Sinn-Philosophie: Wozu das Alles?

Der Philosoph Christian Uhle begibt sich in “Wozu das Alles?” auf eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens.

Vieles deutet darauf hin, dass der Mensch das einzige Lebewesen auf dieser Erde ist, das sich gelegentlich anstrengende Sinn-Fragen stellt, statt sich einfach von seinem evolutionär-biologischen Programm durchs Leben treiben zu lassen. Oder gehört das Fragen und Suchen nach Sinn vielleicht auch zu unseren artspezifischen Bedürfnisbefriedigungen, zur Conditio Humana? Wer dem Berliner Philosophen Christian Uhle auf seiner weit ausholenden Reise in diesem höchst lesenswerten Buch folgt, dürfte am Ende überzeugt sein: Wer Sinn sucht, der findet.

Nun ist es ja nicht so, dass es seit frühestem Menschengedenken bis ins hyperkomplexe Heute an Sinnangeboten gemangelt hätte; Religionen, Mythen, Märchen und Philosophien sind erweitert worden um psychotherapeutische Angebote, individuelle und gesellschaftliche Wachstumsideologien, Glücks- und Heilsversprechen und Coachings aller Art – Regalkilometer  voller “Fachliteratur” können Sinnsuchende wenn nicht erschlagen so doch zumindest in Verwirrung stürzen. Dem stellt nun Christian Uhle eine völlig undogmatische Sinn-Philosophie entgegen, die Antwortangebote macht, indem konkrete Lebenssituationen unter Perspektiven der Psychologie, der Soziologie und der Philosophie beleuchtet werden. Wer sich dabei einen leicht konsumierbaren Lebenshilfe-Ratgeber erhofft, wird eher nicht bedient: keine Selbstoptimierungsimperative, keine Kalendersprüche, keine Poesiealbum-Psychologie.

Dafür holt Uhle weit aus und zeigt mit ideengeschichtlicher Genauigkeit, wie vom Gilgamesch-Epos und der Bibel über Platons Ideenlehre, Aristoteles’ Zweck-Teleologie, die Stoiker bis zu Descartes, Kant, Hegel, Mill, Nietzsche, Wittgenstein, Camus und vielen anderen unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Sinnfragen versucht wurden; vieles davon lebt ja bis heute in unseren Gedanken und Diskursen, auch wenn in der universitären Gegenwartsphilosophie die “Sinnfragen” kaum noch im Curriculum stehen, weil analytisch kaum zu fassen und demzufolge der Unseriosität verdächtig.

Dabei leiden gerade in der heutigen Zeit viele Menschen an der scheinbaren Absurdität und vermeintlichen Sinnlosigkeit allen menschlichen Strebens: die beängstigenden Klimafolgen, Krieg, Pandemie, Fake News und National-Chauvinismen können ebenso belastend sein wie manche “Bullshit Jobs”, die  einfach nur Lebensenergien rauben und  zu einem “erschöpften Selbst” führen. Deshalb ist ein Hauptanliegen von Uhle, gegen eine “wehleidige Philosophie des Nihilismus” die mögliche Selbstermächtigung des sinnsuchenden Menschen innerhalb seiner individuellen Lebenswelt zu setzen: Wie finde ich Sinn und Zufriedenheit im Rahmen meiner Beziehungen, meiner Arbeit, meiner “balancierenden Identitäten”? Kann durch Liebe (in all ihren Facetten) Sinn entstehen, durch die Hingabe an eine gesellschaftliche Aufgabe wie Care-Arbeit, durch das Schaffen von Kunstwerken, Musik, Literatur? Liegt ein Sinn vielleicht im Wachsen meines Selbstbewusstseins, das ich vor allem aus der Anerkennung durch andere Menschen gewinnen kann?  Wie wandelbar ist “Sinn”, in welchen Zusammenhängen zeigt er sich und wenn ja, wieviele “Sinne” gibt es dann ?

Mit dieser Diskussion macht Uhle natürlich ein ganz großes Fass auf, und deshalb holt er sich  – aufmerksame Leser*innen haben es wohl schon vermutet – bewährte Mitstreiter ins Boot wie Erich Fromm, Foucault, Camus, Luhmann, Axel Honneth, Martin Buber, Hannah Arendt, Richard Rorty, Andreas Reckwitz, David Graeber, Martin Seel und andere – einigen davon verdankt Uhle, wie er im Nachwort anmerkt, nicht nur Anregungen für diese Buchdiskussion, sondern auch seine “Prägung”  als kritisch denkender Mensch, als Philosoph. 

Einigen Leser*innen ist Christian Uhle vielleicht schon bekannt durch seine Gastauftritte und als philosophischer Berater der arte-Serie “Streetphilosophy”, die durch vermeintliche street credibility Aufmachung wohl ein eher jüngeres Publikum auf Sinnsuche ansprechen soll. In “Wozu das Alles?” schlägt Uhle zwar auch einen lockeren Ton an, zeigt aber auf knapp 500 Seiten, dass in seiner Sinn-Philosophie richtig intensive Arbeit und entsprechend auch Tiefgang steckt. Und er macht damit allen Sinnsucher*innen Mut, ihr Leben im Kant’schen Sinn selber zu denken, offen zu werden für unterschiedliche Perspektiven und sich für einen sinnvollen gesellschaftlichen Wandel zu engagieren.


Christian Uhle - Wozu das Alles?Christian Uhle
Wozu das alles?
Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens

S. FISCHER; 2. Edition (27. April 2022)
Gebundene Ausgabe, 496 Seiten
ISBN-13: 978-3103971415

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wf

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