Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

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Schachboxen nützt bei Gehwegschäden nix

In Helmut Kuhns Roman „Gehwegschäden“ taumeln existenzielle Low Performer durch ein prekäres Berlin

Wer mit einem Berlin-Roman in den literarischen Feuilletons und bei einem breiteren Lesepublikum noch die Münze der Aufmerksamkeit klingeln lassen will, muss sich schon ein paar veritable Attraktionen einfallen lassen; denn ist es ja nicht so, dass es einen Mangel an „Berlin-Romanen“ gäbe, bei Eingabe dieses Gattungsbegriffs spuckt die Google-Suchmaschine über 100 Millionen Treffer aus. Um in diesem Gewimmel aufzufallen, reicht’s natürlich nicht, das ‚amtliche‘ Drehbuch eines zeitgenössischen Berlin-Romans in der tausendsten Variante aufzuführen und irgendwie & sowieso mit Kreativen, Aussteigern, Prekarianern, Multikulti, Kiez-Milieu und Teilungstraumaüberbleibseln zu garnieren. Also bedient sich der in Berlin lebende Journalist und Autor Helmut Kuhn in seinem Roman „Gehwegschäden“ nicht nur dieser Klischee-Ingredienzen, sondern setzt zusätzlich auf drei erfolgversprechende kompositorisch-dramaturgische Stilmittel, die er geschickt miteinander verknüpft: das semi-autobiografische und ironisch gebrochene Setting seines Protagonisten, die intertextuelle Verschränkung mit dem literarischen Kanon und ein inhaltliches Alleinstellungsmerkmal, das in der Lese-Erinnerung hängen bleibt und mindestens zum Party-Smalltalk taugt.

Und so geht das hier: Thomas Frantz, die Hauptfigur der „Gehwegschäden“, ein in Berlin lebender freier Journalist mit prekärer Auftragslage und existenziellem Blues, ist sowohl ein literarisch verfremdetes Alter Ego des Autors wie auch in mehrfacher Hinsicht ein Wiedergänger von Alfred Döblins Romanheld Franz Biberkopf aus „Berlin Alexanderplatz“. Nicht unbedingt ein Schönling, aber dafür groß und kräftig gebaut, nicht mehr jung und noch nicht alt, Mitglied eines Athletenklubs, mit einem Hang zum Alkohol. Trotz (oder wegen?) seines gutmütigen Charakters sind seine Beziehungen zu Frauen kompliziert, seinem Freundeskreis dagegen ist er in fast naiver Treue verbunden. Gegenüber seiner eigenen krisenhaften Existenz ein wenig larmoyant und indolent, ohne rechte Lust auf Veränderungen, würde er sich doch gern irgendwie durchschlagen, eine Lebensstrategie gegen das drohende Scheitern entwickeln.

helmut kuhnAuch bei Kuhn ist Berlin ein bedrohlich ambivalenter Ort, in dem einerseits der Mensch in den Erfahrungskontingenzen der Großstadt als unbedeutendes Schwarm-Teilchen dahintreibt, der andererseits aber auch ein Versprechen beinhaltet auf fast unbegrenzte Möglichkeiten individueller Verwirklichung, durch die jeder Einzelne seine eigenen Antworten auf die Zumutungen eines Lebens in der Großstadt finden muss. Kuhns Berlin ist eine „Stadt der Verzweifelten“, eine soziale, aber auch eine infrastrukturelle Dauerbaustelle, bei der es unweigerlich zu „Gehwegschäden“ kommt, vor denen auf Hinweistafeln gewarnt wird an immer mehr bröckelnden Stellen in diesem Berlin, das, mehr arm als sexy, nicht mehr die Mittel aufbringen kann, sich selber in Stand zu halten. Man entschuldigt sich auf den Warnschildern dafür. Man hat sich damit abgefunden…

Was dem Franz Biberkopf sein Athletenklub ist dem Thomas Frantz das Schachboxen, eine skurril anmutende Sporthybride, bei der abwechselnd im Ring geboxt und gegen die Uhr Schnellschach gespielt wird, bis einer K.O. geht oder schachmatt wird. Ist die Physis schwach, kann immer noch der Geist gewinnen und umgekehrt. Allerdings nur theoretisch, denn sogleich wird die schöne Allegorie eines vermeintlichen Chancenausgleichs von Denken und Handeln mit einer existenzphilosophischen Einsicht konterkariert: „Nicht das Denken bestimmt das Handeln, das Handeln bestimmt das Denken. Nicht das Schach bestimmt das Boxen. Das Boxen bestimmt das Schach.[…] Wenn man einen Schachspieler und einen Boxer gegeneinander antreten lässt, wird meist der Schachspieler übel zugerichtet.“

Das Schachboxen ist als literarisches Sujet eine Erfindung des französischen Comicautors Enki Bilal, der seinen Held Alexander Nikopol in der gleichnamigen Comicserie aus den 1990er-Jahren sich durchboxen lässt in einer postapokalyptischen Gesellschaft. Als Wettkampf-Uraufführung im real sportlife veranstaltete der holländische Aktionskünstlers Iepe Rubingh 2003 den ersten Showkampf in Berlin, wo das Schachboxen seither als Sportverband existiert und unter Rubinghs Präsidentschaft auch das Hauptquartier der inzwischen stark gewachsenen World Chess Boxing Organisation (WCBO) ist.

