Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

Wem’s hier gefällt…


Archiv

2016201520142013201220112010200920082007

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

Plugin von Oliver Schlöbe

Hilft der Leipziger Buchpreis der Lyrik-Szene?

Als der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer, der vergangene Woche im Alter von 83 Jahren starb, für sein schmales Œuvre 2011 den Literaturnobelpreis erhielt, war das gar nicht mal soo sensationell, denn die Kunst der ‚kleinen Form‘ galt dem schwedischen Kommittee schon lang als preiswürdig, unabhängig von Massengeschmack und Marktkonformität. Schon vorher wurden Autor:innen wie Nelly Sachs, Jaroslav SeifertWisława Szymborska und einige mehr explizit für ihr lyrisches Werk ausgezeichnet, und etliche andere Poeten, wie etwa Bob Dylan, regelmäßig als Preiskandidaten gehandelt.
In unserer nationalen Literaturlandschaft tat man sich dagegen bisher schwer mit der Vergabe fetter und publikumswirksamer Lit-Preise an Lyriker:innen. Zwar sind unter den 1001 deutschen Literaturpreisen einige speziell für die Poetenzunft vorgesehen und innerhalb dieses soziokulturellen Milieus auch teilweise sehr begehrt, weil mit Renommée und etwas Taschengeld verbunden, doch in der öffentlichen Wahrnehmung (und in Sachen Verkaufszahlen) führt die moderne Lyrik in ihrer phänotypischen Vegetationsform normalerweise ein Mauerblümchendasein; Poesie hat auf dem Buchmarkt ein ähnliches Standing und mit den gleichen Ressentiments zu kämpfen wie der Jazz im MusikBizz, als vermeintlich elitäre, schwer zugängliche und manchmal theorielastige Insider-Veranstaltung.

jan_wagnerMan könnte also glauben, es herrsche unter Lyrikern und Lyrikfreunden nun allgemeines Frohlocken über den warmen Regen der Aufmerksamkeit, den die Verleihung des diesjährigen Leipziger Buchpreises an Jan Wagner für seinen Gedichtband „Regentonnenvariationen“ so unerwartet beschert hat, zumal dieser Preis in der Rubrik Belletristik bisher ausschließlich an Romanwerke gegangen war. Doch schon die Nominierung Wagners hatte nicht nur für Zustimmung in der Szene gesorgt, wenn man der taz glauben darf. Warum gerade der und nicht jemand mit mehr ‚Biss‘? Soll gar mit dieser Wahl der Eindruck erweckt werden, feinziselierte Naturlyrik sei nun State of the Art und die Avantgardisten & Revoluzzer nur mehr Marginalien? Soll mit diesem Rückzug ins Beschauliche eine mögliche sprach- und denkbewegende Brisanz von Lyrik entschärft werden?

Diese Debatte spiegelte sich auch in unterschiedlichen Rezeptionen in den ‚Qualitätsmedien‘ wider, zwei konträre Positionen hab ich euch dafür exemplarisch herausgesucht. So reagierte Wiebke Porombka in der ZEIT mit einigem Wohlgefallen auf die „Regentonnenvariationen“. Ihr gefällt besonders, dass Jan Wagner „… jemand ist, der die klassischen poetischen Formen wie wenige andere beherrscht, der sich aber auch nicht scheut, diesen mit einer gewissen Ironie zu begegnen.“

Den Gegenpol bilden Stimmen wie die eines Georg Diez in Spiegel online: „Hier feiert jemand das ganz, ganz Kleine, das Superprivatistische, die Landlust und Versenkung, Verklärung, Verkitschung der Natur auf eine so humorlose und formal öde Art und Weise, dass Langeweile schon gar kein Wort mehr ist, das sich auf diese Gedichte anwenden lässt.“
Wer gern seinen Ruf als bissiger Hund verteidigen möchte, dem mag so eine Kläfferei ja gut zur Rute stehn; allerdings zeugt es von einiger poetologischen Unbedarftheit, Wagners Lyrik so zu dissen, denn da haben sich diesem Rezensenten wohl das Schalkhafte, Parodistische, die Musikalität dieses Poeta ludens nicht offenbart (ja mei, die Lyrik gibt sich eben nicht jedem Grobklotz hin).

