2 Texterl zum Tage

Der Schnee von heute ist der Matsch von morgen.

* * *

Unsterblichkeit wäre die Höchststrafe für das menschliche Dasein.

WF




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Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Märchenhaftes zum Auftakt der Leser-Buchtipps für untern Baum

Es gibt Neues aus Zamonien: Walter Moers erzählt die anrührende Liebesgeschichte von der schlaflosen Prinzessin Dylia und ihrer spannenden Reise durch das menschliche Gehirn, nach Amygdala, der berüchtigten Stadt der Angst, in der das dunkle Herz der Nacht regiert.

Dieses Märchen aus der zamonischen Spätromantik voller skurriler Charaktere mit der Moers-eigenen Komik hat sich der Moers-Fan Detlef Zöllner (Herausgeber des Philo-Blogs „Erkenntnisethik„) natürlich nicht entgehen lassen und seine Leseeindrücke für euch hier  zusammen gefasst.

Gern könnt ihr uns auch weiterhin eure eigenen Buchtipps für untern Baum zuschicken, so bis ca. Mitte Dezember, damit Interessierte es auch noch rechtzeitig für untern Baum besorgen können.

wf


Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr. Ein somnambules Märchen aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz. Aus dem Zamonischen übertragen von Walter Moers und illustriert von Lydia Rode

– besprochen von Detlef Zöllner

Heute möchte ich das neue Buch meines Lieblingsautors besprechen: „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“. Allerdings weiß ich nicht so recht, wie ich ihn nennen soll: Walter Moers oder Hildegunst von Mythen­metz? Denn tatsächlich ist Walter Moers nur der kongeniale Übersetzer der Schrif­ten des Hildegunst von Mythen­metz. Vielleicht ist das auch der Grund, wa­rum Walter Moers noch keinen großen Literaturpreis erhalten hat, denn meiner An­sicht nach hätte er schon längst mindestens den Literaturnobelpreis für „Ru­mo“ verdient, meinem besonderen Liebling unter den Zamonienromanen. Al­ler­dings lese ich keine Literaturpreisbücher. Autoren, die Literaturpreisbücher schrei­ben, schreiben sie nicht für Leser, jedenfalls nicht für Leser wie mich, sondern für Ju­roren. Und je unlesbarer so ein Buch ist, um so eher kommt es auf die Shortlist.

Was diesen Mythenmetz betrifft, bin ich etwas eingeschüchtert, wie ich ge­ste­hen muß. Schließlich haßt Mythenmetz nichts mehr als Rezensenten. Das kann man in „Ensel und Krete“ nachlesen. Es fällt mir schwer, das einzu­ge­stehen, schließ­lich bin ich, wie meine Schwester meint, ein Snob. Sie schenkte mir kürz­lich „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ von Bodo Kirchhoff. Als ich sie nach dem Grund fragte, meinte sie, sie habe gelesen, daß der Kirchhoff ein Snob sei und daß das Buch deshalb zu mir passe.

Ich bin also ein Snob und will es deshalb diesem Mythenmetz mal so richtig zei­gen: Ihr Buch, lieber Herr Mythenmetz, wimmelt von Drucksatzfehlern! Hier meine Liste:

Auf Seite 67, Zeile 10, fehlt ein ‚n‘ in „I()somnia“!

Auf Seite 84, Zeile 25, ist in „als(o)“ ein ‚o‘ zu viel!

Auf Seite 126, Zeile 18, fehlt in „Unbenn()bares“ eine ganze Silbe!

Auf Seite 327, Zeile 22, fehlt das Endzeichen!

Nachdem ich hiermit klargestellt habe, daß ich ein Rezensent bin, der sich von ei­nem Mythenmetz nicht einschüchtern läßt, möchte ich jetzt gerne zu der wunder­ba­ren Übersetzung seines Buches von Walter Moers zurückkehren. Im Nachwort offenbart Moers den Lesern seines Buches, daß der Anlaß seiner ‚Übersetzung‘ der Brief einer Leserin gewesen sei, die am chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS) erkrankt sei. In ihrem Brief schreibt die Leserin, daß sie ihre schlaflosen Nächte mit dem Lesen seiner Zamonienromane verbringe, die sie von ihrer Krank­heit ablenken. (Vgl. Moers 2/2017, S.337f.)

Der neue Roman von Moers ist eine Antwort auf diesen Leserbrief, und er ist zugleich ein Liebesroman eines Autors an seine Leserin. Was mich auf den Ge­dan­ken bringt, daß Havarius Opal, der Nachtmahr, eine Verkörperung des Autors sein könnte, denn auch er verliebt sich in Dylia (Prinzessin Insomnia), die eben­falls unter der Krankheit leidet, nicht einschlafen zu können. Insbesondere die Ei­genschaft seiner Schup­pen­haut, ständig die Farben zu wechseln, und zwar jede ein­zelne Schuppe für sich, könnte ein Hinweis auf Moers’ Schreibstil sein, bei dem es auf verbaler Ebe­ne ähnlich ‚bunt‘ zugeht wie auf Havarius Opals Schup­pen­haut.

Der Name des Nachtmahrs ist übrigens schon ein Hinweis auf das Ende des Ro­mans. Dies nur als An­deu­tung, denn viele Leser hassen es, wenn gespoilert wird, was ich überhaupt nicht verstehen kann, denn ich persönlich weiß immer gerne vor­her, wie es ausgeht, und ich bevorzuge Happy Ends, darin ganz einig mit Bilbo Beutlin, der sich immer schon gerne zu Beginn einer Geschichte so ein Happy End zurechtlegt. So ermahnt er seinen Neffen Frodo vor seiner Reise nach Mordor: „Books ought to have good endings!“ – Mit dem be­ru­hi­genden Ge­fühl, daß sich alles in Wohl­gefallen auflösen wird, kann ich ei­nen Ro­man viel besser ge­nießen. Sogar „Rumo“ hat ein Happy End.

