MAN – from Steve Cutts
Animation created in Flash and After Effects looking at mans relationship with the natural world.
Music: In the Hall of the Mountain King by Edvard Grieg.
by Steve Cutts
|
||||||||
MAN – from Steve CuttsAnimation created in Flash and After Effects looking at mans relationship with the natural world. by Steve Cutts Ein lockeres warm-up zum Jahresbeginn und zu gewinnen gibts auch wieder wasGlaubt ihr wirklich, dass der große Mathematiker und Philosoph Sir Isaac Newton auf das Gravitationsgesetz kam, nachdem ihm ein einziger Apfel auf den Kopf gefallen war? So hat er es zwar selbst später seinem Biograph William Stukeley erzählt, aber seine Hausverwalterin und Halbnichte Catherine Barton berichtet die Geschichte in ihrem Tagebuch ein wenig anders. Demzufolge hätte es nämlich an diesem historischen Herbstnachmittag im Garten von Woolsthorpe Manor der Beobachtung etlicher herabfallender Äpfel bedurft, bevor auch beim Meister der Groschen fiel. Das erste Kind sammelte nun genau die Hälfte der heruntergefallenen Äpfel in einem Korb und aß zusätzlich einen auf; das zweite verstaute die Hälfte von den übriggebliebenen in einem Säckchen und aß dann ebenfalls noch einen; das dritte wiederum sammelte die Hälfte von den jetzt noch rumliegenden Äpfeln in ein Schälchen und aß natürlich auch einen; das vierte schließlich steckte sich vom Rest die Hälfte in die Jackentasche und auch noch einen in den Mund – damit waren alle Äpfel weg. “Nun, was glauben eure Lordschaft, wieviele Äpfel haben die Kinder insgesamt aufgeklaubt?”Für Newton, der ja parallel zu aber unabhängig von seinem Kollegen Leibniz die Infinitesimalrechnung miterfunden hatte, war das natürlich ziemlich easy zu beantworten. Und wie steht’s mit euch? Wer meint, die Anzahl der Äpfel richtig ausgetüftelt zu haben, kann uns die Lösung wieder per email zusenden (bitte nicht hier in den Kommentaren posten!) – unter allen richtigen Einsendungen werden diesmal fünf Preise verlost (nach Wahl Musik-CDs von Magic Sound & Word á la Modern Jazz, Indie-Rock oder Chanson – bitte auf Lösungs-Mail entsprechende Vorliebe angeben, ebenso wie die postalische Adresse für eine mögliche Gewinnzusendung!). Wahrscheinlich hat George Harrison mehr von Ravi Shankar gelernt, als den anderen Beatles lieb sein konnte. Nein, nicht allein das Spiel auf der Sitar, die beispielsweise bei Norwegian Wood und Within You Without You mitsurrte, sondern als konvertierter Hindu auch eine demütigere Haltung hinsichtlich der Kunst des Musizierens überhaupt. Und irgendwann hatte er, der melancholische Sinnsucher, es auch satt, mit seinen musikalisch-spirituellen Ideen von den Chef-Songwritern Lennon/McCartney ausgebremst zu werden. Er wollte wohl den Kommerz-Pop hinter sich lassen, kaufte sich ne Autostunde westlich von London ein spooky castle mit einem romantischen Park und nahm dort Hunderte von Songs auf, die großteils erst vor kurzem ausgegraben wurden und nun erst das Ohr der Öffentlichkeit erreichen.
Zu Shankars Tod gabs weltweit unzählige Nachrufe, und unter den von mir gelesenen empfehle ich (trotz Veröffentlichung im SPIEGEL) jenen von Hasnain Kazim – wer’s neutraler und informativer mag, klicke auf die recht ausführliche Wikipedia-Seite zu Shankar. Hier ein Ausschnitt aus einem BBC-Mitschnitt at The Symphony Hall, Birmingham, der das improvisierte und dabei wunderbar ineinander fließende Zusammenspiel von Vater Ravi, Tochter Anoushka und den übrigen Musikern schön rüberbringt und der auch prima zur ohrverlesenen Sound-Sammlung in diesem Blog passt: Manche Leser wissen vielleicht, dass ich auch eine persönliche Beziehung zu Shankars Musik hab, die über die reine Rezeption hinausgeht. Zwar wurde ich als post-68er nicht in jener ‘spirituellen’ Geisteshaltung sozialisiert, die mir beim Klang einer Sitar ein mystisches Trancefeeling hätte bescheren können, aber meine um einige Jahre älteren Gitarrenlehrer wiesen mich als erste auf den guten Stoff hin, etwa auf Paint it Black von den Stones. Der Rest in Sachen Sitar ergab sich dann durch meine eigenen Entdeckungsreisen in diese (von mir jugendlich-romantisch verklärte) Musik-Zeit und bald liebäugelte ich mit der Anschaffung einer solchen Langhals-Laute. Nicht zuletzt wegen des erhofften Distinktionsgewinns gegenüber den hunderten anderer Gitarristen hier im Oberland ;-) Mal ehrlich: wie hat euch der letzte Philosophie-Vortrag gefallen, den ihr besucht habt? Zu dröge, zu abgehoben, zu trocken-akademisch? Dass es auch anders geht, nämlich witzig, ironisch und mit anschaulichen Gedankenexperimenten aus dem Lebensalltag, zeigt “das spekulative Wunderkind” Markus Gabriel hier auf einem Philosophy Slam an der Uni Bonn. Unter dem Vortragstitel “Was ist Wahrheit” macht sich der jüngste deutsche Philosophieprofessor auf die Suche nach ebendieser und findet sie tatsächlich in der Mitte zwischen den beiden Polen der ontischen und der ontologischen Betrachtungsweise. A bisserl mitdenken