Schach fördert vernetztes und strukturiertes Denken

“Mein Kopf kommt nicht mehr mit!” jammert Frank Schirrmacher im Spiegel-Essay und beklagt in seinem soeben erschienenen Buch “Payback”, dass er sich von der medialen Informationsüberflutung des Computerzeitalters und den modernen Anforderungen des Multitasking völlig überfordert fühle – dabei sollte er als Mitherausgeber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” doch eigentlich zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden können, nicht nur nach den traditionellen FAZ-Kriterien ‘Althergebrachtes = gut’ und ‘Neues = gefährlich’.
Wir wollen jetzt hier nicht in die laufende Diskussion einsteigen, ob und wie diese intensive Medien- und Computernutzung mittel- und langfristig die neuronalen Abläufe im menschlichen Gehirn verändern könnte (etwa auch durch epigentische ‘Mutationen’), aber dem armen Mann und allen, denen es ähnlich geht, kann vielleicht jetzt schon mit bewährten, alten “Hausmittelchen” ein wenig geholfen werden. Denn die vorhandenen, doch längst nicht ausgereizten Skills des Gehirns zu besserem selektiv-strukturierten und vernetztem Denken lassen sich aufgrund dessen Plastizität zielgerichtet trainieren, etwa mit Schach.

Matt in drei Zügen

Matt in drei Zügen

So belegen etliche empirische Studien, die in den letzten Jahren auch in Deutschland durchgeführt wurden, die positiven Effekte von Schachfertigkeiten auf andere kognitive und soziale Bereiche, etwa durch die Arbeit der “Münchner Schachakademie” des deutschen Schachgroßmeisters Stefan Kindermann an Schulen oder die Untersuchungen von Sigrun-Heide Filipp, Professorin für Pädagogische Psychologie und Angewandte Entwicklungspsychologie an der Universität Trier.
Über die rein messbaren Ergebnisse wie der Verbesserung schulischer Leistungen liegt auf der Hand, warum Schachtraining und besonders Schach als aktiv betriebener Sport für die geistige Fitness (auch im Sinne von “Survival of …”) auch bei Erwachsenen sehr positiv wirken kann, quasi als ‘natürlich-biologisches Neuroenhancement‘:

 

  • Schach erfordert mentale Ausdauer und hellwache, längerfristige Konzentration auf einen Problemkomplex, eine zielführende Strategie (so ne Turnierpartie kann sich schon mal sechs Stunden hinziehen)
  • Das Erreichen von Schachzielen erfordert vorab die Vernetzung und Bewertung  sehr vieler Einzelinformationen
  • Für taktische Fortschritte ist Kreativität in ständig neuen und unerwarteten Situationen unabdingbar
  • Eine ernsthafte Schachpartie regeneriert das Oberstübchen durch den meditativen Charakter der Fokussierung auf Wesentliches und Abschottung von kontingenten Denk- und Sinneswahrnehmungen. Häufig stellt sich dabei der stimulierende Bewusstseinzustand des “Flow” ein.

Erstaunlich, dass Schach wegen dieser bekannten Vorteile für die kindliche Entwicklung nicht längst reguläres Schulfach in Deutschland ist wie in etlichen anderen, meist osteuropäischen Ländern (weshalb auch die deutsche Schach-Bundesliga zu etwa 70% mit Großmeistern von dort besetzt ist). Allerdings sollte Schach nur von qualifizierten Trainern und nicht eben mal “so nebenbei” von einem “normalen” Fachlehrer unterrichtet werden, denn als Schachcoach kann man mangelnde Kompetenz vor intelligenten Schülern nicht lang hinter scheinpädagogischen Ablenkungsmanövern verbergen ;-)


• kostenlos in allen Spielstärken (auch international) Schachspielen auf schach.de
• Tipps zum Schulschach auf unserer Pädagogikseite coaching-kiste.de

wf
(© Schachanimation: Rainer Hentschel)

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Dass Schirrmachers Kopf nicht mehr mitkommt, kann ja auch andere, gänzlich unphilosophische Gründe haben. ;)

Oder: “Strategien und die Kunst zu leben”, wie der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow in seinem Buch meint ;-)

Deine aktuelle Anmerkung zum Schach als Mathe-Fach erinnert mich an den Spruch: Mathematik hat den Vorteil, daß sie in unserem Bewußtsein keinen Raum für anderes übrig läßt. Deshalb verstehe ich auch den Hinweis in Deinem Post nicht, daß das Flow-Erlebnis beim Schachspielen das Bewußtsein “stimulieren” soll. Beinhaltet das Flow-Erlebnis nicht eher das Gegenteil? Und alle anderen Hinweise auf die angeblich so positiven Effekte des Schachspiels auf unsere gehirnmäßigen “Skills”: haben wir es hier nicht allererst mit Voraussetzungen zu tun, die man braucht, um überhaupt Spaß am Schachspielen haben zu können? Ist es nicht vielleicht eher so, daß das Schachspiel bestimmte Fähigkeiten nur deshalb fördert, weil die Betreffenden sowieso schon diese Begabungen für das Schachspiel mitbringen? Bei mir jedenfalls ist, was das Schachspiel betrifft, Hopfen und Malz verloren. Da hilft auch keine Begabungsförderung. Ich bleib beim Doppelkopf …

Da bekommt man ja den Eindruck, daß der Mensch nur im Schachspiel.ein ganzer Mensch sein kann. Übrigens Einladung zum Schafsdoppelkopf: Vorher müssen unbedingt noch die Regeln festgelegt werden. Ich spiele grundsätzlich nur mit ohne Neunen. Außerdem schlägt die erste Dulle die zweite, Fuchs und Charlie im letzten, ob gefangen oder nicht, geben einen extra Punkt, bei dreißig Augen im ersten Stich Pflichtansage, Hochzeit kann hängen gelassen werden und wenn Herz-Fehlstich durchgeht, gibts eine Bockrunde! Bockrunde auch bei verlorener Hochzeit und verlorenem Solo. Kein Fehlsolo! Alles klar? ;-)
Ach ja – wir brauchen auch noch zwei weitere Mitspieler …

Dafür winkt zur Belohnung aber auch ein wundervolles gemeinsames Flowerlebnis … na ja, zumindestens kommen einige Emotionen hoch, begleitet von den üblichen Kalauern, mit denen man sich wechselseitig bedient, und mit deftigen Flüchen, weil der Partner mal wieder eine Partie versaut hat.