Texterl zum Tage

Ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.

Guillaume Paoli




internes Archiv

20172016201520142013201220112010200920082007

2017

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

Plugin by Oliver Schlöbe

Phänomenales Bewusstsein

Weiter im Text ging’s diese Woche in 3sat bei Gert Scobel, der in seiner nach ihm selbst benannten delta-Nachfolgesendung diesmal zum Thema „Das Gehirn auf der Couch“ eingeladen hatte. Das Zusammenwachsen von Psychoanalyse und Neurowissenschaften firmiert unter dem neuen Etikett ‚Neuropsychotherapie‘, obwohl ja Freud selber schon als Neurowissenschaftler begonnen und gehirnanatomische Studien durchgeführt hatte.

sigmund freud

Sigmund Freud

Ziemlich erstaunlich, dass jahrzehntelang sowohl von konservativen Philosophen als auch Naturwissenschaftlern das ’naturalistische Missverständnis‘ gepflegt wurde, es handle sich dabei um zwei völlig getrennte Vorstellungen über menschliches Bewusstsein. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts wiesen der Neukantianer Friedrich Lange und der Medizinphilosoph Emil Heinrich Du Bois-Reymond darauf hin, dass phänomenologische Aspekte wie Emotionalität, Erinnerungen, Schmerz- und Farbempfinden, die sogenannten „Qualia“, mit einer rein materialistischen Begründung in neuronaler Aktivität (noch!) nicht erfassbar seien.
Daran hat sich prinzipiell bis heute nichts geändert, auch wenn es mittlerweile zum allgemeinen Debatten-Konsens gehört, immaterielle und dualistische Seelen-/ Bewusstseinskonzepte zugunsten naturalistischer Erklärungen als Irrtümer abzuheften. Gerade deshalb halte ich „Scobels“ Fragestellung nach einem neuen, umfassenderen Denkansatz, in dem Bewusstsein und Unbewusstes aus einer gemeinsamen Perspektive verstanden werden können, für überfällig – Kognitionspsychologie und Neurobiologie unter demselben Denk-Dach.
Die bisherigen Vorbehalte dagegen resultieren doch aus der scheinbar unüberwindbaren Kluft zwischen unseren qualitativ ausdifferenzierten Ich-Erfahrungen und deren Unerklärbarkeit durch die quantitativen Beschreibungen relativ gleichartiger neuronaler Prozesse aus der Dritte-Person-Beobachtbarkeit. Erschien noch Descartes die heute akzeptierte Zurückführung von Denkprozessen auf die Gehirnmechanismen als unvorstellbar, so tun wir uns nun schwer, unsere momentanen Vorstellungen über unser Selbst-Bewusstsein und die Einmaligkeit unserer Empfindungen vom stetigen Erkenntnisgewinn der Wissenschaft neu justieren zu lassen.
Wie immer war die Sendezeit zu kurz, um auf diese philosophischen Aspekte der Debatte näher eingehen zu können, aber einen großen gedanklichen Schritt Richtung Zusammenwachsen der Disziplinen haben Scobel und seine Gäste gemacht: Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, der eigentlich als ‚Hardliner‘ gehandelte Hirnforscher Wolf Singer und der geistreich-humorvolle, very charming Nobelpreisträger Eric Kandel – als Türöffner für Veränderungen unseres Vorstellungsvermögens.

Sende-Info + Kandel-Videointerview

wf

1 comment to Phänomenales Bewusstsein

Kommentar schreiben