Dincer Gücyeter: Unser Deutschlandmärchen

Für unsere diesjährigen “Buchtipps für untern Baum” empfiehlt Gastautor Björn Eriksson diesen Roman von

Dincer Gücyeter: Unser Deutschlandmärchen.

Einem seit Kindesbeinen leidenschaftlichem Leser von Literatur sei erlaubt, hin und wieder ein Buch für den Gabentisch zu empfehlen. Auf Ísland sorgt alljährlich die Bókaflóð (Bücherschwemme) für reich gedeckten Gabentisch an Weihnachten, da Isländer stets interessiert an guter Literatur, im Winter die Nächte dort endlos erscheinen und es guter Brauch ist, Freunden und Familienangehörigen ein gutes Buch zu schenken. Da Isländer auch noch ausgeprägte Haptiker sind, wäre jedes geschenkte Buch, welches nicht in Hardcover gebunden, eine Missachtung Jahrhunderte währenden Brauchtums.

In der Literatur – soweit manche Klage – würden bedauerlicherweise leider viel zu selten Erzählungen publiziert, welche auf Tatsachen beruhend mittels einer spannungsreichen Handlung und einer kettenartigen Anordnung von Ereignissen erzählen, nicht nur gesellschaftliche Strukturen in den Vordergrund stellen, sondern auch noch Familienleben mehrerer Generationen beschreiben, dabei eine bestimmte Epoche und die dafür typische Lebensweise detailgetreu wiedergeben, welche von Hindernissen und einem Happy End begleitet wird, geleitet vom Hauptmotiv der Liebe und als Sahnehäubchen obendrauf auch noch Lyrik enthalte.

Und so sei dieses Jahr das Buch „Unser Deutschlandmärchen“ von Dincer Gücyeter empfohlen.

Da weder Literat noch Literaturkritiker, schon gar nicht Germanist, bleibt nur übrig, sich auf die Schilderung mentaler und emotionaler Ereignisse zu beschränken, welche durchaus bei der Lektüre auftreten könnten.

Es wäre da zuerst die Spannung zu nennen, welche anhand der Erzählung von Seite zu Seite zunimmt, dann das Entzücken über die vortrefflichen Sätze, in welche sogar wahre Aussagen gepackt werden können, die Poesie in der Sprache und die durch die Erzählung gewonnene Fähigkeit, bisher zu dem geschilderten Fall wohlfeil dargebotene falsche Behauptungen hinfort von tatsächlichen Begebenheiten unterscheiden zu können.

Jenseits des Begriffs „Kulturen“, dem Plural eines heiß umworbenen, strittigen und daher undefiniertem Singulars, den irgendwelche Dumpfbacken 1996 zum Anlass nahmen, von einem „Kampf der Kulturen“ (The Clash of Civilisations) zu faseln, um sich als hilfreiche „Weltpolizei“ aufspielen zu können, wird in dem Buch detailgetreu, in schonungsloser Ehrlichkeit mit viel Liebe die Wirklichkeit dreier Generationen geschildert, von der Großmutter über die Mutter bis zum Enkel, in einer Niederschrift über die „freiwilligen Diener des Schicksals“, denen „die Kanne eine Erde schenkt, auf der sie sich ausbreiten können“, voller Poesie und Einfühlsamkeit.

„Die Klinken sind dornig“, „unverständliche Stimmen klettern in [ihre] Ohren, bauen dort ihr Gerüst auf“, das „Herz ist wie ein bedrohtes Taubennest“, „zu drei Schichten habe ich die Zunge gefaltet, … so wie die Hoffnung in der eingestürzten Geschichte nach winzigen Luftporen sucht“ … um nur einige vortreffliche Metaphern aus dem Inhalt der Erzählung zu zitieren. Es dürfte danach sehr schwer sein, aus Unkenntnis heraus Poesie einfach deswegen abzulehnen und damit abzutun, sie stünde im Gegensatz zu tatsächlich vorhandener Wirklichkeiten. Handelt es sich doch bei solcherlei unwahrer Behauptungen nur um die klägliche Rechtfertigung eines Banausen.

Es wäre daher schon viel gewonnen, sollte einem Leser durch Lektüre neben dem reinen Kunstgenuss und der Spannung im Bedarfsfalle auch noch dämmern, dass der Plural von „Kultur“ und allem, was damit aus niedrigen Beweggründen heraus kolportiert wird, nur grober Unfug sein kann. Was da bisweilen mit dem Plural „Kulturen“ kolportiert wird, erfüllt noch nicht einmal die Mindestanforderungen an eine „Zivilisation“, da eine solche zwischen „Zivilisation“ und „Sitte / Brauch“ zu unterscheiden wüsste, wie zum Beispiel das isländische Wort „menning“ (Kultur) belegt, welchem im Kontrast hierzu signifikante Benennungen gegenüberstehen: háttur, lenska, siður (Brauch/Sitte), siðvenja (Tradition), vani (Angewohnheit, Gepflogenheit, Gewohnheit) und venja (Praxis).

Ist es nicht verblüffend, dass es erst der Poesie gelingt, diese signifikanten Unterschiede sichtbar zu machen? Solange dies nicht Allgemeinwissen wird, dürfte alles vermutlich so bleiben wie es ist, und zwar gleichgültig, in welchem „Kulturkreis“ sich einer aufhalte; damit in einem Zustand, der vom Autor treffend beschrieben: „Der Boden ist kalt. Der Boden ist kalt.“

Die deutschen Damen mögen dem Verfasser dieses Textes (wie auch dem Autor des Buches) nachsehen, dass die Texte der „gendergerechten“ Anpassung deutscher Grammatik entbehren. Verhält es sich doch so, dass Menschen, welche bilingual aufwachsen, es gewohnt sind, Grammatiken so zu nehmen wie sie sind, da neben der deutschen Grammatik auch noch solche Grammatiken nutzend, welche Gender-Unterschiede seit Jahrhunderten berücksichtigen, wie zum Beispiel Russisch, Arabisch und Isländisch.

Wie die Wirklichkeit eindrucksvoll belegt, hat der Gebrauch solcher Grammatiken in den letzten Jahrhunderten in den Ländern keineswegs dazu geführt, dass den Frauen dadurch eine gleichberechtigte Handlung zuteil wurde. Zudem, es dürfte sich vielleicht eines Tages herausstellen, dass nicht der Gebrauch bestehender Grammatik es war, welcher zur Unterdrückung der Frauen führte, sondern die Taten und Unterlassungen der Männer.

Dass Respekt, Gleichbehandlung und Liebe durchaus auch mit bestehender deutscher Grammatik möglich ist, hat der Autor nachhaltig und eindrucksvoll bewiesen.

Björn Eriksson


Dinçer Güçyeter Unser Deutschlandmärchen Roman Dinçer Güçyeter

„Unser Deutschlandmärchen“

Roman,  Hardcover, 216 Seiten
Verlag: mikrotext, 2022
ISBN : 978-3-948631-16-1
Preis: 25 €

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