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Isländische Lyrik von Ragnar Helgi Ólafsson

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“
– empfohlen von Björn Eriksson in unseren Buchtipps für untern Baum

Die Frage nach den Ursachen, die dazu führten, dass im Land der Dichter und Denker in breiter Masse das Interesse und die Freude an Gedichten verloren ging, wird wohl nie geklärt werden. Verhält es sich doch so, dass ein Gedicht mit wenig Worten einen Kosmos öffnet, aus essentiellen Fragen geboren, und in passende Worte gegossen. Zu Gehör gebracht als Rhythmus und Melodie.

Das Ansinnen, ausgerechnet einen Gedichtband für den Gabentisch zu empfehlen, mag in Deutschland beim geneigten Leser vielleicht ein wieherndes Gelächter entlocken. Auf Island hingegen wäre das wiehernde Gelächter vermutlich dann zu hören, käme einer auf die Idee, ein Kochbuch oder irgendeinen anderen wohlfeilen Ratgeber den Freunden auf den Gabentisch zu legen. So ist es nicht verwunderlich, dass auf Island die Dichter es sind, die in breiter Masse den größten Respekt genießen, und nicht die Politiker, Wirtschaftsbosse, Fernsehköche, Küchenpsychologen, und was sich sonst noch zur Elite eines Landes zähle.

Es wird auch die Geschichte erzählt, dass der Dichter Halldór Laxness es einst war, der die Isländer dazu bewegte, das Internationale Walfang-Abkommen zu unterzeichnen, und nicht die Überredungskunst internationaler Diplomaten, schmerzhafte Wirtschaftssanktionen, und was sonst noch an Argumenten vorgebracht. Mitglieder von Greenpeace hätten Halldór Laxness in seinem Haus aufgesucht, mit ihm gesprochen, und Halldór hätte einen Artikel in der Tageszeitung Morgunblaðið veröffentlicht. Daraufhin hätte die Regierung endlich das Abkommen unterzeichnet.

Dem Vernehmen nach soll Halldór Laxness es auch gewesen sein, der anlässlich eines Interviews Wolfgang Schiffer dazu bewegt habe, Ausschau zu halten nach weniger bekannten isländischen Dichtern. Was in Folge dazu führte, dass ich nun den Gedichtband „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ des isländischen Dichters Ragnar Helgi Ólafsson für den deutschen Gabentisch empfehlen kann, ins Deutsche übertragen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer:

EKKERT EINS OG NEITT

Ég hafna líkingamáli.
Ekkert er eins og neitt.

Ég hafna líkingamáli.
það sem ég segi er.
Ég hafna öllu líkingamáli.
Allt er það sem það er.

Líkingamál er ennfremur siðferðislega vafasamt.
það felur í sér dóm og ofbeldi.

(Hvað er það annars að segja barni
að það sé eins og annað barn?
Eða að segja unglingi: „þú ert
alveg eins og mamma þín“?)

Ég hafna líkingamáli.
Hús er hús.
Haf er haf.
Mjólk er mjólk.

Punktur er punktur.

NICHTS WIE NICHTS

Ich lehne Vergleiche ab.
Nichts ist wie nichts.

Ich lehne Vergleiche ab.
Das was ich sage ist.
Ich lehne alle Vergleiche ab.
Alles ist das was es ist.

Ein Vergleich ist überdies moralisch fragwürdig.
Er birgt ein Urteil und Gewalt in sich.

(Was sonst ist es, wenn man einem Kind
sagt, es sei wie ein anderes Kind?
Oder einem Jugendlichen: „Du bist
genau wie deine Mutter“?)

Ich lehne Vergleiche ab.
Haus ist Haus.
Meer ist Meer.
Milch ist Milch.

Punkt ist Punkt.

In der Tat. Halldór Laxness brachte es auf den Punkt:

„Es hängt nicht von der Zahl der Köpfe ab, die man zählen kann, ob ein Land ein Land der Literatur ist.“

Und somit ist vom Dichter Ragnar Helgi Ólafsson zu hören:

VÖGGUVÍSA I

(fyrir Unu)

Elsku barn. Næst þegar þú stendur úti í heiminum skaltu veita því athygli hvernig grasið nuddar á þér ilyarnar, hvernig skýin lækka flugið til að strjúkast við kinnina þína og hvernig fjöllin þenja út hlíðarnar til að halda um lófa þinn.
það tók milljón ár að koma þessu í kring en hann telur það ekki eftir sér því nákvæmlega svona mikið er eimurinn glaður að hafa þig í sér.

WIEGENLIED I

(für Una)

Liebes Kind. Das nächste Mal, wenn du draußen in der Welt stehst, achte darauf, wie das Gras deine Fußsohlen kitzelt, wie die Wolken den Flug senken, um deine Wangen zu streicheln, und wie die Berge die Hänge bauschen, um deine Hand zu halten.
Es hat Millionen von Jahren gedauert, dies zustande zu bringen, aber die Welt macht nicht viel Aufhebens davon, weil sie schon darüber, dich in sich zu haben, so überglücklich ist.

Halldór Laxness beantwortete einst die Frage, worum es sich bei Gedichten handle:

„Es ist nur die Lebenserfahrung …, in wenigen Worten gesagt. Die Kunst besteht darin, einen Satz so kurz und so klar zu machen wie möglich. Und man sollte diese kleinen Sätze, die so viel zu sagen haben, nicht länger machen. Dadurch würden sie auch langweilig und sinnlos werden und dem Leser vielleicht einen wertvollen Gedankenstoff wegnehmen.“

Und was eigne sich schon besser als Geschenk in jenem Zeitabschnitt eines Jahres, welcher der „besinnliche“ genannt.

Björn Eriksson


Ragnar Helgi Ólafsson
Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können
ELIF VERLAG 2017; 140 Seiten; € 18.-
ISBN: 978-3-946989-02-8

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