“Agora” – Die Ermordung der Philosophin Hypatia als grosses Kino

Der Regisseur Alejandro Amenábar setzt in seinem preisgekrönten Film „Agora – Die Säulen des Himmels“ nicht nur der von fanatisierten Christen ermordeten antiken Philosophin Hypatia ein Denkmal, sondern schafft damit auch eine Studie über religiösen Fundamentalismus und frühe Emanzipation.

Die historisch belegte Geschichte, die der Film in opulenten Bildern nachzeichnet, spielt im spätantiken ägyptischen Alexandria, das seinerzeit mit dem Museion von Alexandria und der berühmten Bibliothek  die ‘Welthauptstadt’ der Künste und Wissenschaften war; eine weltoffene Stadt und Schmelztiegel mit Platz und Toleranz für viele Völker und noch mehr Götter – ein freidenkerisches Zentrum der aufgeklärt-hellenistischen Geisteswelt. An der Großen Bibliothek wurde über das gesamte Wissen der Zeit gelehrt, auch anhand philosophischer Schriften aus China und Indien.

Diese Wissenschafts- und Religionsfreiheit wurde mit dem Verbot aller nichtchristlichen Kulte unter Theodosius I. jäh beendet; in dem sogenannten Dreikaiseredikt  aus dem Jahre 380 wurde sogar angeordnet, alle ‘heidnischen’ Tempel im Römischen Reich zu zerstören. Auch in Alexandria wurde aus vielen Christen, die jahrhundertelang von der religiösen Toleranz der Stadt profitiert hatten, innerhalb weniger Jahre radikale Glaubenskrieger, die das aufklärerisch wirkende hellenistische Bildungsgut als heidnisch, ketzerisch und als ein Werk des Teufels ablehnten. 

Diesem christlichen Fundamentalismus fiel auch die Mathematikerin und Philosophin  Hypatia von Alexandria (370-415) zum Opfer, die als vielleicht klügste Frau der Antike zu jener Zeit an der Bibliothek lehrte und über die der spätantike Kirchenhistoriker Sokrates Scholastikos (380-450) in seiner Kirchengeschichte schreibt:

„Es gab in Alexandria eine Frau mit Namen Hypatia, Tochter des Philosophen Theon, die in Literatur und Wissenschaft so erfolgreich war, dass sie alle Philosophen ihrer Zeit übertraf. Zugelassen zur Schule Platons und Plotins hielt sie Vorlesungen über die Grundlagen der Philosophie. Viele Hörer kamen von weither, um von ihr unterrichtet zu werden. Dank ihres souveränen Auftretens und ihrer eleganten Erscheinung, die sie sich als Folge ihrer Geisteskultur angeeignet hatte, erschien sie häufig in der Öffentlichkeit in Gegenwart hoher Staatsbeamter. Sie scheute sich auch nicht, in öffentliche Versammlungen von Männern zu gehen. Alle Männer bewunderten sie dafür auf Grund ihrer außerordentlichen Würde und Tugend um so mehr“.

Der Neuzeit ist Hypatia vor allem auf Grund ihrer grausamen Ermordung im Jahr 415 durch fanatisierte Christen in Erinnerung geblieben. Die Einzelheiten und Hintergründe der Tat wurden zwar nie ganz geklärt, aber als Zeitzeuge vermutet Sokrates Scholastikos im Anschluss an den oben zitierten Absatz:

„Aber sogar sie fiel dem politischen Neid zum Opfer, der zu jener Zeit herrschte. Denn da sie häufig mit Orestes [röm. Präfekt Alexandrias – Anm. d. Red.] Gespräche führte, wurde unter der christlichen Bevölkerung verleumderisch verbreitet, dass sie es sei, die Orestes daran hindere, sich wieder mit dem Bischof (d. h. mit Kyrill von Alexandria) zu versöhnen. Daher lauerten ihr einige, die von einem wilden und scheinheiligen Ehrgeiz getrieben wurden, deren Anführer ein Vorleser namens Petros war, auf ihrem Heimweg auf, zogen sie aus ihrer Kutsche, brachten sie in die Kirche namens Kaisarion, wo sie sie nackt auszogen und sie dann mit Ziegelsteinen erschlugen. Nachdem sie ihren Körper in Stücke gerissen hatten, brachten sie ihre verstümmelten Glieder zu einem Ort namens Kinaron und verbrannten sie dort. Diese Sache brachte eine nicht geringe Schmach, nicht nur über Kyrill, sondern über die ganze Alexandrinische Kirche. Und mit Sicherheit kann nichts weiter vom Geiste des Christentums entfernt sein, als derartige Massaker, Gewalttaten und Misshandlungen zuzulassen!”

Nun hat der junge chilenisch-spanische Regie-Star und Oscar-Preisträger Alejandro Amenábar diesen Zeitenwandel und das tragische Schicksal der Hypatia in gewaltigen Bildern als Kinoepos inszeniert.

Für die Hauptdarstellerin Rachel Weisz ist der Film eine Studie über religiösen Fundamentalismus, gleich welcher Art: “Der Film zeigt, wie Fundamentalismus sich gegen die Wissenschaft richtet, und dass sich Fanatiker durch Fortschritt bedroht fühlen – bis heute. Insofern kommentiert der Film auch die heutige Welt.“

Alejandro Amenábar sagt im Interview: „Hypatia ist eine Kämpferin, vielleicht die letzte Repräsentantin des philosophischen Denkens. Ihr Ende markiert auch das Ende einer Ära, das Ende der griechisch-römischen Welt und den Beginn des finsteren Mittelalters! Ursprünglich wollte ich einen historischen Film machen, der Parallelen zu unserer Zivilisation aufzeigt. Dank der Hauptfigur ist es ein feministischer Film geworden.”

(Übrigens zeigt das historische Leiden der Hypatia auffallende Übereinstimmungen mit der späteren Legende der Heiligen Katharina von Alexandrien, wobei die Rollen von Christen und Heiden genau vertauscht sind. Möglicherweise ist die Legende dieser Heiligen eine spätere Umdeutung des wirklichen Geschehens im Umfeld der Ermordung Hypatias und zeigt damit, wie die Kirche immer wieder versucht hat, die Mythen von den verfolgten christlichen Martyrern auch mit Geschichtsfälschungen zu nähren.)

Einen ersten Eindruck von der Opulenz und dem cineastischen Pathos des Films vermittelt schon der Trailer. Auch wenn manche Historiker über die ‘Verwurstung’ von Geschichte in Form von “Sandalenfilmen” die Nase rümpfen mögen, halte ich es für legitim und sinnvoll,  komplexe und schwierige Themen für ein breiteres Publikum in dieser Art zu verpacken:

 

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

Filminfos

“Agora” – USA/Spanien 2009 – 126 Min.
Kinostart in Deutschland: 11.03.2010

wf

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