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Ein Lob der Lüge

Volker Sommer untersucht das tierische und menschliche Täuschen, Tarnen und Tricksen aus evolutionsbiologischer, kulturgeschichtlicher und psychologischer Sicht

Haben Lügen kurze Beine? Es scheint eher so zu sein, dass der Entlarvung eines Lügners – sofern sie denn überhaupt gelingt – eine oft lange erfolgreiche Strategie des Täuschens vorangeht mitsamt der intendierten (Schein-)Vorteile für den Trickser. Eine perfekte Maske lässt sich im Tier- und Menschenreich nur schwer oder eben gar nicht erkennen, wozu auch jene Larve zählt, von der wir meist gar nicht wissen, dass wir sie tragen: der Selbstbetrug.

Nun präsentiert Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London und einem breiteren Publikum bekannt durch zahlreiche Magazinbeiträge und aus diversen TV-Diskussionsrunden, sein erstmals 1992 erschienenes populärwissenschaftliches Buch „Lob der Lüge“ (SPIEGEL-Rezension) in stark überarbeiteter und erweiterter Neuauflage – schließlich hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten viel getan in Sachen Primaten- und Verhaltensforschung. Seine Grundthese aber blieb dieselbe: Im Lauf der Evolution habe sich Intelligenz vor allem deshalb entwickelt, weil soziale Tiere stetig ausgeklügelteren Lug und Trug erfanden und diese Finten zugleich immer perfektere Lügendetektoren in den Gehirnen ihrer Gruppenmitglieder heranzüchteten.

volker_sommerDas Belegmaterial, das Sommer dafür zusammengetragen hat, ist imposant und resultiert nicht nur aus seinen eigenen Forschungsarbeiten, sondern auch aus denen vieler seiner Kolleginnen und Kollegen, von Jane Goodall und Diane Fossey, Frans de Waal, Byrne und Whiten, Robin Dunbar, Gregory Bateson, Michael Tomasello, Richard Alexander, von seinem akademischen Mentor Christian Vogel und etlichen mehr. Die Leser erfahren dabei Verblüffendes über die taktischen Täuschungsmanöver unter Primaten, wie Affen einander Bären aufbinden und mit der Absicht, den Täuschenden zu täuschen scheinbar „Gedanken lesen“ können; wie ein „falscher-Eindruck-erwecken“ zum sozialen Werkzeug wird und wo die (tierischen) Grenzen der Bluffs liegen. Eine oft auch zum Schmunzeln anregende Auswahl aus den Sternstunden geduldiger Beobachtung, von denen 253 Episoden auch in einem Sonderheft der Zeitschrift Primate Report des Deutschen Primatenzentrums Göttingen versammelt sind.

Parallel zu dieser empirisch-fachwissenschaftlichen Ebene erzählt Sommer auf einer zweiten die  Kulturgeschichte der ethischen Bewertung von Lug und Trug.  Das war seit jeher ein Großthema für Theologen und Philosophen, für Dichter, Künstler und Realpolitiker, und je nach Zeitumständen und Standpunkt pendelte diese Bewertung zwischen pragmatischer Lizenz und kompromissloser Verurteilung. Sommer lässt dazu viele gewichtige Stimmen zu Wort kommen, unter anderen von Homer, Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin, Luther, Machiavelli, Descartes, Spinoza, John Locke und Rousseau, David Hume, Münchhausen, Rudolpf von Ihering, Büchner, Kant und Schopenhauer, Wilhelm Busch, Georg Simmel, Friedrich Alverdes und Winston Churchill. In vielen Zitaten zeigt sich, dass die Lüge schon früh als der Menschennatur zugehörig akzeptiert wurde, als ‚anthropologische Konstante‘, als Überlebenstechnik wie etwa bei Nietzsche:
„Der Intellekt entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung, denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiss zu führen versagt ist.“ (aus Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, 1896)

