch nicht gelten und argumentiert dabei wie folgt: Fundamentale Prinzipien, wie sie etwa in der Physik postuliert werden (z. B. die Gravitation), betreffen durchweg die Beziehung zwischen unterschiedlichen Entitäten oder Eigenschaften. Stattdessen versucht der Typ-B Materialist die Identität von Physischem und Phänomenalem in den Rang eines fundamentalen Prinzips zu erheben, ein Vorgehen für das es laut Chalmers kein weiteres unabhängiges Beispiel gibt. Die von Chalmers vorgetragene weitere Analyse des Typ-B Materialismus ist komplex und führt schließlich zur Ablehnung dieser Position.

Typ-C Materialismus

Der Typ-C Materialist gesteht ebenfalls eine epistemische Kluft zu, behauptet aber, diese Kluft sei für uns entweder heute oder auch für alle Zukunft auf Grund unserer kognitiven Beschränkungen nicht zu schließen. Phänomenale Wahrheiten könnten zwar grundsätzlich aus physikalischen Wahrheiten abgeleitet werden, gegenwärtig oder auf Grund fundamentaler Beschränkungen seien wir hierzu jedoch nicht in der Lage. Chalmers zeigt zunächst, dass der Typ-C Materialismus oftmals als Variante des Typ-A Materialismus auftritt, indem er letztlich die Existenz des phänomenalen Bewusstseins lediglich bestreitet, ohne dafür gute Argumente zu liefern. Der Position, eines Tages lasse sich Bewusstsein auf physische Prinzipien zurückführen, tritt Chalmers wie folgt entgegen: Physische Beschreibungen seien immer Beschreibungen von Struktur und Dynamik. Aus solchen Beschreibungen seien immer nur andere Beschreibungen von Struktur und Dynamik ableitbar. Phänomenales Bewusstsein habe jedoch nichts mit Eigenschaften wie Größe, Form, Position und Bewegung zu tun, somit auch nichts mit Struktur und Dynamik. Welche Fortschritte auch immer hinsichtlich unserer Kenntnisse über das Physische errungen werden, diese können mithin das Bewusstsein nicht erklären, es sei denn, sie beziehen Bewusstsein in ihre Erklärungen ein. Dies geschieht z. T. bereits durch einige Autoren der Quantentheorie. Damit verlassen diese Autoren jedoch den Boden des Materialismus und vertreten letztlich einen Typ-D Dualismus oder einen Typ-F Monismus. Der Typ-C Materialismus wird somit von Chalmers ebenfalls abgelehnt.

Typ-Q Materialismus

Chalmers beschreibt eine weitere Form des Materialismus, die insbesondere von Anhängern des Philosophen Willard Van Orman Quine vertreten wird (daher “Typ-Q”). Diese Position würde die Unterscheidung der oben getroffenen materialistischen Positionen ablehnen, da sie etwa auch die Unterscheidung zwischen begrifflicher und empirischer Wahrheit ablehnt. Chalmers legt dar, dass auch diese Position letztlich eine Antwort auf das schwierige Problem des Bewusstseins geben muss, die sich als ein Materialismus der Typen A bis C entpuppt. Chalmers stellt abschließend zur Behandlung der materialistischen Positionen fest, dass er keine weitere Alternative sieht, um den Materialismus zu verteidigen. Da alle beschriebenen Positionen für ihn nicht haltbar sind, muss demgemäß nach Chalmers der Materialismus falsch sein. In der Folge behandelt Chalmers mögliche Alternativen zum Materialismus.

