Texterl zum Tage

Ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.

Guillaume Paoli




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Der Systemgedanke ist keine billige Ausflucht

Bürokratische Maschinen entmündigen uns

Von Dirk Kaesler

Es war die markante Überschrift, die sowohl meine Aufmerksamkeit als auch meinen spontanen Widerspruch weckte: „Der Systemgedanke als billige Ausflucht“. In einer Rezension des neuen Buches von Peter Koslowski, „Ethik der Banken. Folgerungen aus der Finanzkrise“, wurde referiert, dass es darin um die grundsätzliche Frage gehe, ob die Finanzkrise eine „Systemkrise“ oder eine „Handlungskrise“ sei. In seinem Buch vertritt der Philosoph Koslowski von der Fakultät für Philosophie der Freien Universität Amsterdam die Meinung, dass sich „die Beteiligten“ – wer auch immer das ist – allzu oft in „angebliche Systemzwänge“ flüchten. Das einschlägige Zitat aus der Besprechung lautet: „Der Systemgedanke muss scharf kritisiert werden, wenn er für die Zuweisungen von Nicht-Verantwortlichkeiten verwendet wird.“ Die Folgerung des international erfolgreichen Wirtschaftsethikers lautet: „In jedem System tragen die in ihm Handelnden, vor allem die mit Macht ausgestatteten, Verantwortung für das System als ganzes, die Handlungen in ihm und die Entwicklung des Systems in der Zeit.“

Normativ ist es selbstverständlich überaus wünschbar, solche Forderungen zu erheben, sie gehen nur – bedauerlicherweise – an den aktuellen Gegebenheiten unseres Gesellschaftszustands vorbei. So gut das auch klingen mag, der Soziologe muss entschieden widersprechen. Und kann sich dabei nicht nur auf den theoretisch erarbeiteten Fundus seiner Disziplin, sondern zugleich auf deren empirisch belegten und immer eindeutigeren Befund berufen. Wer immer noch meint, dass es allein handelnde Individuen sind, selbst jene, „die mit Macht ausgestattet“ sind, die also zuständig und verantwortlich für das seien, was um sie herum und mit ihnen geschieht, hat nicht viel verstanden von den entscheidenden Veränderungen in der und durch die Moderne.

Es mag ja sein, dass die Systemtheorie immer noch kein sonderlich leicht zu verstehendes interdisziplinäres Erkenntnismodell bietet, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Aber so viel sollte sich dann doch auch unter Philosophen herumgesprochen haben, dass die naive Gleichsetzung von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Recht oder Kultur mit dem wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, rechtlichen oder kulturellen Handeln einzelner Menschen nicht zur Erklärung gegenwärtiger Zustände taugt.

Auch wenn uns gerade die Philosophie seit der europäischen Antike immer noch die Vorstellung liefert, dass es Einzelteile sind, die zu einem Ganzen verbunden werden oder sich selbst zu einem Ganzen verbinden, und dass diese Vorstellung auf alle Fragestellungen des Zusammenlebens von Menschen angewendet werden könne, so stimmt sie eben schon lange nicht mehr – wenn sie je gestimmt hat. Es wird auch in der modernen Systemtheorie nicht bestritten, dass die Gesellschaft aus einzelnen Menschen „besteht“, aber was mit diesen geschieht, kann nicht so ohne weiteres aus den Handlungen Einzelner hergeleitet werden.

Die soziologische Systemtheorie etwa eines Niklas Luhmann beschreibt keine Gesellschaften, die aus einzelnen Menschen bestehen. Auf hoher Abstraktionsstufe geht Luhmann von einem Geschehen aus, das sich auf sich selbst bezieht – in Luhmanns Worten: „Operationen, die aneinander anschließen“. Durch diesen Selbstbezug entsteht eine Grenze. Mit der Bildung dieser Grenze durch Operationen entstehen System und (systemspezifische) Umwelt gleichermaßen. Diese Differenz System/Umwelt liegt der gesamten Systemtheorie zugrunde.

