Texterl zum Tage


Wenn du jemand in gefährliche geistige Gewässer mitnimmst, musst du auch bereit sein, ihm im Notfall wieder heraus zu helfen.

WF

Wem’s hier gefällt…


Archiv

2016201520142013201220112010200920082007

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

Plugin von Oliver Schlöbe

Eine kurze Geschichte des Reisens

Wenn Einer eine Reise tut und dann in der Ferne auf Landsleute trifft, wird er wahrscheinlich dasselbe Phänomen entdecken wie seinerzeit schon Michel de Montaigne (1533-1592): „Wo sie hinreisen, halten sie sich an ihre Gebräuche und Weisen und verabscheuen die fremden. Finden sie einen Landsmann in Ungarn, so tun sie entsetzlich fröhlich über ihren Fund. Denn die meisten reisen nur, um wieder heimzukehren; reisen mit einsilbiger und ungesprächiger Klugheit bedeckt und verwahrt, und beschützen sich vor der Ansteckung einer unbekannten Luft.“
Nun war allerdings zu Montaignes Zeiten und noch drei Jahrhunderte danach das Reisen eine eher elitäre Angelegenheit, die sich nur die höheren Stände, die Händler, Pfaffen, Auftragskünstler und staatsfinanzierte Conquistadoren leisten konnten – das einfache Volk ging höchstens mal auf Pilgerreise, um sich die letzten vom Mund abgesparten Kreuzer abzocken zu lassen (in Norwegen wurde die Teilnahme an Pilgerfahrten wegen deren Verbindung mit Aberglauben und Ablasshandel 1537 sogar per Gesetz unter Todesstrafe gestellt).

Als Thomas Cook 1841 die erste Tages-Pauschalreise per Eisenbahn anbot, gings dem Laienprediger zunächst nicht ums Geldverdienen, sondern darum, ein paar Hundert Säufer aus seiner Heimatstadt Leicester weg von der Ginflasche und hinaus an die frische Landluft zu bringen und dabei „Menschen mit Menschen und Menschen mit Gott zu verbinden“. Weil’s billig war (ein Schilling pro Person incl. Verpflegung), kam das Angebot gut an und somit eine Geschäftsidee zur Welt: 1845 gründete Cook das erste neuzeitliche Reisebüro, führte Reiseschecks und Hotelcoupons ein, und organisierte von da ab vornehmlich für Arbeiter und einfache Bürgerfamilien Pauschalreisen. Zunächst innerhalb Englands, dann aufs europäische Festland, schließlich nach Amerika und  Ägypten (mitsamt den ersten Nilkreuzfahrten) und eine erste 222-tägige Weltreise. Es war der Beginn des Massentourismus.

Dabei ist das Reisen an sich, zu sich und mit Anderen ein archetypisches menschliches Verhalten, eine anthropologische Konstante, denn der Mensch war ja von Anbeginn ein Umherziehender, ein Reisetier out-of-Afrika auf der Suche nach günstigeren Lebensbedingungen, und auch nach seiner Sesshaftwerdung im Neolithikum nahm er gern seinen Jahresurlaub, um sich zu kultischen Versammlungen etwa nach Çatal Höyük oder Stonehenge zu bewegen.  In der Kupfer- und Bronzezeit entstand dann schon ein dichtes Fernhandelsnetz vom Mittelmeerraum über Kleinasien bis zu Nord- und Ostsee, wobei die Reisenden nicht nur Güter wie Metall- und Töpferwaren, Bernstein, Schmuck, Stoffe und Gewürze, sondern auch Technologie und Kultur transferierten. Man war da zu Fuß oder mit Ochsenkarren nicht zum Vergnügen unterwegs, wohl auch nicht der Proto-Alpinist Ötzi oder das Mädchen von Egtved, das öfter zwischen Schwarzwald und Jütland pendelte, möglicherweise als kultische Priesterin. Über das genaue Geschehen und die Befindlichkeiten der Protagonisten jener vorschriftlichen Zeiten können wir nur anhand archäologischer Funde spekulieren,  die der Prähistoriker Hermann Parzinger in seinem Monumentalwerk „Die Kinder des Prometheus“ umfassend darstellt und zu interpretieren versucht.

