Texterl zum Tage

Dein Leben ist so lang eine Kette von narzisstischen Kränkungen, bis du die Vorstellung von der herausragenden Bedeutung deines Ego losgelassen hast.

WF

Wem’s hier gefällt…




internes Archiv

20172016201520142013201220112010200920082007

2017

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

Plugin by Oliver Schlöbe

Mit den „Denkern des Abendlandes“ philosophieren

So, nun haben wir also mit knisternder Vorfreude unsere Schwedenfackeln für die Outdoor-Philosophie vorbereitet, aber manchmal mag einem just nach dem Entzünden gar kein brauchbares Thema einfallen, trotz tausender Funkenmonaden in der Glut und Millionen Spiralgalaxien am Firmament.
Ah, keine Sorge, philosophieren kann man eigentlich über Alles, wenn auch nur scheibchenweise, wie die immer wieder gescheiterten Versuche mancher Paradigmatiker zeigen, die glaubten, dieses „Alles“, das Sein und das Nichts, in einem totalitären umfassenden Konzept darstellen zu können und damit das „Ende der Philosophie“ erreicht sehen wollten.

Allerdings ist es hilfreich beim ‚Schürfen nach Erkenntnis‘, wenn man dafür ein paar Werkzeuge hat und sich vorher mal mit deren Verwendung vertraut gemacht hat.
Wichtig ist auch die richtige erhöhte Aussichtsposition, damit man über die eigene geistige Kleingartenhecke hinausblicken kann und nicht etwa wie ein Wurm aus seinem Löchlein glotzt und die Erdkrümel vor seiner Nase schon für Berggipfel hält.

Eine Möglichkeit wäre etwa, die Position des ‚Mann im Mond‘ einzunehmen und sich die Aufführung des Theaterstückerls „Der Mensch“ (mitsamt seiner eigenen Statistenrolle) dabei von oben anzusehen – der Spass daran oder der Ärger darüber stellt sich von selber ein, und wenn’s bei Untalentierteren dann bloß zum Granteln reicht wie bei Statler & Waldorf in der Loge der Muppet-Show, haben zumindest die Anderen noch ein Vergnügen daran.
(Allerdings muss der Talentierte, der ohne sichtbare eigene Betroffenheit oder joviale Anbiederung an die Bühnenakteure versucht, in einem Disput Überblick zu behalten, damit rechnen, für arrogant gehalten zu werden.)

Die Frage, welche Lektüre denn als Einstieg ins ‚Handwerk‘, als Übersicht für Philo-Novizen geeignet sei, wird von den ‚alten Hasen‘ zwangsläufig, je nach ihrer eigenen Belesenheit, wohl ziemlich unterschiedlich beantwortet werden. Leider schrecken viele „Einführungen in die Philosophie“ trotz allem scheinbaren Bemühen um Allgemeinverständlichkeit durch einen veritablen Bildungsdünkel der Autoren, sprich internen Fachjargon ab, der IMHO erst ab einer gewissen ‚diskursgestählten‘ Reflexions- und Abstraktionsebene sinnvoll ist. Manche Autoren stauben in trocken-akademischem ‚Frontalunterricht‘ so vor sich hin und nicht selten übertünchen dabei die vermeintlich ‚Höherberufenen‘ die Geistesgeschichte mit ihrer eigenen philo-ideologischen Farbmischung.

(Unter den Rezensionen habe ich hier gelegentlich ein paar einigermaßen einsteigertaugliche Neuerscheinungen der letzten Jahre besprochen; für Jugendliche konzipiert sind etwa das „Leben lernen“ des französischen Philosophen und vormaligen Erziehungsministers (sic!) Luc Ferry oder die fiktive Hubschrauber-Zeitreise von Werner Simon.  Auch der Dauer-Bestseller „Wer bin ich?“ von R. D. Precht ist nicht so schlecht, wie von manchen Könnte-ich-besser-Kritikern abgetan, allerdings auch nicht ganz so toll, wie von aufgekratzten Lese-Tanten belobhudelt – immerhin gelingt es Precht, den zeitgenössischen Stand der Diskussionen zu wichtigen Themen zusammenzufassen und er ist anregend im Sinne von ‚Lust-auf-mehr‘.)

Aber Einsteiger-Klettertouren ins philosophische Gelände sind auch durchaus TV-tauglich. Für recht gelungen halte ich etwa die von BR-alpha produzierte Gesprächsreihe zwischen Harald Lesch (den solltet ihr ja kennen) und seinem Freund, dem Münchner Philosophen Wilhelm Vossenkuhl, die zum Nach-Schauen nun auch dauerhaft in die BR-Videothek gestellt wurde. Da kommt die ähnlich konzipierte Arte-Philosophie-Reihe qualitativ nicht ran.

