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Romantik. Alle Romane, wo wahre Liebe vorkommt, sind Märchen – magische Begebenheiten.

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Und Gott würfelt (vielleicht) doch

Florian Aigner untersucht in „Der Zufall, das Universum und du“ das Glücksspiel des Lebens

Glaubt von euch noch jemand an den Laplaceschen Dämon? Dass alles Geschehen in diesem Universum logisch erklärbar, deterministisch und kausal miteinander vernetzt ist? Quasi eine letztgültige mathematische Formel, mit der wir durch das nach-und-nach-Erkennen aller Unbekannten ein eindeutiges Ergebnis heraus bekämen? Etwa Gott = 42?

Florian Aigner - Der Zufall, das Universum und duDer Physiker und Wissenschaftsjournalist Florian Aigner kennt sich schon von Berufs wegen ganz gut aus mit so Sachen wie Chaostheorie, Entropie und der ’spooky‘ Quantenwelt, mit dem „Schmetterlingseffekt“, Paralleluniversen und „Schrödingers Katze“; und weil er sich gern über sein eigenes fachliches Gebiet hinauswagt und sich neugierig in den Gärten der Evolutionsbiologen, Mediziner, Philosophen  und Psychologen herumtreibt, kann er über Gerechtigkeitstheorie und abergläubische Tauben, über Regentänze, Lottospieler und die Roulette-Prognosemaschine, über die Lotterie der Gene, den Placeboeffekt, Telekinese, Orakelkraken, Magie und unsere allzumenschlichen Ängste kenntnisreich erzählen und damit seine „Wissenschaft vom Glück“ (so der Untertitel des Buchs) unterfüttern.
Halt! Wer jetzt vermutet, hier nochmal einen der abertausend unterkomplexen Glücksratgeber kredenzt zu bekommen, liegt falsch. Zwar bedient Aigner die buchhändlerisch ziemlich erfolgreiche Sparte der ‚Populärwissenschaft‘, doch bei aller humorvollen Leichtschreibe und Verständlichkeit bewegt er sich in den verschiedenen Disziplinen auf wissenschaftlich abgestecktem Terrain. Dort findet er zahlreiche Beispiele dafür, dass Zufälle die Welt und das Leben jedes Einzelnen zumindest mitregieren und keineswegs nur vorläufige Ausreden für das kontingente Geschehen hinter dem Schleier unserer Unwissenheit sind.
Denn, wie Aigner in seinem Blog zum Buch schreibt: „Chaostheorie und Quantenphysik haben den damaligen Optimismus über die Vorherberechenbarkeit der Welt deutlich gebremst. Heute verstehen wir viel besser, was sich berechnen lässt, und was für uns Menschen selbst bei allergrößter Sorgfalt und Messgenauigkeit bloß Zufall bleiben muss. Doch noch interessanter als die Frage, ob der Zufall in den Grundgesetzen der Natur fest verankert sein kann, ist die Frage, was der Zufall für uns bedeutet. Ist die Evolution zufällig? Ist es Zufall, dass unser Planet intelligente Wesen hervorgebracht hat? Wie kommt es, dass wir Menschen so oft Zusammenhänge vermuten, wo in Wirklichkeit bloß der Zufall regiert? In welchen Situationen gehen wir mit dem Zufall falsch um und worauf sollten wir achten, um solche Fehler zu vermeiden?“

