Texterl zum Tage

Wer oft genug ans Hohle klopft, der schenkt der Leere ein Geräusch.

Jochen Malmsheimer


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Der Naturphilosoph, Ökologe und Pazifist Gusto Gräser

In diesen Tagen wird wohl an kaum einer Philosophischen Fakultät an den 130. Geburtstag des „Naturapostel“ Gusto Gräser (1879 – 1958) erinnert – mit dem akademischen Betrieb hatte er nie etwas am Hut, weil er seine anarchische Lebensphilosophie zeitlebens lieber durch politische Aktivität und sokratischen Dialog mit seinen Mitmenschen verbreitete.

gusto gräserEigentlich war der aus Siebenbürgen stammende Gräser bereits ein erfolgreicher junger Maler in Berlin, bevor er nach einer „göttlichen Eingebung“ alle seine Werke verbrannte und sich östlichen Religionen und der Naturphilosophie zuwandte.
Im Jahr 1900 gründete er zusammen mit seinem Bruder Karl und ein paar ähnlich gesinnten Aussteigern das kühne Sozialexperiment „Monte Veritá“ bei Ascona, eine utopische „Liebeskommune“, die Vielen als ‚Wiege der Alternativbewegung‘ gilt.
Nachdem er das Projekt nach 10 Jahren ideologischer Auseinandersetzung  als gescheitert betrachtete (es wurde als geldbringendes Sanatorium weitergeführt), verließ er es und zog fortan mit seiner jungen, kinderreichen Familie schulpflichtverweigernd in einem selbstgebauten Wohnwagen, natürlich auch in selbstgemachten Schuhen und Kleidern, als „grüner“ Wanderphilosoph durch Deutschland.  Jahrzehntelang warb er in diesen „öffentlichen Gesprächen“ für einen kulturellen Neubeginn und verbreitete seine Ideale in Form von Sprüchen und Gedichten auf handgeschriebenen Postkarten und Flugblättern.

Sein Leben in wilder Ehe außerhalb der Regeln der Zivilisation war den Meisten damals unbegreiflich, erregte Anstoß und Hass. Er wurde oft angefeindet, mehrmals verhaftet und 1915 nach Österreich abgeschoben. Dort wurde er nach seinem Beharren auf der Maxime „Das Leben ist der höchste Wert“ als Kriegsdienstverweigerer zum Tode verurteilt, jedoch nach drei Tagen in der Todeszelle wegen Unzurechnungsfähigkeit entlassen.

Nachdem die revolutionäre Münchner Räterepublik, in die Gräser als Aktivist große Hoffnung gesetzt hatte, im Frühjahr 1919 zusammengeschossen worden war, zog er wieder, nun getrennt von der Familie, als Wanderdichter, Kriegsgegner und „barfüssiger Prophet“ einer neuen Menschheit ohne Machtherrschaft und ohne Zerstörung der Natur durch Deutschland (1920 „Kreuzzug der Liebe“) und wurde so zwischen den Weltkriegen zur Ikone mehrerer Jugendbewegungen – eine Gefahr für das Spießertum, so dass bürgerliche Zeitschriften ihn gern als umnachteten nackten Derwisch-Tänzer vor seiner Felshöhle zeigten (die er tatsächlich zeitweise bewohnt hatte). Mit dem Effekt, dass nächtliches Nackt-Tanzen ums Lagerfeuer in Teilen der deutschen Zwischenkriegs-Jugend zur subversiven Mode wurde…

Führende Intellektuelle und Kulturschaffende seiner Zeit sahen in ihm seit der Monte-Veritá-Gründung die Verkörperung des „neuen Menschen“, die Verwirklichung der Ideale von Nietzsche und Walt Whitman und zugleich einen neuen Zarathustra.
Für den jungen Dichter Hermann Hesse wurde er sogar zum persönlichen Guru und inspirierte ihn zu der Erzählung „Demian„, in der Hesse seinen Freund und Meister als Verheißer eines kommenden irdischen Paradieses porträtierte und ihm damit ein Denkmal setzte.
Von den Nazis erhielt Gräser 1933 Schreib- und Auftrittsverbot und in den Kriegsjahren verliert sich vorübergehend seine Spur – angeblich wurde er von befreundeten Münchner Professoren in Dachkammern versteckt. Seine Familie war nach Berlin gezogen und unterhielt im „Gräser-Haus“ ein heimliches Refugium für Kriegsgegner.

Nach dem Krieg tauchte Gräser in Schwabing wieder auf, wo er fast täglich lesend und schreibend, aber nunmehr kontaktscheu an seinem Stammplatz in einer Kneipe zu finden war; für Gäste und Bedienung war er nur „Der Professor“, für den Rest der Münchner, die Gräsers Geschichte hauptsächlich aus Gerüchten kannten, in typisch bairischer Hochachtung einfach der „Kohlrabi-Apostel“.
1958 starb Gräser vereinsamt in seiner Dachkammer in München, ohne eine einzige Zeile seines großen Werkes je in Buchform gedruckt gesehen zu haben. Am bekanntesten davon wurden später, hauptsächlich nach seiner ‚Wiederentdeckung‘ durch die 68er, seine eigenwillige Nachdichtung von Laotsis „Tao Te King“ und einige seiner Gedichte, in denen sich seine – höchst zeitgemäße – Verzweiflung an der Zivilisation ebenso wie auch seine weltzugewandte, oft buddhistisch anmutende Mystik widerspiegelt:

„Wo viel glänzt, da wirst du trübe.“

„Was ich bin, weiß ich nicht; doch eins bin ich wohl:
bin in Gang.“


(Bücher von und über Gustav Arthur Gräser gibts am ehesten in alternativen Buchläden oder direkt beim Umbruch-Verlag)

wf

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