Diese jeweils halbstünden „Denker des Abendlandes“ sind entspanntes, aber kluges Geplauder und hinterlassen durch den damit verbundenen sinnlichen Eindruck in den Synapsenverbindungen wohl nachhaltigere Vernetzungen als die Lektüre entsprechender Wikipedia-Artikel (die teilweise auch noch schwammig und missverständlich formuliert sind).
In jedem Beitrag geht’s um ein bestimmtes Thema: Von den Naturphilosophen des antiken Griechenland über Platon, die Stoa, Hume, Kant, Schopenhauer & Nietzsche, über Husserl & Heidegger zu den philosophischen Hauptströmungen des 20. Jahrhunderts und etliches mehr…

Lesch kann bekanntlich gut auch in ein nicht unbedingt mainstreamiges Thema verständlich einführen und er mimt im Verlauf der Gespräche in seiner manchmal spitzbübischen Art dabei schon mal den Naiven, dann wieder den auf empirisch-wissenschaftlicher Nachvollziehbarkeit bestehenden Skeptiker, während Vossenkuhl in humorvoll-nachdenklichem Stil (sein Markenzeichen und auch integraler Bestandteil seiner Philosophie) auch komplexe Zusammenhänge im philosophischen Denken allgemeinverständlich und anschaulich darstellt, oft ins Anekdotische driftend ohne dabei allzusehr zu simplifizieren.

Man kann, muss aber die Beiträge nun nicht in historisch-chronologischer Reihenfolge ‚abarbeiten‘, um sich einen Einblick, ein Grundverständnis für die mannigfaltigen Ideen und Themen der Philosophie quer durch die Jahrtausende zu verschaffen, wenngleich allerdings eine Betrachtung des aufeinander Aufbauenden manche Unklarheiten vermeiden helfen kann.
Als ‚Appetizer‘ möchte ich, passend zu einigen hier schon verhandelten Themen, die Sendung „Der Wiener Kreis und Ludwig Wittgenstein“ empfehlen, die sich mit dem Wandel von der metaphysischen Art des Philosophieres zu der modern-analytischen beschäftigt, zu der Zeit, als der „Logische Empirismus“ (wieder mal) irrtümlich für ein taugliches Welterklärungsmodell angesehen wurde; weil es dabei – aufgepasst ihr mitlesenden Lyriker und Poetologen! – auch um die Anfänge der modernen Sprachphilosophie geht.

Also, einundvierzig Mal eine halbe Video-Stunde investieren (= weniger als ein Tag!) ist ja wohl nicht zuviel, um sich eine kleine Grundlage der philosophischen Denke zu erarbeiten – kann man ja auch zwar wenig stilvoll, aber immerhin gemeinsam via iPad oder Laptop am Feuerle gucken und dann gleich selber weiterlabern…

Sendereihe „Denker des Abendlandes“ bei BR-alpha


Nachtrag: Im „Theorieblog“ stellt sich Susanne Schmetkamp die Frage „Philosophie in Radio und TV – Bringt das was?“ und resümiert: „Philosophische Häppchen können zur Verdummung führen, so wie alles Herumgehopse im Netz und zwischen Netzwerken sicherlich zur Verdummung beitragen kann. Sie, die philosophischen Formate in den öffentlichen Medien, können aber auch die Verdummung zu bekämpfen helfen, wenn sie Pluralität und das Können der zeitgenössischen Philosophie widerspiegeln.“

wf

3 comments to Mit den „Denkern des Abendlandes“ philosophieren

  • Michi M.

    Die Frage, ob Philo-Talks in Radio und TV was bringen, würde ich unbedingt mit „Ja!“ beantworten. Denn auch wenn mögliche philosophische Sichtweisen auf viele Themen dabei nur „angeschnipselt“ werden, zeigen sie doch, dass es eine Reflektionsebene jenseits des „Alltagsgeschäfts“ in Politik und Medien gibt.
    Viele Menschen (zumindest in meinem Umfeld) halten die Philosophie immer noch für eine rein akademische Polstersessel-Schwurbelei ohne Realitätsbezug. Da hat die Susanne am Schluss ihres Beitrags schon Recht, dass auch (lesbare) Philo-Blogs solchen Vorurteilen entgegen wirken können.
    (Übrigens hat sich ein Freund von mir neulich im Baumarkt eine Kettensäge gekauft, um selber Schwedenfeuer basteln zu können ;-)

  • Marla Peters

    Nein! es verhält sich genau anders herum. Philosophie bedeutet die Dinge in einer tiefe zu betrachten, die in im Rahmen einer Fernseh oder Radiosendung einfach nicht geleistet werden kann. Philosophie ist eben nicht nur Reflektionsebenen aufzeigen, sondern sie auch zu hinterfragen und reflektieren. Weit mehr auls nur das Aufzeigen von Möglichkeiten ….

  • wf

    @ Marla: Dein Einwand gegen diese Art von Philo-Sendungen ist ein pseudoelitärer aus dem akademischen Elfenbeinturm und greift hier gar nicht, weil es hierbei ja nicht um vertiefte und abstrahierende Reflexionsebenen zu komplexen Fragestellungen geht, sondern um eine didaktisch-pragmatische Heranführung an und Lustmachung auf die Vielfalt der Philosophie.
    So wie man auch in der Musik, der Literatur, im Schach o.a. erst ‚Tiefe‘ erlangen kann, wenn man nach einem ‚reizenden‘ Einstieg genug Motivation für das Arbeiten und Schürfen aufbringt.
    (Nachtrag: Hab grad gsehn, dass dein Eigenlink auf eine rein kommerzielle Seite führt und mir erlaubt, selbigen zu entfernen; auch wenn du dich im Kommentar inhaltlich auf den Blogartikel beziehst, betrachte ich den unseriösen Backlink als Spamversuch, auch auf die Gefahr hin, dich als Kommentatorin damit zu verlieren ;-)

Schreibe eine Antwort zu wf Antwort abbrechen