Und so führt er die Leser durch sein Panoptikum der Zufallsereignisse in dreizehn thematisch geordneten Kapiteln, deren Betitelung schon ganz gut eine Zusammenfassung des Buchinhalts ergibt: Da zeigt er zunächst in „Der Zufall ist nicht unserer Stärke“ das evolutionär angepasste menschliche Gehirn als Sinn- und Muster-Suchmaschine, rekurriert in „Die Welt als Uhrwerk“ auf die Gültigkeit der Naturgesetze, zeigt die Grenzen der Berechenbarkeit der Welt in „Der Schmetterling kann nichts dafür“, betrachtet Zeit und Entropie in „Am Ende gewinnt die Unordnung“, bestaunt die Welt der kleinsten Teilchen in „Quanten, die wie Hühnchen schmecken“ und landet nach einigen weiteren Kapiteln schließlich bei „Erfolg ist Glückssache“ und „Der Zufall ist unser Freund“, wo er über das unerhörte Glück unserer Existenz, die ausbalancierten Naturgesetze und das anthropische Prinzip philosophiert: „Ohne Zufall gäbe es uns nicht, und ohne uns gäbe es keinen Zufall.“

Quasi nebenbei erledigt Aigner mit wissenschaftlichen Argumenten allerlei esoterischen Unsinn, die „Psi“-Gläubigkeit, die Homöopathie, den Kreationismus und so Sachen. Sehr löblich ist auch, dass er am Ende ein umfangreiches Literaturverzeichnis zu den einzelnen Kapiteln/ Fachgebieten angibt. Nicht nur als Quellennachweis, sondern auch zur weiteren Vertiefung der jeweiligen Thematik bei fachlich interessierten Leser*innen.

Ob es nun aber einen Gott gibt und ob der – im Gegensatz zu Einsteins Meinung – sich vielleicht beim Würfelspiel mit dem Spaghettimonster in der letzten Spelunke des Universums vergnügt, kann der Wissenschaftler Florian Aigner natürlich nicht beantworten. Aber weil sein Buch für alle Welt-Neugierigen (ab ca. 14 Jahren geeignet) ein anregendes intellektuelles Abenteuer und gleichzeitig niveauvolle Unterhaltung bietet, habe ich es gern in meine kleine Leihbibliothek für meine (meist jugendlichen) Coachees aufgenommen und werd es kreisen lassen…

Florian Aigner. Der Zufall, das Universum und du
Brandstätter Verlag ( 2017), 192 Seiten
ISBN-13: 978-3710600746

(wf)

 

8 comments to Und Gott würfelt (vielleicht) doch

  • be

    Ob Zufälle die Welt und das Leben jedes Einzelnen zumindest mitregieren, wird z. B. auch an der Universität Reykjavík an der Fakultät für Geschichte und Philosophie mit der Methode „Efsaga“ („Was wäre wenn“) behandelt:

    „Die Menschen haben lange gefragt, was in der Geschichte der Menschheit passieren konnte, aber nicht geschah. Was, wenn in der Antike die Perser Griechenland besetzt hätten? Was, wenn der Süden im amerikanischen Bürgerkrieg gesiegt hätte? Was wäre, wenn Hitler im Ersten Weltkrieg gefallen wäre? Es kann sicherlich Spaß machen, Fragen dieser Art zu berücksichtigen, aber haben sie einen gewissen Wert in der Geschichte? Der Vortrag wird zu dem Schluss kommen, dass dies ohne zu zögern zu bejahen ist. Reflexionen darüber, was hätte geschehen können, helfen uns besser zu verstehen, warum es so war; was fast unvermeidlich war, und was reiner Zufall und Laune des Schicksals war.“

    Einer der Forscher hat nun eine andere Rolle übernommen:

    http://gudnith.is/efni/um_mig_english

    • wf

      Dann könnte Guðni Th. Jóhannesson ja ganz gut darin sein, sich das „Was wäre wenn“, also die Überführung der ‚Launen‘ seines Denkens in politische Handlung vorzustellen – wenn da mal nicht zufällig ein großer Vulkanausbruch oder ein schnelles Auseinanderdriften der beiden tektonischen Platten die Geschichte Islands ratzfatz verändert.

