Texterl zum Tage

Ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.

Guillaume Paoli




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Precht besetzt Hüther als Staffage für seinen Sermon

Selten kommt es vor, dass zwischen einem Philosophen und einem Hirnforscher solche Eintracht herrscht wie in der gestrigen Erstausgabe von „Precht“, dem ZDF-Nachfolger des „Philosophischen Quartetts“, wozu der namensgebende Bestseller-Autor den ebenfalls populärwissenschaftlich umtriebigen Neurobiologen Gerald Hüther eingeladen hatte. Zu einem Thema, das rechtzeitig zu Schuljahresbeginn als Provokation aufgetakelt daher kam: „Skandal Schule – Macht Lernen dumm?“
Wer nun aber ‚Philosophie‘ in der Sendung erwartet hatte, wird wohl zumindest in den ersten 44 (von 45) Minuten enttäuscht gewesen sein, es gab ja nicht einmal sowas wie eine Diskussion, da beide Gesprächspartner bemüht waren, sich wechselseitig affirmativ die vorab einstudierten Sätze übern Tisch zu schieben; eine sich hochschaukelnde Dialektik im Geiste eines Strebens nach Erkenntniserweiterung kam dabei nicht auf. Dazu sind die Argumente für eine ‚andere‘ Schule  auch schon zu oft wiedergekäut worden  (lange vor den bestätigenden ‚Erkenntnissen‘ der Hirnforschung) und es wurde hauptsächlich gut abgehangenes Gedankengut aus mittlerweile mehr als drei Jahrhunderten Reformpädagogik seit der Didactica magna von Comenius serviert. Ganz so weit wollte (oder wusste?) Precht aber in seinem bildungsidealistischen Geschichtsvortrag nicht zurückgreifen, er stieg erst bei Humboldts Versuch und Scheitern einer Bildungsreform ein, die er als Blaupause für alle Scheitereien bis heute nahm („Humboldt-Dilemma“) und sich von Hüther die ergänzende Begründung dazu liefern ließ: „Gebildete hat man im Maschinenzeitalter des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gebraucht.“
Auch die Schuldigen an der aktuellen „Bildungsmisere“ wurden von Precht bald benannt: die föderalistische Verzettelung, die kultusministerielle Rückwärtsgewandtheit und eine fragwürdige Begabungs-Selektion auf Noten-Basis. Das bulimische Lernen sei dabei kontra-produktiv und könne im Extremfall zu einer steigenden Selbstmordrate von Kindern führen, was sich an den Beispielen von PISA-Spitzenreitern wie Shanghai und anderer chinesischer Städte zeige. In Deutschland bliebe für die Ausgemusterten am Ende nur „Hartz IV als Entschädigung für nicht gewährte Chancengleichheit.“
Das überkommene System sei auch nicht reformierbar, es müsse schon in den Rahmenbedingungen revolutioniert werden und dazu bedürfe es eines „Mentalitätswandels“ bei den Bürgern nebst Kreativitätsförderung bei den Schülern durch „Potenzialentfaltungscoaches“ (Hach, der gute alte „Lehrer“ wird auch gleich zeitgeistig aufpoliert…).
Teil dieser Revolution wäre dann auch eine „Transformation des Schulsystems vor Ort“, wobei Hüther auf das von ihm unterstützte Projekt „Neue Lernkulturen in Kommunen“ in Thüringen hinweisen durfte. Über weite Strecken allerdings erschien Gerald Hüther mehr als Staffage auf dieser Precht’schen Vermarktungsplattform, die der Gastgeber mit gefühlten 3/4 der Redezeit und intimisierenden Nahaufnahmen seines Konterfeis ausfüllte. Dafür gabs gelegentlich ein Zuckerl für den Bildungskritiker Hüther á la „Warum hört man nicht längst auf Leute wie Sie?“

Nun war das Alles ja kein dummes Zeug, was den Zuschauern da zu vormitternächtlicher Stunde aufgetischt wurde, und Vieles davon hat längst Samen gestreut in unserer Bildungs-Evolution (ja, Herr Precht, die gibt’s…) – nur wenn’s halt so oberonkelhaft serviert wird im abgestandenen Sermon einer Klappentext-Stanze, mag sich der Appetit auf mehr von diesem Sendeformat nicht recht einstellen. Bleibt zu hoffen, dass bei einer Einschaltquote von knapp 1 Million wenigstens ein paar Bildungskonservative ‚erwischt‘ wurden, für die da was Neues dabei war.