muss man allerdings schon, aber dann sollte sich doch einiges Schmunzelvergnügen einstellen bei diesem halben Stündchen so gar nicht typisch deutscher Philo-Performance. (wer die Einführung nicht unbedingt hören mag, kann gleich zu Gabriels Auftritt ab ca 4.50 min vorspulen) Nun ist also nach gut 5 Jahren auch dieser Blog ein Fall der psychischen Obsoleszenz geworden, und das ist deswegen ein wenig nervig, weil’s das Alte für unsere Zwecke hier ja noch getan hätt und ein technologischer Sachzwang für Renovierungsarbeiten nicht direkt erkennbar war. Was ist passiert? Na, die Entwickler-Nerds sind halt nie mit dem Erreichten zufrieden und schrauben so lang an ihren Codes herum, bis einige alten Zeilen nicht mehr funzen und die Herrschaften ihren Daseinszweck in Form ‘unwiderstehlicher’ Software-Updates belegen können. Na gut, so oft muss man ja seine Räume nicht frisch tapezieren, und während des Bastelns hat sich bei mir zwischendurch sogar ein angenehmer “Flow” eingestellt; und ein klein wenig Befriedigung, dass ich als programmiertechnischer und graphischer Dilettant einigermaßen anständig aus der Sache rausgekommen bin ;-) Hoffe, auch ihr habt diese zwei Abstinenztage ohne euren Lieblingsblog geistig unbeschadet überstanden und hab gar nix dagegen, wenn ihr mich auf übersehene Bugs aufmerksam macht oder realisierbare Verbesserungsvorschläge zumailt. wf … und bei der ITU in Dubai wird über eine weltweite Internetregierung verhandelt Ist es noch eine Dystopie der Fortschrittspessimisten oder schon Realität, dass das Internet uns als eine riesige, allgegenwärtige Überwachungsmaschine in einer post-Orwellschen Dimension kontrolliert? Eingelullt von den soziopsychologischen Streicheleinheiten eines ‘Mitmachmediums’ posten & plappern die User im Netz, als ob sie noch mit ein paar Kumpels in der Stammkneipe säßen. Ordentlich überwacht werden doch immer nur die Anderen, die Bösen oder denen man solches zutraut, und dann mit Gerichtsbeschluss und natürlich nur zum Wohle der Gesellschaft. Aber was habt ihr denn für eine Vorstellung, wer euch was zutraut in diesem angeblichen Kampf gegen Terror und Kriminalität? In einem Exclusiv-Interview mit TTT bezeichnete Wikileaks-Gründer Julian Assange (der immer noch als politischer Asylant in der Ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt) die geheime Datensammelei als “den größten Diebstahl der Weltgeschichte. Die Machtverhältnisse werden von der Mehrheit der Gesellschaft hin zu wenigen intransparenten Geheimdiensten und Behörden verschoben. Das ist die Realität.” Und behauptet weiter, wir hätten bereits die komplette Infrastruktur für den totalitären Staat, mit einer milliardenfachen Überwachung, die es schon täglich gibt. Jetzt müsse nur noch der Schlüssel ganz umgedreht werden für den großen Knall. In seinem neuen Buch “Cypherpunks – Freedom and the Future of the Internet” (nicht bei Amazon erhältlich!) fordert Assange deshalb zum digitalen Widerstand im Internet auf, durch anonymes Surfen und Verwischen der eigenen Datenspuren: “Kryptografie ist der ultimative gewaltlose Widerstand, den jeder von uns leisten kann. Zwar hat ein Staat viele Möglichkeiten, Menschen zu disziplinieren. Aber selbst eine Supermacht ist machtlos gegen Kryptografie, wenn es eine Massenbewegung wird.” Und dafür gäbe es ja schon jetzt viele kostenlose Anbieter im Netz. Heute beginnt in Dubai die Konferenz der Internationalen Fernmeldeunion, bei der es um die Macht, die Zugangskontrolle, die Verwaltung der Daten und also um Bespitzelungsmöglichkeiten und das viele gute Geld im Internet geht. Da gabs schon im Voraus einige Aufregung über die divergierenden Interessen, über die mögliche Einrichtung einer weltweiten ‘Internetregierung’ und welche Claims einige repressive Staaten, die Kommunikationskonzerne und andere Player da gern für sich abstecken würden. wf
In der Kathedrale des Don’t Be Evil
Stimmt, aus der aktuellen japanischen Musikszene wurde hier in der Rubrik “Das Beste aus dem Reich der Töne” noch gar nix präsentiert, so dass ich das nun schleunigst nachholen will. Konkreten Anlass dazu gibts auch, denn gerade war die Tastenfexin Hiromi Uehara mit den beiden Star-Sidemen Anthony Jackson & Simon Phillips zu Gast bei den “Ingolstädter Jazztagen” und hat unüberhörbar klargestellt, dass die gute alte Tante Fusion weder tot ist noch komisch riecht. Hiromi The Trio Project – Desirewf Wahrscheinlich kennen einige von euch Wilhelm Weischedels populärwissenschaftliches Buch “Die Philosophische Hintertreppe”, haben’s vielleicht gelesen und auch schon das eine oder andere Mal verschenkt an Freunde und Bekannte, die eigentlich Interesse an Philosophie haben, aber nicht so recht wissen, wie und wo in die geistige Schatzkammer einzusteigen sei und sich vor der Hürde des akademischen Fachjargons scheuen. Während heute viele Verlage und Fernsehsender ein reichhaltiges, aber nicht immer schmackhaftes Buffet an Philo-Appetizern anbieten (von denen