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Schlicht sind Säufer nie

Mit „Jack Taylor fährt zur Hölle“ setzt Ken Bruen die Reihe seiner ‚hard-boiled novels‘ fort

Ken Bruens Krimireihe um den versoffen-abgewrackten Ex-Polizisten und Privatdetektiv Jack Taylor ist auf mittlerweile acht Bände angewachsen und hat in Irland und Großbritannien längst Kultstatus. Nun erschien mit „Jack Taylor fährt zur Hölle“ die dritte Folge im Züricher Atrium-Verlag, wie die ersten beiden „Jack Taylor fliegt raus“ und „Jack Taylor liegt falsch“ von Harry Rowohlt ins Deutsche übertragen.

Wieder ist der Plot dieser hard-boiled novel in der irischen Kleinstadt Galway angesiedelt, in der auch der Autor lebt, und wieder dreht sich die Abwärtsspirale aus Dauer-Suff, Kokain, Lebensekel und Happy-Pills für Jack Taylor weiter – gelegentlich mal kurz unterbrochen von seinen Entzugsversuchen inclusive Tremor, Halluzinationen und betäubender Depression.

Kann so einer zwei komplizierte Kriminallfälle lösen, die auf zunächst undurchschaubare Weise miteinander verwoben sind? Jein, denn eigentlich klären sich die Fälle durch das Ineinandergreifen kontingenter Ereignisse mit unvorhersehbaren Wendungen fast von selbst.

ken bruen taylorJack Taylors ‚Ermittlungsarbeit‘ beschränkt sich anfangs auf das eher lustlose Rumstochern im Kreis möglicher Verdächtiger und Zeugen, doch nach und nach wird er selber von der dadurch unbewusst ausgelösten Eigendynamik der Fälle nicht nur beruflich, sondern auch privat immer mehr erfasst und setzt schließlich selbst als Akteur in diesem Verwirrspiel einen überraschenden Schlussakkord.

Taylors ursprünglicher Doppelauftrag besteht zum Einen darin, im Auftrag seines ehemaligen Schulkameraden und jetzigen Ganoven Bill Cassell, dem er noch was schuldig ist, die Wäschereihelferin Rita Monroe aus dem ehemaligen Galwayer Magdalenenstift zu finden, einer berüchtigten katholischen Einrichtung, in der jahrzehntelang „gefallene“ unverheiratete Mädchen untergebracht und fürchterlichem Missbrauch bis hin zu tödlicher Folter ausgesetzt waren. Angeblich habe diese Monroe der damals dort eingesperrten Mutter Cassells zur Flucht verholfen und sie so vor der Quälerei durch eine Nonne namens Luzifer gerettet.

Parallel dazu soll Taylor Beweise sammeln für einen Mordverdacht, den ein gewisser, etwas schnöseliger Terry Boyle gegen seine Schwiegermutter Kirsten hegt, die seinen Vater während Boyles Auslandsaufenthalt umgebracht und zwecks Spurenvernichtung eingeäschert haben soll. Tatsächlich stellt sich diese Kirsten für Taylor bald als höchst attraktives und einflussreiches Biest heraus – und, soviel sei verraten, als passionierte Männersammlerin, die sich auch den zugedröhnten Taylor mit der passenden Anmache ins Bett holt: „Jack, was Sie auch sind, schlicht sind Sie nicht. Sind Säufer nie.“ Die undurchschaubare Geliebte wird Taylor bis zum Schluss noch einiges zu schaffen machen.

Diese beiden roten Fäden der Story drehen sich in- und umeinander, wobei etliches an skurillem Personal ins Spiel kommt: ein mit Taylor befreundeter Ex-Polizist, Brendan Flood, der früher schon mal in Sachen Magdalenenstift ermittelt hatte, bevor er zurückgepfiffen wurde und dann vom Suff in die Religiosität und wieder zurück gefunden hatte; Taylors ob ihres missratenen Sohnes verbitterte Mutter nebst Lebensgefährtem, einem bigotten Priester; eine junge Polizistin, die Taylor steckt, dass die Mutter des amtierenden Polizeipräsidenten Clancy ebenfalls Nonne im Magdalenenstift gewesen war.
Dazu ein veritabler Auftragskiller, etliche Schläger und Trunkenbolde, halbdebiles Hotel- und Kneipenpersonal und schließlich auch die gesuchte Rita Monroe, nach deren Auffinden der Fall aber keineswegs abgeschlossen ist, sondern einen zusätzlichen rätselhaften Dreh bekommt.

Inmitten all dieser Verwicklungen versucht der Ich-Erzähler Jack Taylor, sich in seinen schwankenden Befindlichkeiten einigermaßen durchzuwursteln, in einer korrupten Umwelt die Spielchen der Macht zu verweigern und seine persönliche moralische Integrität abseits bürgerlicher Wertvorstellungen zu bewahren. Taylors „Verhöre“ beschränken sich auf meist knappe Dialoge, in deren sarkastischer Lakonie kein Platz für Höflichkeiten und Allgemeinplätze ist, so dass die Gespräche oft ruppig, rotzig und gelegentlich auch wirr klingen, seinem jeweiligen Zustand angemessen.
Ebenso selbst-ehrlich ist Taylors innerer Monolog über das Lavieren zwischen den Qualen seiner Entzugsversuche, des Pegelhaltens zum halbwegs Funktionieren und den unvermeidlichen Abstürzen. Dann spielt er nachts schon mal mit seiner 32er-Heckler & Koch, einem „ganz bösen Gerät“, das er später noch anderweitig brauchen wird; oder er sinniert über seine Entzugs-Depressionen: „Ich lebe ohne Lullen, Koks und Alk. Warum in aller Welt sollte es mir dann nicht mindestens unterdurchschnittlich gehen?“