Odysseus und die Sirenen

Reisen kann gefährlich sein: „Odysseus und die Sirenen“ – Gemälde von John William Waterhouse (1891)

Das Reisen im touristischen Sinne kam erst in der griechisch-römischen Antike auf, als sich das Wissen um Sehenswürdigkeiten und Naturwunder an anderen Gestaden durch Reiseberichte verbreitete und es in besseren Kreisen schon damals etwas galt, die gesehen zu haben. Und schon damals gab es jenen Typus von Reisendem (wie ihr ihn vielleicht auch aus eurem eigenen Bekanntenkreis kennt), der sich mit seinen Weltreiserfahrungen schmückt, obwohl er noch niemals die Berge vor der Haustür erwandert hat. So bemerkte Gaius Plinius (ca. 61/62-113/115 n. Chr.) süffisant: „Wir pflegen Reisen zu unternehmen, das Meer zu überqueren, um Dinge kennenzulernen, die uns, wenn wir sie immer vor Augen haben, nicht interessieren, weil es uns von Natur eigen ist, gleichgültig gegen die nächste Umgebung in die Ferne zu schweifen, weil das Verlangen nach allem, was bequem zu erreichen ist, erkaltet. … .Mag dem sein, wie ihm will, jedenfalls haben wir von vielem in unserer Stadt und ihrer Umgebung weder je etwas gesehen noch auch nur etwas gehört, was wir, befände es sich in Achaia, Ägypten, Asien oder sonst einem beliebigen Lande, das reich an Naturwundern und für sie Reklame zu machen weiß, längst gehört, gesehen und besichtigt hätten.“

Nun stellte sich auch schon damals die Benimmfrage, wie man sich als Gast in einem fremden Kulturkreis zu verhalten habe, um nicht anzuecken und wenigsten die Minimalforderung eines persischen Sprichworts zu erfüllen: „Das Beste, was man vom Reisen nach Hause bringt, ist die heile Haut.“ Drüben im alten China hatte Konfuzius seinen Landsleuten einfach geraten „Wenn du ein fremdes Land betrittst, frage, was dort verboten ist“ (da dran halten sich die modernen Chinesen leider nicht immer), wogegen über die sehr unterschiedlichen Benimmanforderungen in den vielfältigen Kulturkreisen des Imperium Romanum am besten die schockierenden Reiseberichte von Asterix & Obelix Auskunft geben. Für uns Heutigen stellt sich die Frage ja ein wenig anders seit Kurt Tucholsky erkannt hatte: „Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind!“

Es gab auch schon immer kluge Köpfe, die das geographische Reisen nicht allzu bekömmlich fanden, zumindest wenn es nur eine Kompensation für seelische Defizite, als Ersatz für die innere Reise dienen sollte. So schrieb der stoische Lebenshilfe-Philosoph Seneca (4 v. Chr.-65 n. Chr.) einem Freund: „Du wunderst dich darüber, daß du durch eine so lange Reise und so vielfachen Wechsel des Ortes dennoch den Trübsinn und die Schwermut nicht verscheucht hast. Denn Sinn mußt du wechseln, nicht den Himmelsstrich. – Magst du über das weite Meer schiffen, mögen dir, wie unser Vergil sagt, Länder und Städte entschwinden: Wohin du auch immer kommst, deine Fehler werden dir folgen. Zu einem, der über ganz dasselbe klagte, sagte Sokrates: „Was wunderst du dich, daß deine Reisen dir nichts nützen, da du dich selbst mit dir herumschleppst ?“ Derselbe Umstand, der dich forttrieb, verfolgt dich. Was kann dir die Neuheit der Länder frommen? Was das Bekanntwerden mit Städten und Gegenden? Vergeblich ist dieses Umhertreiben. Du fragst, warum dir diese Flucht nichts hilft? Du fliehst mit dir selbst. Die Last deiner Seele muß erst abgelegt werden; eher wird dir kein Ort gefallen.“ Und nein, dieser Freund war nicht der schon zitierte Michel de Montaigne, denn dem war diese Problematik wohl bewusst: „Wenn man mich jemand fragt, warum ich reise, antworte ich: Ich weiß wohl, wovor ich fliehe, aber nicht, wonach ich suche.

Der Arzt Paracelsus (1493-1541) sah die Sache eher aus seiner beruflichen Warte: „Wenn du eine Krankheit kennen lernen willst, dann reise.“ und der körperlich gebrechliche Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) machte aus der Stubenhockerei gar eine Tugend: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Die Fußgänger-Fraktion

Auch nach der Domestizierung des Pferdes und der Erfindung technischer Fortbewegungsmittel bervorzugten Manche das Reisen per pedes, nicht aus Not, sondern aus Überzeugung. Einigen reichte dabei schon die ‚kleine Reise‘ des Spaziergangs wie Immanuel Kant oder dem alten Schopenhauer, der das tägliche Gassi-Gehen mit seinem Pudel Atman so reflektierte:

schopenhauer_by_busch

Busch-Zeichnung vom philosophischen Flaneur Arthur Schopenhauer mit Pudel „Atman“

