Texterl zum Tage

Ohne Heimat sein heißt leiden.

Fjodor Dostojewski




internes Archiv

20172016201520142013201220112010200920082007

2017

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

Plugin by Oliver Schlöbe

Lesefrust und Lesesinn

Rechtzeitig zum Nikolaus schwingt die „Stiftung Lesen“ wieder mal die Rute und ermahnt uns mit der (schon geahnten) Wahrheit, dass jeder vierte Deutsche überhaupt keine Bücher liest.

Der aktuellen Studie „Lesen in Deutschland 2008“ mit über 2.500 repräsentativ befragten Jugendlichen und Erwachsenen „Lesen in Deutschland 2008“ zufolge prägen 6 „Lese-Typen“ die deutsche Leselandschaft:
Zu den „Leseabstinenten“ zählen 25 Prozent – für sie ist Lesen mühevoll. 24 Prozent haben als „Lesefreunde“ eine hohe emotionale Wertschätzung des Lese-Erlebnisses. 20 Prozent sind „informationsaffine“ Leser. 12 Prozent zählen zu den sowohl Computern als auch einem „schön gestalteten Buch“ gegenüber aufgeschlossenen „Vielmediennutzern“ – 11 Prozent ziehen als „elektronikaffine Mediennutzer“ Computer gegenüber Büchern vor. 8 Prozent sind „Medienabstinente“: Sie halten alle Medien für „Ballast“.

buecherEinen besonderen Fokus legte die Studie auf Menschen mit Migrationshintergrund – und kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: 36 Prozent von ihnen lesen ein- oder mehrmals in der Woche und 11 Prozent sogar täglich. Damit greifen sie mindestens ebenso häufig zum Buch wie der Bevölkerungsdurchschnitt mit 36 Prozent wöchentlichen bzw. 8 Prozent täglichen Lesern. „Deutsch sprechende Migranten bilden eine neue ´Lese-Mittelschicht´ – mit großem bildungspolitischen Potenzial“, lautet das Fazit von Andreas Storm, Parlamentarischer Staatssekretär für Bildung und Forschung: „Ihre Mitglieder sind wichtige Multiplikatoren, um bildungsferne Schichten zu erreichen. Und sie belegen, dass die Vermittlung von Sprachkompetenz der Schlüssel für erfolgreiche Leseförderung ist.“

Von diesem Phänomen abgesehen, dokumentiere die Studie das generelle „Verschwinden des klassischen Gelegenheitslesers mit einem bis vier gelesenen Büchern im Monat“, erklärte Professor Dr. Stefan Aufenanger für die Stiftung Lesen: „Der Vergleich mit den Vorgängerstudien der Stiftung Lesen 1992 und 2000 zeigt, dass der ,harte Kern´ der Viel-Leser von mehr als 50 Büchern pro Jahr mit rund 3 Prozent stets gleich bleibt. Die Gelegenheitsleser verzeichnen allein in den vergangenen acht Jahren einen Schwund von 31 Prozent auf 25 Prozent.“
Darüber hinaus belegt die Studie das Fehlen eines besonders wichtigen Leseimpulses: 45 Prozent der 14- bis 19-Jährigen erklären, dass sie als Kind nie ein Buch geschenkt bekamen. Die Vision vom „Bildschirm-Lesen als Zerstörer der Lesekultur“ trifft laut Studie nicht zu:
„Lesen am Bildschirm ist im Alltag angekommen – dennoch möchte die Mehrheit nicht auf gedruckte Bücher verzichten.“ Was schätzen die Leser an den Printmedien? „Gedrucktes wird weiterhin als besonders glaubwürdig empfunden. Und es bietet offenbar mehr Orientierungshilfe: 20 Prozent beklagen, dass sie sich beim Lesen am Bildschirm verzetteln.“

(tlw. Auszug aus dem Pressetext der „Stiftung Lesen“)


Alles in Allem muss aber bei der Leseförderung in den letzten Jahren manches anders als geplant gelaufen sein, behauptete doch die vom ZDF geförderte (und werbegestopfte) Stiftung auf ihrer Website noch vollmundig zum TV-Start der  „Lesen!“-Elke Heidenreich:
„Sie hat vor allem die Gabe, von ihren Entdeckungen so zu erzählen, dass beim Zuschauen und -hören dieses ganz besondere Kribbeln entsteht: der Drang, sofort vom Fernsehsofa aufzustehen, in die nächste Buchhandlung zu gehen, sich den besprochenen Titel zu holen und mit dem Lesen zu beginnen. „Lesen!“ ist Leseförderung at its best.“
Aber bekanntlich eignen sich, wie Hermann Hesse sagte, manche Bücher am besten zum Befestigen von Gartenzwergen.
Nicht nur FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher forderte neulich im Interview: „Investieren wir in die Zukunft unseres Landes, in den Geist!“; mittlerweile päppeln auch Politik, Wirtschaft und die deutschtümelnden PISA-Geschockten dieses lang vernachlässigte Kindlein – bei Gelingen darf man sich im philosophischen Hinterstübchen mitfreuen, dass gute Lese-Bildung über bessere Schulnoten und Berufschancen hinaus vor allem eine erweiterte, differenzierte Sicht auf Welt & Leben eröffnen und so einen kreativen Eigen-Sinn befördern kann. Auch wenn das dann wohl nicht jedem in das Untertanenbild den Kram passt…

Die komplette Studie 2008 der „Stiftung Lesen“
hier als PDF, 72 Seiten (2,0 MB)

wf

3 comments to Lesefrust und Lesesinn

  • Markus

    Vorsicht, Lesen! – Auch wenn von manchen Bildungsphilistern dies nicht beabsichtigt sein wird: Lesen kann dazu beitragen, um aus dem folgsamen Untertanen einen mitdenkenden, kritischen Bürger zu machen. Es sollten allerdings nicht nur die Börsennachrichten des Homo oeconomicus sein.

  • Schade, dass nach 10 Stunden Arbeit am Tag bei dem Lebensgefährten / der Lebensgefährtin einfach nicht die Toleranz besteht noch 2-3 Stunden in Ruhe ein Buch zu lesen und danach noch den Schnitt von ca. 4 Stunden Fernsehen aufrecht zu erhalten, der laut Bundesstatistik vom Bürger verlangt wird.

    Ich würde ja gerne mehr Lesen, aber die latente Androhung einer möglichen Trennung wegen Vernachlässigung der Beziehung hindert mich.

    Dennoch schwöre ich, liebe Stiftung lesen : Ich werde mir noch im Dezember heimlich ein Buch kaufen. Aber nur kaufen.

  • fr

    diese woche wie den ganzen letzten monat wieder mehr bücher gelesen als tage gelebt. welchen stellenwert haben die duchampschen leer- zeiten, die unproduktiven phasen in einem leben? lohnt es sich darüber nachzudenken?
    auf jeden fall. denn nicht was verbindet, trennt, sondern was trennt, verbindet.

Kommentar schreiben