Texterl zum Tage

 

Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.
 Franz Kafka

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

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Genuss, Konsum und Sucht

Sind wir eine Gesellschaft von Genuss-Gestörten, die dieses Defizit nur noch durch Konsum kompensieren können? Um diese sozio-philosophische Kernfrage kreiste die letzte Scobel-Sendung zum Thema „Genuss und Sucht“ und versuchte dabei, über eine Phänomenologie der vielfältigen Süchte die hinter den Symptomen der Abhängigkeiten liegenden Ursachen aufzudecken, jene unsere verdeckten Mängel und nichterfüllten menschlichen Bedürfnisse, die im Konsumangebot unserer Wohlstandsgesellschaft mit der FastFood-Gefühlsbefriedigung ihrer Billigdiscounter, Konsumtempel und organisierten Schnäppchenjagden um keinen Preis mehr unsere Eigenwahrnehmung stören sollen. Wer sich Zeit für sich selber nimmt, macht sich der Faulenzerei und Drückebergerei verdächtig;  das achtsame, bewusste Genießen unserer Umwelt, unserer Mitmenschen und kleiner Glücksmomente, die nicht im Soll & Haben des Materiellen verbucht werden können, scheint für das Lustzentrum in unserem Gehirn nicht mehr genug schnellen Profit abzuwerfen.

Als Gesprächsgäste hatte Gert Scobel die Suchtforscherin und -therapeutin Gabriele Fischer, den Kulturphilosophen Robert Pfaller sowie den Schriftsteller und „Schluckspecht“ Peter Wawerzinek eingeladen, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf verschiedenen Formen von Suchtverhalten und dessen körperliche, psychische, soziale und ökonomische Folgeschäden blickten.

Kann jemand, der sich in einer Sucht verheddert hat, das Genießen wieder lernen, ist Heilung durch Genuss möglich? Die Verhaltenstherapie arbeitet schon lange mit Ansätzen, die das „euthyme Erleben und Verhalten“ von Suchtpatienten entwickeln und stärken sollen. Auch der Philosoph Robert Pfaller plädiert für eine Wiederbelebung der Genusskultur als Heilmittel gegen die Süchte in unserer sich so hedonistisch gerierenden Spaßgesellschaft.  Schon in seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ versucht er aufzuzeigen, dass die reichen westlichen Bevölkerungen in den letzten zwanzig Jahren immer biederer, lustfeindlicher und prüder geworden seien in einer Matrix aus Sicherheit, Gesundheit und Kosteneffizienz, was zu weit verbreiteter „neurotischer Unlunst“ geführt habe. Und resümiert, dass „ein Leben, welches das Leben nicht riskieren will, unweigerlich dem Tod zu gleichen beginnt“. Ohne ein vernünftiges Verhältnis zum Genuss werde der Citoyen zum Bourgeois degradiert.

Na ja, den Konklusionen von Herrn Pfaller muss man nicht unbedingt folgen und es ist auch klar, dass sich in einem bescheidenen Sendestünchen so ein Themenkomplex nur anreissen lässt – für jemand, der sich mit der Suchtproblematik schon intensiver beschäftigt hat, wurde auch kaum Neues geboten. Aber dem ‚basis-aufklärerischen‘ Anspruch des Scobel-Konzepts wurde die Sendung im Rahmen ihrer Möglichkeiten wieder einigermaßen gerecht, wie ihr auch den nachsehbaren Filmeinspielern entnehmen könnt.

Und damit das hier heut nicht ganz so ‚trocken‘ endet, hab ich euch noch drei kleine Plädoyers für die ‚Selbstmedikation‘ mit Genussmitteln rausgesucht:

  • „Er trank Bier – sieben Becher. Sein Geist entspannte sich, er wurde ausgelassen. Sein Herz war froh und sein Gesicht strahlte.“
    (aus dem Gilgameschepos, Mesopotamien/ ca. 3000 v. Chr.)
  • „Gedichte von Wassertrinkern sind in der Regel schlecht und geraten schnell in Vergessenheit.“
    (Horaz, Römischer Dichter)
  • „Ein intelligenter Mensch muss sich manchmal betrinken um Zeit mit Deppen verbringen zu können.“
    (Ernest Hemingway)

Scobel-Sendung „Genuss und Sucht“
(incl. der einzelnen Film-Einspieler)

wf

3 comments to Genuss, Konsum und Sucht

  • Carlo

    So so, ausgerechnet der Schwerst-Alki Hemingway, der sich im Suff die Birne weggeschossen hat, muss hier als Beispiel für ‚Selbstmedikation‘ mit Genussmitteln herhalten ;-)

  • Fragglicht

    Ich frage mich ernsthaft, ob das „Bier“ im Gilgameschepos wirklich mit dem Bier, das wir heute trinken, vergleichen werden kann.
    Bier zu trinken war ja noch im Mittelalter relativ viel normaler, besonders da, wo kein frisches Wasser zugegen war.

  • Carlo

    So viel anders war des mesopotamische Bier ned, der Hopfen hat halt gfehlt. Jedenfalls sind auf Keilschrifttafeln aus der Gilgamesch-Zeit scho über 20 verschiedene Biersorten aus vergorenem Getreide aufgführt. Und im „Codex Hammurapi“ (1700 v. Chr.) war sogar a richtige Bierschankordnung festglegt.
    Guckst du in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Bieres

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