Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

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Lockere Sommerlektüre – Kurzrezensionen Teil I (Prosa)

Genau wie der Körper verlangt bei manchen der Geist im Sommer eher nach leichterer Kost, die aber dennoch vitaminreich und nahrhaft sein soll. Deshalb hier nun fünf ausgewählte Lesetipps als Kurzrezis von meiner Prosa-Sommerlektüre aus den letzten Jahren, in den nächsten Tagen gibts dann fein Senf zu einiger Lyrik.


Paul Auster – „Mond über Manhattan“

Der Plot ist im Manhattan der 60er Jahre angelegt. Der verwaiste Held der Geschichte, M.S. Fogg, kommt zu Beginn seiner Studienzeit nach New York. Als er seine scheinbar letzte familiäre Bezugsperson, seinen Onkel Victor, durch dessen Tod verliert, stürzt er in ein anonymes, leidvolles Vegetieren als Stadtstreicher ab. Er lernt Kitty kennen, deren Liebe ihn aus dem Sumpf zieht und seine Eigenverantwortung weckt, so daß er einen Job als Pfleger und Adjutant bei einem blinden, schrulligen alten Herrn annimmt.
Mag dieser Einstieg in die Geschichte etwas rührselig anmuten – Auster seziert das Auf und Ab seines Helden bis ins Detail ohne Kitschblasen und entwickelt dessen Psychogramm bei der Suche nach sich selbst.

paul auster - mond über manhattanHier setzt nun das erzählerische Verwirrspiel von seltsamen Ereignissen und geheimnisvollen Andeutungen über die Herkunft des Helden an. Nach und nach gibt der alte Herr eine Geschichte preis, die sich als Folge von Kettenreaktionen dadurch entwickelt, dass die ins Spiel tretenden Personen meist zur falschen Zeit am richtigen Ort waren. Aus der vagen Ahnung, dass die Geschichte etwas mit ihm selbst zu tun haben könnte, wird für M.S. Fogg schließlich Gewissheit.
Der Autor führt seinen Helden und die Leser bewusst am roten Faden durch dieses Labyrinth der Zufälligkeiten, um schließlich äußerst raffiniert den Kern der Wahrheit heraus zu schälen.

Paul Auster gelingt es dabei, mit flüssiger Schreibe und hintersinnigem Humor locker Grundthemen postmoderner Philosophie zu variieren: Die Befreiung des Selbstbildes von der Meinung anderer und die Überwindung der Angst vor Einsamkeit durch Bewusstwerdung von Lebensdetails.  Famos…

Paul Auster – Mond über Manhattan
rororo – TB, 382 Seiten


Augusten Burroughs – „Trocken!“

Skurrile Komik und knallharte Offenheit sind seit seinem Bestseller „Krass!“ die Brandings von Augusten Burroughs.
So nimmt denn auch sein Alter-Ego-Ich-Erzähler Augusten in dem Roman „Trocken!“ kein Blatt vor den Mund, wenns um seine Befindlichkeiten als versoffener, schwuler, und dennoch erfolgreicher Werbetexter geht.
Seiner Agentur-Chefin wird die Sauferei nebst Folgeerscheinungen aber irgendwann unerträglich und sie zwingt ihn zu der Entscheidung „Job oder Alk“. So landet Augusten in einer Spezialklinik für schwule, reiche und gescheiterte Ex-Stars, wo ihn, den coolen Medienprofi, der Psychoschnack der „verständnisvollen“ Therapeuten, in der Umgebung von aschfahlen Sex- und Drogensüchtigen, an den Rand des Wahnsinns treibt.

trockenNachdem dieser wochenlange Spuk vorüber ist, gibts in Augustens neuem Leben aber gleich wieder beinah zwingende Gründe zum Rückfall, denn er soll eine Werbekampagne für eine deutsche Bierbrauerei, vertreten durch einen Alt-Nazi, entwickeln.
Seine Gefühle auf Achterbahn-Fahrt im Alltag, bei AA-Meetings, bei Treffs mit alten Saufkumpanen, beim Sex.
Und in Liebesangelegenheiten, deren feinsinnige Auslotung das hintergründige Hauptmotiv des Romans ist, fangen die Probleme erst so richtig an…
„Trocken!“ ist eine aufrichtige und gerade deshalb höchst amüsante Tragikomödie zum Thema Alkoholsucht ohne erhobenen Zeigefinger, ein Sittenbild der New Yorker Schwulenszene der 90er und ein warmherziger Liebesroman.