Obgleich die soziologische Systemtheorie Luhmanns die menschliche Gesellschaft zum Thema hat, ist Handeln im allgemein verstandenen Sinn kein Begriff der Systemtheorie. In der Systemtheorie nach Luhmann kommen Menschen begrifflich nicht vor, sondern psychische und soziale Systeme, die aus bestimmten Operationen entstehen und sich aufrecht erhalten. Die zentrale Operation sozialer Systeme ist Kommunikation – diese Kommunikation wird jedoch nicht durch Menschen vollzogen, auch wenn ein Beobachter dies so ansehen könnte. Das, was als „Mensch“ beobachtet wird, entsteht vielmehr durch Kommunikation.

Wem solche Gedanken zu kompliziert erscheinen, möge sich wenigstens an den mittlerweile wirkungsmächtigsten deutschen Soziologen, Max Weber, halten. Dass dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor den menschenfeindlichen Auswirkungen des modernen, „rationalen“ Betriebskapitalismus eindringlich gewarnt hat, ist bekannt. Dass er noch eine zweite Bedrohung der Freiheit der Menschheit analysierte, ist manchen schon weniger geläufig.

Das ist umso bedauerlicher, als diese andere Gefährdung menschlicher Freiheit eine ist, die wir alle täglich sehr viel deutlicher spüren. Und sie ist es, die die Annahme vom vermeintlichen Gegensatz von Handlung und System in modernen Gesellschaften entschieden widerlegt, indem sie auf den Systemcharakter eben jener Zusammenhänge verweist, die individuelle Verantwortlichkeit als obsolet erscheinen lässt. Die Gefährdung der menschlichen Freiheit und Würde durch die andere Macht erfährt man bei jedem Versuch der Kommunikation mit der Deutschen Bahn, der Deutschen Post, der Deutschen Bank. Diese Macht heißt Bürokratie.

Wer dabei an Beamte in kümmerlichen Amtsstuben denkt, die, nachdem sie ihre mitgebrachten Frühstücksbrote am Schreibtisch verzehrt haben, zuerst ihre Zimmerpflanzen gießen und dann ihre Ärmelschoner anlegen, hat nichts verstanden. Die heutige Bürokratie heißt „Das System“.

Ihm begegnet jeder, der der Deutschen Telekom seine geänderte Kontonummer mitteilen möchte, der bei der Deutschen Bahn eine Fahrplanauskunft erbittet, der sich bei seiner Haftpflichtversicherung nach einem verbesserten Angebot erkundigt. Zuerst sind es Stimmen auf einem Sprachcomputer, die einen dazu zwingen, in grotesker Weise überdeutlich zu sprechen, um an einen der Mitarbeiter zu gelangen. Diese sind alle im Kundengespräch, so dass uns das System dazu zwingt, nervtötende Melodien zu erdulden. Gelingt es einem, eine menschliche Stimme zu ergattern, passiert es einem, dass diese laut stöhnt, weil sie gerade nicht „ins System“ kommt. Auch sie also ein Opfer des Systems!

Es kann noch toller kommen: Vor wenigen Tagen stand ich am Schalter einer Einrichtung, von der ich meinte, dass es sich um ein „Postamt“ handele, also eine Stelle, bei der ich mich beispielsweise darüber beschweren könne, dass ich nochmals Porto bezahlen muss, wenn mein Brief durch das automatische Sortiersystem derart beschädigt wurde, dass er – drei Wochen später – wieder bei mir landete, wenn auch mit einem (automatisierten) Entschuldigungsschreiben. Nun also neues Porto? Wie sagte die schick uniformierte Dame hinter dem Schalter: „Da müssen Sie sich mit der Post in Verbindung setzen, ich kann Ihnen gerne eine kostenpflichtige Telefonnummer geben. Wir sind hier die Postbank, wir erbringen nur Serviceleistungen für die Post. Wir sind nicht für die Post zuständig.“ Ungläubig starrte ich auf die Schrift hinter der Schulter der Frau: Dort steht in großen Buchstaben „Deutsche Post“, mit einem Posthorn dahinter und darunter in etwas kleineren Buchstaben „Postbank“.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts heißt „Bürokratie“ einfach „System“. Wir alle, sowohl die Menschen in den Tausenden von Callcentern, die das System akustisch darstellen, sind in ihm gefangen als auch die Menschen, die hinter Schaltern stehen, von denen nicht mehr erkennbar ist, wer diesen Service eigentlich (noch) betreibt. Wir alle sind Geiseln von Systemen geworden, die uns dazu zwingen, unsere eigenen Bankangestellten, Schaffner, Kassierer, Techniker, Paketboten, Reiseplaner und vieles mehr zu werden, und unsere PINs und Passwörter ständig parat zu haben.