Typ-D Dualismus

Der Typ-D Dualismus geht davon aus, dass der (mikro)physische Bereich nicht kausal geschlossen ist. Das Phänomenale ist umgekehrt gegenüber der physikalischen Welt kausal wirksam. Die bekannteste Variante des Typ-D Dualismus ist ein Substanzdualismus, wie ihn Descartes vertreten hat (daher auch “Typ-D”). Auch Formen des Eigenschaftsdualismus können unter den Typ-D fallen, insofern die phänomenalen Eigenschaften als kausal wirksam betrachtet werden. Chalmers geht in der Folge auf die Standard-Einwände gegen den Dualismus ein. Eines dieser Argumente kritisiert, dass sich eine Interaktion zwischen den beiden postulierten Substanzen nicht nachweisen lasse. Chalmers wendet dagegen ein, dass die Physik einen solchen Nachweis auch für andere fundamentale Interaktionen nicht erbringt. So behaupte beispielsweise die Newtonsche Physik, dass eine kausale Interaktion in Form von Gravitation bestehe, erkläre jedoch nicht weiter, wie Gravitation wirke – die Wirkung wird einfach angenommen. Ein weiteres Standardargument gegen den Dualismus besteht in der kausalen Geschlossenheit des Physikalischen. Der Dualismus stehe hierzu im Widerspruch und somit auch im Widerspruch zur Wissenschaft. Chalmers begegnet diesem Argument auf verschiedene Weise. Zunächst stellt er fest, dass die Physik durchaus Spielraum für die Annahme weiterer basaler Grundkräfte lasse, von denen aktuell vier angenommen werden. Im Anschluss argumentiert er, dass insbesondere die nicht-deterministischen Aspekte der Quantenphysik Raum für eine interaktionistische Interpretation lassen. Er beschließt die Diskussion mit der Feststellung: „Zusammenfassend kann man sagen, dass der Standardeinwand gegen den Interaktionismus nur wenig Durchschlagskraft besitzt, der Interaktionismus ist zumindest eine Möglichkeit, die es weiter zu erforschen lohnt.“

Typ-E Dualismus

Der Typ-E Dualismus sieht das Physische und das Phänomenale als metaphysisch verschieden an, betrachtet dabei jedoch im Gegensatz zum Typ-D Dualismus das Phänomenale als kausal wirkungslos. Es handelt sich bei dieser Position somit um den sogenannten Epiphänomenalismus (daher auch “Typ-E”). Der Typ-E Dualismus entgeht dem Standard-Gegenargument zum Dualismus, indem er die kausale Geschlossenheit des Physischen anerkennt. Dies geschieht unter Preisgabe der mentalen Verursachung und somit um den Preis der Intuition, dass unsere phänomenalen Wahrnehmungen (z. B. die Wahrnehmung einer roten Ampel) Ursache für unsere Handlungen (Bremsen des Fahrzeugs) sind. Chalmers führt gegen diese Intuition u. a. David Hume ins Feld, der gezeigt hat, dass der Anschein der Kausalität durch die bloße Aufeinanderfolge von Ereignissen entstehen und somit die Intuition ggf. falsch sein kann. Ein komplexeres Argument gegen den Epiphänomenalismus betrachtet die Beziehung zwischen Bewusstsein und seinen Repräsentationen, wie sie etwa in der Aussage “Ich habe Bewusstsein” zum Ausdruck kommt. Diese Aussage kann gemäß dem Epiphänomenalismus zwar von einem bewussten Wesen getroffen werden, jedoch wäre sie rein physisch verursacht. Chalmers argumentiert, dass die Überzeugung, Bewusstsein zu haben und demgemäß die Aussage “Ich habe Bewusstsein” zu treffen, nicht notwendig durch das Bewusstsein verursacht werden muss. Das Bewusstsein konstituiere lediglich diese Überzeugung. Chalmers beurteilt den Typ-E Dualismus abschließend als eine “kohärente Theorie ohne fatale Schwierigkeiten”, die jedoch gleichzeitig wenig elegant und kontraintuitiv sei.

Typ-F Monismus

Unter dem Typ-F Monismus fasst Chalmers eine Reihe von Positionen zusammen, denen gemeinsam ist, dass phänomenale oder protophänomenale Eigenschaften als “intrinsische Natur” der physischen Realität angesehen werden (Neutraler Monismus, Panpsychismus). Er führt diese Position auf eine Erörterung der Physik von Bertrand Russell zurück. In The Analysis of Matter legt Russell dar, dass die Physik zwar Aussagen über die Beziehungen verschiedener Entitäten trifft, jedoch nichts über die inneren Eigenschaften dieser Entitäten aussagt. Der Typ-F Monismus fügt nun einfach der physikalischen Theorie eine Theorie der intrinsischen Natur hinzu, ohne etwa die kausale Geschlossenheit des Physischen oder die Struktur der physikalischen Theorie in Frage zu stellen. In dieser Weise, so Chalmers, bilden “(proto)phänomenale Eigenschaften [...] die letzte kategoriale Basis aller physischen Verursachung.” Er stellt fest, dass der Typ-F Monismus Gemeinsamkeiten sowohl mit dem Materialismus wie auch mit dem Dualismus hat: “Dem Buchstaben nach ist der Typ-F Monismus materialistisch, während es sich dem Geist nach um eine dualistische Theorie handelt.” Einer der wichtigsten Einwände gegen den Typ-F Monismus ist das erstmals von William James formulierte Kombinationsproblem: Es ist aktuell völlig unklar, wie aus unzähligen protophänomenalen Bewusstseinseinheiten ein übergeordnetes Bewusstsein wie das eines Menschen entstehen soll. Chalmers stellt fest: “Ich glaube, es handelt sich hier um das mit Abstand größte Problem des Typ-F Monismus. Ob es gelöst werden kann oder nicht, ist gegenwärtig eine offene Frage.”

