Texterl zum Tage

 

Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.
 Franz Kafka

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

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Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur

In seinen >Cahiers< nimmt uns der intellektuelle Abenteurer Paul Valéry mit in sein Denklaboratorium einer lebensphilosophischen Selbsttherapie

Nicht selten kommt es vor, dass eine zufällig aufgeschnappte Bemerkung, ein irgendwo gelesener Satz mir spontan Lust darauf macht, aus dem eigenen Bücherregal wieder mal etwas herauszuziehen, das als Verwandtes oder als exemplarisch dafür erinnert wird. Nun stöberte ich an diesem Schlechtwetter-Ostern in der aktuellen Ausgabe des Literaturmagazins poet nr. 22, in dem auch einige Gespräche mit darin vertretenen Autor*innen über ihre Beschäftigung mit philosophischen Themen und deren Einfluss auf ihr Schreiben festgehalten sind. Darunter auch Rüdiger Safranski, der sein Interview mit der pointierten Bemerkung schloss: „Wo es richtig spannend wird, gehen Philosophie und Literatur ineinander über.“ (Das IV könnt ihr komplett hier im Poetenladen lesen.)

Dass die Vegetationszonen der Philosophie und der Literatur oftmals ineinander übergehen und Zwitterpflänzchen gedeihen lassen, die Merkmale beider Welt-Zugangsweisen in sich vereinen, ist allerdings keine ganz neue Beobachtung und hat sich nicht erst im anything goes der ‚Postmoderne‘ entwickelt. Wir sehen das schon bei Platon, Montaigne (der ja das Genre des literarisch-philosophischen Essays begründet hat), bei Lichtenberg, Nietzsche, Robert Musil, Thomas Mann, Camus, Sartre, Umberto Eco, Adorno und vielen anderen Autoren, – und eben bei Paul Valéry (1871-1945), auf den Safranskis Bonmot zutrifft wie sonst vielleicht nur auf Ludwig Hohl, der sich in seinen „Notizen“ übrigens vielfach auf Valéry bezieht.
(Wer sich für die akademische Diskussion zum Verhältnis Literatur – Philosophie interessiert, dem sei zum Einstieg die Kontroverse zwischen Christoph Demmerling und Richard Rorty in dem Sammelband „Hinter den Spiegeln“ empfohlen.)

Paul Valéry CahiersAn jenem Ostermontag also griff ich mir, während draußen wieder windwirbeliges Schneetreiben einsetzte, nach der poet-Lektüre den Valéry aus meinem direkt neben dem Schreibtisch stehenden Drogenregal, wo jener Vorrat steht, der gut für den spontanen Kick taugt, als schnell wirksame Spritze Fremd-Esprit zur Düngung des eigenen. Es war das Büchlein „Ich grase meine Gehirnwiese ab“, eine neu aufgelegte Auswahl aus Valérys insgesamt 263 Cahiers (»Denkhefte«), die Thomas Stölzel vergangenes Jahr, auf rund 300 Seiten komprimiert, also auf einen Bruchteil des Ausgangsmaterials, bei Fischer Klassik herausgegeben hat.

In seinen Cahiers notierte Valéry allmorgendlich ab fünf Uhr bei starkem Kaffee und Zigaretten gut fünfzig Jahre lang alles, was ihm denk-würdig erschien: Reflexionen über eigene Bewusstseinprozesse, die Liebe und das ‚Ich‘, Überlegungen zu Kybernetik, Semiotik, Psycholinguistik, zum „Radikalen Kostruktivismus“ und den damals gerade entstehenden Kognitions- und Neurowissenschaften. Es wuchs nach und nach ein ungeheures Konvolut an Aphorismen, Prosaminiaturen, Traumsequenzen und auch Zeichnungen heran, ständigen Veränderungen und Verbesserungen zur sprachlichen Präzision unterworfen.

Aus heutiger Sicht mag er sich dabei in wissenschaftlichen Fragen so manches Mal als „Dilettant“ (eben als „Liebhaber“) geoutet haben, doch ging es ihm in erster Linie um ein Ausloten der Möglichkeiten eines subjektiven Welt-Zugangs, um die Untersuchung seiner eigenen Grundfragen zur condition humaine. Dazu unterteilte er sein Denklaboratorium in ursprünglich 30 Rubriken, die Thomas Stölzel in seinem „best of“ auf 10 zusammengefasst hat und deren Betitelung das Spektrum und die Auswahl von Valérys Reflexionsfeldern gut verdeutlichen: Die Wissenschaft vom Menschen – Blicke auf die eigene Person – Ich, Selbst und Individualität – Sprachliches, Allzusprachliches – Nachdenken über das Denken – Leibliches Denken – Wahrnehmen und Aufmerksamkeit – Selbstsorge – Skepsis – Was kann ein Mensch?