Dabei ging es der Leipziger Jury wohl in erster Linie darum, dem vernachlässigten Genre Lyrik allgemein mehr Aufmerksamkeit zu bescheren, und Jan Wagner war halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nicht ganz zufällig versteht sich, denn schon vorher hatten die literarischen Reputations-Automatismen auch bei Wagner die Spirale der Bepreisungen in Gang gesetzt, sein Körbchen hatte sich im Lauf der Jahre gefüllt, und wie aus Leipziger Quelle kolportiert wurde, war von den Verlagen gar keine andere Lyriker:in zur Nominierung „eingereicht“ worden. Beim Buchpreis für Wagner trafen also ein wenig Glück und beharrliche Arbeit, die Kontingenz und das Prozesshafte zusammen – wie bei jeder ‚Revolution‘. Und so sieht auch Wagner selbst seine Auszeichnung, frei von zur Schau gestellter Eitelkeit, nicht allein auf sein Werk bezogen, sondern als symbolische Anerkennung für das allgemeine Aufblühen in all den so vielfältigen Lyrik-Gärtchen, der vielen Lyrik-Communities, die sich auf Web-Plattformen, in Anthologien und Kleinverlags-Publikationen in Szene setzen – wobei sie sich die meisten Büchlein gegenseitig abkaufen, weil sonst kaum jemand Notiz davon nimmt.

Und dort gedeiht neben vielen anderen Pflänzchen eben auch noch die gute alte Naturlyrik, die allerdings in ihren gepflegteren Erscheinungsformen unsere Wahrnehmung und unser Denken ebenso schärfen kann wie andere Arten des ‚verdichteten‘ Erzählens. Oder, wie es die Jury in diesem Fall ausdrückte: „Ein Gedichtband, in dem die Regentonne zur Wundertüte wird, der Giersch zur Gischt, Unkraut und unreiner Reim ihren Charme entfalten und die Lust am Spiel mit der Sprache vor den strengen Formen nicht Halt macht: Lyrik voller Geistesgegenwart.“ Und weil die Naturlyrik als Gegenwart des Geistes die phänomenologische Erfassung der Welt transzendiert, gehört sie zu den vielen Strings unserer kulturellen Evolution – schon seit damals, am Lagerfeuer in der Höhle, you remember?

Damit ihr euch selber eine Vorstellung machen könnt, von welcher Art Wagners Naturlyrik ist, hier das am häufigsten vom Autor selbst auf diversen ‚Blauen Sofas‘ vorgetragene Gedicht:

Jan Wagner: giersch

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch schier
überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

(weitere Texte aus den „Regentonnenvariationen“ hier im PDF des Hanser-Verlags, einige ältere Texte findet ihr auf Jan Wagners Autorenseite im Poetenladen)

Es ist gar nicht nötig, das große Besteck einer Kollegstufen-Gedichtinterpretation auszupacken um zu erkennen, dass sich Sound und Groove dieses Sonetts angenehm abheben von dem üblichen Naturkitsch, wie er bei den meisten gutgemeinten Poesie-Vorleseabenden von Volkshochschulen, Literaturkränzchen und ‚engagierten‘ Buchhandlungen auf der Karte steht; dort wird überwiegend „Apothekerlyrik“ (Ludwig Hohl) verkostet, bei der es auf eine beschaulich-nette Stimmung, gewürzt mit der einen oder anderen frivolen Pointe, ankommt und wo es die paar anwesenden Institutionsmitarbeiterinnen und Autorenbekanntschaften nicht weiter stört, wenn der Trocchäus alle Nas lang über eine unbeabsichtigte Synkope stolpert.

Wenn sich nun von Wagners Preis aber jene Art von Gedichtproduktion und -rezeption bestärkt fühlte, hätte dies der anspruchsvolleren Lyrik, dieser introvertierten Schwester der Philosophie, einen Bärendienst erwiesen. Dann behielten die Kritiker recht, die eine mit dieser Preisvergabe einhergehende psychologische Wirkung auf ‚Nachwuchsdichter‘ und die verlegerische Lyrikpolitik befürchten, nämlich in die Richtung, dass auch in der Poesie (wie im Unterhaltungsroman) eine leicht zugängliche Sprachattitüde und inhaltliche Konsensfähigkeit den Erfolg befördere.

Deshalb sollten nun erst recht die sprach- und formbewussten, die avantgardistischen und gesellschaftskritischen Dichter aus ihren hermetischen Gärten treten und ihre so unterschiedlichen Pflänzchen, auch die anspruchvollsten Mauerblümchen,  zu Markte tragen – und die Marktaufseher, sprich: die reichweitenstarken Medien, dafür öfter mal gut sichtbare Plätze bereit stellen. Lyrikvermittlung ist auch ein pädagogisches project in process. In diesem Sinn ist Jan Wagner ein opener.

