Texterl zum Tage

Dein Leben ist so lang eine Kette von narzisstischen Kränkungen, bis du die Vorstellung von der herausragenden Bedeutung deines Ego losgelassen hast.

WF

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Zunehmender Narzissmus in den Pop-Lyrics

Wer vermutet, dass die Texte in der Popmusik immer dümmer und garstiger geworden sind, kann sich nun von einer sprachwissenschaftlichen Analyse bestätigt fühlen, die mit Hilfe von Computerauswertungen englischsprachige Songtexte aus drei Jahrzehnten unter die Lupe nahm. Dabei zeigte sich vor allem in Chart-Hits ein signifikanter Trend zu Narzissmus und Feindseligkeit, Worte wie „I“ und „me“ sind immer häufiger mit aggressiven Aussagen konnotiert, während gleichzeitig das Ausdrücken von „Wir“-Gefühlen und positiven Emotionen abnahm.

Der Psychologe Nathan DeWall, der die nach Musikgenres aufgegliederte Studie zusammen mit ein paar Kollegen von der University of Kentucky durchführte, schließt aus den Ergebnissen, dass heutzutage Jugendliche und Studenten mehr selbstbezogen seien als früher. Diese Einschätzung würde auch von psychologischen Persönlichkeitstests untermauert, in denen sich diese Altersgruppe mit narzisstischen Lebenseinstellungen ‚outete‘.

Lady-Gaga-Born-This-WayWährend es in den Texten der 1980er-Jahre-Hits noch oft um das Beschwören von einem gemeinsamen Glück, Solidarität und um die Überwindung rassistischer Vorurteile gegangen sei, drehe sich heute die ‚message‘ meist um eine einzige Person: den Sänger. Justin Timberlake etwa verkündetete 2006 „I’m bringing sexy back“ und Fergie jagt in einem Song ihren Lover zum Teufel, weil sie sich lieber mit sich selber beschäftigen möchte: „It’s personal, myself and I“.

Dazu passend waren die fünf weltweit meistverkauften Alben von 2010 Solo-Acts, alsda: Eminem, Lady Antebellum, Taylor Swift, Justin Bieber und Susan Boyle (mit Titeln wie „I“, „for one“, „have had about enough of her self-centered posturing“, „Get over yourself, lady!“). Und die Social-Web-Performerin Lady Gaga, die sich selbst „Mother Monster“ nennt, lehrt ihre pubertätsverwirrte Anhängerschar: „Wenn du etwas über dich wissen willst, musst du deine Einzigartigkeit suchen“.

Der Trend zu einem immer weiter um sich greifenden Narzissmus bei jungen US-Bürgern wurde auch von einer Meta-Studie mit aktuellen Datenerhebungen von etwa 50.000  Studenten bestätigt, die letztes Jahr im Fachmagazin Social Psychological and Personality Science veröffentlicht wurde.
Gleichzeitig sei damit aber auch eine Zunahme von Einsamkeitsgefühlen und Depressionen einhergegangen, was sich als semantische Korrelationen in den Songtexten niederschlage: Der Narzissmus blüht in Zorngefühlen und Beziehunsgproblemen, positive Gefühle und Begriffe wie „love“ und „sweet“ weichen zunehmend einer unsozialen Attitüde nebst einer häufigeren Verwendung etwa von „hate“ und „kill“.
„In den Songtexten der frühen 80er war die Liebe noch etwas Leichtes und Positives, eine schöne Sache zwischen zwei Menschen“, meint der Studien-Mitautorin Dr. Twenge, Psychologin an der San Diego State University, „doch in den letzten Jahren drehen sich die Songs meist um das Individuelle, und darum wie er oder sie sich enttäuscht und ungerecht behandelt fühlt.“ Möglicherweise läge es auch an den größeren gesellschaftlichen Freiheiten, dass Jugendliche sich heute leichter zu narzisstischen Statements hinreißen ließen, meint Frau Twenge, in erster Linie sieht sie darin aber ein klares Zeichen für einen allgemeinen Wandel der Selbstdarstellungs-Kultur.

Natürlich gab es in den Songtexten zu allen Zeiten die ganze Breite der Gefühlspalette, in „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones kriegt der Teufel sogar seinen persönlichen Auftritt und singt in der ersten Person; und 1988 prahlte Bobby Brown „nobody can tell me what to do“. Und die Countrysänger suhlten sich textlich auch ganz gern mal in Selbstmitleid, Pulverdampf und Egomanie. Aber diese „Ausreisser“ spiegelten keinen Psycho-Mainstream einer breiten Hörerschaft und hielten zudem oft eine ironische Distanz zwischen Autor und Textfigur, zwischen tatsächlichem Lebenswandel und Bühnenperformance.

Auch wenn sich diese Studien (bisher) auf die USA beschränkten,  darf man wohl vermuten, dass die Ergebnisse in allen Jugendkulturen, die am Pop-Tropf des Trendsetters USA hängen, ähnlich ausfallen würden. Immerhin hat sich das Frankfurter Institut für Sozialforschung dem Thema auch schon angenähert und kürzlich eine Studie mit dem Titel „Digitales Selbst. Personale Identität im Zeitalter des Internet“ herausgegeben. Am Ball bleiben bitte…

Und weil ich dann doch wissen wollte, ob auch die Musik entsprechend gruslig ist, wenn jemand von „Me, Myself & I“ singt, hab ich die drei Wörtchen mal ge-youtubed und so was von De La Soul dazu gefunden:

wf

– auch als Crosspost m. Kommentaren im „Freitag“

3 comments to Zunehmender Narzissmus in den Pop-Lyrics

  • Claus

    Wäre es technisch denn machbar, die Kommentare zu deinen Artikeln im „Freitag“, auf facebook (oder anderswo) hier automatisch mit einzublenden? Es gibt doch auch comment-feeds.

  • wf

    Ja, Claus, irgendwie ginge das wohl, es gibt sogar ein Plugin für die Verbindung von Facebook-Kommentaren mit Blogartikeln und ein guter PHP-Bastler (der ich allerdings nicht wirklich bin) sollte auch von überall her die Comments abziehen und einbaun können.
    Aber ich halt da eigentlich nicht so viel davon, denn erstens müsste man rein urheberrechtlich betrachtet die Einwilligung der jeweiligen Kommentatoren dafür einholen und zweitens herrscht in jedem dieser Medien ein anderer, spezifischer Code nebst oft medieninternen Querverlinkungen. Aber wenn mir externe Comments zu manchen Artikeln interessant erscheinen, werd ich die in Zukunft hier verlinken. Insofern Danke für die Anregung.
    Die gesammelten Comments zu diesem Artikel im „Freitag“ kann man direkt hier abrufen:
    http://www.freitag.de/community/blogs/oxnzeam/zunehmender-narzissmus-in-den-pop-lyrics#comments

  • wf

    Das narzisstische Gesamtkustwerk von Lady Gaga als reines Geschäftskalkül? – oder steckt hinter diesem „Kirmestechno“ gar tieferer Sinn? Die „SZ“ wechselt mal die Perspektive:
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/phaenomen-lady-gaga-isch-lieben-aus-tubiklaer-1.1100072

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