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Julian Warner – After Europe

Eine essayistische Lektüre-Ernte von Björn Eriksson zu dem Band “After Europe”, der das gleichnamige Symposium über Dekolonisierung und Identitätspolitik an den Sophiensaelen Berlin dokumentiert.

Wird eines Tages als eine der kruden Ideen meiner Epoche einmal die Behauptung auf der Agenda stehen und widerlegt werden, dass “Wörter” die Ursache waren für Diskriminierung, Arroganz und Verlust der Empathie, denn das “Wort” präge die Vorstellung über jenes, von dem gesprochen werde und damit auch den Charakter und die Übel der Welt?

Allerdings muss ich einräumen, dass mir bis dato auch noch kein Mensch begegnete, welcher nach der Änderung des Wortes “Mülldeponie” in “Entsorgungspark” diesen Ort mit seiner Familie und einem Picknickkorb an einem Wochenende aufsuchte, um dort spazieren zu gehen und im Kreise seiner Familie seinen Alltagsstress zu entsorgen.

Wie wäre wohl diese skurrile Idee auf Island umsetzbar, wo namhafte Forschungsinstitute und Sprachwissenschaftler souverän die neu auftauchenden Begriffe durch sinnhafte Montage bereits vorhandener Wörter ins Isländische übertragen? Aus der Zusammensetzung der bekannten Wörter „Auge“ und „erleuchten“ entstand somit immerhin das Wort „auglýsing“, also „Augenerleuchtung“, auf gut deutsch: „Reklame“. Nun, wer schon einmal nachts durch die Fußgängerzonen der Großstädte geschlendert ist, dem fällt die Bedeutung des Wortes sofort ins Auge.

Und so greife ich weiterhin renitent in mein Bücherregal, schmökere von allem unberührt in den herrlichen Erzählungen von Astrid Lindgren, jene mit den N-Wörtern, und suche seit meinen Kindertagen verzweifelt nach deren Auswirkungen, behandle ich doch seit Kindertagen alle Menschen auf solche Art und Weise, wie auch ich selbst behandelt werden möchte: ungeachtet der Religionszugehörigkeit, Ausprägung der Hautpigmentierung oder Zugehörigkeit eines Kulturkreises, als eben jenes, was es tatsächlich ist, als ein Individuum, welches es vor ihm niemals gab und auch nach ihm nicht mehr geben wird; und angesichts meiner wohlsituierten Lage an wesentlich mehr Leiden zu leiden hat als ich jemals selbst. Verdammt, warum ist nur ausgerechnet jetzt mein Psychiater auf die Malediven gereist.

So kam, was kommen musste, ich las den ersten Satz des Herausgebers Julian Warner im Buch „After Europe“ und konnte nicht verhindern, mich durch das ganze Buch zu fressen:

„Als ich 1985 in Deutschland zur Welt kam, war ich ein Ausländer, 2005 wurde ich zum Mitbürger mit Migrationshintergrund, 2010 dann postmigrantisch, 2012 Schwarz, jetzt bin ich wohl NIPoC“.

Ich gestehe offen, ich hatte nicht oft das Vergnügen, ein derart interessantes Buch in die Hände zu bekommen, bei welchem ich schon im ersten Satz bereits heftig zustimmen musste.

So fragte sich Julian Warner zum Beispiel, warum die Gesellschaft seines Landes den eigenen Mitbürgern mit kurdischen, türkischen, bulgarischen, bosnischen, afghanischen Migrationshintergründen oder Angehörigen der Roma und Sinti nicht mit der gleichen Sympathie begegne und wie limitiert die eigenen Diskurse seien, wenn nicht mal über die rassistische Ausbeutung derjenigen gesprochen werden könne, welche die Autos reparieren, die Pakete liefern oder den Spargel stechen.

Nun, das ist sicherlich noch eine offene und höchst wichtige Frage an die deutsche Nation, nicht jedoch eine Fragestellung an alle europäischen Länder, denn auf Island stellte sich diese Frage vorerst nicht, was vermutlich daran liegen könnte, dass es auf Island mehr Verlage als Nazis gibt (zurzeit ungefähr 31 Verlage, welche jährlich ca. 1.500 verschiedene Bücher für die ca. 357.000 Einwohner produzieren).

Auch die in dem Buch zu Wort kommenden Wissenschaftler dokumentieren eindrucksvoll in ihrer Diskussion ihr „Ringen um Begriffe“ zum Zwecke der Herstellung des „Willens zum Verstehen“, unter Vermeidung von „Abgrenzungen akademischer oder aktivistischer Felder“ auch durch Gebrauch für jeden nachvollziehbarer Wortzusammensetzungen: „Argumentenpanzer“, „Verpackungslogiken“, etc.

Wer bisher der Überzeugung war, Wissenschaftler bemühten ständig unverständliche Hieroglyphen und wären daher keineswegs zu verstehen, sieht sich bei dieser interdisziplinären Diskussion eines Besseren belehrt. Es ist geradezu ein Genuss, nach den Statements deren Austausch zu folgen.

Gut möglich, dass es ihnen dabei wie mir ergeht, welchem sich bei der Lektüre mehrmals ein wiedererkennendes und bestätigendes „Oha!“ stumm entrang. Was braucht es schon mehr für Festtage, welche das Attribut „besinnlich“ vor sich hertragen.

Björn Eriksson


Über den Herausgeber und weitere Mitwirkende

JULIAN WARNER ist Kulturanthropologe und arbeitet als Kurator für das Performancefestival SpielArt. Als Fehler Kuti veröffentlicht er anti-rassistischen Pop. Er war Performer diverser Essay-Performances mit Oliver Zahn sowie Dramaturg von Anta Helena Reckes »Schwarzkopie Mittelreich«. Mitherausgegeben hat er »Allianzen. Kritische Praxis an weißen Institutionen« (2018) und im Verbrecher Verlag »Texte zur Turnkunst« (2020).

ROHIT JAIN ist Forscher am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaften der Universität Zürich und arbeitet als Geschäftsführer des postmigrantischen Think&Act Tank Institut Neue Schweiz.

OLGA REZNIKOVA hat am St. Petersburger Institut für Jüdische Studien und an der LMU München Europäische Ethnologie, Soziologie und Geografie studiert. Derzeit promoviert sie im Fach Kulturanthropologie zum Thema LKW-Fahrer-Proteste in Russland.

NORA STERNFELD ist Professorin für Kunstpädagogik an der HFBK Hamburg. Sie ist Mitbegründerin von trafo.K und Teil des Kollektivs freethought.
Julian Warner - After Europe
Verbrecher Verlag
Julian Warner (Hg.)
Taschenbuch, 150 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 9783957324795