Und in der letzten Minute ließ es sich Precht dann doch nicht nehmen, seine selbstgewählte Berufsbezeichnung „Philosoph“ wenigstens durch die Kenntnis eines Schopenhauer-Zitats zu legitimieren: „Neue Ideen durchlaufen drei Phasen: Anfangs werden sie belächelt, später bekämpft, und irgendwann sind sie selbstverständlich.“

Hier die komplette Sendung vom 2.9.2012:

precht und huether zdf

wf

6 comments to Precht besetzt Hüther als Staffage für seinen Sermon

  • Die Herren haben sich gegenseitig ihre Phrasen serviert, ohne wirklich auf Tatsachen zu referieren. In Ihrem Beitrag haben sie noch viel zu gutmütig, alle Fakten herausdestilliert, die zur Sprache kamen. Mit dem Begriff „Bildung“ kann man halt so schön herumkritisieren, ohne konkret zu werden. Die Abschlusseinschätzung, dass hier kein Erkenntnisdefizit vorliege, sondern ein Umsetzungsdefizit kann eben auch nur Precht geben. Dabei fragen wir uns, wie wir Lernprozesse tatsächlich effektiver gestalten können und darüber hinaus tatsächlich so etwas wie Reflexion erreichen. Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema und bin ehrlich gesagt noch sehr unschlüssig. Danke für den Beitrag, habe ich mit viel Schmunzeln gelesen :)

  • Birgit

    Immerhin hat Precht mit seinem Bestseller vor drei Jahren dafür gesorgt, dass sich inzwischen immer mehr Menschen für Philosophie interessieren. Und wenn er und das ZDF aus der vielen Kritik was lernen, dann können die nächsten Sendungen ja besser werden. Ich halte es prinzipiell für gut (gerade als Bildungsgedanken) wenn mehr Philosophie unters „Volk“ kommt.

  • Franz Josef Neffe

    Nicht LERNEN macht dumm sondern UNTERRICHTETWERDEN. Unterricht richtet nach unten. Im Unterricht übt man unten, sich nach denen oben zu richten.
    In unseren Schulen wird nicht gelernt sondern LERNEN durch Unterricht vereitelt. Unsere SCHULEN sind auch das gerade Gegenteil von Schule und die Lehrer dort sind KEINE LEHRER sondern als Lehrplanvollzugsbeamte angestellt. Sie vermitteln, bringen bei und drängen dazu, sich zu unterwerfen, einzufügen und mitzumachen. Eben dadurch machen sie LERNEN zunichte. LERNEN bedeutet: eine Fährte des Lebens verfolgen, eigene Erfahrungen sammeln.
    Dass Hüther und Precht gemeinsam aufzeigen, was unerträglich ist und wo es in Richtung LÖSUNG gehen könnte, ist doch schon mal was. Als Ich-kann-Schule-Lehrer tät ich dann noch in den TV- und Zeitungsredaktionen Herkunftswörterbücher anregen; dann wissen wir womöglich bald, was wir sagen, und können das, was wir tun damit neu überdenken. Guten Erfolg!
    Franz Josef Neffe

  • Rainer

    Ich bin 18 Jahre Jung und gerade auf meinem Weg zum Abitur. Habe noch 2 Jahre vor mir und ich weiß nicht wie ich diese 2 Jahre überstehen soll. Jeder Tag strotzt nur so vor Langeweile und trotzdem enormen Druck. Ich fühle mich so als ob ich mein eigenes Potential zerstöre. Jedoch weiß ich auch dass ich ohne Abitur praktisch keine Chance habe einen, meiner Ansicht nach, erstrebenswerten Beruf oder ein Studium angehen kann. Wie komme ich durch diese Zeit durch? Nach dieser Sendung fällt es mir nur noch schwerer und Hass auf dieses System kocht in mir auf. Hier wird über meine Zukunft und Gegenwart diskutiert und viel Rauch gemacht aber schlussendlich kommt man doch zu keiner Lösung. Traurig…

  • Es klingt blöd, irgendwie klischeemäßig, aber trotzdem: Ent-Täuschug ist eine Form der Befreiung und lädt zum Selber-Denken ein. Anonsten bleibt mir nur der Rat: nicht davonlaufen, sondern Spaß haben, hier und jetzt. Lebenszeit ist kostbar …

  • be

    Ein gelungener Satz: „Ent-Täuschung ist eine Form der Befreiung“.
    Es heißt auch, dass das Auge der Zufriedenheit für jeglichen Mangel zu schwach ist, so wie die Augen der Unzufriedenheit die schlechten Dinge ans Licht bringen.

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