Liebe in Zeiten des Nachtstudio

Oft lohnt ja das Durchhalten einer Nachtstudio-Diskussion allein wegen des Sinnsprücherls am Ende der Sendung.  Das hätte man sich diesmal allerdings ersparen können, da Moderator Volker Panzer einen doch eher stammtischkompatiblen Kalauer vom Mann mit dem Schweinderl, Robert Lembke, auftischte: “Liebe ist eine tolle Krankheit – es müssen immer gleich zwei ins Bett.”

precht - liebeNa, macht ja nix, dafür war wieder mal der bezopfte Affenforscher Volker Sommer dabei, der zu philosophischen Themen immer gut Bio-Pfeffer gibt und per se Garant für dialektische Schärfe ist. Stichwortgeber für die Sendung war natürlich  Richard D. Precht, der mit seinem neuen Buch “Liebe – ein unordentliches Gefühl” noch ne Schippe für sein dauerhaftes Bestseller-Ranking nachgelegt hatte. Mit der Philosophin Sabine Döring, der Journalistin Heike-Melba Fendel und dem Sexualtherapeuten Ulrich Clement wurde das Sextett komplettiert.

Ausgangspunkte waren die Fragen, ob es eine “Renaissance der Gefühle” gebe und was “der Kitt der Liebe” sei. Dass wir alle hinsichtlich unserer Vorstellungen von ‘Liebe’ durch die mediale Dauerpräsenz von Sex, romantischem Kitsch und erotischen ‘Settings’ beeinflusst sind, bestritt niemand – es drehte sich mehr darum, inwieweit wir nur ‘Geworfene in der Biologie’, also Knechte uralter Programme sind oder ob, wie Precht meint, Liebe jenseits aller Gefühlsduselei und hormoneller ‘Zwänge’ als bewusste Vorstellung, als selbstbestimmte Wahlmöglichkeit gelebt werden kann. (Dieser Ansatz ist allerdings so alt wie die Philosophie selber und wurde in der 1970ern mit Erich Fromms “Kunst des Liebens” als ‘ontologisches Ideal’ zwischenmenschlicher Beziehungen gehypt – Prechts ‘Zugabe’ liegt eher in einer wenn auch ziemlich vagen Hintergrundbeleuchtung durch aktuelle neurobiologische und stammesgeschichtliche Erkenntnisse.)

sommer - darwinischPrechts Credo, dass Liebe mehr sei als physiologische Erregung und zur emotionalen Grundausstattung des Menschen gehöre (verfeinert durch kulturelle Entwicklung), kann man angesichts der begrifflichen Schwammigkeit kaum widersprechen. Sommer stellte  heraus, dass auch bei anderen Primaten der Sex nicht nur eine Fortpflanzungsmaßnahme ist, sondern hauptsächlich ein soziales Werkzeug (also eine Form von Liebe), das als solches nicht erst durch Kulturgeschichte entstand.
Wenn Precht meint, “unordentliche Gefühle entstehen, wenn Emotionen Vorstellungen auslösen” sagt er damit auch kaum was anderes als Sommer: “Gefühle teilen uns mit, ob wir auf dem richtigen oder falschen Weg sind, sie sind nützlich. Liebe ist ein Signal.”
Autorin Fendel konnte mit wissenschaftlichen Verallgemeinerungen nun gar nichts anfangen, da “jede Liebesbeziehung eine eigene Geschichte und eine eigene Logik hat” und Paartherapeut Clement gab zum Besten, dass “Liebe im Unterschied zur Erotik die schreckliche Eigenschaft hat, dass sie vorhersagbar wird.”

An ein metaphysisches Geheimnis der Liebe jenseits der sinnlich erfahrbaren Phänomenologie glaubten aber schon die alten Griechen nicht: Während Amphitryon auf Kriegszug war, schlüpfte Göttervater Zeus in dessen Gestalt und konnte so seine eigentlich tugendhafte, aber nichtsahnende Gattin Alkmene flachlegen und Herakles mit ihr zeugen –  durch betrügerische biologische Mimikry ;-))

Die recht amüsante Sendung findet ihr  in der ZDF-mediathek (60 Min.)

wf

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