hier auch schon einige verkostet wurden), war die “Hintertreppe” bei ihrem Erscheinen (1973) eins der wenigen Angebote dieser Art. Zum Reinschnuppern hab ich den Audio-Clip über Wittgenstein rausgesucht (die anderen bereits hochgeladenen findet ihr via Durchklicken zu YouTube); denn das Doppelwerk Wittgensteins ist viel mehr als nur ein Fall für die innerakademische Diskussion, sondern für alle Bereiche sprachlicher Kommunikation von grundlegender Bedeutung. Seinen ursprünglicher Versuch, im “Tractatus” mithilfe eines analytischen modus mathematicus “die Philosophie von Unsinn und Verwirrung zu bereinigen”, vergleicht er am Ende des Werks selbst mit einer Leiter, welche „weggeworfen“ werden müsse, nachdem man auf ihr „hinaufgestiegen“ sei. Dort ‘oben’ begann Wittgenstein dann mit seinen Philosophischen Untersuchungen, die heute als eines der Hauptwerke der sprachanalytischen Philosophie angesehen werden können. Darin entwickelt er u.a. das pragmatische Konzept der Sprachspiele ( „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“), das auch in der Literatur- und speziell der Lyrik-Interpretation nicht mehr wegzudenken ist (jedes gelungene Gedicht schafft ja sein eigenes Sprachspiel) und auf das sich viele Nachfolger wie etwa Richard Rorty beziehen. Doch wie immer in der Philosophie gibt es auch zu Wittgensteins Werken bis heute recht unterschiedliche Deutungen, die sich über den kurzen Anstieg einer Hintertreppe natürlich nicht aufdröseln lassen. Deshalb gilt für dieses wie für alle Hintertreppen-Schnupper-Viertelstündchen: Gut geeignet als Basis-Info, aber bitte nicht als ein abschließendes Aha-Erlebnis oder Party-taugliches summa summarum abheften, sondern weitersteigen (z.B. über die hier angebrachten Links) und dann bei ausreichender Kondition am besten zu den Originalwerken greifen… Aber bitte hütet euch davor, euren philo-interessierten Freunden und Bekannten nun einfach den Link zu diesen YouTube-Rezitationen unter’n Baum zu legen; ist als Geschenk wohl nicht sonderlich passend, und außerdem gibt’s sicher noch viele Leute mit einer ‘altertümlichen’ Lese-Sozialisation wie mich, die im Bett, in der Badewanne oder im gemütlichen Sessel auf das Haptische nicht verzichten mögen. Solche schickt man am besten mit der neu aufgelegten Jubiläums-Edition auf die “Hintertreppe”: Die philosophische Hintertreppe: Die großen Philosophen in Alltag und Denken wf Hier also, wie versprochen, noch ein kleiner Nachschlag zu den “Satirischen Underground-Cartoons als Waffe der Arabellion”. Da Ihr im dortigen Gastbeitrag von Khadija Katja Wöhler-Khalfallah ja reichlich Hintergrund-Infos findet, braucht’s nun wohl keine weiteren Erläuterungen – dafür gibt’s am End wieder mal a Stückerl augewählte, unerhörte Musike aus der Schatztruhe meines guten Geschmacks ;-) ![]() “Ich lehne es ab, dass du mit den Symbolen der Ausbeutung und Unterdrückung der Frau spielst!” ![]() “Wie kann der Karikaturist unseren Propheten nur als Terroristen darstellen! Ich werde ihm den Kopf abschlagen, um an ihm ein Exempel zu statuieren und der ganzen Welt zu beweisen, dass unsere Religion eine Religion des Friedens und der Barmherzigkeit ist.” ![]() “Hat man sich nicht schon mal irgendwo gesehen?!” (von “La Progressiste“) Auch diesmal hab ich als euer bevorzugter Scout für das Schöne, Wahre & Gute wieder keine Mühe gescheut, für Euch bei dieser Gelegenheit eine passende Musike rauszusuchen; es wird nun also was gegeben von Dhafer Youssef, einem 1967 im tunesischen Téboulba geborenen und als 22-jähriger nach Europa emigrierten Oud-Spieler, der Melodien und Rhythmen aus der traditionellen arabischen Musik mit Jazz und der europäischen Klassik verbindet. Die Rhythmus-Freaks unter Euch dürfen sich dabei auch wieder besonders freuen, da der Drummer in einem spannenden Solo (ab 7.40) die feinziselierten polyrhythmischen Figuren der arabischen Finger-Percussion auf das große Set mit den Sticks überträgt. Dhafer Youssef Quartet live at Jazz Sous Les Pommiers, 13.05.10
|
||||||||
|
“Tunesische Frauen gegen die (religiösen) Brüder” |
Meine Intention, ein paar davon euch, liebe Leser, hier vorzustellen, gründet zum einen auf der Tatsache, dass in unseren Medien der satirische Widerstand gegen den islamistischen Fundamentalismus nur dann wahrgenommen wird, wenn er von “Kulturschaffenden” aus den eigenen “aufgeklärten” Kreisen kommt und mit einem Bedrohungs-Szenario verbunden ist (wie etwa im Fall Charlie Hebdo). Aber dabei kaum vermittelt wird, dass es eben auch in den arabischen Ländern eine solche Szene gibt, die trotz starker Gefährdung durch ihre “Glaubensbrüder” den Geist der “Aufklärung durch Satire” wach hält. Dadurch wird auch erkennbar, dass die “Arabellion” ein andauernder Prozess ist, der sich nicht mit dem Austausch von ein paar Politikern und Potentaten zufrieden gibt, sondern hauptsächlich eine Befreiung von Dogmatismus jeder Art zum Ziel hat. Und: es ist auch eine “Arabellion” der Frauen.
