Texterl zum Tage

Ohne Heimat sein heißt leiden.

Fjodor Dostojewski




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Die Renaissance der Heimat

Wie viel Heimat braucht der Mensch? Wie viel kann er ertragen? Und wo ist sie überhaupt, diese Heimat?

Der Heimat entkommt man nicht. Und schon gar nicht in diesen Zeiten, da eine inflationäre, nervensägenartige Beschwörung von „Heimat“ aus allen Kanälen, aus Feuilletons, Buchhandlungen, Talkshows und Polit-Stammtischen dräut. Da trauen sich nicht nur die Untoten einer völkisch-rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie, die Heimat-Tümler und Ewiggestrigen ans Licht – der Begriff „Heimat“ scheint sich aus seiner Verleimung mit dem Gefühlsschwulst früherer Jahre gelöst zu haben und neue Bedeutung zu gewinnen als raunend formulierter Sehnsuchtsort der Globalisierungsflüchter und als Utopia gelingender Lebenspraxis. Worin diese im Zusammenhang mit ‚Heimat‘ bestehe und wie sie zu gestalten sei,  ist dabei nicht einheitlich und klar auszumachen. Jedenfalls ist Heimat nicht mehr gleichzusetzen mit Provinz, Heimat lässt sich ebenso im ländlichen wie im urbanen Raum finden; und Heimat ist mittlerweile nicht mehr, wie Martin Walser einst spottete, „der schönste Name für Zurückgebliebenheit“. Heimat bezeichnet den Frame für eine Nahwelt, die als Gegenpol zu hyperkomplexen Globalstrukturen einigermaßen übersichtlich und verständlich ist; Heimat als sozialer Raum, wo das Individuum seine Verhaltenserwartungen bestätigt findet und abschätzbares Handeln in einem noch überschaubaren Bezugsrahmen ’sinnvoll‘ erscheint; als Ort, wo man sich konkret für etwas engagiert und sich konkret gegen etwas empört. Somit stellt ‚Heimat‘, wie es der Existenzphilosoph Otto Friedrich Bollnow ausdrückt, in Wechselbeziehung zum Begriff der Fremde eine räumliche, soziale und auch zeitbezogene Orientierung zur Selbstgewinnung des Menschen bereit.

Das sind natürlich keine neuen, nur der Globalisierung geschuldeten menschlichen Bedürfnisse; schließlich haben wir alle schon als kleines Kind, wenn wir die erste ‚Heimat‘ des Mutterbauchs verlassen haben, ein Grundbedürfnis nach Raumorientierung sowie dem ersten ‚Territorium‘, das für die eigene Existenz Möglichkeiten zur Identitätsfindung, Anregung, Sicherheit und Feedback bietet, eine „Verwesentlichung des Beziehungsnetzes“.
Dass man der Heimat nicht entkommt, scheint auch die Neurobiologie zu belegen. Vorstellungen dieses ersten Territoriums, der ersten Heimat, würden demnach im Gehirn als Produkt von Engrammen synaptisch verankert. Je länger und positiver die Erfahrungen an einem Ort, desto nachhaltiger die damit verbundenen Heimatgefühle. Na gut, darauf kann man auch ohne Hirnscans kommen, hat ja Cicero in seinen Briefen an Atticus schon so gesehen.

Schließen sich Heimatbewahrung, globale Vernetzung und Eintreten für eine Offene Gesellschaft aus?

„Steht die Betonung von Heimat nicht im Widerspruch zu einer Haltung, die der Mensch im Zeitalter von Globalisierung und weltweiter Vernetzung einnehmen muss?“, frägt die Philosophin Karen Joisten in ihrem Buchessay „Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie„. Ihre Antwort darauf kenne ich nicht (das bei De Gruyter erschienene Werk ist mir zu unverschämt teuer), aber meine Antwort lautet: nein. Denn ich kann heutzutage mit Engagement und Empörung „Heimat leben“ ohne romantisierende Idealisierung von kleinbürgerlichen, oft religiös geprägten Sozialstrukturen, ohne Teilnahme an abscheulichen Gebräuchen, ohne abgrenzende Schollenmentalität und muss dabei keine Angst haben, zum geächteten Outsider zu werden (na ja, vielleicht kommt das noch in ein paar sozial und kulturell rückständigen Käffern gelegentlich vor). Und gleichzeitig kann ich durch meinen persönlichen Lebensstil, durch Gespräche und Handlungen im Freundes- und Bekanntenkreis, eine differenzierte, weltoffene und kulturpluralistische Stellung einnehmen und dafür werben (solang keiner Prügel androht, kann diskutiert werden). In diesem Sinne kann sich auch ein kommunales „Wir“ entwickeln und sich sowohl für Belange im Lokalen/ Regionalen (Bürgerinitiativen, Vereine, Landschaftsschutz, Allmende-Bewirtschaftung etc.) einsetzen als auch die Einbettung in überregionale und globale Vernetzung bewältigen. Das betrifft Digitalisierungsprozesse in Arbeit und Handel, Flüchtlingshilfe, Städteverschwisterungen, ja sogar internationalen Kulturaustausch wie das hübsche Beispiel des Konzerthauses Blaibach in der Pampa des Bayerischen Waldes zeigt. Natürlich mit dem Bewusstsein, dass sich lokale und globale Angelegenheiten in vielen Bereichen der Ökonomie und Ökololgie, der Politik und der sozialen Entwicklung überschneiden und wechselseitig beeinflussen. Dabei können übrigens auch gut geführte, historisch-kritisch ausgerichtete Heimatmuseen einen aufklärerischen Beitrag leisten; die Vernetzung der eigenen Region in überregionalen Handels- und Kultur-Strukturen ist ja ebenso so alt wie deren Besiedelung.

