Texterl zum Tage

 

Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.
 Franz Kafka

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

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Die Schwammerlrezepte des schachspielenden Zen-Buddhisten und Fluxianers John Cage


Das Komponieren nach Pilzen(1) ist nicht ganz ungefährlich, vor allem wenn der ausführende Musiker am Ende des Stücks  das währenddessen gebackene Schwammerl als Teil der Performance aufessen muss. So hatte der Pianist David Tudor beim Zubereiten einer solchen Cage-Kompositions-Rezeptur einmal das Pech, in Ermangelung eines kompetenten Pilzberaters einen halluzinogenen Giftling zu erwischen. Tudor kam zwar nach einigen Tagen medizinischer Intensivbehandlung wieder runter, hat aber das Piano-Pilz-Pièce nie wieder aufgeführt. Anderen Ideen seines Freundes John Cage nahm er sich allerdings weiterhin mit Leidenschaft an, nach Cage’s Tod führte er auch dessen Arbeit als musikalischer Leiter von Merce Cunninghams Dance Company fort und war einer der fleißigsten Interpreten von „4’33“.

John CageCage dagegen blieb seiner Pilzleidenschaft zeitlebens treu, nicht nur als User zur Bewusstseinsveränderung und Pionier der Myko-Ästhetik mit seiner »Mushroom Music« für präpariertes Klavier (auf dessen Saiten und Hämmern er Radiergummis, Nägel und andere Kleinteile montierte), sondern auch als Mit-Gründer der New Yorker Mycological Society (1962) und Herausgeber eines (inzwischen vergriffenen) “Mushroom Book”, u.a. mit eigenen Zeichnungen, literarischen Texten und tatsächlich genießbaren Pilzrezepten(2).
Die Pilzkunde war aber schon vorher eine einträgliche Beschäftigung für Cage gewesen und er wurde einer breiteren Öffentlickeit dadurch bekannter als mit seinen frühen Soundexperimenten, da er in der Urzeit des Fernsehens 1959 bei einer italienischen Wissens-Quiz-Show mit dem Spezialgebiet „Funghi“ den Hauptpreis von 5 Millionen Lire gewonnen hatte.

Nun mag mancher Leser hier einwenden, er habe in den letzten Wochen genug von und über Cage gehört und in der Tat war das weltweite Geburtstagsgeklingel in den Feuilletons zu seinem 100. Geburtstag (am 5. September) unüberhörbar – dabei galten doch die Künste des passionierten Schwammerlsuchers zu seinen Lebzeiten sogar vielen Gralshütern der Avantgarde als schwer verdaulich. Im kulturellen Breitensport zieh man ihn der Scharlatanerie, denn er huldige einem „Ideal der Sinnlosigkeit“, wie etwa der Spiegel 1963 anlässlich eines Cage-Konzerts in Berlin geschrieben hatte.

Weil in diesen Artikeln nun viel über Cage’s Vita, seine künstlerischen Ausdrucksformen und deren zeitgenössische Rezeption in einer Aura von Heiligenverehrung geschrieben wurde, muss das hier nicht nochmal ausgebreitet werden; wer diesbezüglich Nachlesebedarf hat, dem seien die Beiträge in der Los Angeles Times „John Cage’s genius“, in der SZ „Für Überrumpelungen immer gut“ und in der ZEIT „Als der Stille Ohren wuchsen“ empfohlen.

