Texterl zum Tage

Dein Leben ist so lang eine Kette von narzisstischen Kränkungen, bis du die Vorstellung von der herausragenden Bedeutung deines Ego losgelassen hast.

WF

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Journalisten-Vorurteile gegen die Philosophie des Geistes

Es ist ein überholtes Vorurteil, eine mittlerweile einfach falsche Behauptung, der Gegenwartsphilosophie zu unterstellen, sie habe „die Naturalistische Wende im Menschenbild durch die Neurowissenschaften verpasst“. Im Gegenteil: die Diskussion zu den Erweiterungen der Selbst- und Welterkenntnis hat sich in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Interaktionen zwischen den Neurowissenschaften, der Philosophie und anderen Fachbereichen entwickelt – vor allem zwischen Neurowissenschaften und der Kognitionswissenschaft, der Psychologie und insbesondere der Philosophie des Geistes, die beispielsweise im Bereich der Selbstbestimmungstheorie der Motivation auf Erkenntnisse der Neurowissenschaften zurückgreift.

Das Interesse der Philosophen an der Funktionsweise des Gehirns reicht bis in die griechische Antike zurück (Parmenides hatte ja schon vermutet, dass unser geistiges Abbild der Welt und die Wirklichkeit verschiedene Paar Stiefel seien) und mit Rene Descartes (der die Schnittstelle zwischen Denken und Physis in der Zirbeldrüse verortete) und Leibniz‚ Gehirnmodell begann eigentlich schon die Suche nach einem neuronalen Korrelat des Bewußtseins.
Nach den umstrittenen Libet-Experimenten der 1980er sind es heute Gemeinschaftsunternehmungen wie das sogenannte Blue Brain Projekt, die zu intensiven naturwissenschaftlich-philosophischen Crossover-Diskussionen zwischen Hirnforschern wie Wolf Singer und Gerhard Roth und akademischen Philosophen wie Julian Nida-Rümelin, Jürgen Habermas, Michael Pauen („Was ist der Mensch?“)  und vielen anderen geführt haben. Und im Philo-Consumerbereich prägt das Thema sogar direkt Prechts Bestseller-Titel  „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“.

Thomas Metzinger ego tunnelDeshalb kam es (zumindest bei mir) gar nicht gut an, dass ausgerechnet im Feuilleton der doch meist kundigen „SZ“ (vom 23.10.09) der Wissenschaftspublizist Martin Urban das eingangs erwähnte Vorurteil als Einstieg zu seiner Besprechung von Thomas Metzingers neuem Buch „Der Ego-Tunnel“ aufwärmte und bekräftigte: „Einer der wenigen deutschen Philosophen, die überhaupt zur Kenntnis nehmen, was in den Laboratorien der Gehirnforscher überhaupt passiert, […] ist Thomas Metzinger.“

Nun ist wohl so, dass man als Journalist nicht unbedingt viel Einblick in eine Gesamtszene haben muss, über die man ausschnittsweise schreibt; schließlich hat man in Voluntariat, Studium und im Fall von Martin Urban jahrzehntelanger SZ-Praxis gelernt, wie man aus Recherche-Krümeln eingermaßen kohärente Artikel zusammenbäckt, die den Anschein von Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit erwecken. Aber weil die „SZ“ ja nicht irgendein Kas-Bladl ist, suggeriert eine derartige Fehleinschätzung im öffentlichen Bewusstsein, der deutsche Philosoph-an-sich sei der Naturwissenschaft gegenüber nicht aufgeschlossen. Das Bild des weltfremden Philosophen in „Tonne oder Toga“ scheint da noch durchzuschimmern und ja, es gibt sie auch noch, die hermetisch eingeigelten Fraktionen der Traditionshuber, fachakademischer „Leichenfledderer“  und metaphysischer „Spekulanten“, doch das Gros der aktiv am Weltgeschehen teilnehmenden Denker (auch der deutschen Kontinental-Philosophen)  ist sich der durch die Naturwissenschaften beschleunigten epistemologischen und ontologischen Drift sehr bewusst.