Und zum Anderen soll, obwohl eigentlich selbstverständlich, mit diesem Beitrag auch daran erinnert werden, dass die politische und kulturelle Entwicklung der islamischen Länder eine entscheidende Rolle dabei spielt, wie das Zusammenleben unserer Weltgesellschaft in Zukunft friedlich und freiheitlich gestaltet werden kann.
Um diesen Blogbeitrag zu realisieren, hat die deutsch-tunesische Politik- und Islamwissenschaftlerin Khadija Katja Wöhler-Khalfallah, die den Revolutions- und Emanzipationsprozess in den arabischen Ländern, besonders natürlich in ihrem Heimatland Tunesien, von Anbeginn beobachtet und analysiert hat, aus ihrem umfangreichen Archiv nicht nur einen ganzen Schwung satirischer Cartoons von arabischen Blogs und Facebookseiten ausgepackt, sondern für die “Philosophischen Schnipsel” auch einen erläuternden Essay dazu verfasst:
|
Das grosse Fressen / Facebook-Quelle |
Bereits die „Revolte der Würde“, wie sie in Tunesien am liebsten genannt wird (Romantiker hatten doch bereits Ben Alis Machtergreifung 1987 als „Jasminrevolution“ bezeichnet), dürfte undenkbar gewesen sein ohne die Zivilcourage tunesischer Blogger. Schon im Juni 2001 war es dem tunesischen Richter Mokhtar Yahyaoui, Präsident der 10. Kammer, nur möglich, öffentlich die Missstände der tunesischen Justiz anzuprangern und die Unabhängigkeit der dritten Gewalt einzufordern, weil sein Neffe Zuhair Yahyaoui bereit war, dies zu veröffentlichen. Dieser betrieb eine Satire-Website, TUNeZINE.com, mit offenem Diskussionsforum. Der Richter verlor darauf hin sein Amt, der Cyber-Dissident musste eine 18monatige Gefängnisstrafe abbüßen, weil er angeblich falsche Informationen über das Internet verbreitet hatte. In jener Zeit erfuhr er Schikane und wurde bei Verhören gefoltert, worauf er u.a. in sieben Hungerstreiks trat, bevor er 2005 im Alter von 36 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb. Er sollte der erste Märtyrer der tunesischen Blogger werden, doch anstatt abzuschrecken, verlieh sein Tod der immer größer werdenden Szene nur noch mehr Nachdruck und Beharrlichkeit.
|
“Wolf im Schafspelz” von L’inconnu |
Tatsächlich fanden in Tunesien schon lange vor dem sogenannten „arabischen Frühling“ Selbstverbrennungen und Aufmärsche statt, allein blieben sie meist wegen der auf Linie gebrachten Presse vor der Öffentlichkeit verborgen. Erst die Initiative junger Internetnutzer, die sich bis dahin oft den Vorwurf gefallen lassen mussten, ein sinnloses Dasein zu führen und ihre Leben tatenlos vor dem Rechner zu verschwenden, vermochte es, diesen Schleier zu lüften. Blogger wie Lina Benmhenni und Slim Amamou gingen auf die Straße, reisten durchs Land, filmten mit ihrer Digitalkamera oder ihrem Handy gesehenes Unrecht, stellten das Material online und vermochten es später sogar an al-Jazeera oder France 24 weiterzuleiten. Jetzt erhielt die breite Masse Kenntnis von den Vergehen des Regimes und dessen repressiver Polizeigewalt, was Jung und Alt, Arbeiter und Akademiker, Arm und Reich, Mann und Frau, Gläubige und Atheisten gleichermaßen mobilisieren sollte.
|
|
Was zu diesem Zeitpunkt allerdings nur Kenner der Geschichte vorauszuahnen vermochten, war der Umstand, dass mit der Vertreibung des verhassten Präsidenten und der Wiederherstellung der Pressefreiheit, der radikalen Öffnung des Büchermarktes sowie dem Erwachen einer echten Zivilgesellschaft der Kampf noch lange nicht gewonnen war. Erst galt es noch, die alten Kader aus Ben Alis Regierung zu vertreiben. Wie nannte es der Volkswitz: „Ali Baba ist geflohen, aber die 40 Räuber sind noch da.“ Doch schon bald sollte sich die Aufmerksamkeit auf das Abwehren neuer Gefahren konzentrieren. Mit der Öffnung strömten einstige Oppositionelle ins Land, Wohlmeinende wie Opportunisten, Freunde wie Gegner der Demokratie. Einer, der wohl eher letzteren zuzurechnen ist, war Rached al-Ghannouchi, ein tunesischer Muslimbruder, der bis dahin im Londoner Exil den fundamentalistischen Islam über den europäischen Fatwarat zu verbreiten suchte, einen Rat, der auf Initiative der islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), Gründungsmitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), ins Leben gerufen wurde und von dem bedeutendsten noch lebenden Ideologen der Muslimbruderschaft, Yussuf al-Qaradawi, angeführt wird.
