Texterl zum Tage

Ohne Heimat sein heißt leiden.

Fjodor Dostojewski




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Piraten entern Europaparlament

Nein, der „Piratenpartei“ geht es nicht um eine Lizenz zum Diebstahl, wie das Zetern vieler Urheberrechte-Verweser und Kreativitäts-Abstauber vermuten ließe, sondern um das Grundrecht unserer computergestützten „Wissensgesellschaft“ auf kostenlosen Zugang zu allen digital publizierten Dokumenten.

logo PiratenparteiWie bitte? Kreativitäts-Abstauber? So ist es, denn bei den Angeboten, die traditionelle Medien wie Frankfurter Rundschau, Die Zeit, FAZ, Süddeutsche, Tagespiegel oder andere auf ihren online-Dependancen feilbieten erhalten die Urheber, sprich Autoren,  von den (Werbe-)Einnahmen in der Regel keinen Cent, sondern werden regelrecht enteignet, indem ihre Artikel teilweise als „Mietobjekte“ an andere Webseiten verhökert werden.
Im gleichen Atemzug wird von den Zeitungsverlagen nach dem Rechtsstaat gerufen, der die Renditen  sichern soll: Soeben haben führende deutsche Verlage zum Auftakt des 3. Internationalen Mediendialogs  in Hamburg eine Resolution gegen den Diebstahl geistigen Eigentums im Internet vorgelegt. ‚Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben‘, heißt es darin.

Vielleicht ging es auch ein wenig um Rache für das skandalöse Gerichtsurteil gegen die Internet-Tauschbörse „The Pirate Bay“, doch der überraschende Einzug der Piraten ins Europaparlament deutet darauf hin, dass hier auch ein gesellschaftliches Anliegen von größerem Ausmaß zur Debatte steht.
In Schweden erreichte die Partei bei der Europawahl 7,1 Prozent der Stimmen und wird nun als ‚Vorhut‘ wohl eine  einundzwanzigjährige Studentin als Abgeordnete nach Brüssel schicken. Und sogar die neugegründete Deutsche  Piratenpartei scharte mit 0,9% der Stimmen (genau 229.117 Wähler) wohl mehr als ein paar vorsätzlich kriminelle Raubkopierer um ihr Anliegen – da kokelt was …

Gemeinsam ist den ‚Parteiprogrammen‘ der weltweit aus den mit Open Access und Creative Commons gedüngten Böden aufploppenden Piratenparteien, dass sie ihre Aufgabe darin sehen, Rechte an immateriellen Gütern zu reformieren, da nicht in deren Besitz oder Verkauf, sondern in deren Austausch der eigentliche Wert liege. Außerdem soll der nach Ansicht der Piratenparteien nahe rückende Überwachungsstaat (Gruß an „Zensursula„) verhindert werden. Andere oder damit nur indirekt verbundene politische Themen sollen laut Parteiprogramm ausgeklammert werden, um die Ziele der Partei nicht zu verwässern.

Damit dürfte es allerdings nicht getan sein, da nicht nur bestehende Rechtsauffassungen davon berührt werden, sondern wohl auch eine grundsätzliche gesellschaftliche Wertehaltung zu künstlerischen und wissenschaftlichen ‚Erzeugnissen‘. In der ostasiatischen ‚Denke‘ etwa gibt es dieses persönliche geistige Eigentumsrecht ohnehin nicht, da in vielen traditionellen religösen und philosophischen Auffassungen auch das Schöpferische ein ‚Nicht-Selbst‘ (Anatman) ist und aus bereits Bestehendem und gegenwärtig Möglichem/ Notwendigem emergiert (Karma-Prinzip). Behaupten auch – vereinfacht gesagt – unsere westlichen Neurowissenschaftler und postmoderne Bewusstseins-Philosophen ;-)

Jedenfalls gewinne ich zunehmend den Eindruck, dass nicht nur Piraten, Blogger, Musikfreaks und ähnliches Gesindel das herkömmliche Urheberrecht für nicht mehr zeitgemäß halten, sondern auch die an Traditionsmedien gewohnten Urheber und Publizisten selber, weil sie durch die bestehenden Verwertungsformen sowohl in ihrem Veröffentlichungs- wie auch Einnahmeinteresse behindert werden –  das Enterkommando der Piraten könnte auf dem trägen Brüsseler Verwaltungsdampfer zusätzlich ihr schwarzes Segel setzen und durch geschicktes Anluven den offensichtlichen Handlungsbedarf beschleunigen.

wf

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