Troll Toys – Der Ring

Isländische Trolle gehören wohl zu den verspieltesten ihrer Art; doch benutzen sie dazu kein eigens angefertigtes Spielgerät, sondern schlüpfen einfach in die Gedanken-, Traum- und Vorstellungswelten jener merkwürdigen “Wesen”, über die es sich so köstlich amüsieren lässt.

Der deutsch-isländische Autor und Trollologe Björn Eriksson hat uns aus seiner Sammlung “Troll Toys” die folgende Unterhaltung der Trolle Eitt und Tvö zugesandt, nachdem er hier den Beitrag “Zurück vor den Urknall” gefunden hatte. Für den Fall, dass euch derartige G’schichterl gefallen, hat uns der Autor noch mehr Troll-philosophische Gedankenspielchen in Aussicht gestellt…


Hringur (Der Ring)

Die Trolle Eitt und Tvö saßen oberhalb von Landmannalaugur auf einem Stein und warteten auf den Winter.

Troll Tvö

Tvö

Tvö: „Komm, lass uns ein Spiel der Wesen spielen.“

Eitt: „Welches Spiel sollen wir spielen?“

Tvö: „Das Spiel der Problemlösungen.“

Eitt: „Gut. Du wirkst konzentriert. Was treibt dich?“

Tvö: „Ich denke nach.“

Troll Eitt

Eitt

Eitt: „Dann muss dein Problem reichlich groß sein. Welche Frage beschäftigt dich?“

Tvö: „Gibt es ein Nichts?

Eitt: „Das Problem ist die Arithmetik.“

Tvö: „Wie soll man sich die Unendlichkeit des Universums vorstellen?“

Eitt: „Das Problem ist der Raum.“

Tvö: „Gab es einen Urknall oder nicht?“

Eitt: „Das Problem ist die Zeit.“

Tvö: „Arithmetik, Raum und Zeit sind nicht das Problem, sondern die Lösung.
Ohne sie könnte sich niemand orientieren.“

Eitt: „Richtig. Auch ein Hammer ist eine Lösung, um einen Nagel einzuschlagen. Warum versuchst Du aber nicht, dich mit dem Hammer auch noch zu waschen?“

Tvö: „Weil Arithmetik, Raum und Zeit Hilfsmittel für alle Probleme sind, der Hammer aber nicht.“

Eitt: „Wenn Arithmetik, Raum und Zeit Hilfsmittel für alle Probleme sind, wie kommt es dann, dass sie Dein Problem nicht lösen, sondern schaffen?“

Tvö: „Arithmetik, Raum und Zeit schaffen nicht die Probleme, sondern mein beschränkter Geist.“

Eitt: „Gut, dann wäre es doch wenigstens zuerst einmal einen Versuch wert, dessen Beschränkungen zu untersuchen.“

Tvö: „Wie soll das gehen?“

Eitt: „Ganz einfach. Man stelle sich ein Band als einen gedrehten Ring vor. Folgt man dem Band nach links, so dreht es sich kontinuierlich derart zum Gegenüber des Ausgangspunkts, um mit der gegenüberliegenden Seite wieder auf den Ausgangspunkt, sich kontinuierlich weiter drehend, zu treffen. Nehme man an, dass der Ausgangspunkt 1 sei, und je weiter man nach links gehe, die Zahl solange kleiner werde, bis man auf dem gegenüberliegenden Punkt die 0 erreicht, dessen Überschreitung den Übergang in das Unendliche bedeutet, auf der man dann mit immer kleineren Zahlen bis zum Ausgangspunkt 1 zurückkehrt. Es ist zu erkennen, dass sich das Band vom Ausgangspunkt bis zum Ausgangspunkt kontinuierlich dreht. Was ist nun Unendlich, was ist Null? Und nun stelle man sich vor, dass an jedem Punkt der einen Seite des Bandes dessen Gegenteil auf der anderen Seite wäre. Dann stelle man sich abschließend noch vor, dass das Band weder eine Breite, noch eine Länge, noch eine Höhe besäße. Was erhält man dann? Braucht man dann noch Zeit?“

Tvö: „Darüber muss ich erst nachdenken. Soviel Zeit muss sein.“

Eitt: „Nun sei der Ausgangspunkt ein Mensch. Bewegt er sich nach links, taucht er in den Mikrokosmos ein, sogar in sich selbst, bewegt er sich nach rechts, taucht er in den Makrokosmos ein, von sich selbst ausgehend. Egal auf welcher Seite des Bandes er sich bewegt, er sieht zu keinem Punkt dessen Rückseite, die aber dennoch existiert. Egal in welche Richtung er sich bewegt, er würde immer an seinem Ausgangspunkt ankommen. Denn die Gedanken sind frei. Doch was ist die Drehung?“

Tvö: „Auch darüber muss ich erst nachdenken. Doch wie soll ich das tun, wenn ich ständig abgelenkt werde.“

Eitt: „Und nun stelle man sich vor, der Ausgangspunkt sei das Universum als Ganzes. Oder eine Doppelhelix, deren Ende in dessen Anfang steckt. Oder Schrödingers Katze, die Ereignissen ausgesetzt ist.“

Tvö: „Schon gut. Ich habe keine Lust, Beschränkungen zu untersuchen. Ich will wissen, ob es das Nichts gibt oder nicht, wie ich mir die Unendlichkeit des Universums vorzustellen habe, und ob es einen Urknall gab oder nicht.“

Eitt: „Du hast recht. Aber vergiss nicht: du wirst dem Gesetz ‘in jeden Anfang ist bereits dessen Ende gesteckt’ damit auch nicht entweichen können.“

Tvö: „Lass und das Spiel beenden. Die Wesen streiten sich doch nur, ob nun ein Zahlenstrahl oder das Koordinatensystem die Wahrheit ist oder ein Ring.“

Eitt: „Nun, wer hat behauptet, dass der Ring die Wahrheit sei? Es wurde nur behauptet, dass er auch eine Möglichkeit wäre. Ist dir schon aufgefallen, dass sie nur immer wieder kleinere Teilchen und größere Dimensionen finden?“

Tvö: „Ohne je angekommen zu sein. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Lass uns lieber gemeinsam singen.“

Eitt und Tvö fassten sich bei der Hand und tanzten auf dem Stein:

 

„Nótt verður feginn
sá er nesti trúir.
skammar eru skips rár.
hverf er haustgríma.
fjöld um viðrir
á fimm dögum
en meira á mánaði.“
1)

 

1) Aus „Hávámál og Völuspa“, Gísli Sigurðsson, Svart á Hvítu, Reykjavik 1986 

Übersetzung der Älteren Edda zu „Hávámál“ von Karl Simrock, neu bearbeitet von Hans Kuhn, Reclam 1960 (auch andere Übersetzung möglich):

„Der Nacht freut sich, wer des Vorrats gewiss ist,
Wendisch ist die Winternacht:
Viel Wetter gibt es, in fünf Tagen,
Wie viel mehr im Monat!“

Björn Eriksson

(Troll-Bilder von John Bauer)