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Je planmäßiger der Mensch vorgeht, um so wirkungsvoller trifft ihn der Zufall.

Friedrich Dürrenmatt

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Leben lernen: eine philosophische Gebrauchsanweisung

Ne, trotz des verdächtigen Titels kommt dieses philosophische ‚Survival-Kit‘ nicht aus der Ratgeberecke der unterkomplexen Weltanschauungen leicht konsumierbarer Sinnerklärer, sondern ist ein geistreicher und gelungener Versuch, jedem philosophisch interessierten ‚Einsteiger‘, vor Allem Jugendlichen, Freude an der Selbstreflexion und erweitertem Denken zu vermitteln.

luc ferryDazu unternimmt der Autor Luc Ferry, vielfach preisgekrönt und französischer Erziehungsminister von 2002-04, eine Exkursion durch die Ideen- und Wirkungsgeschichte der (europäischen) Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, wobei er neben die historischen Rahmenbedingungen die Frage nach dem konkreten Nutzen der jeweiligen Weltanschauungen in den Mittelpunkt stellt. Er erläutert ausführlich, warum sich das metaphysische Heilsversprechen des Christentums gegen das kosmologische griechische Weltbild durchsetzen konnte; wie Aufklärung, Humanismus und die Freiheitsvorstellungen von Descartes, Rousseau, Kant und Hegel die moderne Philosophie begründeten, bevor deren Ideale in der Dekonstruktion der Postmoderne, vor Allem durch Nietzsche, hinterfragt und scheinbar den neuen Götzen von Materialismus, Ich-Bezogenheit und Technokratie geopfert wurden.

Dabei bleibt Ferry aber nicht stehen, sondern er schlägt einen Bogen von Husserl über Heidegger in die Gegenwart, für die er jenseits von Skeptizismus und Dogmen jeglicher Art einen neuen Humanismus der liebenden Selbst- und Mitverantwortung fordert – weit über den herrschenden oberflächlichen Pluralismus hinaus.
Als didaktischen ‚roten Faden‘ hat Ferry die „klassische“ Einteilung der Philosophie in „Theoria“ (Erkennen der Realtität), die „Ethik“ (zwischenmenschliches Verhalten und Gesetze) und die „Weisheit“ (Suche nach dem persönlichen Lebenssinn) gewählt, anhand derer er die Zusammenhänge und Schlussfolgerungen der geistigen Prozesse verdeutlicht und mit vielen Beispielen erhellt.
Natürlich können auf gut dreihundert Buchseiten die komplexen Verflechtungen der Geistesgeschichte nicht in aller Tiefe dargestellt werden, mancher wichtige Denker, manche bereichernde Nebenströmung muss sich mit einer kurzen Erwähnung begnügen, doch der Einstieg zum Verständnis der Zusammenhänge gelingt Ferry mit seiner gut verständlichen Schreibe, zumal er weitgehend ohne akademisches Fachgedöns auskommt.

Seinen Lesern, denen Ferry im vertraulich-dialogischen Duz-Ton begegnet, macht er jedenfalls klar, dass Philosophieren keine Zitate-Klopperei bedeutet, sondern die Möglichkeit, ein reflekierendes Bewusstsein über das Bewusstsein zu entwickeln und für jeden Denkenden auf die Frage ‚Was soll ich tun?‘ Antwortoptionen bereit hält.
Keine „ex-und-hopp-Lektüre“, sondern Anregung zu eigenem kritischen Denken – fundiert und mit Schmackes.

„Leben lernen: eine philosophische Gebrauchsanweisung“ – von Luc Ferry
Kunstmann Verlag, 318 Seiten

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wf

2 comments to Leben lernen: eine philosophische Gebrauchsanweisung

  • zarathustra

    Ja, das Buch ist schon ein guter Einstieg angesichts der komplexen Thematik. Aber ich finde, man sollte gerade mit jugendlichen Lesern, denen man das Buch vielleicht geschenkt hat, nach der Lektüre drüber diskutieren, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Denn logischerweise hatte Ferry nicht den Raum, um auf manche grundlegende Konzepte wie den Substanzdualismus, die empirische Erkenntnistheorie, die ‚kritische Theorie‘ der Frankfurter Schule etc. detailliert einzugehen. Aber die sind für eine aktuelle gesellschaftsphilosophische Diskussion von großer Bedeutung.
    Mit dem christlichen Weihnachten habe ich zwar nichts am Hut, aber das Buch werde ich zu dieser Gelegenheit ein paar Mal verschenken – von sich aus wirds ein Jugendlicher kaum kaufen.

  • Philosophische Schnipsel

    […] er ganz gut zur kleinen ‘Einsteiger-Bibliothek’ neben die hier schon besprochenen Luc Ferry und Werner Simon zu passen und angesichts des Medienhypes wäre ich nicht überrascht, beim […]

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