Als bekannt wurde, dass Ghannouchi seine Ankunft am internationalen Flughafen von Tunis für den 30.01.2011 geplant habe, wurde auf Facebook ein Aufruf lanciert, die Tunesierinnen sollten ihn im Bikini in Empfang nehmen. Alte Gemälde wurden photomontiert, die ihn als Kalifen darstellten, entspannt auf einem Thron liegend und dabei den halbnackten Haremsdamen beim Tanz zusehend. Als ihm statt dessen von nicht wenigen Tunesiern ein Empfang bereitet wurde, der an die Rückkehr Khomeinis 1979 in den Iran erinnerte, konnte eine Ahnung davon gewonnen werden, was dem liebenswerten und nach Freiheit dürstenden kleinen Land noch bevorstand. Tatsächlich begannen fast zeitgleich Salafisten in ihren biblischen Gewändern immer aggressiver den öffentlichen Raum zu vereinnahmen, Universitäten zu besetzen, um den Niqab, den Ganzkörperschleier, durchzusetzen, Synagogen anzugreifen, gegen Filme, die sich für Laizität aussprachen und Kunstausstellungen, in denen Plastiken von gesteinigten Frauen und Bilder von rasenden Salafisten und auf Sexualität, Kochen und Putzen reduzierten nackten Frauen ausgestellt wurden, gewaltsam zu stürmen.
|
|
Die Häme auf Facebook und im World Wide Web wurde immer beißender, zumal die ENNAHDA seit ihrer Wahl ins Parlament keine Gelegenheit auslässt, sich zu diskreditieren. Statt sich der dramatischen Wirtschaftslage, der hohen Arbeitslosigkeit und der benachteiligten Regionen anzunehmen, zeigen sie ein besonderes Interesse daran, die Mehrehe sowie die zeitlich befristete Lustehe und die Ehe mit Minderjährigen wieder einführen zu wollen, sowie radikalen Predigern aus den Golfstaaten, die die Frauenbeschneidung anpreisen, ein Forum zu bieten. Natürlich sorgten die Moralapostel, genauso wie ihre normalsterblichen Vorgänger, dafür, dass ihre Verwandten und Bekannten mit guten Posten versehen und die Diäten der Abgeordneten, von denen 40% der ENNAHDA angehören, großzügig angehoben wurden. Seitdem wird jedes Fehlverhalten auf Facebook und immerhin jetzt auch in der Presse bloßgestellt, teils durch Karikaturen zugespitzt, teils durch fast schon philosophische Abhandlungen über Freiheit, Religion, Laizität, Pressefreiheit, das Wesen von Demokratie etc. dokumentiert. Die Versuche der ENNAHDA, die Scharia in der Verfassung als Quelle der Gesetzgebung zu verankern, die Gleichberechtigung von Mann und Frau aufzuheben, einen religiösen Rat einzurichten, der die Schariakonformität verabschiedeter Gesetze zu überwachen hat, die Pressefreiheit einzuschränken und ein Gesetz, das Blasphemie unter Strafe stellt, durchzusetzen, waren alles Unternehmungen, die dank der Wachsamkeit der tunesischen Zivilgesellschaft und sicherlich der schnellen Verbreitung von Presseberichten oder selbst gewonnener Erkenntnisse durch die Bloggerszene fast komplett abgewehrt werden konnten. Jüngst gelang es sogar, ein Video in Umlauf zu bringen, in dem Ghannouchi bei einem Gespräch mit Salafisten aufgenommen wurde, in dem er sie zur Geduld aufruft und sie anhält, ihre Ideen in der Gesellschaft zu verankern, Schulen, Universitäten, Fernsehsender und Radiostationen zu errichten, und ihnen zu bedenken gibt, dass sein Handlungsvermögen durch immer noch präsente Anhänger des alten Regimes in Verwaltung und Armee gebremst werde.
|
religiös legitimierte Vergewaltigung |
Was auch immer dem Land noch an Prüfungen bevorsteht, die Facebookaktivisten werden nicht müde, die Bigotterie der ENNAHDA und der Salafisten bloßzustellen. Besonders beißend war der Sarkasmus, als eine junge Tunesierin von drei Polizisten vergewaltigt wurde, aber nicht die Täter, sondern das Opfer vor Gericht gestellt und wegen der Verletzung der öffentlichen Moral verurteilt wurde. Neben Berichten von tunesischen Menschenrechtlern, die die Tat verurteilten, Aussagen des Opfers und Bilder ihres geschundenen Körpers montierte die Facebook-Seite „L’Inconnu“ ein Bild, dass den in Wallung geratenen Innenminister vor den hochgehaltenen Beinen einer offensichtlich zu vergewaltigenden Frau darstellt und darunter den Kommentar „Viol Halal“ („religiös legitimierte Vergewaltigung“) wiedergibt. Nicht geringer war die Entrüstung, als wütende Horden als Reaktion auf den Film „The Innocence of Moslems“ begannen, Botschaften zu verbrennen und Menschen, die ihnen in den Weg gerieten, zu töten. Um so stolzer war die Webgemeinde, als sie darüber berichten konnte, dass Zehntausende libysche Zivilisten nach der Ermordung des amerikanischen Botschafters in Bengazi in der Lage waren, die für verantwortlich befundenen salafistischen Milizen zu vertreiben. Nachahmung war selbstverständlich erwünscht.
Natürlich wird auch die Verbindung der ENNAHDA nach Qatar und Saudi-Arabien bloßgestellt. Unaufhörlich wird darauf hingewiesen, dass die ENNAHDA und ihr radikaler Arm, die Salafisten, Boten der in Saudi-Arabien verbreiteten wahhabitischen Sekte sei, der dem toleranten tunesischen Islam zuwider ist. Dabei bietet es sich an, die immense Verschwendungssucht saudischer Scheikhs dadurch anzuprangern, dass sie Bildern von verhungernden Menschen gegenübergestellt wird. Mit dem Näherrücken des 23. Oktober 2012 häufen sich auf Facebook inzwischen wieder die Aufrufe zur nächsten Revolution. Sich empörende Rap-Lieder werden aufgenommen, als Einstimmung wird erneut die Nationalhymne verbreitet und sogar ein eigens dafür komponiertes offizielles Lied für den Umsturzaufruf am 23. Oktober online gestellt. Denn an diesem Tag wurde vor einem Jahr die Verfassunggebende Versammlung gewählt. Damals hatten alle Teilnehmer einschließlich der ENNAHDA keinen Zweifel daran gelassen, dass sie im Zeitraum eines Jahres einen zivilen modernen demokratischen Gesellschaftsvertrag zustande bringen wollten. Ist dies bis dahin nicht der Fall, beginnt ein neuer Akt. Allerdings anders als vor bald zwei Jahren wird Tunesien heute in zwei Lager geteilt sein. Möge die Vernunft den Sieg davon tragen. VIVE LA REVOLUTION.