„Ohne tägliche Bewegung kann man nicht gesund bleiben: alle Lebensprozesse erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie vorgehen, als des Ganzen. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche Bewegung: das Herz in seiner komnplizierten doppelte Systole und Diastole schlägt heftig und unermüdlich, mit achtundzwanbzig seiner Schläge hat es die gesamte Blutmasse durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf hindurchgetrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motuis peristalticus; alle Drüsen saugen und sezernieren beständig; selbst das Gehirn hat eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug. Wenn nun hierbei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so entsteht ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der äußeren Ruhe und dem inneren Tumult.“

Dabei war Schopenhauer als junger Mann auch gern längere Strecken zu Fuß unterwegs, ganz im Sinne des damaligen Öko-Trendsetters Jean-Jacques Rousseau (1712-1778): „Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen.“ Das verdichtete der brave Goethe zu dem bekannten KalenderspruchNur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.und der fleißige Bergwanderer und Schopenhauer-Adept Friedrich Nietzsche setzte noch eins drauf: „Traue keinem Gedanken, der dir im Sitzen kommt.“

Der ausdauerndste Wander-Philosoph war aber wohl Siddhartha Gautama (vermutlich 563 – 483 v. Chr.), der über 40 Jahre lang den Nordosten Indiens als lehrender „Buddha“ durchstreifte und zahllose ‚Weisheiten‘ für alle späteren Wanderer hinterließ, besonders Schopenhauer war stark von ihm inspiriert. Und auch für euch, die ihr vielleicht vorhabt, demnächst auf Wanderschaft zu gehen, hat der Buddha einen klugen Tipp: „Zwei Dinge sollst du meiden, o Wanderer: die zwecklosen Wünsche und die übertriebene Kasteiung des Leibes.“

 Das Reisen in Kunst und Literatur

…können wir in diesem Blogbeitrag allerdings nicht mehr eingehender betrachten, denn ihr wisst ja, dass  seit etwa viertausend Jahren die Reise auch ein zentrales Motiv in Literatur und Kunst ist und unzählige Werke entstanden sind, in denen sich oft auch das kulturelle Selbstverständnis ganzer Volksgruppen und Regionen widerspiegelt. Von Homers Odyssee und Vergils Aeneis, dem arabischen Sindbad, der Seefahrer, Marco Polos Reisen, den Canterbury Tales von Geoffrey Chaucers  im europäischen Mittelalter,  Jonathan Swifts Gullivers Reisen, den zahlreiche Romanen Jules Vernes (Reise um die Erde in 80 Tagen, 5 Wochen im Ballon etc.) bis hin zu den in der Gegenwart allmonatlich zu Tausenden ins Medienmeer geworfenen Reiseblogs, self-published-adventurebooks und Travel-Videos. Und meist vermengen sich dabei Realität und Fiktion ebenso wie bei der Story, die dir dein Kumpel Heinz in der Stammkneipe von seinem letzten Kurztrip nach Mallorca reindrückt. Klar, die ganze Reiserei wär natürlich nur halb so interessant, wenn man nicht darüber was Hübsches erdichten könnte. Wusste schon der Globetrotter Voltaire (1694-1778): „Wer von weither kommt, hat leicht lügen.“

Und? Wo geht eure Reise hin?

Das beliebteste Urlaubsland der Deutschen ist auch dieses Jahr wieder – Deutschland. Nun ist Heimatverbundenheit ja nicht per se schlecht (schon aus ökologischen Gründen) und nicht alle Dahoambleiber sind Tümler, aber manchen, die alle Jahre wieder die Schwarz-Rot-Goldene auf ihrem Campingplatz hissen, sollte man doch mal sowas von Alexander von Humboldt an den Wohnwagen tackern: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“

Damit bleiben von den 70 Mio jährlichen Urlaubsreisen der Deutschen (Reiseweltmeister China schickt inzwischen doppelt so viele um den Globus) für den ‚Rest der Welt‘ grade mal etwa die Hälfte übrig. Im Auslandsurlaubsranking führt Spanien (8,8%) vor Italien (7,9%) und Österreich (7,7%). Für Griechenland haben sich bisher nur 2,6% entschieden, obwohl die Griechen ja etwas mehr Euro-Zuwendung gut gebrauchen könnten. Wer in dieser Hinsicht noch heuer oder nächstes Jahr was Gutes tun will, kann sich von mir gern n Tipp für ein Insel-Appartment bei einer netten deutsch-griechischen Familie holen und dann dort, quasi an den Quellen der Philosophie, bestens relaxen und sich, mit der richtigen Literatur im Gepäck, auch auf eine Zeitreise begeben – für Selbstdenker und Selbstbucher, versteht sich. Denn wer hier mitliest, gehört wohl eher nicht zu den 40% der Deutschen, die ihren Urlaub und ihr Denken als Pauschalreise buchen.

wf

4 comments to Eine kurze Geschichte des Reisens

Kommentar schreiben