Dieser Iepe Rubingh tritt auch in den „Gehwegschäden“ auf, nicht nur als Schachbox-Promoter, sondern auch als ‚Kurator‘ einer überfallartigen Kunst-Performance auf dem Rosenthaler Platz, der von Fahrrad-Aktivisten durch das Verschütten von Farbeimern verkehrstechnisch vorübergehend lahm gelegt wird. Wenn die Kunst nicht mehr staatlich subventioniert werden kann, braucht’s eben den etwas subversiven, fantasievollen Aktionismus einer „Farb-Revolution“, die in einem mitgedrehten Video danach auf YouTube konsequenterweise beworben wird mit dem Slogan „Die Stadt, in der Kunst wie von selbst passiert.“ (Aus diesem Video ist übrigens auch das Cover-Foto des Romans entnommen.)

Wie Döblins „Alexanderplatz“ ist auch Kuhns Berliner Versuchsanordnung als Collage unterschiedlicher Orte, wechselnder Befindlichkeiten und austauschbarer Szenen angelegt. So geht’s für Thomas Frantz von der schweißgetränkten Trainingshalle zu einer Artikelrecherche für die Jüdische Zeitung bei einer ausländischen Immobilienfirma, „Heuschrecken von der schlimmsten Sorte“, die ein ehemaliges Stasi-Hauptquartier in der Prenzlauer Allee zu einem noblen Privatclub umbauen will; von einem Hinterhof-Wettbüro der last-chance-Hoffnungen auf einen Demo-Marsch der prekären Sozialromantiker zum Alexanderplatz (sic!); vom Gemeinschaftsbesäufnis mit den Kumpels in der Stammkneipe zur investigativen Recherche auf eine Esoterikmesse – und zwischendurch in die Klinik zur Alkoholentgiftung.

Manches wirkt dabei kafkaesk, wie etwa Frantz’ Auseinandersetzung mit der Verwaltung eines Stromkonzerns, der ihm wegen Zahlunsgverzug den Saft abgedreht hat; oder bizarr wie der Monolog einer kettenrauchenden Gerichtsvollzieherin, die bei Frantz zwar nichts zum Pfänden findet, dafür aber ihren eigenen seelischen Offenbarungseid leistet: „Ick habe et satt. Heulende Menschen, verzweifelte Menschen, kotzende Menschen, stinkende Menschen, und das um jede Uhrzeit. Alle sind se verzweifelt. Alle haben se Geschichten. Immer. Alle sind se schlauer als ick, grundsätzlich.“

All diese und etliche weitere Episoden und Anekdoten sind auf gut 400 Seiten fein beobachtet und spritzig inszeniert, aber in ihrer Montage-Reihenfolge fast so beliebig wie der dabei gepflegte Grundton sozialromantischer Gesellschaftskritik. Die vermeintliche Entlarvung des Bösen, der sozialen Missstände und der strukturellen Repressionen kommentiert Thomas Frantz in Dauerschleife mit dem „So geht das“ des überraschten Beobachters, dem sich die Feinheiten der Handwerkskunst offenbaren.

Und in Liebesangelegenheiten? Auch da bleibt Thomas Frantz ein Taumelnder. Aus der Beziehungsroutine mit der schon etwas älteren Französin Marie-France geht’s immer wieder ab auf Tour, gelegentlich wird mit der Transe Maggie was gekokst oder aus Kaminers Russendisko was abgeschleppt zum One-Night-Stand, einmal etwa eine erlebnishungrige „Frau aus München“ mit Intim-Rasur, die ihm das Gefühl seiner prinzipiellen Austauschbarkeit als Mann vermittelt. Eher schwesterliche Bestätigung erfährt Frantz von der kleinwüchsigen, aber in seinen Augen irgendwie hübschen TV-Schnulzen-Konsumentin Cynthia, wobei ihm selbst nicht klar wird, ob er nicht doch mehr von ihr wollen sollte oder könnte. Und obwohl Thomas Frantz in seinem Erfahrungsschatz gespeichert hat, die Frauen „nährten sich von Zärtlichkeiten und Gefühlen, die ihnen entgegengebracht wurden, bis sie ihres Wirts überdrüssig waren und die Zuneigungen wegwarfen wie ein gebrauchtes Kleenex“, verliebt er sich dann doch in einem Anflug von Midlifecrisis-Melancholie in die junge, attraktive Schachbox-Kollegin und Doktorandin Sandra, mit der es aber nicht so recht vorangehen will, zumal ein Date mit ihr auf grotesk unangenehme Art von dem gelb-irokesenschnittigen Blogger und Internet-Werbefuzzi Sascha gestört wird. Ob das mit der Sandra noch was werden kann?

Vielleicht will man das als Leser da gar nicht mehr wirklich wissen, denn so richtig ins Herz wachsen einem die Gefühlswelten von Thomas Frantz und der anderen existenziellen Low Performer im Mikrokosmos seiner Clique ohnehin nicht. Das Dauerflackern der opak changierenden Ironie geht eben auf Kosten der Nähe und man weiß nie genau, wo der Aggregatszustand von investigativ-journalistischer Berichterstattung in literarische Fiktion übergeht. Dafür aber ist Alles ganz nett, stilistisch locker geschrieben und schneller runterzulesen, als es die Seitenzahl vermuten ließe. Und der Rezensent kam zu der Einsicht, das mit dem Schachboxen lieber doch nicht auszuprobieren, weil’s ja bei Gehwegschäden eh nix nützt.
Oder steckt doch noch ein anderer Hintersinn, eine subtilere Botschaft in dem Buch? Jedenfalls ergeben die Überschriften der sieben Hauptkapitel hintereinander gelesen die Frage: „Ist / Hoffnung / Verzweiflung / Furcht / Überheblichkeit / und Zorn / gleich Wut?“

Helmut Kuhn: Gehwegschäden. Roman.
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2012.
440 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783627001803

© WF (für literaturkritik.de)

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