  • be

    @wf
    „Es kann behauptet werden, dass die wichtigste Entscheidung, die jemals über das Schicksal Islands getroffen wurde, diejenige war, die das Essen von Fischen in der Fastenzeit erlaubt hat. “ (Gunnar Karlsson)

  • Die noch immer gegenwärtige und aus heutiger Sicht in höchstem Maße rückständige Kulturstufe der halbwegs zivilisierten Menschheit hat ihren Ursprung an dieser Stelle:

    (Genesis_2,4-9) Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

    Der Text ist etwa 3250 Jahre alt, wenn wir davon ausgehen, dass er von Mose verfasst wurde und dieser Revolutionär zur Zeit der Regentschaft von Pharao Ramses II lebte. Selbstverständlich ist der Inhalt des Mythos nicht gegenständlich, sondern funktional zu verstehen, und solange er nicht verstanden wird, bewirkt er unabhängig von „Glaube“ (Cargo-Kult) oder „Unglaube“ (Ignoranz) eine spezifische Programmierung des Unterbewusstseins, bzw. des kollektiv Unbewussten der ganzen halbwegs zivilisierten Menschheit bis auf den heutigen Tag.

    Heute programmieren wir mechatronische Roboter; in früheren Zeiten benutzte man biologische Roboter (sie nennen sich selbst Homo sapiens), um sie sich untertan zu machen. Im vorantiken Ägypten, einer zentralistischen Planwirtschaft noch ohne liquides Geld (Ursozialismus), war das eine hochentwickelte Geheimwissenschaft, die nur vom Pharao selbst und einem inneren Kreis der höchsten Priester, die zugleich Politiker waren, verstanden wurde. Der Zusammenhalt des ganzen Ägyptischen Reiches basierte im Wesentlichen auf dieser Geheimwissenschaft, und das Reich wäre zerfallen, wären die Geheimnisse verraten worden. Das „Programm Genesis“ war allerdings aus der Perspektive des vorantiken Ägypten in höchstem Maße subversiv und bewirkte zur damaligen Zeit eine grandiose Befreiung. Es führte zum „Auszug der Israeliten aus Ägypten“, der „Weiterentwicklung der menschlichen Kultur vom Ursozialismus zur Marktwirtschaft“:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/04/menschwerdung.html

    • be

      Der zitierte Text mag gegenständlich oder funktional aufgefasst werden, oder weder als das eine, noch das andere, sondern nur als Zugewinn an Logik vor 3250 Jahren gegenüber der damaligen Weltdeutung der Pharaonen.
      Denn es ist durchaus möglich, dass sowohl bei gegenständlicher wie funktionaler Auffassung die Überführung einer Sicht des Verfassers in eine Sprache – so dieser in jener Zeit diesen Text verfasst habe – ein bildhafter Ausdruck gedeutet werde, der vom Verfasser möglichweise gar nicht gegenständlich oder funktional verstanden. Wir wissen es nicht. Denn sowohl bei gegenständlicher wie funktionaler Auffassung wäre über diesen Text ja ein Bäcker (Gott) beschrieben, der Brot (Universum) backe. Was unweigerlich die Frage nach sich ziehe, was denn dann die Backstube sei.

    • be

      Sie garnierten einst den Satz „Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt“ eines klugen Menschen mit der ideologischen Behauptung „Es müsste schon lange keine unglücklichen Kinder auf dieser Welt mehr geben, wenn die Religion (= Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe) nicht wäre.“ (Stefan Wehmeier, 01.12.2008)
      Tragen Sie daher bitte Ihre Predigt nicht mir vor, sondern beglücken sie damit die ungezählten ermordeten deutschen Kinder jüdischen Glaubens, die zahllosen ermordeten kambodschanischen Kinder auf den „Killing fields“, usw. mit ihrer Weisheit. Diese sind ja nun keine „unglücklichen Kinder“ mehr, sondern Schlachtopfer jener, die keine Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe auszeichnet.

  • „Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.“ Hier wird mit Physik und Philosophie gespielt. Schöne Grüsse aus der Freidenker Galerie

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