Dieses Zitat hat Sommer dem spannenden Kapitel über „Die Logik der Selbsttäuschung“ vorangestellt, worin er, gestützt auf die Arbeiten des US-amerikanischen Evolutionsbiologen Robert Trivers sowie der Psychologen Ruben Gur und Harold Sackeim, in der Selbsttäuschung ebenfalls einen Selektionsvorteil (und nicht nur einen unbewussten Verteidigungsmechanismus) sieht: „Wir täuschen uns selber, um andere besser betrügen zu können.“ Ausführlich werden dabei die physiologischen und psychologischen Wirkursachen („Wie?“) und die Zweckursachen („Wozu?“) sowie die Kriterien für die Erkennbarkeit von Selbsttäuschung diskutiert. Dabei kommt es nicht selten vor, dass wir uns und anderen solange bewusst und mit mehr oder weniger beherrschtem Pokerface in die Taschen lügen, bis die komplizierten Manöver dieses Theaterspiels den tatsächlichen Sachverhalt aus unserem Bewusstsein verdrängen und wir zu Lügnern werden, die selbst an die Wahrheit der von uns vorgebrachten Lügen glauben.
Wie der Soziologe und Anthropologe Erving Goffman in seinem Standardwerk „Wir alle spielen Theater“ zeigt, entwickeln sich diese „Lebenslügen“ oft in langsamen Lernprozessen, während derer wir unser Spiel nach und nach perfektionieren, wobei wir die Rolle zuweilen aufgrund der Publikumsreaktionen abändern. Und je mehr „der Einzelne selbst an den Anschein der Wirklichkeit glaubt, den er bei seiner Umgebung hervorzurufen trachtet“, desto überzeugender wirkt sein Spiel auf das Publikum. Das hat gegenüber dem bewussten Lügen den Vorteil, dass die Gefahr des Selbstverrats gering ist, sogar ein Lügendetektor schlüge bei derartigem „Können“ nicht mehr aus. Denn dass sich im Gegensatz dazu bewusste Täuschungsabsichten fast immer non-verbal verraten, davon war schon Sigmund Freud überzeugt: „Wer Augen zum Sehen und Ohren zum Hören hat, möge sich davon überzeugen, dass kein Sterblicher ein Geheimnis bewahren kann. Wenn seine Lippen schweigen, schwatzt er mit den Fingerspitzen: Verrat sickert durch jede seiner Poren.“
Allerdings ist der unbewusste Lebenslügner (je älter er wird, desto besser) ja gar kein Lügner mehr, wenn man der Defintion des Augustinus folgt: „Keinen darf man natürlich als Lügner ansehen, der etwas Unwahres sagt, das er selbst für wahr hält; denn soviel an ihm liegt, lügt er nicht, sondern er täuscht sich.“

Die Konsequenzen von Lebenslügen, Familienmythen und verzerrten Selbstbildern müssen für sich und andere nicht zwangsläufig zu Leid und pathologischem Verhalten führen (wie etwa in Henrik Ibsens Dramen), sondern können auch das „Immunsystem der Psyche“ stärken, als positive Illusionen produktive Energien freisetzen oder als Tranqulilizer schwierige Lebensphasen erträglicher machen, wobei der Zusammenhang zwischen Selbsttäuschung und psycho-somatischer Gesundheit laut Sommer zwar noch nicht hinreichend erforscht sei, aber durch die evolutionsbiologische Perspektive neue Impulse erfahre.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Selbsttäuschung scheint jedenfalls eine „innere Zensur“ zu sein, eine selektive Wahrnehmung und Uminterpretation von Sinnesdaten, was zu einer selbstdienlichen Verzerrung (self-serving bias) führt. Das so gewonnene Selbstwertgefühl gilt es zu verteidigen durch eine selbstauferlegte Ignoranz gegenüber ‚realen‘ Fakten, Bevorzugung von bestätigenden Informationen (confirmation bias) und das Vermeiden offensichtlicher logischer Widersprüche (kognitiver Dissonanzen) durch eine Dogmatisierung des eigenen Glaubens-Systems.
All diese Topoi werden von Sommer differenziert ausgeleuchtet ohne in trockenem Akademiker-Sprech zu langweilen; und so lässt er auch hierzu wieder den Barock-Schriftsteller Georg Paul Hönn, dessen Zitate aus seinem „Betrugs-Lexicon“ (1720) sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch ziehen, spotten über den Selbstbetrug, „welcher / wie die Made den Käß / aller Menschen Hertzen durchkreuchet.“