dorfladenEin gutes Beispiel für gemeinsames Heimat-Engagement from the bottom ist die Wiederkehr der Dorfläden. Nachdem seit 1970 ca. drei Viertel der einst 160.000 kleinen Geschäfte auf dem Land dicht gemacht hatten, dreht sich seit einigen Jahren der Trend und ein deutschlandweites Dorfladen-Netzwerk entsteht. Die meisten dieser Neueröffnungen sind von den Bürgern selbst genossenschaftlich organisiert und stärken nicht nur die Versorgungslage in kleinen Gemeinden, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl ihrer Bürger (siehe SZ-Artikel). Als Pendant dazu hat sich in etlichen Städten weltweit eine Kultur des „Urban Gardening“ entwickelt, häufig in Allmende-Bewirtschaftung, und, wie früher der Schrebergarten, nicht nur der ernährungstechnischen Nützlichkeit wegen angelegt, sondern auch als Stück ‚Heimat in der Heimat‘. In beiden Fällen findet meist auch ein überregionaler Erfahrungsaustausch und eine Präsentation durch Videos, Blogs und einschlägige Printmedien statt.
Eher fragwürdige Beispiele für Heimat-Verwaltung from the top sind die bestehenden und geplanten Heimat-Ministerien (in Bayern und NRW, im Bund). Man wird sehen, was dabei rauskommt, aber wenigstens haben wir noch keine Homeland Security Offices wie in den USA, wo zivile Bürger mit dem FBI zusammenarbeiten, um potentiell Verdächtige zu denunzieren und zu überwachen. Oder irre ich mich und erledigen das bei uns diese privaten „Sicherheitswachten“, wie es sie auch in meiner Heimatstadt Schongau gibt?

Heimat ist kein Kampfbegriff der Rechten

Wer bis hierher gelesen hat, hat auch sicher schon gemerkt: ‚Heimat‘ ist kein Kampfbegriff der Rechtsnationalen, so sehr sie ihn auch für ihre propagandistischen Zwecke zu vereinnahmen suchen. Dagegen hatte sich schon Kurt Tucholsky verwahrt, der über die Deutschtümelei der Nazis schrieb: „So widerwärtig mir jene sind, [….] so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.“ Aber dieses Land hörte nicht auf ihn, die nationalen Esel ertrug er nicht mehr, und aus dem schwedischen Exil musste er, nun heimatlos geworden, zusehen, wie die Nazis erst seine geliebte „Weltbühne“ verboten und dann auch seine Bücher verbrannten. Tucho hatte also gleich mehrere seiner ‚Heimaten‘ verloren und auf ihn wie auf alle Exilanten aller Zeiten trifft wohl zu, was Fjodor Dostojewski schrieb: „Ohne Heimat sein heißt leiden.“

Natürlich war der Begriff „Heimat“, den die Nazis als Grundlage einer „unverwechselbaren völkischen Eigenart und Überlebensfähigkeit“ in ihren Dienst gestellt hatten, nach Kriegsende erstmal kontaminiert, aber das ist nur ein scheinbarer Widerspruch zum großen Erfolg der kitschigen Heimatfilme in den 1950/60er Jahren. Denn ich vermute, dass die Umdeutung von „Heimat“ in „heile Welt“ ein Teil der kollektiven psychologischen Verdrängung des vormaligen Grauens war. Erst nach 68 konnte die Filmkunst wieder einen differenzierten Heimat-Blick entwickeln, wobei die zwischen 1984 und 2004 entstandene Heimat-Filmtrilogie von Edgar Reitz wohl einen der künstlerischen Höhepunkte markiert; der Filmemacher zeigt darin auch, dass Heimat ein Ort sein kann, den man verlassen muss, weil man ihn nicht mehr erträgt. Das Thema beschäftigt Reitz noch heute, wie ihr in dem aktuellen, lesenswerten Zeit-Interview „Heimat ist ein Schlachtfeld der Gefühle“ erfahren könnt.