Lieber möchte ich ein wenig spekulieren, auch aus Gründen meiner eigenen diesbezüglichen Affinitäten, welch inspirierende Rolle der Wald, das Schach und der Zen-Buddhismus für Cage’s Schaffen gespielt haben mögen.
Dass jemand, der gern in den Wald geht, auch eine Leidenschaft für Pilze entwickelt, ist ja nun nicht so ungewöhnlich. Zum Teil aber hatten „die Anfänge dieser Passion, wie er es in den berühmten „mushroom talks“ von 1986 erzählt, ganz handgreifliche Gründe. Es war die Zeit der großen Depression in den USA, und Cage, ohne Einkommen in der kalifornischen Provinz gelandet, unternahm zeitweise den Versuch, sich mangels Geld von Pilzen zu ernähren. Es war ein gewagtes Unterfangen, denn bei allem Wohlgeschmack sind Pilze ernährungsphysiologisch eher Beiwerk; ihr Proteingehalt ist gering und Cage musste die Erfahrung machen, dass er innerhalb von nur einer Woche schwächer und schwächer wurde. Von dieser Zeit an war er gleichwohl den Pilzen verfallen.“ (via Echtwald).
Der knurrende Magen allein wird’s aber wohl nicht gewesen sein, denn Cage hatte früh entdeckt, dass das Schwammerlsuchen (wie das von ihm ebenso geliebte Schach – dazu aber später mehr…) wenn schon nicht ernährt, so doch immerhin als eine intensiv-meditative Achtsamkeitsübung taugt. Und dass man in der Stille des Walds alle Klänge sinnlich bewusster wahrnehmen kann und dass überhaupt alles Geschehen dort (wie auf dem Schachbrett) weder exakt vorbestimmt noch völlig zufällig ist, sondern dass die ablaufenden Prozesse sich nach der buddhistischen Vorstellung des bedingten Entstehens entfalten, also immer abhängig von bestimmten anderen Ereignissen oder Realitäten sind und dass weder Pilze noch Schachzüge als Entitäten betrachtet werden dürfen. Und auch wenn Cage vermutlich kein Experte in Quantenmechanik war, ahnte er wohl, dass der Wald, die Materie, die Klänge und Gedanken, in der kleinsten Skalierung eben nicht, wie es der physikalische Reduktionismus behauptet, aus winzigsten Teilchen, sondern aus deren energetischen Beziehungen zueinander bestehen. Diese Prozesse sind so „spooky“ (Einstein), dass sie in unserem heutigen naturwissenschaftlich geprägten Kausalitätsdenken noch unerklärlich sind und es wegen unserer eingeschränkten Erkenntnisfähigkeit vielleicht für immer bleiben.
In diesem Sinn und natürlich auch bezogen auf Cage’s künstlerische Arbeit mag man auch seinen Satz verstehen:

„The world, the real, is not an object. It’s a process.“ (John Cage)

Mit dieser Zen-buddhistischen Grundhaltung begann Cage ab 1950, angeregt durch mehrere Künstlerfreunde, sich auch intensiv mit dem chinesischen I Ging zu beschäftigen, das mit seiner permanenten Wandlung durch zufällig ausgewählte, aber orakelhaft sinnstiftende Symbolkombinationen für ihn zu einem wichtigen Hilfsinstrument für seine künstlerische Arbeit wurde.
Insofern kann man schon, wie manche ‚Kunstphilosophen‘ es seit jener Zeit auch gern tun, von „Cage’s Philosophie der Unbestimmtheit und Entsubjektivierung“ oder, auf den Wald bezogen, vom „retardierenden Moment der Stille als musikalisches Ausdrucksmittel“ schwallen. Wer aber von Cage selber Interpretationshinweise zu seiner Kunst hören wollte, dem empfahl er „Meister Eckhart lesen!“ oder zitierte gelegentlich Kants Bemerkung, dass es zwei Dinge gäbe, bei denen man nicht nach Sinn zu suchen brauche, nämlich die Musik und das Lachen.

Nun muss man sich zwecks meditativer Achtsamkeitsübungen zwar nicht unbedingt für einen Wald oder das Schach entscheiden, man könnte sich auch in ein Mandala vertiefen oder zeitlebens an den Türmen von Hanoi bauen, aber wie die Vorlieben eines Menschen sich auch aus seinen jugendlichen Bewegtheiten und seinem Umfeld entfalten, so wurde Cage’s Begeisterung für den Wald wohl schon früh durch seine Verehrung des amerikanischen Naturphilosophen und Waldkauzes Henry David Thoreau mitbefeuert. Und zur intensiveren Beschäftigung mit dem Schach kam er durch seine Freundschaft mit dem surrealistischen Konzeptkünstler Marcel Duchamp, der jahrelang Spitzenspieler der französischen Schach-Nationalmannschaft war. Beide verband nicht nur ein Faible für künstlerisch Unkonventionelles und Provokation, sondern trotz der ungleichen Spielstärkeverhältnisse auch das für nächtelange Schach-Sessions. Dabei ging es weniger ums Gewinnen als vielmehr um die Faszination geistiger Arbeit ohne jegliche gesellschaftliche Zweckbestimmung – für beide eine Insel, sich dem enervierenden Kulturbetrieb zu entziehen.

