Texterl zum Tage

Ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.

Guillaume Paoli




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Open your ears and your mind will follow

Der eine hat das Gitarrenspiel im Blues revolutioniert, der andere schon als Kind renommierte Orchester dirigiert und der dritte in den 1960ern den Free Jazz mitbegründet. Die Rede ist von Johnny Winter, Lorin Maazel und Charlie Haden, die alle drei in den vergangenen Tagen gestorben sind und die alle drei in ihren so unterschiedlichen musikalischen Genres neue Spiel-, Hör- und Denkweisen auftaten.

Charlie Haden

Charlie Haden

Live erlebt habe ich allerdings nur Charlie Haden; zum ersten Mal, als er Anfang der 1980er als Gastmusiker bei Pat Methenys „80/81-Tour“ in der Reihe „Jazz im Pfaffenwinkel“ im Schongauer Ballenhaus auftrat. Im melodiösen Style von Methenys Kompositionen ließ Haden bei aller Virtuosität auch gern mal die Roots seiner familiären Folkmusic-Sozialisation in seinem Bass-Spiel durchschimmern, schelmisch setzte er das eine und andere verfremdete Country- oder Lullaby-Theme als Kontrapunkt in eine polyphone Kollektiv-Improvisation. Denn von der Harmonie-dienlich arbeitenden Grundton-Sklaverei hatte sich Haden da schon lang emanzipiert, sein Bass sang seit seiner Zusammenarbeit mit Ornette Coleman und im Trio des Pianisten Keith Jarrett mit einer eigenständigen Stimme.
Dieses Denken in musikalischen Freiheiten verband sich bei Haden auch mit einem politischen Anspruch, als er zur Subkultur der New Yorker Jazz-Avantgarde mit ihrem extrovertierteren, rebellischen Gestus stieß. Politische Stellungnahmen und Forderungen nach sozialem Wandel spiegelten sich in den Ausdrucksformen vieler junger Künstler, die sich mit den teilweise radikalen Anliegen der Bürgerrechtsbewegung solidarisierten und gegen Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit, überholte Konventionen und gegen die Außenpolitik der US-Regierung, insbesondere in Vietnam und in Lateinamerika, rebellierten. So gründete Haden zusammen mit der Pianistin Carla Bley 1969 das Liberation Music Orchestra als Plattform für musikalischen Protest gegen gesellschaftliche Missstände in den USA. Die Formation besteht in wechselnden Besetzungen und verschiedenen stilistischen Ausrichtungen bis heute und gastierte 1983 ebenfalls in unserem Städtchen am Lech, wodurch ich Haden erneut, diesmal in einer anspruchsvollen Ensemble-Spielart von World Music, hören konnte.

Das breitere Publikum reagierte damals wie heute ziemlich ablehnend auf frei improvisierte Musik (und eine ebensolche Denkart), welche die üblichen Aufführungs- und Rezeptionsgewohnheiten in Frage stellte. Aber genau diese Irritation, diese Herausforderung zur Öffnung von Gehör & Gehirn, war von den Künstlern beabsichtigt und „die Kraft und Härte des Neuen Jazz und ein revolutionäres, zum Teil außermusikalisches Pathos wirkten um so vehementer, als sich vieles angestaut hatte, was nun über das bequem gewordene Jazzpublikum hereinbrach“ (meint Joachim Ernst Berendt in seinem „Jazzbuch“).

In diesem gesellschaftskritischen Aspekt berühren sich Free Jazz (den es heute in unzähligen Spielarten gibt) und Punk, so dass es gar nicht verwundert, dass auch Vivien Goldman, Professorin für Punk an der New York University (ja, sowas gibts dort), das „revolutionäre“ Musikschaffen Charlie Hadens nun in mehreren Artikeln ausgiebig würdigte und sogar eine Art Verwandtschaft im musikalischen und rebellischen Geiste zum ebenfalls gerade verstorbenen Punk-Drummer Tommy Ramone herbeischrieb. Kann frau natürlich so sehen…

Unter den zahllosen Formationen, in denen Haden mitwirkte, waren auch einige ziemlich kurzlebige, die trotz herausragender musikalischer Qualität kaum noch in der kollektiven Erinnerung der Jazz-Szene präsent sind. Dazu gehört wohl auch das Trio mit Ginger Baker (genau, der ehemalige „Cream“-Drummer und „Master of Polyrhythm“) und dem musikalischen Grenzgänger Bill Frisell (bei dem öfter mal Frank Zappa übers Griffbrett zu grinsen scheint) und rausgesucht hab ich für euch ein ziemlich freejazziges, improvisiertes Stückerl, das passenderweise mit „In the Moment“ betitelt ist; geht mit einem ‚ausgmachten‘ Themenkopf eher bieder los, dann aber dürfen die Herrschaften. Und bevor die weniger geübten HörerInnen zu früh aussteigen, verrat ich lieber noch, dass Baker da eins der coolsten Drum-Soli ever spielt (ab 9.15).

Viel Spass!

wf

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