Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

Instrumental-Meditation
* Johannes Enders – Saxophon
* Achim „Wotan“ Juhl – Bass
* Werner Friebel – Gitarre

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Arabische Impressionen

Wandlungsprozesse finden ständig und überall in der belebten und unbelebten Natur statt, lange im Verborgenen, unserer nur grob auflösenden Zeitwahrnehmung entzogen, bis eine erste Schaumkrone vom nahenden Sturm kündet, die rostende Dachrinne zu tröpfeln beginnt, eine für ewig geschworene Liebe in Achtlosigkeit oder Gezeter entgleitet. Auch die Geschichte von Kulturen und Gesellschaften lässt sich nicht an bestimmten Jahreszahlen von Kriegen, technisch-wissenschaftlichen Innovationen und scheinbar plötzlichen Revolutionen bemessen, es gab immer eine Vor-Gärung im undurchsichtigen Fass der kollektiven Meme, bis ein zu groß gewordener Druck den Deckel absprengt.
Was sich derzeit in den arabischen Ländern auftut, ist, egal wie diese Reaktion sich weiterentwickeln mag, ein solcher Kulminationspunkt vorausgegangener stiller Wandlungen. Deren Ingredienzen sind aber von so vielfältiger Art, dass mir der von manchen Technik-Positivisten schon ausgerufene Begriff der „Facebook-Revolution“ als zu euphemistische pseudo-journalistische Verschlagwortung des Geschehens suspekt ist. Statt als ‚Auslöser‘ dieser Eruption kann man die Verfügbarkeit der „neuen Medien“ vielleicht besser als einen (von mehreren) Katalysatoren, als Prozessbeschleuniger durch Herabsetzung der Aktivierungsenergie, ansehen.

Allerdings lässt sich mit dem Transfer dieser Technologien und der emanzipatorisch-politischen Wertvorstellungen von unserer westlichen in die orientalische Kultur eine Art „historischer Revanche“ konstatieren: denn einst waren es die Araber, die uns Europäern Wege aus dem „finsteren“ Mittelalter aufgezeigt haben; in den Wissenschaften, der Mathematik, Astronomie, Medizin, Bewässerungstechnik, Kartographie und vielem mehr. Das Schach haben sie uns in den Kreuzritterburgen vor Jerusalem ebenso gelehrt wie das Lautenspiel an den Springbrunnen von Cordoba, und ohne ibn Rušd (bei uns bekannt als Averroes) hätten wir uns wohl nicht mal unseres Aristoteles erinnert. Und wie dunkel wär’s vielleicht in der europäischen Geistesgeschichte geblieben ohne die Inspiration so mancher Tasse Kaffee…

Zuviel Poesie heute? Liegt auch daran, dass diese Vorrede euch einstimmen soll auf die nun folgenden poetischen Fotoimpressionen von Maciej Dakowicz aus verschiedenen arabischen Städten und Regionen, unterlegt mit einer Einspielung des israelischen Musikers, Philosophen und Schriftstellers Gilad Atzmon, der sich seit Jahrzehnten für die arabische Kultur, Demokratisierung und einen unabhängigen Palästinenserstaat einsetzt.

wf

4 comments to Arabische Impressionen

  • Micha

    Dass der Islam kulturell zu Europa und damit zu Deutschland gehört, sollte also jedem einigermaßen Geschichtskundigen klar sein. Aber das Geschichtsbewusstsein der ‚Rechten‘ ist bekanntlich blind für fremde Einflüsse und in den Schulen wird diesbezüglich auch keine Aufklärung geleistet.