Versierten Krimilesern wird kaum entgehen, dass dieser Jack Taylor einer der vielen Enkel des Privatdetektivs Philip Marlowe ist, mit dem Raymond Chandler in den 1930er-Jahren die „schwarze Serie“ im amerikanischen Kriminalroman begründete und damit die Blaupause für die Figur des im bürgerlichen Leben gescheiterten, daueralkoholisierten, wortkargen, unbestechlichen, knallharten und dennoch sentimentalen lonely wolf als Ermittler vorlegte. Dass dieser Typus nach gut einem halben Jahrhundert literarischer Bespiegelung zum überstrapazierten Klischee geworden ist, weiß auch Ken Bruen. Deshalb (über)zeichnet er Jack Taylor als vom realen Leben angewiderten Zyniker, hinter dessen schroffen Auftritten immer der melancholische Feingeist tickt.
Während sich bei Chandler die intellektuelle Attitüde Philip Marlowes in der Leidenschaft zum Schach offenbart, lässt Bruen ganze Passagen aus mehr oder weniger bekannten literarischen und philosophischen Werken durch Taylors Kopf gehen – wobei man als Leser dabei zwar nicht unbedingt Bezüge der Zitate zur laufenden Handlung konstruieren muss, es bei entsprechender Interpretationslaune aber versuchen kann.
Zudem erweist sich Taylor als profunder Kenner und name-dropper des Who-is-Who der anglo-amerikanischen Rockmusik der 1980er- und 1990er-Jahre und darf über sein selbstzerstörerisches Tun immer wieder auf der Metaebene einer gelegentlich in die Larmoyanz abgleitenden Selbstreflexion philosophieren.

Dabei spielt Bruen mit dem hard-boiled-Klischee als ironischem Accessoire, denn Jack Taylor hat auch sämtliche Werke aus der düsteren „Factory Series“ von Derek Raymond, einem Nachfolger Chandlers, an der Wand aufgereiht, „wie Kugeln, die ich nur nachzuladen brauchte“.

Auch der Handlungsrahmen wird in einen aktuellen Bezug gesetzt. Bruen entwickelte die Taylor-Reihe in den Wachstumsjahren des „Keltischen Tigers“, als die große Gier, der blinde Glaube an eine endlose Geldvermehrung, bei seinen Landsleuten den sozialen Zusammenhalt und die religiösen Traditionen erudierte. Dieses gesellschaftliche Hintergrundrauschen klingt im Roman mit und die historischen Ereignisse im Magdalenenstift, die als fiktionale Erzähl-Episoden aus der Sicht einer (unbekannten) dritten Person vor einige Kapitel in den Roman eingeflochten werden, spiegeln sowohl die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen in Einrichtungen der Katholischen Kirche wider als auch die bigotte irische Einstellung zum Katholizismus: „Die Wäscherei war bestens im Geschäft, und das Geschäft florierte in einem Maße, dass selbst die Anwohner ihre Wäsche dort abzugeben begannen. Von ihnen kam kein Mitgefühl.“

Im englischen Original bezieht sich der Romantitel „The Magdalen Martyrs“ wesentlich eindeutiger auf diese Verbrechen, während der Leser sich bei „Jack Taylor fährt zur Hölle“ sowohl den Trip in dessen persönlichen Abgrund denken kann wie auch das nach-und-nach-Erkennen des grauenhaften Geschehens, welches tatsächlich erst in den 1990er-Jahren in seiner ganzen Dimension publik wurde, nachdem man in dem Galwayer Magdalenenstift ein Massengrab mit namenlosen Mädchen entdeckt hatte.

Die größte Abgrenzung zu seinen Vorläufern aber gelingt Ken Bruen wohl mit dem trocken-punchigen, gelegentlich ins Slapstickhafte abdriftenden Jargon seiner Figuren, den der Autor in einem Interview anlässlich der Verleihung des US-Krimipreises „Shamus-Award“ selber so beschrieb: „It’s like a slap in the face and a kick in the balls“. Und fügte auf die Frage nach den stilisten Merkmalen von hard-boiled hinzu: „Mean as hell, black as coal and uncompromising in every sense, not for the Booker readers.“
Den Booker-Preis hat Ken Bruen noch nicht bekommen, dafür aber den Deutschen Krimipreis 2010 für eben diesen dritten Jack-Taylor-Band. Passt gut ins Verlagsmarketing, das sich sehr geschickt mit dem nach gut gelagertem Whisky klingenden Etikett „Irish Noir“ ein originelles Label für die Taylor-Reihe hat einfallen lassen und mit Harry Rowohlt einen jeglicher Biederkeit unverdächtigen Übersetzer auf dem Buchcover präsentiert, der sich auch schon durch seine deutschen Fassungen von Frank McCourts und Flann O’Briens Romanen als Kenner der irischen Seele ausgewiesen hat.
Das wird Ken Bruens Fankreis auch bei uns erweitern – und für den Fall, dass die Krimi-Wallfahrten, wie man sie etwa von Henning Mankells schwedischem Ystad kennt, auch von dieser Crime-Serie angekurbelt werden, hat man für potentielle Galway-Touristen schon mal eine Stadtkarte in den Buchumschlag eingedruckt.

Ken Bruen: Jack Taylor fährt zur Hölle.
Übersetzt aus dem Englischen von Harry Rowohlt.
Atrium Verlag, Zürich 2010.
300 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783855350469

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© Werner Friebel 2011 & „literaturkritik.de“

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