Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

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Buchtipps unserer LeserInnen: Existenzialismus und isländischer Humor

Schön, dass schon ein paar LeserInnen auf unsere kleine Anfrage nach „Buchempfehlungen für unter’n Baum“ reagiert und uns ein paar Zeilen zu ihren Favoriten zugeschickt haben.
Die ersten beiden Tipps kommen von SzuSza Nagy und Björn Eriksson (den ihr ja schon als Gastautor kennt). Gern könnt ihr uns in den nächsten beiden Wochen noch weitere Empfehlungen als Kurzrezis durchtickern, vielleicht hilft das ja manchen unserer LeserInnen bei ihrer Lektüresuche. Und eure ‚Entlohnung‘ für die Schreibarbeit habt ihr dann auch noch rechtzeitig unter’m Baum ;-)

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Das Café der Existenzialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails – von Sarah Bakewell

– eine Buchempfehlung von SzuSza Nagy

Lange, bevor ich mich für ein einfaches Leben in den Wäldern entschieden habe, hockte auch ich gern ziemlich ambitioniert mit meinen KommilitonInnen in den Cafés rund um die Budapester Uni und diskutierte mit ihnen das politische Tagesgeschehen, die Verwerfungen der sozialistischen Gesellschaft und die Möglichkeiten uns zu engagieren. Das war Ende der Achtziger, als die Bücher von Sartre und der Beauvoir auch bei uns schon leichter zu bekommen waren und ihre Lichtstrahlen durch den langsam bröckelnden Eisernen Vorhang warfen. Aber wir suchten im französischen Existenzialismus nicht nach Gerechtigkeitsprinzipien für die Verbesserung einer kommunistisch geprägten Gesellschaftsordnung, sondern Inspiration für eine freiheitliche und humane „Lebensphilosophie“, wie ich persönlich sie in der westlichen Frauenemanzipation schon auf gutem Weg sah. Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ hatte ich fast immer in der Tasche, auch bei meiner Übersiedlung nach Bayern im Sommer 1990, und sogar nach meiner allmählichen Desillusionierung lag es immer wieder auf dem Tisch, und zwar meistens – wie zufällig – bei Männerbesuch.

bakewell
Damals wusste ich allerdings nicht viel über die Lebensumstände und Zusammenhänge der existenzialistischen Szene. Das hat sich erst jetzt, nach gut einem Vierteljahrhundert, durch das Buch der britischen Autorin Sarah Bakewell geändert. Im „Café der Existenzialisten“ erzählt sie die große Geschichte des Existenzialismus als Sammlung vieler kleiner Begegnungs-Geschichten der Protagonisten jener Zeit. Wie wichtig Kierkegaard als Urheber der Existenzphilosophie, der Phänomenologe Husserl und der damals schon umstrittene Heidegger für die Franzosen waren, welch zentrale Rolle Maurice Merleau-Ponty in diesem Kreis spielte, wie Camus sich mit Sartre überwarf. Viele, auch einflussreiche, Nebenfiguren tauchen in Bakewells Café auf, die Pariser Atmosphäre ist vom Jazz und der ’schwarzen Kleiderordnung‘ geprägt; geistreiche Gespräche und Pikanterien, Theorie und existenzialistische Lebenspraxis wechseln einander ab. Alles ganz locker, verständlich und teilweise spannend geschrieben, so dass ich das Buch fast am Stück verschlungen hab.
Besonders angetan war ich von Bakewells Sichtweise auf die Beauvoir, deren geistige und ‚existenzialistische‘ Entwicklung sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Ihr Streben nach intellektueller Selbstständigkeit, nach ihrem weiblichen „Sinn vom Sein“ (auch in der Erotik), ihr schriftstellerisches Arbeitsethos und ihr gesellschaftliches Engagement verstehe ich jetzt besser und würde mir das, zumindest teilweise, als Vorbild für die heutige Generation junger Frauen und als Bedenk-mal für alle Männer wünschen. Für alte Schachteln wie mich bleibt ja nur noch der gute Ratschlag ;-)

Aber wer mich in nächster Zeit mal in meiner bescheidenen Hütte besucht, darf damit rechnen, dass er oder sie nach dem obligatorischen existenzialistischen Holzhacken auch wieder mal etwas existenzialistische Emanzentheorie auf die Ohren kriegt.

Das Café der Existenzialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails
von Sarah Bakewell
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten, EUR 24,95
Verlag: C.H.Beck; 3. Auflage (November 2016)
ISBN-13: 978-3406697647


Isländische Könige – Roman von Einar Már Gudmundsson

– eine Buchempfehlung von Björn Eriksson

Einar Már Guðmundsson erzählt in „Isländische Könige“ die Geschichte des isländischen Knudsen-Clans aus dem Fischerdorf Tangavík.
Womit Irritationen bereits vorprogrammiert, denn zum Einen gab es zu keiner Zeit einen isländischen Monarchen, und zum Anderen gibt es auch keinen Ort namens Tangavík auf Ísland. Wer das Fischerdorf Tangavík auf Google-Maps sucht, wird also nicht fündig. Tangavík ist ein geistiger Ort.

Einar Már GudmundssonZudem ist der Name Knudsen kein isländischer Name, denn zum Einen entspricht er nicht den Sitten des Landes, und zum Anderen verfügen Isländer nicht über feststehende Familiennamen, die eine Generation überdauern, da diese mit dem Tod des Trägers sterben. Nehme einer an, dass der Familienname Knudsen auf Ísland unwirklich sei, wird er von Einar Már Guðmundsson eines Besseren belehrt:
Unter den Knudsens waren Denker und Anführer, Taugenichtse und Unruhestifter. Dorftrottel und Sonderlinge verirrten sich in ihren Reihen, und manche von ihnen brachten es bis in den Stadtrat, wenn nicht ins Parlament. Die Knudsens wurden Minister, Botschafter und Kapitäne, sie waren Fischer, Lehrer, Piloten und Kellner, Verbrecher und Anwälte, manchmal sogar alles in einer Person.“

Einar Már Guðmundsson gelingt in dieser Erzählung nicht nur meisterhaft, die Neugier von Zeile zu Zeile aufrecht zu erhalten, die dann auch von Kaskaden an Neuigkeiten befriedigt wird, sondern auch noch, die Begriffe Mystik und Realität neu zu ordnen:
Leute, die früher an Elfen und Geister geglaubt haben, glauben heute an Konjunkturprognosen und Inflationsbarometer. Heute kann man in Island die Fische im Meer verpfänden und einen Kredit dafür bekommen. So wird unsere Wirtschaft zu einer mystischen Welt, in der Zauber und Hexerei am Werk sind, vielleicht sogar magischer Realismus.

Doch wo der Humor nach und nach verschwindet, wird die Welt immer lächerlicher.“

Ein Buch, geeignet für solche, die sich noch daran erinnern, was Humor sein kann: der Punkt, in welchem sich der Widerspruch von Gelassenheit und dessen Gegensatz umarmen.

Isländische Könige – Roman von Einar Már Gudmundsson
btb Verlag, Oktober 2016
Gebundene Ausgabe, EUR 19,99
Sprache: Deutsch, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3442757022
Originaltitel: Íslenskir kóngar

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