Texterl zum Tage


Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

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Philosophischer Blick auf die News

„Es ist erstaunlich, dass auf der Welt jeden Tag grad so viel passiert wie in eine Zeitung passt.“ (Karl Valentin)

karl valentin

Karl Valentin

Der misanthropische Münchner Komiker und Volks-Philosoph macht damit das Dilemma aller seinerzeitigen und heutigen Nachrichtenpräsentation klar: Die notwendige Reduktion des Weltgeschehens durch eine subjektive redaktionelle Auswahl, bei der die Stereotypen und Erwartungshaltungen von ‚Normalität‘ im Geschmacksempfinden ihres Kulturkreises bedient werden.

Die Frage, ob das, was uns die Nachrichten täglich liefern, in Philosophie übersetzt werden kann, stellte kürzlich Scobel seinen drei Gästen Frank Hartmann, Kurt Flach und Martin Kaluza. Ihre Aufgabe sollte es sein, aus dem Stand heraus die Themen der „heute“-Nachrichten dieses Tages philosophisch zu durchdringen, zu hinterfragen und einzuordnen. Auf diese Weise solle klar werden, was die Aufgabe von Philosophie sei und worin ihr Nutzen bestehe.  Wie geht man mit dem Informationsoverkill um, dessen Flut täglich bewältigt werden soll, können die Nachrichten als allabendlich gemeinschaftlich zelebriertes Ritual durch philosophische Reflexion zu dem werden, was Wittgenstein mit „der Fliege einen Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen“ meinte?
Nachrichten „bändigen“ Sachverhalte aus einer komplexen Welt durch Übersetzung in ein vertrautes Format, das offenbar so wenig sinnlichen Gehalt aufweise, dass der durchschnittliche „Endabnehmer“ schon unmittelbar nach dem Medienkonsumieren  97% davon nicht mehr richtig wiedergeben könne, wie etliche Untersuchungen (auch aus der Vor-Internet-Aera) zeigten.
Möglicherweise liege das am unendlichen Plätschern der Medien, in der auch Exotisches und Grausames durch fingierte Nähe nicht mehr verstörend auf unser Weltbild einwirke. So wenig wie an diesem Abend die schon vertrauten Gesichter der italienischen Erdbebenopfer, gleich nebenan das bigotte Pathos des Papstes Gründonnerstagsanspache, der kaum verhohlene Stolz deutscher Piratenjäger vor Somalia, die Verstaatlichung der Hypo Real Estate, das Klimpern der Milliardenbeträge für fragwürdige Strukturmaßnahmen – Gleichzeitigkeiten ohne erkennbaren Kontext, die in beschwichtigenden Sprachregelungen und mit oft gefakten Bildern zum gemütlich-affirmativen Hintergrundsound ritualisierter Medienrezeption würden.

Immerhin werde die Voraussetzung allen Philosophierens, nämlich die „distanzierte Betrachtung von oben“, bei den meisten Nachrichtensendungen schon anfangs durch das optische Label der Weltkugel suggeriert; der Satellitenblick als symbolische Inszenierung von Gottes allumfassender Übersicht schaffe ein Whole-Earth-Gemeinschaftsgefühl und die Weltdeutung eröffne sich eine Viertelstunde lang im behaglichen Lümmeln auf der Couch. Der Einwand von Kritikern, die Dritte Welt komme dabei zu kurz, sei zwar richtig, aber verständlicherweise würden in erster Linie News ausgewählt, die für unser Leben hier relevant seien. Zudem gebe es ja eh kein standpunktfreies Beobachten und Sprechen und eine Nachbereitung von Nachrichtensendungen durch philosophische Deutung bringe eher wenig, da Philosophen für die restliche Welt auch nur erklärungsbedürftige Exoten seien, von denen man kaum glauben mag, dass sie überhaupt fernsehen ;))

Man sieht, das Thema hat recht interessante Facetten, die  von Scobels Runde nur kurz angeleuchtet werden konnten.
Für die Zunft der Philosophen eröffnet nicht nur die Deutung der News sinnvolle Arbeitsfelder, sie könnten die Medien durchaus selbst besser zur Vermittlung ihrer „(r)evolutionären“ Erkenntnisse nutzten.  Die geistreichen Gespräche zwischen Epikurs Garten und Platons Academia  mögen seinerzeit Weltwirkung gehabt haben, aber das Echo in den Wandelgängen der akademischen Traditionen reicht halt heut auch für die kräftigsten Stimmen nicht mehr aus, um im Großen Geplapper überhaupt wahrgenommen zu werden …

wf

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