Die Warnungen Max Webers vor der Entwürdigung und „Entseelung“ des Menschen durch die alles erfassende Macht des modernen, „rationalen“ Betriebskapitalismus im Zusammenspiel mit bürokratischer Herrschaft beschworen keine Hirngespinste. Seine prophetischen Warnungen sind Wahrheit geworden, Systeme organisierter Nichtzuständigkeit und organisierter Verantwortungslosigkeit beherrschen uns alle, auch diejenigen, die „mit Macht ausgestattet“ sind und uns vorgaukeln müssen, „zuständig“ und „verantwortlich“ zu sein. Die untrennbare Verbindung des Systems der kapitalistischen Ordnung des Wirtschaftslebens mit den überall entstehenden Maschinen der bürokratischen Ordnung in allen Lebensbereichen bewirkt gemeinsam die Bedrohung der individuellen Freiheit aller Menschen, wenn nicht deren ultimative Zerstörung.

Zu Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts hat diese düstere Erzählung Webers, der sie beim Übergang des 19. in das 20. Jahrhundert nur sehr allmählich und seiner eigenen Vision bis ans Ende misstrauend komponierte, eine suggestive Erklärungskraft zugeschrieben bekommen, die sie als allen anderen, mit ihr konkurrierenden Erzählungen überlegen erscheinen lässt. Weder die Erzählung von der zunehmenden gesellschaftlichen „Differenzierung“ des Emile Durkheim noch die der zunehmenden „Individualisierung“ des Georg Simmel, einem der ganz wenigen persönlichen Freunde Webers, werden sich in ihrer aktuellen Suggestion messen lassen können mit der internationalen Bedeutung der pessimistischen Rationalisierungs-Erzählung Webers. Er selbst jedenfalls starb 1920 im Bewusstsein, dass nicht „das Blühen des Sommers“ vor den ihm nachfolgenden Generationen liege, sondern „eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“.

Allein die von Menschen selbst gemachte Geschichte wird zeigen, ob sich seine düsteren Schreckensbilder am Ende des 21. Jahrhunderts bewahrheitet haben oder nicht. Nüchterne Einsicht in die Grundlagen unserer gegenwärtigen Lage sind jedenfalls besser dazu geeignet, über Systemalternativen nachzudenken als normative Forderungen zu erheben, die an den systemischen Realitäten vorbeigehen.

© Dirk Kaesler & literaturkritik.de

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3 comments to Der Systemgedanke ist keine billige Ausflucht

  • Karl

    Mir fehlt bei dieser systemischen Betrachtung das Internet als Meta-System. Das schafft ja ständig neue ’systemische Realitäten‘ und bietet gleichzeitig Alternativen zu bestehenden Kommunikationsformen an (als zentrale Operationen sozialer Systeme). Dabei lässt sich beobachten, wie sich diese Alternativen durch Selbstorganisation und ‚Schwarmverhalten‘ entwickeln, ohne dass die Luhmann’sche Systemtheorie dazu Voraussagen machen kann – allerdings könnte sie versuchen, die zugrunde liegenden psychischen und sozialen Systeme besser als bisher zu verstehen. Das ist allerdings im Internet viel komplexer als in der analog-Welt mit ihren bekannten Macht-, Gier-, Bürokratie- und Kultursystemen, weil sich die Makrosysteme im Web aus einem Vielfachen an Mikrosystemen entwickeln (und damit der partizipativen Individualität wenigstens einen Miniraum zugestehen).

  • Udo

    ..und was sollen wir jetzt tun? …vor allem: Was wollen wir tun? Können wir überhaupt wollen, was wir tun? …oder ist nicht alles Wollen sowieso nur das Produkt des Systems? …oder wie?

  • Markus

    Der Systemgedanke kann u.U. aber doch eine billige Ausflucht sein:

    http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,608931,00.html

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