Was nun „das Gute am Lügen“ sei, wie die menschliche Intelligenz im zwischenartlichen Vergleich abschneidet, welche Faktoren die Evolution unseres Denkvermögens vorangetrieben haben und warum die Fähigkeit zur Lüge dabei eine zentrale Rolle spielte, arbeitet Sommer im Schlusskapitel nochmal zusammenfassend heraus. Es geht dabei auch um Sinn und Unsinn von Intelligenztests bei Mensch und Tier, um fragwürdige Spekulationen über scheinbare Zusammenhänge von relativer Gehirngröße/-beschaffenheit zu sozialen Verhaltensweisen („Korrelation ist nicht gleichbedeutend mit Kausalität“); um die Frage, ob und ab wann man bei kognitiven Leistungen von Primaten  eine „Theory of Mind“ zugrunde legen kann und wie kooperatives Verhalten in  komplexen Gesellschaften bei Mensch und Tier gedeutet werden kann. Stimmt denn die Maxime „Der wahre Egoist kooperiert“? Wie beeinflussen direkte und indirekte Reziprozität von Individuen die soziale Dynamik und die ‚Moralgebote‘ innerhalb einer Gruppe (Familie/ Clan / Volk)?
Sommer will dem dabei kräftig mitwirkenden Lug und Betrug aufgrund seiner „Natürlichkeit“ keine ethische Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen; er warnt vor etwaigen Fehlschlüssen vom Sein aufs Sollen und einem aus der Evolutionstheorie abgeleiteten normativen Biologismus oder gar einer Legitimation, andere übers Ohr zu hauen. Aber weil Betrug hauptsächlich dazu dient, sich auf Kosten anderer Ressourcen zu verschaffen, wirkt er auch innovativ – Spam generiert Spamfilter. Und steigert damit auch unsere Kompetenz zum „Gedankenlesen“, die Begabung, uns in andere hineinzuversetzen, also unsere Fähigkeit zu Empathie und Mit-Leiden. So gesehen wäre „ohne die Lüge als Trainerin unseres Intellekts unser Leben sterbenslangweilig. Wir mögen unter ihr leiden, doch schenkt sie uns vieles von dem, was uns unterhält und erheitert, uns Spannung beschert, uns zum Weinen oder Lachen bringt: von Kriminal- und Liebesromanen über Märchen und Kinofilme bis hin zu bildender Kunst, Musik, Theaterstücken und täglichem Tratsch und Klatsch.“

Da ist wohl was dran, aber für den Rezensenten kein Grund, seine eigene Wahrheit über das „Lob der Lüge“ zu verheimlichen: Volker Sommer hat da eine inhaltsreiche, thematisch ausdiffenzierte und in vielen Passagen vergnüglich zu lesende Neuauflage seine Klassikers hinbekommen – wer ihn von Magazinbeiträgen und TV-Auftritten kennt, weiß eh, dass er argumentative Power mit pointierter Sprachstilistik zu verbinden vermag, popular science at its best. Kann man auch Vieles von weiterdenken im Sinn einer evo-psychologischen Background-Analyse der Selbsttäuschungs-Mechanismen, der „Lebenslügen“ und des reflexionsverweigernden Tribalismus in aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen.
Aber mit dem Stoff lässt sich auch ganz privat mal das eigene Verhalten reflektieren, wobei der Rezensent allerdings Wert darauf legt, es zumindest ab und an auch mit Wilhelm Busch halten zu dürfen: „Der Beste muß mitunter lügen. / Zuweilen tut er’s mit Vergnügen.“

Volker Sommer
Lob der Lüge. Wie in der Evolution der Zweck die Mittel heiligt
Hirzel Verlag; 1. Auflage 2016 (24. September 2015); 166 Seiten
ISBN: 978-3777625379

wf

(VÖ auch in „der Freitag„)

 

16 comments to Ein Lob der Lüge

  • Die Rezension gefällt mir. Die kritische Anmerkung zu den Intelligenztests hat mich neugierig gemacht. Da hätte ich gerne mehr von gelesen.

    • wf

      Sommer bezieht sich auf den langen Expertenstreit, ob es einheitliche Konzepte für die Messung von „Intelligenz“ gebe könne oder ob die nicht vielmehr durch unsere anthropozentrische Sicht auf das „typisch Menschliche“ reduziert werde. Und auch da sei zu unterscheiden zwischen sozialer, ökonomischer, logisch-mathematischer und anderer Arten, die zudem in Mischformen auftreten. Sommer widmet dieser Thematik allerdings nur ein paar Seiten, dazu dürfte es in den Kognitionswissenschaften Ausführlicheres geben.