Heimat ist da, wo…

Heimat ist in der Lebenspraxis kein Abstraktum, sondern konkretisiert sich in individuell Erfahrbarem, im Guten wie im Schlechten; deshalb enden die 1001 Erzählungen von Heimat alle anders. Eine kleine, subjektive Auswahl von Heimatgeschichten (die ihr gern in den Kommentaren um eure eigenen ergänzen könnt) mag diese Vielfalt andeuten:

  • Es begann vor Abermillionen Jahren, da wir noch als Mikroben in einem Urmeer schwammen und unser Überleben von der biochemischen Zusammensetzung rund um unseren Schwarzen Raucher abhing. Und so sprach die evolutionsbereite Mikrobe: „Heimat ist da, wo die Chemie stimmt.“
  • In der langen Zeit als Fische, Saurier, Mammuts, Affen und noch als Jäger & Sammler zogen wir von Region zu Region, in alle Habitate des Planeten, um Nahrung zu finden. Und so sprach das hungrige Wandertier: „Heimat ist da, wo’s was zu fressen gibt.“
  • Als wir schließlich zu Cro-Magnons wurden, hielten wir uns gern längere Zeit in schützenden Höhlen auf. Es war Eiszeit, manche Tage in der Höhle wurden lang, und beim flackernden Feuerschein kam uns so manche gute Idee, etwa die Höhlenwände mit Bilder-Szenen auszuschmücken, die in unserer damaligen Kultur wichtig waren. Und so sprach der kreative Cro-Magnon: „Heimat ist da, wo man sich verewigt.“
  • Bald darauf, so vor gut 10.000 Jahren, entdeckten wir im anatolischen Hochland durch Zufall, dass in Wasser eingeweichtes Getreide mit etwas Spucke einen Sud mit ziemlich angenehmer Wirkung ergab. Also errichteten wir für alle Clans in der Region auf dem Göbekli Tepe eine weithin sichtbare Anlage aus riesigen Steinblöcken, um uns regelmäßig zum gemeinsamen Feiern zu treffen. Und so sprach der soziale Alt-Anatole: „Heimat ist da, wo man gemeinsam sein Bier trinkt.“
  • In der Folge bereisten wir vielmals andere Regionen und Städte, zum Zwecke des Handels oder des Krieges, und mussten oft Jahre voller Gefahren und fern von unseren Lieben durchleiden. Und so sprach mancher vielgereiste Odysseus: „Heimat ist da, wo ein liebendes Weib treu auf mich wartet.“
  • In kaum einem Land ist das Heimatgefühl so ausgeprägt und pathetisch wie in der Schweiz, die mehr ist als eine Nation, nämlich eine Eidgenossenschaft. Die heimatlichsten Heimatfilme wurden hier gedreht („Heidi“) und die bodenständigsten Sportarten erfunden („Schwingen“). Bei dieser Heimatliebe und Bodenständigkeit wundert es nicht, dass tausende perspektivlose Schweizer Bauern in den erntelosen Katastrophenjahren nach Ausbruch des Tambora (1815) nicht wie etwa ihre schwäbischen Nachbarn nach Amerika auswanderten, sondern ihr Schicksal vor Ort in die Hand nahmen. Und so sprach der verzweifelte Bauer zum Abschied: „Heimat ist da, wo man sich aufhängt.“
  • Und da sich die Menschen bekanntlich durch nichts so sehr unterscheiden wie durch die Art ihres Humors, so sprach der ernsthafte Kulturanthropologe: „Heimat ist da, wo wir die Witze verstehen.“

 

So mag jeder für sich seine Heimat – oder besser: seine Heimaten (ineinandergeschachtelt wie bei einer Matroschka-Puppe) – finden. Eine jedenfalls, die Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Essay „Gibt es noch Heimat?“ gefunden hat, ist allen zu wünschen: „Heimat ist immer noch (und einfach) der Ort, wo die Menschen schlafen und aufwachen, die wir lieben.“

 

wf

Buchtipp zum Thema:

Der verstorbene Meisterdenker Zygmunt Bauman analysiert in seinem letzten Buch Retrotopia das „Zeitalter der Nostalgie“ in der unergründlichen und entfremdeten Welt der Globalisierung und stellt die Frage, ob und wie das Entstehen einer „kosmopolitisch integrierten Menschheit“ ohne planetarischen Bürgerkrieg gelingen kann.

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