„An den Tyrannen“ aus dem Diwan „Lieder des Lebens“, aus denen die vier letzten Verse in die tunesische Nationalhymne aufgenommen wurden
„Man sagt : ‘Die Stimme der Unterdrückten ist kaum zu vernehmen,
und die Tyrannen der Erde hören nur schwer.’
Doch der Aufschrei des unterdrückten Volkes erschüttert die Throne und lässt sie fallen, zerstört sie.
Der Hall der zornigen Wahrheit tönt fort, der Krieg dröhnt laut voller Wut.
Wenn sich das Volk eines Tages um die Wahrheit drängt,
dann zerbricht es den Lauf der Geschichte und bestimmt sein Geschick.
Wehe Dir Unterdrücker, fürchte das Morgen!
Steht das Volk erst auf und zeigt sich entschlossen,
zerreißen die vermeintlich Schwachen erst ihre Fesseln
und gießen das siedende Wasser der Verdammnis aus,
dann wirst Du begreifen.“
Abulqasim asch-Sschabbi (1909-1934), aus dem Arabischen übersetzt von Michaela Kleinhaus in INAMO SPEZIAL, Jahrgang 17, Frühjahr 2011, S. 76
Khadija Katja Wöhler-Khalfallah
Um diesen Blog-Beitrag nicht zu überladen, werden in den nächsten Tagen hier noch einige Cartoons nachgereicht; obwohl viele ja ikonographisch selbsterklärend sind, ist für ein genaueres Verständnis bei manchen doch eine Übersetzung der Textinhalte aus dem Arabischen hilfreich. Aber wer des Französischen mächtig ist, kann ja schon mal auf der Website La Progressisteweiterstöbern…
Das Komponieren nach Pilzen(1) ist nicht ganz ungefährlich, vor allem wenn der ausführende Musiker am Ende des Stücks das währenddessen gebackene Schwammerl als Teil der Performance aufessen muss. So hatte der Pianist David Tudor beim Zubereiten einer solchen Cage-Kompositions-Rezeptur einmal das Pech, in Ermangelung eines kompetenten Pilzberaters einen halluzinogenen Giftling zu erwischen. Tudor kam zwar nach einigen Tagen medizinischer Intensivbehandlung wieder runter, hat aber das Piano-Pilz-Pièce nie wieder aufgeführt. Anderen Ideen seines Freundes John Cage nahm er sich allerdings weiterhin mit Leidenschaft an, nach Cage’s Tod führte er auch dessen Arbeit als musikalischer Leiter von Merce Cunninghams Dance Company fort und war einer der fleißigsten Interpreten von “4’33″.
Cage dagegen blieb seiner Pilzleidenschaft zeitlebens treu, nicht nur als User zur Bewusstseinsveränderung und Pionier der Myko-Ästhetik mit seiner »Mushroom Music« für präpariertes Klavier (auf dessen Saiten und Hämmern er Radiergummis, Nägel und andere Kleinteile montierte), sondern auch als Mit-Gründer der New Yorker Mycological Society (1962) und Herausgeber eines (inzwischen vergriffenen) “Mushroom Book”, u.a. mit eigenen Zeichnungen, literarischen Texten und tatsächlich genießbaren Pilzrezepten(2).
Die Pilzkunde war aber schon vorher eine einträgliche Beschäftigung für Cage gewesen und er wurde einer breiteren Öffentlickeit dadurch bekannter als mit seinen frühen Soundexperimenten, da er in der Urzeit des Fernsehens 1959 bei einer italienischen Wissens-Quiz-Show mit dem Spezialgebiet “Funghi” den Hauptpreis von 5 Millionen Lire gewonnen hatte.
Nun mag mancher Leser hier einwenden, er habe in den letzten Wochen genug von und über Cage gehört und in der Tat war das weltweite Geburtstagsgeklingel in den Feuilletons zu seinem 100. Geburtstags (am 5. September) unüberhörbar – dabei galten doch die Künste des passionierten Schwammerlsuchers zu seinen Lebzeiten sogar vielen Gralshütern der Avantgarde als schwer verdaulich. Im kulturellen Breitensport zieh man ihn der Scharlatanerie, denn er huldige einem “Ideal der Sinnlosigkeit”, wie etwa der Spiegel 1963 anlässlich eines Cage-Konzerts in Berlin geschrieben hatte.
Weil in diesen Artikeln nun viel über Cage’s Vita, seine künstlerischen Ausdrucksformen und deren zeitgenössische Rezeption in einer Aura von Heiligenverehrung geschrieben wurde, muss das hier nicht nochmal ausgebreitet werden; wer diesbezüglich Nachlesebedarf hat, dem seien die Beiträge in der Los Angeles Times “John Cage’s genius”, in der SZ “Für Überrumpelungen immer gut” und in der ZEIT “Als der Stille Ohren wuchsen” empfohlen.
Lieber möchte ich ein wenig spekulieren, auch aus Gründen meiner eigenen diesbezüglichen Affinitäten, welch inspirierende Rolle der Wald, das Schach und der Zen-Buddhismus für Cage’s Schaffen gespielt haben mögen.
