Texterl zum Tage

Dein Leben ist so lang eine Kette von narzisstischen Kränkungen, bis du die Vorstellung von der herausragenden Bedeutung deines Ego losgelassen hast.

WF

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Comic-Ausstellung mit Schwerpunkt Wilhelm Busch

Was wäre der gute Schopenhauer ohne seinen Pudel gewesen? Ein Philosoph, der noch nicht auf den Hund gekommen ist, könnte man jetzt kalauern; aber tatsächlich waren in diesem Fall Mann & Hund in der öffentlichen Wahrnehmung untrennbar miteinander verbunden, denn das bekannteste Bildnis des Anti-Hegelianers war seinerzeit eine Zeichnung dieses Pärchens beim alltäglichen Spaziergang in einem Frankfurter Park von Wilhelm Busch, die wohl vielen von uns in Kindertagen einen ersten ikonographischen Eindruck vom flaneurhaften Tagesablauf eines Philosophen verschaffte und so das Charakteristische und Begehrenswerte dieser Profession in unserer Vorstellung verankert hat.

schopenhauer_by_busch

Busch-Zeichnung vom philosophischen Flaneur Arthur Schopenhauer mit Pudel „Atman“

Gern hätte ich schon damals mehr über das dubiose Duo erfahren, etwa, was der verschämt hinter dem Rücken gehaltene Hut bedeute. Mussten Philosophen heimlich betteln? Kamen die Oberglatze nebst seitlich abstehendem Haarkranz vom vielen Denken? War des Pudels nach rechts abgespreizter Bommelschwanz  eine Art Warnung für die Hinterherlaufenden, vergleichbar mit dem heutigen Stinkefinger? Aber auf meine Nachfragen bekam ich von meinem Vater nur zu hören: „Jaja, der Schopenhauer, das war einer! War sein Tier ungezogen, so schimpfte er es Mensch, wollte er den Pudel aber loben, so nannte er ihn Atman„. Erst viel später – Stammleser dieses Blogs wissen es ja – fand ich heraus, wie Schopenhauer auf den Namen „Atman“ gekommen war.
Einen größeren konkreten Nutzen aus der regelmäßigen Busch-Lektüre zog ich damals freilich aus den herrlich bösen Bildergeschichten, die nun den Schwerpunkt einer Comic-Ausstellung in Hannover bilden; davon wird gleich noch die Rede sein.
Jedenfalls lernte ich von Busch, dass bigotte Seelen wie die der Frommen Helene letztlich vom Teufel geholt werden und dass die belehrende Selbstgefälligkeit eines Lehrer Lämpel die Quintessenz des Pädagogendaseins darstellt. Und natürlich eigneten sich Max und Moritz prima als Projektionsgestalten bei allfälliger Schul-Unlust und gelegentlichen Anflügen kindlicher Grausamkeits-Phantasien (die ja manche zeitlebens nicht loswerden).

Dass in all diesen Werken auch ein guter Schlag von Schopenhauers Philosophie steckt, erschloss sich mir erst später, nachdem der Busch als Vorlesestoff von meinem Nachtkästchen auf das meines Sohnes gewandert war und ich zwischenzeitlich meine Erste Schopenhauerianische Phase durchgestanden hatte.
Schopenhauer meinte ja, dass es nur drei Dinge gebe, die das ernsthafte Nachdenken lohnen, nämlich die Musik, das Weinen und das Lachen. Genau davon handeln die Bildergeschichten von Wilhelm Busch, und das ist auch kein Zufall, denn der reimende Zeichner bekannte, dass er sich „mit Leidenschaft und Ausdauer in den Schopenhauer“ vertieft hätte und er verglich Schopenhauers Philosophie mit einem Schlüssel, der ihm „wohl zu mancherlei Türen zu passen schien in dem verwunschenen Schloß dieser Welt, nur nicht zur Ausgangstür“. Und so machte sich Busch zwar die Ansicht Schopenhauers von der unheilbringenden Gewalt des Lebenswillens, der das ganze  Dasein kennzeichnet, zu eigen, nicht jedoch die andere Seite von Schopenhauers Lehre, nämlich deren Mitleidsethik, dieses Mitempfinden durch die Erkenntnis des Eigenen im Anderen.