Eigenschaftsdualismus

Die Diagnose des schwierigen Problems des Bewusstseins hat Chalmers zu einer Position geführt, die Eigenschaftsdualismus genannt wird. Eine solche Position lehnt den Materialismus ab, unterscheidet sich jedoch auch stark vom klassischen Dualismus. Der klassische Dualismus war von zwei Substanzen ausgegangen – Materie und Geist -, während der Eigenschaftsdualist nur eine Substanz anerkennt, nämlich die Materie. Der Eigenschaftsdualist ist jedoch darauf festgelegt, dass nicht alle Eigenschaften physische Eigenschaften sind. Konkret heißt dies bei Chalmers: Der Mensch hat neben den physischen Eigenschaften (etwa Masse oder Form) auch eine Art von nichtphysischen Eigenschaften (nämlich Erlebnisgehalte oder Qualia).

Der Weg vom schwierigen Problem des Bewusstseins zur These des Eigenschaftsdualismus ist recht steinig und liegt auf einem hohen theoretischen Niveau. Die Grundidee lässt sich dennoch verständlich machen: Chalmers geht davon aus, dass der Materialismus auf reduktive Erklärungen festgelegt ist. Dies bedeutet, dass der Erlebnisgehalt im Prinzip auf die grundlegenden physischen Eigenschaften reduzierbar sein muss – wenn der Materialismus wahr ist. Eine solche Reduktion setzt nach Chalmers jedoch ein Moment der Notwendigkeit voraus, das die grundlegenden physischen Eigenschaften und die höherstufigen Eigenschaften miteinander verbindet. Diese Notwendigkeit ist aber im Fall des Erlebnisgehalts nicht gegeben. Demzufolge ist es – im philosophischen Gedankenexperimenta priori möglich, dass es Zombies gibt. Zombies stellen hierbei eine exakte (!) materielle Kopie eines gewöhnlichen Menschen dar, nur mit dem signifikanten Unterschied, dass sie kein (!) Bewusstsein haben. Da die Existenz eines Zombies a priori möglich ist, ist die angesprochene Notwendigkeit, welche der Materialismus voraussetzt, nicht zwingend. Also ist der Materialismus falsch. Dieses Argument kann man nur dann wirklich verstehen, wenn klar ist, was mit „Notwendigkeit“ gemeint ist. Genau dies versucht Chalmers zu erklären und – anknüpfend an Saul Aaron Kripke – durch die sog. Zweidimensionale Semantik auf eine fundierte Basis zu stellen.

Notwendigkeit, Supervenienz und Reduktion

Die Begriffe Notwendigkeit, Supervenienz und Reduktion hängen eng miteinander zusammen. Beginnen wir mit Supervenienz: Eine Eigenschaft A superveniert genau dann über den Eigenschaften B, wenn es keine Veränderung in A geben kann, ohne dass sich B verändert. Ein Beispiel: Es kann keine Änderung der biologischen Eigenschaften geben, ohne dass sich dabei auch Änderungen von chemischen Eigenschaften ergeben.

Meistens sind solche Supervenienzbeziehungen kein Zufall, und so kommt die Notwendigkeit ins Spiel. A kann mit Notwendigkeit über B supervenieren, weil etwa B durch Naturgesetze A verursacht. Chalmers spricht hier von natürlicher Supervenienz. A kann aber auch mit Notwendigkeit über B supervenieren, weil B A logisch oder begrifflich impliziert. Chalmers spricht dann von logischer Supervenienz.

Chalmers These ist nun, dass nur die logische Supervenienz für Reduktionen hinreichend ist. A kann nur dann auf B reduziert werden, wenn A aus B logisch oder begrifflich folgt. Konkreter: Eine höherstufige Eigenschaft kann nur dann auf physische Eigenschaften reduziert (und so in ein materialistisches Weltbild integriert) werden, wenn aus der Existenz der physischen Eigenschaften die höherstufige Eigenschaft logisch oder begrifflich folgt.