      • Es ist anscheinend immer wieder dieselbe Problematik: um Intelligenz messen zu können, muß man sie alererst definieren. Und da eröffnet sich eine irreduzible Perspektivenvielfalt. Intelligenz ist eben kein Phänomen, das man einfach so ‚anschauen‘ könnte.

  • SzuSza

    Und ich hätt gern auch mehr von was gelesen, nämlich Gschichterl von Sex & Crime in der Affenhorde, wie sie der Herr Professor doch sonst so gern zum Besten gibt ;-)

    • wf

      Davon sind natürlich etliche, wirklich köstliche im Buch, aber eben auch schon in der Erstausgabe, die auch in dieser Hinsicht in der verlinkten SPIEGEL-Rezension ausführlich besprochen wurde.
      Aber ich kann dir (wie auch Detlef und allen Interessierten) nur empfehlen, das Buch zu kaufen, mit den vielen Anekdoten kann man/frau auch locker n ganzen Party-Abend schmeißen ;-)

  • Volker Sommer

    Hier schreibt der Autor. Der allererste Kommentar zu einer Rezension eines meiner eigenen Bücher. Warum? Nunja, diese Besprechung ist: informativ; verdreht nix; verweist auf Hintergrundmaterial; ist gut gelaunt; schätzt die Mühe, die Schreiber in ihre Bücher stecken; und selbst als Autor kann ich nochmal gewinnbringend reflektieren über das, was ich eigentlich sagen wollte… Abgesehen davon freuen sich Autoren selbstredend immer über generell positive Einschätzungen der eigenen Arbeit. Besten Dank. VS

  • Aiko

    Frage an Herrn Sommer:
    Für Titel und Untertitel ist der Autor oder der Verlag verantwortlich?

    Ansonsten ist aus meiner Sicht die Evolution zweckfrei oder auch zwecklos. Was ich auch für die Lüge so sehe.

    • Das mit den Zwecken und den Mitteln hätte mir eigentlich auch auffallen müssen. Der Titel ist ein Beispiel für die gedankenlose Verquickung von Wissenschaftssprache und Alltagssprache. Daß der Zweck die Mittel heiligt, ist eine umgangssprachliche Phrase, die man gerne mal schnell einfach so verwendet, ohne sich groß Gedanken zu machen, ob das zum Kontext paßt oder nicht. Da verhalten sich Wissenschaftler eben auch nicht anders. Die Frage ist, wie sehr solche Gedankenlosigkeit ausufert, besonders in Texten, die unterhaltsam und witzig sein sollen – und für Partygespräche geeignet. ;-)

    • wf

      In der Erstausgabe (bei C.H. Beck) hieß der Untertitel noch „Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch“, den neuen dürfte der Hirzel-Verlag ‚verbrochen‘ haben (Volker Sommer hat die Comments hier wohl nicht abonniert und die diesbezügliche Frage nicht mitgekriegt). Im Buch selbst wird klar, dass Sommer mit der Evo kein teleologisches Konzept verbindet.

  • Aiko

    Ich wollte mich da eigentlich nicht intensiver reinhängen, aber das Thema „Lüge“ hat mich schon immer angesprochen. Zum teleologische Konzept des Autors kann ich natürlich erst was sagen, wenn ich das Buch gelesen habe. Aber Volker Sommer hat ja Theologie studiert, jedenfalls ein paar Semester und da kann sich durchaus im vermeintlichen A-Theismus eine Selbsttäuschung verbergen. Denn wenn man schon Teilergebnisse der Evolution glaubt loben zu müssen, dann ist das bereits eine grobe Fehleinschätzung was diesen Prozess anbetrifft. Es kann nämlich sein, dass im weiteren Verlauf der Evolution – wir sind da ja immer mitten drin – genau die Lüge sich als Nachteil erweist und Aufrichtigkeit für den Menschen der Überlebensvorteil ist.

    Auch ein Vergleich mit der ersten Ausgabe, dürfte nicht uninteressant sein, denn ich frage mich, wie man eine erweiterte Ausgabe schafft, wenn man von 250 S. der ersten Ausgabe auf 166 S. zusammen streicht. Da hat man sich vielleicht den Anmerkungsapparat gespart? Nur dann wäre es immer noch keine Erweiterung.