Ludger Lütkehaus hat das in einem hübschen Essay zu dieser Schopenhauer-Zeichnung von Busch mal so auf den Punkt gebracht: „Busch radikalisiert die Welt- und Menschendeutung Schopenhauers. Er versperrt die Ausgänge. Er verweigert die bei Schopenhauer noch verbleibenden mildernden Umstände. Und trotzdem wird in Buschs Welt weit mehr als in der Schopenhauers gelacht. Wie das möglich ist? Nun, weil die Schadenfreude selbst unter Philosophen die größte Freude ist. „Das Lachen“, heißt es in Eduards Traum, „ist die aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer überwiegenden Konkurrenzfähigkeit“. Lachen ist Lachen-Über, Verlachen. Humor ist, wenn man nicht trotzdem, sondern deswegen lacht.“

Buschs Werk leistete zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des modernen Comics, wenngleich dessen Geschichte natürlich viel weiter zurückreicht (betextete Bilder auf antiken Amphoren, Teppich von Bajeux etc.), so dass er als „Großvater der Comics“ bei umfassenden Ausstellungen und Publikationen zum Thema entsprechende Würdigung erhält. Allerdings ist es noch nicht so lange her, da standen Comic- & Cartoon-Ausstellungen im Ruf des Trivial-Schmuddeligen,  galten manchen als jugendverderbender Schund, vor dem zumindest in jedem anständigen deutschen Lehrerhaushalt gewarnt wurde. Hatte sich denn nicht Homer Simpson himself über seine eigene Spezies mal so abfällig geäußert: “Cartoons haben keine tiefere Bedeutung. Es sind nur doofe Zeichnungen, die auf billige Lacher aus sind”. Das hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise gründlich geändert, der Comic ist im Wortsinne „salonfähig“ geworden (nach der guten Basisarbeit im Erlanger Salon) und mittlerweile haben ‚Kulturmetropolen‘ wie München, Hamburg, Essen, Aachen, Luzern, Brüssel und andere ihre Comic-Ausstellungen gar zu „Festivals“ hochgetunt. Natürlich abgesegnet von den Edel-Feuilletons unserer Kulturgerichtsbarkeit wie etwa der Süddeutschen oder der ZEIT.

Nun versucht Hannover das alles zu toppen und zeigt im dortigen „Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ die Ausstellung „Streich auf Streich – 150 Jahre Max und Moritz. Deutschsprachige Comics von Wilhelm Busch bis heute“, die aufgrund des großen Besucherinteresses bis 4. Mai 2014 verlängert wurde. Da gibts eingangs die komplette Handschrift aller Max-und-Moritz-Streiche und weiterer Bildergeschichten von Wilhelm Busch im Original zu sehen, und dann gehts in 15 Abteilungen auf die Reise durch die deutsche Comic-Geschichte – mit über 350 Originalzeichnungen sowie zahlreichen historischen Erstdrucken aus dem gesamten deutschsprachigen Raum von Busch bis in die Gegenwart.

Und übrigens: Warum ich kein Klavierspieler werden wollte…

Busch Werke v1 p 404

Der Virtuose

 … sondern mich mit der weniger ’salonfähigen‘ Gitarre begnügte, könnte auch einen Grund in der abschreckenden Wirkung von Der Virtuos gehabt haben, die als eine von Buschs genialsten und revolutionärsten Bildergeschichten gilt. 1865 erschienen, zeigt die Geschichte einen Pianisten, der zu Neujahr einem begeisterten Zuhörer ein Privatkonzert gibt.
Dazu meint die Bildinterpretation aus der Wikipedia: „Diese Satire auf selbstdarstellerische Künstlerattitüde und deren übertriebene Verehrung weicht vom Schema Buschs übriger Bildergeschichten ab, weil die einzelnen Szenen nicht mit gebundenen Texten kommentiert sind, sondern lediglich Termini aus der musikalischen Fachsprache wie Introduzione, Maestoso oder Fortissimo vivacissimo verwendet werden. Die Szenen steigern sich im Tempo, wobei jeder Körperteil und jeder Kleidungszipfel in diese Steigerung mit einbezogen sind. Schließlich werden die vorletzten Szenen zu einer Simultanschau mehrerer Bewegungsphasen des Pianisten und die Noten lösen sich in über dem Flügel tanzenden Notenzeichen auf. Bildende Künstler haben sich bis weit ins 20. Jahrhundert von dieser Bildergeschichte inspirieren lassen. August Macke hielt in einem Brief an seinen Galeristen Herwarth Walden sogar fest, dass er die Bezeichnung Futurismus für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Italien entstandene avantgardistische Kunstbewegung für verfehlt halte, da bereits Wilhelm Busch ein Futurist gewesen sei, der Zeit und Bewegung ins Bild gebannt habe.“

