Texterl zum Tage

 

Reine Mathematik ist Religion.

Novalis

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
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Guter Fussball lebt von Voodoo und Intuition

Für die meisten Afrikaner ist die Magie im Fußball das spielentscheidende Element, und so gehören zu jedem afrikanischen Fussball-Team, obwohl offiziell untersagt, neben Trainerstab und Masseur einige „Witchdoctors“, die mit allerlei Voodoo-Zauber und magischen Ritualen dafür sorgen, dass überall, wo in Afrika der Ball rollt, auch die Geister mitspielen.

voodoo-steinfigurenNun kann man nicht unbedingt davon ausgehen, dass unsere europäischen Spieler davor gefeit sind; immerhin benutzen wir für das Unerklärliche, scheinbar Übernatürliche lieber den eleganten Begriff der ‚Intuition‘, die im allgemeinen Sprachgebrauch gern mit ‚göttlicher Eingebung‘ gleichgesetzt wird – im Fussball historisch belegt durch viele spukhafte Fälle wie etwa bei dem bairischen (also naturvolksähnlichen) „Bomber“ Gerd Müller, der sich scheinbar planlos an eine unverdächtige Stelle im gegnerischen Strafraum schlich, scheinbar zufällig eine halbe Pirouette vollführte, wobei ihm öfter scheinbar „irgendwie“ (sagte er mal im Interview) ein Ball auf den durchgezogenen Vollspann droppte, den er anscheinend ohne eigenes geistiges Zutun zum „Zaubertor“ verwandelte.

Oder bei jenem irregulären Tor Diego Maradonas, als gar die „Hand Gottes“ konkret ins Spielgeschehen eingegriffen hatte, wie tausende von Gläubigen bezeugten.
Richtig unheimlich erschien der Widerstreit höherer Mächte bei der letzten Fussball-WM, als ein gewisser Zidane einerseits zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde, der andererseits aber im Endspiel ebenjenes Turniers mit einem spontanen, intuitiven Kopfstoss einen italienischen Verteidiger niederstreckte. Das hatte ja eher etwa Teuflisches, etwas von der Konsequenz einer Voodoo-Besessenheit – woran man wieder mal erkennt, dass sich der Einfluss der guten und der bösen Götter auf das menschliche Schicksal etwa die Waage hält.

Nun ist aber die Intuition ein zwar spontan auftretendes, aber keineswegs zufälliges Geisteszucken und wird deshalb abseits des einfachen Volksglaubens auch von Neurowissenschaftlern, Psychiatern und Philosophen als ernstzunehmende Entität des menschlichen Geistes diskutiert.

Ziemlich früh schon, noch in der dunklen vorfussballerischen Zeit, erkannte der holländische Pantheist Spinoza, dass die „Intuition die Dinge in ihrer Bewegung erfasst“ und antizipierte damit wohl das Spiel seiner späteren Landsleute; für die Deutschen sah Goethe in der Intuition ein „höheres Vermögen“, das aber den reflektierenden Intellekt brauche, um präzise Berechnungen anzustellen.
Die Goethe’sche Ahnung verfeinerte Edmund Husserl in seinem Kernkonzept der Phänomenologie, in der sogenannten „Wesensschau“, die den Zugang zur wesenhaften Struktur eines Gegenstandes ermöglichen soll und so von individuellen Besonderheiten oder zufälligen Variationen abstrahieren kann. Da dieser Denkprozess einer direkten inneren Anschauung am nächsten komme, nannte Husserl ihn Intuition.

Genauere Überlegungen zur Intuition stellte dann, nachdem der Fussballsport schon von England auf den europäischen Kontinent geschwappt war, der französische Literatur-Nobelpreisträger Henry Bergson an, der als einer der bedeutendesten Vertreter der Lebensphilosophie die Entwicklung alles Lebendigen zu charakterisieren versuchte.
Sein markantestes Philosophem ist das „élan vital“; der Begriff bezeichnet den ‚Aufschwung‘ als die gemeinsame Bewegung der lebendigen Dinge (der Arten, Gattungen, Individuen), die mit einer zunehmenden Explosivität, energetischen Potentialität und Beweglichkeit sowie entsprechender kognitiver Aktivität einhergeht.
Eben diese kognitive Aktivität wurde in den letzten Jahren verstärkt Gegenstand des Interesses der Hirnforschung und es offenbart sich zunehmend, dass die Intuition desto öfter und ’stimmiger‘ ins Geschehen eingreift, je mehr Erfahrungen aus jenem Lebens- oder Aktivitätsbereich vorher in den neuronalen Clustern gechunkt und ins Unbewusste hinein gesenkt wurden, also mit der Qualität und Intensität vorangegangener Lernprozesse korrellieren.
Das ist nicht nur im Sport so, sondern auch in Kunst und Wissenschaft, im Höchstmaße sichtbar etwa bei einer komplexen Jazzimprovisation oder im Blitz-Schach; da is keine Zeit mehr zur Reflexion über den richtigen Ton oder den besten Zug und doch funkelts oft genialisch.
Nun is eigentlich klar, woher’s kommt, aber der gemeine Fussball-, Musik- oder Schach-Fan hat ja in der Regel diese zeitintensiven Antizipations-Prozesse nicht im eigenen Hirn durchlaufen und deshalb erscheinen ihm derartige intuitive ‚Geistesblitze‘ als etwas Magisches, Göttliches. Da schwingt wohl auch noch die jahrhundertelange Denkart der Platoniker und Mystiker aller Coleur mit, die noch gar nichts von diesen Hirnaktivitäten ahnten und Erklärungen nur im Metaphysischen suchen konnten, wie in Platons Ideenwelt oder allerlei göttlichen Offenbarungen. Sogar Einstein spielte ein wenig ironisch mit diesem Mythos, als er einem Interviewer vertickte, dass er zur Entdeckung der Relativitätstheorie allein durch Intuition gekommen sei.