Es war allerdings sicher gut gemeint von Martin Urban, Thomas Metzinger in dieser Hinsicht etwas hervorzuheben – das auch mit Recht, weil sich Metzinger seit vielen Jahren nicht nur sehr aktiv für die interdisziplinäre Öffnung der analytischen Philosophie des Geistes einsetzt, sondern diese Themen auch in angewandte Ethik umsetzt, speziell der Neuroethik in Zusammenhang mit Cognitive Enhancers (hatten wir gerade hier).
Auch im „Ego-Tunnel“ setzt er sich mit der Frage auseinander, ob wir neben der Neuroethik eine Bewusstseinsethik erarbeiten sollten; es geht um unser „phänomenales Selbstmodell“, also um die Frage, wie unser Bewusstsein das Erlebnis „Ich“ konstituiert – entsteht es nur als „ein virtuelles Selbst in einer virtuellen Realität“ durch das manipulierbare Geflacker unserer Hirnfunktionen oder hat es doch eine zumindest lebenslang beständige „Seele“ inklusive einem freien Willen?  Mitwirkende im Buch sind dabei u.A. luzide Träume, Spiegelneuronen und Meditationsexperimente.


Nachtrag: Eine lesenswerte, philosophisch-kritische Rezension zum Buch erschien hier bei literaturkritik.de / von Josef Bordat

Thomas Metzinger:  „Der Ego-Tunnel“
Berlin Verlag, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3827006301

 wf

7 comments to Journalisten-Vorurteile gegen die Philosophie des Geistes

  • urb

    Hallo Herr Friebel, interessantes Buch von Metzinger, das bereits auf meiner Lektüreliste steht. Ich bin zwar nicht ganz so optimistisch wie Sie in der Einschätzung der bestallten Philosophen – ich denke, hier gibt es noch sehr viel metaphysische Traditionshuberei, von der die von Ihnen genannten zweifellos nicht betroffen sind. Aber die Rolle der Naturwissenschaften ist m.E. um vieles rückschrittlicher einschätzen. Ich empfinde den Positivismus, mit dem philosophische Fragen vorschnell und zu unrecht unter den Teppich gekehrt werden, als Ekel erregend und keineswegs zielführend. Die Emergenz der neuronalen Systeme ist bei weitem noch nicht begriffen und die Freiheit, nach Gründen zu entscheiden, noch lange nicht verabschiedet. Gruß urb (Hyperbaustelle)

  • wf

    @ urb: Sicherlich ist die universitäre Fachphilosophie in Deutschland auch heute noch weltfremder als bsw. im angloamerikanischen Raum, wo die stärkere logisch-analytische Ausrichtung des Denkens mindestens seit Russell naturwissenschaftliche Entwicklungen adaptiert hat (wie wichtig dort die Empirie ist, zeigt sich an der mittlerweile hohen Akzeptanz der ernsthaft betriebenen ‚Experimentellen Philosophie‘ in den USA).
    Aber gerade damit nicht „philosophische Fragen vorschnell und zu unrecht unter den Teppich gekehrt werden“, halte ich es für sinnvoll, die zarten Pflänzchen der Annäherung von Geistes- und Naturwissenschaften positiv hervorzuheben und nicht wegzureden wie Martin Urban in seiner Rezi. Dass den Naturwissenschaften dabei keine arrogante Führungsrolle zusteht, ergibt sich natürlich aus der von dir mit Recht angesprochenen Begrenztheit unseres Wissens, so dass beiden Seiten im Vorantasten wohl ein Schuss (selbst-)kritischer Rationalismus á la Popper ganz gut bekäme.

  • urb

    @ wf: Da bin ich vollkommen d’accord: Der Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaft ist absolut notwendig http://www.bundesquadratur.de/u-blog/2009/10/05/hirn-denkt-sich-selbst/! Metzinger bringt es auf den Punkt, wenn er durch die naturalistische Wende eine Welle der Desäkularisierung, der Gegenaufklärung befürchtet. „Es geht darum, eine gewisse Qualität der Offenheit nicht zu verlieren. Wir stehen noch immer vor einem riesigen Ozean von Nichtwissen – vielleicht werden wir nach dem Durchmarsch der Neurowissenschaft Antworten finden, für die wir jetzt nicht einmal die Fragen formulieren können.“ (Interview in der Zeit) Ich befürchte eine solche Bescheidenheit ziert Roth und Singer nicht. Gruß urb

  • Ingo-Wolf Kittel, Augsburg

    In Sachen Hirnforschung scheint mir die ganze Wissenschaftsredaktion der SZ von der Einseitigkeit zu sein, die Martin Urban auszeichnet. Kein Wunder! Hat Urban sie doch lt. Wikipedia-Eintrag zu seiner Person gegründet und 33 Jahre lang geleitet.

