Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

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Kritische Theorie und Cultural Studies

„Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung; wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen.“

Die Punkszene übersetzte diesen ‚Marschbefehl‘ Adornos in das straßentauglichere „Macht kaputt was euch kaputtmacht“ und würde man der zugrundeliegenden postmarxistischen Sozial- und Kommunikationstheorie der ‚Frankfurter Schule‚  unreflektiert folgen, erstürbe jedes intellektuelle Engagement zur Entlarvung der Pappnasen und des Aufpäppelns zarter Kulturpflänzchen in den (früheren) paradigmatischen Ausschließlichkeitsansprüchen und Denkverboten von Habermas & Co.

kritische theorie

Bei Vielen steht die ‚Kritische Theorie‚ deshalb heute noch in dem Verdacht, als Denk-Erbe von Hegel und Marx die Gesellschaft als antagonistische Totalität zu betrachten, in der sich kulturelle Entwicklung niemals in der Massenkultur ereignet, sondern nur in den Anfangsstadien der Subkultur, oder, Adornos Eliteanspruch gemäß, in den schwindelerregenden geistigen Höhen der Top-Avantgarde.
Dahinter steckte die ‚Kulturindustriethese‘, nach der die Ökonomie alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt und so Kunst und Kultur in Waren verwandelt. Wie  Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ schlüssig zeigten, wird dadurch das Alltagsleben, Empfinden und Denken der Kulturkonsumenten bestimmt und der Mensch von eigenen Bedürfnissen abgekoppelt: „Immerwährend betrügt die Kulturindustrie ihre Konsumenten um das, was sie immerwährend verspricht.“

Diese, sagen wir mal ‚asozial-elitäre‘  Interpretationsebene der Kritischen Theorie wurde aber vor Allem durch Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ um eine ‚Konkrete Utopie‚ von der Machbarkeit radikaler Veränderungen erweitert, die Herbert Marcuse später ansatzweise in der Ökologiebewegung erkannte.
Im Zuge der von Jean-Francois Lyotard befeuerten Diskussion um die Postmoderne in der 1980ern und in Verbindung mit den in England begründeten „Cultural Studies“ hat sich die Kritische Theorie inzwischen zu einem weltweit vernetzten, interdisziplinären Forschungsprojekt  und zu einer analytischen Sozialphilosophie mit unterschiedlichen Strömungen und Ansätzen entwickelt, die fern von weltanschaulichem Dogmatismus neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten für die weltweiten sozialen, politischen und kulturellen Miteinander-Notwendigkeiten erschließt.

Mit diesem auf Bloglängenkompatibilität reduzierten Buchhinweis möchte ich auch die Kulturmacher, die kulturverwertenden Mediengeier und die an kulturpolitischen Diskussionen Beteiligten anregen, das Bewährte, das Prestige-, Geld- und Massenkompatible auf seinen restriktiven sozialen Alibieffekt abzuklopfen und Räume für Neues, auch Fragmentarisches zu schaffen – es geht auch in der Kultur um die gegenwärtigen Bedingungen für Individualität beziehungsweise Subjektivität, um die ‚Kleinen Erzählungen‘ der ethnischen Herkunft, des biologischen und sozialen Geschlechts, der virtuellen Welten, der Realität moderner Metropolen, der Selbstkonstituierung sozialer Bewegungen.

Dieses Büchlein bietet einen thematisch gegliederten Orientierungseinstieg in die umfangreiche Materie (mit den wichtigsten Lektürehinweisen) und es ist eine gute Ergänzung zu dem hier schon besprochenen „Haben oder Sein“ von Erich Fromm (der ursprünglich auch dem Horkheimer-Adorno-Kreis angehörte).
Aber dass mir ja niemand auf die Idee kommt, mit den Dekonstruktionstechniken der ‚Negativen Dialektik‘ das Theater der deutschtümelnden Kultur-Popanze auf dem Bayreuther Hügel madig zu machen…

„Kritische Theorie“ – Hrsg. Roger Behrens
EVA TB 96 Seiten

wf

2 comments to Kritische Theorie und Cultural Studies

  • Markus

    Wenn ich es richtig verstanden habe, sind auch die Größen der Kritischen Theorie nicht über die „philosophische Schnipselei“ hinausgekommen. Mehr scheint in „dieser Welt“ eben nicht drin zu sein.

    Immerhin, denkt man sich da, besser als gar nichts, und wird mutig, es einmal selbst (wieder) zu versuchen mit der eigenen Subjektivität und Individualität, für etwas mehr „Sein“ als nur bloßes „Haben“.

  • Ja, kann man wohl so sehen. Die ‚Großen Erzählungen‘ erwiesen sich letztlich als nicht tragfähig und aus vielen Schnipseln läßt sich auch ein (individelles) Weltbild zusammensetzen…

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