Valérys morgendliche Exerzitien sind Versuche, dem erkenntnistheoretischen Imperativ von Delphi zu folgen Erkenne dich selbst“,  doch der Haken daran ist „Ich bin nicht immer meiner Meinung.“ Und er bleibt bei all seinen Denkbewegungen verlässlich selbst-skeptisch, weil er das Paradoxon sieht: „Ein Geist, der fähig wäre, die Kompliziertheit seines Gehirns zu begreifen, wäre also komplexer als das, was ihn zu dem macht, was er ist.“ Aber lohnend sind ihm diese Reisen doch: „Denken zu können heißt, dem Zufall die Schätze entreißen zu können, die er in uns eingekapselt hat.“

Der rationale Weltzugang allein durch die Philosophie aber ist für ihn ohnehin unbefriedigend, denn „Jedes philosophische System, in dem der Körper des Menschen nicht eine grundlegende Rolle spielt, ist dumm und unbrauchbar. Die Erkenntnis hat den Körper des Menschen zur Grenze.“ und weiter „Der Mensch ist ein System von Begierden, das durch ein System von Ängsten temperiert wird.“ Das dürfte Valéry selbst mehr als einmal empfunden haben, da er sich neben seiner Ehe auf eine ganze Reihe von erotischen Liebesbeziehungen einließ.

Während Paul Valéry zu Lebzeiten in unserem Nachbarland Frankreich als Dichterfürst (von Rilke auch ins Deutsche übertragen) und als scharfsiniger Essayist gefeiert wurde sowie als Präsident der Académie française erheblichen Einfluss auf die Literaturszene hatte (nicht zuletzt durch einen eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Poetik am Collège de France), blieben die Cahiers bis nach seinem Tod unter Verschluss – erst zwischen 1957 und 1961 erschien in Paris eine komplette Faksimile-Ausgabe, die rund 27.000 Seiten umfasst. Die ist auf Deutsch momentan nur als teure E-Book-Edition verfügbar (99,99 €), die sich kaum jemand leisten wird. Umso verdienstvoller diese vorliegende „Einsteiger“-Taschenbuchausgabe von Thomas Stölzel, der mit seiner Textauswahl die vielseitige intellektuelle Topologie und die oft überraschenden Einsichten dieses literarisch-philosophischen Hommes de Cahiers als Denkfutter par excellance serviert.

Nun mag es bei einem Selbstdenker wie Valéry nicht wirklich angemessen scheinen, ihn in allzu großer Nähe zu etwaigen Geistesverwandten zu platzieren, aber ein paar Assoziationen seien gestattet:  Valérys Denken über das Denken & Fühlen hat manchmal was von der Lebensphilosophie Henri Bergsons, schleudert Blitze aus einer Alltags-Heuristik wie Lichtenberg in seinen Sudelbüchern, umspielt Begriffsdeutungen in einer pragmatisch orientierten Sprachphilosophie à la Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen und trifft sich in seiner radikalen Schreibgenauigkeit mit dem Geist seines nachgeborenen ‚Bruders‘ Ludwig Hohl.
Und Thomas Stölzel resumiert in seinem ausführlichen, sehr informativem und gut lesbar geschriebenem Nachwort: „In seinen Cahiers vollzieht Valéry auf seine Weise ein altes epochenübergreigendes Anliegen der Philosophie nach, genauer des Philosophierens: die Selbstsorge in ihrer intellektuellen Form.“

 

Paul Valéry. Ich grase meine Gehirnwiese ab
FISCHER Taschenbuch; 368 Seiten; 12,99 €
ISBN-13: 978-3596906024

wf

4 comments to Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur

  • Haderer

    Klingt ja ganz interessant (kannte Valéry bisher nur dem Namen nach), aber was bittschön hat es mit dem merkwürdigen Titel auf sich „Ich grase meine Gehirnwiese ab“? Selbstironisierung des Autors als geistiges Rindvieh?

  • wf

    Der von Stölzel gewählte Buchtitel bezieht sich auf eine Selbstkommentierung Valérys in einem Cahier von 1936: „Ich bin wie eine Kuh am Pflock, dieselben Fragen grasen seit 43 Jahren meine Gehirnwiese ab.“ Kannst jetzt selber interpretieren, Haderer, oder das Nach-Nachwort dazu im Buch lesen ;-)

  • K.K.

    Bei der Gelegenheit: Wie wärs mal mit nem Posting über den Blitze-Schleuderer himself? Obwohl jeder einen Blitzableiter am Haus hat, kennen den wahrscheinlich nicht alle aus der Lesergemeinde hier ;-)

    • wf

      Ich verrat dir was, Karl: Meister Lichtenberg ist in diesem Blog von Anbeginn präsent gewesen, schließlich steht alles hier unter seinem Motto (zur Philosophie des Geistes) „Wir irren stündlich“ ;-)
      Aber du hast schon recht, man könnte seine waghalsigen Starkstrom-Experimente mal in Beziehung zu seiner radikalen common-sense-Philosophie setzen und vielleicht a paar Funken daraus schlagen – mal sehn, ob sich irgendwann entsprechende Laune dafür bei mir einstellt…

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