Texterl zum Tage


Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt.

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Dieter Hildebrandt, der Sokrates des politischen Kabarett, ist tot

Gutes Kabarett ist immer auch Philosophie. Und Dieter Hildebrandt, der gestern seiner Krebserkrankung erlag, war dessen Sokrates. Im Habitus scheinbarer Biederkeit und eines Sich-dumm-Stellens ließ er die Phrasen der Ideologen und Machtverwalter auflaufen, bearbeitete und zerlegte sie auf den dekonstruktivistischen killing fields des Zögerns, Stammelns und Stotterns, der gezielten Auslassungen, Versprecher und Wortverdrehungen, bis sich ihre Aporien wie von selbst aufdeckten. Dabei hatte Hildebrandt wie Sokrates nicht die Bekehrung von Leuten zum Gegenteil ihrer vorherigen Meinung im Sinn (was beide für ein vergebliches Unterfangen hielten und weil beide wussten, dass auch sie keine letztgültigen großen Wahrheiten anzubieten hätten), sondern es ging ihnen um die Bloßstellung von Einbildungen und Anmaßung, mit der kleinen Hoffnung, die Zweifler, die Unentschlossenen und Wachen in die dialektische Bewegung ihrer geistigen Gymnastik mitzunehmen. In kleinen Schritten zu kleinen Wahrheiten…

Datei:Dieter Hildebrand 2011-09 Freising.JPG

Dieter Hildebrandt

Selten gab es beim Tod eines Bühnenmenschen so viel Anteilnahme von allen Seiten wie nun bei Dieter Hildebrandt,  ausführliche Nachrufe auf „den bedeutendsten und einflussreichsten politischen Kabarettisten der Bundesrepublik“, auf eine „Instanz“, die auch „die Republik verändert“ habe, findet ihr dieser Tage auf allen Kanälen, so dass hier auf eine weitere Nacherzählung seiner Vita und die Auflistung seiner vielen Ehrungen und Preise aus den letzten Jahren verzichtet werden kann.

Eine solch allgemeine Wertschätzung genoss Hildebrandt aber die meiste Zeit seines Lebens nicht, in ‘bürgerlichen Kreisen’ galt der Gründer der Münchner Lach- und Schießgesellschaft lange als böser Bube und Nestbeschmutzer, nach einigen seiner ‘jugendverderbenden’ Notizen aus der Provinz hätte ihm der eine oder andere Bloßgestellte am liebsten den Schierlingsbecher gereicht wie einst dem Sokrates, und eine seiner Scheibenwischer-Sendungen fiel 1986 im Bayern des Franz Josef Strauß der Zensur zum Opfer.
Manche Provinzler hatten solche Angst vor Hildebrandt, dass man ihm Auftritte vor Ort verwehrte; wie etwa 1979 in Bad Mergentheim, als die CDU-Fraktion im Stadtrat mit ihrer Mehrheit die für Hildebrandts Auftritt vorgesehene Aula der Volkshochschule sperren ließ mit der Begründung, dass diese nur „für schulische und kulturell hochwertige Zwecke“ genutzt werden dürfe. Dazu warf man ihm, der seine Satirikerlaufbahn ja in der Adenauer-Zeit begann (als noch jeder Achte im deutschen Bundestag ehemaliges NSDAP-Mitglied war) vor, er betreibe politisches Gesinnungs-Kabarett, eine Art Dauerwahlkampf für die SPD – und tatsächlich stand er dieser Partei mal nahe, aber das war zu jener lang-lang-ists-her-Zeit, als man die SPD noch als ‘links’ bezeichnen durfte, ohne dabei rot zu werden…

Bis vor ein paar Monaten war der 86-Jährige noch auf Bühnen-Tour und gab Interviews, hellwach, spöttisch, selbstironisch, improvisationsfreudig und kein bisschen leise, sogar an die Gründung des durch Crowdfunding finanzierten Internet-TV-Projekts störsender.tv hatte er sich im Frühjahr 2013 noch gewagt. Dort gehts in seinem Geist natürlich weiter und ja, es gibt auch darüber hinaus noch ein paar seiner Mitstreiter und Schüler, die sich in seiner sokratischen Aufklärungshaltung ‘unters Volk’ mischen; es sind nicht die hampelnden Comedians, Parodisten und Brachial-Satiriker für Stammtischgemüter, sondern Leute wie Josef Hader, Georg Schramm und einige andere, die wissen:
Gutes Kabarett ist, wenn dir’s Lachen im Hals stecken bleibt, weil das Denken einsetzt.

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Eine kleine Auswahl von Hildebrandts Zitaten und Live-Mitschnitten aus mehr als einem halben Jahrhundert Bühnen-Satire findet ihr hier in der “SZ”:
“In Bayern ist das kein Missbrauch, sondern Brauch”

wf

 

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