Texterl zum Tage

Ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.

Guillaume Paoli




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Spekulatives über Vermutungen

Die Spekulation steht ja heutzutage nicht zu Unrecht im Ruf eines (finanztechnischen) Gaunerstücks oder wird umgangssprachlich als Abwertung für eine Behauptung verwendet, die man nicht belegen kann. Wir nennen sie auch  Vermutung oder Mutmaßung auf Grundlagen von Intuition, Gefühlen oder ungesicherten Annahmen. Der Geruch von Intrige und Mobbing haftet daran, auch von irrationaler Hoffnung, Befürchtung oder Wichtigtuerei im Stammtischgeschwätz.
Davon leben auch Verschwörungstheoretiker und Heerscharen von medialen Auguren, die vor allem wie jetzt zur Jahreswende dafür bezahlt werden, eine gesellschaftliche Stimmung mit ihren Spekulationen zu manipulieren, den Bürger in eine Denk(= Kauf)richtung zu puschen und mit panem et circenses bei Laune zu halten.

der verdacht - dürrenmattDabei ist die Spekulation in ihrem Wortsinne, als lateinische Übersetzung des altgriechischen Begriffs „theoria“ (Betrachtung) doch auch Antrieb der Menschwerdung, denn sie will ja etwas erspähen, herausfinden, das nicht offen zutage liegt; will also als philosophische Denkweise zu Erkenntnissen gelangen, indem man über die herkömmliche empirische oder praktische Erfahrung hinausgeht und das Wesen der Dinge via „contemplatio“ auf ihre Prinzipien hin untersucht.

Im Idealfall macht das ja auch die Kriminalistik, bei der eine Vermutung als Verdacht bezeichnet wird, der wiederum Voraussetzung zum Sammeln von Beweisen ist. Für einen Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung, bis er der Tat durch Beweise überführt ist. Wenn also wissenschaftlich gesehen aus einer Hypothese eine Theorie geworden ist. Doch auch ein Verdacht, der sich letztlich als unbegründet herausstellt, hinterläßt manchmal eine Spur des Zweifels, etwas bleibt hängen und kann zum Grundsubstrat eines neuen Verdachts werden. Dabei tangiert die kriminalistische Investigation häufig philosophische Fragen, etwa der Notlüge oder des Spielraums individueller Freiheit  wie in Friedrich Dürrenmatts zeitkritisch-ironischer Erzählung „Der Verdacht“.

Dass auch scheinbar gesichertes Wissen ohnehin nur Vermutung sei, meinte Sir Karl Popper (1902 – 1994), der Begründer des Kritischen Rationalismus und große Falsifikator, der jeglichen Absolutheitsanspruch des Wissens ablehnte und berühmt war für seine sokratische und intellektuelle Bescheidenheit hinsichtlich jedweder Spekulation: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, soll schweigen und weiterarbeiten bis er’s klar sagen kann.“
In unzähligen Radiovorträgen stellte Popper Fragen wie: Wie sicher ist das Wissen der Naturwissenschaftler? Was wissen Politiker wirklich? Was unterscheidet den Skeptiker vom Zweifler? Grundlage von Poppers Denken und Handeln ist eine humanitäre Ethik, in der unser Wissen – laut Popper – nur Vermutungswissen ist, das wir immer wieder hinterfragen müssen.