    Schon lange kann ich mich der Vermutung nicht erwehren, dass dort wichtigste Veröffentlichungen übergangen oder überhaupt nicht Kenntnis genommen werden. Ich denke z.B. an das von dem Philosophen Dieter Sturma 2006 hrsg. Suhrkamp-Taschenbuch-Wissenschaft 1770 „Philosophie und Neurowissenschaften“. Hier diskutieren ein knappes Dutzend zeitgenössischer Philosophen (inkl. eines hoch angesehenen australischen Neurophysiologen) die wichtigsten Fragen, die von der Hirnforschung aufgeworfen werden.

    Dass es davor in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie über zwei Jahrgänge vier ausführliche „Diskussionsrunden“ zum Thema „Hirn als Subjekt“ gegeben hat, könnte an der Redaktion sogar glatt vorbei gegangen sein ebenso wie die Tatsache, dass ein paar Jahre davor Andreas K. Engel, damals noch ein Mitarbeiter von Wolf Singer in Frankfurt und heute in Hamburg lehrende Neurophysiologe, mit dem Philosophen Peter Gold sogar eine noch umfangreichere interdisziplinäre Diskussion mit Philosophen in dem stw 1381 „Der Mensch in der Perspektive der Kognitionswissenschaften“ dokumentiert hat!

    Wenn ich von der Rezension ausgehe, die Martin Urban 2006 von der Festschrift der Frankfurter Wissenschaftlichen Gesellschaft „Beiträge zu einer aktuellen Anthropologie“ erstellt hat, in der u.v.a. „aktuelle evolutions- und neurobiologische Vorstellungen zu einem Menschenbild“ diskutiert werden, kann man auf noch weit ungünstigere Gedanken kommen.

    Urban hebt von diesem 440-Seiten Buch praktisch nur den relativ kurzen Beitrag heraus, den Wolf Singer zuerst in erwähnter DZPhil und danach noch an verschiedenen anderen Orten publiziert hatte (ohne das allerdings gutem wissenschaftlichen Brauch entsprechend anzugeben; Urban ist das keiner Erwähnung wert, wenn er davon überhaupt wusste). Den weitaus größten Beitrag des Herausgebers H.-R. Duncker, wie Singer ein Mediziner, erwähnt Urban erst gar nicht, obwohl der in seinem Beitrag trotz vieler Übereinstimmungen mit Singer im Detail zu doch auffällig anderen Schlussfolgerungen kommt als er (übrigens ebenso wie die Entdecker des „mBP“, des durch Benjamin Libet auch allgemein bekannt gewordenen motorischen Bereitschaftspotentials, die Neurophysiologen Hans Kornhuber und Lüder Deecke in ihrem Buch „Wille und Gehirn“, von dem ich in der SZ bislang auch noch keine Rezension gefunden habe).

    Alle anderen Autoren stellt Urban so hin, als seien sie allesamt durch den von Singer wiedergegebenen „Wissensstands seiner Zunft“ (als wenn darin nicht in erster Linie der Stand von Singers eigenes Wissen und Verständnis davon zum Ausdruck käme) persönlich „tief gekränkt“, voll „Angst“ gar oder „Zorn“ oder aber „empört“, während „Naturwissenschaftler“ wie Urban selbst davon „begeistert“ seien; denn Hirnforscher würden nach seiner Einschätzung als philosophiehistorisch offenbar ausreichend kenntnisreicher Physiker „erfolgreich(!) … versuchen“(!!) Fragen zu beantworten, „mit denen sich die Philosophie seit zweieinhalb Tausend Jahren vergeblich herumschlägt.“

    Die Tatsache, dass der Marburger Philosoph Peter Janich dem Beitrag von Singer in einer umfangreichen „Fallstudie“ dort en détail nachweist, wie wenig der schon elementarsten wissenschaftlichen Kriterien wie ausreichend genauer begrifflicher Klarheit genügt, versucht Urban in seiner Rezension hilflos zu ironisieren. Da versteht sich von selbst, dass bislang weder er selbst, noch irgendein anderer aus der Wissenschaftsredaktion der SZ Janichs Analyse „Zur Sprache der Hirnforschung“ rezensiert hat, die vor gut einem halben Jahr in der „edition unseld“ des Suhrkamp-Verlags unter dem erkennbar gezielt gegen Wolf Singer gerichteten Titel „Kein neues Menschenbild“ erschienen ist.