Viele Motive aus früheren Büchern tauchen in Moers’ neuem Roman wieder auf. Zum Beispiel die Reise durch Dylias Gehirn: schon in „Käpt’n Blaubär“ gibt es eine Reise durch ein Bolloggehirn. Allerdings sieht es in Dylias Gehirn ganz an­ders aus, was nur noch einmal bestätigt, worauf auch Havarius Opal gerne im­mer wie­der hinweist: Jedes Gehirn ist anders! – Das sollten diese Neurophy­sio­logen bitteschön beherzigen, wenn sie uns das nächste Mal wieder das Blaue vom Him­mel runterreden, was sie wieder Neues übers Gehirn rausgefunden haben. Nie­mand weiß besser, wie es in meinem Gehirn aussieht, als ich selbst! Warum? Weil ich denken kann. Überhaupt bin ich Rezensent! Und ich laß mir von nie­man­dem vorschreiben, wie ich zu denken habe.

Dylias beste Freunde sind ihre Gedanken: denn mit ihnen ist sie nachts, wenn alle schlafen, ganz allein. Ihre Gedanken bewahren sie vor den schlimmsten Aus­wirkungen der Schlaflosigkeit. Und manchmal ermöglichen sie ihr sogar eine Art „schlafloses Träumen“ (Moers 2/2017, S.67), die an einen „saloppe(n) Rausch“ (Moers 2/2017, S.25) erinnert. Erfahrene Zamonienromanleser erinnern sich viel­leicht an die „saloppe Katatonie“, die beim Sturz in ein Dimensionsloch eintritt. Aber das ist was anderes. Dylia jedenfalls hört in diesem Zustand „Ge­hirn­musik“, die „unverkennbaren Harmonien ihrer Ideen und Phantasmen“. (Vgl. Moers 2/2017, S.67)

Die Beziehung zwischen Havarius Opal und Dylia alias Prinzessin Insomnia er­innert auch aus einem weiteren Grund an die Beziehung zwischen dem Au­tor und seiner Leserin. Denn die Leserbriefschreiberin lieferte die Illu­stra­tio­nen zu Moers’ neuem Buch. Das Buch ist ein gemeinsames Projekt des Autors und seiner Leserin! Und die Leserin ist wiederum das Herz – bzw. das ‚Gehirn‘? – der Ge­schichte. Ich muß wieder ein Geständnis machen: die Stelle im Buch, an der das ganz explizit zum Ausdruck gebracht wird, hatte ich zunächst überhaupt nicht ver­standen!

Jetzt muß ich leider etwas spoilern. Aber nur weil ich so eine lange Leitung habe und etwas schwer von Begriff bin und weil ich befürchte, daß es vielen Le­se­rinnen und Lesern ähnlich ergeht wie mir!

Auf ihrer Reise durch Dylias Gehirn kommen die beiden ins Ge­dächt­nis­zen­trum, das aus einem riesigen Spinnennetz und seiner Hüterin, einer Spinne na­tür­lich, besteht. Die Spinne schläft gerade. Der Raum, in dem sich das Spinnennetz befindet, ist voller Erinnerungsschätze, vor allem Wörter, denn Dylia denkt sich gerne Wörter aus und sie sammelt auch viele Wörter, vor allem solche, die sich schwer aussprechen lassen. Ich liebe es immer, den Schülern in meiner Bi­blio­theks­gilde aus „Rumo“ vorzulesen. Es macht einen Riesenspaß, all die schwie­ri­gen Wörter auszusprechen, von denen es in allen Zamonienromanen nur so wim­melt.

Dylia begegnet in diesem Teil ihres Gehirns ihrem „Oberüberwort“, das auf ei­nem Haufen von anderen Wörtern liegt: „Dylia erschrak bei dem Anblick, aber nicht aus Furcht oder Bestürzung. Dann musste sie auflachen, aber nur ganz kurz. Und schließlich schossen ihr die Tränen in die Augen. Ja, da lag es. Ganz oben auf dem Stapel mit den Pfauenwörtern. Lag? Nein – da thronte es. Plötzlich un­ü­ber­sehbar, alles überragend und überstrahlend, den ganzen riesigen Raum mit sei­ner einzigartigen Präsenz beherrschend.“ (Moers 2/2017, S.145f.)

Wir befinden uns erst in der Mitte des Buches, und deshalb verrät uns Moers natürlich noch nicht, wie dieses Wort lautet. Aber gewitzt wie ich bin – Achtung Spoilergefahr! – schaue ich am Ende des Buches nach. Und ich bin enttäuscht: ‚Dylia‘ ist das Oberüberwort, also der Name der Prinzessin! Wie lang­wei­lig.

Ich blättere wieder zurück zur Stelle, wo ich gerade gewesen bin, und lese wei­ter. Wie gesagt: mir ist tatsächlich nicht aufgefallen, worin die Pointe liegt. Erst eine Weile, nachdem ich das Buch durchgelesen hatte, ging mir ein Licht auf. Dabei besteht das ganze Buch aus Anagrammen! „Ridikülisierendes Ana­gram­mieren“ (Moers 2/2017, S.142) ist geradezu der Basisstil aller Zamo­nien­ro­mane! Denn wer ist Dylia? Lydia natürlich, besagte Leserbriefschreiberin, die al­les überragende und überstrahlende, den Roman beherrschende einzigartige Prä­senz.

Detlef Zöllner



Walter Moers und Lydia Rode
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
Roman, 344 Seiten
Albrecht Knaus Verlag 2017
ISBN-13: 978-3813507850

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