In diesen Wochen und Monaten wird John Cage aber nicht nur weltweit mit zahllosen Konzerten und Ausstellungen zu seinem Hundertsten geehrt, sondern gleichzeitig auch als wichtiger Inspirator der 1962 ins Leben gerufenen Fluxus-Bewegung, die also den runden Fünfziger feiert. Mit seiner ‚Kunstphilosophie‘ und deren radikaler Umsetzung passte Cage, quasi als elder performer, ausgezeichnet zu der Truppe um George Maciunas und Mary Bauermeister und transferierte die von Deutschland ausgehenden Fluxus-Impulse auch in die USA.

Etliche Filmdokumente mit und über John Cage hat das UBU-Web gesammelt, Infos über die diesjährigen Konzerte und Ausstellungen müsst ihr euch bei Interesse ergoogeln (sind einfach zu viele zur Auflistung hier), lediglich für Cage-Freunde aus der Alpenregion (ja, da wo I dahoam bin) hab ich die noch bis zum 7. Oktober in Salzburg laufende Ausstellung (mit einem umfangreichen Programm an Konzerten, Performances, Tanzveranstaltungen, Workshops u.a.m.) „John Cage und …“ rausgepickt.
Und zum Hören gibts nach einiger Qual der Wahl natürlich auch was, und zwar eins seiner ‚groovigsten‘ Stückerl (Cage hatte bereits 1938 sein erstes Ensemble für Schlagwerk gegründet) in neuer Bedosung:

Slagwerk Den Haag – John Cage/ Imaginary landscape no.3

    Hier nun die zwei (oben fußbenoteten) Cage-Rezepturen zum Selber-Ausprobieren:

(1) Kompositionsrezept für „Mushroom Music“ nach John Cage

»Geh hinaus in die Felder und Wälder und suche Dir einen Pilz. Bring ihn in die Küche, in die Du zuvor Dein Klavier bugsiert hast. Zähle die Lamellen des Pilzes (im Fall einer Morchel die Löchlein) oder wiege ihn nach Gramm. Diese Anzahl ergibt die Takte des Stücks (so kann ein vollpfündiger Steinpilz – je nach Tempo – etwa eine viertel bis eine halbe Stunde gespielt werden – Anm. von wf). Miss sodann seine Stängellänge in Zentimetern. Sind sie durch drei teilbar, ist das Stück im 3/4-Takt, sind sie durch zwei teilbar, spiele im 4/4-Takt. (Geht beides, liegt die Wahl bei Dir). Alle anderen Parameter des Stücks bestimmst Du selbst. Der Pilz kommt dann in den Ofen (bei 100°C). Sobald er zu kochen anfängt, beginne zu spielen.«

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(2) Original-Pilzrezept von John Cage – Mushroom Gravy

Soak a bunch of shiitake mushrooms.
Take a head of garlic and a large sweet yellow onion. Peel and chop both.Saute garlic and onions in olive oil, good oil, please. Add sea salt or tamari and fresh ground pepper.

While the onion and garlic are frying, take off the stems of the mushrooms and chop the caps and strain and reserve the soaking liquid. If you had time to kill, you could do the mushrooms earlier and use the stems to make a rich broth with tamari.

Add the mushrooms to the garlic and onion and saute some more. After a while, take the soaking liquid with some flour blended in with it and stir in and let cook a bit, adding more water or veggie broth or more flour if necessary to make the right texture. Cook until smooth, glossy and no floury taste remains. Voilá!

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Und bei einem Cage-Artikel darf natürlich am Ende, sozusagen als Ausklang in einem „Zen of Silence“, das Stückerl „4’33“ nicht fehlen; ein Schlüsselwerk der Neuen Musik, das es aufgrund einer Facebook-Graswurzelaktion in der Vorweihnachtszeit 2010 in den britischen Charts sogar bis auf Platz 21 schaffte ;-)

CD John Cage „Music For Eight“

wf


Nachtrag: Eine gut gemachte Seite zu John Cage‘ Leben und Werk ist Artsy’s John Cage page, wo ihr ausgewählte Arbeiten in Top-Qualität sehen könnt.
Artsy ist die online-Plattform des Art Genome Project: „Artsy’s mission is to make all the world’s art accessible to anyone with an Internet connection. We are a resource for art collecting and education.“

1 comment to Die Schwammerlrezepte des schachspielenden Zen-Buddhisten und Fluxianers John Cage

  • wf

    Die Macher von Artsy (Art Genome Project) haben mich gebeten, auf ihre Seite zu John Cage hinzuweisen, was ich nach Inaugenscheinnahme ihrer visuell überzeugenden Seite auch gern tue – als Nachtrag am Artikelende.

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