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Fjodor Dostojewski




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Zeitlos schön: Astor Piazzollas Tango Nuevo

Die Tango-Puristen nannten ihn einen Verrückten mit “seltsamen Ideen und sinnlosen Modernismen” und es gab Jahre, in denen konnte sich Astor Piazzolla (1921–1992) in Buenos Aires nicht auf die Straße trauen. Sogar Morddrohungen, auch gegen seine Familie, gab es von orthodoxen Tango-Musikern und -Aficionados immer wieder, weil Piazzolla in deren Augen ein Hochverräter an der Tradition war. Von der argentischen Oberschicht und etablierten Künstlerkreisen hatte er anfangs auch keine Unterstützung zu erhoffen, da der Tango als die Musik der Gosse und des kriminellen Milieus der Hafenkneipen stigmatisiert war, auch wenn Tango in Europa seit den 1920er Jahren als exotische Mode die Tanzhäuser erobert hatte. Dafür allerdings war sein „Tango Nuevo“ nicht geeignet, da kaum tanzbar, mit vertrackten Rhythmus-Pattern und eigenwilligen Melodien in einem eigenwilligen Gebräu aus argentinischer Folklore, Jazz und Neuer Musik, beeinflusst von Ravel, Strawinsky und Bela Bartók.

astor piazollaMitte der 1950er verschwand der Tango in Europa mehr oder weniger aus der öffentlichen Performance, wurde durch populäre Musikstile und Tanzrhtyhmen aus Nord- und Mittelamerika sowie Brasilien verdrängt, bevor in der 1980ern eine Renaissance einsetzte. Diesmal allerdings nicht nur bei den Tänzern, sondern auch in Konzertsälen und sogar im anspruchsvollen Kinofilm.
Daran hatte Piazzolla wesentlichen Anteil, denn er – mittlerweile ein Weltstar und auch in der argentinischen Heimat höchst geschätzt – war nicht auf seine eigenen Musikprojekte beschränkt, sondern arbeitete im Laufe seiner Karriere intensiv mit Filmleuten wie Jeanne Moreau und dem Regisseur Fernando Solanas zusammen, auch mit Literaten wie Jorge Luis Borges und Horacio Ferrer und tourte regelmäßig weltweit mit Jazz-Größen wie Gary Burton oder Gerry Mulligan. Zu Deutschland hatte er eine besondere Beziehung durch Pina Bauschs experimentelles Tanztheater, für das er die Musik zum Ballett „Bandoneón“ schrieb.

Vor nun ziemlich genau 20 Jahren wollte Piazzolla eine Abschiedstournee in Deutschland geben, für die ein paar Freunde und ich schon Karten reserviert hatten. Leider mussten die Konzerte wegen Krankheit, von der er sich nicht mehr erholte, abgesagt werden. Aber seine melancholisch-schöne Musik  wird weltweit von vielen Spitzenensembles am Leben erhalten, wie hier der „Libertango“ von dem chinesischen Cellisten Yo-Yo Ma und seinen tollen Mitmusikern – vielleicht einen Tick zu schön gespielt für einen „argentinischen Blues“ …

 

(Wenn das Video nicht angezeigt wird, hier klicken!)

wf

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