Texterl zum Tage


Es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.

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Vom Wertewandel der Arbeit

Das Arte-Kulturmagazin „Tracks“ widmet dem Thema ein Special

Was können wir uns unter dem Begriff der „Arbeit“ in Zeiten ihres radikalen Wandels eigentlich noch vorstellen? Wohl kaum noch das Auslaufmodell der produktionsorientierten und zeitlich starr geregelten Erwerbstätigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltssicherung, welches durch das Scientific Management des Taylorismus  und die Effizienzlogistik des Fordismus geprägt war. Wenn stattdessen die Industrieverbundanlage 5.0 sich demnächst ihrer störanfälligsten Teile entledigt und ebendiese Menschlein nach Hause schickt, auf dass sie sich dem Marx’schen Freizeitideal hingäben um „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe“. Wobei natürlich Jagen, Fischen, Viehzucht durch Facebooken, online-Shoppen und 3-D-Druckerbasteleien ersetzt werden dürfen.

Nun gibt es weltweit etliche Think Tanks, die diese Veränderungsprozesse zu anlysieren versuchen und auf ihre utopischen wie dystopischen Perspektiven hin ausleuchten, darunter Institutionen wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit ihrem eher biederen Dialogprozess Arbeiten 4.0 oder ‚Qualitäts-Medien‘ wie die SZ in Reportagen über die „Zukunft der Arbeit„. Auch in der Philosophie war und ist (nicht nur bei Marx) die Arbeit als Konstante des menschlichen Daseins ein Thema. Bei den alten Griechen galt die physisch-handwerkliche Tätigkeit als unvereinbar mit dem Ideal der geistig-kontemplativen Muße als Grundbedingung für eine „bewusste schöpferische Auseinandersetzung mit der Natur und der Gesellschaft“ (Platon), was sich in einer Sklavenhaltergesellschaft ja locker so formulieren ließ. Ganz anders dann in der protestantisch-calvinistischen Arbeitsethik, aber auch bei Kant, Herder, Hegel u.a., als das Arbeiten zur sittlichen Pflicht erhoben wurde. In der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ wird sogar ein Recht auf Arbeit eingefordert. Dass dieses Recht aber eines Tages aufgrund der fortschreitenden Automatisierung obsolet werden könnte, haben Manche schon früh vorausgeahnt. So schrieb etwa Hannah Arendt in ihrem Werk „Vita activa oder vom tätigen Leben“ bereits 1958: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“

logo arte tracksWarum ich für euch zu diesem Thema nun einen aktuellen Beitrag des Arte-Kulturmagazin „Tracks“ ausgewählt habe, liegt auch daran, dass die Sendung hier wieder mal lobend erwähnt werden soll. Denn deren Selbstbelobigung als „radikales, avantgardistisches Popkultur-Magazin auf der Spur von Zeitgeist, Lebenswelten und künstlerischen Erfahrungen“ ist so falsch nicht, weil  es als Seismograph der kulturellen Drift taugt, oft Trüffeln abseits des Mainstream ausgräbt und interessantes Material für Cultural Studies liefert, nicht nur in Sachen Musik, auch zur weltweiten Off-Theater-, Dance- und Performance-Szene, Malerei & Graffitti, Videokunst, und eben wie hier zu soziokulturellen Themen.

Angenehm auch, dass dabei keine eitlen Moderatoren-Selbstdarsteller ihr Danning-Kruger-Syndrom zur Schau stellen wie in manch anderen Kulturmagazinen, sondern dass der leicht ironische Kommentatorinnensound und die teilweise schrägen Künstler-Interviews erst gar keinen Verdacht von Bildungsbürgeranbiederung aufkommen lassen. Eine reine Jugendsendung also? Ganz klares „Ja“, wenn man unter Jugendlichkeit die (altersunabhängige) Neugier auf Unkonventionelles und den Spaß am Freakigen versteht – auch wenn man dabei nicht alle dort präsentierte „Kunst“ toll finden muss.

In diesem Arbeit-Special ist der norwegische Philosoph Lars Svendsen, der sich passenderweise mit einer „Kleinen Philosophie der Langeweile“ seine philosophischen Meriten verdient hat, zu Gast und es gibt natürlich ein paar amüsante Gschichterl rund um neue Arbeits- und Selbstverwirklichungsformen.

 

(Leider durfte der Film in Arte+7 aus medienrechtlichen Gründen nur bis 10.5. vorgehalten werden – obwohl dessen Produktion aus öffentlich-rechtlichen Kassen, also von uns allen, finanziert wurde…)

 

Wahrscheinlich wir werden nicht drumrumkommen, uns über eine gesellschaftlich notwendige Umverteilung der Wertschöpfung durch nichthumane Produktion ernsthaft Gedanken zu machen, etwa in Form eines Grundeinkommens für Alle – womit wir wieder bei Marx und Platon, allerdings ohne menschliche Sklavenarbeit, angekommen wären und uns endlich anständiger Arbeit widmen könnten, wie sie der gute Ludwig Hohl im Sinn hatte: „Arbeiten ist nichts anderes als aus dem Sterblichen übersetzen in das, was weitergeht.“

wf

3 comments to Vom Wertewandel der Arbeit

  • Mariandl

    Gutes Jugendmagazin, aber ich glaub ned, dass Arte als Nischenprogramm damit wirklich viele erreicht.

  • Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang zudem auf den sehenswerten Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ von Carmen Losmann, der die Absurditäten von Arbeit und die Konstruktion von Wirklichkeit mittels Worten im Manager-Neusprech sowie die Konditionierung von Denken aufzeigt: wie wir uns in der schönen neuen Arbeitswelt selber disziplinieren. Und wie es nicht anders im eitlen Mediennarzißmus sein darf, verweise ich auf mich selber, denn ich habe den Film 2012 bei mir im Blog besprochen: https://bersarin.wordpress.com/2012/04/27/„work-hard-play-hard-notizen-aus-der-arbeitswelt-die-leistungsdarsteller/

  • wf

    @ Mariandl: Was heißt hier Nische? In unserer ausdifferenzierten Medienlandschaft gibt es nur noch solche, über 15% Marktanteil erreichen doch nur noch manche Bundeskickerentscheidungsschlachten. Um gesellschaftliche Wirkung zu erzielen, muss ich ja erstmal nicht die breite Masse erreichen, sondern die paar Fische, denen der Rest des Schwarms folgt. Arte hat in den vergangenen Jahren nicht nur mit geistreichen Kulturmagazinen, sondern auch durch viele preisgekrönte Dokus ein ‚relevantes‘ Publikum um sein Lagerfeuerchen versammelt. „Tracks“ dürfte die inzwischen meistgesehene Jugendkultursendung sein (hat auf seiner FB-Seite über 360.000 Fans, also mehr als etwa die „SZ“).

    @ Bersarin: Bei der Ausführlichkeit und Reflexionsintensität deiner Besprechung von „Work Hard – Play Hard“ kann man sich das Angucken der Doku ja fast sparen (interessant auch die Diskussion bei dir, wenngleich sie thematisch dann auf andere Felder mäandert).
    Den Film hab ich irgendwann auf Arte gesehn (s.o.) und er verursachte bei mir eher ein leichtes Gruseln bei der Vorstellung, dass manche meiner jugendlichen Coachees irgendwann gezwungen sein könnten, sich in dieser Art von Arbeitswelten zu verdingen. Da kann man doch nur auf eine baldige Veränderung dieses Status Quo hoffen, und sei es mit Unterstützung der „bösen“ Algorithmen ;-)

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