    Vielleicht sollte auch erwähnt werden, dass in der SZ m.W. anders als z.B. in der FAZ oder NZZ auch noch nie die im englischsprachigen Raum verbreitete Kritik an den Grundlagen der Hirnforschung vorgestellt worden ist: etwa die Werke „Philosophical Foundations of Neuroscience“ und „History o Cognitive Neuroscience“ von dem Hirnforscher Maxwell Bennett, die dieser über Australien hinaus weithin bekannte Wissenschaftler in Auseinandersetzung und Kooperation mit dem Oxforder Philosophen Peter M.S. Hacker erarbeitet hat,

    Nicht einmal die Tatsache, dass die Wissenschaftsredaktion mit Markus C. Schulte von Drach einen studierten Biologen im Team hat, kommt in der SZ zum Tagen: ich habe jedenfalls über die Jahre keinerlei Hinweise dafür gefunden, dass die, für die gesamten sog. „kognitiven“ Neurowissenschaften grundsätzliche Kritik an der „Erklärung des Psychischen aus der Biologie“ von Manfred Velden dort bekannt sein könnte, wie überhaupt die Kritik an den verblüffend platten psychologischen Vorstellungen von Hirnforschern und „Neuro“-Philosophen in ihrem Gefolge von Seiten der akademischen Psychologie von Wissenschaftsredakteuren auch in der SZ praktisch nicht wahrgenommen wird. Dabei hat Velden sein Buch unter dem nicht gerade unprovokativen und anspielungsfreien Titel veröffentlicht „Biologismus – Folge einer Illusion“!

    Ich mache mir jedenfalls keine Hoffnung, in der SZ ein auch nur annähernd sachlich zutreffendes Bild von der realen wissenschaftlichen Diskussion der Hirnforschung vermittelt zu bekommen. Ich erwarte dort nicht einmal eine Rezension des im September eben erschienenen Buches „Was können wir wissen? Was sollen wir tun?“, in dem der Mitherausgeber Geert Keil, der in Aachen Philosoph lehrt, die ebenso zentrale wie wichtigste Frage diskutiert „Ich und mein Gehirn: Wer steuert wen?“ (Übrigens neben einem Beitrag zum Schuldprinzip und der Willensfreiheit! Darüber, dass dieser kenntnisreiche Philosoph eine Monographie zur Willensfreiheit verfasst hat, wurde in der SZ m.W. auch noch nie berichtet.)

    Der Wissenschaftsjournalismus hierzulande lässt mehr als zu wünschen übrig.

  • Ingo-Wolf Kittel, Augsburg

    PS Zu Metzinger möchte ich mich nicht weiter äußern als ich es in einem Kommentar zu der überaus feinsinnigen Rezension seines letzten Buches durch den hervorragenden Kenner der Diskussion, den FAZ-Redakteur Helmut Mayer hier getan habe.

  • wf

    Herzlichen Dank für diese aufschlussreiche und ausführliche Kommentierung, lieber Ingo-Wolf Kittel – für interessiert beobachtende Nicht-Insider wird leider auf dem Gebiet der Hirnforschung (und anderer ‚Spezial-Wissenschaften‘) von allen „Leitmedien“, nicht nur der SZ, zu wenig Informatives über die aktuelle Forschungsdiskussion angeboten. Dabei sollten sich m.E. diese (noch) meinungs(mit-)bildenden Führungsmedien in der Öffentlichkeit ihrer gesellschaftsethisch-journalistischen Verantwortung stärker bewusst sein. Und sich andererseits nicht über einen Kompetenz- und entsprechenden Publikumsverlust beschweren, wenn ernsthaft Interessierte sich zunehmend ein ausdifferenziertes Bild via Internet erarbeiten, um darauf aufbauend auch die Auswahl ihrer eigenen Primärlektüre treffen zu können.

  • Ingo-Wolf Kittel, Augsburg

    Volle Zustimmung – für alles, was Du schreibst: bis zum letzten Satz! Solch hochgebildete und umfassend informierte Journalisten wie diesen Helmut Mayer oder differenzierte Schriftsteller wie Jens Johler, der in seinem Krimi „Kritik der mörderischen Vernunft“ die Vielschichtigkeit dessen, was durch Hirnforschung alles berührt wird, einzufangen und anzureißen versucht, gibt es leider nicht viele. Meinungsmache scheint nach meinem Eindruck für viele, die die (ver)öffentlich(t)e Meinung machen – vor allem wenn es sich dabei um die eigenen handelt oder eine damit übereinstimmende -, wichtiger zu sein als die differenzierte, in jedem Sinn des Wortes „Vermittlung“ verschiedener Auffassungen. Eine derart vermittelnde Tätigkeit verlangt geistige Arbeit: die nicht mit der eigenen Meinung identischen Auffassungen müssten dazu ja erst einmal sachlich richtig erfasst werden…

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