    • wf

      Die Erweiterungen sind qualitativer Art (Einarbeitung neuer Ressourcen) bei gleichzeitiger quantitativer Reduktion (Weglassen redundanter Fallbeispiele und überholter Interpretationen). Und das „Lob“ wird hier ja nicht im Sinne einer Zustimmung zum Erreichen eines ‚beabsichtigten‘ Tuns der Evo ausgesprochen, sondern in einem semi-ironischen Sinn a la „das lob ich mir“.(was sich ja auch auf einen glücklichen Zufall beziehen kann). Dass Sommer vor naturalistischen Fehlschlüssen ausdrücklich warnt, hab ich im Artikel ja vermerkt.

    • Ist die Lüge das ursprüngliche Phänomen, eine Grundeigenschaft des Menschen, oder ist es die Aufrichtigkeit? Tomasello geht vom zweiten Fall aus: die Lüge, so Tomasello, funktioniert, weil die ursprüngliche Aufrichtigkeit den Kredit zur Verfügung stellt, auf deren Basis die Lüge funktioniert.

      Aber diese Fragestellung geht am eigentlichen Problem vorbei. Denn auch die subjektive Aufrichtigkeit kann auf Selbsttäuschungen beruhen. Plessner zufolge ist das sogar notwendigerweise so: Unser Bewußtsein ist notwendigerweise falsch, aber nicht weil wir uns selbst belügen – das sicher auch, und das nicht zu knapp –, sondern wegen des transzendentalen Scheins. Die Welt muß uns erscheinen, damit wir sie wahrnehmen können. Deshalb ist sie notwendigerweise Schein und nicht das Ding an sich.

      Unser Verstand täuscht sich also notwendigerweise über die objektive Realität dieser Welt. Zugleich aber gehört zum phänomenalen Erleben ihres Scheins untrennbar die Gewißheit, daß da etwas ist, das uns erscheint. Das unterscheidet die Wahrnehmung vom Denken. Etwas gibt sich uns, indem es uns erscheint. Indem wir uns diesem Erleben hingeben, gehen wir über die bloße Täuschung hinaus. Eine zweite Naivität wird möglich, in der wir um den Scheincharakter unseres Erlebens wissen.

      Sogar die Lüge kann dann noch zu einem Mittel der Selbsterkenntnis und der Selbstverwirklichung werden.

  • Mir fällt gerade ein, daß Darwin selbst das Wort Evolution gar nicht benutzt hatte. Evolution kommt vom Aufrollen einer Bücherrolle, die man gerade liest. In einer Bücherrolle hat natürlich alles einen sinnvollen Zusammenhang. Der ganze Text ist von einer bestimmten Absicht getragen. Das hat mit dem Zufallscharakter eines Naturprozesses gar nichts zu tun. Die Entstehung der Arten ist so ein, vor allem durch das Aussterben von Zwischengliedern gekennzeichneter Zufallsprozeß.

  • be

    @aiko
    Aus dem „mitten drin“: Sowit mir bekannt bestreitet keiner, dass im weiteren Verlauf der Evolution die Aufrichtigkeit für den Menschen ein Überlebensvorteil sein könnte. Es bestehen nur begründete Zweifel, dass es je dazu kommen wird. Ist doch der Gegensatz zu Aufrichtigkeit die Heuchelei und Duckmäuserei.
    Mit „begründete Zweifel“ ist gemeint, die Menschheit als eine solche Gesamtheit verständige sich jemals auf Aufrichtigkeit, und ringe sich darauf nachfolgend auch noch dazu durch, solange sie dazu noch in der Lage ist.

  • Aiko

    @be
    mir ging es eigentlich darum, dass ich mich an den Spruch meiner Mutter – man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ erinnerte und ich daher die Evolution nicht mitten drin für ihre „Ergebnisse“ loben sollte.
    Die Suche nach einem Sinnzusammenhang ist ja doch letztlich Gegenstand des Autors – und das ist eben Unsinn, denn die Evolution hat keinen Sinnzusammenhang, also keinen Text, der eine Absicht oder Botschaft transportiert. Außer wenn man an einen Gott als Schöpfer glaubt, dann findet man einen Sinn in der Evolution.
    Ansonsten lässt sich die Evolution auch als Rube-Goldberg-Maschine betrachten.

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