Wir können nun Chalmers Argument gegen den Materialismus besser verstehen. Chalmers meint, dass fast alle Eigenschaften logisch über den physischen Eigenschaften supervenieren und damit reduktiv erklärbar sind. Ein klassisches Reduktionsbeispiel ist Wasser. Wasser lässt sich auf H2O reduzieren, weil die Eigenschaften des Wassers aus den Eigenschaften der H2O-Moleküle mit Hilfe der grundlegenden Naturgesetze logisch-begrifflich ableitbar sind. Nun schlägt aber eine solche Ableitbarkeit bei einer Eigenschaft des Menschen fehl: Aus den biologischen Eigenschaften des Menschen lassen sich nicht die Erlebnisgehalte logisch-begrifflich ableiten. Also schlägt die logische Supervenienz fehl, also schlägt die Reduktion fehl, also lassen sich Erlebnisgehalte nicht in ein materialistisches Weltbild integrieren. Es gibt aber Erlebnisgehalte. Also ist der Materialismus falsch.

 

Und schließlich möcht ich euch noch diese drei Links zum Thema empfehlen (könnt ihr gern in den Comments um weitere ergänzen):

- Bewusstsein (Zusammenfassung von Geschichte und Begriffsentwicklung / Uni Mainz)

- Eine Handvoll Bemerkungen zur begrifflichen Unübersichtlichkeit von “Bewusstsein” – von Andreas Kemmerling

- Wikipedia-Portal “Geist und Gehirn” (bietet eine ständig aktualisierte Übersicht zu der interdisziplinären Vernetzung zwischen der Philosophie, den Neuro- und den Kognitionswissenschaften und der Psychologie)

wf

Lösung des Ziegen-Problems im Sommerferien-Rätsel 2013

Algebra mit Newton scheint doch einfacher zu sein als Geo mit Thales; das legt zumindest die wesentlich geringere Anzahl von richtigen Lösungen nahe, die zum Ziegen-Problem des aktuellen Sommerferien-Rätsel im Vergleich zu jenem Apfel-Algorhitmus von Neujahr reintrudelten. Aber man soll ja bekanntlich Äpfel nicht mit Ziegen vergleichen und falsche Schlüsse daraus ziehen, und so werde ich euch trotz einiger Beschwerden über die vermeintliche Schwierigkeit dieses Rätsels auch in Zukunft mit ‘Querdenker’-Aufgaben behelligen. Denn diesmal lag die Lösung, wie ihr gleich erkennen werdet, tatsächlich im Querdenken, und zwar nicht nur metaphorisch, sondern ganz konkret im Bereich der geometrischen Anschauung.

Wie also sollte nun der miletische Bauer seine Ziege auf der quadratischen Weide mit drei Pflöcken und drei Seilen so anbinden, dass sie vom Mittelpunkt der Wiese aus nur einen Halbkreis abfräße?

weidehalbkreis2

Anbinde-Skizze der Ziege

Thales erklärte dem braven Mann: “Binde das Tier an einen Pflock am Mittelpunkt der Weide  mit dem ersten Seil in Länge des Radius, also einer halben Quadratseitenlänge, an. Sodann schlage die anderen beiden Pflöcke als stabile Pfosten in die äußeren Eckpunkte der zu beweidenden Quadtrathälfte und spanne das zweite Seil so straff wie möglich zwischen jenen. Das dritte Seil hängst du mit einer Schlaufe ans zweite, so dass es daran entlangrutschen kann, und dann bindest du die Ziege an dieses dritte Seil mit Länge einer halben Quadratseite. Nun kann die Ziege nicht mehr den ganzen Kreis abgrasen, sondern sich nur noch im Halbquadrat und maximal parallel zur quergespannten Kreistangente bewegen.”

Um sicher zu gehen, dass der Bauer alles verstanden habe, zeichnete Thales noch eine Skizze nebenstehender Art aufs Papyrus – allerdings hat sich die Originalzeichnung des antiken Mathematikers nicht erhalten, so dass wir hier auf diese Rekonstruktion zurückgreifen, die uns dankenswerterweise unser Leser und Rätselfreund be aus München mitsamt seiner Lösung zugesandt hat. Zwar wurde die von unserer Glücksfee nicht aus dem Körbchen gezogen, aber ne extra-CD kriegt er dafür und für seinen detaillierten dreiseitigen (!) Lösungs-Essay allemal.

Die drei ausgelosten Gewinner sind diesmal Jürgen Schmitz, Axel Täger und Tobi Waller, denen die Musik-CDs umgehend zugesandt werden.

Wer sich übrigens selber mal eine kleine, hierher passende Rätselstory ausdenken und uns zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ CD-Belohnung und wird natürlich auch als Gastautor ‘verewigt’ ;-)

wf