  • wf

    @Micha: Die Araber haben in Teilen Mitteleuropas auch frühzeitig genetische Spuren hinterlassen, als die Sarazenen via Rhonetal in die Schweiz und bis nach Süddeutschland vordrangen – in manchen Oberallgäuer Seitentälern in den Gesichtern nicht zu übersehen und vor allem anhand der kehlig-gutturalen Lautäußerungen nicht zu überhören ;-)

  • Hamed Ónytjungur

    Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, vom Vorhandensein eines zwingend erforderlichen Generationskonfliktes bei allen Kulturen auszugehen, und die Abwesenheit dessen als ein Manko, als ein Zeichen von Unterdrückung, von Dummheit anzusehen. Diese Betrachtungsweise ist nur vor dem Hintergrund unserer Gegenwartskultur sinnhaft, also unserem jetzigem Sein, unserer Realität hier und da.
    Eines Generationskonfliktes im Sinne von Rebellion bedarf es nur, wenn die realen Gegebenheiten solcher Art sind, dass diese nur über Rebellion zu befrieden erscheinen. Schon Lawrence von Arabien musste erkennen, dass es damals in den arabisch geprägten Kulturen keinen Generationskonflikt gab. Ich zitiere:

    „Die Geschichte auf diesen Seiten ist nicht die Geschichte der arabischen Bewegung, sondern die meiner Beteiligung daran. Es ist die Erzählung des täglichen Lebens, unbedeutender Geschehnisse kleiner Menschen. Hier gibt es keine Lektionen für die Welt, keine Enthüllungen, um die Menschen zu schockieren. Sie ist voll von trivialen Dingen, zum Teil deshalb, dass niemand die Überreste, aus denen ein Mann eines Tages Geschichte machen könnte, fälschlich für Geschichte hält, und zum Teil wegen des Vergnügens, das ich bei der Erinnerung an meine Beteiligung an dieser Revolte hatte. Wir alle waren überwältigt, wegen der Weite des Landes, des Geschmacks des Windes, des Sonnenlichts und der Hoffnungen, für die wir arbeiteten. Die Morgenluft einer zukünftigen Welt berauschte uns. Wir waren aufgewühlt von Ideen, die nicht auszudrücken und die nebulös waren, aber für die gekämpft werden sollte. Wir durchlebten viele Leben während dieser verwirrenden Feldzüge und haben uns selbst dabei nie geschont; doch als wir siegten und die neue Welt dämmerte, da kamen wieder die alten Männer und nahmen unseren Sieg, um ihn der früheren Welt anzupassen, die sie kannten. Die Jugend konnte siegen, aber sie hatte nicht gelernt, den Sieg zu bewahren; und sie war erbärmlich schwach gegenüber dem Alter. Wir dachten, wir hätten für einen neuen Himmel und für eine neue Welt gearbeitet, und sie dankten uns freundlich und machten ihren Frieden.“
    T.E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, Seite 850

    Da ist dem westlich Orientierten zu raten: Schuster, bleib bei Deinen Leisten. Die kriegen das Kind schon geschaukelt. Und sie machen die Dinge nicht unseren Wünschen zuliebe, sondern ihren Wünschen zuliebe. Und das Ergebnis, das noch aussteht, so vermute ich, wird dem Westen nicht besonders schmecken. Es wäre aber nur Beweis einer unerträglichen Überheblichkeit, darüber dann altklug werten zu müssen. Sehe ich doch schon morgen Heerscharen von Gutmenschen auf die Straße drängen, Plakate schwenkend, auf denen steht, dass den Aborigines das Sorgerecht über ihre eigenen Kinder per Gesetz zu nehmen sei. Lassen diese doch sogar ihre Kleinsten barfuß auf glühendem Boden laufen.
    Es sollte nicht vergessen werden, dass der Mensch selbst beim Hund geneigt ist, in ihm den Menschen zu sehen. Zum größten Leidwesen des Hundes. Denn mit dieser Neigung sieht der Mensch nicht den Menschen an sich, sondern nur sich selbst. Denn meistens, wenn der Mensch etwas Bewertendes vornimmt, ist diese seine Sicht von seinem dominierenden Selbst geprägt. Was immer das auch sein mag ;-)

  • […] euch hier schon den ‘Multikulti’-Musiker und Schriftsteller Gilad Atzmon in den “Arabischen Impressionen” vorgestellt; heute gibt’s was von dem Jazz-Bassisten, Bandleader und Komponisten […]

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