Und was ist mit den vielen intellektuellen Lyrik-Abstinenzlern, die sich auf Adornos Diktum berufen „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“?  Man kann ihnen Adorno selbst entgegenhalten, der diese Aussage in der dialektischen Manier Hegels später selbst revidierte, auch in seiner Ästhetischen Theorie, und im Gedicht die Möglichkeit gesellschaftlicher Wirkung sah:

„Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwerer er lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heteronomen sich beugt und sich gänzlich nach dem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. [Hervorhebung vom Blogautor]
Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt des Lebens sich entfaltet hat.“

(aus: Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt/M. 1981, S. 51 f.)

An dieser Stelle erreichen wir die Grenze der Explikationsmöglichkeiten, die ein einzelner Schnipsel-Blogpost zum Thema Lyrikproduktion und -Rezepzion leisten kann, aber für Alle, die sich gern noch mit weiteren Facetten zu diesem Thema beschäftigen wollen, hier noch zwei Empfehlungen:

  • Walter Delabar untersucht anlässlich dieser Leipziger Buchpreisverleihung in einem Literaturkritik-Essay  die Relevanz beziehungsweise Irrelevanz der zeitgenössischen Lyrik
  • und Bersarin umkreist die Frage, ob und wie man zu einem ästhetischen Urteil in Kunst und Lyrik gelangen kann,  im Blog „AISTHESIS“

Und dann lehnen wir uns mal zurück und lesen Tomas Tranströmer mit seinen lakonisch verdichteten Bild-Miniaturen, die weder Natur- noch Liebeslyrik, weder Gesellschaftskritik noch Avantgarde und gerade deshalb all dies gleichzeitig sind – Zen.

wf

 

4 comments to Hilft der Leipziger Buchpreis der Lyrik-Szene?

  • Claudia

    Bin ja normalerweise kein Fan von Garten-Metaphern, aber weils hier ja um Naturlyrik geht, seien dir die Mauerblümchen, Vegetationsformen, warmer Regen, Pflänzchen und hermetischen Gärten verziehen, die da durch den Text wuchern ;-)

    • wf

      Danke für deine Nachsicht, Claudia, aber du hast die wichtigste Gartenmetapher vergessen: Zen (als Achtsamkeitsübung für sich langsam aber stetig verändernde Lebensprozesse)

  • Ich schreibe es ganz unironisch: Als Zen-Verächter, der den Zen insofern verachtet, weil er es nicht mag, wenn eigentlich wichtige Dinge vernutzt werden, um den Profit oder die Selbstausbeutung aufzusteigern und zu forcieren: Aber ich bekomme langsam diesen Sinn für Zen und die Gärten dieser wunderbaren Stile und Stille. (Das liegt beides so nahe beisammen.)

    Jan Wagner steht auf den Lesewegtafeln, ebenso Tomas Tranströmer, der bisher an mir vorbeiging. (Oder besser: ich an ihm. Was nicht gut war. Alles aber zu seiner Zeit.) Allemal besser als all die Amateurlyriker:innen aus Assoziationshausen. („Apothekerlyrik“ ist gar zu schön. Danke für den Hinweis auf den im aphoristischen Kellerlochschimpfen großartigen Ludwig Hohl.)

    Ansonsten: ein treffender Artikel.

    • wf

      Hätte eigentlich vermutet, dass du durch die Achtsamkeits-Arbeit des Fotographierens schon länger mit Zen-Zuständen vetraut bist –
      und ja, Ludwig Hohl hat eine hohe Treffergenauigkeit bei seiner Spießerpolemik, er steht in einer Reihe mit Lichtenberg und Kraus. Dass er aus seinem Kellerloch nie raus kam, liegt ja daran, dass er zu Lebzeiten von seinen „Notizen“ nicht mal 150 Exemplare absetzen konnte, trotz prominenter Fürsprecher wie Dürrenmatt. Aber mir scheint, dass er mittlerweile doch eine gewisse Geheimtipp-Prominenz als writer’s writer erlangt hat und vor ca. 4 Jahren gabs von Suhrkamp die Ankündigung einer Werk-Neuauflage.
      Mal sehn, ob da nach der Beilegung der Verlagsturbulenzen noch was draus wird, wäre eine gute Gelegenheit, ihn auch einem breiteren Lesepublikum nahezubringen – dafür würd ich mich sogar als Trommler verdingen ;-)

Kommentar schreiben