Die Weltmaschine der Experimentellen Philosophie

Jeden Morgen führte Franz Gsellmanns erster Gang in seine Werkstattscheune, um nachzusehen, ob seine Weltmaschine vielleicht über Nacht nicht doch etwas produziert hätte – etwa wie das Huhn im Stall nebenan auch täglich ein Ei legte. Der österreichische Bauer hatte ein buntes Monster aus Metall, Zahnrädern, Lampen, Keilriemen und Gestängen geschaffen, scheinbar zweckfrei und gerade dadurch provokant.
Vor einem halben Jahrhundert begann Gsellmann, angeregt vom “Atomium” der damaligen Brüsseler Weltausstellung, mit dem Sammeln und Zusammenbasteln von allerlei Schrott, Flohmarktkuriositäten und ausrangierten Maschinenteilen, die er mit seinem klapprigen Fahrrad bis von Graz und Wien in sein oststeiermärkisches Dörfchen Edelsbach karrte.
Dort galt er natürlich als “Spinner”, als Eigenbrötler, der nicht einmal seiner Frau und Familie sein verschrobenes Tun erklären mochte oder konnte und es lediglich mit der Bemerkung rechtfertigte: “Gott hat mir die Gabe gegeben.”

weltmaschine

Als Gsellmann nach jahrelangem Schrauben 1968 zum ersten Mal die zwölf Schalter umlegte, um sein vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenes Monstrum in Gang zu bekommen, gingen in seinem Haus, seinem Dorf und im gesamten abgelegenen Tal ob des Stromverbrauch-Kollaps erstmal alle Lichter aus.
Die Gerüchteküchen im Tal begannen zu brodeln und die ersten Neugierigen wurden angelockt. In der Grazer “Kleinen Zeitung” erschien der erste Artikel über die Weltmaschine am 2. Juli 1972 unter dem Titel “Die nutzlose Wundermaschine”, 1973 folgte eine Fernsehdokumentation, 1980 ein Spielfilm, später adelten die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” und die “Süddeutsche Zeitung” in ihren Feuilletons die “wundersame Kreation”.
Diese Publicity machte die Maschine zu einem der größten Touristenmagnete der Region und den Touristenbussen entsteigen mittlerweile jährlich rund 10.000 Menschen, um sich das Spektakel in der Scheune anzusehen.  Enkel Franz Gsellmann und Schwiegertochter Maria kümmern sich heute um den Erhalt der Maschine, an der der Erfinder noch bis zu seinem Tod 1981 geschraubt hatte: hier noch ein Rouletterad, da noch eine Mini-Holzmühle und dort noch ein Auto-Luftfilter.

Wer das Kuriosum das erste Mal zu sehen bekommt, könnte dabei ohne weitere Detailkenntnisse wohl an eine der ironischen Installationen von Jean Tinguely denken, der zur gleichen Zeit wie Gsellmann, Ende der 1950er, mit dem Metall-Basteln für seinen Weltruhm begann, während der Edelsbacher Bauer nur den Spott seines Dörfchens erntete.
Tatsächlich soll Tinguely laut Mathilde Gsellmann Mitte der 70er-Jahre das kinetische Monster besichtigt und bei dessem Anblick zum Erbauer gesagt haben: “Deine Maschine gefällt mir viel besser als meine, denn meine haben immer verrostete Teile.” Und: “So eine Maschine könnte ich niemals bauen, eine, die so schön bunt ist und leuchtet.”
Auch viele andere Künstler fühlten sich davon angezogen, der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth etwa nannte das Ding einen “Zufallsgenerator, der Selbstmord begangen hat”.
Solche Anekdoten, die Entstehungsgeschichte und Hintergründe hat Klaus Ferentschik, der vor Ort bei der Familie, in vielen Interviews und Archiven recherchierte,  in dem kürzlich erschienenen  biographischen “Weltmaschinenroman” über Gsellmanns Leben zusammengetragen.

Natürlich steckt in dieser launigen Geschichte auch einiges Potential  zur Gedankenspielerei, etwa wie stark die karmische Wirkung von Gsellmanns Schaffen auf  Tinguely gewesen sein mag. Ob das Ding wegen der eingebauten Madonnen- und Christusfiguren als industriezeitgemäßer Altar konzipiert war oder ob seiner reinen Selbstbezüglichkeit als Metapher des absoluten Solipsismus zu denken sei oder wegen der undurchschaubar vernetzten Funktionsweisen als ein Ausdruck des Alles mit Allem verbindenden Anatman?
Auch der Verwirrstifter Heidegger hätte bestimmt seine Freud’ daran gehabt, da er sich der Ontologie des Monstrums wohl genähert hätte, indem er dessen monstern aus der Bedingtheit des Sein-Zeit-Verhältnisses von der kleinsten Schraube bis zur ohrenbetäubenden Lärmerzeugung begriffe – wobei die Maschine gleichzeitig  als Sinnbild für seine Befürchtung stünde, die vom Menschen geschaffene Technik könne sich zum transzendenten Selbstzweck, zum angebeteten Götzenbild entwickeln (womit sich die ‘Altar-Hypothese’ schließt).

All solche Fragen hat der Bauer Franz Gsellmann in seine Scheune gestellt und wurde damit, wahrscheinlich ohne es zu ahnen, zu einem frühen Protagonisten der ‘Experimentellen Philosophie’

wf

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