Aber meine Lieblingsgeschichte war und ist doch noch immer die Fromme Helene, nach deren tragikomischem Ende der Spießer Nolte uns einen twitterkompatiblen Satz für unser aller Alltagsmoral vermacht hat:

„Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!“

 wf

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  • 16. INTERNATIONALER COMIC-SALON ERLANGEN – 19. BIS 22. JUNI 2014
    MAX UND MORITZ-PREIS 2014

    25 TITEL FÜR DEN MAX UND MORITZ-PREIS 2014 NOMINIERT
    SONDERPREIS FÜR EIN HERAUSRAGENDES LEBENSWERK AN RALF KÖNIG

    Im Rahmen des Internationalen Comic-Salons 2014 wird in diesem Jahr zum 16. Mal der Max und Moritz-Preis verliehen, die wichtigste Auszeichnung für grafische Literatur und Comic-Kunst im deutschsprachigen Raum. 25 Titel wurden für den Max und Moritz-Preis 2014 nominiert, acht von neun Preisträgern werden am 20. Juni im Rahmen der Max und Moritz-Gala bekannt gegeben. Allein der Preisträger für ein herausragendes Lebenswerk steht bereits fest: Mit Ralf König wird nach 30 Jahren zum ersten Mal ein deutschsprachiger Zeichner und Autor mit dem Max und Moritz-Preis für sein herausragendes Lebenswerk ausgezeichnet. Die Jury würdigt damit den erfolgreichsten und international populärsten deutschen Comic-Künstler, dessen Einfluss nicht nur weit über die Grenzen des deutschsprachigen Raums, sondern auch weit über die Kreise des traditionellen Comic-Publikums hinausreicht.

    Neben dem Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk legte die Jury 22 Nominierungen fest, die durch drei weitere Titel, die in Internet-Umfragen durch das Publikum ermittelt wurden, zur 25 Titel umfassenden Nominierten-Liste ergänzt wurden. Ausgehend von dieser Liste werden im Rahmen der Max und Moritz-Gala am Freitag, 20. Juni, 21:00 Uhr im Markgrafentheater Erlangen die Preise in den Kategorien „Bester deutschsprachiger Comic“, „Bester internationaler Comic“, „Bester deutschsprachiger Comic-Strip“ und „Bester Comic für Kinder“ verliehen. In den Kategorien „Bester deutschsprachiger Comic-Künstler“ (Dotierung: 5.000,– Euro), „Beste studentische Comic-Publikation“ (Dotierung: 1.000,– Euro) und „Spezialpreis der Jury“ wurden keine Nominierungen vorgenommen, die Preisträger in diesen drei Kategorien werden ebenfalls im Rahmen der Max und Moritz-Gala bekannt gegeben. Die Preisverleihung, moderiert von Hella von Sinnen und Christian Gasser, gilt als Höhepunkt des Internationalen Comic-Salons Erlangen.

    Der Max und Moritz-Preis ist die bedeutendste Auszeichnung für grafische Literatur und Comic-Kunst im deutschen Sprachraum. Er wird durch eine von der Stadt Erlangen berufene unabhängige Fachjury vergeben und trägt seit 30 Jahren wesentlich zur künstlerischen und gesellschaftlichen Anerkennung des Comics bei. Mit dem Max und Moritz-Preis wird die Arbeit herausragender Künstlerinnen und Künstler gewürdigt, verdienstvolle Verlagsarbeit bestärkt, auf Nachwuchstalente aufmerksam gemacht und die qualitative Auseinandersetzung über grafische Literatur gefördert. Der Jury für den Max und Moritz-Preis gehören in diesem Jahr an: Christian Gasser (Autor und Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst), Herbert Heinzelmann (Journalist und Medienwissenschaftler, Nürnberg), Brigitte Helbling (Journalistin, Arbeitsstelle für Graphische Literatur, Hamburg), Andreas C. Knigge (Journalist und Publizist, Hamburg), Isabel Kreitz (Comic-Zeichnerin, Hamburg), Lars von Törne (Journalist, Berlin) und Bodo Birk (Internationaler Comic-Salon Erlangen).

    http://www.comic-salon.de/

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