Precht besetzt Hüther als Staffage für seinen Sermon

Selten kommt es vor, dass zwischen einem Philosophen und einem Hirnforscher solche Eintracht herrscht wie in der gestrigen Erstausgabe von “Precht”, dem ZDF-Nachfolger des “Philosophischen Quartetts”, wozu der namensgebende Bestseller-Autor den ebenfalls populärwissenschaftlich umtriebigen Neurobiologen Gerald Hüther eingeladen hatte. Zu einem Thema, das rechtzeitig zu Schuljahresbeginn als Provokation aufgetakelt daher kam: “Skandal Schule – Macht Lernen dumm?”
Wer nun aber ‘Philosophie’ in der Sendung erwartet hatte, wird wohl zumindest in den ersten 44 (von 45) Minuten enttäuscht gewesen sein, es gab ja nicht einmal sowas wie eine Diskussion, da beide Gesprächspartner bemüht waren, sich wechselseitig affirmativ die vorab einstudierten Sätze übern Tisch zu schieben; eine sich hochschaukelnde Dialektik im Geiste eines Strebens nach Erkenntniserweiterung kam dabei nicht auf. Dazu sind die Argumente für eine ‘andere’ Schule  auch schon zu oft wiedergekäut worden  (lange vor den bestätigenden ‘Erkenntnissen’ der Hirnforschung) und es wurde hauptsächlich gut abgehangenes Gedankengut aus mittlerweile mehr als drei Jahrhunderten Reformpädagogik seit der Didactica magna von Comenius serviert. Ganz so weit wollte (oder wusste?) Precht aber in seinem bildungsidealistischen Geschichtsvortrag nicht zurückgreifen, er stieg erst bei Humboldts Versuch und Scheitern einer Bildungsreform ein, die er als Blaupause für alle Scheitereien bis heute nahm (“Humboldt-Dilemma”) und sich von Hüther die ergänzende Begründung dazu liefern ließ: “Gebildete hat man im Maschinenzeitalter des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gebraucht.”
Auch die Schuldigen an der aktuellen “Bildungsmisere” wurden von Precht bald benannt: die föderalistische Verzettelung, die kultusministerielle Rückwärtsgewandtheit und eine fragwürdige Begabungs-Selektion auf Noten-Basis. Das bulimische Lernen sei dabei kontra-produktiv und könne im Extremfall zu einer steigenden Selbstmordrate von Kindern führen, was sich an den Beispielen von PISA-Spitzenreitern wie Shanghai und anderer chinesischer Städte zeige. In Deutschland bliebe für die Ausgemusterten am Ende nur “Hartz IV als Entschädigung für nicht gewährte Chancengleichheit.”
Das überkommene System sei auch nicht reformierbar, es müsse schon in den Rahmenbedingungen revolutioniert werden und dazu bedürfe es eines “Mentalitätswandels” bei den Bürgern nebst Kreativitätsförderung bei den Schülern durch “Potenzialentfaltungscoaches” (Hach, der gute alte “Lehrer” wird auch gleich zeitgeistig aufpoliert…).
Teil dieser Revolution wäre dann auch eine “Transformation des Schulsystems vor Ort”, wobei Hüther auf das von ihm unterstützte Projekt “Neue Lernkulturen in Kommunen” in Thüringen hinweisen durfte. Über weite Strecken allerdings erschien Gerald Hüther mehr als Staffage auf dieser Precht’schen Vermarktungsplattform, die der Gastgeber mit gefühlten 3/4 der Redezeit und intimisierenden Nahaufnahmen seines Konterfeis ausfüllte. Dafür gabs gelegentlich ein Zuckerl für den Bildungskritiker Hüther á la “Warum hört man nicht längst auf Leute wie Sie?”

Nun war das Alles ja kein dummes Zeug, was den Zuschauern da zu vormitternächtlicher Stunde aufgetischt wurde, und Vieles davon hat längst Samen gestreut in unserer Bildungs-Evolution (ja, Herr Precht, die gibt’s…) – nur wenn’s halt so oberonkelhaft serviert wird im abgestandenen Sermon einer Klappentext-Stanze, mag sich der Appetit auf mehr von diesem Sendeformat nicht recht einstellen. Bleibt zu hoffen, dass bei einer Einschaltquote von knapp 1 Million wenigstens ein paar Bildungskonservative ‘erwischt’ wurden, für die da was Neues dabei war.

Und in der letzten Minute ließ es sich Precht dann doch nicht nehmen, seine selbstgewählte Berufsbezeichnung “Philosoph” wenigstens durch die Kenntnis eines Schopenhauer-Zitats zu legitimieren: “Neue Ideen durchlaufen drei Phasen: Anfangs werden sie belächelt, später bekämpft, und irgendwann sind sie selbstverständlich.”

Hier die komplette Sendung vom 2.9.2012:

precht und huether zdf

wf