Dass jemand, der gern in den Wald geht, auch eine Leidenschaft für Pilze entwickelt, ist ja nun nicht so ungewöhnlich. Zum Teil aber hatten “die Anfänge dieser Passion, wie er es in den berühmten „mushroom talks“ von 1986 erzählt, ganz handgreifliche Gründe. Es war die Zeit der großen Depression in den USA, und Cage, ohne Einkommen in der kalifornischen Provinz gelandet, unternahm zeitweise den Versuch, sich mangels Geld von Pilzen zu ernähren. Es war ein gewagtes Unterfangen, denn bei allem Wohlgeschmack sind Pilze ernährungsphysiologisch eher Beiwerk; ihr Proteingehalt ist gering und Cage musste die Erfahrung machen, dass er innerhalb von nur einer Woche schwächer und schwächer wurde. Von dieser Zeit an war er gleichwohl den Pilzen verfallen.” (via Echtwald).
Der knurrende Magen allein wird’s aber wohl nicht gewesen sein, denn Cage hatte früh entdeckt, dass das Schwammerlsuchen (wie das von ihm ebenso geliebte Schach – dazu aber später mehr…) wenn schon nicht ernährt, so doch immerhin als eine intensiv-meditative Achtsamkeitsübung taugt. Und dass man in der Stille des Walds alle Klänge sinnlich bewusster wahrnehmen kann und dass überhaupt alles Geschehen dort (wie auf dem Schachbrett) weder exakt vorbestimmt noch völlig zufällig ist, sondern dass die ablaufenden Prozesse sich nach der buddhistischen Vorstellung des bedingten Entstehens entfalten, also immer abhängig von bestimmten anderen Ereignissen oder Realitäten sind und dass weder Pilze noch Schachzüge als Entitäten betrachtet werden dürfen. Und auch wenn Cage vermutlich kein Experte in Quantenmechanik war, ahnte er wohl, dass der Wald, die Materie, die Klänge und Gedanken, in der kleinsten Skalierung eben nicht, wie es der physikalische Reduktionismus behauptet, aus winzigsten Teilchen, sondern aus deren energetischen Beziehungen zueinander bestehen. Diese Prozesse sind so “spooky” (Einstein), dass sie in unserem heutigen naturwissenschaftlich geprägten Kausalitätsdenken noch unerklärlich sind und es wegen unserer eingeschränkten Erkenntnisfähigkeit vielleicht für immer bleiben.
In diesem Sinn und natürlich auch bezogen auf Cage’s künstlerische Arbeit mag man auch seinen Satz verstehen:
“The world, the real, is not an object. It’s a process.” (John Cage)
Mit dieser Zen-buddhistischen Grundhaltung begann Cage ab 1950, angeregt durch mehrere Künstlerfreunde, sich auch intensiv mit dem chinesischen I Ging zu beschäftigen, das mit seiner permanenten Wandlung durch zufällig ausgewählte, aber orakelhaft sinnstiftende Symbolkombinationen für ihn zu einem wichtigen Hilfsinstrument für seine künstlerische Arbeit wurde.
Insofern kann man schon, wie manche ‘Kunstphilosophen’ es seit jener Zeit auch gern tun, von “Cage’s Philosophie der Unbestimmtheit und Entsubjektivierung” oder, auf den Wald bezogen, vom “retardierenden Moment der Stille als musikalisches Ausdrucksmittel” schwallen. Wer aber von Cage selber Interpretationshinweise zu seiner Kunst hören wollte, dem empfahl er “Meister Eckhart lesen!” oder zitierte gelegentlich Kants Bemerkung, dass es zwei Dinge gäbe, bei denen man nicht nach Sinn zu suchen brauche, nämlich die Musik und das Lachen.
Nun muss man sich zwecks meditativer Achtsamkeitsübungen zwar nicht unbedingt für einen Wald oder das Schach entscheiden, man könnte sich auch in ein Mandala vertiefen oder zeitlebens an den Türmen von Hanoi bauen, aber wie die Vorlieben eines Menschen sich auch aus seinen jugendlichen Bewegtheiten und seinem Umfeld entfalten, so wurde Cage’s Begeisterung für den Wald wohl schon früh durch seine Verehrung des amerikanischen Naturphilosophen und Waldkauzes Henry David Thoreau mitbefeuert. Und zur intensiveren Beschäftigung mit dem Schach kam er durch seine Freundschaft mit dem surrealistischen Konzeptkünstler Marcel Duchamp, der jahrelang Spitzenspieler der französischen Schach-Nationalmannschaft war. Beide verband nicht nur ein Faible für künstlerisch Unkonventionelles und Provokation, sondern trotz der ungleichen Spielstärkeverhältnisse auch das für nächtelange Schach-Sessions. Dabei ging es weniger ums Gewinnen als vielmehr um die Faszination geistiger Arbeit ohne jegliche gesellschaftliche Zweckbestimmung – für beide eine Insel, sich dem enervierenden Kulturbetrieb zu entziehen.
In diesen Wochen und Monaten wird John Cage aber nicht nur weltweit mit zahllosen Konzerten und Ausstellungen zu seinem Hundertsten geehrt, sondern gleichzeitig auch als wichtiger Inspirator der 1962 ins Leben gerufenen Fluxus-Bewegung, die also den runden Fünfziger feiert. Mit seiner ‘Kunstphilosophie’ und deren radikaler Umsetzung passte Cage, quasi als elder performer, ausgezeichnet zu der Truppe um George Maciunas und Mary Bauermeister und transferierte die von Deutschland ausgehenden Fluxus-Impulse auch in die USA.
Etliche Filmdokumente mit und über John Cage hat das UBU-Web gesammelt, Infos über die diesjährigen Konzerte und Ausstellungen müsst ihr euch bei Interesse ergoogeln (sind einfach zu viele zur Auflistung hier), lediglich für Cage-Freunde aus der Alpenregion (ja, da wo I dahoam bin) hab ich die noch bis zum 7. Oktober in Salzburg laufende Ausstellung (mit einem umfangreichen Programm an Konzerten, Performances, Tanzveranstaltungen, Workshops u.a.m.) “John Cage und …” rausgepickt.