Höherer Wertschätzung erfreute sich die vorauseilende Vermutung als Instrument der Erkenntnis bei  Kant, für den es im Wesen der Vernunft liegt, dass diese nach immer weiter gehender Erkenntnis strebt und am Ende versucht, das Unbedingte oder Absolute zu erkennen. Dann aber verlässt die Vernunft den Boden der sinnlich fundierten Erkenntnis und begibt sich in den Bereich der Spekulation. Dabei bringt sie notwendig die drei transzendentalen Ideen Unsterblichkeit (Seele), Freiheit (Kosmos) und Unendlichkeit (Gott) hervor.
Und auf seine unnachahmlich semi-metaphysische Art verschwurbelte der alte Königsberger den von Cicero in die Rhetorik eingeführten Begriff der Antizipation in seiner epistemologischen Antizipationslehre:
„Antizipation ist alle Erkenntnis, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen Erkenntnis gehört, a priori erkennen und bestimmen kann“ (Die Prolêpsis des Epikur).
„Die reinen Bestimmungen im Raume und in der Zeit, sowohl in Ansehung der Gestalt als Größe sind Antizipationen der Erscheinungen, weil sie dasjenige a priori vorstellen, was immer in der Erfahrung gegeben werden mag. […] Es gibt nun aber an jeder Empfindung als Empfindung überhaupt (ohne daß eine besondere gegeben sein mag) etwas, was sich a priori erkennen läßt und was im besonderen ‚Antizipationen‘ genannt zu werden verdient.“  (I 206—Rc 263).
„Und dies ist die Eigenschaft der Empfindung, einen Grad, eine intensive Größe zu haben, die noch immer vermindert werden kann, so daß zwischen Realität und Negation ein stetiger Übergang ‚möglicher Realitäten‘ und ‚möglicher kleinerer Wahrnehmungen‘ zu denken ist. Alle Erscheinungen sind daher kontinuierliche Größen.“ (I 208—Rc 265).

Eh klar, oder? Ansonsten möchte ich für voll-metaphysisch Orientierte gern noch auf Platons Anamnesislehre hinweisen, gemäß der sich jedes (Vor-)Wissen  als etwas in der Seele bereits Angelegtes erweist und die Sinneswahrnehmung von Dingen, die den Ideen ähnlich (und somit Vermutungen) sind, die Seele dazu anregen können, während ihres Daseins im Körper nach und nach ihr vorübergehend dem Bewusstsein entschwundenes Wissen zu aktualisieren.

Für eher naturwissenschaftlich Sozialisierte sei auf die zahllosen Belege für erfolgreiche physikalische oder chemische Antizipation verwiesen, etwa wenn ein Mittelstürmer (eingeübte) Vermutungen über die Flugkurve des Flankenballs anstellt oder die leidgeprüfte Gattin mit der schleichend sicheren Wirkung des Fingerhuts über ihre Freiheitsträume spekuliert. Und evolutionsbiologisch gesehen gehören Vermutungen zur Überlebenstechnik, da es allemal sicherer ist, hinter einem Rascheln im Gebüsch einen Säbelzahntiger zu vermuten als ein Eichhörnchen.

Auch die Mathematik arbeitet auf Begriffsebene mit Vermutungen, da doch in ihrer Systematik die Vermutung eine noch nicht bewiesene oder nicht widerlegte Aussage ist, die aber von allen bekannten Tatsachen erfüllt wird. Durch einen Beweis wird aus einer Vermutung ein Satz, der durch einen Gegenbeweis oder ein Gegenbeispiel widerlegt werden kann.
Allerdings hat der Gödel den Verdacht begründet, dass „jedes hinreichend mächtige formale System entweder widersprüchlich oder unvollständig ist. Ein System kann nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit verwendet werden.“, womit sich also die gesamte Mathematik als einzige große Spekulationsblase entpuppte.

philosophie des traumsVermutungen bestimmen alle unsere Entscheidungen, weil sie sich auch aus Intuitionen speisen, die sich im Unterbewussten angesammelt haben. So treiben etwa Traum und Wachtraum die kulturelle Evolution durch Hypothesenbildung für Erfindungen voran und liefern die Nahrung für Utopien – das Unterbewusste arbeitet ständig in uns für uns.

Weit über Freud hinausgehend, zeigt der Philosoph Christoph Türcke diese Koinzidenz in „Philosophie des Traums“, einer philosophischen Mentalarchäologie des Traums, mit dem Ziel, die Primärprozesse unseres Denkens und unserer Kulturbildung freizulegen.

Die Vermutung liegt allerdings auch vielen psychopathologischen Störungen zugrunde, beim Einzelnenen etwa als Eifersuchtswahn, bei religiösen Gruppierungen als Gotteswahn mit oft verheerenden Folgen für ganze Kulturen – beliebte Stoffe auch für Boulevardblättchen und Bestsellerautoren.

Und natürlich ist klar, dass auch auf der Spielwiese der Erotik ohne Spekulation gar nix geht ;-)

wf

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