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Vom bairischen Grantler zum Begriffsanalytiker

Kleine Laudatio zu Gerhard Polts Siebziger

Der bairische Grant ist als humoristischer Exportartikel in die nicht-bajuwarische Unterhaltungswelt nur bedingt geeignet, auch wenn böse Zungen behaupten, der Grant sei nur eine Erfindung der Tourismusindustrie. Stimmt natürlich nicht, denn der Grant gehört seit jeher zum kulturellen Habitus des Bayern und speist sich einerseits aus einem naturgegebenen Querdenken in Fragen der sozialen Rollenverteilung und andererseits aus einer leicht depressiven, aber warmherzigen Melancholie, die von wahren Bayern-Verstehern mit Recht auch als  „Blues des Südens“ bezeichnet wird.

Gerhard PoltWenn ein bairischer Grantler aber über sein angestammtes kulturelles Biotop hinauswächst wie der Gerhard Polt, kann man gut verstehen und aus Sicht der bairischen Kulturverwertungsindustrie sogar darob frohlocken, dass die Feuilleton-Bagage dem Polt zu seinem Siebziger soeben eine Laudatio nach der anderen übern Schliersee gjodelt hat; denn eine Marke ist der Mann schon lang, spätestens seit die Serie „Fast wia im richtigen Leben“ von 1979 bis 1988 im Bayerischen Fernsehen lief. Und weil so ziemlich alle bairischen Grantler, Blueser und andere Philosophen im Grunde ihres Herzens Platoniker mit einem feinen Gespür für ihre Vervollkommnung als Kugelmenschen sind, wäre Polt dabei ohne die Schneeberger Gisela nicht der Polt geworden; sie ist die ihn ergänzende Hälfte, so wie die Liesl Karlstadt den Valentin und die Evelyn Hamann den Loriot rund gmacht haben.
Aber weil sogar der Kugelmensch gelegentlich Seitensprünge braucht, um sich seines Glücks bewusst zu werden, hat sich der Polt auch immer wieder beim Theaterspielen am Münchner Residenztheater und den Münchner Kammerspielen verlustiert und war regelmäßig mit der „Biermösl Blosn“ auf Tour durch die bairische Provinz.

Von den Laudatoren waren GottseiDank nur wenige so plump, den Polt humortheoretisch auf Man spricht deutsh zu reduzieren oder nur mit den üblichen Feuilleton-Papperln als Satiriker, politischen Kabarettisten oder eulenspiegelnden Komödiant zu etikettieren. Geht ja auch deshalb nicht, weil der Polt weder moralisiert noch besserwisserisch rumstänkert, sondern uns einfach einen Blick öffnet in die Abgründe des Banalen, wenn er sich an den „Gemütlichkeitsvollzugsanstalten“ bairischer Stammtische oder im trauten Kleinbürger-Familienkreis tummelt und uns mithören lässt – und unser Erschrecken rührt daher, dass wir dabei eben auch in unsere eigenen Abgründe schaun.

Die Arbeit des Grantelns ist dabei immer auch eine Reflexion über den Zustand der Welt, ein Sich-wundern über die Kontingenzen menschlicher Leidenschaften und vor allem ein analytisches und hermeneutisches Kreisen um Begriffe, die uns Schein-Wahrheiten und moralische Correctness vorgaukeln. Da reagiert der Bayer ziemlich empfindlich, und wenn er sich von so einem Begriff provoziert fühlt, kann er durchaus zum sprachphilosophischen Berserker werden. So wie hier eben der Polt, der das ganze Gutmensch-Geschwurbel um die „Toleranz“ mit einer grantlergeschulten Begriffsanalyse dekonstruiert:

»Wer ist wir? Ich nicht.«

Gerhard Polt

Nur wenigen wars vergönnt, dem Polt zum Geburtstag die persönliche Aufwartung zu machen. Alex Rühle von der SZ gehörte dazu und er traf einen gelassenen Meister des Derbaazens im Biergarten: „Ja mei“

wf

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