Wobei natürlich noch angemerkt werden muss, dass die Intuition auch oft die Initialzündung für eine indizienfreie Vermutung ist und somit in der Kriminalistik, in Liebesangelegenheiten oder ähnlich spekulativen Bewertungssystemen eine wesentliche, wenn auch oft falsche Entscheidungsfunktion übernimmt. Doch wollen wir uns der gebotenen Blogkürze wegen hier auf fussballkompatible Aspekte der Intuition beschränken – Krimi-Interessierte können später noch dahin zurückblättern

Gerade weil in unserer Leistungsgesellschaft der Wert einer Sache oder die Einbringung in eine Arbeit an der rational bewertbaren Funktionalität und Ergebnismaximierung (über)bemessen wird, schafft das scheinbar Irrationale der Intuition oft erst Zugang zu unserer Emotionalität. Auch im Fußball hat sich in den letzten Jahren zunehmend die logische und computerausgewertete statistische Analyse von leistungsbezogenen Daten (Fitness, Laufwege, …) als Trainungsmethode und Beurteilungskriterium der Spieler durchgesetzt, so dass der scheinbar spontan-geniale Spielzug, Pass oder Freistoss die Koexistenz verschiedener Seelenzustände, der Ratio und der Intuition, ausgleichen muss.

Und darum, Jungs, die ihr am Kap für den Fussball als Religionsersatz zu Felde zieht: gebt euch a bisserl Mühe mit der Inszenierung des Spukhaften, denn sowohl für die magische Kunst des Voodoo als auch für die bezaubernde Umsetzung eurer Intuitionen gilt zumindest bei echten Fussball-Fans der Anspruch von Lichtenberg:
„Je mehr man von einer Sache versteht, desto feinere Verhältnisse verlangt man.“

wf

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Buchtipp zum Thema:
voodoo im fussballDer  Dokumentarfilmer und Politologe Oliver G. Becker hat  seine Film-Doku „Kick the Lion – Fußball und Magie in Afrika“ nun auch in Buchform umgesetzt. Es beinhaltet viele zusätzliche Informationen und Forschungsergebnisse, insbesondere auch zur Geschichte des Fußballs in Afrika, der bereits im 19. Jahrhundert von Kolonialbeamten, europäischen Soldaten und Missionaren nach Afrika gebracht wurde.
Von Ghana im Westen über Südafrika und Swasiland im Süden des Kontinents bis nach Uganda und Tansania im Osten Afrikas dokumentiert Becker die offiziell nicht erlaubten Praktiken: Ein Besuch beim ‚Witchdoctor‘ gehört zum Ritual vor Spielbeginn, er soll helfen, die eigene Mannschaft zu stärken oder die Kräfte des Gegners zu schwächen.

Oliver G. Becker: „Voodoo im Strafraum: Fußball und Magie in Afrika“
Verlag: C.H. Beck, 198 Seiten – ISBN: 978-3406601316

2 comments to Guter Fussball lebt von Voodoo und Intuition

  • Grad bei den „naturvolksähnlichen“ Bayern sind nicht nur unter Fussballern, sondern im ganzen Volk Voodoo-Rituale bis heute weit verbreitet – man besuche nur einmal so eine kultige kerzenbeflammte Marienandacht auf dem Lande und lausche dem beschwörenden Murmeln der gottesfürchtigen Weiberl…

  • Hopoiotheismus

    […] … hierbei gehts eigentlich eh nicht wirklich um Fußball, also verlinke ich’s: Guter Fussball lebt von Voodoo und Intuition […]

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