Und zum Hören gibts nach einiger Qual der Wahl natürlich auch was, und zwar eins seiner ‘groovigsten’ Stückerl (Cage hatte bereits 1938 sein erstes Ensemble für Schlagwerk gegründet) in neuer Bedosung:
(1) Kompositionsrezept für “Mushroom Music” nach John Cage
»Geh hinaus in die Felder und Wälder und suche Dir einen Pilz. Bring ihn in die Küche, in die Du zuvor Dein Klavier bugsiert hast. Zähle die Lamellen des Pilzes (im Fall einer Morchel die Löchlein) oder wiege ihn nach Gramm. Diese Anzahl ergibt die Takte des Stücks (so kann ein vollpfündiger Steinpilz – je nach Tempo – etwa eine viertel bis eine halbe Stunde gespielt werden – Anm. von wf). Miss sodann seine Stängellänge in Zentimetern. Sind sie durch drei teilbar, ist das Stück im 3/4-Takt, sind sie durch zwei teilbar, spiele im 4/4-Takt. (Geht beides, liegt die Wahl bei Dir). Alle anderen Parameter des Stücks bestimmst Du selbst. Der Pilz kommt dann in den Ofen (bei 100°C). Sobald er zu kochen anfängt, beginne zu spielen.«
(2) Original-Pilzrezept von John Cage – Mushroom Gravy
Soak a bunch of shiitake mushrooms.
Take a head of garlic and a large sweet yellow onion. Peel and chop both.Saute garlic and onions in olive oil, good oil, please. Add sea salt or tamari and fresh ground pepper.While the onion and garlic are frying, take off the stems of the mushrooms and chop the caps and strain and reserve the soaking liquid. If you had time to kill, you could do the mushrooms earlier and use the stems to make a rich broth with tamari.
Add the mushrooms to the garlic and onion and saute some more. After a while, take the soaking liquid with some flour blended in with it and stir in and let cook a bit, adding more water or veggie broth or more flour if necessary to make the right texture. Cook until smooth, glossy and no floury taste remains. Voilá!
Und bei einem Cage-Artikel darf natürlich am Ende, sozusagen als Ausklang in einem “Zen of Silence”, das Stückerl “4’33″ nicht fehlen; ein Schlüsselwerk der Neuen Musik, das es aufgrund einer Facebook-Graswurzelaktion in der Vorweihnachtszeit 2010 in den britischen Charts sogar bis auf Platz 21 schaffte ;-)
wf
Zugegeben, das Sommerferienrätsel 2012, in dem es um Heideggers Zeit-Logik im Zusammenhang mit dem Einstellen seiner Kuckucksuhr ging, gehörte zu den leichteren der hier endemisch vorkommenden Philo-Rätselarten. Und da die Story auch via Facebook ein paar Mal “geteilt” wurde, war es also nicht so überraschend, dass es diesmal eine knapp dreistellige Zahl an richtigen Antwortzusendungen gab.
Eine davon ist die von Mit-Gewinner Jan Schulz (Bayreuth), der die folgende, recht ausführliche Musterlösung formulierte:
Geht man von den Prämissen aus, dass Heidegger keine Zeit braucht, um in der Stadt hoch zur Kirchturmuhr zu schauen, das Gesehene zu verarbeiten sowie in der Hütte die Uhr einzustellen, ergibt sich folgende Lösung:
Die zeitliche Differenz zwischen der eingestellten Uhrzeit bei Aufbruch und Wiederankunft an der Hütte muss genau doppelt so groß sein wie die benötigte Zeit, um die Strecke zu laufen, denn Heidegger läuft in dieser Zeitspanne mit konstanter Geschwindigkeit den gleichen Weg zwei Mal. Damit kann er jedoch einfach die Hälfte der Zeitdifferenz zwischen Aufbruch und Wiederankunft an der Hütte zu der abgelesenen Zeit an der Kirchturmuhr addieren und erhält somit die aktuelle Zeit, weil zwischen Kirchturmuhr und Hütte zeitlich genau eine Streckendauer liegt.
Mathematisch lässt sich die Lösung so darstellen:
(k entspricht der Uhrzeit auf der Kirchturmuhr, t1 der Uhrzeit auf der Kaminuhr bei Wiederankunft,t0 bei Aufbruch)
k + 1/2 * (t1 – t0) = k + 1/2 * Δ t = u
Stellte Heidegger also 0:00 Uhr auf seiner Kaminuhr ein, diese zeigte 2:00 Uhr bei Wiederankunft an und er hätte auf der Kirchturmuhr 12:00 Uhr abgelesen so ergäbe sich:
t1 - t0= Δ t = 2,0 – 0 =2,0
12,0 + 1/2 * 2,0 = 13,0Die aktuelle Uhrzeit wäre also in diesem Beispiel 13:00 Uhr.
Die weiteren beiden ausgelosten CD-Gewinner sind Daniel Graf (Konstanz) und Thomas Spiekermann (Köln) – viel Hörvergnügen!
Allen Zusendern wieder herzlichen Dank fürs Mitmachen und natürlich Vorfreude beim Warten aufs nächste “Philo-Logikrätsel”, das euch wie üblich zum Neuen Jahr serviert wird.
Wer sich übrigens selber eine kleine, hierher passende Rätselstory ausdenken und mir zusenden mag, der erhält im Falle einer Veröffentlichung ebenfalls eine ‘fette’ Buch- oder CD-Belohnung…
wf
Kommentare