Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

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Äthiopischer Blues bei „Metropolis“

Nachdem hier bereits die ARTE-Sendereihen „Cut Up“ und „One Shot Not“ vorgestellt wurden, soll das feuilletonistische Magazin „Metropolis“ auch ein Schüppel Lob abbekommen. Ähnelt in Aufbau und thematischer Vielfalt der 3sat-Kulturzeit, ist allerdings weniger auf „Groß-Kultur“ fixiert und traut sich auch mehr Kritik und Ironie gegenüber bildungsbürgerlicher Kulturrezeption zu.
In der Selbstbeschreibung heißt es auf der Website: „Metropolis zeigt die Kultur als Spiegel unserer Zeit, mal in heiterem oder frechem Ton, mal mit dem gebotenen Ernst.“
Das triffts schon (wie ein allgemein gehaltener Slogan durch rhetorische Selbstreflexität ja fast immer passt), aber am interessantesten finde ich, wenn die Sendung immer wieder mal an der in unseren europäischen Augen ‚kulturellen Peripherie‘ rumstöbert und diese ins Wahrnehmungsfeld rückt.

So hatte ich auch von der zeitgenössischen äthiopischen Musikszene nur wenig Ahnung und war erfreut über einen längeren Beitrag dazu in der letzten „Metropolis“, in der die äthiopischen Musiker Mahmoud Ahmed, Alèmayèhu Eshèté und Mulatu Astatke interviewt und die CD-Reihe „Éthiopiques“ vorgestellt wurden, die seit 1994 von einem französischen Plattenlabel anthologisch produziert wird.

Der Beitrag hat den kleinen Musikethnologen in mir zu ein wenig Recherche ermuntert und so fand ich beim Stöbern in diversen Quellen, dass der russische Zarenhof schon Ende des 19. Jahrhundert musikalische Entwicklungshilfe an Äthiopien geleistet hatte; in Form von geschenkten Blechblasinstrumenten nebst einigen dazugehörigen Kapellmeistern.
Der letzte Äthiopische Kaiser Haile Selassie (1892-1975) förderte mit Staats- und Militärorchestern bei der Armee, der Polizei und der Kaiserlichen Leibwache die interkulturelle Verbindung der äthiopischen „Ur-Folklore“ mit ‚zivilisierten‘ Einflüssen und doch blieb die Musik Äthiopiens in ihrer Vielfalt einzigartig aufgrund der Geschichte dieses afrikanischen Landes, das als einziges des Kontinents nicht kolonisiert wurde.

So entwickelte sich ab den 1950ern vor allem in den größeren Städten eine vitale Populärmusik, die verschiedene westliche und einheimische Stile miteinander verknüpfte. Bald wurde Addis Abeba „Swinging Addis“ genannt. Viele ‚kaiserliche‘  Musiker aus den Militärkapellen oder dem Palastorchester verdienten sich ein paar Extra-Brötchen in den Clubs und Bars der Hauptstadt, wo sich bald auch erste ‚Musikabenteurer‘ aus Europa und den USA dazu gesellten.
In den 1960ern wurde von Musikern wie Bizunesh Bekele der Rhythm’n’Blues und Soul adaptiert und der damals junge Mulatu Astatke integrierte Jazzharmonien und lateinamerikanische Rhythmen in seine Songs.
Neben diesen ersten national erfolgreichen Combos gab es allerdings auch experimentelle Solisten wie den Saxophonisten Getatchew Mekurya, der traditionelle Gesangsstile auf sein Saxophonspiel zu übertragen versuchte und häufig mit Free-Jazz-Saxophonisten wie Ornette Coleman und Albert Ayler verglichen wurde.
In diesem brodelnden Stilmix gediehen die ersten internationalen Stars wie die Sänger Neway Debebe und Tilahun Gesesse, (der bis heute als „Stimme Äthiopiens“ gilt) und Gruppen wie die Ethio Stars oder die Roha Band.

Auch in den 1970er Jahren setzte sich diese Entwicklung noch fort, Orchester wie die Wallias Band orientierten sich am frühen Funk von James Brown & Co. Mit dem Sturz des Kaisers und der beginnenden Militärdiktatur allerdings flüchtete die Mehrzahl der etablierten Künstler; durch diesen Aderlass und die restriktiven Bedingungen der Diktatur verlor die äthiopische Populärmusik ihr hohes Niveau. War die Vielfalt der ethnischen Gruppen Äthiopiens für die Kultur im monarchisch geführten Einheitsstaat eine Bereicherung, entlud sich ihr soziales Spannungspotential nun immer wieder in bewaffneten Konflikten.
Das zwang auch Aster Aweke, die ihre ersten Aufnahmen noch Mitte der 1970er in Addis Abeba machte, in die USA zu gehen. Heute gilt sie als Äthiopiens international bekannteste Musikerin.
Die politischen und sozialen Wirren und Leiden der letzten Jahrzehnte, die furchtbare Hungersnot (1984–1985) und die andauernden Konflikte mit Eritrea und Somalia haben die äthiopische Musikszene im eigenen Land zwar nicht zugrunde gerichtet, ihren Ausdruck aber „bluesiger“ gemacht – und seit Jim Jarmuschs Film „Broken Flowers“ (2005) gibts auch wieder mehr internationale Anerkennung, weil der Regisseur von dem schon erwähnten „Vater des Ethio-Jazz“, Mulatu Astatke, den Soundtrack komponieren und einspielen ließ.

Im Rahmen einer Europa-Tournee spielen nun „Mulatu Astatke & The Heliocentrics“ auch je einmal in Deutschland und Österreich, und zwar am 02.07.10 in Rudolstadt und am 29.07.10 in Krems.

wf

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