Augusten Burroughs – „Trocken!“
rowohlt TB, 384 Seiten


Jonathan Franzen – „Die Korrekturen“

Familiensagas belasten ja oft schwer die geistige Verdauung, zumal die meisten als fettleibige Schmöker daherkommen, mit viel literarischem Leerlauf aufgeblasen sind und sich einer ausgetretenen Sprache bedienen.
Diese Klippen hat Jonathan Franzen in seinen „Korrekturen“ meisterlich umschifft. Zwar hat die gebundene Ausgabe auch immerhin 782 Seiten, die jedoch sind mitreißende Unterhaltung, in der der Autor ein kompliziertes und zeitlich verschachteltes Beziehungsgeflecht in Worte gefasst hat.
Anhand der Geschichte der Lamberts entsteht ein Sittenbild und sensibles Psychogramm einer amerikanischen Mittelstandsfamilie aus dem Mittelwesten. Vor dem Hintergrund kleinbürgerlicher Normierungen entwickelt sich ein deprimierendes Katastrophenszenario, das aber mit staubtrockenem Humor, realistisch und nachvollziehbar erzählt wird.

franzen - korrekturenWie ein roter Faden zieht sich die fortschreitende Parkinson des Familienvaters Alfred durch die Handlung, die durch wechselnde Perspektiven schnell an Fahrt gewinnt. Seine Frau Enid, die ihn pflegt und darunter leidet, wünscht sich zu Weihnachten noch einmal eine Familienzusammenkunft mit ihren drei völlig unterschiedlich gearteten, erwachsenen Kindern, bei der die divergierenden Lebensentwürfe der Protagonisten aufeinander prallen.
Auf der einen Seite die unerfüllten Lebens-Sehnsüchte der Alten, andererseits Gary, der erfolgreiche Banker in einer Sinnkrise, Chip, der Lebenskünstler am Rande krimineller Machenschaften und Denise, die „femme fatale“-Emanze und gescheiterte Spitzenköchin.
Mit seinen überraschenden, treffenden Sprachbildern und genau ausgeloteten Charakterstudien gelingt Franzen ein formidables, äußerst unterhaltsames Buch, das Anspruch und Lesbarkeit feinsinnig vereint.
Der SPIEGEL: „Eine Sensation.“

Jonathan Franzen – „Die Korrekturen“
Rowohlt – 782 Seiten


Sandor Márai – „Die Glut“

Geben wir’s halt zu: Eine Dreiecksbeziehung als Plot, wieviele Dutzend Male auch schon in allen Facetten durchleuchtet, bizzelt immer noch Herz und Hirn.
Diesen klassischen Aufhänger nutzt auch Sandor Márai in „Die Glut“ als Geste, unsere Leserseelen wohl zu stimmen, um darin desto effektiver den Samen der melancholischen Lebensreflexion keimen zu lassen. Da treffen sich zwei Jugendfreunde nach 41 Jahren als alte Männer wieder, um endlich Wahrheit und Klarheit über eine traumatisierende Liebesepisode zu erlangen.
Die schöne Sie ist längst aus Liebeskummer verstorben, so dass die Weisheiten der Senioren von keinen faunischen Begierden getrübt werden. Die Geschichte beginnt mit einer Rückblende auf die Jugendfreundschaft von Henrik, dem „General“, und seinem Intimus Konrad, die gemeinsam Schule und Militärlaufbahn im k.u.k.-Österreich-Ungarn Ende des 19. Jahrhunderts absolvierten.

marai - glutAls Abgesandter in Paris verliebt sich Henrik in eine Französin, die ihm gar noch von Konrad vorgestellt wurde, und nimmt sie mit auf sein Schloß in den Karpaten. Die dort etwas Unglückliche geht eine geheime Liebesbeziehung zu Konrad ein und wie immer in solchen Fällen nimmt das Unglück seinen Lauf…

Doch diese Dreicksgeschichte, die von Márai sehr feinsinnig ausgelotet wird und im Sprachduktus an Proust erinnert, ist für den Autor eben nur der Rahmen, um seine Hauptfigur Henrik in einem reflektierenden Monolog über existenzielle Fragen mit unterschiedlichen Zungen sprechen zu lassen. Konrad kommt dabei nur zu wenigen (Ant-)Worten, denn, obwohl als reale Person in die Handlung verwoben, stellt er im literarisch-philosophischen Sinn nur ein Alter Ego von Henrik dar.
Henrik, der doppelt Hintergangene, sieht aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf seine gelebten und verpassten Daseinsmöglichkeiten zurück und durchwandert, auch sprachlich chimärenhaft, die Bewusstseinsebenen von Liebe, Treue, Freundschaft und Lebenssinn.
Und letztlich wird deutlich, dass seine Antriebsfeder (und wohl auch die von Konrad oder jedem anderen Menschen) die Sehnsucht war und ist – eine undefinierbare, imaginäre, aber doch ständig präsente Lebenskraft, die die Schönheit der Träume bewahren will und gleichzeitig die Möglichkeiten zur Veränderung auslotet.

Sandor Márai – „Die Glut“
Piper Verlag


Sabine Scholz – „Die Sonne hat keinen Eigentümer“

Die Sehnsüchte und Irrungen in Liebesangelegenheiten sind zeitlos. Das ist das eigentliche, sehr feinsinnig ausgelotete Thema dieses Versuchs einer Annäherung an den heute fast vergessenen Philosophen Max Stirner, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Berliner Hegelianer-Szene aufzumischen versuchte.

Die in Turin lebende Autorin Sabine Scholz, seit langem Mitarbeiterin am „Max-Stirner-Archiv“, hat diesen Roman anläßlich des 200. Geburtstag des Denkers nach gründlicher Recherche der wenigen bekannten Lebensdaten geschrieben und in geschickter Überblend-Technik die historischen und heutigen Protagonisten in einen lebendigen und glaubwürdigen Erzählstrang verflochten.

scholz - sonneDer Plot: Die in der Gegenwart im ostdeutschen Gadebusch lebende Schülerin Ambra findet eines Tages die verschollenen Briefe von Stirners zweiter Ehefrau Marie Dähnhardt an deren Freundin Fanny, in denen eine emanzipierte, frei denkende und doch sehr verletzliche Frau offen über ihre Männerbeziehungen und ihre gescheiterte Ehe mit dem Philosophen schreibt.
Ambra, ebenfalls in mehrere Männerbeziehungen gleichzeitig verstrickt, sieht viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben und macht sich auf Spurensuche, in deren Verlauf sie den arbeitslosen Berliner Philosophen Robert Weigert, einen Stirner-Spezialisten, kennenlernt und sich in ihn verliebt.
Die Briefe Marie Dähnhardts sind der rote Faden des Romans, von Spots auf Ambras gegenwärtiges Leben unterbrochen und so in gegenseitiger Reflexion Ausdruck der Gedanken- und Gefühlsverwandschaft beider Frauen.
Max Stirner wird dabei fast zur Randfigur, zumal er nur als unangenehm empfundene 3. Person in den Briefen, die auch ein Sittenbild der Freidenker-Szene des damaligen Berlin zeichnen, auftaucht.

Wie in ihren früheren Büchern gelingt es Sabine Scholz auch diesmal, mit flüssigem und variablem Schreibstil Lesespannung zu erzeugen und ihr Hauptthema „Liebe“ nicht mit Schwulst zu überladen, sondern in sensiblen Subtexten den Facettenreichtum ihrer Charaktere auszuloten.

Sabine Scholz – „Die Sonne hat keinen Eigentümer“
Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig, 256 Seiten


Aktuelle Rezis (mit Schwerpunkt Philosophie) findet ihr hier in der Kategorie „Rezensionen“ und wer in der ganz großen Kiste stöbern mag, wird vielleicht bei „literaturkritik.de“ fündig. Impressionen zu a paar ausgewählten zeitgenössischen Gedichtbänden wie gesagt in den nächsten Tagen …

wf

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1 comment to Lockere Sommerlektüre – Kurzrezensionen Teil I (Prosa)

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